zur „Äugst! urger PostMmg." Nr. 54. Samstag, 7 . Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) XXII. Thusnelda war fast hergestellt, und ließ es sich daher nicht nehmen, Sophie und Anna im Schlosse umherzuführen, wie es ihnen am Abend zuvor versprochen, und ihr Großvater es gestattete. Dieser hatte den Befehl gegeben, in sämmtlichen Zimmern die Fenster zu öffnen und die warme Sommerluft einziehen zu lassen, eine Vorsicht, die, nachdem sie so lange geschlossen gewesen, nur zu erforderlich war. Gleich den bewohnten waren die verschiedenen Räume, welche sie betraten, in alter- thümlicher aber meist kostbarer Weise ausgestattet, und die seidenen und wollenen Stoffe der Vorhänge und Mobilien auf das Sorgfältigste erhalten. Voll tiefer Empfindung, die sie jedoch sorgfältig verbarg, wanderte Anna in diesen Räumen umher; in einem großen Schlafzimmer standen vier Kinderbetten, und Thusnelda erklärte, daß sie ihrem Vater und seinen Brudern, als sie klein gewesen, gehört. „Also auch meinem Vater!* dachte Anna und betrachtete sich die kleinen Nußbaum- bettstellen mit den seidenen Decken genauer. Im nächsten Zimmer hatten die kleinen Junker gewohnt, da war noch Spielgeräth aller Art vorhanden, und kleine Tische und Stühle standen an den Wänden, als seien die Kinder erst kürzlich davon gegangen, und rührten sie nicht seit langen Jahren schon in der Familiengruft. Von dem Kinderzimmer gelangten sie in die Gemächer der Schloßherrin, in deren Einrichtung Geschmack und Luxus entfaltet war. Weiche brüsseler Teppiche deckten die Fußböden, die Wände waren mit Goldtapeten bekleidet, und kostbare Seide zu den Mobilien und Vorhängen verwendet. In den verschiedenen Glasschränken waren die Schätze verwahrt, von denen Thusnelda gesprochen, vor allen Dingen eine reiche Sammlung von Schmuckgegenständen aller Art, und Diamanten, Perlen und andere Edelsteine strahlten ihnen aus den Etuis entgegen, die sie öffnen durften, denn der Landkammerrath welcher selbst die Schlüssel dazu verwahrte, hatte sie seiner Enkelin gegeben. „Alle diese Schmucksachen bekomme ich", sagte wiederum Thusnelda, „und auch noch das, was in den Schränken ist. Großmama hat alle diese schöne Sachen gekauft, und mir gehören sie, denn ich bin ihre einzige Erbin!" Anna konnte sich nicht enthalten, die weiteren Schätze ihrer Großmutter anzusehen, und Sophie Dörner war neugierig, den Inhalt der übrigen Behälter kennen zu lernen. Dieser bestand aus einer großen Anzahl kostbarer Seidengewänder in den schönsten Farben» und der Mode früherer Zeit angemessen, und aus allen anderen Gegenständen des Nutzens und des Luxus, die Frau von Bodenivald bei ihren Lebzeiten gebraucht, aus Schätzen von Leinwand aller Art und schwerem Silbergeräth, das aber seit ihrem Tode nicht angerührt worden. Außerdem waren die Räume mit den verschiedensten Kunstschätzen geschmückt, und Bilder, Vasen und Büsten, und was sonst der Reichthum anzuschaffen vermag, in reicher Auswahl vorhanden. „Mich wundert nur, dies Alles so frisch und wohlerhalten zu sehen", sagte endlich Sophie Dörner zu Anna, welche ernst und sinnend auf alle diese Schätze schaute, die zum Theil auch ihr gehörten. — „Frau von Vodenwald ist wohl noch nicht lange todt?" entgegnete ausweichend Anna. „Großmama ist vor sechs oder sieben Ihren gestorben", berichtete Thusnelda. „Das macht die Sache erklärlich", entgegnete Sophie, und fügte zu Ersterer ge, wandt, leiser hinzu: „Schade, daß alle diese Schätze und Herrlichkeiten für ein so armes, armes Kind sind!" Anna hatte keine Erwiderung auf diese Bemerkung, mußte aber das Gesicht abwenden, denn sie fühlte das verrätherische Blut in ihre Wangen steigen. Glücklicherweise gewahrte sie in dem anstoßenden Zimmer einen Bücherschrank und darauf hindeutend, sagte sie: „Frau von Bodenwald hat offenbar auch Freude an geistiger Unterhaltung gefunden. Sieh' nur, Sophie, die reiche Sammlrng von Büchern!" Sie traten hinzu, um sich diese näher zu betrachten. Es waren die Klassiker verschiedener Sprachen, auch andere bedeutende Berfasser vertreten, und man sah es der Auswahl an, daß Frau von Bodenwald eine Dame von Bildung und Kenntnisse» gewesen. — „Sobald ich diese Bücher bekomme, will ich sie Dir schenken, Sophie", sagte Thusnelda, die Schätze der Literatur gleichgültig betrachtend. „Ich lese nicht gern, und Du kannst mir erzählen, was darin steht, denn Du wirst doch wohl immer bei mir bleiben und mit mir hier wohnen!" Ihre Begleiterin konnte sich des Lächelns nicht erwehren, sie aber fügte hinzu: „Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich es thue, Sophie. Ich werde auch Anna Vielerlei schenken, denn ich kann doch nicht Alles allein gebrauchen!" Nach diesem wurden auch die Zimmer des ersten Stockwerks in Augenschein genommen, die sich jedoch nur durch eine besonders schöne Aussicht auszeichneten. Sie waren für Gäste und Fremde bestimmt und war in allen die Einrichtung wohlerhalten, ein Beweis, daß eine' tüchtige Hand die Oberleitung in Schloß Bodenwald führte. Da nach einer theilweis durchwachten Nacht Thusnelda der Ruhe bedürftig war, so schlug Sophie vor, sich die Räumlichkeiten des Erdgeschosses anzusehen, ein Vorschlag, mit dem auch ihr Zögling und Anna übereinstimmten. Als sie ihren Morgenanzug mit einem andern vertauscht, ging sie nach etwa einer halben Stunde in die unteren Räume des Schlaffes hinab, wohin Sophie und Thusnelda ihr so bald als möglich folgen wollten. Sie hatten schon am Morgen erfahren, daß der Landkammerrath eine gute Nacht gehabt, sich wohler als sonst fühle und beim Mittagessen erscheinen werde. Das schöne Wetter lockt« Anna in's Freie hinaus; sie trat auf die Terrasse und schritt diese langsam hinab, dabei überlegend, wie sie ihren am vorigen Abend gefaßten Entschluß ausführen könne, mochten auch die Folgen sein, welche sie wollten. Bald hatte sie ein größeres Gemach erreicht, dessen Fenster und Thüren weit geöffnet standen und hineinblickend sah sie, daß die Wände mit Familienbildern geschmückt waren. Ein langer glänzend polirter Tisch und viele an den Seiten stehende Stühle ließen schließen, daß eS bei festlichen Gelegenheiten als Saal benutzt worden sein mochte. Nasch trat sie ein, denn sie hatte noch in sämmtlichen Zimmern kein Bild der Boden- wald's gefunden und begann sich diese der Reihe nach anzusehen, überzeugt, auch dasjenige ihres verstorbenen Vaters zu erblicken. Es war dies nicht schwer, denn der Landkammerrath mit seinen Söhnen und seiner Enkelin schloffen die stattliche Reihe der von Bodenwald, denen er entstammt war, und Anna fand das Bild, das den Namen ihres Vaters trug. Es war ein schönes, jugendliches Männergesicht, dem man körperliche Schwäche und Kränklichkeit nur wenig ansah, und dem sie sprechend glich. Es war dasselbe goldblonde Haar, die tiefblauen Augen mit den dunklen Brauen, dir gebogene Nase, der schön ge- schwungene Mund — und sinnend stand Anna vor diesem Bilde, an dessen Seite daS der Gattin fehlte wie auch das ihrige, als Tochter Ludwigs von Bodenwald. Dann ging sie zu dem Portrait ihrer Großmutter; sie war eine schöne Frau mit dunklen Augen und Haaren, deren Züge aber genugsam ihren Charakter verriethen, und sich von ihr abwendend, trat Anna vor ihren Großvater. Diesem war der Sohn so ähnlich, wie sie ihrem Vater, doch hatten die Züge des Landkammerraths als sieben- zigjähriger Greis, wie sie ihn seit wenigen Tagen kannte, viel von dem Ausdruck des Stolzes und der Strenge verloren, die noch auf dem Bilde hervortrat, und daS volle weiße Haar des Schloßherrn gab diesem ebenfalls ein milderes Aussehen. Anna trat darauf nochmals vor das Bild ihres Vaters, ward aber an dem weiteren Betrachten desselben verhindert, denn sie hörte ein Geräusch, und sich umblickend, sah sis den Nollstuhl ihres Großvaters, in den Saal geschoben von einem Diener, welcher sämmtliche Thüren schließend sich sofort wieder entfernte. „Guten Morgen, Fräulein Herfeld", begann, sobald sie allein waren, der Landkammerrath, und ihm entgegen blickend sah sie, daß unter dem grünen Schirm jetzt die blaue Brille fehlte. Ucberrascht durch seine unerwartete Erscheinung stand sie «inen Augenblick sprachlos da, dann aber sich fassend» trat sie an den Wagen, und ihre schlanke Gestalt leicht neigend, erwiderte sie mit erregter Stimme: * „Guten Morgen, Herr Landkammerrath", dabei begegnete sie einem so scharfen, forschenden Blick, daß sie erröthend den ihrigen abwandte, und fast stockend hinzusetzt«: „Sie haben Ihre Zimmer heute schon früh verlassen." „Es war meine Absicht Sie und Fräulein Dörner hier bei den Familienbildern zu überraschen", antwortete der Schloßherr, dessen Augen noch immer forschend und prüfend an Anna's Zügen hefteten, „nun aber sehe ich,' daß Sie allein gekommen sind." „Fräulein Dörner ist bei Thusnelda geblieben, welche die Nacht nicht gut geschlafen." „So freut es mich, daß ich Sie wenigstens getroffen", entgegnete der Landkammerrath, sie unverwandt betrachtend, wobei seine Züge zugleich Staunen und Befriedigung verriethen. „Haben Sie sich unsere Familienbilder schon angesehen?" „Ja, Herr Landkammerrath", antwortete Anna, deren sich plötzlich ein Gefühl von Angst und Unruhe bemächtigte, das sie jedoch zu bekämpfen suchte. „Sie finden auf sämmtlichen eine stark hervortretende Familienähnlichkeit, das blonde Haar, die blauen Augen und die gebogene Nase sind von jeher Kennzeichen der von Bodenwald gewesen", fuhr mit merklicher Betonung der greise Edelmann fort. „Meine Enkelin, die Veranlassung Ihres Hierseins, weicht allerdings davon ab» doch werden Sie an anderen Frauen unserer Familie ebenfalls diese Kennzeichen finden." Anna gerirth in immer größere Befangenheit; die Augen des Landkammerrath'S ruhten immer forschender auf ihr, seine Worte waren unverkennbar mit Bezug auf sie gesprochen — er hatte sie also erkannt, wenigstens die hervortretende Familienähnlichkeit bemerk^ sollte sie ihn das erste Wort sprechen lassen, oder — Da vernahm sie, leiser als bisher ihr Großvater zu ihr geredet, die Worte, die tief und unwiderstehlich sie trafen: „Die Tochter meines Sohnes Ludwig aber, Anna Thusnelda, ist, wie ich zu meiner Freude und mit Stolz gesehen, eine echte von Bodenwald, und sie ist mir, ihrem Großvater, von Herzen willkommen." Anna kniete schon an seiner Seite, und segnend lagen seine Hände auf ihrem schönen Haupte, das sich unter Thränen der Rührung auf die Decke geneigt. Er aber richtete es auf, um es unter den wechselndsten Gefühlen zu betrachten, und drückte einen Kuß auf die weiße Stirn, die ebenfalls ein Familienzeichen der von Bodenwald war. Der Lnndkammerrath ermannte sich zuerst und ihre Hände, die jetzt weiß und zart wie die scinigen waren, ergreifend, sagte er, sie voll Liebe anblickend: „Anna, denn so muß auch ich Dich wohl nennen, wenngleich Du auch unsern Familiennamen Thusnelda führst, Dein erster Anblick hat mich wunderbar berührt und lief ergriffen, gestern Abend aber, als Ihr hinaufgegangen, habe ich noch lange über das nachgedacht, was Du mir von Deiner Familie gesagt hattest, und da ist mir die Ueberzeugung gekommen, daß Du das Kind meines Sohnes Ludwig sein müßtest. Deine Aehnlichkeit mit unserer Familie, die ich hier ohne meine Brille geprüft, hat mich in dieser Ueberzeugung bestärkt — ich fand Dich vor dem Bilde Deines Vaters —" „Großvater — mein Großvater!" dies waren die ersten Worts, welche mit kaum vernehmbarer Stimme Anna hervorbrachte. „Du hast also keinen Groll gegen mich? Bist nicht in Haß gegen mich erzogen, denn ich nehme an, Daß Du Alles — Alles weißt — —" „Ja, ich weiß Alles, Großvater", erwiderte Anna, voll kindlicher Liebe zu ihm aufblickend, „als ich Dich aber gesehen, hatte ich kein weiteres Gefühl, als daß Du der Vater meines Vater seiest, und ich Dich um seinetwillen lieben müsse!" „Dank — Dank, Du theures Kind", erwiderte bewegt der greise Schloßherr. „Erhalte mir dies Gefühl, und Du wirst die Freude, ja, die einzige wahre Freude meiner letzten Tage sein! — Dennoch möchte ich noch leben, um gut zu machen, was ich verschuldet und versäumt — möchte — aber erzähle mir Deine Lebensgeschichte bis zum Heutigen Tag. Wir sind hier ungestört, August wird Jeden, wer es auch sei, fern halten!" Anna nahm neben dem Rollwagen ihrer Großvaters Platz, und begann seine verschiedenen Fragen, ihren Großvater und ihre Tante betreffend, zu beantworten, und ihm dann, so weit es ihre Erinnerungen zuließen, aus ihrem Leben zu erzählen, indeß er mit dem größten Interesse ihren Worten lauscht. Zuerst berichtete sie von ihrer Kindheit, im Walde verlebt, gehütet von der Sorge und Liebe ihres Großvaters und ihrer Tante, und im Schutz und in der Gesellschaft ihres treuen Wolf; dann von Waldemar's Ankunft, den seine Großmutter, die Gräfin Steinhorst, ihrem Großvater auf ein Jahr übergeben, ach dessen Verlauf sie ihn unerwartet abgeholt, um ihn nach Schlesien zu schicken. (Fortsetzung solgt.) Sommerluft. O i wie so wunderherrlich ist's, An sonunerjungen Tagen In lauer Lüste vollem Strom Mit wonnigem Behagen, Der Schwalbe nach, die oben kreist, Den Leib zu baden und den Geist! Was rufst Du allen Wesen zu In Deinem Hochzeitskleids? Dringt nicht im Jubel der Accord Empor aus allem Leide: O seht! Der einst mich rief zum Sein, O seht, wie liebend denkt Er mein! u alle Fenster strömt's hinein, sie Schläfer zu erwecken, nid treibt den letzten kalten Ha Und treibt den letzten kalten Hauch nd treibt den letzten kalten inweg aus dumpfen Ecken; So komm heran zu dieser Zeit Ihr Kranken und Gesunden,, Die Lüste lind wie Balsam sind Dem Elend und den Wunden; :s bringt uns warmen Grüß der Süd Wer bleibt noch sündig stolz und kalt Bei dieser göttlichen Gewalt? Ihr sonnenklaren Räume, Und Du, der matten Augen Lust, Jungfrisches Grün der Bäume, O Welt, wie eine Braut geschmückt, Wem schlägt Dein Herz, so froh entzückt? Von, Land, wo die Orange blüht. Du Hinimcl hoch und wolkenfrei, Es möcht der Sehnsucht Flügelschlag Die reinen Seelen tragen Bon Stern zu Stern, wo endlos schön In sommeriungen Tagen Der volle Strom des Lebens fließt, Aus Gott, der Alles in sich schließt! L. v. Heemstede. 429 CchLernach und die «pringproeefsior,. Echternach ist die Stadt des großen Glaubensboten Willibrordus. Hier hat seine sterbliche Hülle in einem Marmor-Sarg geruht, bis der Dandalismus der unter General Bol- land in Echternach eingerückten französischen Truppen in der Nacht vom 7. November 1794 die Stätte entweihte. Das Grab wurde gesprengt, und die Gebeine wurden herausgerissen und zerstreut. Zweifellos reicht das Entstehen der Stadt über St. Willibrord (-st 739) zurück. Wahrscheinlich haben wir es mit einer Niederlassung der ripuarischen Franken zu thun. Schon früh begegnet uns Echternach in der Geschichte als fester Platz. 1462 wird dasselbe in einer Lirdonanz Philipp's des Guten von Burgund als eine in alter Zeit gegründete Stadt bezeichnet, die durch Mauern und Thürme, Thorburgen und Gräben sich als stark befestigt erweise. Von diesen Werken sind heute nur noch Bruch- theile der Umfassungsmauern erhalten. Die Thorburgen sind gefallen, aus den Grüben sind prächtige Promenaden entstanden. Die Stadt selbst ist inzwischen auf nahezu 5000 Seelen angewachsen. Als besonderer Industriezweig verdient die Porzellanmalerei der Gebrüder Zeus Erwähnung. Die Fabrikate gehen größtentheils nach Frankreich. Hier gelten sie als veritabler Sevres-Porzella». Echternachs Hauptsehenswürdigkeit ist die wundervolle Basilika. Der dreischiffige Bau in frühromanischem Stil zeigt eine ungemein große, aber gleichwohl sehr ansprechende Einfachheit der Formen; er datirt aus dem Jahre 1031 und ist an die Stelle einer Kirche von geringerm Umfang getreten, welche 1017 ein Raub der Flammen geworden ist» In dem Neubau hat man die frühere Holztäfelung der Decke durch ein geschmackvolles Gurtgewölbe in Stein ersetzt. 1794 wurde das Gotteshaus von der französischen Regierung als Nationalgut erklärt und schließlich unter den Hammer gebracht. Die Kirche wurde Fabrik. Die Thürme wandelte!» sich in gualmende Kamine eines Fapencc-Ofens um. Gott Lob, daß das böse Gewissen über diese Versündigung an den» Kunst- und Frommsinne unserer Vorfahren nicht zur Ruhe gekommen. Dei allmälig fast zur Ruine werdende Bau wurde der Pfarrgemeinde geschenkt. Der wieder aufblühende kirchliche Kunstsinn schuf den Willibrordus-Bau-Verein, dessen reiche Sammlungen die Mittel zu der jetzt vollendeten Restauration boten. Sie ist in allen Theilen gelungei». Die Pläne zu den baulichen Arbeiten, insbesondere auch zu den zwei prächtigen Thürmen, die das stilvolle Säulenpvrtal flankiren, sind aus der Hand des DirectorS des Germanischen 'Museums, Professor I)r. Essenwein in Nürnberg, hervorgegangen. Hclbig, ein Schüler Bethue's, hat die polpchromische Ausmalung übernommen. Der nach Darcy in Paris angefertigte Hochaltar ist eine durch Gold und Email-Schmuck mit Geschmack ausgestattete Bronzearbeit. Der trefflich ausgeführte Baldachin-Altar ist eine Schöpfung der Werkstätte von Richard Morst in Köln. Alles vereinigt sich, die Kirche zu einem wirklichen Kunstkleinod zu machen. Seitwärts der Kirche liegen die umfangreichen Gebäude des frühern Benediktiner- Klosters. Jetzt dienen sie meist Jndustriezwecken. Die am besten erhaltenen Räume werden von einen» der Miteigenthümer als Wohnung benutzt. Das prächtige Treppenhaus mit Deckenmalereien aus den» vorigen Jahrhundert und die zwei anstoßenden Säle, deren Wände noch heute mit werthvollen ledernen Goldtapeten bedeckt sind, verdienen besondere Beachtung. Ein großes Oelgemälde gibt die Medaillon-Portraits der langen Reihe der Aebte von der Zeit der Gründung an bis zur Säkularisation wieder. Von der Kloster-Bibliothek ist nur noch der Raun» vorhanden: Die werthvollen und thsilweise seltenen Bücherschätze, über 8000 Bände, sind von den Franzosen fortgeführt »vorbei». Auf dem Markte liegt die altdeutsche Dingstätte oder, wie sie in Echternach heute noch genannt wird, der „Dingstuhl": ein freier Platz, überragt von einem viereckigen Ueberbau, der durch eine Doppelreihe von Säulen getragen wird. Hier wurde in älterer Zeit, wie das der Name bekundet und eine Urkunde aus 1539 bestätigt, von den Schöffen Recht gesprochen. Gegenüber liegt das Nathhaus, ein derselben Epoche angehörender Bau, dessen crenelirter Giebel gleichfalls auf Säulen ruht. Auf dem Marktplatz herrscht 430 ein buntbewegtes Leben. Es ist Pfingstmontag, also der Vorabend der berühmten Spring« procession. Kram« und Schießbuden, Caroufsels und Seiltänzergrsellschaften, kurz, alle möglichen Belustigungen find hier unter lauter Theilnahme der entzückten Stadtjugend im Begriff, sich auf morgen zu rüsten. „Echternacher Brücke" heißt die auf preußischem Gebiet liegende Häusergruppe auf der andern Seite der Sauer. Sehr beachtenswerth ist die noch aus der Nömerzeit her- rührende, 117 Meter lange Brücke, deren massige Quadern dem Zahn der Jahrhunderte und bei so manchen Hochfluthen insbesondere der Gewalt des Elementes in einer staunen- . erregenden Art getrotzt haben. Von dieser Brücke schaute bis Ende der sechsziger Jahre das Standbild des Abtes Bertels in die kristallhelle Fluth hinab. Der große Historiker genoß bei den Echternachern ein solches Ansehen, daß sie das Standbild, um es vor der Zerstörung durch die Franzose» zu bewahren, 1794 in die Sauer vergruben. Das wieder an seinen Platz gebrachte, inzwischen aber verfallene Monument ist bis dahin noch nicht wieder ersetzt worden. Der Blick gerade ausgerichtet, fällt auf die steilen Wände des von einem reichen Sagenkreis umwobenen „Ernzer Berges". Hier schmiedete zur Zeit der Begründung der Abtei der im Volksniund heute noch fortlebende Zauberer Kitzele seine gefürchtet«» Ränke gegen die mächtigen „Glousterhäere". Im nahegelegenen „Deivel- schoart" (Teufelsspalt) hatten dämonische Unholde ihre unerreichbaren Schlupfwinkel. Daneben waren die dem Gebet gewidmete» Klausen frommer Einsiedler erstanden — alles allmälig verhallende Echos des auf diesem Boden mit besonderer Zähigkeit aus- gefochtenen Kampfes des Christenthums mit der Götterlehre der Römer und Frankens Der Berg, wenn auch nur zur Hälfte erklommen, bietet eine mehr als lohnende Aussicht. Zu Füßen die Stadt, seitwärts mit Reben bepflanzte Abhänge, im Hintergründe der Eingang zu dem mit vielem Glück erschlossenen Aesbuchthale, zur Rechten wie gegenüber waldreiche Höhen, überragt von prächtigen Felsgebilden, die einer Kette künstlich erbauter Festungswerke ähnlich sehen. In dieses wunderbare Bild vertieft, höre ich von« Thurm der Pfarrkirche her — wohl als Festgelävte zum Willibrordustag — die feierlich schönen Klänge einer tief- tönenden Glocke; wie ich später hörte, ein Geschenk des Kaisers Maximilian. 1512 hatte er in Trier den von hier nach Köln verlegten Reichstag eröffnet. Hierbei mit seinem Gefolge nach Echternach zur Verehrung des h. Srbastianus, eines der Schutzpatrone gegen die gefürchtet« Pest, gekommen, wurde er Zeuge der Springprocession. Diese geschichtliche Thatsache ist Gegenstand der Darstellung eines 1553 von unbekannter Hand gemalten Oelbildes, das, wie ich mich auf dem inzwischen angetretenen Rückgänge zur Stadt überzeugt habe, noch gegenwärtig in der Pfarrkirche sich vorfindet. An der Hauptstraße fiel mir ein im Stile der Abtei erbautes Patricierhaus auf. Ueber dem Thorweg las ich den Wahrspruch: Lola, rriisoria ouret cura, ot inviäin. Im ersten V Augenblick klingen die Worte seltsam, und doch, es ist ivahr: nur im Unglück ist man frei von Besorgniß und ohne Neider. Wie mir später mein biederer Hirschwirth erzählte, war das Haus Aesitzthum der Grafen Rieth von Dierf. Wer weiß? Vielleicht liegt in jener Devise ein Stück Familiengeschichte ausgesprochen. Es ist Pfingst-Dienstag. Schon die früheste Morgenstunde brachte in die ziemlich engen Straßen ein gewaltiges Leben. Unausgesetzt strömten große Pilgerschaaren herbei, bald Processionen, bald kleinere Gruppen — alle andachtsvoll die Willbirordus-Litanei singend oder betend. Auf meinem Wege zur Kirche stieß ich vor dem Gasthof auf einen Knäuel halbwüchsiger Burschen. Ihre anfangs nicht verstandene Frage im Ortsdialekt: „Dangt er mech, fir mat ze spränge?" vermochte ich erst nach einigem Parlamentiren zu enträthseln. Sie hatten mir richtig abgesehen, daß ich als Willibrordus-Tänzer woh! nicht qualificirt sei. Allen Nichttänzern wird Gelegenheit geboten, tanzen zu lasse««. Daher ^ die Frage: Dingt Ihr mich, um mit zu springen? Auf den, preußische» Ufer der Sauer stand gegen 8 Uhr eine unabsehbare Volksmenge. Von einer improvisirten Kanzel herab hielt ein noch jugendlicher Priester in deutscher Sprache die Festpredigt. Mit deren 431 <- Schluß vermochte ich mich aus dem sich entwickelnden Gewühls nur mit Mühe zu meinem Gasthof zu retten. Von dessen dicht besetzten Fenstern aus ließ ich das bunte Bild der sonderbaren Procession an mir vorüberziehen. Hinter dem zahlreichen Klerus, der mit einem mächtigen Männerchor die Procession eröffnend die Willibrordus-Litanei anstimmte, folgte ein verstärktes Musikcorps, welches in berauschenden Tönen den nun folgenden Springern zum Willibrordus-Tanz aufspielte. Auf die Springer folgten an 2000 Pilger, die sich auf das Beten des Rosenkranzes beschränkten. 23 Gendarmen, eine Anzahl Turner und das städtische Pompier-Corps befaßten sich mit Handhabung der Ordnung. ^ Mein Interesse galt ausschließlich den Springern. Der amtlichen Zählung zufolge waren es ihrer 9528, die alle in theilweise wildem Wogen und Drängen nach der von den verschiedenen Capellen immer wiederholten eintönigen Weise hüpften, tanzten und sprangen. Die schnelltactige Melodie nähert sich ganz dem manchem aus der Zeit der Jugendspiels wohlbekannten Liede: Abraham hat sieben Söhne, sieben Söhn' hat Abraham; Sie aßen nichts, sie tranken nichts, sie machten alle sa. Der Tradition nach sollen fünf Schritte vorwärts und drei Schritte rückwärts, oder drei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts gemacht werden. Von einem rhythmischen und gefälligen Tanze, wie er sich z. B. in Spanien auch bei religiösen Festen als Ausdruck nationaler Sitte erhalten hat, war hier nur bei verschwindend Wenigen die Rede. Bei dem großen Haufen war der Eindruck des Ordnungslosen und stellenweise förmlich Ungefälligen vorherrschend. Manchem, besonders aus dem Kreise der Jugend, las man den Schalk im Gesicht ab. Gleichwohl fehlte es auch nicht an erbauenden Momenten. Die Mehrzahl der Theilnehmer, welche nebenbei gesagt, fast ausschließlich den ländlichen Kreisen Luxemburgs, der Eifel und den Moselstrichen angehören, scheint in dem Glauben zu handeln, ein gutes Werk zu thun. Und Gutes zu wollen, ist ja an sich schon gut. Rührend war der Eindruck von so manchem alten Mütterchen, das, ungeachtet der Last der Jahre, trotz der förmlichen Glühhitze des Tages, tanzend und springend sich mit fortschleppte. Abgesehen von den verschiedenen programmmäßigen Capellen wird die Procession von einer Anzahl freiwilliger Solisten begleitet. Violin- spieler und Trommler, Trompeten und Schalmaisn sieht man in kurzen Abständen auf die Procession vertheilt; alle spielen mit bewundernswerther Ausdauer zum sogenannten Willibrordus-Tanz auf. Die sich immer wiederholende Melodie erinnert in ihrer Eintönigkeit unwillkürlich an. die Musik eines irländischen Marsches. Die Procession, deren Weg zwar nur ein Kilometer lang ist, aber doch zwei Stunden Zeit in Anspruch nimmt, endigt in der Pfarrkirche. Auch hier noch wird das Springen fortgesetzt: das rechte Seitenschiff hinauf, um den Altar herum, das linke Seitenschiff hinunter bis zum Kirchhof. Ein dreimaliges Nundspringen um das große Kirchhofskreuz beschließt den Tanz. Kaum ist die Procession zu Ende, so tritt das Volksfest in seine Rechte: eine Kirmeß ^ in großem Stil. Von der sogenannten bessern Gesellschaft des Luxemburger Ländchens hat sich ein gut Theil der eleganten Damen und Herren-Welt ein fröhliches Stelldichein ^ gegeben. Gesprungen wird auch von ihnen, allerdings erst Abends in den Räumen der ' Casino-Gesellschaft nach Straß'schen Weisen. Nachmittags vereinigt sich alles im Abtei- aarten bei Kaffee und Conzert» (Schluß folgt.) Miseellsrr. (Reicher Kindersegen.) In einer der letzten Nummern der „Estafette", einem Madrider Journal, lesen wir folgenden merkwürdigen Vorfall, den wir wir seiner Originalität wegen unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. Jüngst kehrte nach Galizien» seinem Heimathslande, ein Greis von 93 Jahren zurück, der vor 70 Jahren nach Amerika auf die Suche nach Glücksgütern gegangen war» Er besitzt heute mit Kindern, Enkeln, und Uerenkeln die stattliche Zahl von 197 Familienmitgliedern» außerdem eine große Anzahl von Schwiegersöhnen, die sämmtlich mit ihm in seinem eigenen Dampfer nach 432 Spanien zurückgekehrt sind. Der ehrwürdige Greis nennt sich Lukas Negreiras Saez, hat Amerika in seiner ganzen Länge und Breite durchstreift und besaß zuletzt ein großes Leder- und Häutemagazin in Boston. In seinen drei Ehen, die er eingegangen war, hatte er