Unteröaltunggökatt »ür „Äugsburger post^eilnng." 49. Mittwoch, 20. Juni !883» Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Einige Wochen nach diesem Gespräch, während welcher Graf Waldemar, der eine kleine Reise unternommen, nicht in Vahrenwald gewesen, traf ein Brief von Anna ein, den ihr Großvater zuerst las, und darauf seine Nichte in sein Zimmer rief. Als sie es betreten, sagte er auf das Schreiben deutend mit erregter Stimme: „Wilhelmine, ich fürchte der Knoten schürzt sich immer fester und wir müssen den Dingen freien Lauf lasten!" «Was meinst Du, Onkel?" fragte Frau Albrecht ihn überraschend anblickend. «Anna hat von dem Landkammerrath die Einladung bekommen, seine Enkelin, falls sie die Erlaubniß ihrer Familie dazu erhalten würde, nach Bodenwald zu begleiten!" „Das ist wahrlich wunderbar genug, Onkel", erwiderte lebhaft seine Nichte. «Wie aber wird Deine Antwort sein?" «Ich will mich dem Höchsten nicht widersetzen, Wilhelmine, dessen Werk und Fügung dies Alles so sichtlich ist, obgleich ich mir früher das Versprechen gegeben, den Land- kammerrath seine Enkelin nie sehen zu lassen." „Das wirst Du streng genommen auch nicht thun, Onkel, und somit Dein Versprechen nicht brechen —" «Nein, er begehrt nur Anna Herfeld von mir, und wir wollen ihr schreiben, der Einladung Folge zu leisten!" „Hältst Du es noch nicht für richtig, daß Anna sich Sophie und ihrer Mutter zu erkennen gibt?" Der Förster sann nach, wie er schon vor Wochen bei dieser Frage gethan, und wie damals antwortete er: „Nein, Kind, laß uns ihr vielmehr anempfehlen, ihr Geheimniß zu bewahren, was sie um so eher kann, da in Bodenwald Niemand ihren jetzigen Namen kennt. Laß uns ihr auch keinerlei Rathschläge in Bezug auf ihr Verhalten daselbst geben, sondern es ihr überlassen, den Kampf mit ihrem Großvater auszukämpfen und entweder den Weg zu seinem Herzen zu finden, oder —" „Möchtest Du das, Onkel?" fragte Frau Albrecht mit einem schnellen Blick auf seine erregten Züge. «Es möchte jetzt am Besten so sein", entgegnete der Förster mit einem tiefen Seufzer. «Er hat zwar damals meinem Herzen sehr, sehr wehe gethan, der Herr aber hat ihn im Laufe der Zeit getroffen! — Ich habe ein blühend schönes Enkelkind, das die Freude und der Stolz jeder Familie sein würde, er dagegen besitzt nur eine schwachsinnige Enkelin — sage, Wilhelmine» wessen Loos jetzt das schwerste ist?" Frau Albrecht blickte auf den stattlichen Greis, aus dessen Augen seine tiefe Bewegung sprach, und unter Thränen erwiderte sie: 386 „Onkel — mein lieber Onkel» ich wollte nur aus Deinem Munde hören, ob Du versöhnlich sein könntest, und ihm das schwere Leid vergeben, das er Dir zugefügt!" „Ich habe ihm vergeben", erwiderte mit tieferer Stimme der Förster, „und mein Weib und meine Kinder werden mir dort, wo Alles Frieden und Seligkeit ist, nicht zürnen, daß ich es gethan!" „Amen!" sprach Frau Albrecht, die Hand ihres Onkels in der ihren drückend, denn sie wußte, was die Vergebung bedeutete, die er dem Landkammerrath hatte zu Theil werden lassen. XIX. Graf Walbemar war von seiner kurzen Reise, die mehreren Ausstellungen gegolten, heimgekehrt, vor ihm aber waren die Damen in Steinhorst eingetroffen, und schon am folgenden Morgen ersuchte er seine Großmutter um eine Unterredung. Wohl wissend, was diese betreffen werde, erklärte sich sich dazu bereit, ließ ihn in ihr kleines Wohnzimmer treten, dessen Thür sie schloß, und in einem Sessel Platz nehmend, deutete sie auf einen in ihrer Nähe befindlichen Stuhl. Sich jedoch nur auf dessen Lehne stützend, begann er mit zwar erregter doch fester Stimme: „Großmutter, ich habe mit Dir über eine Sache zu sprechen, die mir sehr am Herzen liegt —" „So ist es auch wohl nur eine Herzensangelegenheit", unterbrach die Gräfin mit leichte»: Spott, „die schließlich in Deinem Alter nur natürlich wäre!" „Du hast Recht", entgegnete Graf Waldemar mit einem ruhigen entschlossenen Blick, „und ich will sogleich zur Sache kommen. Ich liebe Anna Herfeld —" „Sie ist ein schönes Mädchen geworden", erwiderte die Gräfin in unverändertem Ton. — „Das weiß ich kaum", antwortete schnell gereizt durch ihren Spott ihr Enkel. „Ich liebe sie anderer Vorzüge wegen, die sie mir schon als kleines Mädchen theuer gemacht, und habe seit Jahren die Ueberzeugung gehabt, nur an ihrer Seite »rein Lebensglück finden zu können!" „Walbemar, Du wolltest doch nicht —" fragte wie erstaunt die Gräfin. „Ich will Anna Herfelv meine Liebe erklären, und sie um ihre Hand bitten, und bin hier, mir dazu Deine Zustimmung zu holen!" Die Gräfin athmete erleichtert auf, denn sie hatte gefürchtet, daß ihr Enkel schon eine Unbesonnenheit gethan. Dennoch sagte sie in strengem Ton: „Und Du hast wirklich geglaubt, daß ich zu einer solchen Verbindung meine Zustimmung geben würde?" „Ja, Großmutter, ich habe geglaubt, Du würdest mein Lebensglück in Betracht stehen! —" „Dein Lebensglück wird nicht durch das bürgerliche Mädchen begründet, denn ist ^er erste Liebesrausch dahin, so wird es Dich gereuen, keine ebenbürtige Gattin gewählt u haben." „Nein, Großmutter, sicherlich nicht, denn Anna besitzt alle Gaben des Herzens und Geistes, die einen Mann dauernd zu fesseln vermögen!" „So denkst Du jetzt, wenn Du aber ihretwegen Dich von uns trennen müßtest, denn Du kannst uns doch nicht zumuthen, sie als Deine Gattin anzuerkennen —" „Ist sie mir vom Priester vor Gott angetraut, so muß ein Jeder sie als meine Gattin anerkennen", erwiderte in festem Ton der junge Mann. „Leider sehe ich, Waldemar", fuhr nach einer Pause die Gräfin fort, „daß Du Dich nicht überzeugen lassen willst, und ich muß Dir daher die Sache von einer andern Seile vorstellen. Ich habe Jahre lang daran gearbeitet, Deine Finanzen zu bessern " „Ich werde Dir mein ganzes Leben dafür dankbar sein, Großmutter!" rief mit tiefem Gefühl Graf Waldemar. „Davon ist nicht die Rede, sondern höre mich ruhig an. Ich habe also für Dich 387 gearbeitet und gespart, um die leichtfertige Verschwendung Deines Großvaters und VaterS in etwas gut zu machen, doch bist Du ungeachtet Deiner drei Güter kein reicher Mann, und thätest wohl, Dich nach einer reichen Gattin umzusehen, damit Dein Haus und Name wieder früheren Glanz bekommt I" „Ich bin seit meiner frühesten Jugend an Genügsamkeit und Fleiß gewöhnt, Anna ist es ebenfalls — —" „Waldemar» ich bitte Dich inständig, gib den Gedanken an diese Verbindung aufl> „Das kann ich nicht, Großmutter", entgegnete bewegt, doch entschieden ihr Enkel» „denn auch Anna liebt mich, wenngleich ich es noch nicht aus ihrem Munde vernommen. Ich habe vielmehr erst mit ihrem Großvater gesprochen, der mich dann an Dich verwiesen -" „Förster Kohring ist der Ehrenmann, für den ich ihn immer gehalten", sagte leb haft die Gräfin. „Ich will mit ihm reden, so lange aber bitte ich Dich, seine Enkelin nicht wieder zu sehen l" „Anna ist schon seit Wochen in H« bei der Mutter ihrer früheren Erzieherin, und wird dort auch noch einstweilen bleiben-" „Das ist wiederum richtig von dem Förster gehandelt", sagte voll Anerkennung die Gräfin, „und läßt mich fast annehmen, daß auch er nicht mit Deinen Plänen einver standen ist!-" „Das muß er dennoch sein, Großmutter, denn wenn Du mir Deine Zustimmung versagst, wird er Dich in dieser Angelegenheit aufsuchen —" „Sein Besuch ist mir sehr erwünscht", versetzte die Gräfin, „doch laß ihn diesen noch verschieben, da Hohenhausens jeden Tag bei uns eintreffen können!" Schon am Tage nach dieser Unterredung ritt Graf Waldemar nach Vahrenmald, um dem Förster das Resultat derselben mitzutheilen» und fand ihn mit seiner Nichte und Wolf im Wohnzimmer. Nachdem sie sich gegenseitig begrüßt, auch der Neufundländer seinen Antheil bekommen, sagte, als sie sich u», den Tisch gesetzt, Kohring: „Ist die Reise Ihrem Wunsche gemäß ausgefallen, Herr Graf, und haben Sie viel Neues gesehen?" „Ja, Herr Förster", entgegnete der junge Mann, „doch habe ich mich alles Kausens enthalten-" „Das muß ich loben", antwortete Kohring beifällig. „Versuchen Sie es auch vorläufig mit den bereits angeschafften Maschinen, und lassen Sie Andere die ersten Erfahrungen mit den neuen machen!" «Sind Sie noch immer allein in Steinhorst?" fragte Frau Albrecht, welche den Ausdruck einer merklichen Verstimmung im Gesicht ihres Gastes wahrzunehmen glaubte." „Nein, meine Großmutter, Tante und Cousiine sind zurückgekehrt. Aber auch Sie sind, seit ich Sie nicht gesehen, verreist gewesen. Wie befindet sich Fräulein Anna in H»?" „Sehr gut, Herr Graf", entgegnete Frau Albrecht. „Sie wird nächstens noch eine weitere Reise unternehmen", setzte der Förster hinzu, „und wir werden sie hier vorerst nicht wiedersehen!" Graf Waldemar blickte ihn mit unverkennbarer Enttäuschung an, er aber fuhr fort: „Sie und Fräulein Dörner werden deren Pensionärin begleiten, wozu sie von dem Großvater der Letzteren, einem Herrn von Bodenwald im Fürstenthum -- — — aufgefordert sind!" „Und Sie haben Ihre Zustimmung zu dieser Reise ertheilt?" fragte fast verstimmt der junge Mann. „Ja, denn es war meiner Enkelin höchster Wunsch, Bodemvald, so heißt die Besitzung, zu sehen", antwortete lebhaft der Förster. Frau Albrecht entfernte sich, um der Gastlichkeit Genüge zu thun, der Gras aber fragte schnell: «Herr Förster, haben Sie Ihrer Nichte unser letztes Gespräch mitgetheilt?" 38 « „Ja, mein junger Freund, denn wir haben keine Geheimnisse vor einander!" „So kann ich mich in ihrer Gegenwart wohl offen aussprechen?" „Gewiß." „Herr Förster, ich habe mit meiner Großmutter gesprochen", stieß fast hastig Gras Waldemar hervor. „Schon so bald?" fragte theilnehmend Kohring. „Und ihre Antwort?" „Sie will mir ihre Einwilligung nicht geben, ich aber werde meinen Willen durchsetzen!" — Vorläufig habe ich sie auf Ihren Besuch vorbereitet, doch läßt sie Sie bitten, diesen der Familie Hohenhausen wegen, die nach Steinhorst kommt, noch einstweilen zu verschieben!" „Das ist mir auch sehr erwünscht", antwortete der Förster, einen bedeutungsvollen Blick mit seiner Nichte wechselnd, die eben eingetreten war. „Vorher aber oder vielmehr jetzt gleich, will ich Ihnen mittheilen, was ich Ihrer Großmutter zu sagen habe, und sie vielleicht veranlassen wird, ihre Weigerung zurückzunehmen!" „Sie machen mich neugierig, Herr Förster!" sagte lebhaft der junge Mann. „Betrifft das, was ich erfahren soll, Anna?" „Ja, nur Sie allein!" „So lassen Sie mich Alles wissen", drängte Graf Waldemar, und der Förster erzählte dem aufmerksam und voll Spannung Lauschenden in kurzen Worten, was er vor Wochen seiner Enkelin im Garten mitgetheilt. Als dies geschehen, vielfach unterbrochen von den Ausrufungen des Staunens und der Ueberraschung, des Zornes und Unwillens seines Gastes, besprachen sie noch länger die traurigen Familienereignisse, bis endlich der Förster sagte: „Ich möchte auch wohl auf einige Tage nach Bodenwald reisen, denn ich habe plötzlich eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der alten Heimath bekommen, und den Gräbern, die ich nun schon so lange nicht gesehen!" Er schwieg, und zwei große Thränen rannen an seinen gebräunten Wangen hinab in den grauen Bart, während der junge Mann und seine Nichte ihn theilnehmend betrachteten, bis Letztere sagte: „Einige Tage würden Dir kaum genügen, Onkel, denn es ist eine weite Reise HiL dahin. Wer weiß aber, was noch geschieht —" „Ich will auf alle Fälle einen längeren Urlaub nehmen und vom Oberförster Vertretung kommen lassen —" „Wie wunderbar sind doch die Wege der Vorsehung, Herr Förster", sprach sinnend Graf Waldemar, „die Ihre Enkelin zu ihrer Familie und in die erste Heimath zurückgeführt haben!" „Ja, ja", sagte ernst das Haupt wiegend Förster Kohring, „und darum will ich mich auch nicht vermessen und ihnen entgegentreten! — Wir lassen Anna ihren eigenen Weg gehen, ihr Herz, wie ihr Verstand werden ihr schon die Richtung zeigen, die sie ihrem Großvater gegenüber einzuschlagen hat!" „Davon bin ich ebenfalls überzeugt", stimmte Graf Waldemar bei, und fügte mit einem Anflug von Ungeduld hinzu: „Das Ziel meiner Wünsche aber wird noch weiter hinausgeschoben, denn wenn Hohenhausens vielleicht gar Wochen bei uns bleiben —" „Geduld, Geduld, Herr Graf", unterbrach ermuthigend Frau Albrecht. „Anna liebt Sie, wie Sie wissen, und ist Ihnen treu, in dieser Ueberzeugung können Sie wohl einige Wochen Ihres Geschickes warten. Glauben Sie mir, sie empfindet diese Trennung auch, doch weiß sie, daß sie zu ihrem Besten ist, denn die fortwährende Aufregung hätte auf die Dauer ihrer Gesundheit geschadet!" „Auch weiß sie, daß ihr Großvater hier für sie am Platze ist!" sprach mit unsicherer Stimme der Graf, „der ihr gelobt, daß sie glücklicher werden soll als einst ihre Mutter gewesen, und so Gott will, Wort halten wird." (Fortsetzung folgt.) 389 Ein Blatt für die Leserin. (Von Ernst Eckstein in der Franks. Ztg.) Unsere Frauen und Mädchen, wenn sie die Wörter „Hellas", „Alterthum", „römische Kaiserzeit" rc. aussprechen, konstruiren sich alsbald eine Welt, wie sie nie existirt hat. Mit Hülfe ihrer Schul- und Pensionats-Neminiscenzen erbauen sie sich ein Athen — von Weltweisen, wie Sokrates und Plato, von göttlichen Staatsmännern und Dichtern bevölkert — hehr, klassisch, pathetisch in jeder Linie, gleichsam eine Schachtel voll Parthenon-Giebel, Pallas-Statuen und Erechtheion-Fagaden. — Das Nom des Kaisers Augustus übertrifft an maßvoller Hoheit und selbstbewußter, glorreicher Kraftsülle noch das der Meininger. Ernste Senatoren — die alle dreinschauen, als wollten sie sich eben von der Faust eines Galliers zur größeren Ehre des römischen Namens erdolchen lasten, ohne mit der Wimper zu zucken — steigen unaufhörlich zum Kapital hinan. Schweigsame Vestalinnen wandeln im Abgangsschritte der Clara Ziegler über das Forum. Ab und zu begegnet man einem Consul, der gerade über die Parther gesiegt hat, oder dem Poeten Horaz, der, den Lorbeerkranz auf dem ergrauenden Scheitel, die Leyer unter dem Arme, von Mäcenas kommt. Die gesammte Architektur besteht wesentlich aus korinthischen Säulen, Triumphbogen und Amphitheatern. Dort — am Eingang des Circus Maximus — steht ein Prätor mit zwei Aedilen, einem Censor und einem Dictator außer Diensten in rethorisch glanzvoller Unterhaltung. Man conversirt im reinsten Ciceronianisch; unsere Damen können zwar kein Latein — aber daß Ciceronianisch ungefähr so viel bedeutet, wie stilvoll, mustergültig, und glänzend im eleganten Wurf der Perioden — das misten sie nicht nur gedächtnißmäßig, das haben sie auch mit dem Herzen gefaßt, denn das schöne feinsinnige Antlitz des Geschichtsprofeffors hat in geweihterem Lichte gestrahlt, wenn er von Cirero und der vollendeten Classicität seiner gesammelten Werke sprach. — Nichts liegt der Welt dieses Alterthums, wie es sich in den liebenswürdigen Köpfchen deutscher Frauen und Jungfrauen malt — (in den weiblichen Gehirnen viel anderer Nationalitäten malt es sich überhaupt nicht) — also: nichts liegt dieser klassischen ülorMiia ferner, als eine Verwandtschaft zur Gegenwart. Bei uns, im neunten Deeennium des neunzehnten Jahrhunderts, ist Alles Prosa, Alles Schwunglosigkeit und nüchterne Alltagsstimmung; zwischen durch blitzt hier und da wohl ein Fünkchen himmlischer Poesie — zumal in der Liebe —; aber sonst: keinerlei Analogie mit der Epoche der Toga und Tunica, kein Berührungspunkt im Sein und Empfinden. Die Würde, die Hoheit, das Getragene, das Antik-Uebermenschliche ist uns abhanden gekommen; ja, selbst die Liebe, wie viel kleiner, wie viel nippsachenartiger erscheint sie in unseren modernen Salons, als in jenen großartig disponirten Zeitläuften, da der Jüngling in schwer übersetzbaren Distichen um die Huld einer Lesbia geworben! Kann man sich einen römischen Egues, einen Sprößling uralter Senatorenfamilien, die noch mit Hannibal zu thun hatten, als komplimentirenden Modeherrn vorstellen, der seiner Auserkorenen zarte Aufmerksamkeiten sechsten und siebenten Ranges erweist, der vor Wonne erröthet, wenn er im Theater Gelegenheit findet, ihr den Zettel zu reichen, oder ihr mit dem Fächer Kühlung zuzuwehen? — Läßt sich von einer klassischen Römerin denken, daß sie im Schmuck ihrer echt antiken Schlangen-Arm- bänder und Cameenringe sich salonmäßig geziert und gelächelt, daß sie jene kleinlichen Huldigungen mit Wohlbehagen bemerkt, daß sie kokettirt habe? -- „Nein!" antwortet der Instinkt unserer schulgebildeten Frauenwelt; und, ww wollen es nur ohne Rückhalt bekennen: wir Männer fühlen in dieser Hinsicht auch zuweilen recht frauenhaft. — Es fehlt dem kurzsichtigen Auge hier nämlich das historische Fernglas. Entlegene Berge sehen wie Wolken aus, — völlig anders geartet, als die Felsenwünde und Hügelhänge, die uns unmittelbar vor dem Blick emporsteigen. Setzen wir jedoch das Teleskop einer genaueren Detailprüfung an, so gewahren wir, daß auch die vermeintlichen Wolken nichts anderes sind, als Wälder, Halden und Steinmasten. — Der Geschichtsunterricht unserer höheren Lehranstalten — dazu rechne ich natürlich die Pensionate, denn dort gedeiht ja das Höchste, die deutsche Müdchenblüthe — er leidet an » 390 dem betrübsamen Fehler, nur Knochen zu geben, aber kein Fleisch, nur Haupt- und Staatsaktionen, aber keine Kulturgeschichte. Jener Quartaner, der seinen Aufsatz mit den Worten begann: „Die alten Nomer verbrachte» ihre Zeit meistens mit Kriegführen, Ackergesetzen und Volksversammlungen" — sprach unbewußt die Verurtheilung dieser Einseitigkeit aus. In Wahrheit gilt von den meisten Geschichtsepochen die Thatsache: je genauer wir uns mit ihren Einzelheiten beschäftigen, um so geringer erscheinen die Unterschiede, die sie von der Gegenwart trennen. „I'iuo eolM ollanAa" — behauptet ein französischer Autor von den Institutionen seines eigenen Vaterlandes, — „ot plus v'est absvlument la mainö — Das läßt sich, in gewissem Sinn, auch von der Lebensphysiognomie jener Epochen aussagen, die, durch das neblige Medium zweier Jahr» lausende betrachtet, so unmodern, so fremdartig, so pathetisch erscheinen. Bleiben wir bei der Liebe! „Ein Blatt für die Leserin" hat der Verfasser dieser Zeilen die bescheidene Skizze betitelt, — und was liegt der Leserin, sei sie alt oder jung, noch unerobert oder verheirathet, näher als dies höchste Problem, daS dein weiblichen Herzen zur theoretischen Betrachtung und praktischen Lösung bestimmt ist? Die Liebe im alten Nom war durchaus kein Dialog in volltönigen Trimetern, noch weniger ein Monolog in Hexametern, sondern ganz das nämliche thöricht-süße, wonnesame Geplapper von heute, ganz die gleiche melodramatische Causerie, das Getändel mit Kleinigkeiten, das bald bewußte, bald unbewußte Hinüber und Herüber von reizvollen Tirailleur-Angriffen, wie im Ballsaal der Gegenwart. Für den ruhig überlegenden Kopf, der nicht gleich Congestionen bekömmt, wenn er die Parole „antik" hört, ist daS bis zu einem gewissen Grade ja selbstverständlich; aber daß die holdselige Comödie bis in die feinsten psychologischen Nuancen mit dem, was Amor heutzutage in Scene setzt, nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich stimmt, das frappirt vielleicht auch den Besonnenen. Ich erwähnte vorhin das galante Offeriren des Theaterzettels. — Die römischen Schriftsteller kennen derartige Aufmerksamkeiten als Introduktion zärtlicher Herzensbündnisse eben so gut, wie das Spiel mit dem kühlungwehenden Fächer. Wir wissen z. D. mit stereoskopischer Klarheit, wie es zwischen zwei jungen Leuten, die Amor sich als Opfer erlesen, bei den Vorstellungen im römischen Circus herging. Hier saßen nämlich die Damen und Herren in bunter Reihe, während im Amphitheater :c. die Damen besondere Plätze hatten. — Wenn nun so ein römischer Lieutenant oder Referendar — (das Reich der Cäsaren kannte sie so gut, wie das Reich der Dichter und Denker) — das junge Mädchen gewahrte, für die er in Minne entbrannt war, so bot er zunächst Alles auf, an ihre Seite zu kommen — eventuell durch listige Hinwegschaffung dessen, der diesen Platz bereits inne hatte. — Beim Einleiten des Gesprächs verfiel er zunächst in jene artige Allgemeinheit, die auch hierzulanhe das Erste-Walzer-Geplauder rc. charak- terisirt. — Das Wetter oder das neueste Tagesereigniß: das Unwohlsein des Premier- Ministers, den Erfolg eines sensationellen Buches, die reizende Operette (zu römisch Pantomimus genannt und allerdings nur aus Geberdenspiel und Instrumentalmusik zusammengesetzt), die Telegramme von der Neichsgrenze, wo man sich mit den Datiern -oder den Germanen herumschlug (allerdings keine elektrischen, aber doch Telegramme, Schnellbriefe, durch Couriere befördert, die nicht viel mehr Zeit brauchten, als unsere Eisenbahnzüge) —: dies Alles benutzte er als Anknüpfungspunkt, je nachdem die junge Dame nun für die römischen Offenbach schwärmte, oder mehr für die Mirza-Schaffy's, oder gar für die Staats-Jnteressen, was freilich, — ganz wie bei uns — die Ausnahme bildete. — Inzwischen begann das Wettrennen. Die vorgeführten Andalusier und Kappadocier mit den schnaubende» Nüstern und den wallenden Mähnen boten erneuten Stoff für die stockende Konversation» — In rasender Schnelligkeit sausten sie mit den zweirädrigen Rennwagen um die Spitzsäule. Der Lieutenant — bleiben wir bei dem Lieutenant — konstatirte alsbald, für wen die junge Dame Partei nahm, — für den Besitzer des Rennpferds Vastator oder für den der schmeidigen Passerina —,— und das entschied auch für ihn. Jetzt erhob sie die reizenden Händchen zum Klatschen: unverzüglich, als sei ihre Bewunderung die seine, klatschte er mit. — Nun kömmt irgend eine größere Produktion, sagen wir eine Quadrille, — denn auch Massenaufzüge fanden im Circus statt; der Staub wirbelt hoch über die Sitzreihen und fällt der jungen Dame aus's Kleid. „Erlauben Sie» gnädiges Fräulein —" .,äomina", auf lateinisch, — also Herrin, Herrscherin; die Gemahlin des Kaisers war die äornina im prägnanten Sinne!) — „erlauben Sie", flüstert der Lieutenant — und gestattet sich, mit schüchternem Finger den Staub zu beseitigen. — Ja, Ovid ertheilt den erfolgbeaierigen Jünglingen sogar den Rath, selbst dann „den Staub zu beseitigen", wenn gar keiner vorhanden ist: „Jeglichen Verwand nimm eifrig zur Galanterie!" Als weitere Ritterdienste werden erwähnt die hier folgenden hochinteressanten Punkte: Er hat sorgfältig Acht darauf, daß der hinter ihr Sitzende sie nicht mit den Knieen belästigt. Der Hintermann saß nämlich, wie aus der architektonischen Anlage des Circus hervorgeht, um eine Stufe höher. — Er rückt ihr die Polster zurecht. Er fächelt ihr Kühlung mit dem kostbaren Circusfächer. (Wer sieht nicht im Geiste den deutschen Lieutenant während der Tanzpause?) Er schiebt ihr die Fußbank unter den niedlichen Fuß, dessen Kleinheit und Anmuth im alten Rom nicht minder geschätzt und gepriesen wurde, wie heutzutage. Er lächelt, sobald sie lächelt. Er wird ernst wenn sie ernst scheint. Mit einem Worte: er macht ihr, nach allen Regeln der Ritterlichkeit, die man irrtümlicher Weise für eine Spezialität des Mittelalters auszugeben bestrebt ist, den Hof. Das wiederholt sich so einige Male während der Circussaison. Man ist sich näher gekommen — aber noch ist das entscheidende Wort nicht gefallen. Verschiedene Male hat de.r altklassische Lieutenant (tr'isiunus inilitum supornumorarills) die Geliebte in ihrer Equipage, d. h. Sänfte begrüßt, war so frei, eine Strecke weit neben dem Tragbett einherzuwaudeln, obgleich ihn die Sänftenträger mit ihrem Lauf- Tempo ab und zu außer Athem brachten. Er hat ihr sogar ein Gedicht übersandt — denn, sagt Ovid, es gibt jetzt auch hochgebildete junge Dame», die dergleichen zu schätzen wissen . . . Aber die Sache ist doch immer noch in der Schwebe. Da kommt der Sommer heran — und mit ihm die Badesaison. Wohin geht man in diesem Jahre? Nach Alsium? Nach Tibur? Nach Vajä? Ja! Am liebsten nach Bajä, dem altrömischen Ostende, Scheveningen, Dieppe und Trouville. — Kaum hat der liebende Jüngling in Erfahrung gebracht, wo er scine Septimia oder Lydia zu suchen hat, so ertheilt er alsbald seinem Burschen — dem ersten der Lsibsklaven — den Befehl, das Erforderliche für die Reise vorzubereiten. Sie fährt über Ostia zu Schisse. — Vortrefflich. Da wählt er den Landweg über die Via Appia, und trifft, vermöge der ausgezeichneten Leistungen seiner gallischen Füchse, noch einen Tag früher ein als die Geliebte. „Nein, das ist reizend!" klingt die Begrüßung beim Wiedersehen — und nun beginnt eine ungezwungenere Art des Verkehrs, die schneller zum Ziele führt. Er trägt jetzt rückhaltsloser seine Bewunderung zur Schau. „Geht sie in Purpurgewand, so preist er die Purpurgewänder." — „Geht sie im kölschen Kleid, rühmt er das kölsche Zeug." (Die kölschen Gewebe kennen auch wir, obgleich sie heutzutage nicht mehr auf der Insel Kos fabrizirt werden: wir sagen etwa Mull ober Barege.) Trügt sie das Haar aufgenestelt in einem Knoten über dem Köpfchen, so erklärt er, das allein sei oommu il kaut unter allen Frisuren. Brennt sie sich Locken, so verachtet er die Coiffüren ü, la Diana von Grund aus. Wenn sie ein Lied zur Guitarra (die Römer und Griechen sagten „Litstara") vorträgt, so erklärt er die glänzendste Diva der Siebenhügelstadt für eine Stümperin im Vergleich mit der Angebeteten. . . . So ereignet sich endlich, was er begehrt hat. Sie lispelt unter den Ahorn- bäumen des blühcnddustigen Parks ein beglückendes Ja — und ob die wonneselise 392 Phrase nun lautet: „äuloiHms Vital" oder „mein lieber, süßer Eugen!" — ob man „awo" sagt oder „ich liebe", ob man „basia," gibt oder „Küsse", ob das „tausendmal" geschieht oder „ssxvantias" — die Sache bleibt unbestreitbar die gleiche — und Vater Goethe hat Recht, wenn er die Dienste die Amor den altklassischen Triumvirn gethan, als völlig identisch bezeichnet mit dem, waS die Sehnsucht heute von ihm erwartet — nicht nur in eoseotia, sondern auch in der Form, in der Filigranarbeit des Details. Wie aber nun die Römerin liebte, nachdem der Jüngling ihr Ja gehört, wie sie schmollte und kokettirte, wie sie huldvoll und launenhaft war — das zu schildern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Darüber läßt sich ein Buch schreiben, ein Buch. das in die große Bibliothek eingereiht werden müßte: Encyclopädie des weiblichen Herzens, herausgegeben unter Mitarbeiterschaft sämmtlicher Poeten seit David und Saloinon« — Fragmente davon vielleicht bei einer anderen Gelegenheit! «oldkSrner. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, Ausbaut auf dem betrüglichen Grunde? Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet, Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt, So lebt der Mann mit der Vergangenheit; Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Rechlschaffenheit! Sie sei der feste Grund, Aus dem Du gehst und stehst; Rechlschaffenheit Schafft in Dir selbst das Rechte allezeit, Und ihre beste Segnung wird Dir kund, Strenge, die sich selbst bezwingt. Schafft im Leben, was gelingt. Treu' umfaßt sie alle drei, Lieb' und Frieden noch dabei. In Thränen ist der Mensch dem Menschen gleich; Der Starke wird des Schwachen sich erbarmen, Dem Fremdling sich der Fremdling liebend nah'»; Was sich gehaßt, wird friedlich sich umarmen, Und heißer sich, was sich geliebt, umsah'». Schiller. Passet. Grillparzer. Fr. Schlegel. E. Schulze. 8 Miseellerr. (Denksprüche von Petit-Senn.) Ein weitschweifiger Redner und de< Docht eines Lichtes verlieren ihre Klarheit je länger sie werden. — Die Liebe errichtet ein Zelt in unserem Herzen; die Freundschaft aber baut sich einen häuslichen Heerd darin. — Der gewinnreichste Handel wäre der: die Menschen zu kaufen nach dem, was sie werth find, und sie wieder zu veräußern, nach dem was sie sich schätzen. (Die gescheidten Kinder.) Vater (bei dem Abendessen): „Ihr seid schon rechte Naschmäuler! Jetzt ist den Rangen nicht einmal der Kalbsbraten mehr gut genug.' Wißt Ihr, was ich bei meinen Eltern als Nachtessen bekam?" Eine Suppe und ein aufgewärmtes Gemüse von Mittags, manchmal auch nur einen halben Schoppen Bier und ein Stück schwarzes Brod." — Kinder: „Gelt, Papa, da geht's Dir bei uns schon besser!" (Kindermund.) „Du mußt Dir hübsch Mühe geben, orthographisch zu schreiben," sagte ein Vater zu seinem Sohne. „Ach, lieber Vater, plage mich doch nicht mit der Orthographie," antwortete der Kleine, „denn darüber sind ja die Gelehrten nicht einig,". Auflösung des Original-Silben-Räthscl in Nr. 47: „Herzgrube." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.