UnterkaktungMatl „Ängsburger Postjeitnug.- Nr. 44. Samstag, 2. Juni 1633. Des Jörsters Enkelkind. Original'Novelle von Mary Dvbson. (Fortsetzung.) Ohne irgend ein besonderes Ereigniß verfloß sämmtlichen Hausgenossen unter vielseitiger Thätigkeit die Zeit. Unmerklich verging der Sommer mit seinen langen sonnigen Tagen, mit seinem Blätter- und Blumenschmuck; der Herbst begann die herrlichen Laub- kronen des Waldes zu färben, bis sie, der Vergänglichkeit geweiht, zur Erde sanken, die Blumen des Förstergartens — Anna's Pfleglinge — vom Reif und dem herben Nordost berührt, starben und bald Wald, Flur und Garten entblättert und verödet dalag. Dann fiel der erste Schnee und wie sonst ging des Försters Enkelkind hinaus, um ihre Pfleglinge, die Eichhörnchen, die Raben, Krähen und Elstern und wer sonst sich als hungernder Gast einsund, zu versorgen. Auf diesen Wegen ward sie stets von ihrer Erzieherin begleitet, die ebenfalls Freude hatte am Wald zur Winterszeit und oft auch von Junker Waldemar, der ihr in der Sorge für die darbenden Thiere eifrig beistand. So kam das Weihnachtsfest mit seinen stillen Freuden, das jedoch, Dank dem Einfluß der beiden neuen Hausgenossen, belebter als sonst im Försterhause zu Vahren- wald begangen ward. Darauf folgte der Jahreswechsel, welcher Januarkälts und noch größere Schneemnssrn herbeiführte, nach und nach aber auch längere Tage und höhere Sonne und für die Forstleute und Holzarbeiter und auch für Junker Waldemar neue Thätigkeit brachte. Bis zum März machte sich der Winter geltend, dann begann der Schnee endlich zu schmelzen und nach kurzer Zeit sprießte das erste Grün aus der Erde hervor, und bald konnten Sophie Dörner, Anna und der Junker Waldemar Veilchen, Schneeglöckchen und andere Frühlingsblumen suchen, um die Zimmer des Forsthauses damit zu schmücken. Um die Mitte Mai langte die Gräfin Steinhorst aus Schlesien wieder an, waS sie vorher angezeigt, und schon am Tage nach ihrer Ankunft ward sie im Försterhause erwartet. Sie kam pünktlich zur festgelegten Stunde an, begrüßte voll Freude und Herzlichkeit ihren Enkel, mit gleicher Förmlichkeit Frau Albrecht, Anna und den Förster, der sie in's Wohnzimmer führend sagte: „Willkommen daheim nach langer Abwesenheit, Frau Gräfin — „Ja, nach langer Abwesenheit", erwiderte sie in zurückhaltendem Ton, „und ist mir's fast, als fei ich kaum von hier fortgewesen. Man sieht daraus wie jeder Mensch zu entbehren ist l" „Sie haben keinen frohen Winter verlebt, Frau Gräfin", bemerkte Frau Albrecht mit einem theilnehmenden Blick auf ihr bleiches Gesicht. „Das habe ich allerdinds nicht! — Wie Sie wohl aus meinen Briefen entnommen,' ist das Leiden meines Schwiegersohnes ein unheilbares geworden, obgleich er in seiner Familie verbleiben kann, und dann den Blick auf Anna richtend, fügte sie hinzu: „Mit 346 Dir, mein Kind, ist seit vergangenem Sommer eine große Veränderung vorgegangen. Die wird wohl die Erzieherin und das Lernen bewirkt haben!" Anna hatte auf diese, in schroffem Ton gesprochene Bemerkung keine Antwort, und ehe noch Frau Albrecht ihr zu Hilfe kommen konnte, fuhr die Gräfin fort: „Auch Waldemar hat sich hier vortheilhaft verändert, und ich bin Ihnen für die ihm gewidmete Sorge sehr dankbar. Er wird dadurch im Stande sein, größere» Anforderungen als bisher an ihn gemacht sind, zu genügen!" Diese bedeutungsvoll gesprochenen Worte waren nicht mißzuverstehen, dennoch sagte ihr Enkel: „Welche Anforderungen, Großmutter?" „Nun, Waldemar", entgegnete sie bestimmt, „Deine Vormünder, wie ich, finden es richtig, daß Du jetzt die Landmirthschaft praktisch erlernst, und Du wirst zu diesem Zwecke nach der Besitzung des