zur „Äugslmrger postzeitimg." Nr. 43. Mittwoch, 30. Mai 1883. Des Försters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Frau Albrecht empfand bereits die aufrichtigste Theilnahme mit der Gräfin Steinhorst und war geneigt auf ihren Wunsch einzugehen, während auch ihr Onkel für die Frau, die er ihres rastlosen Wirkens willen hochachtete, eine Art Mitleid fühlte. Seine Nichte bedeutungsvoll ansehend, erwiderte sie dies durch einen bejahenden Blick, worauf er zu der Gräfin sagte: „Wir können es ja einmal mit dem Junker versuchen, Frau Gräfin, und sehen, wie wir uns gegenseitig gefallen!" „Das freut mich, Herr Förster", erwiderte diese sichtlich erleichtert, und fügte, sich an seine Nichte wendend, hinzu: „Sind Sie auch der Ansicht, Frau Albrecht?" „Gewiß, Frau Gräfin, ich stimme mit meinem Onkel überein!" „Nun gut, so versuchen wir es, obgleich ich glaube, mein Enkel wird sich Ihre Zuneigung bald erwerben. Ünd nun noch eine Frage — eine Geschäftsfrage — wie viel Kostgeld beanspruchen Sie?" „Wie viel Kostgeld?" fragte einigermaßen überrascht der Förster, der an ein solches noch nicht gedacht. „Lassen wir das einstweilen, Frau Gräfin-" „Nein, nein", erwiderte diese schnell und ihre Wange röthete sich leicht, „habe ich es doch auch dem Professor bezahlt! — Ich werde Sie doch den Grafen Steinhorst nicht umsonst unterhalten lassen, wenn es auch kein Geheimniß geblieben, daß er der ärmste seines Namens ist." Frau Albrechts Züge verriethen eine plötzliche Besorgniß, denn auch das Gesicht des Försters röthete sich, der eben noch so wohlwollende Ausdruck desselben schwand und mit scharfer Betonung erwiderte er: „Nein, Frau Gräfin, das können Sie allerdings nicht! — Für den Grafen Steinhorst muß natürlich ein Kostgeld bezahlt werden und so sagen Sie mir, wie viel Sie dem Professorgegeben?" „Jährlich vierhundert Thaler, außer einigen Nebenausgaben", erwiderte ruhig die Gräfin, während Frau Albrecht ihren Onkel noch immer besorgt betrachtete. „Dann wollen wir die Hälfte sagen, ohne alle Nebenausgaben", fuhr nach kurzem Bedenken der Förster fort. Das Leben hier draußen im Walde ist billiger als in der Stadt, und auf einige Hülfe kann ich bei dem Junker auch wohl rechnen, indeß der Professor noch Arbeit und Mühe von ihm gehabt!" „Damit bin ich einverstanden", antwortete die Gräfin, „vorausgesetzt, daß Sie Ihre Rechnung dabei finden!" „Das lassen Sie meine Sorge sein, Frau Gräfin!" 338 „So wäre denn der Vertrag auf unbestimmte Zeit abgeschlossen, und ich werde die erforderliche Ausstattung meines Eekels schicken; wann können Sie ihn aufnehmen?", „Wann Sie wollen, Frau Gräfin!" „Schon morgen!" „Ich werde Ihnen ihn selbst zuführen!" „Weiß der Junker, daß er Steinhorst schon wieder verlassen soll?" „Ich habe es ihm diesen Morgen mitgetheilt und ihm zugleich vorgestellt, daß er sich die zur Verwaltung seiner Güter erforderlichen Kenntnisse erwerben müsse. Sein Großvater und Vater hatten das nicht gethan, und ich habe mit den Folgen schwer zu kämpfen gehabt!" Sie setzten dies Gespräch fort, indeß Frau Albrecht sich rn's Haus begab, um einige Erfrischungen zu holen. Die Gräfin nahm von dem ihr dargebotenen Wein und Kuchen und fragte nach Anna, die sie ebenfalls kannte. „Sie ist mit dem Mädchen in's Dorf gegangen", antwortete der Förster, „doch glaube ich, sie kommen zu sehen!" Wirklich kamen Beide, begleitet von dem Neufundländer, die Straße gegangen, und zwar wie sich erkennen ließ, in lebhaftem Gespräch. Der Weg über den Forsthof war bald zurückgelegt und während Christine, die Gräfin begrüßend, in's Haus ging, schritt Anna dem Platz