Unterimktunggökatt »ur „Äugsliurger Postieilimg.- Nr. 50. ; ^s. Samstag, 23. Juni 1883. Des Försters Enkelkind. Original «Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XX. Am Nachmittag vor ihrer Abreise nach Bodenwald finden wir Anna in ihrem Zimmer im Hause der Frau Doktor Dörner, im Begriff den letzten Brief aus H. an ihren Großvater zu schreiben. Vor ihr liegt der seinige, der ihr alle in Vahrenwald stattgehabten Ereignisse auf'3 eingehendste mitgetheilt, unk beim nochmaligen Lesen desselben flössen ihre Thränen reichlich. Endlich aber hatte sie die Stelle erreicht, wo ihre Tante im Namen ihres Großvaters geschrieben: „Sei trotz Allem ruhig, mein Enkelkind, denn ich denke durch meine Mittheilung die Gräfin dahin zu bringen, daß sie ihre Einwilligung zu Eurer Verbindung gibt. Reise ohne Sorgen mit Sophie und der kleinen Thusnelda nach Bodenwald; der Herr aber segne Deinen Einzug, und wende Alles, wie es seiner Allweisheit zufolge sein soll. Ich habe mich seinem Willen nicht widersetzt, sondern lasse Dich zu Deinem Großvater gehen, der nicht ahnt, wer in Dir sein stilles, vereinsamtes Schloß betritt!" „Ja, ich will ruhig sein", sagte jetzt entschieden Anna, „will meinem theuren, sorgenden Großvater glauben, will glauben, daß Alles gut und fröhlich endet! — Und weshalb sollte es auch nicht? — Waldemar liebt mich treu und wahr, mein Besitz ist sein höchstes Glück — ich liebe ihn ebenfalls, mein Großvater will mich ihm zur Gattir geben, und ich werde die Seinrge werden, ein sicheres seliges Gefühl sagt es mir!" Die Feder, welche sie bei Seite gelegt, wieder zur Hand nehmend, begann sie zi schreiben: „Mein theurer, lieber Großvater! Morgen, wie Dir auch schon bekannt ist, reisen wir nach Bodenwald, und ich wollt Dir noch diese Zeilen schicken, damit Du auch bis zu Ende erfährst, wie eS mir hier e; gangen ist. Sehr gut, kann ich wie immer sagen, denn Sophie und ihre Mutter hüt« und pflegen mich auf das Beste, und alle meine Sorgen — Dir ^vAßt wen und wl sie betreffen — überlasse ich Dir, wie ich soeben mir noch einmal vorgenommen, ui denke mit Ruhe an Waldemar und an die Zeit, wo wir uns wiedersehen werden. Wenngleich ich mir so oft vorgestellt, wie nothwendig mir jetzt Ruhe und' Besonne» heit ist, bemächtigt sich meiner doch eine kaum zu unterdrückende Aufregung, wenn ' Mir vorstelle, daß schon morgen Abend ich meinem Großvater gegenüberstehen werde, d — der — — aber, nein, Großvater, ich will ihm nicht mehr zürnen, und auch ni mit gehässigen Gefühlen vor ihn hintreten, sondern will ihm vergeben — das Leid vt geben, das er Dir und auch mir zugefügt! Von Bodenwald erhaltet Ihr baldigst wieder Nachricht, und werde ich Dein Rath zufolge den Brief an Deine Tante adressiren. Mein Koffer ist gepackt, auch habe ich Frau Doktor schon das Abschiedsgeschenk überreicht, die sich über das schöne Service, welches glücklich angekommen, sehr gefreut hat. — Zum weiteren Plaudern mit Euch bleibt mir keine Zeit, denn ich habe Thusnelda 'ersprochen, einige Einkäufe mit ihr zu machen, Geschenke für ihren Großvater, Herrn nd Frau Bergmann, und einigen Personen der Dienerschaft, die sie besonders liebt. Das arme, arme Kindl Sie selbst empfindet nicht, was und wie viel ihr fehlt, und ist stets heiter und guter Dinge. Aber ich höre meine kleine Cousine mit eiligen Schritten kominen und schließe daher den Brief, den ich selbst besorgen will. Nehmt meine herzlichsten Grüße und gedenkt in Liebe Eurer Anna Herfsld. Gegen Abend des folgendes Tages verließen Sophie Dörner, Anna Thusnelda und deren Pflegerin oder Kammerjungser Dorothea den Eisenbahnzug an der Station B., wo ihrer ein Wagen wartete, um sie nach Bodenwald zu bringen. Thusnelda begrüßte den Kutscher, welcher schon manches Jahr im Dienst seines Herrn gewesen, mit vieler Freude, und erkundigte sich in lebhafter Weise nach ihrem Großvater. „Der