Unterkaktungsbkatt »m ^Ängslulrger Postzeitung." Nr. 51. Mittwoch, 27. Juni 1883. Des Jörsters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Thusnelda erwartend war sie im Begriff, eines der auf dem Tische liegenden Bücher zu nehmen, als nach hastigem Klopfen diese ebenso hastig in's Zimmer tretend sagte: »Gut, daß Du fertig bist, Anna, Sophie ist es auch. Ich bin schon bei Großpapa gewesen, der sich sehr gefreut, mich zu sehen, und auch Euch begrüßen möchte. Wollen wir hinuntergehen?" „Ja, Thusnelda", erwiderte zögernd ihre Cousine, deren Herz und Pulse heftig zu klopfen begannen, während die Aufregung das Blut in ihre Wangen trieb. Im nächsten Moment aber war die Aufregung gewaltsam unterdrückt und im Begriff, mit sicherem Schritt das Zimmer zu verlassen, hörte sie Thusnelda sagen: »Du mußt nur nicht vor Großpapa erschrecken, Anna. Er trägt seinen grünen Schirm und auch die blaue Brille, denn wenn er sehr krank gewesen, sind immer seine Augen angegriffen, und können das helle Licht nicht vertragen!" „Er trägt einen grünen Schirm und eine blaue Brille?" wiederholte Anna mit einem Gefühl von Erleichterung, denn damit schien ihr für den Augenblick die Gefahr des Erkennens abgewandt. „Ja, das hat er schon lange gethan — aber komm zu ihm —" und Thusnelda zog sie auf den Korridor hinaus, wo schon Sophie ihnen entgegentrat. Die breite Treppe hinabgehend, standen sie bald an der Thür des Wohnzimmers, welche Auguste öffnete und sie eintreten ließ. Gleich allen übrigen Gemächern war es einfach, aber nichtsdestoweniger behaglich ausgestattet, denn Neuerungen litt einmal der Gutsherr von Bodenwald nicht. Die eine Ecke ward vollständig von einem großen Eopha eingenommen, vor dem ein kostbar eingelegter runder Tisch stand, auf welchen: eine hohe, durch einen Schirm bedeckte Lampe brannte. Für dies Alles aber hatte Anna kein Auge, sondern blickte auf den Herrn von Bodenwald, der in einem Sessel vor dem Tisch ruhete, vor ihm sämmtliche Gegenstände, welche seine Enkelin ihm mitgebracht, und die Zeitungen und die Journale, mit denen er sich am Abend zu beschäftigen pflegte. Als die Thür geöffnet ward, erhob er sich langsam, und ging ebenso langsam, doch ohne Stütze den Erwarteten einige Schritte entgegen. Er war von hoher Gestalt, die gleich Kohring's dem Alter Widerstand geleistet, doch war das meist goldblonde Haar schneeweiß geworden, und umgab in noch reicher Fülle das Gesicht, das Anna's forschendem Blick, wenngleich durch Schirm und Brille entstellt, nur zu vertraut war. Sie suchte die Aufregung, die wiederum sich ihrer zu bemächtigen begann, gewaltsam zu unterdrücken, denn sie hörte ihre Cousine sagen: 402 »Großpapa, hier bringe ich Dir Sophie Dörner und meine liebe Freundin, Anna Herfeld-" Beide standen jetzt dem Herrn von Bodenwald gegenüber, der ihnen die Hand reichend mit klangvoller Stimme freundlich sagte: „Seien Sie mir willkommen, meine Damen, und möge es Ihnen in dem stillen Bodenwald und bei einem alte», kranken Manne einige Wochen gefallen!" „Großpapa, wir werden länger bleiben", unterbrach ihn schnell seine Enkelin. „Der Professor, welcher mich behandelt, ist verreist, und kein Anderer kann mit mir die Kur gebrauchen!" „Darüber bist Du wohl kaum unzufrieden, mein Kind", erwiderte der Landkammerrath, seinen Blick, dessen Ausdruck jedoch nicht zu unterscheiden war, auf die kleine Gestalt seiner Enkelin richtend, und sich dann ihren Begleiterinnen zuwendend, fügte er hinzu: „Nehmen Sie Platz, meine Damen, und gestatten Sie mir, ein Gleiches zu thun!" Diese kamen seiner Aufforderung nach und während Anna ihren Großvater betrachtete, sagte Sophie Dörner: „Wir haben erfahren, Herr Landkannnerrath, daß Sie erst gestern sehr leidend gewesen und würde uns sehr leid thun, wenn Sie unsertwegen Ihr Zimmer verlassen!" „Ich mußte Sie doch wenigstens begrüßen", entgegnete mit gewandter Höflichkeit der Gutsherr, der sich in seinem Sessel niedergelassen, und darauf Anna anblickend, fortfuhr: „Ihnen, Fräulein Herfeld, muß ich noch meinen besonderen Dank sagen, daß Sie so freundlich auf die Wünsche meiner Enkelin eingegangen sind — —" „Herr von Bodenwald-" begann Anna, stockte aber, denn Sie meinte, dem forschenden Blicke zu begegnen. „Ebenfalls danke ich Ihrem Herrn Großvater und Ihrer Frau Tante, — Sie sehen, wie gut ich durch Thusnelda über Ihre Familie unterrichtet bin, — daß sie Sie noch auf einige Zeit entbehren wollen — —" „Mein Großvater und meine Tante bedürfen meiner augenblicklich nicht", erwideke Anna freundlich, doch im früheren Ton und heftete zugleich entschlossen ihre Augen auf die seinigen, „deshalb habe ich mir auch kein Gewissen daraus gemacht, sie noch länger allein zu lassen." „Anna's Großvater wohnt in einem großen Walde", fiel jetzt Thusnelda ein. „Sie hat mir viel davon erzählt —" „Das möchte ich morgen von Dir in meinem Zimmer hören", unterbrach mit leisem Nachdruck der Landkammerrath seine gesprächige Enkelin, und sich darauf an Sophie wendend, erkundigte er sich nach deren Mutter, während Thusnelda mit ihrer neben ihr sitzenden Freundin zu sprechen begann. Nach kurzer Weile ward das Abendessen gemeldet und zugleich öffnete der Diener die Thüren des anliegenden Speisesaals. Der Schloßherr erhob sich aus seinem Sessel, wobei sein Stock, der an diesen gelehnt, zur Erde fiel. Anna, welche gleich Sophie und Thusnelda ihren Platz verlassen, nahm ihn auf und überreichte ihn dem Landkammerrath, und ihn aus ihrer Hand nehmend, sagte derselbe in verbindlichem Tone: „Ich danke Ihnen recht sehr, mein Fräulein, und bitte Sie zugleich, mich als Ihren Führer zu Tische anzunehmen, das heißt, wenn ich Ihnen meinen linken Arm bieten darf!" Anna kam ein plötzlicher Gedanke, und diesem Worte verleihend, sagte sie mit leichtem Erröthen und einer kaum merklichen Bewegung in ihrer Stimme: „Gestatten Sie mir vielmehr Ihre Stütze zu sein, Herr Landkammerrathl — Darf ich", und schnell an seine Seite tretend, reichte sie ihm ihren rechten Arm, während sie, vielleicht sich selbst unbewußt, die Augen voll kindlichem Vertrauen zu ihm erhob. Ein freundliches Lächeln überflog des Schloßherrn ernste, gefurchte Züge, und beifällig und voll Interesse blickte er ihr entgegen. Dann legte er seine Hand auf ihre» Arm, und sagte, das Haupt leicht neigend: 406 „Ich danke Ihnen, mein Fräulein, und glaube fest, daß Sie mir eine bessere Stütze sein werden, als ich Ihnen hätte sein können", und nach diesen Worten schritten sie dem Eßzimmer zu, gefolgt von Sophie und Thusnelda, welche Erstere ihren früheren Zögling mit beifälliger Freude beobachtet hatte und noch betrachtete, als an der Tafel sie zu des Landkammerraths Rechten in unbefangener Weise auf seine Unterhaltung, ihre Belusti» gungen in Bodenwald betreffend» einging« Das Mahl verfloß in heiterer Weise, denn als feiner und gewandter Wirth wußte der Schloßherr über die Förmlichkeiten des Bekanntwerdens hinweg zu helfen. Als es beendet, führte wiederum Anna ihren Großvater in das Wohnzimmer, wo er, einen Augenblick ihre Hand in der seinen haltend, mit einem leichten Neigen des Hauptes sagte: „Nehmen Sie nochmals meinen Dank für die mir so freundlich gewährte Stütze, die ich leider, wie Sie sich auch überzeugt, nicht entbehren kann, und in meinem Alter ist auf Besserung nicht zu hoffen. Ich bin zufrieden, wenn die Schmerzen mich nicht zu sehr plagen." Nach diesen Worten ließ er sich wiederum in seinem Krankenstuhl nieder, und diesen Moment hatte sich Thusnelda ersehen, sich Anna's zu bemächtigen, die sie nach ihrer Ansicht schon zu lange entbehrt hatte, während sie es Sophien überließ, ihren Großvater zu unterhalten, was auch alsbald, und zwar sie selbst betreffend, geschah. Als nach einer halben Stunde seine Gäste wie seine Enkelin sich von dem Landkammerrath trennte», sprach er die Hoffnung aus, sie am nächsten Tag« gesund und wohl wieder zu sehen und bat erstere zugleich, da dies spät sein würde, nach eigenem Ermessen im Schlosse zu schalten und zu walten. Er fügte hinzu» daß Frau Lindenau und auch die Leute die Weisung erhalten, allen ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, worauf er Sophie und Anna mit einer Verbeugung und einem Händedruck, seine Enkelin aber mit einem zärtlichen Kusse entließ. — XXI. Am folgenden Morgen unternahmen Sophie Dörner, welche auch in ihren Rechten als Thusnelda's Erzieherin blieb, diese und Anna einen Gang in's Freie, um die nächste Umgebung des Herrenhauses und den Schloßgarten kennen zu lernen. Thusnelda, hier seit ihrer Kindheit bekannt, machte die Führen», doch konnte sie keine besonderen Sehenswürdigkeiten zeigen, denn wie schon vor Jahren waren die hohen, alten Bäume und Alleen und einzelnen Gruppen auf den Rasenflächen die größte Zierde des Gartens von Bodenwald, auf dessen Verschönerung der Besitzer jetzt noch weniger Werth als sonst legte, doch den langjährigen Gärtner gewähren ließ, der wie früher Gewächse, Blumen und Früchte in den Treibhäusern zog. Nachdem sie alles besichtigt und an dem schönen Sommermorgen längere Zeit nach allen Richtungen umhergewandelt waren, wobei Thusnelda es nicht unterlassen, ihre Begleiterinnen auf ihre Lieblingsplätze aufmerksam zu machen, an die für sie sich mancherlei Erinnerungen knüpften, Anna aber mit Gedanken anderer Art beschäftigt gewesen, gelangten sie an einen breiten Weg, über dem die Bäume sich zu einem Blätterdach wölbten und der zu beiden Seiten mit Tannen, Taxus und Zypressen dicht bewachsen war. Er war besonders sorgfältig gepflegt und schien seit längerer Zeit nicht betreten zu sein. Am Eingang desselben stehen bleibend, fragte Anna, an deren Arm ihre Cousine hing: „Wohin gelangen wir auf diesem Wege, Thusnelda?" „Nach dem Mausoleum", entgegnete diese ernst, wo meine Eltern, meine Großmama und viele unserer Familie beigesetzt sind. Wir wollen es einmal besehen." Auch Anna's Gesicht hatte sich bei dieser Antwort umdüstert, denn dort war ebenfalls ihrer Eltern letzte Ruhestätte, und sie hätte deren Särge zum erstenmal sehen können, ehe sie jedoch zu antworten vermochte, entgegnete Sophie Dörner, welche die Aufregung eines Besuchs im Mausoleum für ihren Zögling befürchtete: „Später, meine liebe Thusnelda, heute noch nicht. Führe uns lieber nach dem Gutshof, wo Herr und Frau Bergmann wohnen —" 404 „Wollen wir sie nicht begrüßen?" unterbrach schnell das kleine Fräulein, dessen Gedanken schon wieder eine andere Richtung genommen. Hiergegen hätte nun gern Anna Einwand erhoben, denn sie fürchtete von dieser Seite eine Entdeckung, obgleich sie am Abend vorher sich vorgenommen, einer solchen, wenn sie erfolgen würde, mit ruhiger Entschlossenheit entgegenzugehen, doch sagte Sophie: „Wenn es Dir eine so große Freude ist, sie wiederzusehen, so müssen wir sie wohl aufsuchen. Vielleicht treffen wir sie gar im Freien." — (Fortsetzung solgt.) Go»dkör««r. Ohne Glauben ist nicht Liebe, Ohne Liebe ist nicht Glauben. Willst Du Dir Dich seiber rauben, Nimm dem Herzen Lieb und Glauben. F. Horn. Stets ist die Sprache kecker als die That. Schiller.' Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welch' wichtige Person glauben wir zu sein. Wir denken allein den Kreis zu beleben, in dem wir wirken. In unserer Abwesenheit muß, denken wir, Leben, Nahrung und Athem stocken: und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie stillt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres. Goethe. Leicht geleitet wird ein Thor» Leichter aber, wer verständig; Doch wer wenig halb gelernt nur, Ist sür Götter selbst unbändig. A. Höfer. Ueberschaue ganz das große Ganze; Kannst Du's nicht, so senke Deinen Blick. Seume. Das Kreuz im Walde. Eine Wildschützengeschichte von Friedr. Dolch. Während meiner Studienzeit besuchte ich in den Herbstferien manchmal meinen alten Onkel, den königlichen Förster Wendemann, dessen Wohnort nicht gar weit von der Residenz entfernt war. In seinem Reviere gab es auch noch ziemlich viel Wild, weil er dasselbe schonte und pflegte, mäßig schoß und die Wilderer, die sich in seinem Bezirk blicken ließen, energisch verfolgte und über die Grenzen trieb. Mein Onkel war übrigens durchaus kein finsterer griesgrämiger Gesell, sondern ein lustiger fideler Kauz; mit dem es sich vortrefflich leben ließ. Nur die Wilddiebe und Holzfrevler fürchteten und haßten ihn, weil er ihnen so scharf auf die Finger sah und durchaus nicht mit ihnen spaßte. Am liebsten war eS mir, wenn ich mit ihm draußen in Wald und Feld umher- streifen durfte, denn da ging ihm das Herz auf und manche ernste und heitere Geschichte aus dem Jägerleben hat er mir auf solchen Streifzügen erzählt. Ich lauschte auch stets mit großem Interesse seinen Erzählungen und manche von ihnen haben sich meinem Gedächtnisse so fest eingeprägt, daß es mir jetzt nach Jahren noch möglich ist, sie genau so wiederzugeben, wie er sie mir einst erzählt. Eines Abends kamen wir, nach erfolglosem Pirschgange, auf eine Waldlichtung und da wir ziemlich müde waren, beschlossen wir eins kleine Rast zu halten, ehe wir den Heimweg antraten. Wir setzten uns also unter eine dichtbelaubte Buche, zündeten unsere kurzen Jagdpfeifen an und bliesen schweigend die blauen Rauchwötkchen in die Luft. „Siehst Du dort drüben am Waldesrand das hohe, halb umgesunkene schwarze Kreuz?" frug plötzlich mein Onkel und eS konnte mir trotz der zunehmenden Dunkelheit nicht entgehen, daß sein vorher noch so heiteres Gesicht plötzlich tiefernst geworden war. „Dort steht es» neben der hohen einzelnen Tanne, die über das Dickicht emporragt!", Und er zeigte mit dem Finger nach der Richtung und sah mich an. 405 — »Ich leyr r»-', antwortete ich und richtete meine Blicke nach der Gegend, wo sich as Kreuz schwarz 'vom hellen Nachthimmel abhob. „Was ist's damit? Ist an jener Stelle vielleicht einmal ein Mord verübt worden?" „Jawohl, Junge, hast's errathen", antwortete mein Oheim. „Dort ist vor beinahe einem halben Jahrhundert ein Jäger von einem Wildschützen erschossen worden; der Mörder aber war mein eigener leiblicher Vetter und ich war Augenzeuge jener schreck« lichen That." „Ach, ist's möglich?" rief ich erregt. „Bitte, Onkel, das mußt Du mir erzählen, d. h. wenn es Dich nicht zu stark angreift." „Ja, 's ist eine traurige Geschichte", nickte ernst mein Oheim, „und sogar jetzt noch« nach so langer Zeit, stimmt es mich trübe, wenn ich an jenes Ereigniß denke. Weil wir aber doch schon einmal davon gesprochen haben, so will ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir die Geschichte erzählen." Mein Onkel schwieg einen Augenblick, ich rückte ihm etwas näher und blickte ihm erwartungsvoll in das Gesicht. Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, räusperte er sich und fing an: „Mein Vater war, wie Dir vielleicht bekannt sein wird, Jäger beim Baron V.» besten Gut in der Nähe des Dorfes Hohenkamm, das einige Stunden von hier entfernt ist, liegt. Die Waldungen, die zu dem Gute des Barons gehören, sind ziemlich groß und stoßen theilweise an die königlichen Forsten. Mein Vater hatte einen von den erwachsenen Söhnen seines Bruders als Gehilfen zu sich genommen, denn er wurde all- mählig alt und hinfällig und auf mich konnte er nicht rechnen, weil ich damals gerade die Forstschule besuchte. Vetter Kaspar, der neue Jagdgehilfe, war ein junger lustiger Bursche, zu allen tollen Streichen aufgelegt, aber sonst doch ein ordentlicher Mensch und, was die Hauptsache war, ein ausgezeichneter Schütze und guter Jäger. Kam ich in den Ferien nach Hause, dann begann ein lustiges Leben und Treiben, denn Vetter Kaspar und ich wurden bald die besten Freunde und wir waren fast stets beisammen. Wenn die Ferien zu Ende waren, nahm ich jedes Mal betrübt Abschied und lange noch dachte ich an die Heimath und das frische freie Leben draußen im Walde. So war ich denn wieder einmal nach Hause gekommen, hatte aber in der erstey Stunde schon zu meinem Schmerze bemerkt, daß während meiner Abwesenheit sich Vieles verändert hatte. Kaspar war ein ganz Anderer geworden; seine Lustigkeit war verschwunden und hatte einem unruhigen, hastigen, scheuen Wesen Platz gemacht. Sein Gesicht war bleich und in seinen Augen brannte ein düsteres Feuer. Auch war er wortkarg und verschlossen geworden, und so sehr ich auch in ihn drang und ihn bat, mir mitzutheilen, was ihm denn eigentlich fehle, er blieb stumm und gab keine Antwort auf meine Fragen. Von meinem Vater erfuhr ich aber, daß er eine Liebschaft mit der Tochter des Schullehrers, einem eitel», putzsüchtigen Mädchen angeknüpft und ihr auch schon öfters Geschenke gemacht habe. „Diese Liebschaft", sagte mein Vater kopfschüttelnd, „bringt ihn noch in's Verderben. Ich hab' ihm auch das gesagt, aber der Bursche ist verstockt und will nicht von ihr lasten. Von einer Heirath kann aber gar nicht die Rede sein, denn Beide haben keinen rothen Heller. Schlägt er sich aber das Mädel nicht aus dem Kopf, dann schick' ich ihn wieder heim zu seinem Vater, denn einen verliebten Jagd- Gehilfen kann ich nicht brauchen." Nach dem Abendessen nahm Kaspar seine Büchse von der Wand und fragte mich, ob ich ihn nicht begleiten wolle. Ich erhob mich, nahm ebenfalls meine Flinte und wir schritten schweigend hinaus in den Wald. Als wir eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, wandte sich Kaspar zu mir und sagte: „Franz, hör' mich an! Ich muß bis morgen Abend dreißig Gulden haben und Du mußt mir helfen, daß ich sie bekomme. Willst Du das thun?" 406 Ich blieb erstaunt stehen und sah ihn an. „DaS ist viel Geld", antwortete ich. „Wo willst Du es denn herbekommen und was soll ich dabei thun?» „Ich muß das Geld haben, und wenn ich es stehlen sollte», stieß Kaspar hervor und seine Augen glühten. „Frage mich nicht weiter, ich könnte und dürfte Dir doch sonst nichts mehr sagen. Leihen wird mir das Geld Niemand, aber ich bekomme es dennoch, wenn Du mir beistehen willst.» „Gern", antwortete ich. Sag' mir nur, was ich thun soll.» „Drüben in den königlichen Forsten, nicht weit von der Grenze» stehen Hirsche», flüsterst« mein Vetter. „Wenn wir heut' Nacht einen schießen und ihn herüber schaffen könnten, dann wäre mir geholfen. Allein kann ich den Hirsch indeß nicht transportiren, hilfst Du mir aber dabei, dann geht es gewiß und wo wir ihn hinschaffen müssen, damit er uns abgenommen wird, weiß ich auch.» „Nein, nein, das ist zu gefährlich», rief ich erschrocken, „da könnten wir schön in Teufels Küche kommen I» „Dann bin ich verloren», sagte Kaspar tonlos. Ich befand mich wirklich in einer schlimmen Lage. Entweder gab ich nach und begleitete meinen Vetter, dann wurde ich Mitschuldiger eines Verbrechens, oder ich wies das Ansinnen zurück, nachher war mein Vetter ein verlorener Mann. Die Liebe zu ihm aber siegte endlich über alle meine Bedenklichkeiten und ich versprach, ihn bei seinem Unternehmen unterstützen zu wollen. Am andern Morgen, als sich noch kaum ein Heller Streifen im Osten zeigte, standen wir schon draußen im Walde und schlichen der Grenze und jener Gegend zu, wo sich nach Kaspar's Aussage das Hochwild aufhielt. Von Zeit zu Zeit blieben wir stehen, um zu lauschen und schlichen dann wieder vorsichtig auf kaum erkennbaren Pirschwegen weiter. Wir hatten jetzt die Grenze überschritten und die größte Vorsicht mußte deswegen angewandt werden. Im Osten wurde es auch schon immer Heller und Heller und bevor der Tag anbrach, mußten wir wieder zurück sein, entweder mit dem erlegten Hirsch, oder mit leeren Händen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, noch im letzten Augenblick gesehen und ergriffen zu werden. „Ich höre das Nudel», flüsterte mir da plötzlich mein Vetter zu und da wir gerade vor uns eine Waldlichtung hatten, — dieselbe, die Du da vor Dir siehst», unterbrach sich mein Onkel, indem er sich zu mir wandte, — „so konnte» wir das Wild, das ahnungslos über die Lichtung zog, ganz nahe zu uns heranlassen. Hinter einigen Büschen verborgen warteten wir, die Büchsen krampfhaft in den Händen haltend, auf das Näherkommen des Rudels, das aber plötzlich, hatte es nun von uns, oder von irgend etwas Anderem Witterung bekommen, stehen blieb und sich dann auf einmal seitwärts wandle. Mit einem halb unterdrückten Fluch sprang mein Vetter empor. «Jetzt brauchen wir uns nicht mehr verborgen zu halten», rief er mir zu, „wir müssen das Wild anspringen und uns dann auf unser gutes Glück verlassen, oder unser Pirschgang ist umsonst gewesen. Nimm Du jenen starken Hirsch auf's Korn, der dort, einige Schritte von dem Nudel entfernt, nachzieht, ich werde mir schon ein anderes Stück aussuchen und nun vorwärts!» Wir sprangen auf und schlichen uns, einzelne niedere Büsche und Baumstümpfe als Deckung benutzend, auf das Nudel zu und waren schon ziemlich nahe an dasselbe herangekommen, als es plötzlich, von panischem Schrecken ergriffen mit gewaltigen Sätzen dem nicht mehr fernen Dickicht zueilte. Fluchend richtete sich Kaspar aus seiner gebückten Stellung auf, riß die Büchse an die Wange und wollte abdrücken, aber in demselben Augenblick ließ er auch das Gewehr schon wieder sinken und faßte krampfhaft meinen Arm. Ich warf erschreckt einen Blick auf sei» Gesicht, es war furchtbar bleich und seine Augen starrten gerade aus, als sähen sie ein Gespenst. Jetzt hatte auch ich den Gegenstand erblickt, der ihm einen solchen Schrecken einiagte und das Blut wollte mir in den Adern erstarren, denn kaum dreißig 407 Schritte von uns entfernt, stand, die Büchse i»i Anschlag, ein Jäger hinter einer Tanne» der uns mit zornfunkelnden Blicken betrachtete. Wir waren allerdings in einer verzweifelten Lage, aber wir hatten trotzdem nicht die mindeste Lust, uns zu ergeben und da das Dickicht nicht gar zu weit entfernt war, machten mir verzweifelte Anstrengungen, um dasselbe wieder zu erreichen. Der Förster des fremden Revieres aber verstand durchaus keinen Spaß und kaum hatten wir einige Sprünge gemacht, als es auch schon krachte und die Kugel meinem Vetter den Hut vom Kopse riß. Jetzt galt es Leben gegen Leben und blitzschnell wandte sich mein Gefährte, riß die Büchse an die Wange und drückte ab. Ein furchtbarer Aufschrei vermischte sich mit dem Krachen der Büchse, der Förster ließ sein Gewehr fallen, breitete die Arme aus und stürzte vornüber auf das Gesicht. Entsetzt standen wir Beide einen Augenblick, dann aber rannten wir, wie von Furien gepeischt, in das Gebüsch und suchten unser Heil in der wildesten Flucht. „Entsetzlich", flüsterte ich, als mein Onkel, schwer athmend, einen Augenblick inne hielt. „Aber was wurde aus dem Erschossenen?" „Den fanden einige Minuten später Holzhauer, die nach ihren Arbeitsplätzen, welche sich in der Nähe befanden, gehen wollten und die Schüsse gehört hatten. Der Förster war noch nicht todt, als sie ihn fanden, sondern sogar noch vollkommen bei Besinnung und konnte auch den Männern den Name» seines Mörders, der ihm wohl bekannt war, nennen. Er hatte sich Moos in die Wunde gestopft und Pulver verschluckt, aber es war vergeblich, denn die Brust war durchschossen und auf dem Heimtransport verschied er. Die Holzhauer brachten nur mehr eine Leiche nach Hause." „Und wie erging es jenem unglücklichen junge» Mann, Deinem Vetter?" wandte ich mich aus's Neue an meinen Oheim. „Er wurde zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurtheilt", sagte der alte Mann trübe, „und kam zum Weveldt nach München. Wir besuchten ihn einmal, mein Vater und ich, da stand er in Züchtlingskleidern, schwere Ketten mit Eisenkugeln an den Füssen, hinten inr Hofe des Gefängnisses, welchen er mit noch einigen anderen Sträflingen gerade rein kehren mußte. Er sah elend aus und mir wollte fast das Herz brechen bei seinem Anblick. Nach einigen Jahren jedoch wurde seine Haft eine leichtere; der Zuchthausdirektor Weveldt gewann ihn lieb und mein Vetter mußte ihn zuletzt überall hinbegleiten» wo Scheibenschießen abgehalten wurden, denn der Direktor hatte ihn sogar zu seinem Vüchsenspanner gemacht. Zehn Jahre vergingen auf diese Weise, da wurde er plötzlich, mit noch einigen anderen Sträflingen, die sich ebenfalls gut gehalten hatten, vom Könige nicht nur be« gnadigt, sondern er erhielt sogar, da sich Weveldt für ihn verwendete, in einem fernen Bezirke die Stelle eines königlichen ForstwarteS, die er dann lange Zeit mit Ehren bekleidet hatte. „Und was ist aus jener Lehrerstochter geworden?" fragte ich nach einer Pause, während wir uns erhoben, um den Heimweg anzutreten, denn es war unterdessen völlig Nacht geworden. „Die hatte den Unglücklichen bald vergessen, der so schrecklich für seine Thorheiten büßen mußte, die er doch nur ihretwegen begangen hatte", sagte mein Onkel. „Aber so sind die Weiber! Mein armer Vetter hat auch keine mehr angeschaut und ist sein ganzes Leben lang Junggeselle geblieben. Aus dem lustigen jungen Burschen aber wurde ein finsterer mürrischer Mann, der nur selten mehr gelacht hat. — So, jetzt weißt Du die Geschichte, die sich an jenes schwarze Kreuz dort drüben knüpft und jetzt wollen wir nach Hause gehen." Das thaten wir denn auch und als ich später daheim mein Lager aufsuchte, träumte ich die ganze Nacht von jenem schrecklichen Ereigniß und dem schwarzen Kreuze draußen im Walde. Mis-ell-n. (Eine Erinnerung an Ferdinand v. S chill.) Ein interessantes Dokument aus einer denkwürdigen Zeit kam in diesen Tagen durch einen ergötzlichen Zufall in Berlin zum Vorschein und wird nunmehr an betreffender Stelle unter Glas und Nahmen feierlich aufbewahrt. Das „Dtsch. Tgbl." berichtet darüber: Der Besitzer eines beliebten Restaurant in der Friedrichstraße, bekannt als eifriger Politiker, ist, wie seinen Gästen ebenfalls nicht unbekannt ist, ein geschworener Feind der Franzosen im allgemeinen und der Napoleoniden insbesondere, und namentlich gilt ihm Napoleon I. als Erzfeind und nichtswürdigster Verderb« Deutschlands. Nun erwähnte vor einigen Tagen ein etwas «unsicherer" Gast, er sei im Besitze einer höchst interessanten Urkunde aus jener Zeit des ersten Napoleon, die einst dem Verhaßten nicht wenig Spott und Schande eingetragen haben mochte: nämlich eines alten vergilbten Zeitungsblattes des früher in Köslin herausgegebenen „Pomiiierischen Volksbl.", welches die betr. Geschichte seinen damaligen Lesern erzählte. Aufgefordert, daS interessante Blatt zur Stelle zu schaffen, warf der Besitzer desselben im Scherz die Frage auf: „Was bekomme ich dafür?" „Ich streiche Ihre Zeche, wenn Sie mir das Blatt geben!" rief im ersten Feuer der Wirth. Das willkommene Wort wurde von dem „unsicheren" Gast feierlich acceptirt, das Zeitungsblatt ward gebracht und wanderte in die Hände des beglückten Wirths. Dieser hängte es Hum ewigen Angedenken unter Glas und Nahmen am Ehrenplätze auf, und so ist jene interessante Erinnerung zu erneuter, weiterer Kenntniß gelangt. Der betreff. Zeitungsartikel erzählt, wie Ferdinand v. Schill vor her Belagerung von Kolberg von den Franzosen 4 prachtvolle schöne Pferde erbeutet hatte, welche für den Kaiser Napoleon eigens bestimmt waren. Napoleon bot ihm schriftlich pro Pferd 1000 Thlr. Vergütung, adres- firte aber den Brief „An den Räuberhauptmann Schill." Der wackere Major antwortete; „Mein Herr Bruder! Daß ich Ihnen 4 Pferde genommen, macht mir um so mehr Vergnügen, da ich aus Ihrem Briefe ersehe, daß Sie einen hohen Werth darauf setzen. Gegen die angebotenen 4000 Thlr. kann ich sie nicht zurückgeben. Wollen Sie aber die 4 Pferde, welche Sie vom Brandenburger Thor in Berlin weggestohlen haben zurückgeben, so stehen die Ihrigen unentgeltlich zu Diensten. Schill." (Amerikanisches.) Vor Kurzem wurde ein schon oft bestrafter Gewohnheits- fäufer wegen Wiederholung der alten Vergehen vor die Behörde gebracht» „In was für einem bestialischen Zustande ist er wieder betroffen worden?" redete ihn der Vorsitzende an. „Hoher Gerichtshof seien Sie nicht so strenge mit mir, diesmal habe ich einen guten Grund. Ich gehöre zum Mäßigkeitsverein," war die Antwort. — „Das ist ja eine eigenthümliche Ausrede." — „Ganz und gar nicht, sie haben mich engagirt, um als schlechtes Beispiel zu dienen." (Die gute Rede.) Lysias, ein alter griechischer Redner, gab einem Bürger, dessen Sache er vor dem Gerichtshof in Athen vertheidigen sollte, die aufgesetzte Rede vorher zu lesen. Der Client durchflog den Inhalt, that es nocheinmal, ja zum dritten Male, und sagte dann zum Anwalt: „Das erste Mal, da ich Deine Rede las, fand ich sie gut, das zweite Mal mittelmäßig und das dritte Mal schlecht." Ungesäumt entschied Lysias: „So wird sie gut sein, denn ein Mal will ich sie nur halten." (Die tröstliche W e st e n t a s ch e.) Muhme: „Aber Jaköbili, Du wirscht doch den Guide nit verlaura habe? Dei Mutta reißt Dir ja d' Ohrli vom Kopf." — Jakob: „Ja Muhme, i ha schon überall g'sucht, in alle Tascha, aba nix kann i finda." — Muhme: „Au scho im Westatäschli?" — Jakob: „Nei, da mag i net sucha, denn wenn er da nit drinne ischt, dann hab'n i ganz g'wiß verlaura." (Mitgefühl.) Dame (im zoologischen Garten zu ihren Töchtern): „Diesem armen Elephanten ist es wahrscheinlich auch nicht an der Wiege gesungen worden, daß er ^einst genöthigt sein würde, mit Kunststücken sein tägliches Brod zu verdienen!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max.Huttler.