vor der Thüre zu und begrüßte ebenfalls den ungewohnten Gast, ihren Großvater und ihre Tante. Diese erwiderten freundlich ihren Gruß, und ihr die Hand reichend, sagte die Gräfin in der ihr gewohnten schnellen und schroffen Sprachweise: „Guten Tag, mein Kind. Kennst Du mich noch?" „Gewiß", entgegnete Anna mit der ihr eigenen Unbefangenheit, ich habe Sie noch kürzlich in der Kirche gesehen!" „Da hätte ich Dich doch auch bemerken müssen!" „Ich war den Tag mit Christine gegangen, und weil wir uns verspätet, bekamen wir nur noch einen Seitenplatzl" „Auf dem Kirchenweg sollte man sich nie verspäten, mein Kind", antwortete streng die Gräfin, des Försters Enkelkind zugleich aufmerksam betrachtend. „Es kam auch nur, weil wir einer kranken Frau Wein gebracht, den ich doch nicht mit in die Kirche nehmen konnte." „Das ist allerdings wahr!" — Gewiß aber bist Du heute wieder bei Kranken gewesen, denn Du, wie Deine Begleiterin hatten Körbe-" Anna sah auf den Großvater, der sie liebevoll anblickend, sagte: „Erzähle der Frau Gräfin nur, was Du und Christine in Vahrenwald gethan-" Anna berichtete umständlich von ihrer Mission und Frau Steffens Dank und Freude über den Inhalt der Körbe und fügte schließlich hinzu: „Die armen Kinder müssen sehr krank gewesen sein, denn sie sind schrecklich bleich, und können nicht gehen noch stehen." Die Gräfin zog ihre Geldtasche hervor, nahm fünf Thaler aus derselben und sagte' sie Anna reichend: „Du gehst gewiß bald wieder zu Frau Steffen, mein Kind, dann bringe ihr auch dies Geld für ihre kranken Kinder —" „Das will ich thun, Frau Gräfin", entgegnete lebhaft des Försters Enkelkind. „Darüber wird sie sich gewiß sehr freuen, denn sie hat Christine erzählt, daß ihr Mann für die theure Medizin fast sein ganzes Geld ausgegeben." Frau Albrecht reichte ihrer Nichte jetzt ebenfalls Kuchen und Wein, die Gräfin aber sagte nach kurzer Pause: „Du wirst einen Hausgenossen bekommen, mein Kind, Morgen bringe ich meinen Enkel 339 „Anna blickte sie überrascht an, sah dann auf ihren Großvater und ihre Tante und mußte in deren Augen eine Bestätigung gelesen haben, denn sie sagte; „Ihren Enkel, Frau Gräfin? — Ist das wohl der große Junge, der mit Ihnen in der Kirche war?" Ueber die ernsten Züge des Försters und seiner Nichte huschte ein Lächeln, die Grüsin aber erwiderte ruhig: „Ja, mein Kind!" „Was soll er bei uns?" fuhr Anna unbeirrt fort. „Geht er nicht mehr in die Schule? —" „Nein, er hat sie verlassen und wird bei Deinem Großvater arbeiten." „Will er auch ein Förster werden?" „Jetzt überflcg der Gräfin Angesicht ein leises Lächeln und dann das Kind forschend und prüfend ansehend erwiderte sie: „Nein, er muß Landmann werden, denn er hat von seinem Vater drei Güter geerbt. Weil aber zu diesen große Waldungen gehören, soll er hier lernen —" , „O, ich weiß es schon", unterbrach sie Anna lebhaft, „ich weiß, was die Jägerburschen und Forstgehülfen bei meinem Großvater lernen und habe oft gesehen, —" „Du spielst wohl viel im Walde und bist dort lieber, als in der Schule?" sagte mit merklicher Betonung die Gräfin. Kohring und seine Nichte blickte,« erwartungsvoll auf Anna, welche auch sogleich mit einen« ruhigen Blick auf diese entgegnete: »Ich spiele nie im Walde, Frau Gräfin, und gehe nur dorthin, wenn es sein muß, und mein Großvater und meine Tante es wünschen. — I» einer Schule bin ich noch gar nicht gewesen-" Anna blickte rathlos auf ihren Großvater und ihre Tante, welche der Gräfin erklärte, «vie es sich mit dieser Sache verhielt und was in dieser Beziehung ihr Onkel für seine Enkelin zu thun gedachte. Nach einigen Augenblicken erhob sie sich, »vas ihren» Kutscher das Zeichen vorzufahren war. Noch einmal erklärend am folgenden Morgen mit ihrem Enkel kommen zu wollen, nahin sie von der Familie Abschied und verließ den Forsthof. Ihr nachblickend, als sie auf der Landstraße dahin fuhr, sagte Anna, den Arm um ihres Großvaters Schultern legend: „Großvater, die Frau Gräfin gefällt mir nicht, «vie ich das rvohl immer gedacht, wen» sie mir auch das Geld für Frau Steffen gegeben!" „Weshalb nicht, «nein Kind?" fragte Kohring, die Pfeife wieder zur Hand nehmend» und sah zugleich in die ernstblickenden Augen seiner Enkelin. „Sie ist gewiß recht strenge-aber ich kann das rechte Wort nicht finden-" „Gib Dir deshalb keine Mühe, Anna", entgegnete ihr Großvater und that die ersten Züge aus seiner Pfeife. „Wir werden sie den ganzen Winter nicht wiedersehen, denn sie' reist schon in diesen Tagen zu ihrer Tochter." Das freut mich aber ihres Enkels wegen. Wie heißt er?" „Sie nannte ihn Waldemar." „Es wird Waldemar bei uns gewiß besser gefallen, als in Steinhorst. — Wenn ihm drei Güter gehören, so ist er wohl sehr reich?" „Noch nicht, Kind, doch kann er, wenn er fleißig und sparsam ist, es einmal werden. Sein Vater und Großvater haben sehr viel Geld gebraucht, mehr als sie gehabt und er und seine Großmutter «nüssen das wieder bezahlen. Doch das verstehst Du noch nicht-" „Nein, Großvater", erwiderte Anna nachdenklich, das verstehe ich noch nicht. Wenn ich aber größer und älter bin-" „Ja, Kind, wenn Du größer und älter bist, wirst Du Manches sehen, hören und verstehen lernen, von dein Du jetzt keine Ahnung hast", erwiderte Kohring und that hastige Züge aus seiner Pfeife, ein sicheres Zeichen, daß schwere, traurige Gedanken sich seiner bemächtigt. — 340 XIV. Junker Walbemar war im Försterhause von Vahrenwald eingezogen und am nächsten Tage die Gräfin nach Schlesien abgereist. Seitdem waren mehrere Wochen verflossen, man hatte den neuen Hausgenossen kennen gelernt und sich an ihn gewöhnt. Seine äußere Erscheinung entsprach der Beschreibung seiner Großmutter; er war klein und schmächtig, hatte eine bleiche Gesichtsfarbe, hübsche, offene, doch kindliche Züge, braune, etwas träumerisch blickende Angen und reiches, hellbraunes Haar. Durch ein bescheidenes, aufmerksames Betragen gewann sich Waldemar bald Aller Zuneigung, wie man ihm auch mit Freundlichkeit entgegen kam. Dem Förster schloß er sich besonders an, und widmete sich den ihm neuen Arbeiten in Wald und Flur mit großem Eifer. Er und Anna standen auf geschwisterlichen, Fuße, doch blickte sie voll Anerkennung und Bewunderung zu ihm auf, denn ihr war schon klar geworden, daß er viel gelernt, und aufmerksam lauschte Sie, wenn er mit ihrem Großvater über Dinge sprach, die sie nicht verstand. An einem Sonntag Nachmittag unternahm seiner Gewohnheit gemäß, der Förster mit den Seinen, zu denen er jetzt auch den Junker zählte, einen Spaziergang durch den Wald, nachdem sie am Morgen die Kirche besucht. Die beiden Jüngsten der Gesellschaft gingen lebhaft plaudernd und von Wolf begleitet voran, während langsam die Aelteren folgten. Sie eine Weile schweigend betrachtend, sagte endlich der Förster: „Der Junker hat sich allem Anschein nach hier schnell angewöhnt und ist ein anstelliger Bursche, der sich gebrauchen läßt. Ich habe das auch der Gräfin geschrieben, deren Brief ich bereits beantwortet habe." „Sie hat offenbar das Richtige für ihren Enkel gewühlt", entgegnete Frau Albrecht. „Das hat sie ohne Zweifel, da er sich hier auch körperlich erholt. Ob aber auch wir es gethan —" fügte der Förster mit Nachdruck hinzu. — „Was