Unter^aktungsökatl jm ^Äugsburger Postzeituug.- Nr. 39. Mittwoch, 16 . Mai L883. Des Uörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Förster hatte vor der Thür das laute Gespräch vernommen, welches theil« weise auch der alte Diener erlauscht, und mit einem Blick das furchtbare Unglück übersehend, sah er zugleich, daß er hier handeln mußte, denn der Landkammerrath wie seine Gattin schienen aller Thatkraft beraubt. Heftig an der Klingel ziehend, befahl er den hereinstürzenden Dienern, Aerzte z» holen und kaltes Wasser zu bringen. Die aufregende Scene aber und der schreckliche Anblick waren zu viel für die Nerven der Landkammerräthin gewesen, und ihr Gatte sah, daß sie in ihren Sessel bewußtlos zurücksank. Kaum im Stande sich zu erheben, verließ er jedoch seinen Platz, um ihr Beistand zu leisten und Hülfe herbei zu rufen, was er auch mit lauter Stimme, und laut klingelnd that. Dieses Letzteren wegen warf ihm der Förster einen vernichtenden Blick zu, und sagte mit unterdrücktem Ton: „Schweigen Sie, Herr Landkammerrath, die Leute werden sogleich kommen. Ihre Frau lebt und wird sich bald erholen, ich habe es hier mit einem Sterbenden zu thun. Stören Sie dessen letzte Augenblicke nicht I" „Jetzt trat die Kammerfrau mit mehreren Mädchen herein, die dem Förster Hülfe leisteten, und auch Frau von Bodenwald in das anliegende Zimmer brachten, und ihrer Ohnmacht zu entreißen versuchten. Die Bemühungen des Försters und des alten Ein- feld waren vergebens; Ludwig von Bodenwald schlug die Augen nicht auf, und kaum vermochten sie ihm etwas kaltes Wasser einzuflößen, sie konnten nur theilweise das Blut beseitigen, das über ihn herabgeflossen war. Bald erschien der erste Arzt, der anzutreffen gewesen, und auf den Fall vorbereitet, wandte er die mitgebrachten Mittel an, das nur noch langsam fließende Blut zu stillen. Noch damit beschäftigt, langte auch der Medizinalrath an, und beide Männer boten ihre Kunst und ihr Wissen auf, das schnell schwindende Leben des Erkrankten zu erhalten, und seine Kräfte zu beleben. Durch die heftige Aufregung war eines der wichtigsten Blutgefäße der Lunge gesprungen, und ahnungslos für ihn und unmerkbar für seine Umgebung war bereits sein Tod erfolgt. Der Förster war nicht von der Seite seines Schwiegersohnes gewichen, und als die Aerzte nochmals seine Pulse und den Herzschlag untersucht, und den Tod des dritten Sohnes des Landkammerraths bestätigt hatten, trat dieser ein, um sich, nachdem seine Gemahlin die Besinnung wieder erlangt, nach seinem Sohn zu erkundigen. Der Medizinalrath theilte ihm die Todesnachricht mit, bei der er wankte und in sein Zimmer geführt werden mußte, ohne, wie Kohring bemerkt, einen Blick auf die Leiche seines Sohnes geworfen zu haben, deren Züge noch die letzte heftige und zornige Erregung zeigten, die dem jungen Mann so verhängnißvoll geworden. In tiefem Schmerz neigte sich der Förster über diesen und küßte seine schon erkaltende Stirn, auf die zwei schwere Thränen 306 aus seinen männlichen Augen Herabsielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ;u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafe in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Cinfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gafthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Bries und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn den: Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Stsinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Eesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt waren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit ei»em schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — 307 Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihr« Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ei» Traum geängstigt —" zO, ein