das Glück, Vater von 37 Kindern zu werden. Seine erste Frau, eine Spanierin, schenkte ihm 11 Kinder in sieben verschiedenen Geburten; beider letzten, einem Drillinge, verstarb sie. Seine zweite Frau, mit der er 18 Jahre lebte, schenkte ihm 19 Sprößlinge in l3 Abschnitten. Zum drittenmal im Alter von 55 Jahren vermählt, wurde ihm das seltene Glück zu Theil, seine Familie noch um fernere sieben Häupter sich vermehren zu sehen; wieder befanden sich ein Paar Zwilling darunter. Der letzte Sprosse dieses ur- krüftigen Stammes sah airp 15. Juli 1864 das Licht der Welt, als sein Papa bereits 74 Jahre zählte. Der älteste Sohn ist gegenwätig 70 Jahre alt, und hat bis jetzt seinem Vater 17 Enkel geschenkt, deren ältester zur Zeit im blühenden Alter von 47 Jahren steht. Der gegenwärtige Bestand dieser seltenen Familie ist folgender: 16 Töchter, davon eine unverheirathet und sechs Wittwen; 23 Söhne, wovon sechs unver- heirathet, 13 verheirathet und vier Wittwer; 34 Enkelinen, davon neun unverheirathet, 22 verheirathet und drei Wittwen; 47 Enkel, davon 17 unverheirathet 26 verheiratet und vier Wittwer; 45 Urenkelinen, davon 2 verheirathet, und 39 Urenkel die das Eheglück noch nicht gekostet, außerdem 3 Ururenkel. Der alte Herr N. lebt äußerst mäßig, feine Mahlzeiten bestehen meistens aus Gemüse und Puris, fast ganz ohne Salz. Täglich widmet er drei Stunden dem Spaziergang und hygieinischen Uebungen. Wein und alkoholische Getränke hat er niemals genossen. Trotz seines vorgeschrittenen Alters besitzt er eine vortreffliche Gesundheit. (Bureaukra tische Grobheit.) In der jüngst erschienenen Schrift: „Die Politik Friedrich Wilhelm's IV." erzählt der Wirkt Geh. Ober-Regierungsrath Wagen«« als Beispiel, wie verknöchert die preußische Verwaltung am Schluss« der Regierung Friedrich Wilhelm's III. war, folgende kleine Geschichte aus der Zeit des Ministers v. Schuckmann. Als nämlich die Cholera zum ersten Male Preußen durchzog, erstattete eine Regierungsbehörde einen Bericht an den Minister v. Schluckmann, in welchen: eS hieß: da nun die verderbliche Seuche auch ihrem Regierungssitz sich nähere, so hätten sie beschlossen, einen dreimonatlichen Urlaub mit entsprechender Vorwegnähme ihres GehalteS zu nehmen und bäten ihre Excellenz um hochgeneigte Genehmigung. Hr. v. Schluckmann, der einen drastischen Stiel liebte, erwiderte darauf umgehend: von der Cholera hätten sie nichts zu besorgen; wenn aber wieder Vermuthen die Rinderpest ihrem Sitze sich nähern sollte, dann bäte er um schleunigen Bericht. Gleichzeitig erhielt der Präsident seinen Abschied." (Ein gemüthlicher Romanschriftsteller.) Durch ein verhängnißvolles Versehen ist neulich in einer Provinzialzeitung eine für die Redaction bestimmte Bemerkung des Nomanautors mit abgedruckt worden. Der betreffende Feuilletonroman schließt damit, daß die jugendliche Heldin in Nußdorf bei Wien das Grab in den Wellen sucht» Dieser Selbstmord ist sehr grell geschildert, und umsomehr überrascht den Leser die nun folgende nicht für seine Augen berechnete Bemerkung: „Sollte Ihnen das Schicksal der Louise zu düster erscheinen, so lassen wir sie leben; es hieße dann bei der 46. Zeile gleich: „Louise dachte noch oft an den schändlichen Streich, den ihr der blonde Doktor gespielt; aber allmählich gewann auch sie ihre Ruhe und Zufriedenheit des Herzens wieder." .... Das ist doch ein gemüthlicher Romancier, der mit sich reden lätzt! (Epidemisches.) Ein Schulivspektor kommt im Winter während der Schulzeit in ein Dorf und trifft eine große Anzahl der schulpflichtigen Jugend, welche sich auf dem Eise des Dorfteiches belustigt. „Warum seid Ihr denn nicht in der Schule, Kinder?" fragte der würdige Herr. Wie aus einem Munde schallt ihm die Antwort entgegen: „Mer dürfen nich, mer han die Masern." Für die Nedaltion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler.