Nr. 57. 1883, »m „Äilgslmrger PostMnng." —- — « « > >- Mittwoch, 18. Juli Ein Jahr Uogenieben. Von Georg Numüller. „Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all' der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm', ach komm' in meine Brust!" Die Abendsonne sandte ihre noch immer glühenden Strahlen auf den menschenleeren,' baumlosen Marktplatz der mitteldeutschen Stadt G. ...» als sich an einem Fenster des Eckhauses das Gesicht eines Mannes blicken ließ» der ungeduldig Jemanden zu erwarten schien. Man hätte dieses Gesicht nämlich schön nennen müssen, wenn nicht ein beständiges Zucken der Mundwinkel und stetes Aufflackern der Augen Zeugniß gegeben hätten von einem unruhigen, friedlosen Geiste, der den ganzen Menschen beherrschte. Darum konnte man auch den Pros. Paul Graf wohl für vierzigjährig halten, obwohl er erst in dem Jahre stand, das man in der Negel als Beginn des Mannesalters bezeichnet. Das „„gescheitelte lange Herabwallende Haar und ein etwas struppiger, blonder Bart, in dem sich bereits einige graue Sprößlinge zeigten, gaben Zeugniß, wie wenig deren Eigenthümer bemüht war, die Leute im Betreff seines Alters auf anders Ansichten zu bringen. Was lag ihm an der Meinung der Welt. Für ihn war die Welt todt, soweit sie nicht seine Elsa und sein Kind umfaßte. Für diese nur lebte er, ihnen gehörte seine ganze Liebe, all sein Sinnen und Trachten. Und doch brannte noch ein anderes Feuer in der Brust des Mannes — ein heißes Sehnen nach Ruhe und Friede. Doppelt empfand er diese Quak, wenn seine Lieben fern von ihn, weilten, um in milderer und reinerer Luft Erholung zu suchen. — Auch heute erschien ihn, die Welt doppelt öde, sein Dasein fried- und freudloser als je. Jetzt verließ er das Fenster und begann hastigen Schrittes in dem Zimmer auf und ab zu wandeln. Dieses, ein großes Helles Gemach, zeigte auf den ersten Blick seine Bestimmung. In der Mitte stand ein großer, eichener Schreibtisch, die Wände bedeckten Bücher und Kupferstiche, welche Begebenheiten aus der Geschichte oder Illustrationen zu deutschen Klassikern darstellten. Die Ecken zierten die Büsten unserer Geistes- herocn. Neben einer halbvollendeten Arbeit lag auf dem Schreibtische Goethe's Faust aufgeschlagen. Draußen läutete die Abendglocke und lud zum Gruße der Jungfrau ein, in der das Wort Fleisch geworden. Paul nahm das Buch zur Hand und murmelte Faust's Worte vor sich hin: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir sehlt der Glaube, Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind Zu jener Sphäre wag' ich nicht zu streben, Woher die holde Nachricht tönt. Und doch, an diesen Klang von Jugend aus gewöhnt, Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß Aus mich herab in ernster Sabbathstille, Da klang so ahnungsvoll des Glockcntones Fülle. Und ein Gebet war brünstiger Genuß. *) Nachdruck ohne Erlaubniß verboten. 45b Da meldete sich statt des sehnlichst erwarteten Briefboten ein Mann, der nach sorgfältiger Erkundigung, ob er an die richtige Adresse gelangt sei, einen wohlversiegelten Brief übergab, mit der Bitte, dessen Einhändigung zu bescheinigen. Hastig erbrach Paul das Schreiben, und nachdem er einen Blick in dasselbe geworfen, händigte er die Bestätigung dem Ueberbringer ein. Dieser, ein süßlächelnder, älterer Mann mit grünlich schillernden Augen, die stets spähend umher schweiften, entfernte sich mit tiefen Bücklingen und fast vertraulichem Blinzeln, indem er baldiges Wiedersehen wünschte. Paul schloß die Thüre ab, um ungestört seinen Gedanken und Empfindungen sich hingeben zu können. Das Schreiben enthielt nämlich — die Auf- nahmsurkunde in den Bund der Freimaurer und zwar in die Loge „Zur Verbrüderung", die seit langer Zeit in der Stadt ihre Thätigkeit entfaltet hatte und in maurerischen preisen in