schrecklicher, furchtbarer TraumI — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — ach! es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu veruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefaltet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie in» Hause wie aus dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete, was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah, und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Bodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und erzählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen- hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dein Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna ein Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigend 306 aus seinen männlichen Augen herabfielen. Dann hob ein schmerzlicher Seufzer seine Brust, und mit dumpfer Stimme sagte er zu dem Hausarzt und dem alten Diener, die allein zugegen waren: „Er hat überwunden, aber mein armes Kind! — Wie soll ich ihr nur die Nachricht mittheilen, die ihr Tod sein wird?" Der Medizinalrath, welcher die Försterstochter seit ihrer Kindheit gekannt, und sie in ihrer Liebe und Sorge um den schwächlichen Gatten stets bewundert, erwiderte im Tone innigster Theilnahme: „Es ist allerdings ein schwerer Schlag für Ihre Tochter, Herr Kohring, allein sie ist noch jung und die Liebe zu ihrem Kinde — —" „Sie wird ihren Mann nicht überleben, Herr Doktor, wie sie selbst mir erklärt, denn sie hat längst eine Ahnung von dem gehabt, was sich an diesem Morgen hier zugetragen!" „Wenn es Sie beruhigt, will ich noch diesen Nachmittag nach dem Buchenhof kommen, und sehen wie sie die Nachricht aufgenommen!" „Thun Sie das, Herr Doktor, denn Ihre Anwesenheit wird nur zu erforderlich sein! — Ich will jetzt hinausfahren und sie und meine Frau auf das Schreckliche vorbereiten, denn hier bleibt für mich nichts ,u thun übrig!" — und sich zu dem Todten neigend, küßte er ihn noch einmal und sagte leise: „Schlafs in Frieden, Ludwig — Du bist mir ein guter Sohn gewesen, und hast das Glück meines Kindes ausgemacht, und ich schwöre Dir, so lange'Gott mir die Kraft dazu läßt, für das Deinige, das Du so innig geliebt, zu sorgen!" und dem Medizinalrath und Einfeld die Hand reichend, verließ er dann schnell das Zimmer und das Haus. Im Gasthof angelangt, wo der Wagen seiner wartete, schrieb er einige Zeilen an Bergmann's worin er ihnen das traurige Ereigniß mittheilte und sie dringend bat, gleich nach Empfang derselben nach dem Buchenhof zu kommen. Dann ließ er seinen Kutscher anspannen, gab ihm den Brief und trug ihm auf, sogleich nach Bodenwald zu fahren und ihn deni Verwalter zu überbringen. Er selbst aber ließ sich von dem Wirth einen anderen Wagen mit kräftigen Pferden verschaffen, bestieg diesen und trat mit schwerem Herzen den Weg nach dem Buchenhof an, den er an dem kurzen Januartage mit einbrechender Dämmerung erreichen konnte. X. Auf dem Buchenhof war der erste Tag der Abwesenheit des Hausherrn schnell genug vergangen. Anna und Frau Bergmann hatten für die Steinhauerfamilien fleißig geschafft, und Erstere aus ihren Vorräthen so reichlich beigesteuert, daß noch mehrere andere versorgt werden konnten. Die kleine Anna hatte sie durch ihr Spiel und Gespräch erheitert, dabei aber unzählige Male nach ihrem Vater und dann gefragt, was er ihr aus der Stadt mitbringen werde, und die junge Frau sie auf den folgenden Tag vertröstet. Es war im Herrenhaus Sitte, früh die Ruhe zu suchen, da am Morgen für alle Bewohner das Tagewerk frühzeitig begann. Dies thaten auch Frau Bergmann und Anna, die ihre mütterliche Freundin in ein Schlafgemach neben dem ihrigen führte und sie, nachdem sich die Frauen in herzlicher Weise eine gute Nacht gewünscht, verließ. Frau Bergmann hatte bereits mehrere Stunden geschlafen, als sie plötzlich durch ein lautes Stöhnen und Aechzen geweckt ward. Sich eiligst in ihren Schlafrock hüllend, ging sie leise in daß anstoßende Zimmer, das durch eine Nachtlampe erhellt ward, und fand das Kind neben dem Bett der Mutter ruhig und in festem Schlaf, diese ebenfalls schlafend, doch mit zuckenden, schmerzentstellten Gesichtszügen. Die Angstlaute, welche einige Minuten verstummt ivaren, fanden nochmals den Weg über die halbgeöffneten Lippen, und überzeugt, daß Anna durch irgend einen schrecklichen Traum gequält ward, beschloß sie, sie zu wecken. Dies hielt jedoch schwer und erst nach wiederholten Versuchen öffnete sie mit einem schweren Seufzer die Augen, die einen starren, angstvollen Ausdruck hatten. — Frau Bergmann erschrack, faßte sich jedoch und redete sie leise an. Nach und nach belebten sich ihre Züge, sie seufzte nochmals, und erstere erkennend, fragte sie überrascht und mit schwacher Stimme: „Frau Bergmann, Sie hier?" „Ja, Anna, Du warst unruhig, Dich hat gewiß ein Traum geängstigt —" -O, ein schrecklicher, furchtbarer Traum! — Ich sah Ludwig bleich und mit Blut bedeckt — mein Vater hielt ihn in seinen Armen — acht es war ein grauenhafter Anblick-" „Es war nur ein Traum, Anna", sagte Frau Bergmann, um sie zu beruhigen, „und nur zu erklärlich, durch Deine stete Sorge um Deinen Gatten. Versuche aber, nicht mehr daran zu denken, und wieder zu schlafen, ich will Dir einige beruhigende Tropfen geben! —" Anna nahm sie, erkundigte sich nach dem Kinde, das sanft schlummerte, und sank dann ermattet in die Kissen zurück. Frau Bergmann blieb bei ihr, bis sie fest eingeschlafen, worauf sie sich ebenfalls zur Ruhe begab. Sie vermochte aber nicht die Augen zu schließen, Anna's Träume hatten sie aufgeregt, — sollten sie prophetisch gewesen sein! — Ludwig konnte so heftig wie sein Vater sein, — es waren vielleicht Familienangelegenheiten zur Sprache gekommen, — dennoch war es unmöglich, er mußte an Frau und Kind denken, und sich für sie erhalten. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sie sich, öffnete leise die nur angelehnte Thür und trat an Anna's Bett. Beim Schein der Nachtlampe gewahrte sie, daß sie sanft schlummerte, und ihre Züge einen ruhigeren Ausdruck hatten. Sie war jedoch ungewöhnlich bleich, und ihre auf der Decke ruhenden Hände fest gefallet. Sicherlich war sie mit einem Gebet für ihren Gatten eingeschlafen! — Beruhigter suchte Frau Bergmann ihr Lager auf, und diesmal schlummerte sie ein, allein die Sorge um die beiden ihr so theuren Menschen weckte sie immer wieder, und, sie freute sich, als endlich der Morgen da war und sie im Hause wie auf dem Gutshof reges, munteres Leben vernahm. Auch in Anna's Zimmer rührte es sich; sie hörte sie mit dem Kinde sprechen, das sie ankleidete» was sie nie einer fremden Hand überließ, und als nach einer halben Stunde sie sich bei dem Frühstück trafen, sagte die junge Frau, die bleich und angegriffen aussah, nach gegenseitigem Morgengruß: „Es thut mir leid, Frau Bergmann, daß sie diese Nacht durch mich gestört und beunruhigt worden sind —" „Die Störung hat mir nur Deinetwegen leid gethan, Anna", entgegnete sie besorgt ansehend, ihre mütterliche Freundin. „Ich fühle noch die Angst, in die mich der schreckliche Traum versetzt", fuhr Erstere fort, „doch sprechen wir nicht mehr davon", und sie sah bezeichnend nach dem Kinde, das sie aufmerksam und mit klugen Augen anblickte, wenngleich es mit Behagen das willkommene erste Mahl verzehrte. Auch nach dem Frühstück ward die Sache nicht wieder erwähnt, denn es fanden sich eine Menge Haushaltungs-Angelegenheiten zu besorgen, daß fast der Morgen verging, Frau Bergmann sie kaum sah» und sich mit dem Kinde und ihrer Arbeit beschäftigte. Dann kam die Försterin von Vodenwald, die von allen herzlich begrüßt ward, und er-, zählen mußte, wie es daheim stand, doch nur zu berichten wußte, daß frühzeitig am' Morgen ihr Mann zur Stadt gefahren, der Verwalter aber in der Nähe des Buchen-' hofes beschäftigt sei, und ebenfalls am Abend kommen würde. Auch sie erfuhr den Traum ihrer Tochter und die Störung der Nacht, ermähnte und bat sie dringend, dergleichen haltlose Bilder von sich zu weisen, und nur an die baldige Heimkehr ihres Mannes zu denken, der durch den Besuch nur seiner Pflicht gegen die Eltern genügt. Nach dem Mittagessen mußten auf Rath der Försterin Frau Bergmann und Anna em Schlummerstündchen halten, um sich für die theilweise durchwachte Nacht zu entschädigen.' 308 Sie selbst nahm indeß mit ihrer Enkelin am Fenster Platz und erzählte ihr die Geschichten, welche schon das Herz ihrer Mutter in deren Kindheit entzückt und erfreut. So ging der kurze Wintertag zu Ende; in der vergangenen Nacht hatte ein leichter Schneefall stattgefunden, und dabei sich Frost eingestellt, so daß die letzten Strahlen der untergehenden Sonne' auf eine schöne Winterlandschaft fielen, die zwar die schneebedeckten Bäume des Waldes begrenzten, deren jetzt vom Abendroth rosig gefärbte Gipfel einen wunderbar herrlichen Anblick gewährten. Der wechselnde Mond, welcher während des ganzen Tages am Himmel sichtbar gestanden, leuchtete in das Zimmer hinein, in dem Großmutter und Enkelin saßen, und eben wollte Erstere der bisher so aufmerksamen Kleinen auch von ihm erzählen, als diese sie ungeduldig unterbrach und nach ihrem Vater fragte. ' Jetzt trat Frau Bergmann ein, und da sie die Frage noch lauter wiederholte, ermähnte sie es, ruhig zu sein, um nicht die noch schlafende Mutter zu wecken. Diese erschien indeß bald; ihre Tochter lief ihr entgegen und fragte sie auch in weinerlichem Ton nach dem Vater. Sie auf' den Arm nehmend erwiderte Anna unter zärtlichen Liebkosungen, doch mit merklich erregter Stimme: „Papa wird sogleich kommen, mein Herzchen, Du kannst vielleicht schon seinen und Großpapa's Wagen hören. Wir wollen den Kaffee bereiten und die Lampen anzünden, damit sie schon aus der Ferne sehen, daß wir sie erwarten!" Das behagliche Wohngemach, in dessen Ofen ein Helles Holzfeuer brannte, war bald erhellt, auf dem sauber gedeckten, einladenden Kaffeetisch kochte die dampfende Maschine, während Anna den aromatischen Trank bereitete und sich dabei mit ihrer Mutter, Frau Bergmann und ihrer kleinen ungeduldigen Tochter unterhielt. Ersteren entging es nicht, daß sie in hastiger Erregung und nicht in der freudigen Stimmung war, in der eine glückliche junge Frau den geliebten Gatten, wenn auch nach nur kurzer Trennung erwartet. Sie schrieben dies stillschweigend dem noch nachhaltenden ! Einfluß des häßlichen Traumes zu, dem indeß die Rückkehr des Gatten den Stachel am wirksamsten nehmen konnte. Nach einer Weile trat sie an's Fenster und blickte auf die schneebedeckte Landstraße hinab, auf welcher der Mondschein jeden Gegenstand erkennen ließ, doch war dort noch kein Wagen zu entdecken. Auf deni Gutshof bewegten sich Knechte und Mägde, welche in den Scheunen und Ställen ihre Arbeit verrichteten, und deren munteres Lachen und Sprechen nach dem Hause hinübertönte. Jetzt sah sie eine stattliche Männergestalt mit raschen Schritten den Gutshof betreten; es war unverkennbar der Verwalter Bergmann, ^ der mit einigen der ihm begegnenden Leuten sprach, und dann langsam der Landstraße j zuging. Sie theilte dies den sie fast ängstlich beobachtenden Frauen mit und fügte hinzu: „Weshalb mag er nicht zu uns gekommen sein, da doch Ludwig und der Vater ) jeden Augenblick hier sein muffen? — Uebrigens kehrt er wieder um — —" Wirklich war dieser, der von Allen so sehnlich erwartet war, hörbar, und bald war er auch nahe genug, um ihn zu erkenne» und Frau Kohring, die an's Fenster getreten, sah, daß der Fußgänger, der am Thor stand, ihn aushielt und mit dem Jnsaßen sprach, worauf er von diesem gefolgt, dem Hause zufuhr. Anna trat jetzt mit freudestrahlendem Gesicht vom Fenster zurück; der Traum war offenbar vergessen, und ihr Kind auf den Arm nehmend eilte sie mit den Worten: „Anna, Papa kommt!" auf den Flur hinaus. Die Kleine jubelte laut und klatschte in die Hände, als sie den Wagen erblickte, der sogleich halten mußte und hielt. Der Förster stieg aus, in ihrer Aufregung sah sie nicht, daß es ein fremdes Fuhrwerk war, und einen Schritt näherntretend rief sie tödt- lich erbleichend: „Ludwig — Vater, — wo — wo ist Ludwig?" Die Frauen, die ihr gefolgt, blickten fragend und besorgt auf den Förster und 309 Bergmann, der eben eingetreten war. Aus Beider Zügen sprach die tiefste Trauer, und Ersterer erwiderte seiner Tochter: „Ludwig ist diesen Morgen plötzlich erkrankt, Anna, und kommt heute nicht-" „Vater, Du sprichst nicht die Wahrheit, er ist todt — todt!" und einen gellenden Schrei ausstoßend, wankte sie und sank bewußtlos in die Arme ihres Vaters, während ihre Mutter das ihren Händen entgleitende, ebenfalls schreiende Kind erfaßte. — Kohring trug sie in ihr Schlafzimmer auf's Bett, wo sogleich Frau Bergmann mit den vorhandenen Mitteln erschien, um sie der Ohnmacht zu entreißen. Als sie und Frau Kohring diese anwandten, hielt der Förster seine plötzlich verstummte Enkelin auf dem Arm, die seinen Hals fest umklammert- hatte, und erzählte in hastigen Worten, was er am Morgen erlebt. Mit tiefem unaussprechlichem Schmerz vernahmen die Frauen, daß Anna's Traum, den sie den erstaunt horchenden Männern mittheilten, nur zu bald zur Wahrheit geworden. Es blieb Ihnen aber keine Zeit, sich über das traurige Ereigniß, das auch schon im Hause bekannt geworden, auszusprechen, denn da die Ohnmacht nicht weichen wollte, erforderte Anna's Zustand ihre ganle Aufmerksamkeit, und mit großer Erleichterung vernahmen die Frauen, daß der Förster mit dem Medizinalrath gesprochen und dieser für alle Fälle sein Erscheinen zugesagt. Er hielt Wort und langte nach kaum einer halben Stundn an. Nachdem er erfahren, daß Kohrings Befürchtung nicht umsonst gewesen, untersuchte er mit der ganzen Theilnahme, die er für sie empfand, die Kranke und wandte die mitgebrachten Mittel an. Diese, wie ein Aderlaß, zu dem er ebenfalls seine Zuflucht genommen, bewirkten zwar, daß wieder Bewegung in die erstarrten Glieder kam, Puls und Herzschlag eintrat, doch blieben die Augen und der Mund geschlossen, und war auch kein Zeichen zurückkehrenden Bewußtseins wahrzunehmen. Bkit bedenklichem Gesicht begab sich der Medizinalrath in's Wohnzimmer, wo Kohring und der Verwalter in ernstem Gespräch saßen, die kleine Anna aber an ihrem Tisch geschäftig eine große Schachtel ausräumte, die ihr der Großvater aus der Stadt mitgebracht und darüber für den Augenblick den Vater und die Mutter vergessen hatte» Ihren fragenden Blick verstehend sagte er Zu dem Förster: „Es wird ein schweres Gehirnfieber werden, Herr Kohring, und müssen Sie sogleich einen zuverlässigen Boten zur Stadt schicken und die erforderlichen Arzneien holen lasten. Auch wollte ich meiner Frau Nachricht geben, denn ich bleibe diese Nacht hier, und will den Zustand des armes Kindes überwachen, indem jeden Augenblick Veränderungen eintreten könnten!" „Ich reite zur Stadt", sprach sich erhebend der Verwalter, dessen Augen feucht schimmerten, „ich richte alle Ihre Besorgungen aus, Herr Doktor. Es ist dies ein ver- hängnißvoller Nitt, den, da Kohring hier bleiben muß, nur ich übernehmen kann, und mit' Gottes Hülfe werde ich schnell und sicher wiederkommen!" Der Förster hatte sich ebenfalls erhoben und drückte dem treuen Freunde stumm die Hand. Dieser fuhr fort: „Schreiben Sie nur die Recepte, Herr Doktor, unterdeß will ich unseres armen Ludwig's Braunen satteln lassen, der das beste hier vorhandene Pferd ist, und noch keinen solchen Ritt gethan! — Du aber, Kohring, schicke mir ein anderes entgegen, damit ich unterwegs keinerlei Aufenthalt habe! —" (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Du könntest mehr der Mann sein, der du bist, Wen» du es wcn'ger zeigtest. Shakespeare. Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verständen sie auch. Goethe. Sehnsucht nach dem Besten veredelt die Seele unaufhörlich. La vater. 310 Ein Flregenstich. Humoreske aus dem Gaunerleben. Die Londoner Gaunerzunst, namentlich aber die edle Zunft der Taschendiebe, zählt in ihren Reihen >so manche „genial angelegte Natur", die aber ihr Talent leider nur dazu benutzt, im wahren Sinne des Wortes aus anderer Leute Taschen zu leben. — Immerhin gehört aber zur Ausübung dieser Kunst eine genaue Berechnung aller Umstünde, vollständige Kaltblütigkeit — um das etwas „hart" klingende Wort „Unverschämtheit" nicht anzuwenden und Ia!-t dut not lonst — eine sichere Hand, und diese Eigenschaften haben den Taschendieben der Metropole an der Themse einen gewissen Ruf verschafft. Auch Mr. Smith, ein reicher Handelsherr der City, sollte jüngst einen für ihn allerdings etwas unangenehmen Beweis von der Virtuosität erhalten mit welcher diese Herren ihr Handwerk auszuüben wissen. Also Mr. Schmith begab sich eines Morgens von seiner Wohnung, Old-Street, zu seinem Bankier, Kannon Street, um sich die Kleinigkeit von 100 Pfund zu holen. Auf drin Heimweg hielt Mr. Smith beständig die Hand in die Tasche, in welcher er das Geld trug, und doch war das Geld verschwunden, als er zu Hause anlangte. Nun konnte der sehr ehrenwerthe Handelsherr den Verlust dieser kleinen Summe allerdings leicht wieder verschmerzen, aber unangenehm war ihm die Sache doch und namentlich war ihm die Art und Weise, auf welche das Geld verschwunden, völlig räthselhaft. Nach einigem Besinnen ließ er einen ihm bekannte» Detektive zu sich bitten und theilte ihm die Affaire, sowie den Weg, welchen er genommen, mit. „O, da ist kein Zweifel", erwiderte Mr. Tumble, der Detektive ohne Zögern, „das Geld hat entweder die „rothe Tonne" oder der „Seiderspinner." „Wer — was?" unterbrach ihn Smith mit erstaunter Miene. „Ach, ich vergaß", unterbrach ihn der Beamte lächelnd, „die „rothe Tonne" und der „Seidenspinner" gehören zu den geriebensten unserer Taschendiebe, von denen jeder sein besonderes Revier hat. Die „rothe Tonne" nun hat etwa die Gegend von City Rcad bis Smitfield und der „Seidenspinner" herrscht von da an bis etwa Thomas- Street. Wenn Sie es wünschen, so hoffe ich es noch bis heute Nachmittag herauszubekommen, wer von den Beiden Ihr Geld gestohlen hat." „Ich wäre Ihnen in der That sehr verbunden, Mr. Tumble", erwiderte Mr. Smith eifrig, „und bitte, theilen Sie dem betreffenden Gentleman mit, daß es mir natürlich nicht einfällt, mein Geld wieder haben zu wollen oder ihn dem Gesetze zu überliefern, sondern ich möchte ihn nur um persönliche Auskunft bitten, auf welche geschickte Art er die 100 Pfund in seinen Besitz gebracht hat." Nachdem Mr. Tumble versprochen, sein Möglichstes zu thun, entfernte er sich und schon am Nachmittag erhielt Mr. Smith ein Billet von dem Beamten, daß Mr. Grape, der „Seidenspinner", der jetzige Besitzer der 100 Pfund sei und sich am nächsten Tage um 12 Uhr die Ehre geben würde, Mr. Smith zu besuchen. Pünktlich um die angegebene Stunde erschien am nächsten Tage der „Seidenspinner" bei Mr. Smith, welcher mit Verwunderung in dem berüchtigten Taschendiebe ein kleines, unscheinbares Männchen mit harmloser Miene und untadelhafter Kleidung erblickte, welches nach einer gewandten Verbeugung, ohne weiteres begann: „Die Sache ist ziemlich einfach, Mr. Smith; ich sah Sie gestern zufällig Kannon- Street hingehen, und da Sie Geld holen wollten, so behielt ich Sie fortan im Auge." „Woher wußten Sie, daß ich Geld holen wollte?" unterbrach Mr. Smith seinen Besuch mit unverkennbarem Erstaunen. „Nun", erklärte der ehrenwerthe Gentleman, „aus Ihrer äußern Brusttasche lugte ein großer Zipfel von jenen gelbgestreiften Säcken hervor, mit denen man gewöhnlich Gelder von der Bank zu holen pflegt und da wußte ich genug." „O, was bin ich für ein Escll" rief Mr. Smith aus. Mr. Grape lächelte mit einer Miene, in welcher deutlich zu lesen stand: „Ich bin 311 entfernt das Gegentheil zu behaupten", doch sprach er diesen Gedanken nicht aus, sondern fuhr in seiner Erklärung ruhig fort: „Ich sah Sie in ein Bankgeschäft in Kannon-Street treten und wartete, bis Sie wieder herauskamen, und nun richtete ich mein Augenmerk auf Ihre linke Rocktasche, in welcher Sie das Geld trugen." „Woher wußten Sie denn nun wieder, daß ich das Geld in der linken Rocktasche hatte, es konnte sich doch ebensogut in der rechten oder in der Brusttasche befinden?" „Sie selbst ließen mir hierüber keinen Zweifel", sagte Mr. Grape, „denn Sie hielten beständig Ihre Hand in der linken Tasche." „Ah — allerdings sehr einfach", meinte Mr. Smith, „aber weshalb schnitten Sie nicht die Tasche ab?" „Sie würden dann wahrscheinlich das Gewicht des Goldes sofort vermißt haben, und so beschloß ich zu warten, bis Sie die Hand aus der Tasche nehmen würden." „Ich weiß aber doch ganz genau", rief Mr. Smith in bestimmtem Tone, „daß ich die Hand keinen Augenblick aus der Rocktasche genommen habe und . . ." „Doch, doch", unterbrach ihn sein Besuch mit eben solcher Bestimmtheit. „Nun, da will ich mich doch gleich hängen lassen, wenn das wahr ist." „Sagen Sie so etwas nicht, Sir", sagte Mr. Grape in höchst ernsthaftem Tone, „doch, um an das Ende zu kommen, — es dauerte mir selbst etwas lange, und da Sie schon in der Nähe von Smithfield waren, so mußte ich fürchten, daß Sie der „rothen Tonne" in die Hände lausen würden; ich beschloß daher, den letzten Versuch zu machen und die Fliege anzuwenden." „Die Fliege?" wiederholte Mr. Smith im höchsten Erstaunen, „was verpetzen Sie darunter? — " Sir", erklärte Mr. Grape mit feinem Lächeln, „Sie blieben einmal vor einem Bilderladen stehen, nicht weit von der Post, wenn Sie die Güte haben wollten, sich zu erinnern . . . ." „Nichtig, richtig", nickte der Handelsherr, „nun?" „Nun, Mr. Smith, fühlten SieAda nicht einen Stich in der linken Wange, wie von einem Insekt?" „Ah, ah, — ich begreife." „Ja, Sir, Sie zogen die Hand aus der Tasche, um sich die gestochene Stelle einen Augenblick zu reiben, diesen günstigen Momen benutzte ich und — die 100 Pfund waren mein." „Ich muß leider gestehen, Mr. Grape, daß Sie da wirklich eine Virtuosität entwickelt haben, ... das muß ich selber sagen." Als Gentleman hielt natürlich Mr. Smith sein Versprechen, keinerlei Schritte gegen ihn zu unternehmen, aber er warnte alle seine Bekannten, ja nicht die Hand aus der Tasche zu nehmen, sobald ein kleiner, harmlos aussehender und elegant gekleideter Man» in der Nähe sei. — Wir fürchten aber trotzdem, daß die „Fliege" Mr. Grape noch zu manchem Souvcreign verhelfen haben mag. MLserllen. (Eine allerliebste Ordensgeschichte) erzählt das „D. Mtgs.-Bl.": Der orbenspendende Graf in „Niniche" ist eine übertriebene Satire auf die — Freigebigkeit gewisser Souveräne, die Hansorden zn vertheilen haben, aber etwas Wahres ist doch dran. Erzählt man sich doch von einem ordenssttchtigen Schauspieler und einem generösen Fürsten folgendes Geschichtchen: Der Schauspieler hatte an dem kleinen Hoftheater gefallen, der Fürst drückte ihm mündlich seine Befriedigung aus — aber der Orden erschien nicht, obwohl der Mime drei Tage in der.Residenz verweilte. Endlich riß ihm die Geduld, er bestellte den Wagen und fuhr zur Bahn. Auf dein W ege dahin kommt man an dem Park des Souveräns vorüber. Serenissimus stand eben auf der Parkterrasse 312 neben seinem Adjutanten, als der Gast mit einem ziemlich verdrossenen Gesicht vorüber- fuhr. Als der Fürst ihn so herankommen sah, wendete er sich an seinen Adjutanten: „Was hat denn der A.?" Der Hofmarschall lächelte diplomatisch und wies nach dem l Knopfloch. — «Ach so," lachte der Gebieter, „laufen Sie doch hinein und holen Sie einen Orden!" — „Pst, pst, Herr A." Der Wagen kehrte um und lenkte dicht unter ! die Terrasse. Der Hofmarschall kam athemlos mit einem Papierpäckchen aus dem Schloß. „Hier!" sagte der Fürst, dem verwirrten Schauspieler das Päckchen zuwerfend. — „Auf Wiedersehen!" Doch kaum hatte das Pferd sich in Trab gesetzt, als sich der Schau- , spieler erhob und zurückrief: „Durchlaucht, es sind zwei Orden!" — Durchlaucht winkte: „Geben Sie den Andern dem Kutscher!" (Zwei lustige T e l e p h o n g e s ch i ch ten) kursiven zur Zeit in Wien. In den Bureaus eines sehr gestrengen Herrn ertönt das schrille Zeichen des Telephons. Er eilte zum Sprachrohr und meldet seine Anwesenheit durch das übliche „Halloh." — Leise tönt die Antwort zurück: „Diese Rolle spiele ich nicht, die ist mir zu fad." — „Mit wem sprechen Sie denn?" fragt der gestrenge Herr. — „Nun, mit meinem Direktor." — „So, der bin ich nicht, ich habe keine schlechte Rollen zu vergeben. Schluß." — Die s unglückliche Telephonistin hatte eine unglückliche Künstlerin statt mit ihrem Theater-Direktor s mit — einem gestrengen Herrn verbunden, der so außeramtlich von einem neuesten Theater- s conslict erfuhr. — Und noch eine Telephon-Anekdote. Der General-Director einer Bahn ! läutet dem Collegen einer anderen Bahn. Ein jugendlicher Praktikant ist in der Nähe des gerufenen Thelephons und eilt pflichtschuldigst ans Hörrohr. „Halloh." — „Wer ! dort?" — „L. Kanzleipraktikant." — „Sagen Sie Ihrem Chef, daß ich ihn gern Nachmittags sprechen möchte!" — „Mit wem habe ich die Ehre?" — „General-Direktor i P." — „O, ich bitte," stammelte der erschrockene Beamte in das Sprachrohr und verbeugte sich pflichtschuldigst vor dem Telephon bis zur Erde. Erst die laute Heiterkeit, in die der gerade eintretende Chef ausbrach, machte ihn auf seine übertriebene Höflichkeit . aufmerksam. ) (Richtige Antwort.) Herr Doktor sagte eine gern Fremdworts anwendende Patientin, ich möchte Sie einmal insultiren, ich habe so Konfection nach dem Kopfe und bin konstruirt. Madame, erwiederte der Arzt, machen Sie sich keine Skropheln, gehen ^ Sie in die Hypothek« und holen Sie sich für 20 Pfennig Ninocerosöl. s (Gut gemeint.) Dame (im Schlächterladen): „Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir das Fleisch zu zerkleinern?" Schlächersrau: „Du Aujust, schlag doch mal der Dame die Knochen entzwei." (Scherzfragen.) Welcher Körpertheil ist am meisten musikalisch? Die Augen — sie haben immer ihre Lieder. — Welche Ähnlichkeit besteht zwischen einer Schiefertafel und der Ehe? Junge Mädchen rechne» darauf. (Aus dem Lebe n.) Herr: „Für so schlechte Musik geb' ich nichts." Straßen- : Musikant: „Ach für den, der nichts gibt, ist die schlechte Musik immer noch gut genug." i Original-Nüthsel. * Prächtig glänzet von ferne die erste Silb' uns entgegen ! Schüchtern nahen wir uns, doch Hoffnung, der liebliche Schimmer, Werde die Wolke des Grams von unserer L-tirne zerstreuen, ' Gibt uns Vertrauen und Muth. Wir klagen dem glänzenden Manne Frei die Noth, die uns drückt, und bitten um schleunige Hilfe; Ach! da erhalten wir oft als Artwort: „Die letzten zwei Silben!" Wahrlich kein Balsam von Mekka, die brennende Wunde zu kühlen, > Kein Freund begleite zum Orte mich, der Dir das Ganze bezeichnet, ' Dort sei die Erde'vergessen mit all' ihren Gebrechen, Sei nur dem schöneren Himmel die ernste Betrachtung geweiht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler. ^