Nr. 52. 1883. zur ^Augsburger Pojheilnug." Samstag, 30. Juni Des Försters Enkelkind. Original »Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Die drei Damen begaben sich nach dem links vom Schlosse liegenden Gutshof, rvo vor ihnen das geräumige Haus des Verwalters Bergmann lag. Da die Leute im Feld waren, herrschte überall Ruhe, und nur das reichlich vorhandene Federvieh machte, sich durch die verschiedenartigsten Töne bemerkbar. Thusnelda machte auch hier wieder die Führerin, und nannte den Zweck eines jeden Gebäudes, bis sie sich plötzlich von Anna's Arm losriß, denn aus einer der Scheunen trat ein älterer Mann, welchem sie mit dem lebhaften Ausruf: »Da ist schon Herr Bergmann!" entgegen lief, während Sophie und Anna langsamer folgten. . Letzterer blieb dadurch Zeit genug sich zu fassen, um dem Freunde ihres Großvaters, wie verstorbenen Vaters ruhig entgegen zu treten. Sie sahen die gegenseitige Begrüßung, und wie herzlich er Thusnelda beide Hände schüttelte, dann lebhaft mit ihr sprach, und ihr endlich zu ihnen folgte. Als sie sich gegenseitig erreicht, begrüßte er auch sie mit schlichter Freundlichkeit, und setzte hinzu: »Ich habe von unserem gnädigen Fräulein gehört, daß die Damen sich hier umsehen wollen. Lassen Sie sich nicht stören, doch entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht begleiten kann, da ich sogleich zu den Leuten reiten muß!" »Arbeiten Sie denn weit von hier?" fragte Thusnelda voll Interesse. »Ja, gnädiges Fräulein, fast eine Stunde. Sie hätten sonst wohl Lust einmal wieder auf dem Erntewagen zu fahren l" entgegnete mit gutmüthigem Lächeln der Verwalter. Eingedenk früherer Zeiten erröthete das gnädige Fräulein leicht, während Sophie und Anna ebenfalls lächelten und Erster« sagte: „Lassen Sie sich durch uns nicht aufhalten, Herr Bergmann, Fräulein Thusnelda wird uns schon führen. Sie hat dies bereits im Garten gethan —" „Es sind schöne alte Bäume darin", antwortete der Verwalter, »sonst bietet er nichts Besonderes. Der Herr Landkammerrath ist nicht für Veränderungen!" Sein Blick streifte dabei Anna, die auch ihn aufmerksam angesehen, und schon im Begriff sein Auge abzuwenden, ließ er es noch einen Moment länger auf ihrem Gesicht haften, während sie so ruhig wie möglich sagte: »Mir hat der Garten mit seinen prächtigen Bäumen und Alleen seyr gefallen, und meinem Geschmack nach könnte es bei Schloß Bodenwald kaum anders sein!" „Da mö'gen Sie recht haben, mein Fräulein, denn das Alte schickt sich am besten zum Alten, das gilt nicht allein von den Menschen, sondern auch von ihrer Umgebung", entgegnete der Vermalter sie unverwandt betrachtend« Aber, um Vergebung, Sie sind wohl die Freundin, welche unser gnädiges Fräulein in H. kennen gelernt —" „Wir haben uns allerdings in H. im Hause der Frau Doktor Dörner getroffen" entgegnete Anna, ward aber durch Thusnelda unterbrochen, welche auf Sophie deutend sagte: „Und diese Dame, Herr Bergmann, ist meine Erzieherin, Fräulein Sophie Dörner. Wir werden hier lange bleiben, so lange wenigstens, bis der Professor, der mein Arzt ist, von der Reise kommt!" Ein leises Lächeln und der Ausdruck inniger Theilnahme überflog das weiter« gebräunte Gesicht des Verwalters, der freundlich erwiderte: „Da benutzen Sie nur Ihren Aufenthalt bei uns, gnädiges Fräulein, damit die frische Luft Sie für den Winter kräftigt und stärkt! — Machen Sie auch mit den Damen die hübschen Fahrten in die Berge, Herr Großpapa hat schon befohlen, daß die Pferde jederzeit bereit stehen sollen!" Jetzt ward das Pferd des Verwalters herbeigebracht, und nochmals Anna mit prüfendem Blick betrachtend, verabschiedete er sich zugleich um es zu besteigen, und ritt, seinen Hut ziehend zum Thor hinaus, während sie auf Thusnelden's besonderen Wunsch, dem Hause zugingen, in dessen Thür schon Frau Bergmann stand. Sie hatte die Unterhaltung ihres Mannes mit den Damen, die, wie sie wußte, am Abend zuvor angekommen waren, gesehen, und wollte sie nun ebenfalls begrüßen und kennen lernen. Als sie näher kam, eilte Thusnelda in ihre Arme und ward von ihr voll Zärtlichkeit an die Brust geschlossen, darauf wurden Sophie und Anna vorgestellt. „Es wird gewiß den Damen hier still und einsam werden", sagte Frau Bergmann im Laufe des nun folgenden Gesprächs, „zumal der Herr Landkammerrath wieder so leidend ist. Aber unsere Gegend ist schön und die Berge sind nicht weit." „Wir wollen recht bald ausführen, Frau Bergmann", entschied das kleine Fräulein, und wenn Sie Lust dazu haben, so begleiten Sie uns!" „Das wird mir eine große Freude sein, gnädiges Fräulein", entgegnete sie mit einem lächelnden Blick auf Sophie, die sie als Erzieherin nennen gehört hatte. Von dieser aber ivandten sich ihre Augen auf Anna, und gleich denen ihres Mannes blieben sie einen Moment länger als erforderlich auf ihren Zügen ruhen, wandten sich dann ab, kehrten aber nochmls zu ihnen zurück, indeß sie langsam und wie einen andere» Gedanken verfolgend, fortfuhr: „Gelernt und gearbeitet wird hier wohl nicht —" „Gewiß, Frau Bergmann", versetzte etwas weniger lebhaft das kleine Fräulein, und ihre Lehrerin fügte hinzu: „Wir beschäftigen uns auch hier jeden Tag, damit Fräulein Thusnelda in Uebung bleibt!" „Das ist sehr richtig, Fräulein Dörner", antwortete die Verwalterin. Der Mensch kann nie zu viel lernen und unser gnädiges Fräulein ist noch jung." Jetzt ward ihr Haus, wie das Innere der Treibhäuser, wo die herrlichsten Gewächse und edle, reife Früchte in reichlichem Maß vorhanden waren, besichtigt, doch richteten sich Frau Bergmann's Augen immer wieder auf Anna, welche anscheinend unbefangen sich unterhielt, dennoch dies gewahrte, und überzeugt war, daß, gleich ihren Manne mit kräftigeren Augen als der Gutsherr versehen, sie wie Jener die Familienähnlichkeit entdeckt hatte. Endlich gingen sie in's Schloß zurück, wo Sophie Dörner und Thusnelda sich einige Stunden beschäftigten, Anna aber einen Brief an ihren Großvater zu schreiben begann, in welchem sie ihm ihre Reise, wie ihre Ankunft und Erlebnisse in Bodenwald schilderte. Als zur Mittagszeit der Verwalter Bergmann nach Hause kam, fragte er seien Gattin, mit einem forschenden Blick betrachtend: „Nun, Frau, die Damen vom Schlosse sind auch wohl hier gewesen — —" „Und was sagst Du zu ihnen?" unterbrach Ersterer fast ungeduldig. „Fräulein Thusnelda scheint mir dieselbe zu sein, und nützen ihr wohl alle Pro- 411 schoren der Welt nichts. Sie ist wohl in Fräulein Dorner's Händen sicher aufbewahrt und diese gewiß ebenso liebevoll wie verständig-" „Und was meinst Du zu dem Fräulein Herfeld?" fragte Bergmann noch un, geduldiger als vorher. „Das Fräulein gefällt mir ganz ausnehmend, und ich glaube laum, daß man «in schöneres Mädchen sehen kann!" entgegnete lebhaft und ihrerseits mit einem forschenden Blick seine Gattin. „Frau", sprach jetzt der Verwalter in leiserem Ton, „ist Drr an dem Fräulein Hrrfeld nichts aufgefallen? — Erinnert nicht ihr Gesicht-" „Ja, Bergmann", antwortete ernst und mit Nachdruck seine Frau, „sie hat «ine unverkennbare Ähnlichkeit mit den Bodenwald'S — —" „Das meine ich auch-„ „Dasselbe Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase! — Es soll mich nur wundern, ob der Landkammerrath dies nicht auch bald sehen wird!" „So lange er den Schirm und die blaue Brille trägt wohl nicht", meinte nachdenklich der Verwalter. „Es kann ja auch nur eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn ich glaube nicht, daß der alte Kohring seine Enkelin heimlich und unter anderem Namen zu ihrem Großvater gehen lassen würde, nachdem er so viele Jahre keine Nachricht von sich gegeben —" „Der Ansicht bin ich auch, doch könnte Kohring darin gesehen haben, daß Anna Thusnelda von Bodenwald als Anna Herfeld von ihrem Großvater veranlaßt worden ist hierher zu kommen", entgegnete ebenso nachdenklich Frau Bergmann. „Das wird nicht lange unentschieden bleiben", sprach lebhafter der Verwalter, „laß nur erst den Landkammerrath das Familiengesicht sehen! — Eins aber möchte ich wissen!" „Und das wäre?" fragte seine Gattin. „Ob, falls wirklich Anna Herfeld die Enkelin des alten Kohring ist, dieser sie mit ihrem wahren Namen und ihren Familienverhältnissen bekannt gemacht hat!" Wer weiß, er könnte dazu wohl besondere Gründe gehabt haben — —" „Wie dem auch sei, Frau", sprach nach kurzer Pause Bergmann, „laß uns über unsere Entdeckung, namentlich dem Landkammerrath gegenüber schweigen. Die Wege der Vorsehung sind wunderbar genug, und vielleicht gehen wir gar unerwarteten Ereignissen entgegen, doch sind wir schließlich an der Sache nicht eigentlich behelligt, und in Bezug auf seine Familienangelegenheiten ist er derselbe wie er immer gewesen!" Der Landkammerrath konnte an der Mittagstafel nicht erscheinen, denn ein neuer Gichtanfall, verbunden mit heftigen Schmerzen, hinderte ihn das Bett zu verlassen, doch ließ er seinen Gästen die Hoffnung auSsprechcn, den Abend mit ihnen zu verleben. Seine Enkelin durste um ihn sein, und wie sie sagte, ihn pflegen, den andern Damen ließ er durch sie anzeigen, daß er nach dein Mittagessen, welches altem Brauch gemäß um drei Uhr eingenommen ward, den Wagen bestellt habe, und sie ersuche, diesen zu benutzen, und eine Spazierfahrt zu unternehmen. Seinen, Wunsch ward Folge geleistet, Sophie Dörner, Anna und Thusnelda fuhren durch Gut Bodenwald, wo sie auf verschiedenen Feldern Knechte, Mägde und Taglöhner an der Arbeit beschäftigt sahen, vie Thusnelda lebhaft begrüßte. Bei einem Kreuzweg ankommend, der zur einen Seite tiefer in die Berge führte sagte Thusnelda nach dieser Richtung deutend: . „Dies ist der Weg nach dem Buchenhof, sollen wir nicht noch heute dort hinfahren?" „Es wird zu weit sein", meinte Anna, die dessenungeachtet keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als die Stätte zu sehen, wo sie geboren worden, und ihre Eltern gelebt und gewirkt hatten. Da sie sich im offenen Wagen befanden, hatte der Kutscher diese Bemerkung gehört und sagte: „Es sind fast zwei Stunden ors zum Buchenhof. Wir müssen früh am Morgen fahren, dann läßt sich der Weg bis zur Mittagszeit schon zweimal machen!" 412 »Das wollen wir sehr bald thun, Georg", entschied Thusnelda, „ich will schon heute oder morgen mit Großpapa darüber sprechen!" „Ist es auf dem Buchenhof besonders schön?" fragte ihre Erzieherin. „Nein", antwortete schnell der Zögling, „ich mag die vielen hohen Bäume nicht,' die um das Haus herum stehen, das so dunkel und kalt ist —" „Es könnte auf dem Buchenhof schön genug sein", antwortete Georg, „wenn dort nur eine Familie wohnte, die das Haus und die Umgebung freundlich hielt. Früher soll es anders gewesen sein, da hat einer der Söhne des Herrn Landkammerrath's das Gut gehabt." „Ja, mein Onkel Ludwig, der früh gestorben ist!" unterbrach ihn Thusnelda. Den Namen ihres Vaters nennen hörend klopfte Anna's Herz schon lauter, zugleich fürchtete sie weitere Fragen und Erklärungen. Zu ihrer Erleichterung kam Bergmann herangeritten, der an ihrem Wagen haltend ein Gespräch mit ihnen begann, und ihnen einen in der Nähe befindlichen, leicht zu ersteigenden Berg bezeichnete, der nach mehreren Richtungen hin frei lag, so daß sie den Sonnenuntergang ungehindert beobachten konnten. Da ein schöner Sommerabend bevorstand, rieth Bergmann ihnen an, den Berg zu besuchen, und dem Kutscher den Weg angebend entfernte er sich grüßend, ohne Anna, tvas ihr nicht entging, wie am Morgen betrachtet zu haben. — In dem hellerleuchteten Wohnzimmer saß der Landkammerrath, so weit es seine Augen zuließen, mit den Zeitungen beschäftigt, deren täglich mehrere ankamen. Er erwartete mit einiger Ungeduld seine Gäste und Enkelin, die, obgleich es halb siebe» geschlagen, von der von ihm angeordneten Fahrt noch nicht zurückgekehrt waren. Endlich hörte er den Wagen kommen und halten und nach einer Weile traten die Erwarteten ein. Thusnelda begrüßte ihn lebhaft und mit großer Zärtlichkeit, Sophie Dörner und Anna wurden mit freundlicher Höflichkeit von ihm empfangen, und als sie, nachdem sie ebenfalls am Tische Platz genommen, sich nach seinem Befinden erkundigten und die schmerzhaften Anfälle beklagten, denen er so oft ausgesetzt war, erwiderte er mit einer ruhigen Ergebung, die Anna tief rührte: „Diese Schmerzen bringen meine Leiden mit sich, ich bin während der langen Jahre daran gewöhnt. Eine große Freude ist es mir, daß nach und nach meine Augen mir wieder das Lesen gestatten, denn es hat Zeiten gegeben, wo der Verwalter, oder auch August mir die Blätter vorgelesen!" Anna konnte sich des innigen Mitgefühls mit ihm nicht enthalten, und stellte sich zugleich ihren Großvater Kohring in seiner Rüstigkeit und Thätigkeit vor, und ein schwerer Seufzer entquoll ihrer Brust. Dem Schloßherrn entging er nicht, und durch seine blaue Brille zu ihr aufblickend, sagte er in freundlichem Ton: „Nicht wahr, mein Fräulein, davon können Sie in Ihrem Alter sich keine Vorstellung machen? — Nein, in der Jugend denkt und ahnt man nicht, wie viele Leiden und Entbehrungen das Alter mit sich bringt, zumal wenn man es allein, ganz allein verleben muß!" Er hatte diese Worte mit tiefer Empfindung gesprochen, und durch das Herz der Enkelin zuckte ein schmerzliches Weh, das ihre Züge wiederspiegelten. Der Landkammer- vath, welcher sie mit wachsendem Interesse betrachtete, ohne jedoch ihr Gesicht genau unterscheiden zu können, fuhr fort, während Thusnelda, ungeduldig über dies Gespräch, eine Handarbeit aufgenommen. „Haben Sie zu Hause noch Geschwister oder Verwandte, oder ist auch Ihr Herr Großvater, bei dem Sie, wie ich gehört, nach dem Tode ihrer Eltern gewesen, allein?" „Meine Tante ist im Hause meines Großvaters, Geschwister habe ich nie besessen", entgegnete Anna mit fester Stimme. „Mein Großvater aber ist gesund und rüstig —" „So danken Sie Gott für seine Gesundheit, ich aber wünsche, daß sie ihm noch lange, lange erhalten bleiben möge!" ^ „Ich werde ihm dies schreiben, Herr von Bodenwald", entgegnete Anna mit unverkennbarer Erregung. 413 „Sie lieben Ihren Großvater wohl sehr?" fuhr, diese gewahrend, der Landkammerrath fort. „Seit meiner frühesten Kindheit habe ich nur ihn und meine Tante gekannt und bin stets der Gegenstand seiner Liebe und Sorge gewesen!" Fräulein Thusnelda hatte zur Handarbeit nie lange Ausdauer; auch jetzt ließ sie dieselbe bald ruhen und unterbrach rechtzeitig das Gespräch, das vielleicht noch zu Aufklärungen geführt, indem sie zu ihrem Großvater tretend, sagte: „Großpapa, morgen will ich Sophie und Anna das ganze Schloß zeigen!" „Thue das, Thusnelda", antwortete der Landkammerrath, den Blick langsam von Anna abwendend, für die er eine ihm unerklärliche, aber schnell steigende Zuneigung empfand. „Wo aber willst Du den Ansang machen?" „Mit Großmama's Zimmer, wo die vielen schönen Sachen sind, die sie aus Italien mitgebracht und mir gehören, nicht wahr, Großpapa?" „Ja, mein Kind", erwiderte langsam der Schloßherr seiner Enkelin. „Ich bin Großmama's einzige Enkelin und Erbin, sagen die Leute", fuhr mit einigem Selbstgefühl das schwachsinnige junge Mädchen fort. Eine momentane Pause folgte, dann erwiderte der Landkammerrath in verändertem Ton: „Welche Leute, Thusnelda?" Die hiesigen, Großpapa, in H. habe ich nie darüber gesprochen", lautete die schnelle Antwort. „Ich denke auch", fuhr der Landkammerrath mit merklichem Nachdruck fort, „daß nachgerade Du zu vernünftig bist, um dergleichen mit den Leuten zu besprechen!" eine Erwiderung, die Sophie Dörner sich merkte, und sich vornahm, ihren Zögling nicht außer Acht zu lassen. „Meine Damen", wandte er sich dann an Sophie und Anna, „lassen Sie sich nach Belieben das Schloß zeigen, es thut mir leid, Sie nicht begleiten zu können, doch kann dies statt meiner auch Thusnelda. Sie werden zwar keine Kunstschätze finden, doch Mancherlei von Werth für eine alte Familie!" „Wir werden von Ihrer gütigen Erlaubniß Gebrauch machen, Herr Landkammert rath", entgegnete Sophie Dörner, und auf die Zeitungen blickend, die theilweise unberühr- lagen, fügte sie hinzu: „Stören wir aber jetzt nicht in Ihrer gewohnten Abendunterhaltung?" „Keineswegs, mein Fräulein, ich werde später lesen. Der Schlaf pflegt sich erst spät bei mir einzustellen, und oftmals schließe ich kaum auf einige Stunden die Augen!" (Fortsetzung folgt.) Empfindsame Briefe aus BrNckenau. Von Carl Felix. 1. Brief. Ich mußte in der Schule einmal einen Aufsatz machen über die Nützlichkeit des Eisens. Ich zerbrach mir den Kopf, zu was wohl das Eisen gebraucht werden könne, von seiner rohen Gestalt an bis zu den feinsten Erzeugnissen der Kunst und Industrie und glaube, meine Aufgabe befriedigend gelöst zu haben, denn ich bekam nicht nur Note I, sondern sogar eine Extrabelobung meines Professors. Und doch hatte ich eine Eigenschaft des Eisens vergessen, eine Eigenschaft, die vielleicht wichtiger und segcnspendender ist, als alle andern von mir ausgezählten zusammengenommen : seine blutbildende Kraft. Ich ahnte damals noch nicht, daß das Eisen ein unentbehrlicher Bestandtheil des Blutes sei, daß der Mensch, um gesund zu sein, täglich circa V»» Gramm dieses Metalls verzehren müsse, und daß der Mangel einer an und für sich verschwindend kleineren Portion eine Störung im Blut- und Ncrvenleben verursachen könne, ja daß ein paar Gran Eisen mehr oder weniger in den Adern die Ursache sein können, warum der Eine hypersentimental, der Andere das Gegentheil ist! — Von jeher war ich eine etwas exzentrisch angelegte Natur und ließ meiner Phantasie stets freien Spielraum; es ist deshalb nicht zum wundern, wenn meine spätere Erkenntniß von der Nützlichkeit des Eisens für den menschlichen Körper in meinem Geiste mitunter wunderliche und exzentrische Blüthen trieb. So bildete ich mir z. B. ein, es wachse mir nur deshalb so lang kein anständiger Bart, weil ich innerlich zu wenig Eisen habe, wenn ich auch von außen mein Kinn fleißig mit den: Rasirmesser bearbeitete 414 und eines Tages träumte ich mich, obwohl sonst ei» ganz friedliebender Mensch, in die Zeiten eine-, Nero und Caligula zurück und rechnete aus, wie viel Christen umgebracht werden müßten, um aus dem Eisengehalt ihres Blutes eiu ordentliches Schwert zu machen I Gut, daß Nero und Caligula noch keine Idee von diesen Dingen hatten, sie würden sonst eine ganze Arme« mit Schwertern aus Christen- blutcisen bewaffnet haben. Die Jahre schwanden; ich wurde größer und vernünftiger, wurde Gatte und Vater und hatte keine so mörderischen Ideen mehr; meine Phantasie lenkte in andere Bahnen ein. Mit den zunehmenden Jahren und dem zunehmende» Embonpoint aber verschwand die Sorglosigkeit der Jugend, allerlei Gebrechen, theils wahre theils eingebildete, stellten sich ein und als ich eines Tages meinen Hausarzt consultirte, sagte er ganz ernsthast: „Sie sind blutarm und nervenschwach, mein Lieber, und müssen in ein Stahlbad; am besten wird sllr Sie Brückcnau sein!" Ich machte ein bedenkliches Gesicht, denn bisher mußte ich noch nie in ein Bad, und aus der Ordinirung einer Badekur folgerte ich eine ganze Reihe bekannter und unbekannter Leiden. Ich war nur über das Eine froh, daß er mich nicht nach Neichenhall oder Merau schickte, denn in diesem Fall Hütte ich sicher zuerst mein Testament gemacht, wenn ich auch nicht viel zu tcstirc» habe! Es galt nunmehr bloß einzupacken und abzureisen. Ich hatte mich zwar anfänglich leicht in den Gedanken hineingelebt, einmal eine dreiwöchentliche Badekur durchzumachen, je näher aber der Tag der Abreise daherkam, um so schwerer wurde es mir um's Herz. Bisher hatte ich mein liebes Weib noch nie allein zurückgelassen, — diesmal mußte es aus verschiedenen Gründen sein, und wenn ich an den Abschied dachte, mußte ich alle meine Kraft zusammennehmen, um nicht zu weine»! Das kommt nur davon her, weil ich ein paar Gran Eisen zu wenig in meinem Blute habe! — Verwünschtes Eisen! — Als es an's Abschiednehmeu ging, wollte die Rührung kein Ende nehme»; es war nicht, als ob ich blos nach Brückenau, sondern als ob ich direct in's Jenseits abfahren wollte. Alle meine Bekannten und Verwandten, — lauter, wie es scheint, hypcrscntimentale Naturen, — drückten mir zitternd die Hand und weinten helle Thränen. „Nimm Dich ja recht in Acht, Felix, schone Deine Gesundheit, damit Dir Nichts passirt und Du glücklich wieder heimkommst", hieß es im Chorus. Mein liebes Weib war sehr gefaßt, aber ich merkte wohl, daß es nur mit Mühe eine äußere Ruhe zur Schau trug und dies that mir weher, als wenn es gleich den Andern sentimental gestimmt gewesen wäre. Am standhaftesten war jedenfalls meine Schwiegermutter, aber die ist eben eine durch und durch gesunde Frau und bat mindestens ein Pfund Eisen m ihrem Blute! 2. Bries. Am Morgen des 8. Juni fuhr ich ab. Lebewohl, geliebte Vaterstadt, — lebt ivohl, ihr Theure» Alle, die ich in derselben zurücklassen muß! Aus ein glückliches Wiedersehen!- Noch ein Schwenken des Hutes, — noch ein Blick auf die Thürme der Stadt, — dann hinaus, hinaus in die eben erwachende Morgenlandschast! — Meine Reise ging über Ansbach, Würzbura, Gemüiiden nach Jossa, wo die ersten einschmeichelnden „Na nu", meine Ohren ergötzten. — In Jossa erwartete mich ein feiner Landauer der Herren Zier und Wähler vom Bad Brückenau. Es war ein wundervoller Tag und die Fahrt in einer offenen Equipage durch die schöne Gegend bot eine reizende Abwechslung nach der langen Eisenbahnfahrt. Behaglich lehnte ich mich wie ein Lord in die Ecke des Wagens. Bei einer Biegung des Weges stand ein armer, zerlumpter Mann- Er grüßte mich so ehrerbietig, als ob ich der König von Bayern wäre. Obgleich er mich nicht anbettelte, merkte ich doch, daß dem guten Manne eine Gabe recht willkommen sei und ließ den Kutscher halten. „Wie geht's Euch, lieber Mann?" redete ich ihn mit dem sreundlichsten Ton, dessen meine Stimme fähig ist, an. „O, Herr, wie wird's einem alten, gebrechlichen Mann gehen? Immer noch ein bische» zu gut zum Sterben, aber viel zu schlecht zum Leben! Sie glauben wohl, Herr, ich sei schon recht, recht alt, weil ich so gebrechlich ausschaue, aber nur das Unglück hat mich so heruntergebracht." „Was ist Euch denn passirt, guter Man»? Erzählt mir kurz Eure Geschichte, — ich intcresfire mich dafür." „O Herr, was soll ich Ihnen erzählen, — ich kann nicht so mit der Sprache umgehen, ich versteht nicht, mit vornehmen Leuten zu reden. Und die vornehmen Leute wollen ja doch Nichts von Unsereins wissen, — die denken an andere Dinge." „Nicht Alle, mein Lieber, es gibt schon noch Einige, die ein Herz haben für ihre Nebenmenschen. Sagt mir also, was Eiich passirt ist." „Sie sind ein freundlicher Herr. Es sind aber nicht alle Fremden, die hierher kommen, so. Ich bettle ja Keine» an, weil ich gar nicht betteln kann und so lang es geht mir mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will. Ich bin nur srenndlich gegen Jedermann, weil man mich das von Jugend aus gelehrt hat und grüße Jeden, der mir begegnet. Da meinen denn Viele, ich wolle sie anbetteln, wenn ich den Hut herunterthue und schauen mich stolz an; das thut mir weh, wenn ich auch nur ein' armer Mann bin^ denn ich meine, einen, artigen. Gruß könnte Jeder erwidern, wenn er auch noch io vornehm ist. Der alte König Ludwig, — Gott hab' ihn selig! — war gewiß ein vornehmer Herr, aber der war leutselig, der hat mir, wenn er hieher. gekommen ist, und er war ost und gern hier in der Gegend, jedesmal auf die Schulter geklopft, und gesagt: «Nun, wie geht's Euch denn, Aller?" obgleich ich damals noch nicht alt war, und hat mir dabei ein Geldstück in die Hand gedrückt. Gott hab' ihn selig! — Später ging's mir schlecht. Es fiel mir das Heiraten ein. Ich lebte zwar recht glücklich und zufrieden init meiner Frau, aber nach dem dritten Kind wurde sie elend und krank und siechte dahin. Der Doktor meinte, eine Luftveränderung würde ihr gut thun, sie solle einige Zeit in ein wärmeres Klima, aber, Du mein Gott, wie hätten wir das thun können! Ein solches Opfer konnten wir nicht bringen, ein armer Holzfäller kaun seine Frau nicht anderswohin schicken! Ja, wenn der gute König Ludwig noch gelebt hätte, dann wäre Alles anders gekommen! Ich war bisher trotz meiner bescheidenen Verhältnisse glücklich und zufrieden, — jetzt trat bei mir ein Gefühl der Bitterkeit und Unzufriedenheit ein, ich beneidete diejenigen, die es vermochten, hieher zu reifen und sich, wenn auch für theures Geld, ihre Gesundheit zu erkaufen. Man sagt wohl immer, die Gesundheit sei mehr werth als der Reichthum, vielleicht ist'S auch wahr. Was thut denn aber der arme Tcufel, wenn er krank ist? Der Reiche kaun sein Leben manchmal noch fristen, wenn er in ein Bad oder sonstwohin reist, — der arme Teufel muß aber, so lauge er nur ein Glied rühren kann, Tag für Tag der Arbeit nachgehen, um fei» Brod zu verdienen, — der darf auf seine Gesundheit nicht acht geben, und gerade ihm ist sie am unentbehrlichsten! — Ich will Sie nicht zu lang aushalten, lieber Herr, ich habe auch nimmer viel zu sagen. Mein gutes Weib starb und kurze Zeit darauf traf mich ein Unglück, das mich unfähig machte, meine gewohnte Arbeit weiter zu verrichten. Ich konnte nur mehr einen Steinklopfer machen und hatte zu Hause drei kleine Kinder zu ernähren. Nun, meine Kinder sind jetzt so groß geworden, daß sie sich was Ordentliches verdienen könnten, wenn ich sie etwas Tüchtiges Hütte lernen lassen können, aber so geht's halt schwer! Ich will ihnen nicht auch noch zur Last fallen und da muß ich halt sortarbeiten, wenn's mir auch manchmal recht sauer wird. Nun, lang wird's nimmer dauern und wenn ich gestorben bin, dann wird sich der liebe Herrgott meiner schon erbarmen; ich glaube nicht, daß es im Himmel einen Unterschied zwischen reichen Leuten und armen Steinklopfern gibt!" „Gewiß nicht, guter Alter", erwiderte ich, „wer seine Schuldigkeit hier gethan hat, wird die Krone des Sieges empfangen und der arme, brave Taglöhnex, der immer rechtschaffen und thätig gelebt hat, kann, wenn er einmal aus's Sterbebett kommt, mit viel mehr Beruhigung und Freude aus sein kümmerliches Leben zurückblicken, als der vornehme Tagedieb, der nicht weiß, wie er die Stunden todtschlagen soll!" Es überkam mich eine ganz unendliche weiche Stimmung, — ich schämte mich fast, in einer noblen Equipage zu sitzen und drei Wochen lang auch so ein Tagedieb zu sein, während hundert und tausend Andere in Noth und Elend schmachteten. Ich reichte dem guten Alten ein Geldstück, ohne lange zu schauen, was es war, und fuhr weiter. „Gott segne Sie, lieber Herr", rief er mir nach, „Gott segne Sie tausendfach, und lasse Ihnen, wenn Sie krank sind, das Bad Brücken»» gut anschlagen!" „Danke, danke", rief ich zurück und winkle dem Kutscher schneller zu fahren, denn es hatten sich während der letzten Worte mehrere Leute nur uns versammelt und horchten neugierig zu. Wären mir heute viel solche arme Leute begegnet, dann hätte ich meinen ganzen Geldbeutel geleert, eh' ich Brückenau erreichte, so weich war ich gestimmt! — O meine Nerven, mein eifenarmes Blut! — — 3. Brief. Jetzt bin ich da! Ich athme die würzige Luft dieser himmlischen Wälder, in denen so viele traute Plätzchen unter riesigen Buchen und tausendjährigen Eichen sind, trinke auch fleißig das Stahl- wasser, welches nicht wie andere Eiscnmassen nach Tinte schmeckt, sondern feines großen Kohlensäure- gehaltes wegen, recht angenehm und erfrischend ist und begreife, warum für Viele Brückenau so große Anziehungskrast besitzt, daß sie es immer und immer wieder besuchen. Hier wirkt die Natur in ihrer vollen Reinheit und Frische belebend und kräftigend und versöhnend auf Geist und Gemüth. In diesen prächtigen Wäldern kann man stundenlang sitzen und träumen, ein Hauch des Friedens weht durch dieselben, der dem kranken Gemüth Balsam, dem verwundeten Herzen Trost verleiht. Ferne sind die künstlichen Reizmittel, welche in Lnxusbädcrn angewendet werden, um den kranken Körper und die kranke Seele über die Leiden der Gegenwart auf Augenblicke zu täuschen und die doch nur einen physischen oder moralischen Katzenjammer hinterlassen; hier ist es die Natur in ihrer Jungfräulichkeit, die iedem empfänglichen Gemüthe den Weihekuß gibt. O du herrliche, himmlische, einzige Natur! In deine» Armen wird der Mensch zum Menschen, — so lange er dich mit Liebe umfaßt, schweigen die dunkeln Leidenschaften, die der Pesthauch moderner Cultur und modernen Luxuslebens sind. Weg von jenen Plätzen, wo berauschender Sinnentaumel die Loosung des Tages ist, wo Intriguen und Falschheit herrschen,-hinein in den schönen Wald, wo Ruhe und Friede ist. — Die Kronen hundertjähriger Buchen und tausendjähriger Eichen wölben sich über Dir, ihre Blätter flüstern sich leise Liebesworte zu, die Vogel singe» jubelnd in den Zweige», die Eichhörnchen springen lustig von Ast zu Ast, — von ferne rauscht die Sinn und ihre Wellen erzählen sich plätschernd von lachenden Usern und blauen Vergißmeinnicht, — über das Kornfeld am 416 jenseitigen User weht ein leises Lüftchen und spielt kosend mit den jungen Aehren, es sieht aus, als ob Silverwökchen darüber fliegen würden, — ein würziger balsamischer Duft umfächelt Dich:- — hier kann das Herz mit sich selbst reden, und wie gut ist es, wenn man manchmal in sein eigenes Innere schaut! Im geräuschvollen Alltagsleben kommt man so selten dazu! O wer es versteht, mit seinem eigenen Herzen sich zu unterhalten, der wird gar oft und gern solch einsame Plätzchen aus» suchen, wo er ungestört ist, und dem schalen Geschwätze entfliehen, das in den Cirkel» der gebildeten oder gebildet sein wollenden Welt geführt wird. Doktor Wehner hätte für seine Badeschrist kein passenderes Motto finden können als das von ihm gewählte: ' „Stets ja gibt die stille, sanfte . Freundin, die Natur, den Frieden Uns zurück, wenn in des Lebens Stürmen sich der Geist verlor." Auch mir gibt die Natur diesen Frieden.-Weg mit Bleistift nnd Papier — — laßt mich träumen in diesen schönen Wäldern!- Mis-elleir. (Eine hübsche Anekdote) über einen Borgang, der sich vor einige» Tagen bei dem auch in Deutschland vielgenannten Maler Detaille zugetragen hat, zirkulirt zu Paris in den Künstlerateliers. Ein Kollege wollte dem erwähnten Maler in seiner Wohnung der Avenue de Villiers einen Besuch abstatten und vertrieb sich, da er jenen nicht anwesend fand, die Zeit mit Billardspielen. Da ihm die schwierigsten „Coups" gelangen, bedauerte er, seinen Freund Detaille nicht als Gegner oder doch wenigstens als Zeugen anwesend zu sehen, bis ein böser Zufall es fügte, daß der einsame Spieler ein mächtiges Loch in das Tuch des Billards stieß. Guter Rath war theuer, zumal Detaille's Ankunft sich immer mehr verzögerte, so daß die Entschuldigung wegen der Sachbeschädigung nicht ' mündlich vorgetragen werden konnte. Ein Mann von Geist, wußte sich der Besucher aber zu helfen, indem er rasch ein Blatt Papier nahm, eine Zeichnung darauf entwarf und diese als „Pflaster" für das Billard benutzte. Als Detaille nach Hause kam, war er auf's Freudigste überrascht; repräsentirte doch die Zeichnung, abgesehen von dem xretivm alkLotioms, den Werth vieler neuer Billardüberzüge. Der Besucher war kein Geringerer als Meissonier, dessen Gemälde und Skizzen mit Gold ausgewogen werden. * (Studentensprache.) Bekanntlich haben die Herrrn Studenten zuweilen ihre eigene Sprüche für sich, deren Bezeichnungen meist mehr drastisch als höflich zu sein pflegen. — So bedienen sie sich in dieser Sprache für: „Mädchen" galanterweise des Ausdruckes: „Besen", und zwar ist die Herkunft dieses Ausdruckes von einem alten Studentenstreiche abzuleiten» — Als einstmals — es ist schon lange her — die Studenten