meinst Du, Onkel?" fragte schnell seine Nichte. „Sieh doch nur hin", antwortete er, auf die jugendlichen Gestalten deutend, die jetzt ernst und angelegentlich sprachen. „Bis auf den Neufundländer erinnern sie mich an ein anderes Bild, das mir jetzt so oft wieder vor die Seele tritt!" Frau Albrecht blickte voll Theilnahme auf ihren Onkel, der nach kurzer Pause fortfuhr: „Noch einmal, Wilhelmine, ich weiß nicht, ob ich recht gethan, den Junker hierher zu nehmen. Wie leicht — wie leicht können sie —" „Anna ist noch ein Kind, Onkel, und der Junker nicht viel mehr", unterbrach seine Nichte. „So ging es mit Jenen auch", sagte langsam und seine Worte betonend der Förster, „bis sie älter wurden und die Liebe in die jungen Herzen einzog!" „Der Junker wird nur kurze Zeit hier bleiben —" „Dennoch müssen wir sie so viel wie eben möglich, zu trennen suche» —" „Es wird schwer halten, Onkel. Aber da kommt mir ein Gedanke! — Laß uns sobald wie möglich eine Erzieherin nehme», die sich fortwährend mit Anna beschäftigt —5 „Das sollte ja erst im Herbste geschehen", wandte der Förster ein. „Es wird Dich beruhigen, wenn wir uns schon jetzt nach einer solchen umsehen! — Fahre gleich morgen zur Stadt, zum Physikus, der einmal von einer entfernten Verwandten gesprochen, und weiß er keinen Rath, so laß uns eine Anzeige machen —" ^ „Du magst Recht haben, Wilhelmine", entgegnete nach kurzem Bedenken der Förster, j der einmal diesen Gedanken erfaßt ihn mit seiner Nichte weiter besprach, bis er beschloß, am nächsten Morgen die ersten Schritte zur Ausführung desselben zu thun. Nach manchen vergeblichen Bemühungen war endlich die Erzieherin für des Försters Enkelkind gefunden, und diese auch bereits angelangt. Sophie Dörner war die Tochter der Wittwe eines Arztes in einer mitteldeutschen Universitätsstadt, und dem Förster und seiner Nichte besonders empfohlen. Einige zwanzig 341 Jahre alt war sie, von sanftem, doch bestimmtem Charakter, und verstand es, sich Anna'S Liebe zu erwerben, in der sie eine ebenso fleißige wie begabte Schülerin fand. Nach den Unterrichtsstunden blieb dieser noch Zeit genug, sich ihrem Großvater, ihrer Tante und den häuslichen Arbeiten zu widmen und war dann Sophie Dörner Frau Albrecht eine liebe Gesellschafterin, auch sagte ihr das Leben in dem einsamen Förstcrhause zu, so daß sie sich dort bald heimisch fühlte. (Fortsetzung folgt.) Maiandacht. Es öffnet sich der Schönheit blühend Reich; Was hehr und hold, was hoch und auserlesen, Es huldigt Dir im Wettstreit aller Wesen, Du Herrliche, der nichts Erschafs'ues gleich. O laß auch uns ein Blümlein niederlegen Als Gabe Dir an des Altares Fuß! Dort blüh' es still und trag' als Liebesgras; Der Andacht heil'gen Odem Dir entgegen. . L. Der Einzug des Kaiserpaares irr Moskau. Moskau, 22. Mai. Das große Ereigniß des Tages hat sich vorschriftsmäßig und glücklich vollzogen. Das kaiserliche Paar hat seinen feierlichen Krönungseinzug in Moskau gehalten. Das Wetter war wechselnd. Die Sonne kämpfte mit den Wolken und während eines Theiles der Einzugszeit fiel ein leichter Regen. Stürmischer Jubel, alle erdenklichen Zeichen der Hingebung und Huldigung begleiteten den kaiserlichen Zug. Es war gegen Mittag, als neun Schüsse aus den auf dem Tainizki-Thurm (Tainizki-Thor am Kreml) aufgestellte» Geschützen das Signal zum Beginn des Glockengeläutes von der großen Uspenski-Kathe- drale (Kathedrale der Himmelfahrt Maria — Krönungskirche der Zaren und Begräbniß- stätte der russischen Patriarchen) gaben. Inzwischen hatten die Truppen längs den Einzugsstraßen Aufstellung genommen und sich die an dem Einzug theilnehmenden Fürstlichkeiten, Hofchargen und Deputationen in dem Petrowskipalais einaefunden. Um zwei Uhr stieg der Kaiser, der große Generalsuniform trug, zu Pferde, er ritt ein reichgeschirrtes weißes Pferd, sein Gesicht zeigte den ruhigen und etwas melancholischen Ernst, den man an ihm kennt. Als auch die Kaiserin in ihrer Prachtkarrosse Platz genommen hatte, gab der Adjutant das verabredete Zeichen — aus den gegenüber dem Petromski- Palais aufgefahrenen Geschützen werden drei Schüsse abgegeben und der Zug setzt sich in Bewegung. Was das russische Reich an Glanz und Repräsentation aufbieten kann, ist rn diesen» außerordentlichen Zuge vereiirt. Ihn eröffnete ein Polizeimeister und 12 Gendarmen paarweise zu Pferde, darauf folgte die Eskorte des Kaisers, je eine Schwadron Leibkosaken und Leibdragoner. Dann folgte das Hauptschaustück des Zuges, der sich durch die via triuinxdalio bewegte, die Deputationen der Rußland unterworfenen asiatischen Völkerschaften paarweise zu Pferde, eine wahre Völkerausstellung. Die Mannigfaltigkeit der Kostüme, die Seltsamkeit der Gestalten, ihre würdevolle und getragene Erscheinung gaben eiü Bild von unbeschreiblicher Wirkung. I» den Kreis russicher Uniformen wird man wieder zurückgerufen durch die sich anschließenden Adelsmarschälle, welche den hohen Adel Rußlands geleiten, die stolzeste Aristokratie der Welt, zum Theil prächtige und originelle Erscheinungen. Die kaiserliche Jägerei zu Fuß und der Leibjäger des Kaisers und der Oberjägermeister zu Pferde markiren einen Abschnitt und geben dem Beschauer Zeit, sich zu neuen Eindrücken zu sammeln. Denn jetzt steigert sich die Szene und man wird gewahr, daß der Mittelpunkt dieses ungeheuren Aufgebotes der Selbstherrscher, um den sich alles bewegt und auf den alles zurückführt, sich nähert. In zehn Abtheilungen zu »- 342 Pferde oder in Prachtkarrossen folgen die Krönungsoberzeremonienmeister, Zeremonien- ineisler, Kammerjunker, Kainmerherren, Hofmarschälle, die Kavaliere der fremden Prinzen, die Mitglieder des Neichsrathes und endlich der Oberhofmarschall. Die Leibschwadron des Chevaliergarderegiments der Kaiserin und die Leibschmadron des Leibgarderegiments zu Pferde ritten unmittelbar vor dem Kaiser, dem in angemessener Entfernung folgten Graf Woronzow-Daschkow, der Hausminister, der Kriegsminister und der Befehlshaber des kaiserlichen Hauptquartiers, sowie die Adjutanten vom Dienst. Das Gebrause des wildesten Hurrahschreiens kündigt das Herannahen des Kaisers an und verhallt, wie er im Zug langsam weiter reitend sich entfernt. Als Nebensonnen an diesem Himmel folgen jetzt die Großfürsten und die mit der kaiserlichen Familie verwandten, im russischen Dienst stehenden Fürsten fremder Häuser. Die Großfürsten Wladimir und Sergei sowie der Prinz Alexander Petrowitsch von Oldenburg standen in der Fronte. Unmittelbar vor dem Wagen der Kaiserin ritten die Generaladjutanten, Generale ä 1a suitö und Flügeladjutanten sowie das militärische Gefolge der fremden Prinzen. Hatte sich der Zug bis jetzt durch Würde und Pracht ausgezeichnet, so brachte die jetzt sich anschließende Abtheilung ein neues Element hinein. Der Wagen der Kaisern kommt herbei. Auf den lieblichen Zügen liegt eine gewisse Müdigkeit angedeutet, nicht desto weniger beantwortet die Monarchin mit freundlichem Verneigen die huldigenden Vernetzungen und die stürmischen Zurufe der Menge, durch welche sie passirt. Die Kaiserin sah mit ihrer Tochter, der Großfürstin Tenia, in einem vergoldeten, reichgezierten Paradewagen, dessen beide Beschläge mit großen kaiserlichen Adlern in Diamanten ausgeführt, geziert sind. Die Decke des Wagens stellt eine zusammenlaufende Guirlande dar, die mit einer reich in Rubinen und Smaragden gefaßten Krone abgeschlossen wird. Die Vorderwand und die Seiten des Wagens bestehen fast ganz aus Glas. In den Hang- riemen halten sich zwei Pagen in rothen goldgestickten Kostümen. Gezogen ward der Wagen von einem wundervollen Achtgespann von Schimmeln, neben jedem Thier ein Reitknecht; Stallmeister und Pagen, Kammerkosaken, Reitknechte beschlossen diese Abtheilung. Die Toilette der Zarin und aller Festtheilnehmerinnen ist die national-russische Hostoilette, bestehend aus dem Sarafan (Unterkleid) aus weißem Seidenstoffe mit reichen Goldstickereien im byzantinischen Styl, einem Oberkleid mit langer Schleppe aus strohgelbfarbigen Sammt mit reicher Handstickerei, Arabesken und Blumen kunstvoll in Gold ausgeführt. Das Oberkleid ist dekolletirt, der Brusteinsatz reich in Gold gestickt und mit Edelsteinen besetzt. Die weit aufgeschlitzten sog. polnischen Aermel fallen in malerischen Farben nach rückwärts. Das seingeformte Haupt der Zarin ziert ein Kakoschnik, eine Art von Diadem aus demselben Stoffe bestehend wie die Schleppe, mit Arabesken aus Edelsteinen und Perlen benäht. Diese Kopfzier wird noch durch einen langen, weiten, reich drapirten Tüllschleier gehoben. Der schlanke Hals ist durch eine reiche Niviöre in Brillanten gehoben. Die rechte Hand ist wegen der mehrfachen religiösen Zeremonien vom Handschuh entblößt. Der Kaiserin zunächst folgen in einer sechsspännigen reichvergoldeten Paradekassore die liebreizende Großfürstin Maria Pawlowna (geborene Prinzessin von Mecklenburg- Schwerin), Gemahlin des Großfürsten Wladimir, mit der geistvollen Alexandra Jossifowna, Gemahlin des Großfürsten Konstantin. Diese Galakarosse ist auf Befehl Friedrichs des Großen für die Kaiserin Katharina II. erbaut worden, ist reich vergoldet, auf den Wagenschlägen befindet sich inmitten einer Gruppe von reizvollen Amoretten der Namenszug Katharina's II. Im Innern ist der Wagen mit zarten Malereien vom Pinsel der Maler Wattau und Boucher geziert. Die nächstfolgenden Abtheilungen bildeten die Großfürstin Olga Fedorowna und die Herzogin von Edinburgh; die Herzogin Wera von Württemberg und Katharina von Oldenburg; die Prinzessin Maria von Baden und die Prinzessin Eugenia von Oldenburg, sowie die Herzogin Helene von Mecklenburg-Strelitz. Hierauf folgte die Leibschwadron des Leibgarde-Kürassier-Regiments des Kaisers und die Leibschwadron des Kürassier-Regiments der Kaiserin. Sodann kamen Staatsdamen, Kammer- 343 fräuleiii und Hofmeisterinnen der Kaiserin und der Großfürstinnen, sowie die Hofdamen der ausländischen Prinzessinnen. Den Beschluß des Zuges bilden die Leibschwadronen des Garde-Husaren- und Garde-Ulauen-Negiments. Mit der Ordnung des Zuges waren sechs Zeremonienmeister betraut, welche zur Seite desselben ritten. Um 3 Uhr erreichte die Spitze des Zuges die Stadt bei der Triumphpforte; auf kurz aufeinander gegebene Glockenzeichen vom Twerskoithurm und dem Iwan Weliki wurden 71 Salutschüsse gelöst. Hier erwartete den Kaiser Fürst Dolgoruki, der Generalgouverneur von Moskau und Oberstkrönungsmarschall, umgeben von den kaiserlichen Adjutanten. Bei der alten Triumphpsorte und beim Eingang zum Semljanoigorod (Moskau, das in konzentrischen Kreisen um seinen Mittelpunct, dem Kreml, herangewachsen ist, zerfällt in fünf Haupttheile, welche durch Mauern oder Boulevards von einander getrennt sind, einer dieser Theile heißt Semljanoigorod, so benannt nach den Erdwällen, welche Zar Michael Feodorowitsch aufführen ließ und an deren Stelle jetzt die boulevard- artige Gartenstraße die „Erdstadt" einschließt) ward der Kaiser und die Kaiserin empfangen von dem Moskauer Stadthaupte und den Stadtverordneten, sowie den Moskauer Kleinbürger- und Handwerkerämtern und Innungen. Ani Twerschen Platz stand der Adel des Gouvernements Moskau, am Wosskressenki Thor (auch Iberisches genannt, bildet von Westen her den Haupteingang zur inneren Stadt Kitaigorod) hatten die Behörden Moskaus Aufstellung genommen. Das Wosskressenski hat zwei Thorwege dicht bei einander, zwischen beiden am Fuße des Hügels der zum Krassnajaa-Platze ansteigt, steht die 1669 erbaute Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, welche das berühmteste Heiligenbild Moskaus, das der wunder- thätigen Muttergottes enthält; es ist dies eine genaue 1648 feierlich unter Fasten und Beten angefertigte Copie des wunderthätigen Marienbildes des Iberischen Klosters auf dein Berge Athos, welche von dem Archimandriten und der Bruderschaft dem Zaren Alexis Michailowitsch verehrt wurde. (Das Bild wird fast täglich mit sechs Pferden und Livreebedienten in den Straßen Moskaus herumgefahren, um am Bette von Kranken Wunder zu verrichten oder Familienfesten durch seine Gegenwart die höchste Weihs zu geben, wofür eine Geldvergütung oft bis zu 100 Rubel erlegt wird.) An dieser Kapelle saßen der Kaiser und die Großfürsten ab, verließen die Kaiserin und die Großfürstinnen ihre Wagen, um dem wunderthätigen Bilde ihre Verehrung darzubringen. Mittlerweile machte der Zug Halt und setzte sich derselbe erst wieder in Bewegung, nachdem der Kaiser und die Großfürsten die Pferde, die Kaiserin und die Großfürstinnen die Wagen bestiegen hatten. Der feine Sprühregen, welcher während des Zuges eintrat» schlug den mächtig aufwirbelnden Staub nieder, wirkte somit wohlthätig und vermochte nicht den Eindruck des farbenprächtigen, überaus imponirend wirkenden Gesammtbildes zn beeinträchtigen. An den Hauptpunkten der fast 6 Kilometer langen, mit gelbem Kies bedeckten Triumph- straße sind Tribünen und Pavillons im allrussischen Styl errichtet, reich bemalt, mit Reichsadlern und Bannern in allen Farben geschmückt; für die Illumination und alle architektonischen Linien mit buntfarbigen Lampions ausgezeichnet. Der Zug ward von unausgesetzten brausenden Hurrahs und Hüteschwenken der loyalen Menge begleitet; sobald der Kaiser und die Kaiserin sichtbar wurden, verneigte sich das Volk bis zur Erde. 3'/^ Uhr traf der Zug am Kreml ein; am Eingang zu demselben, an dem merkwürdigsten aller Thore Moskaus, dein Spyassky oder Erlöser-Thor, war der Kaiser von dem Kommandanten von Moskau und einer glänzenden Generals- und Offizierssuite empfangen. Ueber den Zarenplatz erreichte der kaiserliche Zug die Pforte zwischen dem ^wan Welikij und der Archangelskirche. Die ersten Abtheilungen des Zuges waren ohne Aufenthalt über den Palaisplatz hin und am großen Kremlpalais vorbei gezogen und hatten den Kreml durch das Borowizki-Thor wieder verlassen. Nachdem der Kaiser und dre Kaiserin, sowie die Großfürsten und Großfürstinnen bei jener Pforte abgestiegen, betraten sie von dem heiligen Synod und der Geistlichkeit mit Kreuz und Weihwasser empfangen, die Uspenski-Kathedrale, von hier aus begaben sich die Majestäten unter grokem 344 Gefolge nach der Archangel-Kathedrale, wo sie der Erzbischof von Twer empfing. Hier küßten der Kaiser und die Kaiserin die heiligen Bilder und Reliquien und verrichteten ein Gebet an den Gräbern der alten Zaren aus dein Hause Romanow, sodann begaben sie sich unter Vorantritt des Metropoliten in die Blagowjeschtschenski-Kathedrale (Kathedrale der Verkündigung Maria), welche sie, nachdem sie auch hier den Heiligen ihre Verehrung bezeugt, unter Vorantritt der Hofgeistlichkeit und Sänger verließen, um sich über die rothe Freitreppe in das Krcmlpalais zu begeben; an dem Aufgang zur Treppe überreichte der Präsident der Krönungs-Kommission dem Kaiser Salz und Brot. Beim Eintritt in das Kremlpalais wurden 101 Schüsse gelöst uud begann gleichzeitig von allen Kirchen Glockengeläute, welches den ganzen Tag fortdauerte. Bei Beginn der Dunkelheit erstrahlte die Stadt in einem Lichtermeer, nur der Kreml blieb in Dunkel gehüllt. Das kaiserliche Paar hat sich in den Alexandrinenpalast begeben, von wo es zur Krönung nach dem Kreml zurückkehren wird. Das Gefühl hoher Befriedigung über den ungestörten glänzenden Verlauf des Einzuges ist allgemein und erhöht die Stimmung, die in den großen Volksmassen sich als eine religiös bewegte und getragene darstellt. Mit Spannung sieht man dem Krönungsmanifsste entgegen. Durch Fasten und Gebete bereitet sich das kaiserliche Paar auf die Krönung vor, während in den Straßen Moskaus ein unermeßliches Leben fluthet und die letzten Vorbereitungen zu zahllosen Festen getroffen werden. M i s s - l l e rr. (Der erste Journalist.) Wenn man sich bei der Aufsuchung des erste Journalisten nicht auf Europa beschränken will, so muß man als Vater der Journalistik einem Chinesen den Vortritt lassen, und zwar keinem geringern als dem ersten Minig- kaiscr Hung-wu, welcher im Jahre 1336 die jetzt auch in Peking erscheinende Staatszeitung Sin-Pao (Neue Nachrichten) gründete. In Europa war man bisher über den ersten Journalisten noch zweifelhaft; einige nahmen als solchen den Franzosen Theophrast Nenaudot an, der 1623 in Paris die erste regelmäßig erscheinende französische Zeitschrift „Ikouvolls oräma,i'r68 cko ckivers enckroit»" — von 1631 „Oanotts äo l?ranes" — herausgab. Diese Annahme ist jedoch ungerechtfertigt, da bereits im Jahre 1609 der Straß- bürger Johann Carolus die regelmäßig erscheinende Straßburger Zeitung in's Leben rief. Der Titel dieser nachweislich ältesten Zeitung, von welcher noch «in ganzer Jahrgang in der Heidelberger Bibliothek vorhanden ist, lautet: „Relation Allen Fürnemmen vnd ge- denkwürdigen Historien, so sich hin vnd wider im Hoch vnd Nieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott- und Engelland, Hisspanien, Hungarn, Polen, Siebenbürgen, Wallachey, Moldaw, Türky rc. Jnn diesem 1609 Jahr verlauffen vnd zutragen möchte. Alles auf das trewlichste wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag» in Truck ververtigen will." Da dieses Blatt, das bis 1679 bestand, nachweislich das älteste ist, so kann man demnach den Deutschen Johann Carolus als den „Vater der Journalistik bezeichnen. (Ein armer Zeuge.) Obergerichtsfchreiber: „So, da sind die IVr Mark Zeugengebühr." — Zeuge: ,,J' bedank' mi schönstens, und wenn's S' halt wieder 'was brauchen, i' bin alt und kann net viel verdienen — nacha lassen Sie's mir zukommen." (Zweideutig.) Metzgermeister (in einer kleinen Universitätsstadt): „Wenn nur die langen Herbstferien nicht wären, denn wenn die Herren Professoren fort sind, das macht für mich ein paar Ochsen weniger." (Letztes Mittel.) „Jetzt will ich Euch etwas sagen. Auf allen Bällen hab' ich Euch den Carneval herumgeschleppt und nix wars. Die Pfingstfeiertage will ich noch mit Euch nach Starnberg fahren. Wenn da auch Keiner anbeißt, dann ist's 'rum." Auslösung des Original'Silbeu'Räthsels in Nr. 42: „Cypresse — Presse — E sse." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler,