zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 47. Mittwoch, 13. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson, (Fortsetzung.) Nur zu gern hätte Fräulein Constanze sich bei ihrem Vetter nach des Försters Enkelkind erkundigt, doch hielt der bestimmte Wunsch ihrer Großmutter sie davon zurück, dennoch nahm sie sich vor, zu geeigneter Zeit einmal der Waldfee ihm gegenüber zu erwähnen. Die beabsichtigte Fahrt nach den beiden entfernten Gütern war zum Verdruß der Gräfin von Förster Kohring und Graf Waldemar unternommen, und einige Wochen darauf vergangen, ohne daß er im Försterhause erschien. Man wunderte sich darüber nicht, es gab für ihn Abeit genug, er war so unausgesetzt thätig, daß auch seine Großmutter ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnte, und zugleich sich freute, daß er die Försterei noch nicht wiedergesehen. Bald aber erschien er in derselben, und diesem Besuche folgten andere, und die ehemalige Gefährtin nahm unmerklich den vertraulichen Ton früherer Tage an, wo sie ein Kind und er ein kaum erwachsener Knabe gewesen, wenn sie sich auch der förmlichen Anrede bedienten. Damit aber zog die Liebe in ihre junge Herzen ein, die eigentlich nur die Fortsetzung der Zuneigung ihrer Kinderjahre, und bald dem Förster und seiner Nichte kein Geheimniß mehr war. Man ahnte sie aber auch in Steinhorst, und die Gräfin und ihre Tochter führten erbitterte Worte darüber, welche Fräulein Constanze voll inniger Theilnahme mit ihrem Vetter anhörte. Der Entschluß der Ersteren stand fest, sie wollte in ihrer Familie keine Heirath unter Rang und Stand dulden, am wenigsten aber von dem Enkel, für den sie gearbeitet und gestrebt, und bedachte dabei nicht, daß dieser Enkel der selbstständige Herr seines Schicksals war, und ihrer Einwilligung zu einer beabsichtigten Verbindung nicht bedurfte. Die Liebenden selbst aber, über deren Lippen ihre Gefühle noch keinen Ausdruck gefunden, lebten in stiller Seligkeit, im Bewußtsein und in der Ueberzeugung ihrer gegenseitigen Neigung fort, welche ihnen ihre, Blicke und eine nur ihnen verständliche Sprache verrathen, wenngleich auch der Gedanke — die Frage an sie herantrat, ob diese Liebe zu einem glücklichen, erwünschten Ziele führen werde. Graf Waldemar war entschlossen, Anna Herfeld mit Bewilligung ihres Großvaters zu seiner Gattin zu machen» alle ihm entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen und auch die Wünsche seiner Großmutter nicht zu berücksichtigen, die stets ihren einseitigen Adelstolz geltend zu machen suchte, und deren Ansichten in dieser Beziehung weit von den feinigen abwichen. Auch Anna hatte bereits empfunden, daß die Pfade wahrer Liebe nicht immer eben seien, und war oft ernster und nachdenkender als man sie sonst gesehen. Auch sie kannte die Ansichten der adelstolzen Gräfin Steinhorst zur Genüge, die, wenn sie sich in der Kirche trafen, gleich ihrer Tochter sie stets nur hochmüthig begrüßten, während Fräu- 370 lein Constanze dies mit freundlicher Höflichkeit that. Sie hatte das tief gefühlt, und wußte sich auch die vornehme Herablassung der beiden älteren Damen zu erklären, dennoch aber vermochte ihr Herz nicht von Graf Waldemar zu lassen. Eines Nachmittags kehrte früher als sonst Förster Kohring von seinen Wegen aus dem Walde heim, und fand an dem gemahnten Platz vor der Thür nur seine Nichte. Ihr ernstes bekümmertes Gesicht gewahrend, sah er zugleich die Arbeit seiner Enkelin auf dem Tische, und fragte schnell: „Wo ist Anna, Wilhelmine?" „In den Garten gegangen, wie ich fürchte, um mir ihre Thränen zu verbergen, da sie schon den ganzen Nachmittag traurig und still gewesen ist", und Frau Albrecht stieß einen tiefen Seufzer aus. „So mag's wohl sein", erwiderte der Förster, sich neben seiner Nichte niederlassend. „Es ist Alles gekommen, wie Du befürchtet, und wir müssen etwas thun, um hier eine Veränderung zu machenI" „Welche Veränderung aber, Onkel? — Wir können doch dem Grafen nicht das Haus verschließen, obgleich das sicherlich im Sinne seiner Großmutter gehandelt wäre!" „Nein, Wilhelmine, das können wir nicht, doch muß es zu einer Entscheidung kommen, denn ich will nicht, daß das arme Kind sich härmt und grämt." „Was kann und soll jedoch geschehen?" „Anna soll fort, schon in den nächsten Tagen, und dazu ist uns der Zufall günstig. Ich habe einen Brief von Sophie Dörner in der Tasche, den ich dem Postboten abgenommen und auch schon gelesen habe. Sie ladet sie zu einem baldigen Besuche ein, da sie später mit dem schwachsinnigen jungen Mädchen, das bei ihrer Mutter ist, reisen wird! —" „Das trifft sich sehr glücklich, Onkel, denn auch ich halte Anna's Entfernung für nothwendig", entgegnete sichtlich erleichtert Frau Albrecht. Sollte sie aber auch reisen wollen? —" „Sie muß reisen, Wilhelmine, und ist auch verständig genug, es einzusehen. Vorher aber will ich ihr — es kann sogleich geschehen — die Geschichte ihrer Eltern erzählen, was schon längst meine Absicht gewesen-" „Aber Du wirst sie entbehren, Onkel-" „Ich komme dabei nicht in Betracht, Kind! — Es handelt sich hier um ihre Gesundheit und um ihr Lebensglück — auch hat der Graf sich gegen mich noch mit keinem Wort ausgesprochen, und wir wissen nicht, woran wir seinerseits sind, Ist sie fort, so wird die Sache zur Sprache und damit zur Entscheidung kommen, und — doch verliere ich hier die Zeit und das Kind sitzt im Garten und grämt sich und weint —" und sich erhebend entfernte er sich mit eiligen Schritten. Er fand seine Enkelin bald in einer Mooshütte« die einst Graf Waldemar für sie und ihre Erzieherin erbaut. Schon aus der Ferne gewahrt« er ihr ernstes, gedankenvolles Gesicht, und sah ebenfalls, daß sie, als sie seine Schritte vernahm, mit dem Taschentuch über die Augen fuhr. Ein tiefes Weh durchzog seine Brust, dies verriethen auch seine Züge als er die Hütte erreicht, aus der sie ihm entgegen trat. „Schon zu Hause, Großvater?" begann sie mit einer Stimme, welcher der sonst so heitere Klang fehlte. „Ja, mein Kind", erwiderte er mit einem forschenden Blick, der schnell das Blut in ihre Wange^ trieb. „Weshalb aber finde ich Dich hier, und nicht wie sonst bei Deiner Tante, die traurig und kummervoll vor der Thür sitzt?" „Großvater —" „Anna, «nein liebes, theures Kind", entgegnete er, sie mit seinem Arm umfassend und sah ihr voll Liebe und Zärtlichkeit in die Algen. „Du hast Kummer — den Kummer eines jungen Herzens, das zuerst die Liebe empfunden, die aber das erwünschte Ziel nicht voraussehen läßt!" 371 „Großvater — " sprach nochmals Anna und barg ihr glühendes Gesicht an seine Brust. „Laß uns einmal die Sache, der Du Dich nicht zu schämen hast, in aller Ruhe besprechen, mein Kind", fuhr mit weicher Stimme der Förster fort, und führte sie in die Hütte zurück, wo er sie neben sich auf die Bank zog. „Du liebst Graf Waldemar", — Anna erbebte an seiner Brust — „ich weiß es, Deine Tante und ich haben es vorausgesehen, er liebt Dich ebenfalls, denn auch dies haben wir durchschaut, was soll aber aus Eurer Liebe werden, wenn seine Großmutter und Familie gegen eine Verbindung mit Dir find?" Die Enkelin schwieg und der Großvater fuhr fort: „Die Gräfin ist sehr adelsstolz, Geburt und Name ist ihr durch nichts zu ersehen. Daher müssen mir ihr gegenüber unfern Stolz und unsere Selbstachtung zeigen und dazu ist erforderlich» daß Du auf einige Zeit von hier fortgehst!" „Ich, Großvater?" fragte Anna überrascht. „Ja, Kind, und durch eine glückliche Fügung läßt sich das machen. Wir haben einen Brief von Sophie Dörner bekommen, und in diesem bittet sie um Deinen baldigen Besuch. Nach meiner und Deiner Tante Ansicht reisest Du in diesen Tagen zu ihr, und erwartest dort in aller Ruhe, was hier geschieht. „Vorher aber, Anna", fuhr der Förster fort und seine Züge umdüsterten sich und seine Stimme klang tiefer als zuvor, „vorher aber sollst Du hören, was außer mir. Deiner Tante und dem Prediger von Vahrenwald Niemand weiß, noch vorerst wissen soll, die Sache betrifft Dich und —" „Und meine Eltern, Großvater?" fragte schnell seine Enkelin und blickte lebhaft zu ihm auf. „Ja, und Deine Eltern", sagte er mit einem tiefen Seufzer. „Der Zeitpunkt ist gekommen, wo ich Dir eine eingehende Mittheilung über sie nicht länger vorenthalten kann. Auch mußt Du die traurigen Schicksale erfahren, die sie Dir und mir so früh genommen, und den Tod Deiner Großmutter verursacht haben!" Der Förster hielt inne, blickte einige Sekunden in's Weite — in den Wald, der still und schweigend vor ihnen lag, während ein leichter Windzug seine hohen Laubkronen leise bewegte, und begann: „Anna, Du bist, wofür Du und auch Andere Dich immer gehalten, das einzige Kind meiner früh verstorbenen Tochter, doch hieß Dein Vater nicht Herfeld, sondern Ludwig von Bodenwald, und war der jüngste Sohn eines im-Lande reichbegüterten Majoratsherrn von altem Adel, der zugleich bei Hof und im Lande eine hohe Stellung eingenommen. Deinem Taufschein nach heißt Du Anna Thusnelda von Bodenwald, und Du bist demnach von Deines Vaters Seite dem Grafen Waldemar von Steinhorst ebenbürtig — " „Großvater —" unterbrach lebhaft Anna, welche voll Spannung zugehört hatte. Deine Mutter aber war eine Bürgerliche, und daraus ist für Dich und mich alles Unglück erwachsen", fuhr mit leisem Nachdruck der Förster fort, „doch höre nun wie das geschehen", und Anna vernahm aus dem Munde ihres Großvaters, was der Leser bereits zu Anfang und im weiteren Verlauf dieser Erzählung erfahren. Oftmals ward er von ihren theilnehmenden, oder heftigerregten zornigen Worten unterbrochen, oft auch durch die Erinnerungen, welche auf ihn einstürmten und ihn kaum Worte zur Fortsetzung seines Berichtes finden ließen. Als er ihn den Tod seiner Gattin geschildert, fügte er mit kaum vernehmbarer Stimme hinzu: „Daß meines Bleibens in Bodenwald, wo Alles mich an die Verstorbene erinnerte, nicht länger war, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ich las von dieser Stelle, bewarb mich darum und erhielt sie schnell, und sagte der alten Heimath, wo ich so glücklich gewesen, und den Gräbern meiner Gattin und Kinder Lebewohl. Seitdem haben wir hier gelebt»" — (Forts, folgt.) 372 Ein Volksfest in Mo skan. ^Aus der Berl. Nat. Ztg.) Moskau, 3. Jmn. „Sei fröhlich, ehrliches Volk, aber bewahre die Ordnung!" Getreu dem Motto des Programms hat sich das Volksfest auf dem Chodynkafelde trotz der ungeheuren Massen, die an demselben theilnahmen, ohne unangenehme Unterbrechung heiter und maßvoll abgespielt. Ueberall, soweit wir beobachten konnten, herrschte der den Russen angeborene Sinn harmloser Vergnügtheit. Die Anordnungen und Einrichtungen für das Fest waren zum größten Theil vortrefflich; wo sie sich nicht ganz bewahrten, war man gutmüthig genug, sich den einstellenden Aerger hinwegzulachen. Das Geordnete und Gezügelte dieses Volksfestes unterscheidet es vortheilhaft von dem Tumult, in den bei der Krönung Alexander's II. die Fröhlichkeit der Massen schließlich ausartete. Damals hatten die Lieferanten mit den Beamten einen abscheulichen Plan ersonnen, um das Volk um das erwartete Vergnügen zu bringen. Da kaum der vierte Theil der versprochenen Lieferungen wirklich geleistet worden war, «rußte man daran denken, den Betrug zu verschleiern. Man gab daher das Zeichen zum Einlaß des Volkes viel früher, als es programmmäßig erfolgen sollte. Die hineinstürmende Menge bemächtigte sich schnell aller vorhandenen Vorräthe, zerschlug Stühle und Tische und hatte, als der Kaiser eintraf, das Ganze bereits in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt. Von alledem war dieses Mal keine Rede, obwohl sich auf dem Felde gewiß eine halbe Million Menschen versammelt hatten. Nicht nur aus den entferntesten Stadttheilen Moskau's waren sie herbeigeströmt, so daß diese öde und verlassen erschienen, sondern auch das ganze Gouvernement hatte die Landleute nach der Stadt entsendet. Reisende, die am Tage des Volksfestes in Moskau eintrafen, versicherten, daß die Bewohner der Dörfer in langen Reihen zu beiden Seiten der Eisenbahn die Nacht hindurch gepilgert wären, um sich ihren Antheil an dem Vergnügen zu holen. Tausende hatten sich vom frühen Morgen an vor den Einlaßthoren ein Quartier geschaffen, sehnsüchtig des Zeichens harrend, das ihnen erlauben würde, sich nach Herzenslust auf alle erdenkliche Weise zu amüsiren. An dem Wetter hatte das Fest einen Bundesgenossen, wie er nicht bester gedacht werden konnte. Der Himmel war ununterbrochen bewölkt, die Luft frisch und kühl, wir während eines deutschen Aprils oder Septembers. Der Sonnenschein hätte die unendliche Fläche sicherlich in glühenden Sand, der Regen in einen furchtbaren Sumpf verwandelt. Das Chokynkafeld liegt an der Petersburger Chaussee neben dem Gebäude der vorjährigen Kunst- und Gewerbe-Ausstellung, gegenüber dem Petrowsky-Schloß, wo der Kaiser abgestiegen war, um in die Stadt zu ziehen, und dem Petrowsky-Park, dem Thiergarten oder Prater Moskau's, dessen Landhäuser, Alleen, Teiche die Bewohner an Sommertagen regelmäßig Hinauslocken. Gerade gegenüber dem Schlosse war der Kaiserpavillon aufgebaut, eine zierliche, aus zwei Stockwerken bestehende, reichgeschmückte Halle, auf deren oberem Balkon der Kaiser gegen Uhr erschien, um von nicht enden wollenden Hochrufen, Hüteschwenken, Kanonensalven und Orchestertuschen empfangen zu werden. Links und rechts davon lagerten sich kolossale Tribünen, die geschickt gebaut waren und der Bewegung des Einzelnen den freiesten Spielraum ließen. Auf beiden Seiten zerfielen sie in drei Abtheilungen, die der Farbe des Außenanstrichs und der Billets entsprechend als blaue, weiße und rothe zu unterscheiden waren. Die Lage des Kaiserpavillons war derartig, daß von ihm aus das Feld übersehen werden konnte, so weit das überhaupt möglich war. Aber selbst ein gutes Opernglas trug den Blick lange nicht so weit, um die Grenzen des Schauplatzes auch nur annähernd erkennen zu lassen. Was man, allerdings in großer Verkürzung, gut wahrnahm, waren die vier Theater, welche ihre Scene der kaiserlichen Loge zugewendet hatten und in deren Mitte sich das weit ausgespannte Halbrund des Circus befand. Die andere Hälfte blieb gleichfalls wieder für den Kaiser und die Zuschauer auf den Tribünen frei. Trotzdem die Breite der vier Bühnen gewiß 373 nicht geringer als die des Berliner Opernhauses war und der Circus für fünfzehn- tausend Personen Platz hatte, schrumpfte das Alles doch zur Größe eines Puppentheaters zusammen, auf dem die Schauspieler und Jongleure zu Kindermarionetten wurden. Ueber den Circus und die beiden rückwärts gelegenen Theater hinaus verschwamm das Bild für das Auge vollständig, man mußte eine halbstündige Wanderung zu Fuß durch das Menschengewühl antreten, um zu der südwestlichen Begrenzung des Platzes zu gelangen. Diese bestand aus hundert mummerirten Eiscnbahnwaggons, wie man sie für den Gütertransport braucht die zu Tempeln des Gottes Gambrinus umgewandelt waren. In einer ihrer eigenen Länge entsprechenden Distanz waren sie von einander entfernt und vom Publikum durch eine vier Fuß hohe hölzerne Galerie getrennt. Man hatte sich einen schönen Apparat ausgedacht, um das edle bereits im Februar gekaufte und dann in versiegelten Kellern verschlossen gehaltene Naß aus den Fässern in die durstigen Kehlen stießen zu lassen. Das Bier sollte in ein Eisenrohr, eben so lang wie der ganze Wagen, strömen und dann aus sieben, mit Gummiverschluß versehenen Oeffnungen in die einzelnen Kruge übergehen. Als man den Apparat am Tage vorher prüfte, fand man ihn vollendet schön, aber beim Volksfeste zeigte er sich durchweg widerspenstig, so daß man ihn beseitigen und durch gewöhnliche Krähne ersetzen mußte. Wie bei allen solche» Gelegenheiten kam auf die Unverschämten der größte Theil, mit spitzigen Ellenbogen drangen sie durch die Menge durch, den Krug leerend und wieder füllend, bis sie vergnügt wurden, der Fortsetzung dieser wohlthuenden Motion vergaßen, sich singend und gestikulirend durch die Menge eine Gasse bahnten und endlich wie nach einem rühmlichen Kampfe als Schlachtopfer zur Erde sielen. Dergleichen Scheintodte, die nur bei einem besonders wirkungsvollen Hurrahrufen ihrer Kameraden die müden Augen einen Moment öffneten, um weiter zu schnarchen, gab es eine erkleckliche Anzahl. Wirkliche Rohheiten sind aber ebensowenig vorgekommen, wie bei der Illumination am Krönungstage. Die Kosaken, die hin und her ritten, fanden, so viel wir sahen, nur einmal Gelegenheit, einzuschreiten. Als der Apparat nicht funktionirte» glaubten nämlich die durstigen Seelen, daß das Bier ihnen absichtlich vorenthalten würde, und suchten sich als Opfer ihrer Rache einen Herrn im hohen Hute aus, den sie für den Lieferanten hielten und der sich nur durch schleunige Flucht unter militärischer Deckung der ihm drohenden Lynch-Justiz entziehen konnte. Am malerischsten machte sich die Scene, als an den hundert Waggons die Neigen an die Reihe kamen, die mit Sturm genommen und dabei kläglich vergossen wurden. Wer in die sich bildenden Bierlachen nicht hineinplumpste, und mit den am Körper festklebenden Kleidern herausgezogen wurde, war glücklich, wenn er mit seinem Kruge oder mit seiner Mütze einen Tropfen auffangen konnte. Ich sah bei dieser Gelegenheit Gestalten von einer Seltsamkeit, die jeder Beschreibung spottet. Ausgerissene Aermel und Rockschöße, die durchaus beweisen wollten, daß der Schmutz der Vater aller Dinge ist, waren noch das Wenigste. Aber diese von struppigen Haaren umgebenen Gesichter mit den selig verklärten Augen, diese vorsündfluthlichen Hände, die aus einem Stück Zeitungspapier und einer unkenntlichen Masse eine Cigarrette treten, diese mit einer zolldicken Schicht Erde bedeckten Stiefel wiesen thatsächlich auf eine weit hinter uns liegende Periode der Geschichte. Die Krüge, die zur Vertheilung kamen, hatten nicht all« dieselbe Form. Einige zeigten den kaiserlichen Doppeladler als Relief auf die thönerne Masse aufgetragen, andere hatten ihn nur als eingeritzte Zeichnung. Da aber nicht für alle viermalhunderttausend Menschen in gleicher Weise gesorgt werden konnte, hatte man eine nicht unbeträchtliche Zahl derselben mit einfache» Gläsern ohne jedes weitere Abzeichen abgefunden. Im Laufe des Nachmittags verwandelten sich die braunen thönernen Töpfe in einen Handelsartikel, der aber nur schwach begehrt wurde. Von 1'/^ Rubel sank der Preis bald auf vierzig und dreißig Kopeken herab. Die am Tage darauf auf der Straße feilgehaltenen Exemplare dürften noch wohlfeiler geworden sein. Der Krug bildete mit zwei Pirogen und einer Düte Konfitüren den Inhalt einer — 374 — hölzernen Schachtel, die in einzelnen an verschiedenen Seiten des Platzes befindlichen Zelten dem Volke verabreicht wurden. Der Ansturm war so stark, daß in einer halben Stunde die Bertheilunz beendigt war. Tausende der Empfänger verließen sofort den Platz, um in ihrem Schnupftuche das willkommene Geschenk nach Hause zu tragen und dort in Ruhe zu verzehren. Die überwiegende Mehrzahl blieb jedoch zurück und suchte sich, nachdem sie sich an den allgemeinen Belustigungen und Vorstellungen sattgesehen hatte, einen Ruhesitz zu erkämpfen, so gut eS eben gehen wollte. Sitzplätze hatte man nur im Circus, dessen Reihen bis zu einer schwindelnden Höhe hinaufreichten, während vor den Theatern Alles stehen mußte. Auch sonst waren nirgends Tische und Stühle vorhanden. Man fürchtete, daß sie bei einer etwaigen Prügelei zu gefährlichen Waffen werden könnten. Allein zu einer solchen kam es nirgends, da der Schnaps in Acht erklärt war und auch in den neben dem Chodynkafelde gelegenen Buden keine Spiritussen verabfolgt werden durften. Die Herstellung der Pirogen, großer Fladen, die bald mit Teig, bald mit Fleisch gefüllt waren, war den, Moskauer Hofbäcker Filippow anvertraut worden, der aber seinen kontraktischen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und daher in eine hohe Konventionalstrafe verfallen wird, obwohl er seine sämmtlichen Filialen in der Stadt geschloffen und alle seine Leute Tag und Nacht nur mit der Bäckerei für das Volksfest beschäftigt hatte. Die Schwierigkeit lag aber darin, daß mit der Anfertigung dieser Pirogen erst drei Tage vorher begonnen werden durfte, damit sie nicht verderben konnten. Uebrigens schmecken sie, wenn man davon absieht, daß sie wie alles ähnliche russische Backwerk zu wenig gesalzen sind, vortrefflich. Das Einrühren des Teiges in ungeheuren Kesseln, die Füllung mit Fruchtsaft und Fleisch, das Backen in zerlassener Butter bildet eine Prozedur, die mit der größten Geschicklichkeit gemacht wurde. Sehr gut und schmackhaft waren auch die Konfitüren, welche die Firma Einem in Moskau zur vollsten Zufriedenheit der Besteller und Konsumenten geliefert hatte. In den vier Theatern wurden militärische Pantomimen, Harlekinaden, Zauber- possen und Balleis aufgeführt. Jede Vorstellung wurde nach einer Pause von zwanzig Minuten wieder von Neuem aufgenommen. Hier den Text einzelner Stücke: „Die lustige Hochzeit", dramatisches Bild in drei Akten von Suckonin, „Der schöne Frühling", Zauberpoffe in drei Bildern („Eisige Kälte", „Fest des Frühlings", „Einzug des Gottes") von Lentowsky, dem Besitzer des besuchten Sommergartens Eremitage, „Iwan Czarewitsch von Nodislawsky" und „Der russische Adler", große Kriegspantomime von Lentowski). Die letztere spielte sich vor unseren Augen als Kriegsgemälde im Kaukasus ab, bei dem mit rasselnden Kanonen, schmetternden Trompeten und Salven ein furchtbarer Lärm gemacht wurde. Nachdem sich die Akteurs ein paar Stunden lang müde gespielt hatten, zog eS die Direktion vor, den Reiz der Fabel nur noch in das Schießen zu verlegen, bis der Pulverdampf die Scene wie mit einem schweren Schleier bedeckte, so daß gar Nichts mehr zu unterscheiden war. —- Als der Kaiser im Pavillon erschienen war, begann vom Circus aus eir Festzug' der zu ihm auch wieder zurückkehrte, nachdem er an den Tribünen der weiten Bogen vorbeigegangen ivar. Die ihm zu Grunde liegende Idee war das Erscheinen des Frühlings. Den Anfang machten sechs geflügelte Herolde mit Sturmhauben und Trompeten, ihnen folgten die Personifikationen der Insekten und Getreidekäfer, dann sieben Frösche zu Pferde, eine Equipage mit Bienen, darunter die Bienenkönigin, dahinter der Wagen des russischen reichen Mika! Gelianowitsch, des Besitzers der schwarzen, den Humus darstellenden Erde, umgeben von Ameisen, als Sinnbildern des Fleißes. Ihnen schließen sich Bauern im rothen Hemd an, worauf der von Birkenzweigen und Blumen umgebene, von Schmetterlingen umflatterte Wagen des Frühlings kommt, den vier Pferde ziehen. Aus den vielen, für deutsche Leser unverständlichen und uninteressanten allegorischen Figuren heben wir nur den russischen Bacchus hervor, der auf einer von Hopfen umwundenen Troika heranzieht und von betrunkenen Knaben, Jongleurs und Bajazzos um- 375 — geben ist. Den Zug schließen eine Ziege, ein Bär und ein russischer Sängerchor. In diesem Momente sollten aus einem Luftballon, an dessen Füllung man fleißig gearbeitet hät!e, Kopftücher auf das Volk herabgeworfen werden. Allein der Ballon war unliebens- würdig genug, sich seiner Mission zu entziehen, indem er platzte und den Neugierigen das Nachsehen ließ. , » Unter den Volksbelustigungen verdienen neben den bekannten des Dauerlaufs und MastkletternS noch die vier Erzähler, die mit Anekdoten das. Volk unterhielten, ferner die Moltschanow'schen Volkssänger und die Nacumowsky'schen Chöre Erwähnung. Beim Mastklettern und Schwcbebanm hatte man Mützen, Hosen, Hemden, Stiefel, Uhren, Ketten, Harmonika's, Samoware als Preise ausgesetzt. Es war keine leichte Aufgabe diese Bäume zu erklettern, die für gewöhnliche Arme kaum zu umfassen waren. Die Meisten kamen nicht an das ersehnte Ziel und rissen beim Heruntergleiten ihre Nachfolger mit sich. Ein stämmiger Bursche der mit vieler Noth die Mastspitzr erreicht hatte, schwankte in der Qual der Wahl, wonach er greifen sollte. Lüstern schaute er eine Zeit nach dem Samowar, bis er sich endlich doch für die Harmonika entschied, auf der er gleich oben unter allgemeinem Jubel ein lustiges Stück zum Besten gab. Beim Schwebebaum bildete den Preis ein in einem Sack befindliches Ferkel, bis zu dem es jedoch auf dein zitternden Balken nur die Allerwenigsten brachten. Wer das Gleichgewicht verlor, fiel entweder in einen Nuß- oder Mehlhaufen, so daß er als Schornsteinfeger oder Müller der Gegenstand des allgemeinen Lachens wurde. Die Illumination vermochte ich, von Durst und Hunger gepenugt, wie ich war, nicht mehr abzuwarten. In den Restaurants des Pstrowsky-Parks mußte man sich als Millionär legitimiern, um von Kellnern, deren Schläfrigkeit etwas Orientalisches hatte, überhaupt berücksichtigt zu werden. Der Russe hat immer einen Vorwand zur Faulheit, wie der Deutsche zum Trinken, was sich diesmal nur schlecht miteinander vertrug. — Um fünf Uhr schien der Platz, nachdem ein Paar hunderttausend Menschen den Weg zur Stadt eingeschlagen hatten, sich geleert zu haben. Es war das aber eine Augentäuschung, der Blick des Einzelnen war nur gegen die Unzähligen, die vor den Theatern standen, im Circus saßen, an den Bierwaggons herumkletterten abgestumpft. Zu den Kanonenschlägen, Raketen und sonstigen Effekten des Feuerwerks mögen immer noch so viel Menschen auf dem Platze gewesen sein, als Königsberg oder Leipzig Einwohner besitzen. Um neun Uhr Abends begann man die zum Volksfeste errichteten Baulichkeiten mit Ausnahme des Kaiserpavillons und der Tribünen wieder einzureißen, da das Cho- dynkafeld für die am nächsten Sonnabend stattfindende Parade freigemacht werden muß. Miscells,r. (Von demungarischen Grafen Sandor) weiß das „Kl. I." eine Anekdote zu erzählen, die auch hier ihren Platz finden mag. Graf Sandor war bekanntlich allzeit zu tollen Scherzen aufgelegt und man hat von keiner einzigen Ausschreitung gehört, die dem genialen Manne mißglückt wäre. Da sitzt er eines Tages in Budapest im Kreise seiner Freunde und zecht. Draußen auf der Straße wird eben ein Mensch verhaftet, ohne daß der Grund recht ersichtlich ist. „Wer weiß," sagt einer von Sandor's Freunden, „was der aufgefressen hat!" „Ei," erwidert der Graf, „der Mann da draußen kann unschuldig sein, wie ein neugeborenes Kind." „Ohl" ertönt es im Chorus, „dann wird man nicht verhaftet!" „Das kommt darauf an," meint Graf Sandor, dem in diesem Augenblick ein närrischer Einfall durch den Kopf schießt. „Ich gehe eine Wette ein, daß ich morgen nachmittag 4 Uhr verhaftet bin, ohne auch nur das allerkleinfl? Unrecht begegnen zu haben." „Warum nicht gar!" „Wir leben ja nicht bei den Hottentotten!" „Das ist nicht möglich!" So und ähnlich machte sich der lebhafte Widerspruch vernehmbar, bis endlich nach Rede und Gegenrede eine Wette zu Stande kommt, deren Einsatz — 20 Flaschen Sekt — am nächsten Abend gemeinschaftlich getrunken werden sollte. Die Fortsetzung unserer Erzählung spielt in einem der vornehmsten Kaffee's in 376 Wien. Alle Tische sind von einem distinguirten Publikum besetzt und die geschniegelten Kellner fliegen hierhin und dorthin. Da zwängt sich durch die halbgeöffnete Thür eine Gestalt, die offenbar nicht hierher gehört. Ein Mensch in „schlotterichter" Haltung, bekleidet mit Lumpen, die Schuhe mit Bindfaden verschnürt, um die Schulter einen durchlöcherten Slowakenmantel, so schiebt sich der zoltige Bursche bis zu einem Tischchen im nächsten Winkel, blickt scheu und furchtsam um sich und kauert sich nieder. Flüsternd und ohne aufzublicken, verlangt — nein, erbittet er einen Kaffee. Wie wenn er seit vierzehn Tagen nichts warmes gegessen, stürzt er sich darüber her, ist mit gierigem Behagen wohl ein halbes Dutzend Brödchen dazu, ohne daß er auch nur für einen Augenblick sein unruhiges, wie verfolgtes Gebühren aufgegeben hätte. Fertig mit seiner Mahlzeit, flüsterte er mit zagendem Blick: „Zahlen!" Der Zählkellner, der den unsauberen und verdächtigen Gast ohnehin nicht einen Moment aus den Augen gelassen, eilt herbei. Nun dreht sich der Vagabond zur Wand, als wollte er von niemanden beobachtet werden und auch keinem ins Gesicht blicken, zerrt unterm Tisch aus den zerfetzten enganliegenden „Buchsen" eine Banknote und knittert sie verstohlen dem Oberkellner in die Hand. Dieser hat es sozusagen „am Gefühl", daß er eine Tausendguldennote zwischen den Fingern hält. Er bemeistert sein Erstaunen, setzt das stereotype Lächeln auf und hüpft mit dem üblichen „Gleich, bitte gleich!" von bannen, scheinbar um die Note am Büffet wechseln zu lassen. Scheinbar sagen wir; denn in Wirklichkeit schickte er einen dienstbaren Geist hinaus auf di? belebte Straße, um einen Sicherheitswachmann herbeirufen zu lassen. Kaum eine Minute vergeht, da steht der Mann des Gesetzes vor dem Zerlumpten; ein Blick auf das angstverzerrte Gesicht des Menschen genügt dem Polizisten, um zu wissen, daß er es hier mit einem Diebe zu thun hat. Darin bestärkt ihn auch der aus tiefster Brust hervordringende Seufzer mit dem sich sein Opfer in die schleunigst vollzogene Arretirung fügt. Vor den Polizei- kommissar geführt und um den Erwerb der namhaften Banknote befragt, gibt der Arrestant zitternd , und stammelnd zu, daß — er das Geld nicht verdient habe. Nun soll er seine Nationale angeben. „Bin ich nicht von hier, gnädiger Herr Kommissar!" „Woher also?" „Aus Ungarn!" „Und Dein Name?" „Kann ich nicht sagen!" „Kerl, antworte, wer bist Du und wie willst Du Dich ausweisen?" „Hob' ich Verwandte hier!" „Du — hier Anverwandte? Wer find diese?" „Hob' ich Schwiegersohn hier!" „Zum Teufel! Mach's kurz!" Wie heißt dieser Lump von Schwiegersohn?" „Heißt — Fürst Metternichl Bin ich — Moritz, Graf Sandor!" (Der ganze Unterschied.) Während eines häuslichen Zwistes rief die Frau ganz entrüstet aus: „Ach wüßtest Du, welch' ein Unterschied zwischen Dir ist und meinem verstorbenen Gatten!" — „O ja," erwiderte der Ehemann, „er ist jetzt selig, weil er Dir losgeworden, und ich war selig, ehe ich Dich gekriegt habe." (Trinkerlogik.) Arzt: „Wenn Sie wollen, daß Ihre Augen wieder ganz gut werden, so müssen Sie vor Allem das viele Trinken lassen!" Patient: „Dees geht net, Herr Doktor! Wegen zwei schlechte Fenster werd' i' doch net 's ganze Haus riskiren!" (Der diplomatische Frack.) Ein neugebackener Attachs bestellte sich einen Frack. Als der Schneider ihn fragte, ob der Herr ihn nach englischem, französischem oder deutschem Schnitt gemacht wolle, antwortete der von der Wichtigkeit seiner diplomatischen Bedeutung ganz erfüllte junge Mann: „Wissen Sie was? Da ich bei keiner der Großmächte anstoßen möchte, machen Sie mir ihn neutral." Original-Silben-Näthsel. * Von tausend Wünschen ohne Rast bewegt Ersehnt der Silben erste stets den Frieden; Allein er ist ihr nicht beschieden Bis man sie nicht in Beide letzte legt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Ur. Max Hnttler. 679 „Dann werden Sie sie unfehlbar auf immer erzürnen, und das sollte mir sehr leid thu», da doch die Gräfin für Sie voll Aufopferung und Liebe gehandelt. Auch weiß ich nicht, ob unter solchen Aussichten meine Enkelin einwilligen würde, in Ihre Familie zu treten-" „Für mich existirt Nangunterschied nicht mehr, meine Familie aber hängt noch an Stand und Namen, doch würde ich Anna als meine Gattin, dieser gegenüber zu schützen wissen! —" „Das können Sie kaum, Herr Graf", entgegnete langsam das Haupt schüttelnd der Förster, „und ebenso wenig Ihrer Großmutter den Aufenthalt in Steinhorst wehren, wo sie ja doch seit so vielen Jahren, so ehrenvoll gewirkt und geschafft hat!" „Wir aber könnten uns in Schönau einrichten, denn das dortige Herrenhaus ist hübsch und geräumig." „Ich sehe, Sie haben die Sache schon reiflich überlegt." »Ja» Herr Graf, Anna liebt Sie mit aller Kraft und allein Leid der ersten Liebe«" „Herr Förster!" rief gerührt der junge Mann. „Da Sie es selbst durchschaut, darf ich Ihnen ihr Herzensgeheimniß anvertrauen.' Dennoch aber kann ich Ihnen keine Antwort auf Ihre Anfrage geben, bevor Sie nicht mit Ihrer Großmutter gesprochen, was sicherlich Sie noch nicht gethan." „Nein", erwiderte etwas kleinlaut der Graf, „obgleich sie, meine Tante und Cousine meine Liebe zu Ihrer Enkelin vermuthen, was ich gelegentliche» Bemerkungen, denen ich ein Ende machen will, entnommen. Ich kann übrigens jetzt nicht mit meiner Groß, Mutter reden, da diese und ihre Gäste an die See gereist sind." „Werden Sie bald wiederkommen?" fragte der Förster. „Das kommt wohl darauf an, wie es Ihnen in dem Badeort gefällt. Ich habe die kleine Ausflucht befürwortet, jetzt aber thut es mir leid —" «Unsere Angelegenheit eilt nicht, Herr Graf", entgegnete Kohring, dem diese Mittheilung erwünscht war, „es ist vielmehr richtig, wenn Sie noch einige Zeit zum Erwägen und Entschließen haben. Zudem sind Sie, wie Anna noch jung." „Mein Entschluß ist unabänderlich gefaßt", erwiderte lebhaft der junge Mann. „Anna hat außer mir noch einen Vormund, der ebenfalls seine Zustimmung geben muß-" „Nennen Sie ihn mir, damit ich ihn aufsuchen kann —" „Wozu, Herr Graf? — Trachten Sie erst nach dem Erforderlichsten, die Einwilligung ihrer Großmutter —" „Und falls sie mir sie nicht ertheilt —" „So werde ich um eine Unterredung mit ihr bitten —" „Sie, Herr Förster?" fragte ungläubig der junge Mann. „Meinen Sie, es würde Ihnen gelingen, ihre Vorurtheile zu besiegen?" „Sie könnte meinen Vorstellungen Gehör schenken", antwortete Kohring so bedeutungsvoll, daß Graf Waldemar ihn fragend anblickte. Nun aber lassen Sie uns nicht mehr von der Sache sprechen, sondern hören Sie meinen Vorschlag. Da Sie ebenfalls in Ihrem Herrenhause allein sind, so bleiben Sie diesen Abend bei mir. Wir wollen plaudern und Sie erzählen nur dann von Ihren Reisen —" „Mit dem größten Vergnügen, Herr Förster", entgegnete lebhafter der junge Mann. „Zwar wird mein Wagen bald kommen —" „Wir lassen hier ausspannen, Ihr Konrad findet hier Bekannte und Unterhaltung." Jetzt erschien Christine mit einer Stärkung für den Grafen, den sie durch den Garten hatte kommen sehen, und für dessen häufige Besuche sie längst den wahren Grund gefunden. Sie begrüßten sich wie immer in freundlicher Weise, der Förster bestellte für sich und seinen Gast das Abendessen und bald saßen diese bei einer guten Flasche Wein, der Christine nach einer Weile eine zweite folgen ließ, und rauchten und plauderten, bis sie das vortrefflich zubereitete Mahl meldete. — 380 Nach sechStägiger Abwesenheit kehrte Frau Albrecht von H. zurück, wo sie Anna in Schutz der Doktorin Dörner gelassen, welche erfahren, weshalb Förster Kohring ihnen so plötzlich sein Enkelkind geschickt und versprochen, falls Anna Heimweh bekommen würde, für ihre Zerstreuung und Erheiterung Sorge tragen zu wollen. Neben einander bei dem verspäteten Abendbrod sitzend, stattete Frau Albrecht ihrem Onkel von der Reise und ihrem Aufenthalt in H. Bericht ab, und mit einem merklichen Zucken um seine Mundwinkel, fragte der Förster, als sie ihrer Abreise erwähnte: «War Anna traurig als Du von ihr gingst, Wilhelmine?" „Das war sie allerdings, Onkel, doch faßte sie sich bald und trug nur auf dem Bahnhof viele Grüße für Dich und Christine auf." „Erwähnte sie auch des Grafen?" » „Nein mit keiner Silbe!" „Wie ist die Pensionärin bei Dorner's?" fuhr der Försterj nach einigen tiefen Zügen aus seiner Pfeife fort. „Sie mag in Anna's Alter sein und ist ein liebes gutes Kind, das eben niemals Zurechnungsfähig werden wird, obgleich sie in fortwährend ärztlicher Behandlung ist. Sophie und ihre Mutter, haben trotz der älteren Kammerjungfer, welche sie begleitet, viele Mühe und Arbeit von ihr!" „Woher mag das junge Mädchen sein?" „Aus dem Fürstenthum Onkel", entgegnete mit leichter Betonung Frau Albrecht. „Das ist ein eigenthümliches Begegnen, Wilhelmine! — Sie und unsere Anna aus demselben Lande —" „Ja, Onkel", fuhr bedeutungsvoll seine Nichte fort, „und sie heißt — Tusnelda von Bodenwaldl" „Thusnelda von Bodenwald?" rief sich aufrichtend und hastig die Pfeife aus dem Munde nehmend, der Förster. „Es ist wie ich Dir sage, Onkel, und sie ist Karl von Bodenwald's einzige Tochter, mithin Anna's Cousine, was aber noch Niemand von Dorner's weiß!" „Herr, Deine Wege sind wunderbar", sagte langsam der Förster, durch's offene Fenster zum Himmel aufblickend, an dem der Vollmond über dem Dunkel des Waldes stand. „Ja, des Herrn Wege sind wunderbar", wiederholte ernst Frau Albrecht, „und was mich so sehr ergriffen, ist, daß die kleine schwächliche Thusnelda bei aller Leidenschaftlichkeit ihrer reizbaren Natur schon eine große Zuneigung zu unserer Anna gefaßt, so daß sie immer in ihrer Nähe sein will!" „Wie aber benimmt Anna sich dabei?" fragte Kohring. „Spricht auch in ihr die Stimme des Blutes?" „Onkel, die muß eine gar seltsame, geheimnißvolle Macht sein, gegen die wir uns nicht zu wehren vermögen", antwortete bewegt Frau Albrecht, „denn Anna empfindet eben so viel Liebe zu dem armen Kinde, dem das Beste und Edelste fehlt, das Gott dem Menschen gegeben!" Beide versanken in längeres Schweigen, das der Förster unterbrach, indem er sagte: „Eine solche Mittheilung hätte ich nie erwartet, Wilhelmine, und dazu, nachdem ich erst vor kurzer Zeit Anna mit Ihrer Herkunft bekannt gemacht, und seitdem fast nur in den alten Erinnerungen gelebt habe!" „Anna und ich waren ebenso überrascht, als wir erfuhren, wer Sophiens und ihrer Mutter Pensionärin sei!" „Habt Ihr auch Etwas über ihre Eltern» den von Bodenwald's überhaupt gehört?" kragte widerum der Förster. „Ja, mancherlei, was Dich interessiren wird, und ich mußte Anna bewundern, die bei allen Mittheilungen der Doktorin stets ihre Ruhe bewahrt. Von der ganzen Familie leben nur noch der Landkammerrath und seine beiden Enkelinnen-" „Wie?" rief der Förster, sich wiederum hastig aufrichtend. „Sein Sohn Karl und besten Gattin — die alte gnädige Frau-" „Sind todt, Onkel, Alle todt!" — Frau von Vodenwald ist zuerst ihrem Nervenleiden erlegen; einige Jahre darauf sind kurz nach einander ihr Sohn und seine Frau an einer epidemischen Halskrankheit gestorben, die damals in D. sehr heftig aufgetreten sein soll. Sie haben nur diese schwachsinnige Tochter hinterlassen — —" „Da hat den Landkammerrath ein schweres Geschick getroffen!" sagte theilnehmend der Förster. „Denn nun stirbt mit ihm seine Linie der von Bodenwald aus, und die entfernten Verwandten treten in den Besitz der Güter!" „Der nächste Erbe ist ein junger Offizier, der in Schlesien in Garnison steht, und auch schon in Bodenwald gewesen ist!" berichtete Frau Albrecht und fügte hinzu: „Nach allen diesen Aufklärungen haben Anna und ich mehrfach überlegt, ob es richtiger sei, DornerS von ihrer nahen Verwandtschaft mit ihrer Pensionairin in Kenntniß zu setzen, doch wollte ich Dich erst fragen, Onkel-" Der Förster sann einige Sekunden nach, bevor er erwiderte: „Lassen wir das einstweilen, Wilhelmine, oder sollte wohl der Landkammerrath nach H. kommen, der dann vielleicht Anna an der Familienähnlichkeit erkennen würde?" „Nein, Onkel, der Landkammerrath kann keine so weite Reise mehr antreten, da sein Gichtleiden mit den Jahren zugenommen. Er hält sich meistens im Krankenstuhl oder Rollwagen aus!" „Im Krankenstuhl oder Rollwagen", wiederholte traurig der Förster, „und war einst ein so stattlicher und rüstiger Mann, ein Jäger, den selbst die größten Anstrengungen nicht ermüdeten! — Wo mag er wohnen?" „Er scheint sich stets in Bodenwald aufzuhalten, und ist »ach dem Tode ihrer Eltern die kleine Thusnelda bei ihm gewesen. Im nächsten Monat wird sie ihn besuchen-" „Welch' ein schweres Schicksal für ihn, der einst so stolz auf seine Söhne war, eine solchs Enkelin zu haben!" bemerkte Kohring nach längerer Pause. „Ja es ist ein schweres Schicksal, und tritt besonders hervor, wenn man unsere Anna neben ihr sieht! — der Herr hat seinem Hochmuth ein schreckliches Ende gemacht und ihn für seine Härte gegen seinen Sohn Ludwig gestraft!" — (Fortsetzung folgt.) Die Oekonomie irr der Küche. Von K. Reichn er. Motto: „Stimmungen komme!! aus dem Magen." Nicht nur der Wohlstand, sondern auch der Friede in der Familie hängt zum großen Theile von der vernünftigen und ökonomischen Leitung des Hauses ab, und da diese Leitung vorzugsweise, wenn nicht meist ausschließlich, in den Händen der Frau ruht, so ist es besonders ihre Pflicht, den ruhigen Gang des Haushalts zu fördern, durch eine weise Benutzung jedes Vortheils, um auch mit geringen Mitteln zum Ziele zu gelangen. Dazu gehört z. B. eine möglichst wohlüberlegte Taktik, zur rechten Zeit Verrathe einzukaufen und diese auch wohl zu erhalten: Ordnung hilft Haushalten! Ferner ist wohl daraus zu achten, daß bei der Zubereitung der Speisen das richtige Maaß gehalten werde — nicht zu viel und nicht zu wenig — mit einem Wort: die goldene Mittelstraße — zuviel Sparsamkeit hat schon ebenso viel Unheil angerichtet, als Verschwendung. — Im letzteren Fall verdirbt leicht Manches, im ersteren geht nebenbei das, und weit mehr noch, mit darauf, was man ersparen wollte, durch ungenießbare oder ungenügend zubereitete Kost. — Endlich sollte noch ein goldener Grundsatz jede Hausfrau leiten, nämlich der, daß das Theuerste immer das Billigste ist, das scheinbar Billige sehr oft das Theuerste, welches nicht nur das gute Gelingen der Speisen hindert, sondern auch durch größeren Bedarf den geglaubten Vortheil brach legt. — Und dabei kommen — 382 wir auf das Gebiet der Fälschungen der Lebeusmittel. — Fürwahr eine unerquickliche Perspektive, die da sich uns öffnet. Wir glauben Mehl zu kaufen, und bei angestellter Untersuchung ergibt sich, das; die Probe einen recht erheblichen Prozentsatz von Schwerspats) als Beigabe enthält, oder wir finden, daß unser so wohlfeil geglaubtes Mehl freilich nicht gefälscht, jedoch um gerade so viel Geld zu theuer gezahlt ist, als es gekostet hat, denn es wimmelt von Maden, und ist somit völlig ungenießbar. — Als Mehlprobe ist übrigens zu 'empfehlen, von jeder Sorte 20 Gramm genau abzuwiegen, jede dieser Sorten extra in eine Tasse von Porzellan zu thun und mit je 10 Gramm Wasser zu einem Teige zu vermischen. Der festeste Teig deutet auf das beste, der weichste auf das schlechteste Mehl, der Qualität nach. — „An seinen Früchten sollt Ihr es erkennen", und jedenfalls ist es besser, die Früchte dieser Proben zu erkennen, bevor man ein Gebäck verdorben hat, als wann es zu spät zum Nepariren ist. — Und nun — ein ander Bild! — Wir kaufen Gewürze, — d. h. wir glauben Zimmet, Nelken, Pfeffer, Kümmel, Muskat, Safran, Mandeln, Vanille rc. rc. zu haben, und erhalten häufig unsern Zimmet gemischt mit zu Pulver gemahlenem Cigarrenkistchenholz oder als ein Präparat von parfümirtem Sandelholz, oder er ist echt und unverfälscht, dafür aber seines eigentlichen Gewürzgehaltes schon beraubt, indem man zuvor aus seiner Rinde theilweise das ätherische Oel gezogen hat und dann den Nest verkauft, von Dem, was einstmals Zimmet hieß. — Unwillkürlich erinnert dies an jene Anekdote, von der sparsamen Wirthin, welche Zimmetstangen und Zitronenschale aus des Gastes Suppe nahm, sie sauber ableckte, und dann zu anderweitiger Benutzung aufbewahrt — und das vor seinen Augen! — Was mag nun Alles erst hinter dein Rücken der Interessenten geschehen, Dinge, „von denen Niemand nichts weiß!" — Weiter also im Text! — Unsere Nelken ergeben häufig bei der Probe ein nicht minder trübes Resultat. — 80 Prozent Baumrinde, 18 Prozent Nelken und 2 Prozent Nelkenöl ist kein glänzender Einkauf zu nennen — kein Wunder freilich — hat man doch auch dafür gesorgt, daß erst auf dem Wege der Destillation die Nelken des größten Theiles ihres Gewürz-Oeles beraubt wurden, bevor sie in den Handel kamen und wir sie in diesem wenig aromatischen Zustande, d. h. also: runzelig, schwärzlich-dunkelbraun, oft auch ohne die runden Vlüthen- kronen, zum Verbraucherhalten, während ein Druck des Fingers schon genügen sollte, der Nelke „wie sie sein soll" das ätherische Oel herauszupressen. — Mit dem Pfeffer sieht's nicht viel besser aus — kaufen wir ihn in ganzer Figur, so ist er oft so schlecht, daß er im Wasser nicht untergeht, sondern lustig obenauf schwimmt, und daß man den Mörser und das Stampfen spart, weil man ihn schon ohne Kraft» anstrengung in den bloßen Händen zu Pulver verreiben kann. — Der Kümmel ist meist schon seines besten Kümmelgchaltes beraubt, und bildete vielleicht längst schon Extract für irgend einen Liqueur, oder man hat den bereits ausgezogenen mit noch gutem vermischt, wodurch die Fälschung schwer zu erkennen ist. Nicht besser ergeht es uns bei dem Muskat. — In Form von Nüssen müssen wir gar manches wurmstichige, mißrathene Produkt mit in den Kanf nehmen, dessen Kümmer» lichkeit und Verdorbenheit durch einen äußern, erdigen Firniß, um die Oeffnungen kunstvoll zu verdecken, maskirt wird. — Mit der Muskatblüths ist's auch nicht besser bestellt, denn ihrer bemächtigt sich wiederum die habgierige Destillation, bevor man sie in den Handel kommen läßt, nachdem der Sprit sie ausgesogen. — Sehr leicht zu fälschen ist der Safran, denn seinen orangenrothen Narben (?) täuschend ähnlich sehen die Fasern von geräuchertem Rindfleisch, zerschnittene Grumet- oder Ringel» Blumen u. s. w. Zuweilen auch kommt der Safran sogar mit einem gar angenehmen Exterieur in den Handel hinein. „Schöne Safranfarbe und kräftiger Geruch" — aber das Innere — o weh — das,Interieur! — Welch' ein Unterschied! —^Er ist „beschwert",