Nr. M. 1883 . zur „Äilgsbnrger PostMung/- Samstag, 19. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobsom (Fortsetzung.) XI. Die Beisetzung des jungen Gutsherrn von Buchenhof hatte am sechsten Tage nach seinem plötzlichen Tode, im Beisein seines Bruders» des nunmehrigen einzigen Sohnes des Landkammerraths, unter Betheiligung seiner Bekannten, aller Bewohner von Buchen» Hof und Bodenwald, und vieler, nahegelegenen Güter stattgefunden, und am Abend desselben Tages war seine noch vor einer Woche so blühendschöne und glückliche Gattin nach schwerer Krankheit, ohne auch nur einen Augenblick das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, ihm in die Ewigkeit gefolgt. In tiefem, lautlosem Schmerz umstanden die schwergetroffenen Eltern und Berg« mann's das Sterbebett, auf dem sie soeben sanft entschlafen war, und leise drückte Frau Kohring ihrem Kinde die Augen zu, die im fast unmerklichen Todeskampf sich geöffnet hatten. Dann sank sie, in schmerzliches Weinen ausbrechend, an die Brust ihres Gatten, während sich Bergmannes in das anstoßende Zimmer begaben, wo die kleine Waise von einer Nichte des Försters, die ihren Verwandte» zur Hülfe gekommen war, gehütet ward. Sie erblickend, sprang sie von Frau Albrechts — diese war eine junge und kinderlose Wittwe — Schooß und lief ihnen entgegen, und während Frau Bergmann sie auf ihre Arme nahm und unter Thränen liebkoste und küßte, theilte der Verwalter Ersterer mit, was sich soeben ereignet, worauf diese sich zu ihrem Onkel und ihrer Tante in's Sterbezimmer begab. Auf die vielen Fragen des Kindes nach dem Vater hatten endlich die Großelteru ihr stets geantwortet, daß er todt, auf immer von ihr gegangen und im Himmel sei, und sie ihn nie wiedersehen könne. Sie hatte über diese Antwort, die sie nach Kinderiveise verstanden, bitterlich geweint, dann aber sich über die Abwesenheit seines Vatqxs zu beruhigen begonnen und nach der Mutter gefragt, von deren Krankheit sie wußte. Auch jetzt that sie dies, und begehrte zu ihr geführt zu werden, und als Frau Bergmann ihr sagte, daß auch ihre Mutter sie verlassen habe, sie sie nicht wiedersehen könne, und die Kleine in lautes Weinen ausbrach, trat gerade der Förster ein. Von Frau Bergmann's Schooß gleitend, eilte das Kind dem.Großvater entgegen, und wiederholte ihm schluchzend, was diese ihm gesagt. Er schloß sie unter Thränen an seine Brust, und erwiderte mit unsicherer Stimme: «Ja, mein armes Kind, Deine Eltern sind von Dir gegangen allein wir Alle sind Dir geblieben! — Von diesem Augenblick an aber gehörst Du mir, und wie ich Deiner Mutter gelobt, werde ich Dich nicht von mir lassen!" — Voll aufrichtiger Theilnahme hatten Herr und Frau von Bodenwald den so schnellen Tod der Gattin ihres verstorbenen Sohnes vernommen, den ihnen am Morgen nach demselben der Medizinalrath, und Kohring und seine Gattin ihnen einige Stunden später durch einen Boten angezeigt hatten. Sie halten darauf eine längere Unterredung gehabt/ 314 — die, wie die Dienerschaft gehört, bald laut und heftig, bald ruhiger geführt worden, und deren Ergebniß am folgenden Morgen der Verwalter mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr, als er, der jetzt beide Güter zu verwalten hatte, den Landkammerrath in geschäftlichen Angelegenheiten aufsuchte. Beide hatten lange und viel zu berathen und zu besprechen, und erst in der Dämmerung begab er sich nach dem Buchenhof, dem Trauerhause, wo, wie er wußte, seine Frau war. Es ivar wiederum ein schöner Winterabend; die Kälte hatte zugenommen; eine dichte Schnseschicht deckte die Erde, und der Vollmond verbreitete ein so Helles Licht, daß der Verwaltrr schon aus der Ferne das Herrenhaus erblickte. Es war säst wie an jenem Abend, wo die nun als Leiche daliegende junge G»ts- herrin ihn zurückerwartet, und statt seiner seine Todesnachricht erhielt, doch beachtete dies Bergmann nicht, seine Gedanken wurden von dem in Anspruch genommen, was er mitzutheilen hatte, und kaum wußte, wie er es den Freunden mittheilen sollte. Diese saßen wie an jenem verhüngnivollen Abend seiner wartend im Wohnzimmer, doch erzählte diesmal Frau Albrecht der kleinen Anna, welche ihr schon ihre Zuneigung zugewandt, die ihr neuen Geschichten, diese dagegen hatten eben mit Frau Bergmann das ihnen zunächst liegende, die Beerdigung ihres Kindes, besprochen, die auf dem Fried- hofe nahe der Kirche stattfinden sollte, woselbst Frau Kohrings Eltern — ihr Vater war der frühere Förster von Bodenwald gewesen — rührten, und dazu wollten sie am folgenden Morgen die nöthigen Schritte thun. Von der durch das Gespräch hervorgerufenen traurigen Aufregung fast überwältigt, erhob sich Kohring, um einen Gang in's Freie zu unternehmen. Da hörte er den Wagen, der den Verwalter bringen mußte, und er ging hinaus, diesen zu empfangen. Gleich darauf trat er mit diesem ein, und als er die Frauen und auch die kleine Anna begrüßt, berichtete er von dein Geschäftlichen, was er mit dem Landkammerrath geordnet und abgemacht, erzählte, daß er und seine Gattin sehr leidend seien, und wollte eben zu seinem Auftrag übergehen, als der Förster heftig sagte: „Das Gewissen mag sich wohl in ihnen regen, denn sie wissen nur zu gut, daß sie an allem Unglück Schuld sind!" „Kohring!" sagte begütigend seine Gattin, wenngleich sie seine Ansicht theilte. „Sie sollen und werden dies noch einmal selbst von mir hören, entstehe auch daraus was da wolle", fuhr dieser mit zunehmender Erregung fort. „Wenn Du so sprichst, Kohring", unterbrach ihn der Verwalter in ruhigem Ton, „dann wage ich kaum den Auftrag des Landkammerraths auszurichten, den er lange mit mir besprochen —" „Was könnte das sein?" fragte der Förster. „Ich wüßte nicht was das, und noch dazu in diesem Augenblick, sein könnte, denn eine Dienstsache wird es nicht betreffen!" „Es bezieht sich auf Deine verstorbene Tochter", erwiderte Bergmann. „Der Landkammerrath läßt Dir und Deiner Frau den Vorschlag machen, sie in der Familiengruft neben ihrem Mann beizusetzen!" „Wie?" rief Kohring, während auch die Frauen überrascht auf den Verwalter blickten. „Das mag er uns vorschlagen lassen, nachdem er noch vor Kurzem ihre Ehr zu trennen versucht, und dadurch Beider Tod verschuldet?" „Ich habe Dir seine Worte wiederholt —" „So bringe ihm die Antwort, daß ich nimmer darauf eingehen würde, und meine Frau und ich die Sache längst beschlossen!" „Laß uns sie dennoch noch einmal besprechen, Kohring", entgegnrte Bergmann so ruhig wie vorher, „denn ich kann seinen Vorschlag nur billigen. Er hatte die Heirath seines Sohnes mit Euerer Tochter bewilligt, Anna hat Jahre lang als Frau von Boden- wald gelebt, ivas wird man also sagen, wenn Ihr sie in Eurem Familienbegräbniß beerdigen läßt?" „Weißt Du, warum er uns das Anerbieten machen läßt?" unterbrach ihn der 317 unter unverkennbaren Zeichen der zunehmenden Schwäche ihr Ende herbeiführen mußte. Dem Förster gingen endlich die Augen auf, und der Zustand seiner treuen, wahrhaft von ihm geliebte Lebensgefährtin versetzte ihn in die schmerzlichste Aufregung. Er klagte sich an, nicht früh genug für sie gesorgt, sie nicht einstweilen von Bodenwald fortgeführt zu haben. Es war dies Alles aber Zu spät. Zwar leise, doch mit sicherem Schritt nahets der Todesengel seinem Opfer, das ihm längst verfallen war, und als an einem schönen Maiabend, die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen durch die weitgeöffneten Fenster in ihr Zimmer warf, sagte sie, in einem Krankenstuhl vor diesem ruhend, zu ihrer Nichte und Frau Bergmann, welche bei ihr waren: „Ruft Kohring — bringt Anna — ich fühle, daß ich schwächer werde! —" (Fortsetzung folgt.) G s l d k ö r «e x. Last Dich biegen, aber nur nicht knicken. Goethe. Endlich legt sich jedes Sturmes Wuth, Tag wird es durch die dickste Nacht, und kommt Die Zeit, so reifen auch die spätsten Fruchte. Schiller. Thörichter Jüngling, der Jngendgluth für Liebe nimmt, und wehe dem armen Mädchen, das seinen Kranz in solche Strohflammen wirft! Kotz ebne. Der Tod ist das Pünktchen der letzten Phrase unseres Lebens, der Deckel auf dem Topf, in dem eZ sonst so kochte und brauste. Bcnzel-Stern au. Die gütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Busens ab und erzählt sie uns mit einer Thräne. Jean Panl. Eine Lüge engagirt meistens schon zu der nächsten. Rahel. Tcr verhinderte Selbstmord. (Aus den Wiener Gcrichtssälen.) „Rufen Sie jetzt den AthanasiuS Zwerler!" befahl der Bezirksrichier dem Amtsdisner. Zwischen der nur halbgeöffneten Flügelthür schiebt sich ein schmächtiger Mensch herein, der es offenbar als unbescheiden erachten würde, seinetwegen die Thüre ganz zu öffnen. Der junge Mann ist auffallend blaß; er ist Tischlsrgehilfe von Beruf und kann, seiner wiederholten Versicherung nach, keine Fliege an der Wand beleidigen. Richter: Sie heißen AthanasiuS Zwerler, sind aus Plattling in Bayern gebürtig, unbescholten und Tischlergehilfe. Ist das richtig? — Angekl.: Zu dienen, Euer Gnaden, nur die Liebe — Richter: Lassen wir das jetzt. Sie sind wegen Exzesses und wegen der Uebertretung der thätlichen Wachebrleidigung angeklagt. Erzählen Sie den Vorfall vom 22. April. — Angekl.: Hoher Herr Richter! Wer nie sein Brod mit Thränen gegessen hat, der weiß gar nicht, was die Liebe ist, wegen derer ich heute vor diesem geehrten Nichterstuhle stehe. — Richter: Nun, wegen Liebe wurde noch nie Jemand angeklagt; Sie sollen ganz einfach erzählen, wie Sie dazu kamen, an dem benannten Tags einen Exzeß zu verüben und die Wachleute zu insultiren. — Angekl.: Oh, ich bitte, Herr Amtmann, ohne meine Liebs wäre so etwas nie geschehen; aber die war zu überhäuft! Ich war bis zu jenem Sonntag stets ein ruhiger Staatsbürger. — Richter: Erzählen Sie doch das Begebniß. Angekl.: Vor zwei Monaten — so weit muß ich ausholen — hab'ich die Lisi kennen g lernt, die in der großen Mohrengassen eine Köchin war. Au: Samstag um 7 Uhr hab' ich zur Lisi geh'» wollen, weil sie immer um die Zeit fürs Nachtmahl für ihre Herr'nleut' Alles z'sammeuholt; wie ich so in die große Mohrengasse komm' und denk': jetzt wirst deine Lisi seh'n, da kommt sie richtig, eing'hängt in ein Soldaten! Herr Amtmann, wer nie geliebt, der kennt so was gar nie nicht. Der Stich, den ich in's Herz hab' kriegt! und weil ich den Soldaten umsomchr kennt hab', vom Pratenusfeehaus aus,' wo ich mit meiner Lissi war und wo er alle Sonntag bei der Militär - Negiinentsmusi blasen thut, der elendiche Kerl, der! — Richter: Sie dürfen hier Niemanden beleidigen. Erzählen Sie weiter. — Angekl.: Alsdann wie mir das den Stich gegeben hat, den! ich mir: Adjes Lisi! Ich gehe jetzt in den Tod! Und am Sonntag nach dem Essen hab' ich auch wollen in den Tod geh'n und will durch die Schwimmschul-Alle hinunter zum Kommunialbad. Derweil kommt am Praterstern ein Bekannter von mir, der Spengler Josef Deng, der auch heut' als Zeuge da ist, der sagt: Wohin denn? Sag ich: Lebe wohl, ich geh' ins Wasser! Sagt er: Das kannst später auch thun, und zieht mich in ein' Tramwaywaggon hinein. Na, denk ich mir, jetzt sind so noch zu viel Leut auf der Gassen; wenn ich schon aus Liebe in den blassen Tod gehe, will ich ungestört sein dabei. Ich bin nachher willenlos mit dem Deng nach Hernals g'fahren wo er ein Wein zahlt hat. Ich hab' mich angetrunken, aber meine List hab' ich nie verschmerzen können und nachher sind wir erst zum Stalchner gangen. (Heiterkeit.) Da hab' ich noch ein Paar Viertel getrunken und dann hab' ich mich erinnert, das; ich heute noch in den blaffen Tod in die Donau gehen muß wegen der Lisi und da bin ich fort. Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht — Richter: Nun, es ist durch die Aussage der Wachtleute und Zeugen erwiesen, daß Sie auf der Gasse brüllten: Meine Lisi, die is putsch und als Sie der Wachtmann Dolezal zur Ruhe verwies, versetzten Sie ihm einen Faustschlag auf die Brust, worauf sie arretirt wurden. — Angekl.: Ich bitte, ich bin gewiß ein Mensch, der nie eine Fliege an der Wand beleidigt, aber wenn man aus gekränkter Liebe in den blassen Tod geh'n will und der Sicherheitswachmann halt Einen auf, so was soll doch nicht sein in einer freien Nechtsstadt. Außerdem kann ich mich gar nicht mehr erinnern aus das. — Der Richter konstatirt, daß bei dem Angeklagten nach seiner Arretirung ein Brief an seine Geliebte vorgefunden wurde. Derselbe lautet sowohl wörtlich als orthographisch dem Original getreu: „Theure Lisi! Es dränkt mich daß Schicksal, das ich heute Abends in den blassen Todt gehe, weil Du mir deine Liebe entwendet hast! Wann Du diese Zailen erheldst, bin ich nimmer unter den Lebendichen, sondern bereits in des Todtes Schalen anwesend! Oh, theure Lisi! meine Liebe zu dir war zu überhäuft in der großen Mohrengasse! Besonders gestern Abends, wie ich dich mit dem Korporal von der Musich gehen geseh'n hab', der gerad so dick und ungebüldert ist, wie das Pomparton, was er blast, weil er ein nicht einmal dangt, wann man ihm griest. Der Lümmel, wann er Dir lieber ist, Lisi, so behald ihm und heirade! Ich aber gehe heute Abends jedenfalls in den blassen Tobt! — Oh, theure Lisi, warum hast Du mir daß angethan, das ich jetzt um acht Jahre friher dem kühlen Grabe beiwohnen muß in den Wällen und Fludten er regulirten Donau beim Kohmunialbad trunten? Lebe wol, lebe wol, Ungetreue schlänge und denke an jedem 22. an Deinen unaussprechlichen unglücklichen Athanasius Zwerler." — Richter: Sie haben in diesem Vriese die Absicht kundgegeben, sich das Leben zu nehmen? Warum haben Sie dies nicht ausgeführt? — Angekl.: Ich bitte, die Liebe ist heute noch wegen der Lisi so überwältigt in meinem Busen, aber wie ich zu mir selbst gekommen bin, hab' ich auf dem Wachtzimmer g'schlafen und der Herr Inspektor hat nur ein Glas Wasser geben, weil ich Durst gehabt hab'. Sonst weiß ich gar nichts. — Nach der Aussage der Zeugen war der Angeklagte allerdings so arg bekneipt, daß die Sache weit mehr einem gewöhnlichen Wein- als einem Liebssrausch ähnlich sah. Der'Richter sprach deshalb den Angeklagten von der ihm zur Last gelegte» strafbaren Handlung frei und verurtheilte ihn blos wegen Volltrunkenheit zu einer vierundzwanzigstündigen Arreststrafe. — Der Angeklagte bemerkte hieraus: Oh, die Liebe! Bis in den schwarzen Arrest hat sie mich gesetzesreinen Menschen getrieben! — Richter: Trösten Sie sich» Ihre Strafe ist keine entehrende und ein paar Stunden Arrest sind noch immer bester als der Tod in der Donau. — .'Uf Förster. «Er will dadurch verhindern, daß sein Name auf einem Leichenstein zwischen denen seiner Untergebenen steht! — Das ist seinem Stolz zuwider, und lieber soll Anna'S Sarg an Ludwig's Seite stehen, der doch in der Reihe seiner Söhne den letzten Platz einnimmt! —" . „ . ^ „Er niag diesen Gedanken gehabt haben, ich will Dir dann nicht widersprechen, allein nach meiner Ansicht gehört die Frau an die Seite ihres Mannes, im Leben, sowie im Tod-" „Wenn das sein kann, und wo das sein kann." „Allerdings, doch hier kann das sein, und würde nur Dein Wille sie trennen. Schon Deiner Enkelin wegen darfst Du das nicht thu»-" „Meiner Enkelin wegen?" „Ja, Kohring; soll sie denn einmal, wenn sie so alt ist, daß sie die Sache begreifen kann, die Grabstätte ihres Vaters in der alten Familiengruft, die ihrer Mutter auf dem Kirchhof von Bodenwald suchen? — Was würde sie über solche Trennung ihrer Eltern nach dem Tode denken, welche Fragen an Euch richten?" Vergmann's ruhige Vorstellungen, denen sich die Frauen anschlössen, fanden endlich bei dem Förster so weit Gehör, daß er bis zum nächsten Morgen Bedenkzeit forderte, und der Verwalter sich erbot, seine Antwort holen zu wollen. Vergmann's kehrten bald, begleitet von Frau Albrecht, die einstweilen dem Hausstand in der Försterei vorstand, nach Vodenwald zurück, und als am nächsten Morgen der Verwalter wieder bei den Freunden erschien, die er bei der Leiche ihrer Tochter aufsuchen mußte, sagte der Förster ihm die Hand reichend, während er mit der andern auf dir regungslose Hülle seines geliebten Kindes deutete: „Bergmann, sie soll neben dem ruhen, dem seit ihrer Kindheit ihr Herz zugehört, ich bin damit einverstanden. Sage das dem Landkammerrath, und sorge in meinem Namen für das klebrige, bannt Alles rechtzeitig besorgt ist!" So ward denn Anna von Bodenwald neben ihrem Gatten beigesetzt. Ei» vierspänniger Leichenwagen hatte den kostbaren Sarg vom Buchenhof nach der alten Familiengruft, und viele Bewohner der Nachbarschaft, wie alle vom Buchenhof, gaben ihr das Geleit. An der Grenze von Bodenwald ward sie von dessen Gutsangehörigen in Empfang genommen, an deren Spitze sich der Geistliche, der sie vor wenigen Jahren getraut, befand. — Ihr Vater und Bergmann fuhren zunächst dem Sarge, ihnen schloffen sich nahe Verwandte und Bekannte und der Nechtsanwalt des Landkammerraths an, der von diese» dazu beauftragt worden. Die Frauen folgten, so lange sie vermochten, mit ihren Blicken dem stillen düstern Zug, der sich nur allzu deuilich auf dein weißen Schnee abzeichnete. Die kleine Anna, welche nichts von der traurigen Feier wußte, und nicht ahnte, daß man die irdische Hülle ihrer Mutter zur letzten Ruhestätte brachte, spielte sorglos mit ihren Schätzen, die sie auf und um ihren Tisch herum aufgehäuft hatte. Als die Wagen und auch die letzten Fußgänger ihren Augen entschwunden, sank weinend die Försterin in die Arme der treuen Freundin und ihren jungen Verwandten, und sagte mit kaum vernehmbarer Stimme: „Den Schlag werde ich nicht überwinden, ich fühle es hier —" und sie legte ihre Hand auf das Herz — „er wird der letzte Nagel zu meinem Sarge sein. Sagt aber Kohring nichts davon, ich will es ihm ebenfalls zu verheimlichen suchen. Er muß erst wieder zur Ruhe kommen, es könnte sonst zwischen ihm und dem Landkammerrath ei» Unglück geben! —" Die nächste Pflicht der Hinterbliebenen von Ludwig von Bodenwald und seiner Gattin war die Sorge für deren verwaiste Tochter, und hier trat Bergmann wiederum als Vermittler auf. Die beiden Großväter derselben hatten sich noch nicht wiedergesehen, 816 und es war von Kohrings auch wenig Aussicht vorhanden, daß es geschehen würde? Zuerst wurden die Vormünder für die kleine Anna Thusnelda von Vodenwald erwählt und bestätigt, und zwar als solche der Förster Kohring und der Verwalter Bergmann. Diese Wahl sagte aus vielen Gründen auch dem Landkammerrath zu, den: die Familien- sache mehr zu denken gab, als zu Lebzeiten seines Sohnes, daS Kind war die gesetzliche Erbin seines Vaters, und wie er mit seiner Frau und dem Nechtsbeistand der Familie besprochen, wollte er es für alle Zeiten durch eine ihr zwar gebührende Summe abfinden. Er theilte also Bergmann mit, daß die Vormünder für die Tochter seines verstorbenen Sohnes 50,000 Thaler ausgezahlt erhalten würden, von deren Zinsen ihr Unterhalt und ihre Erstehung zu bestreiten sei, und über die sie bei ihrer Mündigkeit zu verfügen habe. Alles was ihren Eltern gehört, die Einrichtung des Buchenhofs solle sie ebenfalls haben, und könnten die Vormünder nach Gutdünken darüber verfügen. Als Bergmann Kohring's diese Mittheilung machte, fuhr der Förster auf und sagte: „Ich will das Geld nicht, Bergmann, denn der Unterhalt und die Erziehung meiner Enkelin kann ich bestreiten." „Wie Du meinst, Kohring", unterbrach der Verwalter, „doch kannst Du nicht hindern, daß die Obervormundschaft es für sie annimmt, da es ihr als Erbtheil zuerkannt wird. Den alten Papieren nach gehört diese Summe jeder Tochter der jüngern Söhne des Hauses, und als solche könnte nur sie selbst es bei ihrer Mündigkeit zurückweisen. Und wie soll es mit der Einrichtung des Hauses und dem klebrigen werden?" „Wir nehmen nur das, was wir eingepackt, alles Andere mag dort bleiben, denn was soll es uns —" „So will ich Dir einen Vorschlag machen, den ich dem Landkammerrath wiederholen werde. Ich will Alles im oberen Stockwerk unterbringen lassen, wo Raum genug ist, da mag es bleiben, so lange es soll! Bist Du damit einverstanden?" „Thue, was Du willst, nur laß mich nichts mehr davon sehen, obgleich ich das Haus wohl nicht wieder betreten werde!" Als alles Geschäftliche geordnet, die Rechte der kleinen Waise gewahrt worden, war der März herangekommen. Kohring's Groll gegen den Vater seines verstorbenen Schwiegersohnes nahm nicht ab, der Anblick der kleinen Anna nährte ihn immer mehr. Das ihm mit großer Liebe anhängende Kind war seine einzige Freude, und seine einzige Beschäftigung, sobald er sich im Hause befand. Er hatte nur Augen und Ohren für sie, und nur ihre Bemerkungen vermochten auf seinem ernsten oft finsteren Gesicht ein Lächeln hervorzubringen. Darüber sah er nicht, was Frau Albrecht, die als Stütze der Förster!» bei ihnen geblieben, und Frau Bergmann, die täglich erschien, längst entdeckt, daß seine Gattin immer bleicher ward, ihre Augen immer matter blickten, und sie, die sonst so rüstig und ruhig gewesen, nur mit großer Anstrengung einen Weg in's Freie unternehmen konnte. Als eines Tages sie und Frau Albrecht mit der kleinen Anna nach dem Verwaltungshause gehen wollten und sie stillstand um Athem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln, sagte ihre Nichte in bekümmertem Ton: „Tante, es geht nicht länger, ich darf es dem Onkel nicht länger verschweigen —" „Es ist durchaus nichts Schlimmes, Wilhelmine", entgegnets Frau Kohring mit schmerzlichem Lächeln, und fügte ernster hinzu: „Ich fühle weder Schmerzen noch Beschwerden, es ist nur Kummer um die Beiden, die so schnell von uns gegangen, aus dem für sie so glücklichen Leben geschieden sind, und ich denke der Frühling und der Sommer wird Heilung bringen. Sprich vor allen Dingen nicht mit dem Onkel darüber, der schon genug zu tragen hat!" Frau Kohring's Leiben aber machte bald beängstigende Fortschritte, und nahm einen immer drohenderen Charakter an. Eine Erkältung, die sie sich bei einem scharfen Nordostwind zugezogen, der zu Ende März anhaltend wehste, warf sie auf das Krankenlager, und es stellte sich ein Leiden ein, für das der Arzt keinen Namen hatte, das aber 319 Die geborgte Ananas. Eine sehr drollige Reminiscenz an die berühmte Tragödin Nachel wird in französischen Blättern wieder aufgefrischt. Die Künstlerin stand, nicht mit Unrecht, in dem Rufe, zuweilen etwas knauserig zu sein. Eines Tages gab die Phädra des Theatre franqais eines ihrer berühmten Diners, wo sich an ihrer Tafel die Elite der Kunst, der Literatur und der Aristokratie vereinten. Unter den Geladenen befanden sich der Herzog Sän Teodoro von Neapel, Prinz von Walderer, mehrere Marquis, Künstler, Scribe, Auber, Herzog von Noailles, Augier, Ponsard und andere Geistesnotabilitäten. Am Tage des Diners erschien sie in der Wohnung eines Kritikers, der ebenfalls zu den Gästen zählte, und sagte: „Lieber Freund, Sie müssen mir bei der Wahl des Dessert hilfreiche Hand leisten, mein Wagen steht vor der Thür, ich entführe Sie." Der Mann des kritischen Nichtschwertes mußte sich bequemen und der ungestümen Freundin folgen. Man fuhr in das Palais Noyal zu dem weltberühmten Delikatessen- waarenhündler Chevet. Mademoiselle Nachel wählte die schmackhaftesten Früchte, kostbare xrirnouis rc. aus. Plötzlich präsentirt ihr Chevet eine herrlich duftende Ananas. „Wünschen Madame vielleicht eine Ananas als Mittelstück einer Fruchtpyramide?" n'Irös dien! Was kostet sie?" „Siebzig Francs, Madame." Man befand sich damals im Jahre 1819, einer Epoche, wo wenig große Diners stattfanden, und die von den Antillen kommenden Ananasse waren selten. Das vermochte jedoch in den Augen der Rache! diesen exorbitanten Preis nicht zu rechtfertigen. „Siebzig Francs!" — rief sie in einer tragischen Pose — „aber das ist ja ungeheuerlich. Ich kaufe sie nicht, doch halt — wie wäre es, wenn Sie mir die Ananas borgten? Es ist immerhin ein hübscher Tafelschmuck, und nach dem Diner sende ich Ihnen die Frucht unversehrt wieder zurück." Lächelnd ging Chevet auf den originellen Vorschlag seiner berühmten Kundin ein» Der Abend kam und mit ihm das Diner, welches, wie immer, süperb war. Man trägt das Dessert auf und inmitten der Fruchtabundantia thront mit königlicher Würde die Chevetsche Ananas. Da die Gastgeberin sich wohlweislich hütete, von dieser kostbaren Frucht anzubieten, keiner der Geladenen aber so naschhaft erscheinen wollte, als Erster die Ananas anzuschneiden, so ging Alles vortrefflich und die Nachel war bei rosigster Laune. Doch die Künstlerin hatte ohne den boshaften Kritikus gerechnet. Sich zu seinem Nachbar, dem Herzog von Noailles wendend, sagte derselbe plötzlich mit halblauter Stimme: „Und die Ananas? Wäre es nicht Zeit, ihr ernstlich auf den Leib zu rücken?" „IHiIcui, Sie haben recht, mein Freund," ruft der Herzog, welchem schon lange der Mund wässerte, erhebt sich und reicht die Ananas seinem kritischen Tischnachbar, welcher alsbald unter dem beifälligem Gemurmel der gesammten Tafelrunde die herrliche Frucht kunstgerecht zu zerlegen begann. Die Nachel erbleichte» sie warf dem hämische» Kritikus einen vernichtenden Blick zu und hatte Mühe, ihre Wuth unter einem gezwungene» Lächeln zu verbergen. Die Künstlerin hat seit jenem Tage noch manches Diner gegeben, der ananasliebende Kritiker befand sich niemals mehr unter den Gästen. (Aus der griechischen Geschichtsstunde.) Hm! Ruhe! Wir waren das letzte Mal stehen geblieben — „Haberkorn, machen Sie 'mal das Fenster zu!" — bei dem Beispiele heldenmüthiger Vaterlandsvertheidigung — „ganz zu, Habsrkorn!" — der Thermopylen durch den Spartanerfürsten — „Riimplsr, ich höre Sie schon wieder brummen!" — durch Leonidas. Das Wort Thermopylen heißt, wie Sie eigentlich schon wissen sollten, auf deutsch: — „Flegeleien lieber Bretterschneider, dulde ich in meiner Stunde nicht!" — heißt §uf deutsch: „Warme Quellen!" Aisrxes war also init seinem - Heere bis an jenen berühmten Engpaß vorgerückt. Ehe es zum Treffen kam, entsandte der Perserkönig an den Lacedämonier einen Voten mit der Aufforderung: — »geben Sie 'mal den Bindfaden her» Sie kindischer Mensch dahinten, ich kann die Spielerei ' nicht langer mehr ansehen!" — mit der Aufforderung um Auslieferung der — „Regenschirme, mein lieber Nümpler, stellt man hübsch in die Ecke, wo sie nicht jeden Augen- i blick umfallen" — um Auslieferung der Waffen. Die stolze Antwort des Griechensürsten ^ war: — »Sie, Hübner, rücken Sie doch 'mal bei Seite, damit ich sehe, was Ihr Hinter- s mann für dummes Zeug treibt!" — ich wollte sagen, die Antwort war: Komm und l hol' sie. Und als man den Griechen bedeutete, die Zahl ihrer Feinde sei so groß, daß ihre Pfeile die Sonne verfinstern würden, erwiderte Leonidas verächtlich: — „Sehen ^ Sie, Nümpler, ich stecke Sie wahrhaftig zur Thüre hinaus, wenn Sie nicht aufhören, mich anzugrinsen!" — erwiderte Leonidas: Desto besser, so werden wir im Schatten fechten! Vier Tage später erfolgte der Angriff. — Auf Befehl des Perserkönigs — »Sie dahinten — schlafen Sie nicht!" — stürzte sich eine ungeheure Truppenmasse in ! den Engpaß. Heldenmüthig war die Vertheidigung von Seiten des Leonidas, — „und ! Sie sind ein rechter Esel, Meyer!" — tagelang währte der Kampf, und selbst die Kerntruppen des Perserheeres mit dem stolzen Namen: — „die Dümmsten und Faulsten sind doch immer die Unverschämtesten, Friedmann" — die Unsterblichen, selbst diese vermochten nicht, den Engpaß zu erkämpfen. Da endlich zeigt ein verrätherischer Grieche, ^ Namens — „Nümpler, Nümpler, Nümpler, Sie schreiben gewiß etwas, was nicht zur Sache gehört!" — Ephialtes, den Persern einen geheimen Pfad über das Gebirge und plötzlich — „Jeschke, was schneiden sie für Gesichter!" — plötzlich verbreitete sich unter den Spartanern der Schreckensruf: — „Wer wirst denn da mit Papierkugeln?" — der Ruf: Wir sind im Rücken angegriffen! — „Unterstehen Sie sich das noch einmal, Sie Flegel!" — Auf diese Kunde hin entlieh Leonidas seine Bundesgenossen, er selbst und seine 300 — „Schassköpfe, wie Sie, Meyer, gehören in die Kinderschule" —300 Spartaner kämpften weiter und starben den ehrenvollen Tod für — „solche Flegeleien, Haberkorn, dulde ich nicht länger!" fürs Vaterland, welchen Horaz feiert mit den bekannten Worten: — „Ich werde gleich 'mal dahinterkommen, Nümpler!" — üulos et ckc-oorum «st pro xutriu inori. Ganz Sparta bedauerte den Tod seiner Heldenschaar, aber an der Stelle jenes denkwürdigen Kampfes errichtete man ein Monument mit einer Aufschrift, welche in metrischer Uebersetzung lautet: — „Nun wird es mir aber zu arg! Ich kann nicht weiter reden, wenn ich solche Menschen vor meinen Augen Unfug treiben sehe! Nümpler, Sie verlassen sofort die Classe und wenn Sie bis zur nächsten Geschichtsstunde nicht den Inhalt der heutigen ganz so genau ausgearbeitet haben, wie ich ihn vorgetragen, ^ dann sollen Sie mal sehen, was geschieht!" (Der Gipfel der Reinlichkeit.) Wir finden im Pariser „Figaro" das folgende treffliche Zeugniß für ein Dienstmädchen: „Cölestine X. war vier volle Jahre in unserem Dienst (folgt die Aufzählung ihrer Tugenden). Für ihre Sauberkeit wird ein Beispiel genügen. Wir besitzen einen mit großer Kunstfertigkeit hergestellten mechanischen Vogel, welcher sehr schön singt und keine Nahrung zu sich nimmt, Cölestine scheuerte gleichwohl jeden Morgen den Boden seines Käfigs." (Zwischen zwei alten Wienern.) „Wer ist denn der la Noche, von dem die Zeitungen so viel daherreden?" — „Aner von die Burgschauspieler; er hat sein fünfzigjähriges Jubiläum g'feiert." — „Schau! Schau! Js mir ganz unbekannt. Seit fünfzig Jahren will i jed'n Abend ins Theater geh'n und komm wirkst net dazu." (Woher kommt das Wort Locomotive?) Von insolventen Kaufleuten; da sie keine Motive haben, in Loco zu bleiben, so suchen sie rasch fortzukommen. Auflösung des Original-Räthsels in Nr. 39: „Sternwarte." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Or. Max Hultlcr.