Grafen Hohenhausen in Schlesien gehen, was ich auch Ihnen anzeigen wollte, wandte sie sich an den Förster und seine Nichte. Diese blickten sich einigermaßen überrascht an, über Waldemar's Gesicht flog ein Schatten der Enttäuschung, und Anna's Züge nahmen einen so traurigen Ausdruck an, daß man nur zu deutlich sah, wie schmerzlich sie die Mittheilung berührte. Nach einigen Minuten fragte Kohring: „Dann wird wohl der Junker uns bald verlassen, Frau Gräfin?" „Er wird in den nächsten Tagen mit Graf Hohenhausen, der nach Steinhorst kommt» abreisen, und da ich vor der langen Trennung wenigstens noch eine» Tag mit ihm allein zu sein wünsche, werde ich morgen Vormittag den Wagen schicken! — Das Geschäftliche wird ebenfalls morgen der Verwalter mit Ihnen ordnen, Herr Förster!" „Wie Sie wünschen, Frau Gräfin, es hat aber keine Eile damit!" „Doch, doch!" entgegnete sie schnell. „Ich wenigstens liebe es mit einer Sache, die gewesen, und einer Verbindung, die aufgehört, vollständig abgeschlossen zu haben!" Nach diesen Worten erhob sie sich und fügte, die Försterfamilie mit einem gemessenem Blick streifend, hinzu: „Auch unsere Verbindung, so weit sie meinen Enkel betrifft, hat aufgehört, dennoch werden wir uns, als so nahe Nachbarn gewiß recht oft wiedersehen!" Ohne eine Antwort abzuwarten, dankte die Gräfin dann nochmals für alle ihrem Enkel gewidmete Sorge, und nahm mit eine»: forschenden Blick auf Anna's trauriges Gesicht Abschied. Darauf bestieg sie den Wagen und fuhr in raschem Trabe davon» In die Kissen sich lehnend, sagte sie nach kurzem Nachdenken: „Das wäre abgemacht und nach meiner Ansicht zur gelegenen Zeit, denn Waldemar hätte kaum länger in dieser Familie bleiben können, die ihn wie einen der Ihrigen betrachtet und behandelt. Auch hat er sich ihnen schon zu sehr angeschossen, und hegt eine große Zuneigung zu des Försters Enkelkind die bei seinem und ihrem bestimmten Charakter leicht dauernd werden könnte! — Jetzt aber wird er diese brüderliche Liebe bald vergessen! Graf Hohenhausen's reizende Töchter werde» ihm ebenfalls gefallen, und eine derselben denke ich, soll einmal als Gräfin Steinhorst bei uns einziehen, womit auch die Eltern einverstanden sind! — Ein seltsames Kind übrigens, sdiese Anna Herdfeld, mit dem Gesicht, das so viel älter als sie ist, und gewiß auch mit Gefühlen, die über ihre Jahre hinausgehen, wenigstens liegt so etwas in ihren seltsamen blauen Augen!" Diese Gedanken noch weiter verfolgend, fuhr die Gräfin Steinhorst zu, der Förster, seine Nichte und Junker Waldemar besprachen die so baldige Trennung, und übersahen dabei, daß Anna das Zimmer verlassen hatte. »Das ist ein gar schnelles Ende unseres Zusammenlebens, Junker Waldemar", sagte der Förster seine Hand auf dessen Schulter legend, „und wann, und wo wir uns wiedersehen, das liegt in der Hand Dessen, der uns so unerwartet zusammengeführt!" »Sie werden mir doch gewiß erlauben, Herr Förster, von Schlesien aus an Sie zu schreiben", entgegnete der Junker mit ernstem, fast traurigem Gesicht. „Von Herzen gern, und werden Sie auch Antwort von uns erhalten, das heißt durch weine Nichte, denn, wie Sie wissen, schreibe ich nicht gern! — Und jetzt lassen Sie uns in den Wald hinausgehen. Ich möchte noch nach der jungen Buchenpflanzung sehen, die wirksam gegen das Wild geschützt werden muß." Schon zu Anfang dieses Gespräches war Anna in der Schulstube erschienen, und hatte mit Thränen in den Augen zu ihrer mit einer Vorarbeit für die Unterrichtsstunden beschäftigten Lehrerin gesagt: „Denke Dir, Sophie, Waldemar geht schon morgen von uns fort. Seine Großmutter, die soeben hier gewesen, hat Alles angeordnet!" „Das