der Stadt Würzburg eine pompöse Schlittenfahrt veranstalteten, ließen sie dazu Einladungen an alle junge Damen von Würzburg ergehen, wurden jedoch abschlägig be» schieden. Darüber ergrimmt, nahm jeder Student einen Kehrbesen, bekleidete ihn mit Hut und Schleier, setzte ihn in den Schlitten, den er leitete, hinein, und so fuhr der ganze Zug durch alle Straßen der Stadt. Seit jener Revanche aber heißen alle Mädchen in der Studentensprache: „Besen!" (Gegenseitige Controlle.) Schreiber (zum Fenster hinausschauend): „Jetzt seh' ich dem Maurer da drüben schon drei Stunden zu, aber auch keinen Streich hat der Kerl seither geschasst. Jetzt möcht' ich nur auch wissen, für was solche Leute alle Samstag ihr Geld einstreichen. Maurer: jetzt guckt der Schreibersknecht scho drei g'schlagene Stund zu mir rüber und Hot in dera ganze Zeit noch koi Feder ang'regt. Jetzt möcht' i no au wissa, für was so Tagdieb ihr V'soldung ei'nemmet. (Im Diensteifer.) Gast ^zu dem dienstfertig, aber hinkend herbeikommenden Kellner, theilnehmend): Haben Sie Hühneraugen? — Kellner (zur Küche eilend): Werde sogleich nachsehen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. der Seinestadt eine gewaltige Veränderung vorgegangen. Der Eroberer, gegen den ihr Revanche predigt und Patrioten-Vereine gründet und jeden Augenblick mit blind geladenen Pathos zu Felde zieht, der deutsche Eroberer ist wieder hier eingedrungen und hat viel weiter um sich gegriffen, als Anno 1871. Damals durste er kaum über die Vorstadt hinaus, nur bis zu den Tuilerien; heute hat er ganz Paris. . » Und das Schlimmste ist, diesmal spürt ihr den Feind nicht. Trefft ihr mit ihm zusammen, so haltet ihr ihn für euren besten Freund, küßt ihn ab, schmatzt und schnalzt mit der Zunge und preist seine Güte mit glänzenden Augen. Höchst bedenklich, lieber Freund!" Und da mich der Erschrockene aufforderte, womöglich ohne Bild zu sprechen, fuhr ich fort: „Der Feind ist das Münchener Vier ... das Vier überhaupt. . . Ihr Franzosen scheint mir in der That auf dem Wegs zu sein, ein biertrinkendes Volk zu werden und den Spruch Goethe's umzudrehen: Ein echter fränk'scher Mann mag keinen Deutschen leiden, doch ihre Biere trinkt er gern. . « Da hilft kein Leugnen, die Thatsache springt in die Augen. Vor dem Kriege versteckten sich die deutschen Vierschünken bescheiden in Seitengassen und Nebenstraßen, und wenn sie sich auf's Boulevard herauswagten, so geschah es ohne Aufsehen. Erinnerst du dich des kleinen Locales in der Ruhe d'Haute« ville, wo wir vor so und so viel Jahren — wir wollen sie lieber nicht zählen — hin und wieder unsern Durst löschten? Zwei Kämmerchen zu ebener Erde, in jedem etliche Tische aus Tannenholz, ein paar Stühle, ein lederner Divan, mehr brauchten wir nicht, um München nach Paris zu zaubern. Jetzt, wo euch alles Deutsche so verhaßt sein soll, prangen die deutschen Bierhallen mit ihren bunten Schaufenstern an allen Enden und Ecken der Weltstadt. Schlendert man an einem warmen Nachmittag die Boulevards entlang, so sieht man vor den zahllosen Kaffeehäusern und Brasserien eine beinahe ununterbrochene Doppelreihe von Tischen, hinter welchen Bier getrunken wird, fast nichts als Vier, deutsches Bier. Sollte da nicht Bismarck dahinter stecken? Bedenke, was er über die biertrinkenden Völker gesagt hat. An diesen sei Hopfen und Malz verloren. Das Bier verfettet den Körper, verschlemmt den Geist, es raubt den Gliedern und den Gedanke» die Spannkraft, die Beweglichkeit. Mich wundert, daß noch kein Franzose darauf gekommen: euer Durst ist zum Verräther an euch geworden, Bismarck hat sich mit ihm verbündet, um Paris zu verdeutschen, Frankreich auf immerdar zu lahmen. Dazu bedarf er keines Millionenheeres mehr, ein paar Dutzend Münchener Brauknechte genügen. — Doch, was meinst du? Der Nachmittag ist warm, sehr warm, wie wär's, wenn wir ein Glas Bier trinken gingen?" Ich entsinne mich nicht, daß mein Freund eine derartige Frage jemals verneint Hütte. Meinen Bemerkungen hatte er seine Zustimmung nicht ganz versagen können; er gab zu, daß das verhängnißvolle „diere äs ^Vlunioli" an immer mehr Orten zu lesen sei und auf seine Landsleute immer verführerischer wirke. Paris, klagte er, sei, wenn nicht verdeutscht, doch schon ein bischen verbayert, und in diesem Bayrisch Paris schien er Weg und Steg trefflich zu kenne», denn in halb scherzhaftem Tone erbot er sich als Führer zu einem Ausflug dahin. Es kam mir ganz wunderlich vor, daß ein Franzose den Deutschen durch das neue Bierland an der Seine geleiten sollte. 4 - Wo er mich zunächst hinbrachte, floß Spatenbräu. Man kann sich kein prunkhafter ausgestattetes Wirthshaus denken, nirgends wohnt König Gambrinus so vornehm, wie an diesem Orte. Braunes Deckgetäfel, die Wände ringsum mit Gobelin's verhüllt, geschnitzte Eichentische, Bauernstühle von gepreßtem Leder, die Fenster lauter Glasmalereien, Nürnberger Scenen, Landsknechte und Nittersleute darstellend: mit dem bayrischen Bier ist die morderne Münchener Decorationskunst, welche die Rathskeller und Trinkhallen mit mittelalterlichen Schildereien und biederen deutschen Reimlein schmückt, hier eingezogen. Deutsche Worte an die Wand zu malen, hatte man nicht gewagt, aber die französischen waren in deutschen Buchstaben hingepinselt, und das Biöre de Munich und Taverne 413 deutlich erkannt» mir schon ein so wohlthuender, vertrauter gewesen, wenn sie meine Enkelin, das Kind meines Sohnes Ludwig wäre?" Einmal diesen Gedanken gefaßt, verfolgte er ihn weiter, und das Haupt gegen die Lehne des Krankenstuhles stützend, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort: „Dem Alter nach kann sie es sein, der Gestalt nach auch, sie hatt eine stattliche Größe, die auch den Frauen unseres Hauses eigen gewesen l — und ihr Gesicht? — Das muß ich ohne die Brille sehen — ob ich sie zu mir bitten lasse, und sie zugleich frage — aber was?" unterbrach sich der Schloßherr. „Nach ihren: Namen? — Sie heißt Anna Herfeld! — Doch könnte ich sie nach dem Namen ihres Großvaters fragen, und würde dann bald meiner Sache gewiß sein! Wenn sie aber keine Ahnung von dem hat, was hier vor langen Jahren vorgegangen, ihr Großvater ihr alles verschwiegen, mit guter Absicht verschwiegen, darf ich da seinem Willen entgegen treten, ich, der ihn, damals das Kind überlassen, es nicht einmal gesehen habe?" Nochmals sann der Landkammerrath nach, sann lange nach, und kam endlich zu dem Entschluß, an Anna Herfeld noch keinerlei Frage zu richten, sich aber zu überzeugen, ob ihre Gesichtszüge die der von Bodenwald seien. Im Begriff seinem Diener zu klingeln, um sich in das Schlafzimmer geleiten zu lassen, hielt er jedoch inne und sagte: „Wenn — wenn diese Anna Herfeld doch meine Enkelin wäre? — Wenn sie Alles wüßte, von ihrein Großvater in unsere Familiengeschichte eingeweiht, und dessen ungeachtet hier unbefangen und mit freier Stirne auftritt, voll Sorge und Aufmerksamkeit gegen mich, als habe sie von mir nur Liebe und Güte erfahren, während ich doch —" er stockte und fügte erst nach einer Weile bewegt hinzu: „Wenn Anna Herfeld» Anna Thusnelda von Bodenwald ist, so ist sie nicht mit gehässigen Gefühlen gegen mich erzogen, und hat 'vielleicht gar erst kürzlich die Geschichte ihrer Geburt erfahren. — Kohring hatte Bergmann beim Abschied gesagt, dem Kinde erst, wenn erforderlich, in späteren Jahren seinen Namen mittheilen zu wollen, wer weiß, was auch in der Familie geschehen ist, was Förster Kohring erlebt haben mag, ich will daher dem Verlauf der Dinge in Ruhe entgegensehen! — Sollten aber Bergmann's, die sie diesen Morgen gesehen, nicht vielleicht eine Familienähnlichkeit entdeckt haben? — Ich könnte sie fragen — doch nein, nein, das darf nicht geschehen! — Ich selbst muß die Entdeckung machen, und will sie baldigst machen, brauche ich mich doch meiner Enkelin, wenn sie es sein sollte, nicht zu schämen, denn Kohring hat sie in