Nr. 42. 1883. ,ur „Äiigsimrger Pojheitima." Samstag, 26 . Mai Des Jörsters Enkelkind. « Original-Novelle von MaryDobson. (Fortsetzung.) Des Försters Enkelkind, jetzt fast zehn Jahre alt, hatte mit seinem Aufenthalt auch seinen Namen gewechselt» denn Ersterer wollte nie mehr das Wort Bodenwald hören, wie es auch nicht über seine Lippen kam. Anna führte den Namen Herfeld, galt aber im Uebrigen für das, was sie war und hatte in der neuen, ihr überaus zusagenden Heimath, nicht die geringste Erinnerung an Bodenwald, den Buchenhof und die Familie Bergmann behalten, ebenfalls war ihr ihr eigentlicher Name fremd und sie kannte sich nur als Anna Herfeld. Sie hatte sich kräftig entwickelt, und ward täglich ihrem Vater ähnlicher, eine Aehnlichkeit, die oft den Förster schmerzlich überraschte. Ihre tiefblauen Augen blickten bald ernst und sinnig, bald lebhaft und munter, je nach den Gefühlen, denen sie Ausdruck gaben; sie konnten aber auch zornig funkeln und dann glich Anna Herfeld vollkommen dem Landkammerrath von Bodenwald. Sie hatte ein charakteristisches, ein Familiengesicht, das man jedoch für den Augenblick, da es für ihre Jahre zu alt war, kaum hübsch finden konnte. Ihr goldblondes Haar legte sich in reichen Wellen um eine zu hohe weiße Stirn; ihre feingebogene Nase, wenn sie auch dem Kinserantlitz etwas Aristokratisches gab, war für dies zu groß und um den selten schön geformten Mund. lagerte «in zu ernster Zug, der selbst, wenn Anna lächelte, nicht ganz schwand. Von der Natur mit reichen Anlagen, mit einem weichen Herzen und Gemüth ausgestattet» hatte sie früh schon ein großes Verständniß für die Gefühle und Leiden Anderer. Sie wußte, daß ihres Großvaters stetem Ernst, den sie nur selten auf Augenblicke weichen sah, frühere traurige Familienereigmfse zu Grunde lagen, und kannte so viel wie erforderlich» diese auch. Ebenso wußte sie, daß ihre Tante herbe Schicksale und viel Leid erlebt, und daß Beide nicht gern auf die früheren Jahre zurückkamen, weshalb sie auch mit zunehmendem Alter nur selten der Vergangenheit erwähnte. Das Försterhaus von Vahrenwald — so hieß auch das nächste Kirchdorf — lag an einer Landstraße, welche durch den Forst führte, und hatte zu beiden Seiten verschiedene Nebengebäude. In ersterem herrschte zu jeder Tageszeit reges Treiben, wie es eine rege Haushaltung mit sich brachte, die Frau Albrecht fast den ganzen Tag in Anspruch nahm, und mit ihr, ungeachtet des langjährigen Dienstmädchens, ihre Nichte, die ihr in allen Arbeiten geschickt zur Hand ging. Die freien Nachmittagsflunden wurden zu Anna's Unterricht verwandt, die bisher noch keine Schule besucht hatte. Der Förster wollte sie deshalb weder in'S Dorf schicken, noch sie in der entfernten Stadt in Pension geben, sondern er und seine Nichte halten beschlossen, eine Erzieherin anzunehmen, die sich ihr den ganzen Tag widmen konnte. Dies war für den Winter bestimmt, während des Sommers sollte Anna sich noch ihrer Freiheit freuen. Frau Albrechts Bemühungen, um ihrer Nichte verschiedene Fertigkeiten beizubringen, waren indeß nicht ohne Erfolg geblieben. Sie hatte längst die Anfangsgründe alles Wissens, Lesen, Schreiben und Rechnen inne, und auch die Anfangsgründe aller Geschick« lichkeit, Stricken und Nähen, begriffen. Wenn auch in allem erlernten Wissen gegen andere Kinder ihres Alters und Standes zurück, hatte Anna viel aus eigener Anschauung und Beobachtung der Natur gelernt, und so glaubten denn ihr Großvater und ihre Tante, daß bei ihren glücklichen Faffungsgaben sie das bisher Versäumte leicht nachholen werde. Als eines Nachmittags — es war um die Mitte Juni — Frau Albrecht und ihre Nichte vor der Thür saßen, wie dies stets bei schönem Wetter geschah, und Letztere zum ersten Mal nach gedruckten Vorlagen geschrieben, näherte sich der Förster, eine» bereits geöffneten Brief in der Hand haltend, und- zu ihm aufblickend gewahrte Frau Albrecht eine nicht zu verkennende Erregung seiner Züge. Bei diesem Anblick, wie beim Anblick des großdn Siegels, das sich auf dem Schreiben befand, bemächtigte sich ihrer ein- sichtliche Unruhe, welche dem scharfen Auge des Försters nicht entging, welcher auf seine Hand blickend, sagte: „Dieser Brief ist von unserer Nachbarin, der Gräfin Steinhorst. Ein Bote, den ich unterwegs getroffen, hat ihn mir übergeben!" „Von der Gräfin Steinhorst?* fragte erstaunt Frau Albrecht. „Ja, und der Inhalt wird Dich eben so sehr überraschen, wie er mich überrascht hat!" antwortete der Förster, neben seiner Enkelin auf der Bank Platz nehmend. „Da bin ich neugierig, ihn zu erfahren, Onkel, denn die Gräfin Steinhorst muß eine besondere Veranlassung dazu gehabt haben, an den Förster Kohring zu schreiben!" Dieser antwortete nur durch einen bedeutungsvollen Blick und das Heft seiner Enkelin sehend, sagte er in ermunterndem Ton, während seine Züge sich etwas erheiterten: „Das hast Du recht hübsch geschrieben, Anna, die neuen Vorlagen gefallen Dir wohl? — Uebrigens sehe ich, daß Du schon sehr fleißig gewesen bist, denn da liegt ja Dein Lesebuch und Deine Tafel, auf der ein Exempel neben dem andern steht!" Das erhaltene Lob hatte auf Anna's Gesicht ein leichtes Erröthe» hervorgerufen und die Feder bei Seite legend erwiderte sie: „Ja, Großvater, ich habe auch schon gelesen und gerechnet, und will noch die neuen Handtücher nähen!" „Laß das heute, Anna", unterbrach ihre Tante. „Wir haben hier schon zwei Stunden gesessen und Du kannst zu Christine in den Garten gehen!" „Ich habe für beide eine Besorgung", sagte jetzt der Förster, und wollte sie in's Dorf schicken-" „In's Dorf? Nach Vahrenwald?" rief lebhaft Anna, welcher die Aussicht auf eine Abwechselung sehr zusagte. „Was sollen wir dort, Großvater?" Der Holzhauer Steffen hat mir gesagt, daß seine kranken Kinder kräftige Speisen genießen dürfen, und da meine ich, Ihr könntet seiner Frau Einiges zubereitet hintragen; Wilhelmine", wandte er sich dann an seine Nichte, „füge auch einige Flaschen von dein guten alten Wein hinzu, damit die arme Frau, die durch die Pflege so lange gelitten, wieder zu Kräften kommt!" Frau Albrecht entfernte sich, um in umfassender Weise den Wunsch ihres Onkels zu erfüllen, Anna aber brachte ihre verschiedenen Arbeiten in Sicherheit und eilte dann in den Garten zu Christine, welche ebenso erfreut war, über die Aussicht in's Dorf zu gehen, wo sie Bekannte hatte. Beide machten sich zum Ausgehen bereit und traten bald, nachdem Anna von ihrem Großvater und ihrer Tante Abschied genommen, mit einem größeren und kleineren Korbe, von Wolf begleitet den Weg an. Der Förster hatte unterdeß in ernstem Nachdenken dagesessen, und sich in dichte Tabakswolken gehüllt. Als seine Nichte ihren Platz wieder eingenommen, begann er» auf das Schreiben deutend: „Der Brief macht mir große Sorge, Wilhelmine! — Lies ihn mir noch einmal vor, damit wir den Inhalt überlegen und einen Entschluß fassen können!" Neugierig öffnete ihn Frau Albrecht; er war mit fester deutlicher Geschäftshand geschrieben, die nicht die schon ältere Dame verrieth, und lautete: «Herr Förster! Erlauben Sie mir hierdurch eine Anfrage. Wären Sie geneigt einen jungen Menschen, lassen Sie mich nur gleich sagen meinen Enkel, als Eleven oder Pensionär» für ein Jahr, vielleicht auch länger bei sich aufnehmen? Er ist 16 Jahre alt, hat Ostern die Schule verlassen, und ist von zarter Gesundheit, weshalb ich Beschäftigung in der freien Luft zuträglich für ihn halte. Zugleich ist es für ihn, der nach seiner Mündigkeit die Verwaltung dreier Güter antreten soll, erforderlich, daß er die nöthigen Kenntnisse dazu erlangt, und müssen sich diese auch auf das Forstsach erstrecken. Vor allen Dingen aber liegt mit bei seiner Jugend daran» ihn den Händen eines tüchtigen verständigen Mannes zu übergeben, als welcher Sie genugsam bekannt sind. Können Sie daher auf meinen Wunsch eingehen, so lassen Sie es mich morgen missen» wo ich Ihnen dann Waldemar vorstelle» und das Weitere mit Ihnen überlegen werde» Mit aller Hochachtung Eleonore Gräfin v. Steinhorst." Frau Albrechts Hand sank in den Schooß, sie blickte auf ihren Onkel, der sich und sie fast mit Tabakswolken umgeben und langsam sagte: «Nun, Wilhelmine, was meinst Du zu dem Vorschlag der Gräfin?" „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, Onkel", entgegnete diese nachdenklich. «Wie richtig auch Alles ist, was sie schreibt, wundert es mich dennoch, daß sie, die als adelstolz bekannt ist, und für ihren Enkel gewiß «in Unterkommen in Familien ihres Standes finden könnte —" Diesen dem Förster von Vahrenwald übergeben will, nicht wahr?" ergänzte der Förster mit gerunzelter Stirn. „Nun ja, Onkel —" „Du hast nicht unrecht, Wilhelmine, und auch ich hätte es von der Gräfin kaum geglaubt. Außerdem", setzte er nach einem liefen Zuge aus seiner Pfeife hinzu, „will mir der Gedanke nicht in den Sinn» daß wir wiederum mit Adeligen in Verbindung treten, nachdem ich mit ihnen abgethan zu haben gemeint, nachdem so lange Jahre darüber hingegangen daß —" und innehaltend blies der Förster gewaltige Rauchwolken vor sich hin. Auch seine Nichte blickte schweigend in's Weite, über die ihr liegende Grasfläche hinweg, in den dichten Wald, der im saftigen Sommergrün, beleuchtet von der Nachmittagssonne vor ihnen lag. Nach längerer Pause sagte sie in herzlichem Ton: „Laß die Vergangenheit ruhen, Onkel, und wecke nicht die Todten, die so lange sanft geschlummert! — Denke nicht an jene Zeit zurück-" „Wilhelmine", stieß fast heftig Kohring hervor, „kann ich denn unterlasse», daran zu denken, wenn ich doch das verwaiste Kind um mich habe, und täglich und stündlich daran erinnert werde, was es in zarter Kindheit verloren, und verloren durch die Schuld — —" „Onkel, ich bitte Dich nochmals, sprich nicht weiter", unterbrach ihn, Thränen im Auge, feine Nichte. «Ich muß, Wilhelmine, es muß einmal wieder über meine Lippen!" fuhr hastig der Förster fort. „Nachdem sieben Jahre darüber hingegangen» daß der Adelstolz und Hochmuth eines Menschen, dreien der Meinigen das Leben gekostet, und mich gezwungen, die alte Heimath und theure Freunde zu verlassen, ich schwer, unaussprechlich schwer gelitten, und geglaubt, für alle Zeiten mit Seinesgleichen fertig zu sein, kommt plötzlich diese Gräfin Steinhorst mit ihrem Anliegen --" 332 „Schlag es ihr ab", unterbrach Frau Albrecht, „es wird sich schon ein gütiger Grund dazu finden! Thue das lieber jetzt, damit nicht später Dich der Anblick des jungen Menschen aufregt und Dir schadet." „Du hast Recht, Wilhelinine", entgegnets ruhiger der Förster und nahm das Schreiben vom Tische auf. Was kümmert uns auch der Enkel der Gräfin Stcinhorst, den ich im Leben noch nie gesehen!" und langsam den Brief entfaltend, begann er ihn noch einmal zu lesen. Seine ihn aufmerksam beobachtende Nichte gewahrte bald, daß in seinen Zügen eine Verändeung vorging; der traurig düstere