Unternuktunggökatt ,ur „Äilgsburger Postzeitung." Nr. 55. Mittwoch. 11. Juli 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Anna berichtete von der Zeit ihres Unterrichts, den ihr Sophie Dörner ertheilt und nachdem diese entlassen von den beiden Jahren, die gefolgt und unter häuslicher Thätigkeit schnell verflossen waren. Jetzt hielt sie inne» und sie forschend doch liebevoll ansehend, sagte ihr Großvater: „Hast Du mir nichts weiter zu erzählen, Anna?" Sie senkte erröthend die Augen, der Landkammerrath aber fuhr mit tieferer Stimme fort: „Kind, laß mich das Ende hinzusetzen, das nicht schwer zu errathen istl — AuS Waldemar, Deinem ehemaligen Kindheitsgenossen, ist ein Graf Steinhorst geworden, der auf seine Güter zurückgekehrt ist, meine Enkelin liebt, und den sie wieder liebt, allein seine Großmutter will keine Verbindung mit dein bürgerlichen Mädchen gestatten!" Anna war noch tiefer erröthet, blickte aber den Landkammerrath offen und zuversichtlich an und erwiderte: „Es ist wie Du sagst, Großvater, doch wird sie es dennoch thun. Großvater Kohring will ihr meinen wahren Namen nennen, und gedenkt dadurch ihre Zustimmung zu erlangen, denn ohne diese will auch er unsere Verbindung nicht gestatten!" „So stehen also die Dinge", entgegnete nachdenklich der Schloßherr, und konnte in seinen, Herzen dein Förster seinen Beifall nicht versagen. „Wie wäre es, wenn ich an die Gräfin schriebe, denn ohne ihren Enkel gibt es auf Erden wohl kein Glück für Dich?" — Anna senkte den Blick, erhob ihn aber nach einigen Sekunden wieder und sagte in bittendem Ton: „Großvater, überlasse Alles meinem Großvater Kohring, der vielleicht schon jetzt mit der Gräfin gesprochen und auf dem Wege hierher ist!" „Er will also kommen?" fragte schnell der Landkammerrath. „Er wäre gekommen, Großvater, auch wenn Du mich nicht eingeladen hättest, um meinetwillen, um mein Glück wollte er die Reise unternehmen!" „So werde ich denn auch ihn nach so langen Jahren wiedersehen!" sagte sinnend der greise Schloßherr, fügte aber alsbald lebhafter hinzu: „Anna, Du mußt hier sogleich als meine Enkelin auftrete», denn ich kann und werde nicht zugeben, daß vielleicht meine Leute Dich erkennen, und ich irgend eine Frage oder Andeutung ihrerseits erfahren müßte. Meine älteren Diener kennen die früheren Familienereignisse zur Genüge, und die jüngeren haben von ihnen davon gehört — doch genug davon! — Schreibe Deinem Großvater Kohring, was sich hier zugetragen, lade ihn wie auch Deine Tante in meinem Namen ein-" „Ich werde noch heute den Brief besorgen, Großvater", unterbrach Anna, die fast 434 zu träumen wähnte, und kaum begreifen konnte, daß ihr Geschick sich so plötzlich um» gestaltet. „Weiß Sophie Dörner, wer Du bist?" fragte der Landkammerrath nach momentanem Schweigen. „Nein, Großvater, sie weiß nur, daß ich Förster Kohring's Enkelin, Anna Herfeld, bin! — " „Jetzt muß sie wissen, daß Du auch meine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald bist!" antwortete der Landkammerrath mit einem Blick voll väterlichem Stolz und väterlicher Freude, und fügte mit weicher Stimme hinzu: „Die ich aber nur gefunden zu haben scheine, um sie schon wieder mit einem geliebten Gatten ziehen zu lasten. Doch wird das sobald noch nicht sein, Anna, und damit stimmt gewiß Dein Großvater Kohring mit mir überein, und wollen vorläufig nur an Deine Verlobung mit Graf Steinhorst denken! —" XXIII. Anna war von ihrem Großvater den Leuten der Haushaltung und des Gutes als seine Enkelin, Anna Thusnelda von Bodenwald vorgestellt worden, und Alle hatten die Weisung erhalten, in ihr die Herrin des Schlosses zu sehen. Niemand war froher über dies Ereigniß als Bergmann's, die ihr in herzlichen Worten Glück dazu wünschten, ihr aber auch die Versicherung gaben, daß sie sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit erkannt hätten. Anna mußte auch ihnen, den treuen Freunden ihrer Eltern und Groß» eitern, eingehend von ihrem bisherigen Leben in Vahrenwald berichten, und mit großem Interesse hörten sie ihr zu, und freuten sich über die Aussicht, ihren alten Freund so bald und gesund und wohlbehalten wieder zu sehen. Sophie Dörner, welcher die näheren Familienverhältniste im Försterhause von Vahrenwald unbekannt geblieben, hatte diese von Anna, ehe ihr Großvater sie als seine Enkelin vorgestellt, voll Ueberraschung und Theilnahme vernommen. Auch sie hatte ihr Glück gewünscht, die ihr gebührende Stelle erlangt zu haben, und hatte scherzend hinzugefügt, daß man sie nun wohl bald als Gräfin Steinhorst begrüßen könne. Thusnelda war sehr glücklich, in Anna jetzt eine Cousine zu haben, und als scherzend ihr Großvater sagte, daß sie nun nicht mehr die einzige Erbin ihrer Großmutter sei, sondern alle vorhandene» Schätze derselben mit Anna zu theilen habe, erwiderte sie den Arm um diese schlingend, während sie sie zugleich voll zärtlicher Bewunderung betrachtete: „Großpapa, es ist genug für uns Beide da, und Anna, die so gut und so schön ist» soll vorn Allem daN Schönste und Beste haben!" Für den greisen Schloßhrrrn war ein anderes, ein nie gekanntes Leben angegangen, und rückhaltlos gab er sich der Freude über den Besitz seiner schönen Enkelin hin, die ihm die aufmerksamste Pflegerin und liebste Gesellschafterin war, und wie er zu seiner Genugthuung erfuhr, mit eben so viel Liebe, wie Bewunderung betrachtet wurde. Aber auch Anna war froher und heiterer, wie sie seit langer Zeit gewesen, denn alles Dunkel, was bisher ihr Leben getrübt, jedes Hinderniß, das ihrem Glück störend entgegen getreten, war plötzlich und unerwartet geschwunden, und allem menschlichen Ermessen nach mußte sich ihre Zukunft glücklich gestalten. Von ihrem Großvater und ihrer Tante, denen sie alle Ereignisse eingehend geschrieben, war noch keine Antwort angelangt, doch beruhigte sie sich mit dem Gedanken, daß möglicherweise Ersterer auf die entscheidende Unterredung mit der Gräfin Steinhorst zu warten haben, und sie erst nach dieser schreiben, oder gar selbst kommen würde. Während dieser Zeit hatte Anna den Buchenhof besucht, begleitet von Sophie, Thusnelda und Bergmann's. Als sie ihre erste Heimath gesehen, wo jetzt ein fremder Verwalter wohnte, waren dem Andenken ihrer Eltern ihre Thränen geflossen, und Bergmann's mußten ihr alle ihnen aus jenen Tagen erinnerlichen Ereignisse erzählen. An einem andern Morgen hatte sie sich von ihnen in das Mausoleum, wie auch 46S nach dem Friedhof des Dorfes führen lassen, und hatte die Särge ihrer Eltern und das Grab ihrer Großmutter, das sie sorgsam erhalten und gehütet gefunden, mit Blumen reichlich geschmückt. Sie schloß sich Bergmann'S überhaupt mit warmer Zuneigung und Dankbarkeit an, und diese brachten ihr die Liebe entgegen, welche sie für ihre so früh verstorbenen Eltern empfunden. So war der neunte Tag nach Absenkung des Briefes herangekommen; gegen Mittag befand sich Anna im Wohngemach, dessen Thüren bei der andauernden Septembersonne weit geöffnet standen; Sophie Dörner und Thusnelda waren mit den Unterrichtsstunden beschäftigt, und ihr Großvater, welcher wiederum einige Schmerzenstage gehabt, war mit dem Verwalter in seinem Zimmer beschäftigt. Sie hatte schon eine Welle gedankenvoll in den Garten geblickt, dessen Bäume und Stäucher der Herbst leise zu färben begann, und endlich ihren Gedanken Worte gebend, sagte sie halblaut: «Nur eine Stunde möchte ich im Försterhause bei meinem Großvater und meiner Tante sein, möchte Christine und meinen treuen lieben Wolf sehen, die Alle sich freuen würden, mich wieder in ihrer Mitte zu haben! Aber-- und hier lauschte sie aufmerksam — «war das nicht ein Posthorn? — Jetzt höre ich «S deutlich — sollten — sollten sie es sein?" und hastig das Wohngemach verlassend, eilte sie in die Vorhalle, wo sie August traf, welcher sagte: «Es ist eine Extrapost, gnädiges Fräulein, und wird entiveder hierher kommen, oder zum Herrn Verwalter fahren —* und lustig und kräftig stieß jetzt der Postillon in'S Horn, daß es weithin hörbar war. «Nein, nein, sie kommt hierher!" rief jetzt Anna mit steigender Erregung. «Aber sehen Sie, August, sie hält im Thor." Wirklich hielt der Postwagen an dein Eingangsthor, ein großer, schwarzer Hund sprang zur Erde, und mit dem Ruf: «Wolf! — Wolf! hierher!" trat sie auf die Treppe, für den Augenblick Alles um sich her vergessend, denn ihr Großvater und ihre Tante muhten in dem Wagen sein. Jetzt hatte der Neufundländer, der die ihm wohlbekannte Stimme vernommen, sie erreicht und sprang mit lautem, freudigen Bellen an sie heran, bis seine Vorderpfoten auf ihren Schultern lagen, und er ihr voll Freude und Treue in die Augen blickt«, während sie seinen glänzenden schwarzen Kopf streichelte, und ihn mit den zärtlichsten Namen benannte. Einen Moment hatte der Diener voll Rührung dieser Szene zugesehen, und war dann zu dem Landkammerrath geeilt, um ihm die Ankunft der Extrapost mitzutheilen. Bei dieser Nachricht wechselte der Schloßherr die Farbe, und die Hand, welche die Feder zur Unterschrift hielt, zitterte merklich. Doch währte dies nur eine Sekunde, dann sagte er zwar noch mit unsicherer Stimme zu dem Verwalter, welcher im Begriff war, sich zu entfernen: «Bleiben Sie, Bergmann, damit auch Sie Kohring sehen und begrüßen können, denn ohne Zweifel wird er in dem Wagen sein!" Unterdeß war die Extrapost angekommen, und Förster Kohring ausgestiegen. Anna war herzugeeilt und lag im nächsten Augenblick an ihres Großvaters Brust. Dieser drückte einen Kuß auf die Stirn des geliebten Enkelkindes, und führte es darauf in die Vorhalle, wohin ihnen Frau Albrecht, die ebenfalls ausgestiegen, folgte. «Großvater, mein lieber, theurer Großvater!" mehr vermochte Anna nicht zu sagen, blickte aber unter Thränen der Freude und Rührung in seine Augen, indeß er leise sagte: »Der Herr hat Alles gut gemacht, mein Herzenskind —" „Ja, Großvater das hat er!" entgegnete Anna und die folgenden Schritte vernehmend, entwand sie sich seinen Armen und flog ihrer Tante entgegen, die sie ebenfalls tief bewegt an ihre Brust schloß, während Anna in der freudigen Aufregung ihres Herzens das Gesicht der mütterlichen Freundin mit Küssen bedeckte. Im Begriff, sich mit ihnen in'S Wohngemach zu begeben, wandte sie das Haupt und stieß einen Laut der Ueber- 436 raschung aus, denn Graf Steinhorst, dessen Züge die tiefste Bewegung verriethen, stand vor ihr. „Anna!" rief er schnell, näher tretend, und sie vermochte nur „Waldemar!" zu erwidern, dann hielten sie sich fest umschlangen; und unter Thränen blickten der Förster und seine Nichte auf das so glückliche jugendliche Paar. Graf Steinhorst ermannte sich zuerst und sagte mit einem Blick inniger Liebe auf das schön« Mädchen, das an seiner Brust lag: »Anna, ich bin mit der Bewilligung Deines Großvaters und meiner Großmutter hier.-" „Aber mein Großvater Bodenwald, Waldemar", entgegnete Anna schnell. „So führe mich zu ihm, Geliebte, damit ich Dich endlich meine Braut nennen kann! —" Der Landkammerrath blickte erwartungsvoll nach der Thür, versuchte vergeblich die Bewegung zu unterdrücken, die sich seiner bemächtigt. Es blieb ihm auch keine Zeit dazu, denn die Thür ward geöffnet, an der Hand ihres Geliebten trat Anna ein, und sagte, sich mit ihm dem Krankenstuhl nähernd: „Großvater, hier bringe ich Dir Waldemar — Graf Steinhorst", fügte sie schnell und erröthend hinzu. „Herr von Bodenwald", begann der junge Mann, voll Theilnahme auf den greisen kranken Schloßherrn blickend. „Herr Graf", unterbrach ihn dieser mit unsicherer Stimme, „ich weiß Alles, habe Alles durch meine Enkelin erfahren, Ihr Hiersein beweist mir, daß Ihre Frau Großmutter -" „Meine Großmutter heißt Anna als Enkelin gern willkommen." „So bin ich auch damit einverstanden, daß sie die Ihre wird!" und Beider Hände ineinander fügend, umschloß er sie mit festem, warmem Druck, während seine Lippen leise Segensworte sprachen. „Anna, jetzt meine Braut", rief in lebhafter Freude Graf Waldemar, umfaßte sie noch einmal und ihre Lippen begegneten sich zum ersten Verlobungskuß. Jetzt ward nochmals die Thür geöffnet, und voll Spannung, die jeder Zug seines gefurchten Gesichtes verrieth, blickte der Landkammerrath den Eintretenden, Förster Kohring und Frau Albrecht, begleitet von dem Verwalter, der hinausgegangen war sie zu begrüßen, entgegen. Einen Augenblick sah der Förster auf die einst so stolze Gestalt des Schloßherrn von Bodenwald, der jetzt in Decken gehüllt im Krankenstuhle lag; einen Augenblick sah dieser auf den stattlichen Mann, aus dessen Augen jedoch der jahrelange Kummer sprach, dann reichten sich Beide stumm die Hände, und Jeder zerdrückte im Auge die Thräne, welche die Erinnerung an die Vergangenheit hervorgerufen. Nicht minder bewegt ward Frau Albrecht von dem Landkammerrath begrüßt der sie zwar persönlich nicht kannte, ihr jedoch für das, was sie seiner Enkelin gewesen, die größte Dankbarkeit zollte. Während dieser Begrüßung aber trat Anna mit ihrem Verlobten zu ihrem Großvater Kohring, und ihn voll kindlicher Liebe umfassend, flüsterte sie: „Habe Dank, Großvater für Alles, was Du für mich gethan!" worauf er Beide in seine Arme schloß, und mit kaum vernehmbarer Stimme sagte: „Und mit Freuden habe ich es für Dich, mein Herzenskind, gethan l — Mögt Ihr nun glücklich seii^und werden, und der Herr mir noch einige Lebensjahre vergönnen, damit ich mich Eures Glückes freuen kann!" „Und die wirst Du in unserer Mitte verleben, Großvater", rief lebhaft Graf Waldemar, „Du und die Tante, Ihr müßt fortan bei uns auf Steinhorst wohnen, denn ohne Euch kann ich mir dort den Aufenthalt nicht denken!" Jetzt sagte auch Frau Albrecht dem Brautpaar ihre Glückwünsche und darauf stellte Anna Bergmann ihren Verlobten vor. Auch dieser beglückwünschte sie in herzlicher Weise und fügte mit unsicherer Stimme hinzu: 437 „Dem Herrn sei Dank, gnädiges Fräulein, baß er mich und meine Frau diesen Tag erleben ließ, denn wer außer Ihrer Familie könnte sich wohl mehr über Ihr Glück freuen l" Es trat eine ruhigere Stimmung ein, und eben wollte der Landkammerrath seiner Enkelin auftragen, Thusnelda, ihre Erzieherin und auch Frau Bergmann holen zu lassen, als diese eintraten. Es wiederholten sich noch einmal die Vorstellungen, Begrüßungen und Glückwünsche, wobei ThuZnelda mit sichtlicher Genugthuung hörte, daß Graf Waldemar sie seine künftige Cousine nannte und sie aufforderte, später Anna in Steinhorst aufzusuchen. Da nach aller Aufregung der greise Schloßherr der Ruhe bedürftig war, so verließen ihn sämmtliche Anwesende, und während die Angekommenen ihre Zimmer aufsuchten, begaben sich die Schloßbewohner in den Wohnsaal, wo Jene sich bald wieder bei ihnen einfanden. Beim Mittagsessen, an den« auch Bergmann's Lheilnahmen, fand sich auch der Landkammerrath wieder ein; dies verlief in möglichst heiterer Stimmung, denn die früheren Erinnerungen wurden fern gehalten, und Graf Waldemar ließ sich die Unterhaltung der beiden Großvater besonders angelegen sein. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Mensch weint oft im Schlaf; wenn er erwacht, weiß er kaum» daß er Thränen hatte Dafür halte das Leben. Im zweiten weißt Du nicht mehr, daß Du im ersten geweint. Jea» Paul. Gott ist das Licht, das selber nie gesehen, alles sichtbar macht und sich in Farben verkleidet. Nicht Dein Auge empfindet den Strahl, aber Dein Herz dessen Wärme. Jean Paul- Das ist ein süßer Trost dem Menschenfreunde, Daß alles, was nur lange wo bestanden, Und sei's der Tod, — vom menschliche» Gefühl Stets wiederholt gefaßt und stets gemildert, Sein nnhsitfchweres längst verloren, wenig Bedeutet, ja oft schön und menschlich ist, Geschmückt mit jenen jegenjchweren Blumen, Die treu in Gott aus alle Tage streut. Leopold Scheser. Begegne jedem Bösen zart und sanft! Begegn' ihm hilfreich, denn du kannst kaum denken, Welch' schmählich Sein er trägt, wie viel er Kraft Verschwendet, um sich ausrecht in der Fülle Der Edleren zu hallen. Leopold Scheser. Hätte die Kahe Flügel, kein Sperling wäre in der Luft mehr: Hätte, was jeder wünscht, Jeder, wer hätte noch was? Herder. Echterrrach und die Spriirgprocessiorr. (Schluß.) Ueber den historischen Hintergrund der Echternacher Springprocession ist viel geschrieben worden; geschichtlich Verbürgtes liegt nicht vor. Die Forschungen sind zu den seltsamsten, manchmal geradezu abgeschmackten Erklärungsversuchen gekommen. Der 1755 gestorbene Historiker Bertholet erzählt in seiner Geschichte des Großherzogthums, bald nach St. Willibrordns Tod sei, der Legende nach, eine Viehseuche ausgebrochen, die sich in ganz tollen Springen und Capriolen geäußert habe. Zur Abwehr des Uebels habe man gelobt, tanzend und springend zum Willibrordus-Grab zu wallfahrten. Der geschichts- kundige Pros. Marx sieht die Erscheinung in seiner Geschichte des Erzstists Trier als ein Echo des 1349 aufgetauchten Flagellantenthums an. Der Tanz ist indeß schon vor den Flagellanten nachweisbar. Anderseits ist der Tanz ein lustiger Dreisprung, der den Gedanken an Büßersinn nicht aufkommen läßt. Servatius Ottler, ein Chronist der 46 « Abtei Prüm hebt 1623 die Möglichkeit hervor, daß es sich um das Ueberbleibsel eines heidnischen Brauches handele. Professor Krier, früher NeligionSlehrer in Echternach, jetzt Regens des Convicts in Luxemburg, schließt sich dieser Ansicht in seiner 1871 erschienenen Abhandlung über „die Springprocession" an. Geschichtlich steht fest, daß der Tanz als Ausdruck der Freude wie des Dankes einen Theil des heidnischen Gottesdienstes bildete. Tief eingewurzelte Bräuche vermochte auch das Christenthum nicht zu verdrängen. Darum begnügte man sich, ihnen einen christlichen Gedanken unterzuschieben. Etwas der Echter« nach» Procession Aehnliches berichtet Montalembert in den Mönchen des Abendlandes. Der h. Aldhelmus, der Begründer des Klosters Malmesbury, ein Zeitgenosse des heil. Willibrordus, wurde bei der Rückkehr von seinen Missionsreisen unter den rhytmischen Tänzen der zusammengeströmten Bevölkerung in Empfang genommen. Ganz so mag es in Echternach gehalten worden sein, wenn Willibrord von seinen vielen Bekehrungsreisen zum Pfingstfest in die Mauern der von ihm in's Leben gerufenen Abtei wieder einzog. Die Tänze, welche man bei seinen Lebzeiten zu seinem Empfange veranstaltete, hat man nach seinem Tode zu seinem Grabe als Ausdruck freudiger Verehrung fortgesetzt. In der Volks-Tradition findet diese Combination eine Unterstützung nur in so weit, als nach ihr das Entstehen der Procession jedenfalls in das Zeitalter Willibrord's zurückreicht. Im Uebrigrn habe ich bei meinen Nachfragen in den verschiedensten Bevölkerungskreisen — so weit sie sich überhaupt unterrichtet zeigten — meist den Bescheid bekommen, die Springprocession gelte als Bittgang gegen den Veitstanz oder gegen die Epilepsie. Als solcher sei er eingeführt worden zur Zeit der Veitstanz-Epidemie. Neuestens spricht sich auch Professor Marx für diese Lesart aus. Aber auch hier ist zu antworten: die Pro« crssion existirte schon vor der Veitstanz-Epidemie, die allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Luxemburg und dessen weitester Umgebung geherrscht hat. Und dann — es liegt etwas geradezu Ungereimtes in dem Gedanken, man habe ein Uebel abwehren wollen durch Nachahmung der Zuckungen und Bewegungen der unglücklichen Kranken. Da klingt ungleich poetischer eine andere Version. Danach wäre „der lange Veit" der Schöpfer der Procession. Er lebte zu Willibrordus Zeit. Von einer Wall» fahrt in's gelobte Land kehrte er nach langer Gefangenschaft bei den Mohammedanern ohne feine inzwischen gestorbene Gattin zurück. Die Güter des Todtgeglaubten waren von den Verwandten vertheilt worden. Um deren Herausgabe abzuwehren, wurde Veit beschuldigt, seine Gattin ermordet zu haben. Das Gottesgericht entschied gegen ihn. Veit sollte am Galgen sterben. Als letzte Gnade bat er sich aus, seine aus dem Morgen- lande mitgebrachte Geige spielen zu dürfen. Veit spielte und spielte. Die Volksmenge wurde durch die Töne wie bezaubert. Mit einem Schlage sing Alles an zu tanzen Groß und Klein, Männer und Frauen, Richter und Henker, und schließlich gar Ochs und Pferd, Katz und Hund. Nichts vermochte sich dem Zauber zu entziehen. Der Spielmann verschwand. Der Tanz dauerte fort, insbesondere bei den habgierigen Verwandten Veit's. Willibrord brach den Zauber. Die von dem Uebel Befreiten erblickten in dem Vorgang einen Hähern Fingerzeig für den ungerechten Nichterspruch. Als Sühne wurde die Springprocession eingeführt. Natürlich, diese Sage ist Dichtung. Als innerlich und geschichtlich berechtigte Erklärung erübrigt eigentlich nur die Annahme, daß die Springprozession ihrem Kern nach ein in ein christliches Gewand eingekleideter heidnischer Brauch ist. Wenn Herr Professor Krier sich auf diesen Boden stellt und dabei doch für die Procession begeistert, so läßt sich das wohl nur voin Gesichtspunkt eines nicht ganz unbefangenen Local-Patrkotismus erklären. Nicht als ob allen Bräuchen der Garaus gemacht werden soll, deren Wurzeln in die Zeit des Heidenthums zurückreichen. So wird sich gewiß Niemand an der anmuthigen Christbaum-Feier stoßen, obwohl die heidnische Jul-Feier bei ihr Pathenstelle vertreten hat. Der Echternach» Springprocession läßt sich etwas Sinniges oder äußerlich Schönes beim besten Willen nicht abgewinnen, Interessant ist, daß die in Echternach jetzt noch bestehende Springprocession bis vor stark hundert Jahren auch in der gleichalterigen Abtristadt Vrüm in der Eifel genau 433 in derselben Art und Weise stattgefunden hat. Durch Decret des letzten Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus und durch Verordnung des Weihbischofs von Hontheim vom Jahre 1777 wurde für Prüm wie für Echternach „das bei den Processionen übliche Tanzen und Springen" als „unschicklich" verboten. Gleichwohl hat Echternach die Spring« procession 1802 wieder aufgenommen. In Prüm hingegen hat sich nur noch eine Bitt« procession erhalten. Der echte Frommsinn würde keine Einbuße erlitten haben, wenn man in Echternach dem Prümer Beispiele gefolgt wäre. Zweifellos würde sich die jetzige Gestalt der Procession ganz von selbst verlieren, wenn ihr geschichtlicher Hintergrund genügend bekannt wäre. Theorie und Praxis. „Was Unsinn!", sagt zum Hans der Veit, „Noch nach dem Tode fort zu leben?! Ha, dazu bin ich längst schon zu gescheidt, Aus solche Thollheit noch etwas zu geben! Ei, hin ist hin, gerade wie beim Thier, Und drum, je bälder, um so lieber mir!" Piff, paff! kracht da des Jägers Schuß, Die Kugel hatte säst des Veiten Kopf errathen, Und Veit, voll Schrecken darüber und Verdruß, Läuft zu verklagen ihn, — zum Advokaten! C. Halb eck. Mtseellen. (Eine Stunde mit einer Todten.) Im Pariser „Figaro" berichtet ein Mitarbeiter Jgnotus, hinter welchem Pseudonym sich ein Baron Patel verbirgt, unter dem spannenden Titel: „Eine Stunde mit einer Todten" über einen nur wenig bekannten Frauenorden, die „barfüssigen Klarissinnen", denen er eine unbegrenzte Bewunderung widmet. Diese Klarissen haben im Jnvalidenviertel ein Kloster, das nur 18 Nonnen und einige Laienschwestern für ihre Bedienung zählt. Vierzehn der Nonnen sind unter dreiundzwanzig Jahre alt; denn die Regel ist so streng, daß die meisten Bewohnerinnen des Hauses jung sterben. Sie tragen ein rauhes Wollkleid mit einem Strick als Gürtel, gehen das ganze Jahr barfuß auf kalten Steinböden, wärmen sich niemals an einem Feuer, da sogar der Küchenherd außerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs liegt, essen nur einmal des Jahres, am Weihnachtstage, Fleisch und sonst nur eine geringe Gemüsesuppe, schlafen auf einem Brett, das einen Meter im Geviert hat und ein Ausstrecken der Glieder nicht gestattet, unterbrechen ihre sechsstündige Nachtruhe durch zweistündiges Gebet, knieen zehn Stunden des Tags in der Kapelle, leben von Almosen und dem Ertrag ihrer Arbeit, die sie neben den religiösen Uebungen verrichten, dürfen unter sich nur die unerläßlichsten Worte sprechen und gewöhnen sich auch diese oft dermaßen ab, daß die Äbtissin dem sie durch einen eisernen undurchsichtigen Schieber in der Wand interviewenden Jgnotus versicherte, mehr als eine ihrer Nonnen wäre heute nicht mehr im Stande, einen Satz zu bilden. Die Insassen des Klarissenklosters gehören größten- thrilS vornehmen Geschlechtern an. Sie dürfen mit der Außenwelt gar nicht mehr verkehren und sich ihren Eltern nur einmal im Jahre durch das Gitter der Kapelle aus der Ferne zeigen. Wenn eine der Nonnen stirbt, so wird sie von ihren Genossinnen in den Sarg gebettet und dieser auf die Grenze der Klausur gestellt, wo die Behörden die Todtenschau im leeren Zimmer vornehmen können. (Zur Erinnerung an Theodor Körner.) Vor 70 Jahren, nämlich am 18. Juni 1813, wurde bekanntlich Theodor Körner zu Kitzen schwer verwundet. Die den am Boden Liegenden zuerst auffand und zur Rettung des Dichters die geeigneten Schritte that, war ein lOjähriges Mädchen. Die Helferin in Todesnöthen lebt heute noch als 80jährige Frau in Grvßzschocher bei Leipzig, und zwar in kümmerlichen Ver- — 440 — hältnifsen. Schriftsteller Dr. Karl Siegen hat nun Gelegenheit genommen, von diesem Umstände den deutschen Kaiser in Kenntniß zu setzten und demselben die Bitte um Unterstützung der alten Frau — Therese Haubenreißer ist ihr Name — auszusprechen. Da« Vorgehen ist von gutem Erfolg begleitet gewesen, denn der Kaiser hat sich bewogen gefunden, der Therese Haubenreißer auf Lebenszeit eine monatliche Unterstützung auszusetzen, welche auf Veranlassung des k. preußischen Gesandten zu Dresden, Grafen von Dönhof, am 18. Juni zum erstenmale durch den Ortsgeistlichen von Großzschocher, Superintendent vr. Michael, ausbezahlt worden ist. * (Eine königliche Verordnung.) Friedrich der Große, „der alte Fritz", erhielt einmal von dem Magistrat« einer kleinen märkischen Stadt F. die unterthänige Anzeige, es habe der Tischlermeister N., wohnhaft in selbigem Orte, „Gott gelästert, den König geschmäht und den Magistrat beleidigt", weßhalb ein hoher Magistrat um gestrenge Bestrafung des Delinquenten ersuche. Die Antwort des Königs lautete folgendermaßen: „Daß der Tischler N. Gott gelästert hat, ist nur ein Beweiß, daß er ihn nicht kennt, — daß er Mich geschmäht hat, vergebe ich ihm, aber, daß er sogar den hohen Rath der Stadt F. beleidigt hat, dafür soll er — eine halbe Stunde nach Spandau." (Festung bei Berlin.) (Opernsängergeschichten.) Die „W. Abdp." schreibt: In Theaterkreisen erzählt man sich zwei unglaubliche, aber wahre Opernsängergeschichten. Ein Baritonist gerieth kürzlich bei einer Diskussion über „Faust" so sehr in Eifer, daß er behauptete, Gounod's Oper sei älter als die gleichnamige Tragödie. Kürzlich, bei einer Aufführung des „Orpheus", wurde ein Tenorist von einem Kollegen aufgefordert, nach der Loge eines hochgestellten Herrn zu blicken, da sich Gluck in derselben befinde. Der Tenorist richtete sein Opernglas, sah hin und sagte: „Nach der Photographie habe ich mir Gluck jünger vorgestellt." .... Das Alles macht wohl die Hitze! (Eine hübsche Anekdote von einem charakterfest en Politiker) erzählt der „Figaro". Es war unmittelbar nach dem Staatsstreich des Jahres 1851. Ein Republikaner, der seit 1848 einen ziemlich hohen Posten in einem Ministerium bekleidete begegnete auf der Straße einem Freunde, der in der Seinepräfektur angestellt war. „Ich habe soeben meine Demission gegeben," ruft er erregt dem Freunde zu, „ich hoffe, daß Du auch die Deinige geben wirst." Nach einer kurzen Pause der Ueber- legung antwortet der Freund höflich: „O bitte, die Deinige genügt mir!" (Amerikanisches.) In einigen Countyblättern des amerikanischen Westens fand sich vor Kurzem eine Anzeige, in welcher in pomphaften Reklamestiel die „billigste Nähmaschine der Welt" zum allerdings erstaunlich billigen Preise von 1 Mark osferirt wurde. Gar manche brave Farmersfrau, die auf den offenkundigen Schwindel hereingefallen, erhielt von dem inserirenden „Fabrikanten" — eine Nähnadel zugesandt. (Im Gebirge.) Baron: „Sagt mal, Bäuerin, wie bringt Ihr denn das Muster auf dem Kuchen so schön fertig? Ihr habt wohl ein eigenes Instrument dazu?" — Bäuerin: „O na, Herr Baron, dees macht ma mit'm Kämpe (Kamm)!" Sinngedicht. „Es bringt doch gar zu viele Müh'n, Sich Geist und Herz zu bilde», Und manches muß von dünnen zieh'n, Was lieb und werth wir hielten I" Du möchtest wohl in aller Nutz Des Lebens Weisheit kriegen? — Sahst Du beim Hobeln niemals zu, Wie da die Spähne fliegen? E. Halbeck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Huttler.