ist allerdings unerwartet", antwortete die Erzieherin, welcher die geschwisterliche Zuneigung ihrer Schülerin und deS Junkers nicht entgangen. „Als künftiger Landwirth soll er wohl noch Weiteres als bisher lernen — " „Ja, und deshalb reist er nach Schlesien", entgegnete Anna, über deren Wangen die Thänen ihren Weg fanden, „und mir wollten diesen Sommer noch so viel zusammen lesen und arbeiten! — Auch wollte er mir die Tcppichbeete anlegen, wie er sie in der Hauptstadt gesehen —" „Das kann ja auch Alles ohne den Junker geschehen", sagte die Erzieherin in ruhigem Ton. „Wir Beide wollen lesen und arbeiten, und die Teppichbeete werde ich Dir schon anlegen, wie ich es oft im Garten meiner Mutter gethan, und die Du sehen wirst, wenn Du mich diesen Sommer zu ihr begleitest!" Anna schien durch diese Zusage beruhigt, getröstet aber war sie über die so nahe Trennung von ihrem judendlichen Hausgenossen nicht, denn als sie sich zu ihren Uebungen für den folgenden Tag niedersetzte, gelangen ihr diese nicht wie sonst, und sie mußte oft imie halten um die Augen zu trocknen, die dem ersten Schmerz ihres jungen Lebens galten. — XV. Fast sechs Jahre — der Maimonat ging zu Ende — waren verflossen. Im Försterhause von Vahrenwald waren, seit Junker Waldemar es verlassen und die Veränderungen vorgegangen, welche die Zeit mit sich bringt, die uns bekannten Bewohner dieselben geblieben. Des Försters Angesicht durchzogen noch liefere Furchen, Haar und Bart waren noch mehr ergraut und seine früher ernste, oft düstere Stimmung hatte fast noch mehr zugenommen. Nur die kräftige Gesundheit war ihm geblieben, und die stattliche Gestalt mit der aufrechten Haltung, die ihm in früheren Jahren eigen gewesen. Ueber Frau Albrecht hatten die verflossenen sechs Jahre wenig vermocht; sie war nach wie vor die rührige, umsichtige Hausfrau, die jetzt an Anna eine kräftige Stütze hatte. — Christine und Wolf waren wie Frau Albrecht noch im Försterhause. Erstere arbeitete mit unermüdetem Fleiß für die Familie, der sie mit großer Anhänglichkeit zugethan war, und der noch im kräftigen Alter stehende Neufundländer war ebenso anhänglich an seine junge Herrin, wie er an das Kind gewesen, das er vor Jahren auf Schritt und Tritt begleitet. Die übrigen Hausgenossen hatten gewechselt; es waren andere Forstgehülfen und Jägerburschen gekommen, denn unter Förster Kohring seine Studien zu machen, ward von den jungen Forstleuten stets lange vorher nachgesucht. Fräulein Sophie Dörner hatte sich seit einige» Jahren schon zu ihrer Mutter zurückbegeben, doch war das freundschaftliche Verhältniß zu der Försterfamilie dasselbe geblieben, und alljährlich hatte sie seitdem einige Wochen in Vahrenwald verlebt. Mit Anna war während der sechs Jahre die merklichste Veränderung vorgegangen. Sie war zur Jungfrau herangereift und stand im 18. Lebensjahre. Hochgewachsen, war sie jedoch von kräftiger Gestalt, und ein blühendschönes Mädchen geworden, und die einst nach der Gräfin Steinhorst Meinung so alten Gesichtszüge ihrem Alter entsprechend. 348 Es wäre Niemanden eingefallen, die leichtgebogene Nase zu groß zu finden ober anders zu wünsche», und die hohe weiße Stirn harmonirte vollständig mit dem oft sinnend ernsten Ausdruck der tiefblauen Augen, deren feingezogene Brauen merklich dunkler als das goldblonde Haar waren, das in schweren Flechten den zierlichen Kopf umgab. > Der sinnende Ernst des Försters Enkelkindes war diesem mit der Zeit gekommen,' wo es für seine Familienverhältnisse größeres Verständniß erlangt, und woraus Nachdenken und Forschen gewachsen war. Auch hatte einst Anna ihren Großvater in ungewöhnlich trauriger Stimmung angetroffen, und