Ausdruck schwand etwas« „Wilhelmine", sagte der Förster, „wir wollen noch keinen Entschluß fassen, ich will nur die Sache bis morgen überlegen." „Thue das Onkel," antwortete ruhig Frau Albrecht, „und laß uns jetzt von andern Dingen reden. Ich will die Zeitungen holen-" „Sieh einmal die Landstraße hinunter," fuhr lebhafter der Förster fort, „kommt da nicht ein Wagen durch den Wald? Wahrhaftig! und ich glaube, es sind die vier Füchse der Gräfin! Sollte sie es gar selbst schon sein?" „Unmöglich, Onkel, sie hat ja kaum den Brief geschickt!" Den habe ich gleich am Nachmittag in Empfang genommen, und sie mag Eile haben!" erwiderte Kohring und den Brief in die Brusttasche steckend, erhob er sich lind that einige Schritte um die Rasenfläche. Bald sah er, daß er sich nicht getäuscht. Der Wagen kam näher, fuhr auf den Forsthof und hielt nach wenigen Sekunden vor dem Wohnhause. Den Schlag öffnend half er der Gräfin beim Aussteigen, die ihn und seine Nichte förmlich begrüßte, während der Wagen bei Seite fuhr. Sie war eine kleine Frau von zartem Körperbau, die bereits das sechzigste Jahr überschritten, mit ernsten strengen Gesichtszügen, denen man es ansah, daß auch ihr das Leben Sorge und Kummer gebracht, ein Ausdruck, dem die kalt und gemessen blickenden hellblauen Augen nicht widersprachen. Kaum hatte sie der Höflichkeit genügt, als sie sich an Kohring wendend hastig fragte: „Wie ist es, Herr Förster, haben Sie meinen Brief gelesen, und meinen Vorschlag erwogen?" „Meine Nichte und ich haben soeben darüber gesprochen, Frau Gräfin", antwortete Kohring, sie zu der Bank führend. „Und meinen Sie darauf eingehen zu können?" „Wir haben noch keinen Entschluß gefaßt!" „So lassen Sie uns die Sache jetzt besprechen und wenn möglich abschließen", fuhr die Gräfin mit unverkennbarer Aufregung fort. „Ich habe nämlich diesen Nachmittag einen Brief von meiner Tochter bekommen, dir, was Sie wohl kaum wissen, an einen Gutsbesitzer in Schlesien verheirathet ist. Durch einen unglücklichen Sturz vom Pferds kränklich geworden, ist augenblicklich der Zustand meines Schwiegersohnes sehr bedenklich, so daß sogar die Aerzte eine Gehirnerweichung für ihn befürchten. Meine durch diese Erklärung schwer getroffene Tochter wünscht meinen baldigen Besuch, da auch um diese Zeit ihre älteste Tochter sich verheirathet, und sie sehr in Anspruch genommen wird. Es war meine Absicht, nachdem ich Waldemar untergebracht, den Winter in Schlesien zu verleben, doch hatte ich nicht daran gedacht, daß sie meiner schon so bald bedürftig sei!" „Sollte der jünge Graf Sie nicht gern begleiten wollen?" siel der Förster ein. „Das ist mir gleichgültig", entgegnete sie mit kälterer Stimme, „er muß sich darein fügen, was ich für rathsam halte. Doch ich habe Ihnen das Alles geschrieben und frage Sie nun, ob Sie meinen Enkel, wenigstens während meiner Abwesenheit hierher nehmen wollen, weil ich sonst kaum weiß, wo ich ihn unterbringen soll", und ihre Gesichtszüge nahmen einen berümmerteu Ausdruck an. (Fortsetzung folgt.) Die sixtinische Kapelle in Rom. Mit Schmerz las Einsender dieser Zeilen in Nr. 39 der „Neuen Augsburg« Zeitung" eine Notiz, datirt Nom, 12. Februar 1883 folgendes: „Wie die „Capitale" versichert, wird der einst weltberühmte Chor in der sixtinischen Kapelle immer kleiner und unbedeutender. Der ganze Chor soll nur aus wenigen Sängern dritten Ranges bestehen. Hoffentlich ist die Meldung der „Capitale" nicht buchstäblich wahr, wenn aber, so ist der schwerwiegende Inhalt obiger Zeilen der, daß die sixtinische Kapelle in Bälde aufgelöst sein dürfte. Es ist deßwegen wohl ganz und gar opportun, in kurzen bündigen Sätzen der sixtinischen Kapelle auch in diesen Blättern, welche stets für das Schöne und Edle ihre Spalten öffnen, zu gedenken. Ein doppelter Begriff -liegt in den Worten „sixtinische Kapelle". Für's erste bezeichnet man damit eine der Hauptsehenswürdigkeiten Noms im Vatikan, für's zweite wird damit die Gesangesschule selbst bezeichnet, welche feit Jahrhunderten unsterblichen Namen führt, an welcher die größten Meister gewirkt, und in welcher Compositionen zu Gehör geführt wurden, wie sonst vielleicht nirgends. Die Kapelle selbst, schlechthin auch nach dem Papst Sirius IV. (1471—1484) Sixtina genannt, wurde 1473 durch den römischen Baumeister Pintelli angelegt. Dieselbe ist ungemein reich ausgestattet und stellt ein Muster architektonischer Schönheit dar. Das Schönste in derselben ist das Fresko- Gemälde „das jüngste Gericht", von dem Maler Michael Angelo (geb. 1474, gestorben zu Rom 1504), welcher dasselbe unter dem Papste Clemens VI!. innerhalb des Zeitraumes von sieben Jahren malte. Das Bild hat die kolossale Höhe von 60 Fuß und nimmt die ganze Altarmand der Kapelle ein. In dieser Kapelle werden die unsterblichen Werte eines Palestrina, eines Allegri u. s. w. aufgeführt von der weltberühmten Sängerschule, der sixtinischen Kapelle. In Nom bestanden seit dem Papste Gregor den: Großen Sängerschulen, berühmt weit und breit, aus diesen Schulen nun wurde die sixtinische Kapelle gebildet, und war so gleichsam die Elite der Elite. Das Institut wurde gegründet 1545 unter Papst Paul III. (1534—1549), gerade in einer Zeit, in welcher der kirchliche Gesang ausarten wollte, so daß das Concil von Trient ausdrücklich befehlen mußte: „al» ooolcsiis varo urusioas aas, ubi snD ur->Äiu>, oivs cniitu lauoivuin uut impurum ali^uict mii-cmtur, nrosant.^ Palestrina selbst, welcher durch seine „nstssu Llarealli" den Ehrenamen eines Homer der älteren Kirchenmusik sich erwarb, und sich desgleichen durch seine „Impro^Lria" unsterblichen Ruhm erworben, war eine Zeit lang Vorstand der sixtinischen Kapelle, wurde aber wegen Verheirathung unter Papst Paul entlassen, später wieder aufgenommen, weil ein Palestrina nur allein der damalige Dirigent sein konnte. Die Mitglieder der Kapelle dürfen nämlich nicht verheirathet, und nicht über dreißig Jahre alt sein; sie müssen aus guter Familie stammen und dürfen noch nie gerichtlich bestraft worden sein. Alle haben priesterliche Kleidung und die Tonsur zu tragen, und müssen fünf verschiedene Prüfungen bestehen im Choral-, im Figuralgesang und im Contrapunkt. Daß sämmtliche Mitglieder sich nur aus den tüchtigsten, geschultesten Sängern rckrutiren, mag auch daraus erhellen, daß Proben nur im äußersten Nothfall gehalten werden. Die Sänger haben bei allen gottesdienstlichen Handlungen, die der Papst selbst vornimmt, den Gesang zn besorgen, und jedes: muß. demselben bei seiner Aufnahme, welche durch Abstimmung geschieht, Treue geloben. Zu dem Archiv, in welchen: sich gegen fünfhundert Gesangesstücke befinden, die sonst nirgends auf der Welt sind, hat außer dein jeweiligen Kapellmeister Niemand Zutritt, außer der heilige Vater gäbe speziell seine Erlaubniß dazu. Der letzte berühmte Direktor war Baust, der jetzige heißt, wenn wir uns nicht täuschen, Mustapha. Das Großartigste, was man in Musik und Gesang leisten kann, wird von der Kapelle aufgeführt in der heiligen Charwoche, und die Perle aller Aufführungen ist die des Miserere am heiligen Charfreitag. Dasselbe ist von Gregorio Allegri, neben Palestrina der berühmteste Componist aus der altitalienischen Schule, Hnd ist zweichörig. Dasselbe muß wirklich großartigen, gewaltigen Eindruck machen. Kaiser Leopold I. (1657—1705) erbat sich eine Abschrift, die er auch erhielt; — 334 — es wurde in Wien aufgeführt, doch lange nicht mit dem Erfolg und der Wirkung, wie zu Rom. Deshalb glaubte man, der römische Kapellmeister habe ein unechtes gesandt, und er wurde abgesetzt. Nachdem er sich gerechtfertigt, wurde er wieder aufgenommen; das echte Miserere hatte er wohl nach Wien geschickt, aber den Geist, welcher demselben innewohnt, konnte er eben nicht absenden. Der Heroe der Musik, Mozart, hörte es zweimal und schrieb es dann auswendig nieder. Im Jahre 1860 wurde es in Wien wiederholt aufgeführt und ist jetzt eine Abschrift von demseben vorhanden in der Nusisa saora bei Kühne!. Auch vom König Friedrich Wilhelm IH. von Preußen ist bekannt, daß er im Jahre 1822 in Rom die sixtinische Kapelle hörte und die Aufführungen derselben ungemein lobte. Von dem bedeutenden Musikkenner und Musiker Mendelssohn dagegen wissen wir, daß er, nachdem er die Kapelle gehört, in einem Brief an seinen Lehrer Zelter in Berlin schrieb, daß die Leistungen nicht gar so großartig seien, wie man ihm erzählt, und wie er gelesen. Betreffs dieses Urtheils dürften vielleicht die Worte hierher gesetzt werden: „äs ^ustibus non s^t ämputunäum." Hoffen wir, daß das weltberühmte Institut nicht seinen Ruhm verliert oder gar auf den Aussterbeetat gesetzt wird! Wer des Weitem sich mit der Kapelle beschäftigen will, findet hinreichenden Stoff in der „Geschichte der sixtinischen Kapelle" von Adrien de la Zage und in der „päpstlichen Süngerschule in Rom" von Eduard Schelle. Was uns -er Strumpf erzählt. Der Gebrauch der Strümpfe, wie wir sie heut' zu Tage tragen und jetzt täglich unter den fleißigen, deutschen Frauenhänden entstehen sehen, ist noch nicht so gar uralten Datums und Ursprunges. Die Alten trugen bekanntlich überhaupt keine Strümpfe; die Römer umwickelten ihre Beine mit Binden, und auch später bedienten sich ihrer vorerst nur Weiber, Kranke oder für weichlich geltende Personen. Erst im 5. und 6. Jahrhundert wurde der Gebrauch durch die Germanen ein allgemeiner, und zwar bestanden jene Strümpfe aus Leder, Tuch oder Wollenzeug, und waren mit den Hosen gleich verbunden, bis dann — erst im Jahre 1560 — durch die Schweizer gestrickte Strümpfe aufkamen. Die Königin Elisabeth von England (1556—1603), welche nicht nur, wo sich irgend eine Gelegenheit bot, die brittische Mannfactur zu fördern suchte, sondern auch außerdem eine große Vorliebe für fremde, schöne Kleidung und Moden besaß, mochte fortan gar keine Tuchstrümpfe mehr tragen, nachdem man in ihrem dritten Negierungsjahr, so bald gestrickte Strümpfe aufgekommen waren, ein Paar davon ihr überreicht hatte, so wohl war sie zufrieden mit der neuen Errungenschaft. Diese Strümpfe der Königin bestanden aus Seide, und waren in England selbst verfaßt, d. h. gestrickt worden, was als einen sehr großer Triumph der Kunst und Wissenschaft galt; die Strümpfe damaliger Zeit bestanden sämmtlich und allgemein aus Seide, Leinwand, Wolle, gezwirnter Gaze, feinerem Garn oder Tuch von allen Farben, mit Zwickeln, offenen Säumen u. s. w. Maria Etuart z. B., Elisabeth's besiegte Feindin, trug bei ihrer Hinrichtung Strümpfe von blauer Wolle mit Silber durchwebt, und darunter ein Paar weiße. Aber auch die Zeit war nicht mehr fern, wo alle mit der Hand gearbeiteten Strümpfe in den Hintergrund treten sollten, während das Tragen von Strümpfen nun allgemein gebräuchlich wurde, denn es nahete, als wichtiger Moment in der Lebensgeschichte der Strümpfe der „Strumpfwirkerstuhl" in eigener Gestalt, erfunden 1589 durch William Lee in Cambrigde, welchem dafür die Ehre zu Theil ward, nebst seinen Brüdern zu „Hoflieferanten" ernannt zu werden, d. h. sie durften die Strümpfe ihrer Majestät arbeiten. Concurrenzneid trieb sie später dann nach Frankreich; so gelangte die Strumpfwirkerei auch nach dorthin zu Anfang des 17. Jahrhunderts, während sie in Deutschland erst anno 1700 erschien, um sich dort in Erlangen, und später namentlich im sächsischen Erzgebirge heimisch zu machen. — Der Strumpfwirkerstuhl erfuhr freilich im Laufe der Zeiten mancherlei Lerände» - 333 — ungen und Verbesserungen, und das Tragen von Strümpfen ist so allgemein Brauch und Sitte, daß man fast meint, es müsse gar immer so gewesen sein, und doch hat es einst eine Zeit gegeben, in der noch nicht der Strickstrumpf der beachtenswerthe Concurrent des Strumpfwirlstuhles das rechte, echte Attribut der deutschen Hausfrau, ihr Zufluchtsort, ihr zweites Ich und schönes Vorrecht war! — Andere Zeiten, andere Sitten! Würde man doch jetzt aucy recht erstaunt drein blicken, wenn ein Paar Strumpfbänder noch ein ebenso kostbarer Gegenstand wären, wie damals, zur Zeit der Königin Elisabeth, wo das Paar oft fünf Pfund» also etwa 100 Mark, kostete! — Nein, auch das besorgt der deutsche Strickstrumpf heut' zu Tage billiger! — Klara Reichner. N h e i n f a h r t. Nun rinnen alle Quellen Gebt Ränzlein mir und Stab: Mit fröhlichen Gesellen Zieh' ich den Rhein hinab! Weiß keiner um den andern, Sind doch sich herzlich gut: Im Frühling muß man wandern, Da blüht so reich der Muth. Seht ihr das Land sich spiegeln Im Strom, der fluchend kreist? Laßt feiernd uns entsiegeln Der Rebe kühnen Geist! Stoßt an, die Jugend lebe, Die Liebe und der Wein, Durch's Blau ein Engel schwebe, Und Frühling soll es sein! Der schroffe Fels mit Schweige» Blickt nieder, burggekrünt, Doch bald mit sanftem Reigen Er sich dem Thal versöhnt. Mit bräutlichem Erschwellen Sein User küßt der Strom, Es schaut sich in die Wellen Die Stadt mit ihrem Dom. Wohl mag auf weiter Erde Manch trautes Plätzchen sein, Doch stets ich rasen iverde: Am schönsten ist's am Rhein! Mögt ihr den Borzug geben Neapel und Byzanz: - Es ist nur halbes Leben, Am Rhein nur lebt sich's ganz! Du Fei mit blonde» Haaren, Geliebtes Schifferkind, Du möchtest wohl erfahren, Wer die Geselle» sind? Die Herzen sich erweitern, Du knüpfst die Locke los; Wie freudig wollt' ich icheiter Bor deinem Zauberschloß l Wie lieblich hat die Sage Seit Alters ihn verklärt l Bis in die jüngsten Tags Hat sich fein Ruhm bewährt l Wo echtes Lied erklungen Im weiten, deutschen Land, Bon ihm hat es gesungen, Und er gibt ihm Bestand. O Lust, sich hinznwiegen Auf feuchter Wasserbahn, Wenn gold'ne Wolken fliegen Und milde Lüfte nah'n! An grünen Rebenhänge» Vorüber geht die Fahrt, Vergang'ne Zeiten dränge» Sich j» die Gegenwart. Wie Griechenlands Camöne*) An Delphi's Quell geruht, So schöpfen deutsche Söhne Aus feiner grünen Fluth: Da singt so säusle Weise Der Nixe Zaubermund, Und jeder Schmerz wird leise Und sinkt hinab zum Grund. Wie einst der kluge Hagen - Das blinkende Geichmeid', Hab' ich in schlimmen Tagen Darin versenkt mein Leid; Des Herzens Wünsche streben Zurück mir an den Rhein: Am Rheins möcht' ich leben Und auch begraben sein! Geschrieben in der Türkei im Frühlinge des Jahres 1876. Franz Wisbacher. *) Muse. M i s - s l l e,r. (I'iillö i8 mone^.) Eine humoristische Geschichte, die sich auf der tragischen Brandstätte des Berliner National-Theaters abspielte, wird in den Theaterkreisen Berlins erzählt. Als Herr Hofbuchdrucker Möser vor dem Gebäude angelangt war und in höchster Aufregung mit den Feuerwehrleuten conferirte, benutzte ein Herr die ungemein passende Gelegenheit, um sich dem Besitzer des Theaters — vorzustellen. Es war dies Herr Benno von Donat, der Direkter des National-Theaters, welcher die Bekanntschaft des Besitzers noch nicht gemacht hatte. Herr Möser, der in diesem Augenblicke wohl Anderes zu thun hatte als gesellschaftliche Artigkeiten auszutauschen» lehnte in seiner begreiflichen Irritation mit den Worten: „Ich habe keine Zeit, übrigens hätten Sie sich mir schon längst vorstellen sollen" ab." Herr v. Donat ist wirklich Stoiker eoinm il kaut, das Wort des Horaz „auixe Iioras" scheint einen „unauslöschlichen" Eindruck auf ihn gemacht zu haben. (Ein geriebener Junge.) Die „Düsseld. Volksztg." erzählt: Ein früherer Professor am Düsseldorfer Gymnasium erzählte, daß er am zweiten oder dritten Tage seines Hierseins sich im Nebel verlaufen und seine Wohnung nicht habe finden können. Er fragte deshalb einen Jungen von hier: „Kleiner, wenn Du mir zeigst, wo die Schadowstraße ist, so erhälst Du zwei und einen halben Silbergroschen." „Dann müßt ehr se mir evver vorher gebe," habe der Junge geantwortet. Seinem Wunsche sei willfahrt worden, worauf der Junge seine Kührerdienste dadurch kurz erledigte, daß er sagtet „Här, ehr steht drop!" Der Junge, der die Wahrheit gesagt hatte, sei darauf im Nebe! verschwunden. (Ein Haar im Zopf gefunden.) Der Pariser „Figaro" weiß genau Bescheid, wie die österreichische Kaiserin frisirt wird. Er erzählt, daß die Friseurin Ihrer Majestät -erst dann, wenn andere Dienerinnen bereits alle Vorarbeiten gemacht, hinzu tritt, um die Coiffure zu vollenden. Die Kaiserin hat bekanntlich sehr schönes langes Haar und da habe nun — so will das genannte Blatt erfahren haben — eine Steirerin die Haare, welche beim Auskämmen am Kamme verblieben gesammelt, zu einem Zopfe gebunden und denselben zum Preise von mehreren tausend Gulden einem reichen Engländer verkauft. Am österreichischen Hofe jedoch sei man sehr empört gewesen über diesen Mißbrauch und habe die Betreffende sofort ihres Dienstes entlassen. (Das Eldorado der Avokaten) scheint der Staat Newyork zu sein. Dort finden unter einer Bevölkerung von etwa 5 Millionen Menschen nicht iveniger als 8000 bis 10,000 Advokaten ihr tägliches Brod. In ganz England gibt eS nur 11—12,000 Advokaten. _^ (Auch ein Scheidungsgrund.) Advokat: -Sie wollen von Ihrem Manne geschieden werden — welchen Scheidungsgrund haben Sie?" — Dame: „Wissen Sie, ich kann so 'ne gute andere Partie machen." Original-Lilben-Näthsel. * Drei Silben breiten über Mausoleen Die schlanken Arme leidverkündend aus. Sie sind des Todes prunkende Trophäen Und mahnen an des Menschen letztes Hans. Du hörst in ihnen Geisterstimmen wehen. Und es ergreift dich Wehmuth, Furcht und Graus; Wo sie ihr traurig stolzes Haupt erheben, Verstummt die Lust, ersterben Krast und Leben. Drum tilg' die erste Silb' und epikurisch Lachet dir das Leben, denn ein Kunstgebild, Dem Weingott werth, erscheint, worauspurpurisch Ein Freudenborn aus tausend Ritzen quillt: Ergreif ein Trinkgesäß, sei es etrurisch, Seis vom gemeinsten Thon, und ist's gefüllt, Entleer' es, schlag die Grabgedauken nieder Und still' es aus dem Kunstgebild Dir wieder. Doch dies versiegt mit seiner Freudenqucllc Raubst Du ihm vorne nur ein Zcichcnpaar, Es wandelt sich eine in wahre Hölle Mit einem Funkensprühenden Altar. Trübscl'ge Gnomen steh'n an seiner Schwell« Und bringen Opfer dem Vulkane dar. Allein besäng ich ihre schwarze Thaten, Dieß Räthsel würd' ein Kind sogar errathen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.