hohem Ansehen stand. Schon vor einigen Wochen hatte Paul um Aufnahme in den Orden nachgesucht; er wollte dort den Frieden finden, den er mit dem Glauben verloren hatte. Jetzt war der erste Schritt in jene unbekannte Welt gethan, die durch Bruderliebe und echte Humanität beseligen sollte. — Und doch wogte es in der Brust des Mannes, wie wenn der eisige Föhn über die Wasser des Sees dahin wirbelt, als er jetzt den Schlüsse! zur Thüre der ersehnten Wahrheit und Bruderliebe in Händen hielt. Er dachte an die Zeit, wo seine liebe, gute Mutter ihm die Hände gefaltet und beten gelehrt hatte, an die Freudenthränen, die sie vergoß, als er zum ersten Male dem Tische des Herrn sich nähern durfte, an ihre Segensworte, die den jungen Studenten bei seinem Abschiede aus dem Vaterhause begleiteten, an den liebevollen Kuß» der ihn beglückte, wenn er am Schlüsse des Jahres ihr das Zeichen seines Fleißes und guten Betragens zeigen konnte, an das Leid, das er ihr verursacht, als er eines Abends, den Lieblingsplan der Mutter ihren geliebten Paul einst am Altare Gott das unschuldige Opfer darzubringen, jählings vernichtete — an die Zeit seiner eigenen Ruhe und des Herzensfriedens, der mir diesem jähen Schritte ihn verließ. Hatte er unrecht gethan, als er das Kleid des heiligen Venediktus ablegte, ehe die Hand des Oberhirten ihn für immer aus der Welt ausschied? Er glaubte recht zu handeln, indem er die Lehre der Kirche mit der Weisheit der Welt nicht vereinbaren konnte. Und doch war ein stilles Sehnen nach der einsamen Klosterzelle ihm geblieben, mitten in der Welt, mitten im rauhen Kampfe um Gründung einer neuen Lebensexistenz. Da hatte er seine Elsa kennen gelernt und ihr holdes Wesen, umwoben vom Zauber der Unschuld, Reinheit und Herzensgüte hatte den unruhigen Mann zum innigliebenden Gatten gemacht. Und als ihm seine Lieb' noch die kleine Lina geschenkt, da jubelte er auf in Wonne und Glück und glaubte für immer Ruhe gefunden zu haben. Allein es war nur die Ruhe vor dem Ausbruch des tobenden Gewitters. Wie der Sturm nach tagelanger Schwüle mit doppelter Heftigkeit Alles entwurzelnd über die Gefilde dahin braust und der Hagel die Hoffnung des händeringenden Landmannes vernichtet, so entfesselten sich mit doppelter Gewalt die Leidenschaften in Pauls Brust und trauernd mußte Elsa sehen, daß all' ihre Liebe nicht die Leere in der Brust ihres Mannes auszufüllen vermochte. Wenn dann, nachdem er die Nacht an seinem Arbeitstische zugebracht hatte oder ruhelos umhergeschweift war, die gerötheten Augen seines treuen Weibes schaute, dann schnürte es ihm wohl krampfhaft das Herz zusammen, dann drückte er seine Lieb an die Brust und suchte mit innigen Küssen die Spuren der Thränen zu vertilgen. In solchen Augenblicken fühlte er wieder den Zauber des hingebenden, reinen Wesens seines Weibes und er gelobte, den Dämon der Unruhe, des Ehrgeizes und Hochmuthes, der ihn stets zu neuem rast- und friedlosen Streben verführte, zu bändigen und nur seine Elsa und seinem Kinde zu leben. Was hatte ihn all sein rastloses Ringen und Streben, sein unruhiges Forschen und Haschen geholfen? Die Ruhe war dahin; die Wissenschaft, die sich so oft selbst widersprach, konnte ihm nicht den Frieden wiedergeben, den einst das Gebet über ihn ausgebreitet hatte. Und was stand vor ihm?! Konnte er zurück? Muhte er vorwärts?! — Lange, lange kämpften die Geister in der Brust des Mannes — endlich erhob er sich. Trauernd war sein Schutzengel von ihm gewichen, triumphirend herrschte jetzt der Geist, der im Paradiese unsern Stammeltern verführerisch zurief: Lritis siout Zeus, seieutos donum et mnlum. (Ihr werdet sein wie Gott, erkennend das Gute und das Böse). _Unterdessen war die leuchtende Herrscherin unserer Erde im Westen verschwunden und finsteres Gewölk lagerte über Stadt und Land, das jedem milden Lichtstreifen des Nachtgestirns den Durchbruch verwehrte. Nur die Gasflammen, die zu beide» Seiten der Straßen und an den Ecken der Häuser flackerten, erhellten nothdürftig das Dunkel. In wuchtigen Stößen warf der Sturm die schweren Gewittertropsen gegen die klirrenden Fenster, während die zuckenden Blitze, von grollendem Donner begleitet, herniederfuhren. Paul setzte sich an's offene Fenster und freute sich des Tobens der Elemente» worin sich sein innerstes Wesen abspiegelte. Die großen Wassertropfen, die der Sturm ihm in'ä Gesicht jagte, sollten ihm Erguickung und Kühlung bringen. Lange nach Mitternacht war es, als er endlich Nuhe suchte. Aber sein schweres Athmen und oftmaliges Stöhnen verriethen, daß quälende Träume ihn drückten und plagten. Er befand sich in zechender» lärmender Gesellschaft. Ein üppiges Mädchen hielt ihn umschlungen, liebkoste ihn und füllte das leere Glas mit schäumendem Wein. Lieder von Liebe und Wein durchbrausten die Halle. Plötzlich, als er gerade das sinnenbestrickende Wesen zu sich heranzog, erschien ihm das Bild seiner Elsa, bleich, abgezehrt, den Tod im Auge. Auf den Armen trug sie ein todtes Knäblein, dessen bleiches Gesichtchen seine Züge hatte. Langsamen Schrittes ging sie auf Paul zu, legte ihn, das Kind auf den Schooß, sah ihn mit bittenden Geisteraugen wie beschwörend an und verschwand. Da begannen die wein» und liebetrunkenen Zecher höhnisch lachend das so schöne, rührende Lied, welches Elsa's weiche Altstimme so oft sang, zu brüllen: Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man von, Liebste», was man hat, Muß scheide»; Wiewohl doch nichts im Laus der Welt Den, Herze», ach, so sauer sälll Als Scheiden, ja Scheiden! — Und hat Dir Gott ei» Lieb beschcert, Und hältst Du sie recht innig werth, Die Deine; Es wird wohl wenig Zeit um sein, Da läßt sie Dich sogar allein, Dann weine, ja weine! — Mit jähem Aufschrei erwachte Paul, auf dessen Stirne große Angsttropfen standen' Vergebens suchte er das schreckliche Bild zu vergessen. Es beängstigte ihn, bis der neue Tag mit seinem Mühen und Schaffen den »Traum" zurückdrängte. — Noch nie vorher hatte er aber so innig und wehmüthig Schuberts schönes Lied gesungen: „Ich hab' im Traume gcivcinet, Mir träumte, Du lägest im Grab. Ich wachte auf und die Thräne Floß noch von der Wange herab." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wem Hoch und Niedrig gleich, gleichviel ist hart und weich, Gleichgiltig Reich und Arm, der ist in Armuth reich. So wie der Weihrauch das Leben einer Kohle erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnung des Herzens. Goethe. in jedem Aeußersten entschlossen scheint, And't unerwartet in der Brust ein Herz, spricht man des Frevels wahren Namen aus. Mancher, der i», blinden Eifer jetzt Zu jedem Aeußersten entschlossen schc Schiller. Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von vr. I. A. Schilling. Ich muß sofort Anfangs bemerken, daß die wirklichen Kaffeebohnen die Samen des Immergrünen Kaffeebaums sind, dessen Vaterland Abyssinien ist und der dortselbst 8 bis 10 selbst 20 und 30 Fuß hoch wird. Derselbe wird in Pflanzschulen gesät und sechs Monate alt verpflanzt, nach 3 Jahren trägt er Früchte und solche unter günstigen Umständen 20 Jahre lang fort. Im Süden vom Niger bis Sierra Leone wächst er wild und an mehrern Stellen so zahlreich, daß er ganze Wälder bildet. Gebaut wird er auch im glücklichen Arabien und Jemen, im südlichen Vorder- und Hinterindien, — in Java, wohin er seit 1690 aus Arabien verpflanzt wurde in Manila, Sumatra, in West-Indien (dahin seit 1717 gekommen) in Surinam, Brasilien und auf den Südsee-Jnseln. Der Baum verlangt ein beständig warmes Klima von mindestens 18—20° Wärme, wobei das Thermometer nicht unter 1l)0 0. Wärme sinken darf. Ich sage dies, wohl Manchen schon Bekannte deshalb, weil vor nicht langer Zeit ein paar hochgestellte Damen mir auf Ehrenwort versicherten, daß drunten in der bayrischen Nheinpfalz, ganze Felder voll echte wirkliche Kaffeebohnen gebaut würden, — wie man etwa bei uns Saubohnen kaut, daß sie diese gemahlenen Bohnen mit eigenen Augen geschaut, selber daraus bereiteten, sehr wohlschmeckenden Kaffee getrunken hätten und dieser ganz gewiß ein wohlschmeckendes Getränk gewesen. Da alle meine Ueberzeugungsgründe statt die Damen zu belehren, das Gegentheil bewirkten und die Herrschaften böse wurden und mich der Rechthaberei beschuldigten, — so brach ich ab und ließ Ihnen den echten, wahren, selbst sogar in Blumentöpfen, wie auf den Feldern gezogenen, selber mit Augen geschauten Mocca. Glückliche Pfalz! Drum doppeltes „Gott erhalt's. Das Räthsel dieser Behauptung wird sich !m Verlaufe dieser Plaudereien bald lösen. — Ich will nur vorher noch einiges vom Kaffee wie solcher in den botanischen Büchern und auf Ceylon oder in Persien auf freiem Felde steht, — in Kürze berichten. Der Gebrauch des Kasfee's geht bis in die ältesten Zeiten zurück, und zwar nicht als Getränke, sondern — als Speise. Die Gallasstämme (Negervolk im südafrikanischen Tafellande) bedienten sich seiner wohl zuerst, indem sie die gerösteten Bohnen quetschten, mit Butter vermischt zu Klösen geformt aus ihren weiten Zügen als eine nahrhafte und Ausdauer verleihende Speise mit sich führten. Also leibhaftige Kaffeeknödel zur Bereicherung unserer an Klüsen nicht armen Kochbücher. — Dieses prächtige Väumchen mit seinem dunkelgrün glänzenden Laube und seinen blaßweißen wohlriechenden Blüthen trägt in Büscheln stehende Früchte, die unseren Kirschen ähnlich sehen. Das Fleisch wird abgequetscht und der Kern oder Same ist die Kaffeebohne. Zwei Bohnen zusammen bilden den Kern dieser kirschartigen Frucht. Seines Nutzens halber wurde der erst seit 400 Jahren in Arabien als allgemeines Getränk benützter Kaffee vor etwa 150 Jahren von Java aus in die holländischen Kolonien übergepflanzt. Seitdem ist er einer der größte» wenn auch jüngsten Tyrannen unserer civilisirten Gesellschaft geworden. Diese Frucht ist auch immer eine treue Begleiterin des giftigen Tabaks geblieben. Im Anfange des 17. Jahrhunderts zählte Kairo schon 1000 Kaffeehäuser. Von da aus verbreitete sich sein Genuß nach Konstantinopel von woher ihn der Gesandte Mohamed' s IV. an den Hof Ludwig XIV. brachte. Der deutsche Arzt und Reisende Nauwolf hatte in seiner „aigentlichen Beschreibung der Naiß in die Morgenländer 1582" zuerst seinen Landsleuten von diesem Getränke erzählt. In England erstand das erste Kaffeehaus in London 1652 durch einen Griechen Namens Pasqua (Viixinia Gakö Ilouso). In Deutschland breitete sich die Kaffeekneiperei trotz verschiedener Widerstände von Seite der Obrigkeiten rasch aus nachdem er von Frankreich her (erste Kaffeehäuser 1670 in Marseille, 1671 in Paris) Eingang gefunden hatte. An: Brandenburger Hof war der Kaffee schon bald nach dem Jahre 1670 bekannt. In Wien wurde das erste Kaffeehaus 1683 eröffnet, in Negensburg und Nürnberg 1686, in Hamburg 1687, in Stuttgart 1712, in Augsburg 1713, in Prag 1714 und in Berlin 1721 s. >v. Die Gefammt-Production aller Kaffee-Pflanzungen soll für das einzelne Jahr g—700 Mill. Pfund betragen. Man kann sich hieraus leicht einen Begriff machen» welch' große Anzahl von Bäumen hierzu nöthig ist, wenn man erfährt, daß in Brasilien ein Kaffeebaum nur 1'/.,—3 Pfund, in Arabien 5—6 Pfund Bohnen liefert. Daß der Kaffee nicht nur ein Luxusgenußmittel, sondern auch eine Art Nahrungsmittel sei, ist schon oben bei den Kaffeeklösen der Gallasneger angedeutet worden. — Der Kaffee enthält kaffeegerbsaures Kali-Kaffein 3—5"/,,, Legumen (Erbsenstoff) 10^, Fett 10"/o, Zucker 15"^, Salze 6"/., freies Kaffem 0,8"/,.. Durch das Rösten werden die Bohnen leichter, jedoch größer. Sie schwellen nämlich durch die Wärme an und bekommen wegen der brennölig-aromatischen Substanzen, die dabei entstehen, einen Wohlgeruch sowie etwas Bitterstoff. Je nach der Farbe des Röstens verliert der Kaffee mehr oder minder an Gewicht und gewinnt dabei an Umfang. Zum Beispiel ein rothbraun gerösteter Kaffee verliert an Gewicht 15"/„ und gewinnt an Umfang 30".',, kastanienbraun geröstet verliert er 20"/,, an Gewicht, gewinnt aber dafür 60".,, an Volumen; bei dunkelbrauner Rüstung verliert er 25"^, an Gewicht und gewinnt gleichfalls 50"/„ an Masse. Am angenehmsten ist das Aroma, wenn die Hitze nicht größer ist als hinreichend, um der Bohne eine hellbraune Farbe zu geben. Daß weiches Wasser oder der Zusatz von kohlensaurem Natron zum Wasser den Kaffee besser auszieht, kräftiger und wohlschmeckender »'.acht, ist wohl längst bekannt, aber nicht alle Kaffeebereiterinnen kennen dies offene Geheimniß. Der Kaffee wirkt ähnlich auf den Magen wie der Weingeist. Kleine Mengen regen die Verdauung an, größere verlangsamen oder unterbrechen sie. Der Kaffee kann im Magen wie im Blute ein Sparmittel werden. Außerordentlich große Portionen starken Kaffee's wirken giftig und tödtlich durch Herzlühmungsn, wie Fingerhut, Nisßwurz und dergleichen. Bei Mißbrauch des Kaffee's durch allzu häufigen Genuß großer Portionen leidet die Verdauung, das Gehirn wird gereizt, der Charakter des Menschen launenhaft. Doch entstehen auch beim Uebergcnuß von Kaffee nicht jene furchtbaren Folgen, wie nach Weingeistkneiperei, z. B. in Schnaps, wodurch häufig entzündliche Neizungen Krebsbildungen, Willenslähmung, Irrsinn, Selbstmord bedingt werden. Wichtig ist die diätistische Wirkung des Kaffee's auf unsere geistigen Thätigkeiten. Derselbe regt die Phantasie an, jedoch stetiger wie die geistigen Getränke und drängt dabei nicht das Urthcilsvermögen zurück. Im Gegentheile, die Urteilskraft wird dadurch gesteigert, die Sinneseindrücke werden schärfer, es entsteht ein gewisser Drang zu geistiger Produktivität, ein Treiben der Gedanke» und Vorstellungen, eine Beweglichkeit und Gluth in den Wünschen und Idealen, das aber weniger Neues schafft als schon das im Geist Vorhandene lebendiger gestaltet. So wird es uns nicht nur verständlich, warum wir Morgens nach dein Erwachen mit dem Reizmittel des Kaffee's unser Gehirnleben rasch in Fluß bringen und nach dem Essen es antreiben, sondern wir begreifen es auch, warum ein Magen, der mit faden, kraftlosen Speisen angefüllt, ein Gehirn, das von dünnem schlecht ersetztem Blute durchströmt wird, kurz, warum ein Bettler auch nach Kaffee verlangt und sich glücklich fühlt, wenn er Kräftigung aus der Tasse getrunken ohne dabei eine moralische Niederlage zu riskiren, wie beim Schnapsgenusse. Daß man es schon lange gefühlt und gewußt hat, daß der Kaffes nährende Eigenschaften besitzt, geht daraus hervor, daß man in dem schwäbischen Alpendorfe Genkingen 1817, in dem bekannten Hungerjahre, zum ersten Male Kaffee trank, woselbst er aus dem Luxusgetränke der Vornehmen zum Nahrungsmittel der Armen geworden ist, wie dies noch heute bei uns der Fall zu sein pflegt. Ein Kaffee, der aus gleichen Theilen Milch und Kaffeeaufguß besteht enthält sechsmal so viel Nährstoff und dreimal so viel stickstoffhaltige Bestandtheile als die gewöhnliche Bouillon. Daß durch Uebermaß — wie Alles in der Welt, — so auch der Kaffee schädlich wirken kann, bedarf keiner Erklärung. „Im rechten Maß, zur rechten Zeitk" lautet auch hier der Wahlspruch. Wenn gewisse Gelehrte den Kaffee als den Sünden- 454 Lock sür alle möglichen körperlichen, geistigen und sozialen Gebrechen anschwärzten und ihm sogar Buckel und Säbelbeine in die Schuhe schoben, so ist dies übertriebene Narrethei. Der furchtbare Tadel, den sich der Kaffee mußte schon vielfach gefallen lassen, rührt gar meist von Personen her, die aus natürlichen Körperanlagen denselben durchaus nicht vertragen und denen er darum verhaßt ist. So hatte Goethe stets Abneigung gegen Kaffee, weil er bei ihm niederschlagend und mattmachend wirkte, ihn traurig stimmte, seine Eingeweide schwächte und ihn ungeheuer beängstigte. Solche Idiosynkrasien sind jedoch nur Ausnahmen. — Der echte erste und wirkliche, gute, unverfälschte Kaffee verdient also durchaus nicht den Tadel, den er schon seit vielen Jahrzehnten erfahren mußte. Schädlich dagegen, krank und siechemachend wirkt aber der Phantasie-Kaffee, d. h.< ein Kaffee dem Namen nach, der aber mit echtem Java oder Mocca etwa soviel gemeinsam hat, wie etwa ein saurer Seewein mit echter Liebfrauenmilch oder ein österreichisch sogenanntes bayrisches mit dem Münchner Salvatorbier. Auch jene, wenn auch aus wirklichem Kaffee hergestellten Abkochungen, zu denen auf den Liter kaum zehn Bohnen gerechnet werden — der sogenannte Blümchen- Kaffee ist eine mägenverderbende Brühe. — Surrogate für den immer noch ziemlich kostspieligen Kaffee gibt eS in Unmasse und die Industrie hat redlich dafür gesorgt und thut dies täglich noch, um dem selber- wollenden Publikum ein L für ein U vorzumachen; damit dieses seine Mägen täglich bedrohe und betrüge. Ein wirkliches Surrogat für den Kaffee gibt «s nicht; ebensowenig, wie für den Wein, weil kein nachgemachter Kaffee in seiner chemischen Zusammensetzung und in seinen Bestandtheilen auch nur irgend eine Ähnlichkeit mit dem echten Kaffee besitzt. Kein Surrogat besitzt das Koffein oder einen ähnlichen Stoff, der das Wirksame und Charakteristische im Kaffee allein bildet. Während der schlechtere Theil der Armuth in Branntwein zu Grunde geht, stirbt der schwächere und bessere Theil der Armen an den Kaffee-Surrogaten, den gerösteten und gemahlenen Cichorienwurzeln, Runkelrüben, Eicheln und dergleichen. Diese Stoffe enthalten etwas Stärkmehl, Dextrin (Stärkegummi) und Zucker, ja das sogenannte Kaffeeextract ist größtentheils sogar gerösteter Zuckerrückstand (Caramel), könnte also etwas zur Ernährung beitragen, wenn derlei Surrogate nicht noch nebenbei auch Schimmel und andere Produkte fäuliger Gährung aus den Fabriken mitbrächten und nicht eine Fabrik die andere an schöner Verpackung und billigen» Material überböte. — Bekannt ist ja die Geschichte einer Niederländer Fabrik, die eine Prämie von 1000 Gulden für den Nachweis einer Fälschung anbot, während unter dem schönbedruckten Umschlage neben Cichorien pulver auch viele gemeine Torferde war. Der Nährwerth von 1 Pfund Raps-, Mohn- oder Sesamöl ist durschschnittlich zehnmal größer als der von 1 Pfund bester Cichorie und doch kostet diese annähernd halb so viel als Oel. Die Kaffee-Surrogate sind ein diätetisches und nationalökonomisches Unglück, liefern anstatt Nährstoff ein förmliches Spülwasser für Millionen Männer, Frauen und Kinder, die um gleiches Geld auch eine Mehlsuppe mit Fett, Käse oder Bohnen immer mit weit größerem Nahrungsstoffe haben könnten, wenn man es der Mühe werth erachtete, diese diätetische Lotterie wahrzunehmen, die mit ihren Nieten ganze Völker aussaugt, um mit ihren Treffern wenige Producenten zu bereichern. „Bettlerkaffer und Branntwein", sagt Doktor Sonderegger, sind die Schlüssel, die jedes Armen- und Zuchthaus öffnen, Instrumente mit denen die Negierenden den Ast absägen, auf dem sie sitzen. — Kurz und gut; fast keinem einzigen Surrogat kommt irgend etwas von der wohlthätigen Wirkung des echten Kaffee's zu. — Dagegen führen die Surrogate verschiedene Gesundheitsstörungen in ihrer Begleitung. Sodbrennen, Magen» beschwerden, Appetitlosigkeit, fortwährend saurer Geschmack im Munde, Brechreiz im nüchternen Zustande, Verstopfung und zeitweilige schmerzhafte Durchfälle, weiters Muskel- schwäche, Zittern der Hände, unruhiger Schlaf, Krämpfe, Nervenleiden, selbst Blindheit sind die Erscheinungen, welche sich beim fortgesetzten Genusse größerer Mengen von Kaffee- Surrogaten einstellen können und wirklich einstellen. „Ach warum nicht gar sofort „sterben" durch Cichorie", ruft hinter mir die Gattin des Herrn Professors. — „Ohne Eich orie hat der beste Kaffee keine Farbe. Hören Sie nur Doktor! Mein Mann schimpft immer über die Cichorie wie Sie und will durchaus nicht dulden, daß ich solche dem Kaffee zufüge; obgleich ich dies schon heimlich seit Jahren thue. Neulich hatte ich kein derartiges Surrogat zu Hause, braute den besten Kaffee der Welt ohne eines Zusatzes, da begehrte mein Gatte fürchterlich auf, über die schofle, elende, farbverdächtige Cichorienbrühe, obgleich zum ersten Male seit Jahren ich ihm einen echten puren Mocca vorsetzte. — Da haben Sie die Gewalt der „Einbildung." — . „Nun als Farbe verbesserndes Mittel will ich mir schließlich noch eine kleine Portion guten Surrogat's gefallen lassen", erwiderte ich, denn mit Damen, zumal wenn solche schön und außerdem liebenswürdig sind, läßt sich sehr schwer erfolgreich streiten. (Schluß folgt.) Natur und Gnade. Heut' in leichtein Fluge gaukelnd, Ueber blumeuschöne Flur, Heute frei in Lüsten schaukelnd Hoch im leuchtenden Azur, Morgen an der Erde kriechend Farbenblaß und flügellahm, Unter grauem Himmel steckend Und gestorben schier vor Gram. Aber aus den höchsten Kreisen, Wenn die Seele wie verzückt Stammelt des Hosanna Weisen, Dieser Erdenlust entrückt, Muß sie uuauihaltsam wieder, Nach des bitt'ren Urtcls Kraft, Zu des Staubes Kerker nieder, Der ihr so viel Leiden schafft. O Du seltsam Menschenwesen, Zwicgestaltet und zertheilt, Bon den« Uebel nie genesen, Das im Ansang Dich ereilt, Und so göttlich doch erhoben Ueber reiner Geister Schaar, Die den Ew'gen ewig loben, Selig und umwandelbar. Und so geh'» in Furcht und Hoffen Aller Menschen Tage hin; Heute von Verlust betroffen, Lockt uns morgen der Gewinn Wieder auf die alten Psade Des Verderbens immerfort, Wenn erbarmend nicht die Gnade Riese der Erlösung Wort. Diesem laßt uns immer lauschen, Wenn der Fittig müde sinkt, Wenn im Sturm die Meere rauschen Und kein Stern am Himmel blinkt; Sind die Flügel uns zerschlagen, Wieder heilt sie das Gebet: Höher wird die Gnad' uns tragen Als die höchste Sehnsucht geht. L. v. Heemsiede. Mise-llerr. (Die geizigen Ehemänner find die schlechtesten.) Welche Frau wird dieser Theorie nicht beistimme»? Daß aber ein junges Mädchen ihr Verlöbniß bricht, weil ihr Bräutigam ein ökonomischer Raucher ist, dieser Fall allerdings dürfte nicht recht glaublich erscheinen. Und doch hat er sich zugetragen. — Zwei Fraüen reisten vor einige» Wochen mit ihren Kindern, die eine mit ihrem 20jährigen Richard, die Andere mit ihrer 17jährigen Tochter Sofie von Wien nach Karlsbad. Die beiden Frauen kannten sich schon von früher, die jungen Leute haben sich jedoch erst auf der Fahrt kenne» gelernt. Unterstützt durch die Fürsorge der Mütter, hatte sich zwischen den beiden jungen Leuten bald ein Liebesverhältniß herausgebildet und es sollte dasselbe nach beendigter Kur die volle Weihe erhalten durch eine offizielle Verlobung» Darum wurde die Rückfahrt wieder in Gemeinschaft angetreten. Da ereignete sich auf einer Station, wo ein etwas längerer Aufenthalt angesagt war, ein Vorfall, der sonst kaum beachtet wird, dies- _ 456 — mal aber eine sehr ernste Wendung in dem traulichen Verhältniß herbeiführte. Da der junge Mann in der Gesellschaft der Frauen während des Fahrens nicht rauchen wollte, verließ er, kaum als der Nuf des Kondukteurs ertönte: „Zehn Minuten Aufenthalt!" das Koupee und zündete sich eine Cigarre an. Als bald hierauf wieder das Zeichen zum Einsteigen gegeben wurde, löschte er die nur bis zur Hälfte angerauchte Cigarre aus wickelte sie sorgfältig in ein Papierstück und steckte sie zu sich. Die Braut in axo hatte hierbei ihren Zukünftigen beobachtet, und von diesem Augenblicke an — erkaltete wie die Cigarre, auch ihre Zuneigung zu dem Bräutigam. Sie hatte diese Wandlungen, die in ihrem Inneren vorgegangen, vor Niemanden merken lassen; sie bewahrte das Geheimniß in sich mit aller Sorgfalt. Erst zu Hause angelangt, erklärte sie ihrer Mutter, daß sie diesen Richard nie und nimmer heirathen werde, weil er ein Geizhalz sei, denn nur ein solcher werde eine angebrannte Zigarre auslöschen und zu sich stecken. — Wenn nur die schöne Sofie nicht allzu vorschnell geurtheilt hat? Kann nicht Richard auch nur ein passionirter Raucher gewesen sein und die Cigarre ihm besonders gut geschmeckt haben? Unbedingt aber kann sich Richard gratuliren, daß er seine Braut los ist, denn mit dieser Liebe muß es nicht weit Hergewesen sein. (Die historische „Martinswand") wird durch die Eröffnung der Arlberg- bahnstrecke „Jnnsbruck-Landeck", welche am Mittwoch stattfand, allgemein zugänglich werden. Früher war es nur dem kühnen Bergsteiger vorbehalten, den Punkt zu besuchen, auf dem vor vierhundert Jahren Kaiser Mar in Gefahr schwebte. Heute ist dies anders geworden. Wie die Eisenbahn stets Kultur und Bequemlichkeit bringt, ist auch im Hinblick auf den zu erwartenden Fremdenverkehr ein bequemer Pfad in den Stein gehauen worden, und in einer halben Stunde kann man ziemlich bequem die Grotte der Martinswand, von welcher aus man die schönste Aussicht genießt, erreichen. Im Gasthof » Zur Post" in Zirl wohnt sich's gut und bequem, und mit der Eröffnung der Bahn wird der wenig bekannte Ort allmählich ein Zielpunkt des Touristenverkehrs werden. (Weibliche Aerzte.) Die Preisvertheilung an der medizinischen Schule in London hat Gelegenheit geboten, die neue Institution der weiblichen Aezte interessant zu beleuchten. Vor einigen Jahren hatte eine Anzahl Damen die Erlaubniß nachgesucht, einen medizinischen Kursus in den Spitälern hören zu dürfen, und man hatte dieses Verlangen mit. nicht allzu freundlichen Glossen begleitet. Heute gibt es an der Londoner medizinischen Schule 40 Hörerinnen der Medizin, deren Erhaltung und Studium ungefähr 3000 Pfd. St. jährlich kostet, welches Geld durch Subskriptionen und Schenkungen aufgebracht worden ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben bewiesen, daß Frauen sich vollkommen zur Ausübung des ärztlichen Berufes eignen und daß man sie mit Vorliebe zu Behandlung von Kindern und Personen ihres Geschlechts ruft. Namentlich in Indien sind die weiblichen Aerzte sehr gesucht, und in Bombay wurden kürzlich 40,000 Rupien votirt zur Deckung der ersten Kosten eines Etablissements für Damen, die mit einem ärztlichen Diplome versehen sind. (Die historische Windmühle bei Sanssouci) hat bei ganz ruhigem Wetter einen Flügel verloren; die anderen sind so morsch, daß sie der Sicherheit wegen entfernt werden müssen. Ob die Flügel durch neue ersetzt werden sollen, will man der Entscheidung des Kaisers Wilhelm anheimstellen, doch glaubt man nicht an Wiederherstellung der Mühle, die sich als solche nicht bewährt hat und lediglich als Reliquie zur Erinnerung an die Gerechtigkeit Berliner Richter und Friedrich des Großen gepflegt wurde. (Schlechte Zeiten.) Mann: „In dieser Zeit ist es schwer, seinen Kopf über Wasser zu halten." — „Frau: das wäre gar nicht schwer, wenn Du den Deinen nicht immer über den Maßkrug halten würdest!" (Schmeichelhaft.) „Der Pfad ist so schmal; wir müssen den Gänsemarsch »Nachen — gehen Sie voran, Fräulein Elsa." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.