Herr Landkammerrath ist heute recht krank gewesen, gnädiges Fräulein", erwiderte Georg, das Gepäck der Reisenden in Empfang nehmend. „Ist Großpapa in seinem Zimmer geblieben?" forschte das kleine Fräulein weiter. «Ja, gnädiges Fräulein, doch meint Auaust, daß der Herr Landkammerrath diesen Abend im Saal sein werde!" Man war mittlerweile eingestiegen, Georg hatte die Koffer aufgepackt, und erkletterte dann den hohen Bock des alterthümlichen Neisewagens. Die Zügel und Peitsche ergreifend, trieb er dann die Pferde an, um noch vor vollständiger Dunkelheit Schloß Bodenwald zu erreichen. Der Weg führte zunächst durch eine ebene, fruchtbare' Gegend, dann aber begannen die Berge, und traten immer näher, bis später sich die Landstraße durch ein eriveitertes Thal hinzog, in dem das Gut Bodenwald lag. Thusnelda und ihre Kammerfrau waren hier bekannt, und Erstere unterließ nicht, ihre Begleiterinnen auf Alles aufmerksam zu machen, was sie von jeher sehenswerth oder bewunderungswürdig gefunden, was diese aber der eintretenden Dämmerung wegen kaum erkennen konnten. Während Thusnelda lebhaft und munter plauderte und sich sichtlich freute, nach längerer Abwesenheit wieder daheim zu sein, ward Anna immer stiller und schweigsamer, denn sie mußte ihres Großvaters Erzählung gedenken, und sollte so bald schon die Stätte betreten, wo die Jugend ihrer Eltern verflossen, wo sie deren und ihrer Großmutter letzte Ruhestätte zu suchen hatte. Ihr ernstes, nachdenkendes Gesicht gewahrend, sagte leise die ihr gegenübersitzende Sophie: „Schon wieder still und traurig, Anna? Und hast doch, wie Du mir gesagt, gestern an Deinen Großvater geschrieben, der Zukunft fröhlich und guten Muthes entgegensehen zu wollen?" Anna erschrack fast bei dieser Anrede und erröthete leicht, und einen dankbaren Blick auf ihre frühere Erzieherin und jetzige Freundin richtend, erwiderte sie ebenso leise: „Das thiie ich? auch, Sophie, und bin meines Geschickes wegen ohne Sorge. Ich stellte mir aber in diesem Augenblick unsere Ankunft in Bodenwald vor, das Wiedersehen zwischen Enkelin und Großvater, welch Letzteren Du ebenfalls noch nicht kennst —" „Nein, Anna, persönlich kenne ich den Herrn Landkammerrath noch nicht", entgegnete sophie Dörner, „und bin neugierig, ihn, der seiner Korrespondenz nach ein sehr kluger rnd gebildeter Mann sein muß, zu sehen. Seiner zärtlichen Sorge für seine Enkelin wegen habe ich ihn immer bewundert, die — ein trauriges Berhängniß — seine einzige . nähere Angehörige ist!" ^ Anna enthielt sich jeder Bemerkung: kannte sie doch ihren Großvater von einer anderen Seite, und wußte sie ebenfalls, daß die schwachsinnige Thusnelda von Bodenwald nicht seine einzige Verwandte war. Sie versank indeß wiederum in Nachdenken, stellte sich den Empfang in Bodenwald vor, wobei ihr plötzlich ihre Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Vater, der ihr Großvater Kohring mehrfach erwähnt, einfiel. Dieser Gedanke begann sie zu beunruhigen, eine Erkennung war dadurch möglich,-da unterbrach Thusnelda, die unterdeß immer aus dem Fenster gesehen, ihr Sinnen, in dem sie hastig, wie sie stets zu reden flegle, sagte: „Anna, gleich sind wir in Bodenwald, Du kannst es, weil es ichon vunkel geworden ist, nur nicht sehen!" und ihr Gesicht an die Scheibe legend versuchte sie wiederum bekannte Gegenstände zu erspähen. Sie fuhren noch eine Weile, die Dämmerung war vollständig eingetreten, dennoch konnte Anna, welche gleich ihrer Cousine aus dem Fenster blickte, sehen, daß sie an einigen kleineren erleuchteten Häusern vorüberkamen. „Hier wohnen unsere Taglöhner", belehrte sie Thusnelda, „und nun — nun sind wir gleich bei Großpapa!" Wirklich bogen sie bald in ein weitgeöffnetes Thor, das, wie sie hörten, hinter ihnen geschlossen ward, und fuhren einen breiten, zu beiden Seiten mit hohen Pappeln besetzten Weg zum Schloß hinauf. Dann hielt der Wagen vor einer nur aus wenigen Stufen bestehenden Treppe, welche in die geräumige hell erleuchtete Vorhalle führte, wo in der hohen, geöffneten Glasthür bereits ein Diener ihrer wartete. Kaum hatte er den Wagenschlag geöffnet, als auch schon Thusnelda zur Erde sprang, und August, welchen sie seit ihrer Kindheit gekannt, mit lebhafter Freude begrüßte, indeß ihre Begleiterinnen langsamer folgten. Unterdeß war auch die Haushälterin, welche schon eine Reihe von Jahren in Schloß Bodenwald gewesen, herbeigekommen, und nachdem sie von Thusnelda mit stürmischer Zärtlichkeit war begrüßt worden, bewillkommnete sie die Fremde, welche diese ihr zuerst auf Sophie Dörner deutend vorstellte: «Frau Lindenau, dies ist Fräulein Sophie Dörner, meine Lehrerin", und sich an Anna wendend, fügte sie deren Hand ergreifend hinzu: „Und dies ist meine liebe Freundin Anna Herfeld, die ich in H. kennen gelernt, und Großpapa eingeladen hat!" Frau Lindenau, eine Dame von würdigem Aussehen, richtete einige freundliche Worte an die ihr genannte, ward aber bald durch Thusnelda unterbrochen, welche sie hastig fragte: „Wie geht es Großpapa, Frau Lindenau? — Wo ist er? Kann ich ihn sehen?" „Der Landkammerrath wird zum Abendessen im Saal sein, gnädiges Fräulein, und läßt Sie und die Damen bitten, sich vorher im Zimmer einzufinden!" „Ich soll ihn also jetzt nicht sehen?" fragte ungeduldig Thusnelda. „Nein, gnädiges Fräulein, und ich werde Ihnen und den Damen den Thee sogleich heraufschicken! — Jetzt bitte ich, mir zu folgen", wandte sie sich zu Sophie und Anna, damit ich Sie in Ihr« Zimmer führen kann!" Sie gingen in das erste Stockwerk hinauf, wo zu beiden Seiten eines geräumigen Corridors eine Anzahl Gemächer lagen, von denen jedoch wenige benutzt wurden. Aus Thusnelden's Zimmer trat ihnen Dorothea entgegen, bevor aber Erstere ihrer Pflegerin folgte, trug sie noch Frau Lindenau auf, ihre Freundin in ihrer nächsten Nähe wohnen zu lassen, was diese ihr lächelnd zusagte und ihre Begleiterinnen in die bereit gehaltenen Zimmer führte. Allein geblieben, blickte Anna m sein maum umher, der sie einstweilen beherbergen sollte. Es war ein mittelgroßes, hohes Gemach, hellerleuchtet durch zwei Wachskerzen, die in silbernen Leuchtern auf dem Sophistisch brannten, mit einer alterthümlichen Ausstattung, wie sie sie noch nie gesehen. An den mit hellen Goldtapeten bekleideten Wänden hingen Schildere!«» aus Italien, die ohne Zweifel ihr Großvater von seinen Reisen mit gebracht. Die Thür des Schlafzimmers öffnend, blickte sie auch in dies hinein und sal dort ebenso altmodische Mobilien, zu denen auch ein Bett mit dunkelgrünen, seidenen osü Vorhängen gehörte. Nachdem sie Hut und Mantel abgelegt, kehrte sie in's Wohngemach zurück, wo bald an ihre Thür geklopft ward und der Diener mit dem versprochenen Thee erschien, ihr anzeigte, daß das Abendessen um halb neun Uhr servirt sein würde und sich darauf entfernte. Im Sopha Platz nehmend, genoß sie mit Behagen die ihr angenehme Erfrischung, dachte dabei an ihren Großvater, dem sie jetzt so nahe war, und fragte sich: „Ob er mich — ob man mich überhaupt kennen wird? Auf den ersten Blick mußte die Familienähnlichkeit, welche doch Großvater Kohring hervorgehoben, so auffallend nicht sein, denn bis jetzt scheint noch Niemand sie bemerkt zu haben. Vielleicht aber werden Bergmann's und mein Großvater selbst sie entdecken und was — was wird dann daraus entstehen? Wäre es nicht richtiger gewesen, die verhängnißvolle Einladung auszuschlagen?" „Nein, nein", fuhr sie nach längerer Pause sich ermuthigend und zuversichtlich fort, „ich bin durch Gottes Fügung hier, und diesen Gedanken will ich festhalten! Wer weiß auch, was schon die nächsten Tage von Steinhorst und Dahrenwald bringen werden, und wie bald sich dort mein und Waldemar's Geschick entscheidet!" Nach einer Weile auf die Uhr blickend sah sie, daß sie auf halb acht wies, es war also keine Zeit zu verlieren, denn sie mußte nothwendig ihren Neiseanzug gegen einen andern vertauschen. Schnell nahm sie aus ihrem schon im Schlafzimmer befindlichen Koffer alles Erforderliche hervor und begab sich an ihre Toilette, und als nach einer halben Stunde sie wieder im Wohngemach erschien, war das Bild, welches der hohe Spiegel zurückgab, eine Erscheinung, auf die des Försters Enkelkind, welches zwar die Eitelkeit nicht kannte, voll Genugthuung hätte blicken können. Wie immer hatte Anna das reiche goldblonde Haar, das in lockigen Wellen ihre weiße Stirn umgab, in schweren Flechten um den Kopf geordnet; ein dunkelblauer Anzug von leichter Wolle ließ ihre Gestalt vortheilhaft hervortreten, und Hals und Handgelenke umgab eine blendendweiße Leinengarnitur, die durch eine goldene Broche und eben solche Knöpfe gehalten ward. Die ganze Erscheinung aber — hoch und stattlich — war vom Zauber holder Jugendlichkeit umflossen, und sinnend, ernst und erwartungsvoll blickten die blauen Augen dem Kommenden entgegen. (Fortsetzung folgt.) Ein Besuch bei Hay-u. (Aus de"N. Fr. Pr.) Man hat im vorigen Jahre den einhundertfünfzigsten Geburtstag Joseph Haydn's, des armen Stellmachersohnes, gefeiert, den Anlage und Fleiß zu einem der glänzendsten Sterne am Himmel der Tonkunst gemacht haben. Bei dieser Gelegenheit wäre es vielleicht angebracht gewesen, an seine Zusammenkunft mit Jffland im Jahre 1808 zu erinnern, welche eine der schönsten Episoden seines Lebens genannt werden muß. Aber, so viel bekannt, ist dies nicht geschehen. Mag daher hier eine Darstellung des Falles folgen, wie sie an der Hand der denkwürdigen, aber heute wie es scheint, vergessenen Aufzeichnungen Jffland's möglich ist. Schon im Jahre 1800, als Jffland sich zum ersten Male in Wien befand, hatte er ein inniges Verlangen getragen, den großen Mann zu sehen, dem er als Mensch und Künstler mit gleicher Liebe sich ergeben fühlte. Aber damals lebte Haydn auf dem Lande, und ihm dorthin zu folgen, gestatteten die Verhältnisse nicht. Anders fügte es sich, als Jffland acht Jahre später seinen Besuch in der Donaustadt erneuerte. Körperliche Leiden hielten zwar den edlen Greis danieder, aber, wie sichtlich er anfing, sich mehr und mehr dem Grabe zu nähern, war sein Schwächezustand doch nicht derart, daß es ihm versagt bleiben mußte, sein Haus den Freunden zu öffnen. Mit Recht durfte Jffland daher hoffen, daß diesmal dem Verlangen seines Herzens Genüge geschehen werde, und diese Hoffnung sollte ihn nicht betrügen. Es war am Vormittag des 7. September, als der berühmte Berliner Mime sich 39 ? — auf den Weg machte, die stille Gasse zu erreichen, in welcher Haydn wohnte. Der mit diese»» persönlich bekannte Vorsteher des fürstlich Eszterhazyschen Theaters zu Eisenstadt, Herr Schmid, hatte versprochen, ihn einzuführen, und schritt neben ihm. Eine heitere Sonne lächelte vom Himmel herab, und da es Marientag war, so waren die Straßen von Menschen belebt, die lachend und schwatzend sich hin und her bewegten. Nachdem sich Beide durch diesen Knäuel hindurchgewunden, machten sie endlich vor einem hellen, freundlichen Hause Halt, welches als das des Musikers das Ziel ihrer Wanderung bezeichnete. Eine sauber gekleidete Magd trat, sie zutraulich begrüßend, den Männern entgegen, deren Frage, ob ihr Herr daheim sei, dahin beantwortend, er komme soeben mit seinem Diener aus dem Garten. Es war so, da seine Füße aber den Dienst versagten, so konnte sich Haydn nur langsam fortbewegen. Inzwischen harrten Jffland und Schmid, in das Wartezimmer geführt, des Augenblicks, da es ihnen vergönnt sein sollte, vorgelassen zu werden. Die Wände eines anstoßenden Cabinets, dessen Thür offen stand, zeigten sich kostbar geziert. Kleine Tonschöpfungen Haydn's, mit eigener Hand geschrieben, bedeckten sie, jede unmuthig von einem Kranze umrahmt. Hier erblickte man auch das Bildniß des Meisters. Es stammte aus Tagen, da seine Kraft noch ungebrochen war und ihm Jugendmuth und Frische noch reichlich zur Seite standen. Gedankenvoll und wehmüthig blickte Jffland in das milde Autlitz, als die Magd mit der Meldung erschien, ihr Herr warte in dem Empfangssaals der Besucher. Haydn saß, als sie eintraten, völlig angekleidet, das Gesicht nach dem Fenster gerichtet, in einen: Sessel. In der einen Hand hielt er seinen Hut, in der andern den Krückstock und einen Blumenstrauß. Er trug ein braunes Unterkleid, einen grauen Ueberrock und eine zierlich frisirte Beutelperrücke. Sein Diener stand hinter ihm. Als er die Männer über die Schwelle schreiten sah, erhob er sich mit Hilfe des Dieners und kam ihnen, die Füße mühsam nachschleppend, einige Schritte entgegen. Dabei hielt er die Hand über die Augen. Zunächst begrüßte er Schmid, indem er ihm warm die Hand drückte; hierauf neigte sich sein Haupt mit anmuthigem Lächeln gegen Jffland, den er zu einem Sitze führte. Dann kehrte er langsam zu seinem Sessel zurück. Das Gespräch berührte zunächst gleichgültige Dinge, wobei Haydn, da ihm das Athemholen schwer wurde» nicht ohne Beschwerde sprach. Oft sah er auf die Blumen in seiner Hand, deren Duft ihn sichtlich erquickte. „Ich habe heute meine Andacht in der Natur gehalten", sagte er wehmüthig — und dabei war es, als würde seine Wimper von Thränen feucht — „Ich kann nicht anders, ich muß so thun." Hier erhob er den Blick, wie zum Gebet gestimmt, gen Himmel. Es kam dann auf die „Jahreszeiten", seine letzte größere Tonschöpsung, die Rede, an welcher er elf Monate arbeitete und die man, wenn man will, den Schwanengesang des Dichters nennen kann. Sogleich verließ ihn die bis dahin bewahrte Ruhe, und beinahe heftig rief er: „Ja, die „Jahreszeiten", die haben mir den Rest gegeben! Sie glauben nicht, wie ich mich dabei gemartert habe." Er wollte noch mehr sagen, aber er fand den Ausdruck, nach welchem er suchte, nicht sogleich und stieß, wie in Univillen darüber, den Stock auf den Boden. In diesem Augenblicke sah ihn der Diener besorgt und bittend an, wie wenn er sagen wollte: Schonet Eure Kräfte! Haydn verstand ihn sogleich und setzte gelassener hinzu: „Ja, du hast Recht. Warum soll ich mich erregen, da Alles vorbei und abgethan ist?" Dann, ganz die frühere Ruhe wieder annehmend, wendete er sich zu den Gästen mit den Worten: „Ja, es ist vorbei, wie Sie sehen, und die „Jahreszeiten" sind schulv daran. Ich habe überhaupt in meinem Leben viel und schwer arbeiten müssen. Ich hatte es nicht leicht, wahrlich nicht leicht; meine Jugend war eine sehr schwierige." Er erzählte dann, wie mühselig er sich einst durchbringen mußte, wie viele Treppen er dabei täglich auf und ab zu steigen hatte, als er noch auf dein Platze bei den Michaeln,, wohnte, und wie dadurch seine Gesundheit untergraben worden sei. „Das kommt nun nach", sagte er, auf seine Brust deutend, „und wirft mich nieder. Aber ich erliege mit Ehren, und mein Mühen und Schaffen ist nicht ohne - 398 Früchte geblieben." Dann entzog er sich diesen schmerzlichen Betrachtungen, deren Peinlichkeit für die Anwesenden er fühle» mochte, und lenkte die Unterhaltung auf das Theater. Er bedauerte sehr, durch seinen Zustand an dem Besuche desselben verhindert zu sein, und selbst den neuen Erscheinungen auf der Bühne, die ihm einst so großes Interesse einflößte» seine Theilnahme versagen zu müssen. Jfflands Wiener Gastspiel im Jahre 1800 war ihm noch so sehr gut in der Erinnerung geblieben, und mit Wohlgefallen sich derselben hingebend, benützie er die Gelegenheit, dem Künstler ein schmeichelhaftes Lob zu spenden. Auch von dem Schriftsteller Jffland sprach er, sich wohl unterrichtet zeigend, mit Anerkennung und Wärme. Dabei sah er diesen überaus freundlich an und reicht« ihm schließlich die Hand. Als dann der in dieser Weise Geehrte bat, diese Hand auf sein Herz legen zu dürfe», schloß er ihn in seine Arme und küßte ihn, Thränen der Rührung vergießend, mit Inbrunst. „ Wenn ich eine große Freude habe", sagte er weich, „dann muß ich weinen. Das will ich durchaus nicht, aber ich kann eS nicht hindern. Daran mag wohl die Schwäche des Aüers schuld sein, denn früher war es anders." Dabei entrang sich ein Seufzer seiner Brust, während das feuchte Auge sehnsüchtig durch das Fenster in die Ferne schaute. Weiter lenkte sich das Gespräch auf eine Messe Haydn's, die einige Tage vorher in Eisenstadt zur Aufführung gelangt war. Sogleich sah man ihn freudig erregt, er sprach mit Lebhaftigkeit von seiner Kirchenmusik und schien ganz und gar zu vergessen, daß er ein hinfälliger Greis war. Ohne es zu wissen, gab er Hut und Stock aus den Händen, die er mit beinahe jugendlicher Kraft hin- und herschwengte- und gcberdete sich, als ob er wieder an der Spitze des Orchesters stünde. Dabei strahlte sein Antlitz vor Wonne und er schien beglückt, den Traum einer besseren Zeit träumen zu dürfen.' Aber die Täuschung währte nicht lange. Bald mahnte es ihn, der Wirklichkeit zu gedenken, in die er gebannt war. Er nahm Hut und Stock, welche der Diener an sich genommen, von diesem zurück, schloß das Auge zur Hälfte und senkte den Blick, die Kräfte sammelnd, welche ihm noch geblieben waren, zu Boden. So verharrte er noch einige Minuten schweigend, dann nahm er das Gespräch wieder auf, gedachte der Eszterhazpschen Capelle und that Fragen nach den neuesten in Eisenstadt zur Aufführung gelangten Musiken. Vor nicht langer Zeit hatte man in Wien noch seine „Schöpfung" gegeben. Er war zugegen gewesen und hatte damals einen der schönsten Ehrentage erlebt» Als die Aufführung ungefähr bis zur Mitte des Werkes vorgeschritten war, hatte sich in dem von einem glänzenden Publikum gefüllten Saale ein leichter Zugwind bemerkbar gemacht, die Bcsorgniß weckend, daß der geliebte Greis darunter leiden könne. Dies hatte die Frauen aus den ersten Häusern Wiens bestimmt, zu seinem Schutze ihre kostbaren Shawls herzugeben, eine Handlung, welche lauten und anhaltenden Jubel weckend, ihn zum Gegenstände der zartesten Huldigungen machte. Auch hierauf kam er jetzt zu sprechen, lobte die damalige Aufführung seiner Arbeit als die beste, die er erlebt, und faltete in seliger Erinnerung die Hände. „Man hat bei jener Gelegenheit zu viel für mich gethan, zu viel! Wie hat mich dieses Volk gefeiert! O, es ist ein gutes, gutes Volk!" sagte er begeistert und von dem innigsten Dankgefühle ergriffen. Dabei klang seine Stimme beinahe stark und erglänzte das sonst matte Auge in heiligem Feuer. Jffland nahm jetzt Veranlassung, des Beifalls zu gedenken, welchen Haydn'S „Schöpfung" auch in Berlin gesunden, und erzählte dabei, daß daS Meisterwerk auch einmal zum Besten der Armen gegeben worden sei und diese Vorstellung mehr als zweitausend Thaler eingebracht habe. Sogleich horchte Haydn auf; «in Freudenstrahl flog über sein Gesicht, und er wiederholte: „Ueber zweitausend Thaler! Und für die Armen! Ueber zweitausend Thaler!" Dann fuhr er, zu dem Diener gewendet, fort: „Hörst du es wohl? Meine „Schöpfung" hat in Berlin über zweitausend Thaler eingetragen, und für die Armen. Meine Arbeit hat den Armen einen guten Tag gebracht! Das ist herrlich, das ist tröstlich!" Bei diesen Worten legte er sich ganz zurück in seinen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit den Händen und ließ Thränen der Rührung über die Wangen 399 rollen. Als er sich wieder erhob, wendete er sich nochmals an seinen Diener, indem er sagte: „Merke es dir genau, wie viel die „Schöpfung" den Armen eingetragen, und erinnere mich daran, wenn du mich von trüben Gedanken erfüllt siehst. Das wird mich erheitern. Denn — achl — mit meinem Wirken ist es aus, und meine ganze Welt ist die Vergangenheit." Dann war es wiederum, als fühle er das Peinliche dieses Augenblickes für die Gäste und als bemühe er sich, diesen Eindruck zu verscheuchen. „Sie werden auch wohl meine Ehrenzeichen sehen wollen?" sagte er und befahl dem Diener, sie herbeizuholen. Dieser ging und brachte die Denkmünzen, welche man einst in Petersburg, Paris und London auf den großen Musiker geschlagen hatte. Haydn nahm sie in die Hand, erklärte jede einzelne und legte sie dann neben sich nieder. Die Beschäftigung hatte ihn offenbar erquickt, indem sie ihm die Zeiten seines Glanzes zurückrief. Er gestand dies auch selbst ein, indem er hinzufügte: „Wenn ich diese Münzen betrachte, so werde ich jedesmal vorübergehend wieder jung. Ich zähle daran mein Leben rückwärts und bin glücklich in der Erimerung ruhmvoller Tage." Jetzt trat eine Pause ein. Haydn schien nachzudenken, ob er nicht noch eine Pflicht gegen die Freunde habe, welche mit so herzlicher Theilnahme in sein Haus gekommen waren. Endlich erhob er das gesunkene Haupt, und wie im Gefühl, das Nichtige gefunden zu haben, sagte er: „Ich sollte Ihnen doch etwas vorspielen. Freilich ist mein Können nicht mehr bedeutend, aber »leine letzte Dichtung wenigstens sollen Sie doch hören. Ich habe sie gesetzt, als vor drei Jahren die französische Armee auf Wien mar- schirte." Er machte dann eine Bewegung,-welche auf die Absicht deutete, aufzustehen. Der Arm des Dieners unterstützte ihn dabei, aber auch Jffland und Schmid traten hinzu, erleichterten mit ihren Händen liebevoll die Schritte des Greises und geleiteten ihn so zum Pianoforte. Langsam ließen sie ihn auf den Sessel gleiten. Das Instrument, vor dem er jetzt saß, war nicht mehr das alte von Würmern zerfressene Clavier, mit dessen Tönen er einst als armer, unbekannter Musiker um Brot und Ehre warb. Es war ein schönes, kostbares Vesitzthum, das aber seinen vollen Werth erst dann erhielt, wenn sich des Meisters theure Hände darauf legten. „Das Lied, welches ich jetzt spielen will", sagte er, „heißt: Gott erhalte Franz den Kaiser!" Und als nun seine Finger die Tasten berührten, da war es, als wären sie in den Dienst eines Zauberers getreten. Wie schwach auch diese Hände waren, sie hatten immer noch Macht genug, ein Tonwunder zu bewirken, das ein unvergleichliches genannt werden durste und den Hörer in heiliger Andacht gefesselt hielt. Mit staunenerregender Kunst, wie er begonnen, spielte Haydn die Melodie zu Ende, und als er sich dann endlich, wiederum von den Anwesenden unterstützt, von seinem Sitze erhob, blieb er noch eine' Weile vor dem Pianoforte stehen, legte beide Hände darauf und sagte: „Ich spiele dieses Lied jeden Morgen, und oft, wenn unruhige Tage kamen, die mich pcinvoll erregten, habe ich Trost und Erquickung daraus genommen." Dann ließ er sich langsam zu seinem Stuhle zurückführen. Dabei neigte sich das Haupt ein wenig auf die Brust und es schien, als fühle er das Bedürfniß der Ruhe. Seine Kräfte waren jetzt offenbar erschöpft. Er schien dies auch selbst zu fühlen, denn er sagte: „Ich tauge heute nicht mehr viel. Gott sei mit Ihnen! Es gehe Ihnen gut, Adieu l" Schon vorher hatten sich die Gäste gesagt, daß es Zeit sei, zu scheiden. Der Greis hatte Alles gethan, dem Verlangen ihres Herzens zu entsprechen. Mehr von ihm zu fordern, wäre Grausamkeit gewesen und hätte beinahe als ein Versuch erscheinen müssen, die zarten Fäden, an denen dieses theure Leben hing, zu zerreißen. Der Abschied, welcher jetzt folgte, war von tiefer Bewegung begleitet und erweckte ein schmerzliches Gefühl, das durch keine Hoffnung auf Wiedersehen gemildert wurde. Haydn nahm die Umarmung der Freunde beinahe schweigend hin, und auch diese vermochten ihren Empfindungen nur wenige Worte zu leihen; aber Alle waren mächtig berührt von der Bedeutung des Augenblicks, der jeden Nerv ihres Körpers erzittern machte. Unwillk-ir-- 400 lich griff Haydn noch einmal nach dem Strauße, den seine Hand gefaßt hielt, als er die eintretenden Männer begrüßte. Davon nahm Jffland Veranlassung, die Frage zu thun, ob es ihm gestattet sei, eine Blume diesem Strauße zur bleibenden Erinnerung an diese Stunde zu entnehmen. Haydn antwortete dadurch, daß er das Gesicht ganz und gar in den Strauß sinken ließ, dessen Duft noch einmal innig und mit Wonne sog und ihn dann mit beiden Händen Jffland reichte. Noch eine Umarmung folgte, noch eine Thräne floß über die welken Wangen des Musikers, dann wendete er sich ab und rief mit dumpfer Stimme: „Lebet wohl!" Nachdenklich und ergriffen verließen die Männer das Haus. Jffland pries sich glücklich, an dem Anblicke der Sonne dieses Genius sich noch gelabt zu haben, die schon zum Untergänge neigte. Er hatte Grund dazu, denn bald sank sie hinab. Nur wenige Monate vergingen, da pochte der Tod an Haydn's Thür und führte ihn sanft zu jenen lichten Höhen, denen er ahnend längst entgegenstrebte. Sein Ende war wie eine schöne Symphonie mit leise ausklingenden Accorden, und es klang, als sangen Engel an seinem Sterbelager. Miseelilsn. (Ein raffinirter Gaunerstreich), der diesmal glücklicherweise kein Menschenleben kostete, wurde in einem Juwelierladen des Palais Royal, nicht weit von dem Prestrotschen Gewölbe begangen. Eine Dame in offenbar gesegneten Umständen betrat den Laden, verlangte Einiges zu sehen und entfernte sich, ohne etwas zu kaufen. Kaum war sie draußen, stürzte ein elegant gekleideter Herr ins Magazin und ruft ganz bestürzt: „Ich bitte Sie, machen Sie keinen Lärm; die Unglückliche kann nichts dafür, ich bringe Ihnen den Ring zurück", und dabei zeigte der Herr eine bnAus olrovaliers, die wirklich in einem der Dame gezeigten Kästchen fehlte. Der Herr erzählte nun, daß seine Gattin in Folge ihres Zustandes von einer unwiderstehlichen Lust zu stehlen beherrscht werde und daß er ihr in Folge dessen auf Schritt und Tritt nachgehen müßte, um Skandal zu vermeiden. Dabei spielte der Herr mit dem Ringe und frug, was er koste. Der Juwelier nannte einen ziemlich geringfügigen Preis, den der Herr auch erlegte und sich mit dem Ringe auch entfernte. Zwei Tage später kam dieselbe Dame, bat neuerdings, man möge ihr verschiedene Gegenstände zeigen, kramte herum und entfernte sich ebenso, ohne etwas gekauft zu haben. Die Ladenmädchen tauschten untereinander verständniß- volle Augenwinke, und als die Frau draußen war, wunderte sich Niemand, daß abermals ein Stück, diesmal kein Ring, sondern ein mit Brillanten besetztes Bracelet im Werthe von 6000 Francs, fehlte. Worüber dagegen Alles im Laden staunte, das war das Ausbleiben des zärtlichen Ehegatten, der seine wider Willen diebische Gemahlin auf Schritt und Tritt verfolgte. Er ließ sich nicht blicken und das Bracelet noch weniger. Der Juwelier war das Opfer eines Gaunerpaares geworden. (Die Dummen werden nicht alle.) In einer Zeitung wurde ein unfehlbares Mittel zur Nattenvertilgung gegen Einsendung von 3 M, empfohlen. Ein Bäuerlein, das mit diesen Nagethieren belästigt war, sandte den Betrag ein und erhielt nach einigen Tagen das gewünschte Mittel zugesandt. Wie groß aber die Enttäuschung des Bestellers, als er das ziemlich umfangreiche Packet öffnete und einen ca. 2Vz Fuß langen Knittel mit einem Zettel vorfand, auf dem die lakonischen Worte standen: „Mit diesem Knittel schlagen. Sie jede Ratte, die Sie sehen, kräftig auf den Kopf und Sie werden sofort Gelegenheit haben, die unfehlbare Wirkung unseres Mittels zu bewundern." (Eine junge Hausfrau.) „Aber liebe Frau, Du hast mir doch versprochen, ein Rebhuhn vom Markte mitzubringend Es muß doch jetzt genug geben!" — Frau: „Das schon, aber weißt Du, lieber Rudolf, ich konnte mich nicht dazu entschließen, ein todtes Rebhuhn zu kaufen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler.