UnterHaktung8ökntt »ur . „Äugsburger postjeituilg." Nr. 46. Samstag, 9. Juni 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Fast eine Woche war nach diesem Gespräch vergangen, das den Förster mit größte« Ruhe der Zukunft entgegenblicken ließ, und der Sonntag herangekommen. Am Morgen fuhr, wie sie meistens zu thun pflegte, die Familie zur Kirche, wo sie Frau von Stein und ihre Tochter in den Plätzen der Gutsbesitzer bemerkten, doch weder von der Gräfin noch ihrem Enkel begleitet» Anna konnte sich nicht enthalten, sie eine Weile aufmerksam zu betrachten, und war bald in ihrem Herzen überzeugt, daß Frau von Stein ihr nie sympathisch werden könne, da der kalte Ausdruck ihrer Augen und Züge sie abstießen. Ihre Tochter gefiel ihr besser; waren es die ihr so vertrauten Züge, oder die warme Theilnahme, die ihr aus den braunen Augen entgegenstrahlte, als sie forschend auf sie herabblickte, — Anna wußte es nicht, richtete aber die ihrigen zu dem jungen Mädchen hinauf, das längst stillschweigend seiner Großmutter beigestimmt, und sich von der seltenen Schönheit des Försters Enkelkindes überzeugt, und daß sie der Bezeichnung Waldfee nur zu würdig war. Nach Tische hielten der Förster und Frau Albrecht Mittagsruhe, und Anna setzte sich mit einen» Buch vor die Thür. Den umfangreichen Band auseinanderschlagend, fiel ihr Auge auf mehrere durch einen Grashalm gehaltene trockene Nergißmeinnicht. Bei diesem Anblick färbte eine leichte Nöthe ihre Wangen, und eine Weile auf die noch wohl- erhaltene Farbe der lieblichen Sinnblume blickend, sagte sie endlich leise: „Er hat sie nur vor sechs Jahren gegeben, und dieselben von mir bekommen, ob er sie noch bewahrt? — Wohl mag das sein, doch wird er sie vielleicht vergessen haben — vergessen zwischen den Blättern der Gedichtsammlung — vergessen während aller der Jahrs, die ihm der Veränderung und Zerstreuung so viel gebracht!" und noch einige Sekunden das Erinnerungszeichen aus der Kindheit betrachtend, blätterte sie dann weiter und begann zu lesen. .Bald aber ihren Großvater hörend, eilte sie mit dem Buch in's Haus, das sie wieder im Bücherschrank verwahrte, und dann den Nachmittagskaffe besorgte. Ihr Großvater und ihre Tante erschienen, und als der Kaffee eingenommen, ward der Sonntagsweg durch den Wald angetreten, wie es stets bei guten» Wetter Gebrauch gewesen. Von Wolf begleitet, ging Anna den breiten Hauptweg entlang, während langsamer Kohring und seine Nichte folgten und sich über die Predigt besprachen, die ausnahmsweise ein fremder Geistlicher gehalten. Auch Anna's Gedanken hatten sich der Kirche zugewandt, und zwar dem in derselben erblickten Fräulein von Stein, dessen äußere Erscheinung einen so vortheilhasten Eindruck auf sie gemacht, daß sie, die nie eine Gespielin» oder Freundin ihres Alters gekannt, eine gewisse Sehnsucht nach der Bekanntschaft dieses jungen Mädchens empfand. Diesen Gedanken sich hingebend, gewahrte sie nicht, daß Wolf schon unruhig geworden und aufmerksam nach der rechten Seite des Waldes geblickt, wo in einiger Eilt- 362 fernung ein Weg abging. Plötzlich aber verlieh er sie und sprang in weiten Sätzen in diesen Weg hinein. Die Ursache seiner Aufregung aber war ein junger Mann, der schon eine Weile hinter einem mächtigen Baumstamm gestanden, und mit Blicken, die seine tiefe Empfindung verriethen, das junge Mädchen beobachtet, das so ernst und sinnend daherschritt. Er hatte eS bald erkannt, wenngleich aus dem Kinde eine hochgewachsene blühende Jungfrau geworden und den Namen „Anna" aussprechend, hielt er plötzlich inne und fügte dann hinzu: „Nein, nein, so darf ich sie nicht mehr nennen, auch für mich ist sie «in Fräulein — Fräulein Herseld geworden, und täuscht mich nicht der Ausdruck meiner Züge, so bin auch ich jetzt Graf Steinhorst für sie, bis — bis vielleicht — für den Augenblick aber mag es so besser sein!" Jetzt kam Wolf in weiten Sätzen herbeigesprungsn, und wir er es vor sechs Jahren gethan, legte er ihm seine mächtigen Pfoten auf die Schultern, und mit dem buschigen Schwanz um sich schlagend, blickte er ihm freudig entgegen. Nun hatte auch Anna den Eingang des Weges erreicht. Sie sah das Bild und eine hohe Nöthe überzog einen Augenblick ihre Wangen, während ihr Herz laut zu klopfen begann. Im nächsten Moment aber hatte sie ihre Aufregung fast bezwungen, dennoch verrieth ihre Stimme, wie das Leuchten ihrer Augen, ihre freudige Ueberraschung, und lebhaft sagte sie: Herr Graf, — ja Sie sind es wirklich l" Eine Sekunde zögerte er: hatte er ihrerseits eine andere Anrede erwartet, oder wollte die seinige mir der förmlichen Benennung nicht den Weg über seine Lippen finden? — Dann reichte er ihr die Hand und erwiderte, ihr voll unverkennbarer Freude ent- gegenblickend: „Ja, ich bin's, Fräulein Herfeld! -- Sie haben also den Waldsmar aus früheren Tagen wieder erkannt?" Noch einmal überflog das verrätherisch« Roth ihre Züge, doch legte sie ihre Hand» die sichtliche Spuren der Arbeit trug, in seine weiße Rechte, und antwortete in ruhigem Ton: > »Ja, Herr Graf, wenngleich Sie sehr verändert zu uns zurückkehren!" „Aber auch Sie haben sich verändert, Fräulein Herfeld", entgegnete er mit einem Blick offener Bewunderung, „doch hätte ich Sie unter Tausenden erkannt!" Diesen, beredten Blick ausweichend, entzog sie ihm zugleich ihre Hand, es erfolgt^ Line momentane Pause, — dann näherte sich der Förster und seine Nichte, welche nur zu richtig geschlossen, daß Graf Steinhorst durch den Wald gekommen sei. Dieser eilte ihnen entgegen, eine gegenseitige herzliche Begrüßung fand statt, und beide Hände beL jungen Mannes fassend, sagte Kohring mit bewegter Stimme: „Willkommen, Herr Graf, willkommen in der alten Heimaih, und Heil und Segen Ihnen zu», Antritt Ihres Erbes!" „'Nehmen Sie auch meine besten Wünsche, Herr Graf", sagte ebenfalls Frau Albrecht, „und mögen Sie sich Ihres Besitzes in Glück und Gesundheit freuen!" „Ich danke Ihnen, meine Freunde", erwiderte gerührt der junge Mann, Beider Hände in den seinen drückend, „und danke Ihnen ebenfalls, daß Sie mir einen so freundlichen Empfang zu Theil werden lassen!" „Sie haben Recht gethan uns hier im Walde zu überraschen", sagte mit beifälligem Lächeln der Förster, der gleich Frau Albrecht, seiner Enkelin Ruhe und Unbefangenheit wahrgenommen. „Wo Wolf mich aufgespürt und verrathen", entgegnete ebenfalls lächelnd der Graf. „i.Unser guter treuer Wolf" — und er streichelte den glänzend schwarzen Kopf des Neufundländers — „der während der sechs Jahre» wo ich ihn nicht gesehen, derselbe geblieben!" „Wie haben Sie Ihre Frau Großmutter gefunden?" fragte Frau Albrecht, welche die Allgewalt der Erinnerungen für den jungen Mann wie für ihre Nichte fürchtete. 363 „Meine Großmutter ist älter geworden", antwortete er mit einem ernsten Zug in seine»« eben noch so heiteren Gesicht- „Sie behauptet eS ebenfalls —" „Dem kann Niemand entgehen", sprach der Förster mit leichtem Nachdruck. „Nun Sie aber selbst da sind, könnte sie sich die erforderliche Ruhe gönnen „Das hat sie theilweise schon gethan —" „Der Besuch Ihrer Tante und Cousine ist wohl eine große Freude für sie", bemerkte Frau Albrecht. „Ja, gewiß, und Erstere hat mir versprochen, so lange wie möglich, in Steinhorst zu bleiben!" Frau Albrecht schlug vor, den Rückweg anzutreten, rvas auch sogleich geschah. Graf Waldemar ging zwischen dem Förster und seiner Nichte, an deren anderer Seite sich Anna befand. Er mußte seinen letzten Aufenthalt in Frankreich und seine Rückreise beschreiben, die der Förster, welcher schon vollständig den Ton früherer Tage wiedergefunden, noch nicht erfahren. Vor der Thür des Försterhauses angekommen, ließ Graf Waldemar seine Augeir eine Weile umherschweifen, und sagte neben Kohring auf der Bank Platz nehmend, wo er früher so oft gesessen, mit unverkennbarer Bewegung: „Wie heimisch ist eS mir hier, wo ich Alles — Alles wiederfinde, wie ich es verlassen! — Nichts ist verändert, und mir scheint fast, als hätte ich erst gestern Abschied von« Forsthof genommen!" „Nur wir Menschen haben uns verändert", entgegnete ernst der Förster, „wir haben der Zeit herhalten müssen!" „Ihnen und Frau Albrecht sieht man es kaum an —" „In unserem Alter rrrmögen ein paar Jahre nicht viel! — Mit der Jugend ist'S anders —" „Dies Gespräch ward durch ciuen lauten Ausdruck der Freude von Christine unterbrochen, «reiche von Anna, die sich in's Haus begebe««, erfahren, wer gekommen sei, vor die Thüre eilte. Sie erblickend, ging der junge Mann ihr entgegen, und sagte, ihr seine Hand reichend, in heiterein Ton: „Da ist nun der ehemalige Junker Waldemar wieder, Christiire — Erkennen Sie mich —" „Ei gewiß, Herr Graf, wie sollte ich nicht", entgegnete sie lächelnd» „obgleich Sie ei» großer und stattlicher Herr geworden sind! — Jetzt werden Sie aber rvohl nicht mehr in die Küche kommen, und sich ein Vutterbrod auf den Weg holen!" „O, das könnte doch noch einmal geschehen, Christine", erwiderte Graf Steinhorst lachend. „In meinem Alter hat man guten Appetit, und der Weg durch Feld und Wald macht hungrig. Wenn ich also einmal in der Nähe bin und Eßlust verspüre —" „Dann kommen Sie nur «vie sonst zu mir, und ich schneide Ihnen das Butterbrod genau wie vor sechs Jahren", und sichtlich erfreut, den jungen Grafen gesehen und begrüßt zu haben, ging Christine an ihre Arbeit zurück. Jetzt erschien Anna mit Wein und Kuchen und präsentirte Beides mit anmuthiger Freundlichkeit. Das schmackhafte Backwerk einen Augenblick betrachtend, rief lebhaft der junge Mann: „Sogar dieselben Kuchen finde ich hier wieder!" und sich an Anna wendend, fügte er vollkommen unbefangen in Ton und Blick hinzu: „Erinnern Sie sich noch, Fräulein Herfeld, daß wir früher den Zucker und Gewürz dazu gestoßen? — das geschah in besonders thätiger Weise zum Weihnachtsfest, wo, «vie ich mich sehr entsinne, es hier viel zu thun gab, und Christine uns aus der Küche in das Nebenzimmer verwies!" Anna, deren Züge bisher einen ruhig freundlichen Ausdruck gehabt, konnte sich des Lachens nicht enthalten, denn ihr siel ein, daß Christine damals ziemlich unsanft mit ihm verfahren war, und dies Lachen verjüngte ihre Züge so sehr, daß Graf Waldemar fast glaubte, seine ehemalige Gefährtin vor sich zu sehen. Auch der Förster und seine Nichte 364 lachten über diese Reminiscenz, und einmal das Eis gebrochen, war denn die Erinnerung mächtiger als die Sorge des Großvaters und der Tante, und Anna Herssld und Graf Waldemar plauderten bald so unbefangen wie in früheren Tagen, und Kohring und Frau Albrecht stimmten ein — die früheren Tage waren auch ihnen im Gedächtniß geblieben. — XVII. Als die Gräfin Steinhorst, ihre Tochter und Enkelin von einem Besuch aus der Umgegend heimkehrten, fragte Erstere die Vorhalle betretend, den Diener: „Ist der Herr Graf -schon hier, Johann?" „Nein, Frau Gräfin", lautete dessen Antwort. „Der Herr Graf aber hat mir gesägt, daß er jedenfalls zum Abendessen, vielleicht auch schon früher kommen würde", und sichtlich verstimmt über diese Nachricht, stieg sie, gefolgt von Frau von Stein und Fräulein Constanze, die Treppe zu den oberen Gemächern hinauf. Nach einer Weile im Wohnzimmer wieder versammelt, sagte Erstere mit unverkennbarer Erregung in Stimme und Zügen: i „Der erste Besuch bei dein Förster in Vahrenwald wäre also gemacht, und mich soll es wundern, ob er nicht wiederholt wird —" „Das werden wir bald genug erfahren", unterbrach Frau von Stein. „Die sechsjährige Korrespondenz beweist, daß Waldemar der Familie eine große Anhänglichkeit bewahrt. Und diese Anna Herfeld —" ! „Sie ist wirklich schön, Großmutter", fiel Fräulein Constanze ein, „obgleich ich sie i zu ernst und ruhig für ihre Jahre findel" „Du scheinst sie Dir sehr genau angesehen zu haben", sprach ihre Großmutter in * z verstimmtem Ton. „Anna Herfeld mit den blauen Augen und goldblonden Haaren muß es ihr angethan haben", entgegnele Frau v. Stein mit leichtem Spott, „denn sie hat auf dem Rückwege nur von ihr geredet. Das Gesicht ist mir übrigens bekannt, ich weiß nur nicht, wo ich eine auffallend« Aehnlichkeit gesehen!" Fräulein Constanze hatte sich dem Fenster zugewandt, wo die eingetretene Dämmerung ihr lebhaftes Erröthen verbarg. Nach augenblicklicher Pause erwiderte sie: ! „Mich spricht ihre ganze Erscheinung ungewöhnlich an, es liegt etwas so Edles s und Aristokratisches darin —" ! „Kind, fasele doch nicht solchen Unsinn!" sagte fast erzürnt die Gräfin. „Woher i sollte bei ihr wohl das Aristokratische kommen? — Um eins möchte ich Euch beide noch j dringend ersuchen. Legt, wenn Waldemar kommt, kein besonderes Gewicht auf seinen Besuch iiu Försterhause —" ' Rasche Hufschläge, und dann ein haltender Wagen, verkündeten die Rückkehr des ; jungen Gutsherr», der auch alsbald den Wohnsaal betrat, und die Anwesenden in freundlicher Weise begrüßte. Neben seiner Cousine Platz nehmend, erkundigte er sich nach dein Verlauf des Besuchs, worauf seine Großmutter in gleichgültigem Ton fragte: „Wie hast Du die Försterfamilie nach so langen Jahren angetroffen, Waldemar?" „Wohl und munter", erwiderte der junge Mann. „Der Förster und Frau Albrecht sind allerdings älter und aus der ehemaligen Anna ist ein Fräulein Herfeld geworden, wie Du ja aus eigener Anschauung weißt. Ich traf sie, wie ich mir gedacht, im Walde, wir waren gegenseitig sehr erfreut uns wiederzusehen und haben viel über die Vergangenheit gesprochen!" „Ich wollte, ich hätte Dich damals gleich nach Hohenhausen geschickt", bemerkte darauf die Gräfin, „es wäre Dir hier dann nicht ein Jahr verloren gegangen!" „Das Jahr ist mir kein verlorenes gewesen, Großmutter", antwortete lebhaft und mit Nachdruck Gras Waldemar, „denn das in Vahrenwald Erlernte ist mir schon vielfach zu statten gekommen. Ebenso nützlich ist mir auch jetzt des Försters erfahrener Rath in Bezug auf unsere Waldungen-^ 365 „Dessen bedarfst Du nicht", entgeznete entschieden die Gräfin. „Es hat noch nie ein Forstmann nach unsern Waldungen gesehen, die darum nicht schlechter als andere gewesen sind, und einen guten Ertrag geliefert haben!" „Dennoch ist es in Steinhagen und Schönau durchaus erforderlich", erwiderte ihr Enkel in bestimmtem Ton. „Ich will dort überhaupt die Holzungen erweitern, und Förster Kohring soll nächstens mit mir hinüberfahren um Grund und Boden zu untersuchen! —" Die Meldung des Abendessens unterbrach rechtzeitig die Unterhaltung und die kleine Gesellschaft begab sich in den Spsisesaal. Nach demselben nahmen die beiden älteren Damen die Karten zu einem Patiencespiel zur Hand, Graf Waldemar und seine Cousine aber begannen sich durch die Musik zu unterhalten, für welche Beide gleiche Begabung und Verständniß hatten. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Ja wohl! das ewig Wirkende bewegt Uns unbegreiflich, — dieses oder jenes, Als wie von ungeiähr, zu unserm Wohl, Zum Rathe, znr Entscheidung, zum Vollbringen, Und wie getragen werden wir an's Ziel. Das Hu cmpflnden, ist das höchste Gluck, Es nicht zu sondern, ist bescheidne Pflicht, Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden. Goethe. Man sieht nur dann, wenn man mit ruhiger Besonnenheit sieht. Die Leidenschaftslosesten waren immer die größten Menschenkenner. F. Ehrender g. Wer sich selber kennt, ist strenge gegen sich selber, Jedem Schwachen gelind und richtet ungern den Bösen. L a v a t e r. Halts Dich an's Schöne! Vom Schönen lebt das Gute im Menschen und auch seine Gesundheit. v. Fenchtersleben. Sein eig'ner Leitstern ist des Menschen Geist, Und wenn ihn dieser sührt zu hohem Ziele, So wird er mächtig mit sich reihen Viele, Gleichviel, ob man ihn tadelt oder preist. Fr. Bodenstedt. TriMsrrit; im Thale. Von K. A. Reisner Freiherrn von Lichtenstern. Im Sommer des Jahres 1879 besuchte ich von Schloß Neusath aus das nicht weit davon gelegene Trausnitz im Thale. Nie hatte ich von den landschaftlichen Nerzen dieses historisch-berühmten Ortes sprechen gehört, wie ja überhaupt der Oberpfalz in dieser Beziehung fälschlicher Weise wenig Gutes nachgerühmt wird. Um so freudiger war ich überrascht, die alte, hochinteressante Burg in so schöner, romantischer Umgebung anzutreffen. Das noch wchlerhaltene, altersgraue, massive und prächtige Castell erhebt sich kühn, dicht am Rande des hohen rechten Ufers der lebhaft vom Böhmerwalde her eilenden Pfreimbt, nicht unbedeutende Höhenzüge und große Wälder bilven seinen dunklen Hintergrund und begrenzen unweit den Blick. Trausnitz ist heute noch ein so abgelegener, nur durch schlechte Wege mit den benachbarten kleinen Dörfern verbundener Ort, daß sich bei seinem Betreten die Phantasie unwillkürlich in jene graue Vorzeit verliert, in der der Urwald bis dicht an die Burg sich erstreckte, und außer ihr vielleicht keine menschliche Behausung, ja außer den sie bewohnenden Rittern und Knechten auf weit und breit kein menschliches Wesen existirte. Vielleicht ist es aber nur treue Ueberlieferung von Mund zu Mund, wen» die heutigen Bewohner des übrigens wohl uralten Dorfes sich in solch' wildromantischer — 366 — Lage jenes Trausnit vorstellen, das Friedrich dem Schönen in für Bayern ruhmvoller, gewaltiger Zeit zu ritterlicher Haft angewiesen worden war. Die Erinnerung an diese Gefangenschaft des unglücklichen österreichischen Fürsten lebt in volksthümlichen Sagen fort. So erzählte uns der Besitzer des neben der Ritter- Burg befindlichen Gasthauses mit ernster Miene und im Tone vollster Ueberzeugung Folgendes: „Sieben Jahre schon schmachtete Friedrich im engen Thurmgelasse, sich die Zeit mit Pfeilschnitzen vertreibend. Da kam eines Tages ein Bürger von Luhe, der nach Pfreimbt gehen wollte und sich in den großen Wäldern verirrt hatte, auf die Waldblöße; er erstaunte, hier eine Burg und bayerisches Kriegsvolk anzutreffen. Von dein Letzteren erfuhr er den Namen dessen, den sie zu bewachen hatten. Man zeigte ihm den Weg längs des Wassers, der nach Pfreimbt führt, und er berichtete, dort glücklich angekommen, was ihm widerfahren war. Das traurige Loos des gefangenen Fürsten ergriff besonders den Geistlichen des Ortes mächtig, er schlug sofort den Weg zu jener Burg ein, kletterte in der Nähe derselben auf einen hohen Baum und stimmte einen Gesang an. So wurde der unglückliche Fürst auf ihn aufmerksam, ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erzählte ihm die traurige Mähre: Sein „Bruder" Kaiser Ludwig der Bayer halte ihn hier seit sieben Jahren in strenger Haft. Der Priester eilt zurück nach Pfreimbt, es gelingt ihm die Bürger für die Sache des Gefangenen zu gewinnen und mit vereinten Kräften rücken sie vor die Beste. Vergebens kämpfen sie mit den Bayern, es glückt ihnen nicht, sie zu überwinden und damit den Herzog zu befreien. Endlich kommen sie auf den Einfall, die Burg zu untergraben. Nun sehen die Vertheidiger ein, daß sie selbe nicht mehr länger halten können und übergeben sie ihren edelgesinnten Feinden. Aber Friedrich, der ritterliche Mann, will die Haft nicht breche». Nur von seinem „Bruder", der ihn gefangen hält, nähme er die Befreiung an. Erst auf langes Bitten und Drängen der Eroberer ver- läße er die Burg und zieht mit ihnen fort. Sie überschreiten die Pfreimbt und ersteigen die jenseitige Höhe. Dort wendet sich Friedrich um, deutet auf das Thal, das sie soeben verließen, und spricht zu seinen Begleitern die Worte: „Kinder, trauet dem Thale nit." In seiner Heimath angekommen, findet Friedrich seine treue Gattin erblindet von unablässigem Weinen um den so lange entfernt gewesenen Gemahl. Die muthigen Bürger wurden fürstlich belohnt. Sie erhielten die Wälder, die das Castell umgaben und die Friedrich von seinem „Bruder" Ludwig, mit dem er sich bald ausgesöhnt, käuflich erworben hatte, zum Geschenk. So entstand um die Burg eine Ansiedelung, die ihre Bewohner in getreuem Andenken an die Warnung des Herzogs „Trausnit im Thale" nannten, während sie das später entstandene Dorf auf der Höhe, wo der Fürst sich noch einmal nach seinem eben verlassenen Kerker umgesehen hatte, „Hohen-Trausnit" hießen. So sagt das Volk noch heute, wahrend diese Namen schon längst „von den Herren" in „Trausnitz im Thale" und „Hohen-Treswitz" umgetauft worden sind." — Soweit mein Gewährsmann. Viele Adelsgeschlechter saßen von Altersher auf der Burg. Zu Anfang unseres Jahrhunderts gehörte das Rittergut TrauSnitz im Thal dem Freiherrn Joseph von Karg- Bebenburg» k. b. Kämmerer, der mit seiner Ehegattin Maria Elisabetha, einer geborne» Neisner Freiin von Lichtenstern, das heutige Wirthshaus zum adelige» Ansitze hatte. Er baute indeß ein neues Schloß (die alte Burg war bayerisches Staatseigenthum geworden) neben der Kirche, in der das vereinigte Wappen der beiden Gatten über dem Altar an sie erinnert. Aber auch das neue Herrenhaus ist jetzt zum Schulhaus umgewandelt worden, und kein Edelgeschlecht haust mehr an dieser Stelle des sagenumwobenen Ufers der Pfreimbt. (Deutsches Adelsblatt.) 367 Der erste Felibre. (Provencalische Romanze von Ludwig Bril l-) 1 . Schritt ein schwarzgelocktcr Jüngling An den Usern der Dnrance, Schweifte, alter Zeit gedenkend, Durch die blühende Provence. Vom Adour bis zu den Alpen Sah er edle Sänger wallen, Hörte von den hohen Burgen Wundersame Lieder schallen. Und verzückt, wie einst Eäcilia. Stand der Jüngling da und lauschte, Bis der Strom der süßen Klänge Saust iin Abcndwind verrauschte. ' Trauernd lag vor seinem Blick jetzt Saugvergessen die Provence, Und mit ihm die Weiden weinte!! An den Ufern der Durancs. Und die Blüthe der Granate Schloß sich leist vor tiefem Leide, Und mit linden Thränen netzte Rosmarin die dürre Haide. 2 . Von der Haide tönte lieblich Nachtgesang der kleinen Grillen, Und aus blauer Ferne stiege» Goldumrändert die Alpillen. Langsam zog die Hserde heimwärts, Hinter ihr in weißen Locken Schritt der Hirt, voll Andacht horchend Aus den Reis der Abendglocken. Sein Gesicht, ein Buch der Weisheit, Und sein Herz, ein heilig Feuer, Seine Brust, ein Schrein voll Sagen Der Provence, die ihm theuer. Trieb die Heerde sechszig Jahrs Durch die Crau und die Camargue, ') Und nur noch eine» Wunsch kannt' er: Daß man dort zur Ruh' ihn sarge. Und der schwarzgelockte Jüngling Nahte sich dem Greis mit Zagen, Bebend klang von seiner Lippe Frommer Gruß aus alten Tagen. 3 . „Josö I" rief der Alte lächelnd, „Ist nicht niehr der munt're Knabe, Flog sonst gleich dem Sambu-Füllen, Durch die Flur im wilden Trabe. U Crau und Camargue sind große Haide« So viel wie Füllen der Wildniß. Baux: Ruine einer alten Felsensestung. Der letzte bedeutende Troubadour. Hand aus's Herz! er sah verwegen Einer Schönen in die Augen, Und nun, ein gezähmtes Äößlein, Will sein Muth nichts Rechtes taugen." „Vater Hirt! in's holde Antlitz Sah ich einen! Wundermädchen, Und sie spann mit Feenhänden Um mich gold'ne Liebsssädchen. Trotz der achtzig Jahre, Vater, Liebt ihr minder nicht die Traute, Die Provence alter Zeiten, Die ich hentt im Traum erschaute. Troubadoure zogen singend Durch die sonnigen Gefilde, Selig lauscht' ich ihren Weisen — Ach! da schwand das Tranmgcbilde." 4 . In prophetisch Schau'» versunken, Vor dem Jüngling stand der Hirte, Während geisterhaft sein Auge Nach den blauen Hohen irrte. „Dort", begann er, „ties im Felsschacht, Seit die Banx in Schutt zerstoben, Ruht in unberührter Schönheit Eine Jungfrau, traumumwoben. . Unheil schauend, saß sie lange Einsam dort in finsterm Kummer» Arnald Maraviglia sang sie Eines Tags in sel'gen Schlummer. Lächelnd in den braunen Haaren Rosmarin und Immortelle, Aus der Brust die Lilienhände, Liegt sie an gefeiter Stelle. Manchmal wandelt wohl ihr Schatten An den Ufern der Dnrance, Und dann flüstern aus den Weide» Alte Lieder der Provence. 5 . Schwieg der Hirt. Darauf der Andre: Wunderbar! und habt ihr Kunde, Wie man Weg und Eingang finde Zu Ver Maid im Felsengrunde?" Und der Alte blickt dem Frager In die dunkeln Sonnenaugen: „Nur ein Sänger reinen Herzens Mag zu solchem Gange tauge«» Doch man sagt, mit heil'aem Liede In der Heimath süßem Laute Die nur mehr erklingt in Hütten, Weckt ein Sänger einst die Traute. im Süden der Provence. Und zurück aus Mistrals Schwingen Kehrt der Geist in die Provence, Tönt das Lied der Troubadoure Pein Adour bis zur Durance" Ictzo schied mit Gruß und Segen Von dem Musensohn der Hirte, Während Jener durch die Haide Nach den fernen Höhen irrte. 6 . Aus den Schwingen heil'gcr Sehnsucht Flog der Wand'rer durch die Wüste, Bis die bleiche Baux gespenstisch Aus dem Dämmerdust ihn grüßte. Seinem Sterne fromm vertrauend, Drang er in die Felsentielen, War's ihm doch, als ob, süß lockend, Stimmen aus dem Innern riefen. Plötzlich hellte sich das Dunkel, Und vor ihm im Glorienlichte Lag die Jungfrau friedlich schlummernd, Mit dem Engelsangestchte. Ihr zu Häupten lang die Harfe, Maraviglta's Herzvertraute, Aus den gold'nen Saiten strömten Noch des Meisters Minnelaute. Sel'ge Wonncschauer zogen Durch die Brust dem Musensohne, Upd das Saitenspiel ergreifend, Hub er an in leisem Tone: 7. »Wach auf, du holdes Traut! O, nicht zu neuem Kummer Rüst dich aus sanften, Schlummer Des Sängers Klagclaut. ») Name des bcdeutendsten Felibre, starken Windes. Wach aus! der Lenz erschien, Die klaren Brünnlein rauschen, Und Nachtigallen tauschen Der Liebe Melodie'». Wach aus! am Bache fleh'» Maßliebchen, licht wie Sterne: Wir grüßten dich so gerne Zu srohem Aufersteh'»! Wach aus! Dein Troubadour Will dich zur Braut erküren Und im Triumph dich führen Durch all' die Heimathflur." 8 . Wie dem Kind, wenn lichte Träume Seine Wiege still umfächeln, Also flog der Schlummerholden Um den Mund ein süßes Lächeln. Und sie schlug die dunkeln Augen Seclenvoll empor zum Sänger, Der jahrhundertalte Zauber Hielt das schöne Kind nicht länger. Hehr und herrlich vor den, Jüngling Stand sie da im Jugendprangen, Während von den Rosenlippen Provencalcnlicder klangen. Und im Arm des Meisters Harse, Zog mit ihm sie durch die Fluren, Um sich schaarend viele Sänger, Die zum heil'gen Bunde schwuren. Felibrige sein holder Name, Stolz und Zierde der Provence, Denn die Langue d'Oc klingt wieder Von, Adour bis zur Durance. der Name eines in der Provence oft wehenden M i s e s l l s,r. (Baron Mikosch.) Professor in einer Gesellschaft: „In der That, verglichen mit früheren Jahrhunderten sind die astronomischen Errungenschaften unserer Zeit großartig zu nennen. Mit welcher erstaunlichen Genauigkeit berechnen wir z. B. die Entfernung der Sterne von unserer Erde, Neptun 600 Millionen weit, Venus 14>/z Millionen weit . « — Baron Mikosch: „Daß man waiß, wie wait die Sternen sind, ist nichts — daß man aber waiß, wie sie haißen — olle Achtung!" (Marc Twain), der bekannte amerikanische Humorist, erhielt von einem amerikanischen Würdenträger einen Brief, den zu beantworten er nicht für nöthig fand. Darauf ließ die hochgestellte Persönlichkeit dem ersten Briefs einen Bogen Papier und eine Marke folgen. Darauf erwiderte Twain per Postkarte: „Papier und Marke erhalten, bitte um Couvert." (Neise-Utensilien.) A.: „Da Sie in die Alpen reisen, so haben Sie hoffentlich nicht vergessen, ein gutes Glas mitzunehmen, man hat dann doppelten Genuß von der herrlichen Fernsicht." — B.: „Ja ein großes Glas hab' ich schon, aber wird man überall das Bier dazu kriegen können?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max.Huttler.