jeder Beziehung standesgemäß erzogen!" Während dieses Selbstgespräches des Landkammerrath's saß Anna in dem alter« thümlichen Sopha ihres Zimmers, das schöne Haupt ebenfalls gestützt, und sann gleich ihrem Großvater nach. Sie hatte den zweiten Abend mit ihm verlebt, und vergegenwärtigte sich ihre Unterhaltung, zu Anfang derselben seine Fragen nach ihrer Heimath und ihrer Familie. „Zunächst wird er sich nach dem Namen meines Großvaters erkundigen", sagte sie halblaut, „und was — was soll ich ihm dann antworten? — Die Wahrheit? Er wird erschrecken, und ich möchte ihm diese Aufregung ersparen, aber wie? — Wie soll ich mich ihm zu erkennen geben? — Ich glaube nicht, daß er mir zürnen wird, ohne sein Borwissen hierher gekommen zu sein, es scheint sich in seinem Herzen, ihm vielleicht noch unerklärlich» «in warmes Gefühl für mich zu regen, und gewiß bereut er längst seine Härte gegen meinen verstorbenen Vater, und nimmt sein einziges Kind mit Liebe auf, sind ihm doch für seine letzten Lebenstage nur wenig Freuden geblieben! — Meinen Gefühlen nach ist es am richtigsten, ihm meinen wahren Namen zu nennen, seinen Zorn über mich ergehen zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, daß er mich von sich weisen sollte. Da» aber wird er nimmer thun", setzte sie zuversichtlich hinzu, „mein Herz sagt mir vielmehr, daß er mich willkommen heißen, und als seine Enkelin aufnehmen wird, es ist ja als ob ich von Gott hierhergeführt sei, um meine beiden Großväter zu versöhnen, und mir den Platz zu sichern, der mir gebührt!" — 419 — „Aber »nein Großvater Kohririg?" unterbrach sie sich, und antwortete nach einigen Sekunden: „Er denkt und glaubt, daß es so kommen rvird, obgleich er mir keinerlei Andeutung gemacht, wie ich handeln soll, er hat mir nur seinen Segen zu meinem Einzug in Schloß Bodenwald geschickt, doch hat er hinzugefügt, daß er sich der Fügung des Allweisen nicht widersetzt hab», sondern mich zu meinein Großvater ziehen lasse! — In stiller Uebereinstimmung mit ihm will ich sobald ich kann mit meinem hiesigen Großvater reden und mich ihm zu erkennen geben, vielleicht koinmt mir dabei der Zufall, vielleicht auch er selbst entgegen!* Ein leises Klopfen störte ihr Selbstgespräch. Aufspringend öffnete sie die Thür, und ließ Sophie eintreten, welche mit einem forschenden Blick und leisem Vorwurf sagte: „Noch auf, Anna, eS ist schon spät?* — Ich sah das Licht durch das Schlüsselloch schimmern, und konnte es nicht unterlassen, »»ich nach Dir umzusehen!* „Ich habe nachgedacht, Sophie*, den Arm um ihre ältere Freundin legend, welche sie zugleich in's Sopha niederzog. „Du hattest inir doch versprochen, Anna — — * „Sei ruhig, Sophie*, antwortete Anna, „die Gedanken, welche mich beschäftigte», waren keineswegs trauriger Art.* „Ueberlaß sie dennoch Deinem Großvater und Deiner Tante*, erwiderte Sophie voll Theilnahme in das Antlitz ihrer jüngeren Freundin blickend. Ein schneller Gedanke durchzuckte Anna; sollte sie sich Sophie anvertrauen, ihr Alles entdecken und mit ihr in der Sille berathen? — Sie verwarf ihn aber so schnell, denn sie mußte und wollte unabhängig handeln, und antwortete: „Du meinst, weil ich jung und unerfahren bin? — Ach, Sophie! Das Leben im Walde hat mich früh gereift, und frühzeitig habe ich im Hause meines Großvater« nachdenken gelernt! — Aber Du» weshalb bist Du noch nicht zur Ruhe?* „Dorothea hatte mich gerufen. — —* „Thusnelda ist doch nicht krank?* „Nein, sie ist nach der Anstrengung der Reise, und durch die Aufregung, in der sie hier fortwährend gelebt, nervös angegriffen, und kann nicht schlafen. Ich bin bis jetzt bei ihr gewesen, und habe ihr dir für solche Fälle bestimmte Medizin gereicht. Morgen, wenn sie ausgeschlafen, wird sie hergestellt sein, doch will ich diese Nacht in ihrem Zimmer bleiben!* „Laß mich das thun, Sophie — * „Nein, Anna, Du bist unstreitig der Ruhe ebenso sehr bedürftig wie Thusnelda, denn Deine Augen leuchten und Deine Wangen glühen. Befolge daher meinen Rath» und suche sie so schnell wie möglich-* „Das will ich auch, Sophie, sogleich — * Sich in herzlicher Weise eine gute Nacht wünschend trennten sich die Freundinnen, und während die ältere sich in das Zimmer des schwachsinnigen Zöglings zurückbegab, ging Anna in ihr Schlafzimmer, wo nach allen Aufregungen des Tages, sie bald in tiefem, sanstein Schlummer lag. — (Forts, folgt.) Bayrisch Paris. (Aus der N. Fr. Pr.) Für einen Pariser, der Vaterland und Vaterstadt liebte, war es zwar schmerzlich, wäv ich da sagte, allein die Bemerkung lag mir schon seit einigen Tagen auf der Zunge, und endlich muße sie über die Lippen. „Ja, lieber Freund*, wiederholte ich, „Paris ist jüngst von den Deutschen zum zweiten Male erobert worden.* „Und wann das, wenn man fragen darf?" „Das kann ich dir nicht genau bestimmen, eS muß aber in den letzten zwei Jahren geschehen sein; denn vor zwei Jahren war ich zum letzten Male hier, und seither ist in Nr. 53. 1883. zur „Äugsliarger Pofheitnug." Mittwoch, 4. Juli Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna hatte voll tiefem Mitgefühl auf ihren Großvater geblickt, der bei seinem Reichthum die Leiden und Entbehrungen des Alters so schwer empfinden mußte. Ihr kam ein plötzlicher Gedanke, der eben so schnell zum Entschluß, und sich ihm zuwendend, sagte sie in herzlicher Weise: „Wenn Sie mir gestatten wollen, Herr Landkammerrath» Ihnen eins dieser Blätter vorzulesen, so würde ich dies mit Vergnügen thun!" Er sah sie einige Augenblicke freundlich an, und erwiderte dann in herzlichem Ton: „Sie sind sehr gütig, liebes Fräulein, und ich würde Ihr Anerbieten mit Dank annehmen, wenn dies zugleich eine Unterhaltung für Sie und Fräulein Dörner wäret" „Das Lesen der Zeitungen ist mir seit Jahren eine gewohnte Unterhaltung, die mir zusagt!" sagte Anna und Sophie Dörner setzte hinzu: „Nehmen Sie auf mich keinerlei Rücksicht, Herr Landkammerrath, ich werde mich schon mit Thusnelda unterhalten." „Ich sehe, daß ich mich Ihnen fügen muß", erwiderte mit gewandter Höflichkeit der Schloßherr. „In dem nächsten Zimmer werden Sie Ansichten und Albums finden, die Sie vielleicht noch nicht kennen, und Ihnen daher Vergnügen gewähren werden« Befehlen Sie nur die Lampe anzuzünden!" Der Abend war in der kleinen Gesellschaft schnell und in befriedigender Weise ver- gangen, denn während nach dem Essen Sophie Dörner und der Landkammerrath sich im Schachspiel versuchten, hatte Anna sich ihrer Cousine gewidmet, und sie für die Zeit entschädigt, die sie ihres Großvaters wegen hatte entbehren müssen. Dieser, als seine Gäste und Enkelin ihn verlassen, blieb noch allein in dem Wohngemach zurück, und wer ihn in seinem Sessel ruhend gesehen, hätte ihn unfehlbar für einen ruhig Schlummernden gehalten. Dennoch schlief er nicht, sondern blickte durch die blaue Brille hindurch auf die weiche Sammetdecke, die seine Gestalt umhüllte und sann nach. Die zufälligen Worte seiner Enkelin: „Ich bin Großmama's einzige Erbin!" waren ihm während des ganzen Abend gegenwärtig gewesen, denn die schwachsinnige Thusnelda war nicht die einzige Erbin seiner verstorbenen Gattin, es gab noch eine andere, die Tochter seines jüngsten Sohnes, welche dieselben Rechte beanspruchen konnte, und deren Großvater und Vormünder diese Rechte gewiß über kurz oder lang beanspruchen werden. „Wo mögen sie sein?" fragte er sich nach einer Weile. „Wo leben und wohnen sie, nachdem Förster Kohring aus dieser Gegend verschwunden ist, denn auch Bergmann weiß nichts von seinem und des Kindes Aufenthalt? — Aber — aber, großer Himmel!" und hier richtete sich der Gutsherr hastig in seinem,Sessel auf, „stimmen nicht genau die Familienverhältnisse dieser Anna Herfrld, die ich auf Thusnelda's Wunsch eingeladen, Mit Kohring's überein? — Ist nicht auch ihr Großvater Förster? Allmächtige Vorsehung! wenn — wenn das junge Mädchen, dessen erster Anblick, ohne daß ich bis jetzt ihr Gesicht 421 Monmartre bildete, in kunstvoll verschnörkelter Fractur ausgeführt, einen leidlich reinen Accord mit den deutschen Eichentischen und Bausrnstühlen. Nachahmung deutscher Formen und Sitten war hier Alles, was man sah; deutsch war der Stoff den man genoß, deutsch das Glas, der Humpen in stark verjüngtem Maßstabe, aus dem man trank, deutsch zumal der Farbendämmer, den dir gemalten Scheiben hervorbrachten. Wie sonderbar, in diesem germanischen Halbdunkel, diesen: künstlich präparirten deutschen Kneiplicht das Pariser Leben umtreiben zu sehen! Der Zeiger der deutschen Standuhr kroch zwischen vier und fünf. Das Wirthshaus war voller Franzosen, die sich an dem bayrischen Getränke gütlich thaten. Viele hielten den Figaro oder La France oder die Nopubligus Franyaise zwischen den Fingern, und während sie vielleicht eine landesübliche Verlästeruug Deutschlands lasen, schlürften sie behaglich den Feind hinunter und schmunzelten ob seiner Frische. Und da soll sich's Einer versagen, wiederum den Goethe zu citiren: Den Teufel spürt das Völkchen nie . . .! 2 * Nachdem wir den deutschen Miniatur-Humpen etliche Male geleert, gingen wir unseres Weges weiter. Auf der Straße vor der Taverne stand ein deutscher Bierkarren, wie man deren zwischen Schwechat und Wien dutzendweise, von schweren Pinzgauern gezogen, treffen kann, und auf dem mit Normannengäulen bespannten Karren lagen schwere Fässer, und auf den Deckeln dieser Fässer war hart über dem Spundloch das merkwürdige Wörtchen Spaten brau in's Holz gebrannt. Gegenüber der Taverne aber flatterten ein breiter Streifen weißer Leininand die Schauseite eines andern Wirthshauses entlang, und auf dem Streifen stand in großen schwarzen Lettern das nicht minder verwunderliche Wörtchen: Hackerbräu. „Wie wär's, wenn wir hinübergingen?" fragte mein Pariser. Ich hütete mich meinerseits, dir Frage zu verneinen, denn eine Lieb' ist die andere werth, und bald saßen wir drüben in einem kaum minder prachtvoll ausgestatteten Raume hinter einem Hümpchen, das keinen minder freundlichen Stoff enthielt. Hier wieder lauter Franzosen, von deutschen Formen umgeben, den deutschen Feind ahnungslos in die Kehle schüttend. Man fühlt sich beinahe versucht, den bereits ausgesprochenen Argwohn, ob da nicht Bismarck dahinterstecke, für etwas mehr als ein Paradoxon zu halten, und jedenfalls soll man an warmen Nachmittagen nicht allzulang bei Hackerbräu über derlei sinnen, sonst läuft man Gefahr, an helllichtem Tage Geisterspuk zu erleben: der feiste Gambrinus, der dort über dem -Schänkburschen thront, setzt, sich dann den Kopf des deutschen Reichskanzlers auf, alle Kellner nehmen die weltbbekannte BiSmarck-Maske vor, und ein mephistophelisches Lächeln blitzt um eines jeden Mund, so oft durstige Gäste den selbstmörderischen Ruf ertönen lassen: ^Oaryoii, un lroolcl" . . . Ach, es war mir fast zu viel Deutschthum in Bayrisch Paris, zu viel jener absichtlichen, aufdringlichen Manier, welche seit einiger Zeit die Münchener Ausstattungskunst beherrscht und mit der man jetzt sogar Bierlocale unsicher macht. Gobelins und Bier- seitel, stimmt das zusammen? Deutsche Renaissance und Sauerkraut, sind das verwandte Kategorien? Braucht man stylisirte Ledersessel, um Spatenbräu zu trinken, und feines Meisten« Porcellan, um Knackwürste und Salzbretzeln zu essen? Denn auch die germanische Knackwurst und jenes eigenthümliche süddeutsche Gebäck, genannt Laugenbretzel, sind jetzt in Paris heimisch geworden und liegen in allen Bierhäusern auf allen Tischen. Nein, das Bier ist ein Plebejer und will diesen Luxus nicht. Die nackten Trinkstübchen in der Ruhe d'Hauteville waren mir lieber. „Mir auch", sagte der Freund, allein dieser falsche Prunk ist jetzt in der Mode, man thut's nicht ohne Glasmalerei und geschnitztes Eichenholz. Die schlicht eingerichteten Schänken werden immer seltener. Doch gibt es noch welche . . . wie wär's, wenn wir eine aufsuchten?" „Nicht die in der Nur de Richelieu, die Stammmutter von Bayrisch Paris, die kenn' ich! Sie liegt übrigens vortrefflich, auf beinahe klassischem Boden, dem Moliöre- Brunnen gegenüber, in der Mitte zwischen der großen National-Bibliothek und dem Thüätre Franxais, den beiden Glanzstättrn der französischen Literatur. Hütet euren berühmten Esprit, ihr alten Gallier! Der Feind hat mitten in dessen Lieblingsbezirk eine Burg eingerichtet." „Leider mehrere Burgen. Komm', eine davon will ich dir zeigen." » » Sie lag Boulevard Bonne-Nouvelle und war mit ihren Tischen aus gelb gesprenkeltem Marmor, ihren rothbraunen Lederdivan's und Sesseln aus gebogenem Holz noch elegant genug. Wenigstens verschonte man uns diesmal mit gemalten Fenstern und germanischem Kneiplicht. Nach der Straße hin war der Raum ganz Fenster, und das Pariser Licht konnte in breiten Massen einströmen. Um hineinzukommen, mußte man durch einen dichten Haufen durstiger Menschen, hindurch, die theils aus Seiteln, theils aus Krügeln tranken, ganz wie in einem Wiener Biergarten. Ein altes Ehepaar, echte Pariser Bourgeoisie, saß hinter seinem -Tischchen, und jedes der Beiden hatte einen halben Liter Vier vor sich stehen, „nn mos", wie der Franzose sagt, der auch seine Bierwörter aus dem Deutschen holt. Vor zwanzig Jahren, vor zehn, vor fünf Jahren wäre dergleichen ein unerhörtes Schauspiel gewesen. Heiliger Gambrinus, womit soll das enden, wenn schon Monsieur und Madame Prud'homme den Feind in solchen Quantitäten genießen? Hinter den ergrauten Häuptern dieser Pariser Bürgersleute erglänzten auf den hohen Scheiben große goldene Buchstaben, einerseits: Oosvenbrau, andererseits: Lalvntor 6e Anniest. Weitere Inschriften luden zum Verspeisen von Ostseehäringen, norwegischen Anschovis und Braunschweiger Würsten ein. Ostouerouts xarnio konnte man zu jeder Stunde haben, wie eine besondere Tafel vermeldete. An der Wand hinter der Comptoir- dame hing das Conterfei einer unermeßlichen Brauerei mit einem Meer von Häusern, einem Wald rauchender Schlote. Oben lief ein zierlich auf Goldgrund gemalter Putten» fries unter der Decke hin: Amorinen und das Münchener Mandel in zahllosen Exemplaren hantirten da mit Allem, was zum Bierbrauen und Biertrinken gehört, hüpften, tanzten, ritten, kutschirten, spielten mit Schläuchen, Flaschen und Zuckerhüten, mit Pferden, Ochsen und Schweinen, bürsteten, pichten, schoben die Fässer, malzten und maischten, arbeiteten mit Darrhorde, Hopfcnseiher, Braupfanne und Kühlschiff, mit Bottich, Spunde und Zapfen, entrollten in lieblichem Durcheinander ein recht anschauliches Bild von dem geheimen Thun jener neuesten Großmacht, welche deutsches Bier genannt, nicht blos Paris und nicht blos Frankreich, sondern nachgerade ganz Europa erobert hat, die halbe Welt überströmt. Sie verhehlten nichts, die rosigen Kobolde. Sie zeigten das Wo und das Wie, sie ließen die Schmiede sehen und lehrten, wie der Feind dort seine Waffen bereitete. Sie trieben ihr Wesen im hellen Sonnenlichte, zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags, und wenn einst die Franzosen ganz in der Gewalt des Feindes sich befinden, werde» sie wenigstens nicht klagen können, daß er sie hinterrücks überfallen. Leider, meinte der Freund, komme das viele Bier nicht allein aus München, welches in neuester Zeit Wie» und Pilsen verdrängt habe; auch Dortmund, Ulm, Nürnberg tragen zur Ueberschwemmung bei, die elsässischen und einheimischen Biere gar nicht zu rechne»; es sei beispielsweise unglaublich, wie viel Wiener Bier in Sevres bei Paris gebraut werde, und die Statistik weise nach, daß gegenwärtig Frankreich fast ebensoviel Bier erzeuge und verzehre, als Österreich. Dazu komme diese entsetzliche Einfuhr. „Ja", rief ich, «ich ahne die Zeit, wo ihr alle deutsche Biere werdet über euch kommen lassen, auch die schlechtesten und verrufensten, neben dem Münchener Bock auch die Braunschweiger Mumme, die Osnabrücker Buße, den Erfurter Schlunz, den