ihre Tante, ihm tröstend und beruhigend zuredend, bei ihm. -- In lebhafter Erregung hatte sie nach der Ursache des Kummers gefragt, jedoch von ihm nur die ausweichende Antwort erhalten, die ihr mit abwehrender Hand gegeben worden: „Du wirst später Alles erfahren, Kind! — Die Zeit wird kommen, wo Du Vergangenes kennen lernen mußt, bis dahin aber frage mich, wenn Du mich liebst, nicht wieder, Du würdest mir immer nur einen großen Schmerz bereiten!" Diese Antwort war nicht darnach, Anna zu beruhigen, und sie wandte sich um Aufklärung an ihre Tante. Bei dieser aber war sie nicht glücklicher, denn auf alle ihre dringenden Fragen und Bitten hatte Frau Albrecht nur die Erwiderung: „Begnüge Dich mit Deines Großvaters Erklärung, Anna; sein Kummer und sein Schmerz ist sein Eigenthum, und ohne seine Erlaubniß werde und darf ich nie darüber sprechen! — " Mit dieser Antwort hatte sich Anna zufrieden geben müssen, ihres Großvaters Kummer und Schmerz aber dem frühen Verlust ihrer Eltern und seiner Gattin, und den möglicherweise dabei stattgehabten traurigen Ereignissen zugeschrieben. Wer jedoch diese Eltern gewesen, welche Stellung ihr Vater eingenommen, ivo ihre erste Hsimath zu suchen sei» das wußte sie nicht, hatte auch erst kürzlich darüber nachzudenken begonnen. In ihrer Erinnerung aber konnte sie weder eine Erklärung, noch einen Anhalt dazu finden, sie entsann sich nur des Försterhauses von Vahrenwald, mit seiner näheren und weiteren Umgebung, in der sie ein so frohes und glückliches Kind gewesen. In Steinhorst war während der sechs Jahre im Wesentlichen ebenfalls Alles unverändert geblieben. Die Gräfin lebte daselbst mit derselben Umgebung, und sorgte, so viel sie vermochte, ihr Vermögen wie das ihres Enkels zu vergrößern. Ihr Verkehr mit der Försterfamilie war immer seltener geworden, und seit mehreren Jahren hatten sie sich nur aus der Ferne gesehen. Junker — jetzt Graf Waldemar — war noch nicht wieder in Steinhorst gewesen. Nachdem er mehrere Jahre in Schlesien die Landwirthschaft erlernt, hatte er diese auch theoretisch studiert, und war darauf zur weiteren Ausbildung auf Reisen gegangen. Von diesen zurückgekehrt, ward er nach sechsjähriger Abwesenheit auf Steinhorst erwartet, um daselbst zum ersten Mal als Gutsherr zu erscheinen. Im Herrenhaus« waren zu längerem Besuch Frau von Stern und ihre jüngste Tochter anwesend. Ihr Gatte war im Winter seinen Leiden erlegen, und nach der langen und aufreibenden Pflege hatte sie sich zu einer Erholungsreise in die Heimath entschlossen. Graf Waldemar hatte seiner Großmutter geschrieben, daß er am Nachmittag auf der nächsten Eisenbahnstation, einer Landstadt ankommen würde, und dahin war längst ein Wagen für ihn abgegangen. Es war derselbe Kutscher, welcher ihn vor sechs Jahre» fortgefahren, und nun ungeduldig auf die schon signalisirte Ankunft des Zuges wartete. Endlich langte dieser an; Konrad richtete sein Augenmerk auf die Wagen erster Klasse, welche stets die Gräfin benutzte, sah aber Niemand aussteigen, und wollte schon rnißmuthig den Bahnhof verlassen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und freundlich eine zwar ihm unbekannte Stimme sagte: „Konrad, Du hast sicherlich geglaubt, daß ich nicht kommen würde! — Guten Tag-« „Aber da sind Sie ja, Herr Graf!" rief sich hastig umwendend Konrad erfreut, und stand vor einem stattlichen jungen Mann, den er indeß kaum erkannt hätte. „Willkommen nach so langer Zeit-" „Ja, nach sechs Jahren!" erwiderte lebhaft der Graf. „Der Zug hatte sich verspätet, besorge daher nur mein Gepäck, damit wir nach Steinhorst kommen." „Der Wagen ist in dem Ihnen wohl bekannten Wirthshaus«, Herr Graf. Wenn Sie dorthin gehen wollen-" Graf Waldemar befolgte diesen Rath und begab sich nach dem Gasthause, wo er schon oft als Knabe gewesen. Er wurde von dem Wirth und seiner Gattin freundlich begrüßt, nahm eine kleine Erfrischung zu sich, bestieg dann den von Konrad vorgeführten Wagen und fuhr der Heimath zu, die er zum ersten Male als Mann betrat. Der Weg führte zunächst durch die Umgebung der Stadt, eine Reihe von Gärten die den Bewohnern derselben gehörten, dann durch Wiesen und Felder, an einem ansehnlichen Dorf vorüber, bis sie an eine Stelle kamen, wo er sich nach verschiedenen Richtungen theilte. Der nach Steinhorst führende ging gerade aus, rechts gelangte man nach einer Fabrikanlage, und weiter in's Land hinein, und auf die links abgehende Landstraße deutend, sagte Konrad sich seinem Herrn zuwendend: „Das ist der Weg nachVahrendwald. Der Herr Graf werden sich wohl noch erinnern." Graf Waldemar hatte längst auf diesen Weg geblickt, und welche Gedanken und Gefühle sich seiner auch bemächtigt haben mochten, er verbarg sie und antwortete ruhig: „Gewiß, Konrad! — Warst Du es nicht auch, der mich vor sechs Jahren aus dem Försterhause abholte?" „Ja, Herr Graf. Sie waren damals, als Sie von dem Förster und seiner Familie Abschied genommen, recht traurig." „Dazu hatte ich alle Ursache", entgegnete ernster der junge Gutsherr, „denn ich war von ihnen wie ein eigenes Kind gehalten!" „Aus der kleinen Anna ist ein schönes Fräulein geworden", fuhr Konrad fort. „Hast Du sie kürzlich gesehen?" fragte unbefangen sein Gebieter. „Ja, noch am Sonntag in der Kirche. Den Herrn Förster werden Sie wohl etwas gealtert finden." — Konrads Aufmerksamkeit wandte sich hier dem Wege zu, der schmal und holperig war, Graf Waldemar aber lehnte sich gegen die Kissen des Wagens, und blickte nach dem Wald hinüber, durch den er so oft an Förster Kohrings Seite gegangen, eben so oft aber mit seiner Enkelin, begleitet von dem treuen Wolf, der eine große Zuneigung zu ihm gehabt. Konrad's Stimme weckte ihn aus seinem Sinnen, und auf einen großen Sandstein zeigend, der in einiger Entfernung von der Landstraße im Felde stand, sagte er: „Hier fängt Steinhorst an, Herr Graf, und nun sind Sie auf eigenem Grund und Boden. Ich gratulire herzlich, daß Sie gesund und wohl in Ihr Vesitzthum einziehen!" „Ich danke Dir, Konrad", erwiderte gerührt der Graf, und er reichte dem langjährigen Diener die- Hand, und drückte dessen braune schwielige Rechte. „In einer halben Stunde sind wir dort", fuhr er nach kurzer Pause, während welcher er mit der Hand über die Augen gefahren, fort. „Ich habe die Pferds verschnaufen lassen, damit sie nun gehörig laufen können. Die Gutsleute sollen doch aus der Ferne hören, das; Sie da sind, denn, daß Sie heute kommen wollten, ist allgemein bekannt I" Graf Waldemar konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, zugleich bemächtigte sich aber seiner eins nie empfundene Rührung, denn ihm war noch nicht der Gedanke gekommen, daß seine Untergebenen sich über seine Ankunft freuen würden. Dieser Gedanke aber that ihm wohl, und er gelobte sich, ihnen stets ein fürsorglicher Gutsherr zu sein. Mit lautem Geräusch schlugen jetzt die Hufe von vier Pferden auf das zwar gut erhaltene, doch unebene Pflaster, und mit eben so lautem Gerassel rollte der Wagen darüber hin. Konrad erreichte seinen Zweck; die Taglöhnerfamilion eilten freundlich grüßend vor ihre Häuser, während die Kinder ihm jubelnd zuriefen, und er aus dem Wagen lehnend, Allen dankte. (Forts, folgt.) 350 Die Eröffnung der Cast-River-Brückc in New-Borr-Brooklin. Am 24, Mai wurde in der Metropolis der Neuen Welt unter entsprechenden Feierlichkeiten ein Bauwerk dem öffentlichen Verkehr übergeben, das wohl für Jahrhunderte den kommenden Geschlechtern Zeugniß geben wird von der gewaltigen Entwickelung, die der Menschengeist auf allen Gebieten der Technik in unserem erfindungsreichen Jahrhundert genommen. Wenn auch der weltenumgürtende Ocean Deutschland und Amerika von einander trennt, so dürfen wir Deutsche heute unseren Blick dennoch mit Stolz nach dem jenseitigen Gestade des atlantischen Oceans schweife» lassen und uns des Gelingens des grandiosen Bauwerks innig freuen, denn der ursprüngliche Erbauer desselben, dem es leider nicht vergönnt war, die Vollendung seines Werkes zu schauen, der aber im eigenen Sohne einen würdigen Nachfolger fand, das Werk im Geiste des Vaters zu vollenden, war ein Deutscher. Johann A. NoebIing ist sein Name, der von den in der Frühlingssonne glänzenden, an den beiden in den Himmel ragenden Pfeilern der Brücke angebrachten Messingplatten der Mit- und Nachwelt entgegenprangt, der aber auch verdient, in den Annalen der Brückenbaukunst für alle Zeiten mit ehernen Lettern ein« gegraben zu werden. Wir wollen nun versuchen, dem Leser ein möglichst getreues Bild der Brücke, wie sie sich jetzt dem Auge des Beschauers in ihrer Vollendung darbietet, zu geben. Sie beginnt, wenn man die langen Aufgänge mit in Betracht zieht, an der City Hall in Ncw-Z)ork und endigt an der Ecke von Sands- und Washington-Street in Brooklyn, nicht weit von der dortigen City Hall entfernt. Wir betreten die Brücke von der New- Jorker Auffahrt aus. In mäßiger Ansteigung erhebt sich letztere bis zu dem Ankerplatz der Kabelenden auf Franklin-Square, und geht dann immer weiter über die Dächer der Häuser hinweg bis zu den beiden je 31'/2 Fuß breiten Durchgängen in dem New-Iorker Pfeiler. Wir haben bereits 1562 Fuß zurückgelegt und befinden uns 118 Fuß über Hochwasserniveau. Sobald wir die eigentliche Hängebrücke betreten, sehen wir, daß sich dieselbe in fünf parallel laufende Avenuen theilt. Die beiden äußeren, 19 Fuß breit, bilden die Fahrstraßen für die schweren Lastwagen, Equipagen u. s. w., die beiden inneren find für noch zu bauende Pferde- resp. Drahtseilbahnen reservirt und die dazwischen liegende, etwas erhobene Avenue ist für die Fußgänger bestimmt. I» der Mitte des Flusses befinden wir uns 135 Fuß über dem Wasserspiegel des Eastrivers, und es ist keine verlorene Minute Zeit, einen Augenblick Rast zu machen, um das sich vor uns ausbreitende prachtvolle Panorama bewundernden Blicks zu betrachten und unserm Gedächtniß einzuprägen. Unter unsern Füßen schäumen die Wogen des Eastrivers dem Meere zu, auf ihm tummeln sich zahlreiche Ferryboote, die bisher den alleinigen Verkehr mit Brooklyn ermöglichten und die in ihrem schmucken weißen Anstrich einen überaus freundlichen Anblick gewähren. Längs der beiden Ufer liegen Hunderte von Segelschiffen, die die Produkte fremder Länder an die amerikanische Küste gebracht, um mit amerikanischen Erzeugnissen voll beladen nach kurzem Aufenthalt im sichern Hafen bald wieder den gefahrbringenden Ocean zu kreuzen. Vor uns, im stolzen Hafen von Nsw-Aork, liegt Governos Island, der Garnisonsort eines kleinen Detachements Vereinigter Staaten-Truppen, mit seinen in saftigem Grün prangenden, von schattigen Bäumen bestandenen Wiesen, und dort am fernen Horizont, wo die Inseln Staten-Jsland und Long-Jsland nur eine schmale Passage, die sogenannte „Narrows", gestatten, segelt eben ein stolzer Oceandampfer der lieben Heimath zu, während ein anderer im vollen Flaggenschmuck eine Anzahl Europamüder nach den gastlichen Gestaden Amerika's bringt. Wie die beiden Schiffe aneinander vorbei- passiren, erfüllen brausende Hurrahrufe die Luft, die Einen, die Brust von Hoffnung geschwellt, jauchzen ihre Freude aus, daß sie den Drangsalen der alten Welt und den Gefahren des Oceans glücklich entronnen, die Anderen, die der lange nicht gesehenen, aber nicht vergessenen Heimath einen Besuch abstatten, um im Herbste in ihr liebgewonnenes Adoptivvaterland zurückzukehren, heißen die Neuankommenden beim Eintritt in die Neue Welt herzlich willkommen. Wenden wir nun unsere Blicke rückwärts über die schier 351 endlose, vonckSonnenbrand durchglühte Häusrrwüste der zu unseren Füßen sich ausbreitenden Riesenstädte hinweg, die nur vereinzelt durch grüne Parks gleich Oasen unterbrochen wirb» so sehen wir im Hintergründe die blauen Berge des Hudsonhochlandes gleichsam aus den Fmthen des majestätischen „amerikanischen Rheins" emportauchen, gewahre» jenseits des Rorthrivers (Hudsons) auf dem New-Jerseyer Ufer die weißen, steilaüfsteigenden Palli- sadenselsen, auf deren schwindelnder Höhe, eine luftige Sommer-Villegiatur mit Aussichtsthurm thront. Das Panorama, das sich von hier aus unserem Auge darbietet, ist in der That entzückend schön, und die armen Großstätter, die durch ihren Beruf jahraus jahrein in dem monotonen Häusermeere Gothams gefangen gehalten worden, werden jetzt erstaunen über die wunderbare und eigenartige Schönheit der sie umgebenden Natur, die sie bisher kaum geahnt, geschweige denn in vollen Zügen genossen haben.Doch der Strom der geschäftig dahineilenden Fußgänger drängt uns vorwärts, wir steigen zu dem Brooklyner Pfeiler nieder, passiven durch denselben und erreichen nach einem weiteren Abstieg von 971 Fuß das Ziel unserer „Reise" (denn ein Gang über die Brücke ist eine kleine Reise): das Erde der Brücke an der Ecke der Washington- und Sandsstreet in Vrooklpn. Die Brücke erhält jedoch dann erst ihren vollen Werth, wenn nran sie mit dem Hochbahnsrfflem, wie es bereits in New-Z)ork besteht, und wie es in Kurzem auch in der frommen Schwesterstadt erstehen wird, in Verbindung^ bringt. Die Brücke bildet dann eine thatsächliche und natürliche Fortsetzung resp. Verbindung der New-Iorker Hochbahnen mit den in Brooklpn im Bau begriffenen und gestattet den Bewohnern der äußersten Nordspitze von Manhattan-Jsland, d. i. der Stadt New-Iork, in denkbar kürzester Zeit nach den kühlen Gestaden des Meeres zu gelangen, wie auch auf demselben Wege in umgekehrter Richtung die Gartenprodukte des fruchtbaren Long-Jsland in loss tliun no timo auf die New-Uorker Mürkts gebracht werden können. Es erübrigt uns nur noch, einige im Vorstehenden noch nicht enthaltene Ziffern zu geben. Das Gewicht der Centralspannung ist 6,710 To. und das praktisch noch nicht erprobte Gewicht einer von Fußgängern bevölkerten und von Wagen befahrenen Brücke wird auf 1380 To. geschützt. Die vier Kabel müßten also im Stande sein, 8120 To. zu halten. Man berechnet ihre Stärke indeß auf 43,000 To. Die Bogenweite der Hängebrücke beträgt 1595'/., Fuß. Die ganze Brücke hat indeß drei Bogen, nämlich vorn Ankerplatz in Brooklpn bis zum Pfeiler am Ufer, dann über den Eastrivsr bis zum andern Pfeiler und von da bis zum Ankerplatz auf der New-Iorker Seite. Diese Entfernung, von Ankerplatz zu Ankerplatz, beträgt 3460 Fuß, und die ganze Brücke mit den beiden steinernen Aufgängen hat eine Länge von 5989 Fuß. Die Höh; der Hängebrücke an den Thurmeinschnitten ist 118 Fuß und steigt bis zu 135 Fuß über Hochwasserniveau in der Mitte des Flusses, so daß also die größten Oceanschiffe bequem darunter durchführen können. In den vier Kabeln sind 6,928,346 Pfd. Draht enthalten. Die Stärke eines Kabels, auf 170,000 Pfd. per Quadratzoll geschützt, beträgt 24,621,780 Pfund, die der vier Kabel also 98,487,120 Pfd. Die sämmtlichen Drähte der vier Kabel schließlich haben eine Länge von 14,060 Meilen, oder mehr als die halbe Lange rund um die Erde herum! — G o l d k ö r n e r. 6. O Muth, nur Muth in jeder Lage, Wo uns ein Dornenwald mnstarrt! Die Morgenröthe besserer Tage Glüht hinter'»! Berg der Gegenwart. Langbein. 0. Wer sich ganz dem Dank entzieht, Der erniedrigt den beschenkten Freund, indem er sich erhebt. Grillparzer. Wenn man einen Einfältigen betrügt und man auf einen Frommen lügt und Feindschaft zwischen Ehlenten macht: der Dreier Arbeit der Tenjel lacht. Altes deutsches Sprichwort. Htmmelsschait in» Monat Juni. " 8 —>« Venus bewegt sich vom Widder gegen den Stier, tritt 3 Uhr Morgens über den nordöstlichen Horizont und nimmt immer noch an Helligkeit ab. Am 3. steht j sie l'/r südlich vom Mond. k Mars F läuft vom Widder gegen den Stier, geht auf zwischen 2 Uhr und 1 Uhr in NO. und ist bis Tagesanbruch genau im O. Am 2. findet man ihn 1'/," ^ nördlich vom Mond. / Jupiter 2 z nähert sich der Sonne, mit der er zuletzt auf und untergeht und s ist nur noch während der ersten Tage des Monats kurze Zeit nach Sonnenuntergang sichtbar. Saturn kommt gegen Mitte des Monates in der Morgendämmerung in NO. zum Vorschein. Er geht auf zwischen 3 Uhr 45 Min. und 2 Uhr 4 Min. früh und steht am 4. in nächster Nähe des Mondes, am 20. südlich von der Venus. Mise-ll-rr. (Eine beißende Abweisung) ist jüngst einem noch etwas sehr „jugendlichen" Liebhaber zu Theil geworden. Mademoiselle Samary die berühmte inZtznus des i Theatre Franyais, hatt« vor einigen Tagen die schriftliche Liebeserklärung eines Gymnasiasten erhalten» in welcher der glühende Jüngling sie um ihr Bild und eine postlagernd« Antwort im Bureau des Theatre Franyais anflehte. Nun ist aber die schöne Naive der Comödie Franyaise im Privatleben die Gattin eines jungen Banquiers und Mutter mehrerer rosiger Böbös. Als deshalb der Romeo der Schulbank sich im Bureau präsentirte, fand ^ er dort den folgenden charmanten Brief von dem Gemahl der Samary vor: „Mein Herr! Da meine Frau gerade im Begriffe ist, ihr Jüngstes in die Windeln zu legen — ein Mädchen theurer Herr —, so beauftragt sie mich mit der Antwort und sendet Ihnen mein Bild, das Theuerste was sie besitzt. Was nun ihre Photographie anlangt, so finden * Sie dieselbe bei Radar. Ich benachrichtige Sie, daß dieser eminente Industrielle bedeutende Vortheile einräumt, wenn man die Photographiern Hundertweise nimmt. Schließlich bemerke ich noch, daß mein Töchterchen sechs Monate alt ist, und Sie vielleicht später, die Liebe für die Mutter auf das Kind übertragend, mein Schwiegersohn werde» könnten. ! Genehmigen Sie, geehrter Herr" rc. (Amerikanisch.) In Detroit, Michigan, Nordamerika, ging kürzlich ein Mann ! spät in der Nacht nach Hause. In einer einsamen Straße glaubte er in der Dunkelheit eine sich hinter einem Hausthore versteckende Figur zu entdecken. Als er näher käm, entdeckte er in der That eine Frau, welche sich dort versteckt hatte. Er blieb stehen; die Frau aber rief ärgerlich: „Machen Sie, daß Sie fortkommen!" — „Wohnen Sie hier?" — „Ja wohl!" — „Können Sie nicht in Ihre Wohnung?" — „O ja!" — „Worauf ' warten Sie denn hier?" — Die Frau, unter ihrem Regenmantel einen kräftigen Sopha- i klopfsr hervorziehend: „Auf meinen Mann!" (Lumpenlogik.) Ein berühmter Professor der Volkswirthschaft sagt: „Arbeit ! ist Eigenthum!" Proudhon sagt: „Eigenthum ist Diebstahl!" Folglich ist Arbeit — Diebstahl. Diebstahl ist aber ein Verbrechen, das bestraft werden muß — folglich ist Arbeit ein Verbrechen, das bestraft werden muß!