Nr. 41 1883. zur „Äugslmrger PostMnng." Mittwoch, 23. Mai Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) - Frau Albrecht entfernte sich, um ihre Wünsche zu erfüllen, doch kam kein weiteres Wort über ihre Lippen; sie blickte mit gefalteten Händen und schon fast verklärten Zügen über den Garten hinweg in die schöne Gegend hinaus, die im ersten Frühlingsgrün dalag. Leise trat Frau Albrecht mit ihrer Enkelin ein, und hielt ihr diesebe entgegen. Lange betrachtete sie die Züge des Kindes, das ängstlich und traurig sie anblickte» küßte es wiederholt, sprach leise einige Worte, küßte es nochmals, und gab dann ein Zeichen es fortzuführen. Jetzt erschienen der Förster und Bergmann, der ebenfalls von dem wahrscheinlichen Ende der langjährigen Freundin gehört, und Ersterer näherte sich ihren» Stuhl. Köhring die Hand reichend, sagte sie: „Kohring, wir müssen uns trennen — vielleicht sehr bald schon — mein Herz schlägt so heftig, daß es bald stille stehen muß! — Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich gemacht — —" „Liebes, theures Weib!" brachte er nur mühsam hervor, neigte sich über sie und küßte ihr bleiches eingefallenes Gesicht. „Lebe für mich — für das Kind — wir bedürfen Deiner Liebe und Sorge — verlaß uns nicht-" „Ich habe es lange versucht, das Leben könnte noch einmal wie-er schön werden!" Ein Schauer durchbebte ihre abgeinagerte Gestalt, ihre Augen schlössen sich, doch nur einen Moment, dann öffnete sie sie wieder, reichte Bergmann's und ihrer Nichte die Hände, streckte sie darauf nach dem Gatten aus und versuchte sich aufzurichten. Er umfaßte sie schnell, sie lehnte das Haupt an seine Brust, und schloß wiederum die Augen. Dann entquoll ein tiefer Seufzer ihren Lippen, ihre Gestalt erbebte, der Förster fühlte die Hand, welche die seine hielt, kraftlos werden, das Haupt seines Weibes lehnte schwerer gegen seine Brust, und einen langen Kuß auf die feuchte Stirn drilckend, die bereits erkaltete, sprachen dann er und die Umstehenden ein leises Gebet. Darauf legte er sie sanft in die Kissen zurück, und sank, sein Gesicht in den Händen bergend, auf einen Stuhl. Die Anwesenden blickten tiefbewegt auf die bleichen, ruhigen Gesichtszüge der Geschiedenen» bis endlich die Thür geöffnet ward, und die kleine Anna auf ihren Großvater zusprang, dann aber ängstlich zurücktrat. Sie sah auf das bleiche Gesicht der so still daliegenden Großmutter, und der sie traurig Umstehenden und in lautes Weinen ausbrechend umklammerte sie den Arm des Großvaters. Frau Albrecht trat hinzu um sie fortzuführen, er aber sagte leise: „Laß sie, Wilhelmine, sie fühlt, daß sie jetzt auf der Welt nur mich allein hat", und das Kind auf seine Kniee setzend, fügte er hinzu: „Anna, Deine Großmutter ist zu Deinem Papa und Deiner Mama gegangen, u»»d Du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen. Ich aber bleibe bei Dir, so lange Gott will!" und sie auf seine Arme nehmend, verließ er schnell mit ihr das Zimmer. 322 Während die Frauen bei der Leiche zurückblieben, folgte ihm nach einer Weile Bergmann und fand ihn in seinem Arbeitszimmer. Die kleine Anna saß auf seinen Knieen, ihr goldblondes Köpfchen lag an seiner Brust geschmiegt; mit einem Arm hatte sie den Versuch gemacht, seinen Hals zu umfassen, die andere kleine weiße Hand aber ruhte auf seiner Rechten. — XII. Drei Wochen waren seit Frau Kohring's Beerdigung, die unter allgemeiner Betheiligung der Bewohner beider Güter stattgefunden, verflossen, doch ging in der Försterei das Leben mit seinen Arbeiten und Sorgen den gewohnten Gang, und machte mit jedem neuen Tag seine Rechte geltend. Frau Albrecht nahm nunmehr die Stelle ihrer verstorbenen Tante ein; ihre kleine Nichte hatte sich ihr, die eine große Kinderfreundin war, mit vieler Liebe angeschlossen, und immer seltener ward die Frage nach ihren Eltern. Von ihrer Großmutter dagegen sprach sie oft, obgleich Frau Bergmann, für die sie ebenfalls eins lebhafte Zuneigung empfand, deren Stelle ersetzte. Ihres kleinen Pfleglings wegen beruhigt, war es jedoch Frau Albrecht, und mit ihr Vergmann's, des Försters wegen nicht, an dem sichtlich der Schmerz um den Verlust seiner Kinder und seiner Gattin nagte. Schweigend und mit düsterem Ausdruck in den plötzlich sehr gealterten Zügen, ging er so gewissenhaft wie sonst seinen vielfachen schweren Pflichten nach, wich aber so viel er konnte den treue» Freunden aus, und sprach auch mit seiner Nichte nur das Erforderliche. Gegen die kleine Anna indeß war er unverändert, denn zu Hause durfte sie nicht von seiner Seite gehen, und suchte er so viel wie möglich jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, was sie mit dem Scharfblick eines Kindes >bald genug fühlte, und geltend zu machen wußte. Eines Abends kehrte er finsterer als sonst aus dem Walde heim, und sagte nach schweigend eingenommenem Abendessen zu seiner Nichte: „Wilhelmine, halte Alles bereit, ich will morgen zur Stadt fahren, den» ich habe mit dem Landkammerrath zu sprechen!" „In Geschäftsangelegenheiten, Onkel?" fragte Frau Albrecht, um wenn möglich ihn zu weiterer Mittheilung zu veranlassen. „In Sachen, die ihn und mich betreffen", entgegnete er mit wirklichem Nachdruck, er ging nach wenigen Augenblicken in's Freie hinaus. — — — Der Landkammerrath war in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, seine Gemahlin in der Haushaltung thätig, denn in wenigen Tagen wollten sie sich nach Bodenwald begeben, wo sie seit mehreren Jahren nicht gewesen. Eben streckte er die Hand aus, um seinem Diener zu klingeln, der verschiedene Briefe zur Post besorgen sollte, als dieser eintrat und den Förster Kohring meldete. „Führe ihn hierher", gebot er, während ihn ein unbehagliches Gefühl beschlich, denn er fürchtete in der That, den Man wieder zu sehen, der binnen wenigen Monate» so schwere Verluste zu beklagen gehabt, und die umfangreiche Post seines Gebieters mitnehmend, entfernte sich der Diener. In der nächsten Minute standen sie sich grüßend gegenüber, und der Herr von Bodenwald senkte das Auge vor dem Blick seines langjährigen Dieners. Dies aber währte nur einen Moment, dann sagte er, ihm die Hand reichend: „Wir haben unü lange nicht gesehen, Kohring — wie viel hat sich seit dem Tage ereignet! „Sehr viel, Herr Landkammerrath", erwiderte ernst der Förster, und nahm den Stuhl, auf den dieser, welcher sich ebenfalls wieder gesetzt, deutete. „Es war ein harter Schlag für Sie, binnen so kurzer Zeit Tochter und Frau zu verlieren-" „Ja, beim Himmel! Das war es: — Härter aber noch ist es, sie durch die Schuld Anderer zu verlieren! —" 323 „Durch die Schuld Anderer?" fragte der Landkammerraih, merklich die Stirn runzelnd. -„Herr Landkaininerrath", entgegnete Kohring mit erhobener Stimme, „wäre Ludwig nicht gestorben —" „Meinen Sie meinen Sohn?» fragte der Gutsherr mit Nachdruck. „Ja, Ihren Sohn und meinen Schwiegersohn! — Hätten Sie nicht versucht feine Ehe zu trennen, so lebten er, meine Tochter und Frau noch — —» „So klagen Sie mich wohl gar als die Ursache seines und ihres Todes a>^?" „Auf diese Frage habe ich keine Antwort, Ihr Herz und Ihr Gewissen mag sie Ihnen ertheilen I» „Sie führen hier eine Sprache, Kohring, die Ihnen nicht geziemt, und die ich nur der langen Dienste wegen, die Sie mir geleistet, entschuldige!» „Das ist mir gleichgültig, Herr Landkaininerrath, die Wahrheit mußten Sie einmal aus meinem Munde hören! — Die Vergeltung für das, was Sie mir und meiner Enkelin gethan, ivird nicht ausbleiben, denn es lebt ein Gott im Himmel und der ist noch immer gerecht gewesen!" Der Landkaininerrath saß sprachlos da, noch nie hatte er Worte gleich diesen, am wenigsten aber aus dem Munde eines Untergebenen vernommen. Sein Zorn hatte dabei den höchsten Grad erreicht, denn seine Augen flammten, und seine Stirnadern schwollen bedenklich an. Kohring, der seinen Vorgesetzten besser als sonst Jemand kannte, sah dies, beachtete es aber nicht, sondern fuhr fort: „Und jetzt noch eine Mittheilung, Herr Landkammerrath l — Sie sehen mich heute für lange Zeit zum letzten Mal — mein Aufenthalt in dieser Gegend wird nur noch von kurzer Dauer sein!" „Sie wollen fort?" rief der Herr von Bodenwald, dem diese, ihn persönlich berührende Nachricht die Sprache wiedergegeben. „Das gestatte ich nicht, glauben Sie so ohne Weiteres meinen Dienst verlassen zu können?" „Ich thue es wenigstens, Herr Landkammerrath! — Sie werden leicht einen andern Förster finden, und einstweilen kann der Jägerbursche unter Bergmann's Aufsicht arbeiten! — Auf Wiedersehen somit, Herr Landkammerrath l — Wann und wo das sein wird, müssen wir Gottes Willen anheiln geben, vielleicht auch finden wir uns erst in jenem Leben wieder, wohin uns die Unsrigen vorangegangen sind." Nach diesen Worten verließ er den stumm dasitzenden Herrn von Bodenwald und dessen Haus und begab sich zu einen« Nechtsanwalt, der zugleich sein Jugendfreund war« Mit diesem sprach und arbeitete er lange, ordnete seine Vermögensverhältnisse, traf mancherlei Verabredungen und nahn» dann in herzlicher Weise von ihm Abschied. Als am Abend er sein Haus wieder erreichte, eilten ihm Bergmann's und seine Nichte entgegen, und der Verwalter sagte mit unverkennbarer Aufregung: „Kohring, ivie lange bist Du geblieben! — Wir haben Deinetwegen eine namenlose Angst gehabt-« „Angst um mich?" fragte fast verwundert der Förster. „Freilich, es ist Abend geworden, doch konnte ich das diesen Morgen nicht voraussehen. Meine Angelegenheiten aber sind geordnet», und sich an seine Nichts wendend, setzte er hinzu: „Und sobald Du den Hausstand besorgt und eingepackt hast, Wilhelmine, können wir fortgehen!" „Fortgehen?" wiederholten überrascht diese und Bergmann's. „Fort von hier?" „Ja", entgegnete er mit dumpfer Stimme, „ich muß fort, muß vergessen lernen! — Der Schmerz um die Verlorenen, die Erinnerung an sie, die hier lebhafter als an einem anderen Orte ist, würde mich sonst überwältigen, denn Niemand weiß und ahnt, was ich während dieser letzten Monate gelitten!" Die Frauen konnten sich der Thränen nicht enthalte», der Verwalter aber sagte M herzlichem, theilnehmendem Ton: „Du sollst es vorläufig bei einer Reise bewenden lassen, alter Freund — —^ „Um wieder hierher, zu denselben Menschen und in dieselben Verhältnisse zurückzukehren? — Nein, das kann ich nicht, ich muß eine andere, mir ganz fremde Umgebung haben —" „Und die kleine Anna — Ihre Nichte hier?" „Meine Enkelin nehme ich mit, und Du, Wilhelmine", wandte er sich dann an diese, „willst Du mich ebenfalls in die neue Heimath begleiten?" „Ja, Onkel", antwortete Frau Albrecht bewegt. „Kannst Du Dich aber auch entschließen, die alte aufzugeben, auf lange Zeit von ihr getrennt zu sein?" „Ja, Onkel, das kann ich, denn in der alten Heimath habe ich alles begraben, was meinem Herzen lieb und theuer gewesen!" „Kohring", sagte jetzt die Verwalterin, die noch kein Wort gesprochen sondern nur «oll Besorgnis; die leuchtenden Augen und glühenden Wangen ihres langjährigen Freundes betrachtet hatte, „fast sollte man meinen, Sie hätten bereits einen Aufenthalt, der Ihnen '»sagt, gefunden." „Das habe ich auch, Frau Bergmann." „Und wo ist er?" fragte schnell der Verwalter. „Das ist vorläufig noch mein Geheimniß, und wird es Euch noch lange bleiben, denn Ihr werdet gewiß meinen Wunsch ehren und unseren künftigen Wohnort nicht zu entdecken suchen." „Das kann aber nicht lange währen, Kohring, bedenke, wir Beide sind Vormünder Deiner Enkelin!" Bis zu ihrer Mündigkeit werde ich Sorge für sie tragen", entgegnete entschieden der Förster. „Sollte ihr oder mir etwas Menschliches begegne«, so wirst Du davon in Kenntniß gesetzt!" „Und ihr Vermögrn?" „Verwalte es, wie Du angefangen! — Ich habe es zurückgewiesen, vielleicht thut auch sie es einstmals bei ihrer Mündigkeit!" Eine längere Pause trat em, dann erhoben sich Bergmann's und der Verwalter sagte: „Kohring, wir nehmen heute noch nicht Alles, was Du uns gesagt, als beschlossen und abgemacht an, und hoffen, Du läßt morgen noch mit Dir reden!" „Nein, Bergmann, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe!" „Und kannst Du Dich wirklich so leicht von den Gräbern der Deinen trennen?" „Von ihren Gräbern, nachdem ich mich von ihnen selbst habe trennen müssen? — Sie würden mich, wollte ich hier bleiben, bald nach sich ziehen, und ich muß der kleinen Waise wegen leben, wie ich es ihrer Mutter versprochen! — Auch weiß ich die Gräber hier in guter Hut, und die Geister der Meinigsn sind um mich, wo ich auch bin!" „Guts Nacht denn, Kohring» — —" „Gute Nacht, alter Freund", und er reichte ihm und seiner Gattin seine Hände, „gute Nacht Frau Bergmann! — Erhaltet mir, wo ich sein möge, Eure Freundschaft, ich werde Euch das treueste Andenken bewahren!" Sie drückten sich herzlich und bewegt die Hände, dann gingen Bergmann's ihrer Wohnung zu, der Förster aber in sein Zimmer, nachdem er noch vorher seine schlafende Nichte geküßt. — XIII. Die Kindheitslage von Förster Kohrings Enkelin verflossen in einem herrlichen Walde, an dessen Eingang seine Dienstwohnung lag. Zur Sommerszeit mit den Vögeln Lie in den Bäumen nisteten und sangen, mit den Eichhörnchen, die auf deren Zweige und Aestö umhersprangen; mit den schillernden Schmetterlingen und Insekten, die, wein; sie Blumen pflückte, oder Waldbeeren und Kräuter suchte, sie umflatterten, oder bei ihr im Grase krochen und an ihr vorüberschössen, und dir, wenn sie besonders schön waren, ,re zu hasche» strebte, doch nur, um sie sich genauer anzusehen und ihnen die Freiheit wieder zu geben. Aber auch zur Winterszeit hatte der Wald große Anziehungskraft für des Försters Enkelkind. Wenn da, so weit ihr Auge reichte, der Schnee den Erdboden, die Zweige der Bäume, die grünen Tannen und Gebüsche deckte, so daß sie in der hellen Dezemberoder Januarsonne glänzten und glitzerten, dann jubelte sie laut und eilte, unbekümmert um Kälte und Einsamkeit, bewundernd von Baum zu Strauch, schüttelte diese auch wohl, daß sie einen Theil ihrer Last auf sie herabfallen ließen, und lief dann lachend weiter, gefolgt von einem großen Neufundländer, den ihr der Großvater als Hüter und Gefährte gegeben. Die Waldvogel schrieen dann wohl über ihrem Kopfe, und wären mit den Eichhörnchen näher gekommen, denn sie kannten des Försters Enkelkind, das zur Winterszeit ihnen Futter brachte, allein sie fürchteten seinen Begleiter, dessen tiefes, munteres Bellen weithin hörbar war. Gefahr gab es für sie im Walde nicht, da ihr Großvater, die Forstgehülfen und Jägerburschen stets darin beschäftigt waren, und auch die Axthiebe der Holzhauer, die ringsum herrschende Stille unterbrachen. Ebensowenig kannte sie aber Furcht, denn die Bäume und Sträucher, die Rehe und Hirsche, welche sich blicken ließen, waren ihr gleich lieben alten Freunden vertraut, und von ihrem Wolf begleitet, wäre sie zu jeder Tageszeit in den Wald gegangen, um ihren Großvater aufzusuchen, oder Bestellungen für ihn auszurichten. Fast sieben Jahre hatte bereits Förster Kohring mit seiner Nichte und Enkelin im nördlichen Deutschland gelebt. Sie waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sein Haar merklich ergraut, seine Züge tief gefurcht, doch war ihm die stattliche, aufrechte Gestalt und auch die kräftige Gesundheit früherer Jahre geblieben. Die Zeit hatte den Schmerz um den so frühen Verlust seiner Kinder und Gattin gemildert, doch war seiner Herzensivuude der Stachel geblieben, der sich bald mehr, bald weniger geltend machte. Aus der alten Heimath und von den alten Freunden und Bekannten hatte er wahrend all' der Jahre nichts erfahren; sein Freund, der Nschtsanwalt schrieb ihm zwar bei jedem Jahreswechsel, doch wurden, wie verabredet, nur Geschäftsangelegenheiten erwähnt. Sein jetziger Aufenthalt sagte ihm zu; er hatte einen bedeutend größeren Wirkungskreis als er in Vodenwald gehabt, und war ihm dieser die beste Zerstrennng» Frau Albrecht, die sich während der verflossenen sieben Jahre kaum verändert, fühlte sich ebenfalls in der neuen Heimath wohl, in der sie gleich ihrem Onkel sich jeder Verbindung mit der alten enthalten. Sie war ihm eine treue Tochter, seiner Enkelin eine liebevolle Mutter geworden und stand mit Eifer und Umsicht seiner großen Haushaltung vor. — (Fortsetzung folgt.) T o n k i »r g. Während de Vrazza sich aufgemacht hat, um das Congo Gebiet für Frankreich zu annectiren, ist die französische Republik im Begriff, in Hinter-Asien einen Conflict aufzunehmen, dessen Tragweite noch nicht zu übersehen ist- Die allgemeine Lage scheint freilich keineswegs dafür einladend. Jules Simon bezeichnet sie in seinem neuesten Buch mit dem Worte: „keine Regierung im Innern und i>» Ausland kein Frankreich." Aber vielleicht eben weil die Republik in Europa isolirt und ohne Einfluß ist, fühlen die gegenwärtigen Machthaber das Bedürfniß, ihre Macht im fernen Osten zu heben und sich selbst im Sattel zu halten. So tragen sis denn trotz der immer bedenklicher werdenden finanziellen Lage, welche in sinkenden Einnahmen und steigenden Deficits sich kundgibt, kein Bedenken, fünf Millionen zu fordern, um Frankreichs Ansprüche i» Tonking sicher zu stellen. Daß dieser Credit bewilligt wird, ist kaum zu bezweifeln, obwohl die Masse des sranzösiichen Volkes gar nicht kriegerisch gesinnt ist und genug an der tunesischen Intervention hat, welche ihm so schwere Summen gekostet hat. Wie das Unternehmen ab- — 326 — laufen wird, ist schwer zu ermessen« Es kann gelingen, wenn China neutral bleibt, wird aber selbst in diesem Falle schwerlich wirklich greifbare materielle Bortheile bringen. Jedenfalls wird es nicht ohne Interesse sei», die dortigen Verhältnisse sich kurz zu vergegenwärtigen. Bis zum 15. Jahrhundert war Tonking Vasallenstaat China's; 1428 erreichte es unter China's Suzerainetüt und der Li-Dynastie eine Selbständigkeit, welche 300 Jahre dauerte. Im 18. Jahrhundert brachen dynastische Kämpfe aus, und einer der Prätendenten rief auf den Rath eines französischen Missionärs Ludwig's XVI. Hülfe an, die dieser durch einen Vertrag vom 28. Ncvember 1787 zusagte; als Aeguivalent war die Abtretung der Bai und Halbinsel von Turon an Frankreich zugesagt. Die Revolution verhinderte die Ausführung dieses Vertrages. 1858 führte eine Christenverfolgung in Annam zu einer französisch-spanischen Intervention, die unter Einfluß eines Bürgerkrieges mit der Eroberung der drei Südprovinzen von Cochin-China: Mytho, Saigun und Bienhoa, endete. Der Führer der Aufständischen bot sogar Frankreich das Protectorat über ganz Anna»» an, aber der französische Admiral lehnte dies ab. Der Rothe Fluß war damals noch nicht bekannt, und Niemand ahnte die Wichtigkeit, »wiche seine Entdeckung Tonking verleihen würde, indem dessen Besitz nicht nur dem Eigenthümer eine fruchtbare Provinz, sondern auch eine große Handelsstraße nach der südchinesischen Provinz Wnnan gibt, welche damals noch in den Händen von Rebellen war. Diese Entdeckung ist Jean Dupuis zu verdanken, welcher 1860 nach China kam, als der englische Admiral Hope den Jang-tse-Kiang heraufging, um die drei neuen Häfen auszuwählen, welche nach dem Vertrag von Tientsin dem fremden Handel eröffnet werden sollten. Dupuis ließ sich in dem obersten derselben, Hankau, nieder, studirte das Land und die Mittel, europäische Handelsbeziehungen auszudehnen, wofür er sein Auge besonders auf Süd-China warf. Er wußte, daß es den Franzosen mißlungen war, dorthin durch Kambodja und auf dem Me-Klong vorzudringen; er unternahm es, die Aufgabe durch den Song-Klong oder Rothen Fluß zu lösen, der in Jünnan entspringt und Tonking von Nord-Ost nach Süd- West durchzieht. Er schloß sich 1870 dem chinesischen Befehlshaber Ma an, welcher damals gegen die muselmännischen Aufständischen zu Felde lag, und führte von der Grenze von Tonking unter großen Gefahren und Mühen eine Reise aus, die ihn schließlich an den Rothen Fluß brachte, den er bis Kuen-Si, dem ersten annamitischen Posten befuhr, wo man ihn nöthigte, umzukehren. Die mögliche Verbindung aber war festgestellt, und nicht minder hatte er auf seiner Fahrt gesehen, daß das Land reich an tropischen Pro- ducten, Kohlen, Eisen, Zinn, Kupfer und Silber sei. Die Chinesen hätten sich dasselbe gern durch ihn gesichert; aber er hatte Frankreichs Interessen im Auge und ging nach Paris, um die Hülse der Regierung für seine Pläne nachzusuchen. Thiers aber hatte 1872 an andere Dinge zu denken, und lehnte ab. Dupuis rüstete auf seine Kosten ein kleines Geschwader aus, kam damit Ende dieses Jahres im Tonking-Busen an und entdeckte einen Canal, der ihn nach Hanoi, der Hauptstadt der Provinz, 30 Meilen von der See, führte. Die Ankunft dieser ersten europäischen Expedition erfüllt« die annamitischen Mandarinen mit Schrecken; sie wagten nicht, dieselben offen anzugreifen, aber verhielten sich doch feindlich, worauf Dupuis sie mit seiner kleinen Schaar angriff und in die Citadelle trieb, indem er sich der Stadt bemächtigte, deren Einwohner sich freundlich zeigten. Mit der Hüfte seiner Leute zog er dann auf dem Rothen Strome weiter nach Jünnan, wo er den ihm bekannten chinesischen General traf, der nunmehr den Aufstand unterdrückt hatte. Nach seiner Rückkehr nach Hanoi schickte er einen Vertrauten nach Saigun, um dem französischen Gouverneur klar zu machen, daß das Erscheinen einer kleinen französischen Macht hinreichen würde, um das französische Protectorat über zehn Millionen Tonlingesen aufzurichten, die das annamitische Joch haßten, aber zu schwach feien, es abzuschütteln. Die Franzosen hatten inzwischen ihren Besitz in Cochinchina durch wiederholte Annexionen erheblich ausgedehnt. Der Gouverneur Duprö sandte nun den Lieutenant Garnier nach Hanoi, welcher von der Regierung die Oeffnung des Rothen — 327 — Flusses fordern sollte. Je nach der Haltung des Hofes zu Huä sollte das Vorgehen zu einem Protectorat oder Gründung einer Colonie führen. Garnier, der das Land bereits gut kannte, erschien am 6. November 1873 mit einer kleinen Macht in Hanoi, kam sofort mit den Mandarinen in Conflict, besetzte die Stadt und nahm die Regierung des Landes mit bc!vuiid,rnswerther Energie in die Hand. Aber in einem Treffen mit Räubern fiel er frühzeitig und inzwischen war auf Andringen des Hofes von Huä von Saigun Air. Philaster gesandt, der alles rückgängig zu machen suchte, was Garnier gethan, Hanoi wurde geräumt und Dupuis gezwungen, sich zurückzuziehen. Der Vertrag vom 15. Mai 1874 anerkannte indeß die frühern Annexionen Frankreichs und beseitigte die Suzerainetät China's, indem die Unabhängigkeit des Königs von jeder fremden Macht in einer besondern Clausel ausgesprochen wurde. Annam versprach, seine auswärtige Politik nach der Frankreichs zu richten, wofür dieses ihm Schutz gegen fremde Intervention und Seeräuber zusicherte und militärische Jnstructoren, Ingenieure und Zollbeamte zu schicken versprach. Der christlichen Religion wurde volle Duldung zugesagt, drei Häfen in Tonking und der ganze Lauf des Rothen Flusses sollte dem auswärtige» Handel geöffnet sein, und in jenen Häfen französische Consuln eingesetzt werden mit Gerichtsbarkeit über alle fremden Ansiedler jeder Nation, die auch nur mit französische» Pässen im Lande reisen dürften. Dieser Vertrag, gegen den China sofort kraft seiner suzsrainen Rechte über Tonking protestirte, zeigte sich in zwei Hauptpunkten als unausführbar. Ein Mal konnte kein auswärtiger Staat zugestehen, daß seine Angehörigen, welche in einem als unabhängig anerkannten Lands wohnten, der Gerichtsbarkeit französischer Beamten unterworfen seien, und bei etwaigen schweren Anlagen zur Aburtheilung nach Frankreich geschickt werden könnten. Sodann ist aber der Rothe Fluß nicht wirklich geöffnet, weil einerseits Räuberbanden dem entgegentraten, anderseits chinesische Truppe» von Norden in Tonking einrückten, indem der Hof von Peking nicht erlauben will, daß Frankreich in einer von ihm abhängigen Provinz die große Verbindungsader zwischen Minna» und der See beherrscht; Annam aber erklärte sich außer Stande, den Vertrag gegen diese doppelten Störungen durchzuführen. Daraus ergaben sich denn fortwährende Conflicte, in deren Verlauf die französische Politik je nach den innern Strömungen wechselte. Der Gesandte der Republik in Peking, Mr. Bourröe, hat in einem Vertrage die suzerainen Rechte China's anerkannt, wie behauptet wird mit Zustimmung des Präsidenten Grövy, welcher der ganzen Unternehmung abgeneigt ist. Das gegenwärtige Ministerium aber hat die Ratifikation des Vertrages verweigert, den Gesandten abberufen und will ostensibel den Vertrag von 1874 zu voller Ausführung bringen, thatsächlich Tonking in einer oder der andern Form unter Frankreichs Botmäßigkeit bringe». Es braucht kaum gesagt zu werden, daß England bei seiner Stellung in China diesem Unternehmen eben so ungünstig ist, wie den Ansprüchen, dir Frankreich in Madagascar und . am Congo geltend machen will. (Kreuzzeitung.) Soldköruer. 0. Es ist Geduld ein rauher Strauch Voll Dornen aller Enden, Und wer ihm naht, der merkt es auch An Füßen und au Händen. Und dennoch sag' ich laß die Müh' Dich nimmermehr verdrießen, Sci's auch mit Thränen spät.und früh Ihn treulich zu beziehen. Urplötzlich wird er über Nacht Die Mühen Dir belohne», Wenn über all den Dornen lacht Ein Strauß von Dornenkrone». Wilhelm Wackernagel. 328 Miseell-n. („Oh, Abraham!") Unter diesem Titel erzählt ein Amerikanisches Blatt nachfolgende für den Charakter, wie für das Familienleben des unvergeßlichen Präsidenten Lincoln bezeichnende Anekdote: In der Nacht, die der Präsidentenmahlversammlung in Chicago vorherging, kam Lincoln erst um 11 Uhr Nachts nach Hause. Am folgenden Morgen machte Mrs. Lincoln, welche nicht eben die sanftmüthigsten Anlagen besaß, ihrem Galten sehr ernste Vorstellungen. Sie gab ihm ziemlich zu verstehen, daß ihn die Politik zu schlechten Gewohnheiten verleite, ihn bis spät in die Nacht in allerlei Wirthshäuser führe, während sie mit den Kindern allein aufbleiben müsse, und daß sie keineswegs gesonnen sei, derlei Unregelmäßigkeiten zu dulden. „Heute," schloß sie ihren Sermon, „sage ich Dir, Abraham, gehe ich punkt zehn Uhr zu Bett. Wenn Du vor dieser Zeit nach Hause kommst, dann ist's gut, wenn nicht — ich stehe nicht auf, um Dich einzulassen.« Zehn Uhr schlug es an dem betreffenden Abend, und Mrs. Lincoln ging, getreu ihrem Worte, mit den Kindern zu Bette. Etwa eine Stunde später klopfte Lincoln an das Hausthor. Er klopfte einmal, zweimal, ja sogar dreimal, ehe ein Fenster im Oberstock geöffnet wurde, und eine weibliche Nachthaube zum Vorschein kam. — „Wer ist da?" — „Ich." — «Du weißt, was ich Dir gesagt habe, Abraham!" — „Ja, aber Frau, ich habe Dir etwas ganz Besonderes mitzutheilen. Laß mich ein!" — „Ich brauche nichts zu hören. Wahrscheinlich wieder irgend ein politischer Unsinn!" — Aber, Frau, es ist sehr wichtig. Ich habe eine telegraphische Depesche erhalten, daß ich zum Präsidenten erwählt worden bin." — „Oh, Abraham!" rief nun Mrs. Lincoln im Tone der höchsten Indignation: „das ist wirklich zu arg!" Ich habe bisher nur vermuthet, daß Du Dich auswärts betrinkst, nun aber weiß ich es! Geh nur Deiner Wege und schlafe Dich dort aus, wo Du Dir Deinen Rausch angetrunken hast!" Und raffelnd ging das Fenster nieder. Zur nicht geringen Verwunderung der liebenswürdigen Frau bestättigte sich am nächsten Tage, daß der beste Anekdotenerzähler der ganzen Umgegend in der That be- rusen worden war, 40 Millionen seiner Mitbürger zu regieren. (Ein drolliger Brief) mit einer Einlage von 50 Mark ist dieser Tage an einen Berliner Nechtsanwalt von einem, seiner Clienten angekommen. Das Schreiben lautet: „Bester Herr Anwalt! Sie haben mich vor etwa 6 Monaten vertheidigt, wo ich einen Hund auf den Haussirer Wenzlaff gehetzt, den das Thier furchtbar zerrissen und ich noch gehauen haben soll. Ich konnte damals blos 10 Mark Vorschuß geben, aber Sie haben doch einen von Ihren Arbeitern hingeschickt, der seine Sache sehr gut gemacht hat, denn ich mußte selber staunen, daß ich freigesprochen wurde. Ihr Vertreter sprach für mich so schön und so merkwürdig, daß ich beinahe selber glaubte, der Wenz- laff hat Unrecht. Wenn der Herr noch lange gesprochen hätte, so wäre es beinahe dahin gekommen, daß der Hund nicht den Wenzlaff, sondern der Wenzlaff den Hund gebissen hat. Ich bedanke mich für die Freiheit, die ich Ihnen verdanke, und schicke Ihnen hier noch 50 Mk. als Lohn für die Vertheidigung, wovon Sie ja dein jungen Mann etwas abgeben können." (Aus dem Gerichtssaale.) Richter: „Ihr seit heute schon zuu sechzehnten Male wegen Taschcndiebstahls vor Gericht." — Angeklagter: „Es ist nicht meine Schuld, Gnaden Herr Gerichtshof, denn bevor man noch rechte Zeit hat zum Ehrlichwerden, sperr'n s' Einen ja schon wieder ein." (Eins nach dem andern.) Kellner: „Herr Wirth, die Gäst' halten sich auf, daß das Essen zu wenig gesalzen ist." — Wirth: „So? Na — die soll'n nur warten, bis ich mit der Rechnung komm'." (Schiefe Ansicht.) Maler: „Ja, Freund, was ist's denn mit Dir, Du hast ja gar nix mehr als Versatzzetteln!" — Schreiber: „Ja, weißt, bei der jetzigen Zeit ist's das allerbeste, man legt ftin Vermögen in Pfandbriefen an." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.