Breslauer Schöps, den Halberstädter Muff, den Wittenberger Kater, den Kottbusar Krabbel-an-die- Wand und den Kyritzer Mord-und-Todtschlag . . . Unglücklicherweise' versteht ihr sie nicht zu behandeln. Euer Bier wird immer durch den unvermeidlichen Druckapparat aus dem Keller heraufgexumpt, und so gut es schmeckt, so stolz es glänzt, auf dem weiten 41-3 l Wege, den es vom Zapfen zum Munde machen muß, verliert es denn doch etwas von seiner Würze." „Möglich, aber wir trink-rn es auch frisch vom Fasse weg." „Wo?" „Hart nebenan." V 4- * Offen gestanden, ich hätte nicht gedacht, daß Bayrisch Paris m zwei kurzen Jahren sich dergestalt vergrößern könnte. Da lag wirklich hart an dem Löwenbräue eine Filiale der Pschorr'schen Brauerei, in welcher der braune Trank aus dem Fasse gerabewegs inS GlaS lief. Man nennt das jetzt in Paris äs-xuslation au tonnvau. Auch hier hatten mir Mühe, unterzukommen. Lauter durstige Pariser, bis weit hinaus aufs Boulevard. Die jüngsten Kammerverhandlungen waren spurlos an diesen tapferen Kehlen vorübergegangen. Vergebens hatte» verdrießliche Abgeordnete vor dem übermäßigen Biergenusse gewarnt und ihren Landsleuten weißzumachen versucht, statt Gerste und Hopfen benutze man allerhand schädliche Surrogate, als da wären Kartoffelstärke, Melasse, Glycerin, Quassia, Tauscndguldenkraut, Bittsrklee, Belladonna, Ingwer, Tollkraut und Torf, von hundert anderen Giften zu schweigen. Doch der Pariser dachte mit dem Berliner: Bange machen gilt nicht! und ging zu Pschorr oder ließ sich den Löwenbräu reichen. Nun scheinen aber die Franzosen, und das ist besonders merkwürdig, mit dem deutschen Bier auch die deutsche Gründlichkeit einzusaugen. Ich für meine Person war von unserer Studienreise schon ziemlich müde geworden und hätte am liebsten aufgehört, mein Freund aber meinte, was man einmal begonnen, müsse man auch durchführen, und Einiges wolle er mir jedenfalls noch zeigen. Wir gingen das Boulevard Saint-Denis entlang, den volksthümlicheren Geschäftsviertsl zu. Ueberall Bier und Biertrinker. Gewiß, man sieht auch Turiner Wermuth in den Gläsern funkeln, und der traditionelle Absynth mit dem unheimlichen grünen Opalglanze findet noch Tausende von Liebhabern. Allein das Hauptgetränk bleibt das Bier. Von der Madeleine bis zur Vastille eine Stunde Wegs. leuchtet es allerorten in Seiteln und Kritzeln; die Pariser Boulevards, zwischen deren Häuserreihen schon so viel Macht und Pracht sich entfaltet hat, welche so viel Weltgeschichte vorüberfluthen sahen, sie sind heute wie eine Triumphstraße des germanischen Gerstenweines. Wir bogen rechts auf das Boulevard Sebastopol ein und standen bald wieder vor einer, nein, vor zwei hart aneinanderstoßenden Tavernen mit gemalten Fenstern, wovon die eine Hackerbräu, die andere Kulmbacher Bier auSschänkte. So tritt in dem modernen Paris immer ein Bräu dem andern in die Pfanne. Die Concurrenz scheint sehr heftig zu sein. München gegen Wien, Culmbach gegen München, Spatenbräu gegen Hackerbräu und Hackerbräu gegen Löwenbräu — ein förmlicher Visrkrieg wüthet durch die Gassen der Seinestadt, und nur im Kampfe gegen die Franzosen sind alle diese Gegner einig. Ich will nicht darauf schwören, aber mir schien's wirklich manchmal, als wäre der Franzosen Witz bereits etwas träger geworden, als wären in gewissen Dingen ihre Irrthümer und Vorurtheile dergestalt ineinander verfilzt, daß kein Mensch mehr den Wirrwarr schlichten kann. Himmelweit liegt jetzt die freche Preisfrage hinter uns: „bin nllo-nunä, pout-il avoir äs I'ssxrit?" 2 * * Trotz aller Zureden ließ ich mich nicht mehr bewegen, einzutreten und den Pariser Tag durch bunte Scherben zu betrachten. Ich hatte mich an dem Luxus satt getrunken, ich sehnte mich nach einer einfachen Kneipe. Ob wohl das elsässische Bierhaus am oberen Ende des Faubourg Saint-Denis, wo wir gleichfalls einst so manchen Abend bei einem leidlichen Trunke verplaudert, noch bestand? „Gewiß," versicherte der Freund, „und ganz unverändert," Wir besteigen einen Wagen, um rascher hinzukommen. Der Ort hatte in der That sein früheres Gesicht bewabrt. Es waren die alten einfachen Lederbänke und Marmor 424 — tische, die alten kahlen, schmucklosen Wände; der Boden war wie ehedem mit gelbem Sand bestreut, und in der Ecke dort, dein Tische gegenüber, wo sonst das Dioskurenpaar Erckmann-Chatrian saß, hockten noch immer einige spießbürgerliche Gestalten und tarockten mit unerschütterlicher Stammgastruhe, als spielten sie seit zwanzig Jahren an derselben Partie. Der Ort schien von der vorbcistürmenden Zeit übersehen worden zu sein, hier hatte sich wirklich gar nichts verändert. . . Doch! Dies und das ist anders geworden. Das Bierhaus, das früher schlechthin Uransoriö hieß, nennt sich jetzt In brassiero «1o I'Lspürimoo, und man trinkt dort Revanche, In bivro cis I'blspöi'nnos. Diese patriotische Flüssigkeit mundet nicht so gut als früher das harmlose Elsässer Bier. Das Bier zur guten Hoffnung ist sogar trotz der löblichen Tendenz herzlich schlecht, namentlich wenn man kurz zuvor Hackerbrüu gekostet hat. „Wie wär's...?" fragte mein Pariser, allein ich fiel ihm ins Wort und schloß ihm den Mund. Es war mir in der That unmöglich, die Reise fortzusetzen. Wir hatten zwar nicht die Hälfte, nicht den zehnten Theil dessen gesehen, was ein gründlicher Bierforscher in Bayrisch Paris sehen müßte, doch das Wenige genügte mir. Ich staunte nur über das fabelhaft entwickelte Fassungsvermögen des Freundes. Er hatte gewaltige Fortschritte gemacht und konnte als lebendiges Beispiel dessen gelten, was Münchener Bock vermag» wenn er in die recht Kehle kommt. Der Franzose blieb so nüchtern wie eine diplomatische Depesche, indeß die Phantasie des Deutschen bereits Sprünge zu machen anfing. Ein paar Glas mehr, und ich hätte gesehen, wie die rosigen Bierkobolde ihrem Friese ent- slaiterten, die schweren Fäßer Spatcnbräu bestiegen und in allerliebster wilder Jagd durch Paris ritten, befehligt von Bismarck-Gambrinus, gefolgt von den bösen Geistern Mumme, Bluff, Schöps, Schrunz, Buße, Kater. Zu solcher Tollheit kam es zum Glücke nicht. Allein heimkehrend dachte ich ernstlich darüber nach, ob nicht dieser gesteigerte Genuß deutschen Bieres, diese Infusion eines reizenden Feindes mit der Zeit den französischen Nationalgeist umgestalten, die französische Volksseele ganz und gar aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Die Münchener Bierschänken sind in Paris stets überfüllt, die elsässische mit dem erbärmlichen Hosfnungsbier schien mir sehr leer zu sein. Der Pariser trinkt nicht gerne matte Hoffnung aus dem elsässischen Fasse, trinkt lieber frische Verzweiflung vom bayrischen Zapfen. Hier liegt die Gefahr, nicht in den 50,000 Deutschen, die nach den Klagen der Patrioten-Liga wieder in Paris, und den 400,000, die wieder in der Provinz leben sollen. Ich fürchte, ich fürchte, die Stadt verdeutscht sich immer mehr, und einst wird kommen der Tag, wo man die Seine für einen Nebenfluß der Jsar hält und das große Paris nur noch ein Klein-München ist. Himmelsschau in» Monat Juli. —). Merkur hat am 2. seinen größten westlichen Abstand von der Sonne und ist bei günstiger Witterung am Morgenhimmel zu finden. Venus bewegt sich von den Hyaden gegen die Zwillinge, erscheint 2 Stunden vor Sonnenaufgang in NO. und erreicht am 21. ihren höchsten nördlichen Stand. Am 2. befindet sich Venus nördlich vom Mond, am 4. und 8. nördlich von Merkur, am 26. nur 10 Bogensekunden nördlich von Jupiter. Mars F geht mit Aldebaran im Stiere nach Mitternacht auf, wird am 1. Morgens 4 Uhr vom Monde bedeckt und steht am 20. nördlich von Saturn unterhalb der Hyaden. Jupiter kommt am 5. mit der Sonne zusammen und wird gegen Ende des Monates Morgenstern. - Saturn H im Stiere geht auf zwischen 2 Uhr und 12 Uhr Nachts und wird am 1. um Mitternacht vom Monde bedeckt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.