»ur „Ängslmrger PostMmg." Nr. 58. Samstag, 21. Juli 1663. Ein Jahr Jogenleben. Von Georg Aumüller. Zweites Kapitel. Aus vollen Athemzügen Saug ich, Natur, aus dir Ein schmerzliches Vergnügen. Wie lebet, Wie bebet, Wie strebet Das Herz in mir! Acht Tage sind verflossen. Aus einem einsamen Alpenthale wandelt um Mittag eine Frau, den Weg zur nächsten Eisenbahnstation, die sie unfern erblickt. , Vor ihr hüpft ein etwa vierjähriges Mädchen, und hascht nach den Schmetterlingen, die neckend sie umtanze». Man erkannte auf den ersten Blick Mutter und Kind. Erstere war eine mittelgroße, schlanke Gestalt, deren zarte Glieder von einem grauen, anschließenden Kleide umhüllt wurden. Das Gesicht konnte schon keinen Anspruch auf eigentliche Frauenschön- heit machen, aber aus dem großen, braunen Auge blickten so viel Güte, Liebreiz und fast mädchenhafte Schüchternheit, daß es über das ganze Wesen einen Zauber von Lieb» lichkeit verbreitete, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Unter dem breiten, weißen Strohhute quoll eine Fülle brauner Flechten hervor. Jetzt wandte sich das Mädchen, ein liebliches blondes Kind, dessen klarem, fröhlichem Auge man es ansah, daß noch kein Frost des Lebens sich darauf herniedergesenkt hatte, zur Mutter mit der Frage, ob denn der Zug noch nicht bald komme, der den Papa bringen sollte. Als Antwort hörte man das heftige Pusten des Dampfrosses und wenige Minuten später lagen Weib und Kind in den Armen Pauls, der den ersten Feiertag aufgebrochen war, um wieder bei seinen Lieben zu weilen. Wer die Drei jetzt des Weges ziehen sah, hätte meinen können, die Welt trage keine glücklicheren Menschen. Und in der That ruhte auch der Schimmer des beglückenden Friedens auf den Gesichter». Jetzt betraten sie ein einfaches Häuschen, dessen mit Steinen beschwertes Schindeldach kaum über die fruchtbedeckte» Obstbäume hervorragte, die es von allen Seiten dem Blicke verhüllten. Auf der Schwelle empfingen Eva, die treue sorgsame Begleiterin ihrer Herrin und Agathe, die Besitzerin des kleinen Anwesens die Kommenden. Letztere, die einfache, gerade Wittwe eines VolksschullehrerS, der den Tod in der Blüthe seiner Jahre hinweggerafft hatte, bot Alles auf» ihren Gästen den Aufenthalt recht angenehm zu machen. Nun ging es an ein Fragen und Erzählen und Wünschen und Versichern, daß man glauben konnte, die Leute stünden nach jahrelanger Trennung und kurzem Wiedersehen vor einem neuen Abschiede. Die kleine Lina hatte sich an des Vaters Brust geschmiegt und schmeichelte ihm Liebesworte um Liebes- worte ab. Elsa hielt des Gatten Hand in der ihrigen und lauschte in Glück und Wonne seinen Worten. Erst als er von seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer sprach, senkten sich Trauerwolken auf die Stirne des liebenden Weibes aber kein Wort des Tadels kam über ihre Lippen; nur ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust, als — 4S8 — Paul erzählte, er habe auf die Frage, was er über Unsterblichkeit denke, mit den Worten Göthe's geantwortet: „Das Drüben kann mich wenig kümmern, Schlügst Du erst diese Welt in Trümmern, Die andere mag darnach entstehen. Aus dieser Erde quillen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Dann mag, was will und kann, geschehen. Davon will ich nichts weiter hären, Ob man auch künftig haßt und liebt, Und ob es auch in jenen Spähten Ein Ober oder Unten gibt." Sie hatte den Glauben ihrer Kindheit als theures Kleinod bewahrt und zweifelte nicht, baß sie auch im Jenseits ihren Paul wiedersehen und lieben dürfe. Und als ihr der Gatte versicherte, er wolle jetzt, treu dem Bunde, den er für'S ganze Leben geschlossen, seine Kraft der Erforschung und Verbreitung cher freimauerischen Grundsätze einsetzen, da war es ihr, als schleiche sich eine glatte, kalte Natter in ihr Herz, um es in langsamen Bissen zu ertödten. Doch wiederum unterdrückte das Weib die quälende Angst und flüsterte nur die Worte: „O Paul, wenn doch auch Du Ruhe finden könntest! Schone Dich, denke an Weib und Kind!" Er aber küßte ihr die Sorge hinweg und sprach von baldigem und stetem Glücke, das über sein ganzes Wesen sich werde ausbreiten und an dem sein Weib und sei» Kind sich erfreuen sollten. Kaum hatten am folgenden Tage die wogenden Nebel, welche gleich einer dichten, silberdurchwirkten Mütze die Häupter der Berge bedeckten, in dem Thale hin und her wogten und auf den Fluß und See sich herabsenkten, nach hartnäckigem Kampfe den übermächtigen Sonnenstrahlen weichen müssen, als Paul und Elsa den einsamen Pfad betraten, der sich in vielen Krümmungen zu der Höhe Hinaufwand, wo eine reizende Aussicht die Mühe des SteigenS lohnte, und der Wanderer während der Sommermonate Erquickung durch Speise und Trank fand. Es kam auch selten ein Tag, da nicht einzelne Naturfreunde oder größere Gesellschaften des herrlichen Anblicks sich erfreuten. Von dem kleinen, hölzernen Balköne des Häuschens erblickte man vor sich die ausgedehnte Fläche des See's, in dem sich die eisigen Berggipfel spiegelten. Gegen die Berge-Hin bildete der See eine Menge von Buchten und Busen. Weiter nach rechts konnte ein scharfes Auge sehen, wie er sich allmählig verengert und den Lauf und die Gestalt eines Flusses annahm, der bald in mächtigem Bogen seine schäumenden Wasser in's Thal hinab schleuderte» wo er dann gemessenen Laufes sich fortwälzte. Auf der anderen Seite vermochte der Blick nicht die Ufer zu erspähen, wo seine Wellen brandend anschlugen. Vor sich aber erblickte man in weiter Ferne die Bergketten» deren eisige Häupter hoch zum Himmel emporragten. Auf der Fläche des Sees herrschte reges Leben. Stöhnend durcheilten Dampfer die weite Fläche, während die reichbefrachteten Schiffe der Kaufleute langsamer dahinsegelnd die Waaren verschiedener Länder austauschten. Dazwischen durchkreuzten winzige Boote die Fluthen, geleitet von fröhlichen jungen Leuten, welche des heiteren WellenspielS sich erfreuten. Ernst betrachteten dieses Treiben die Berge, deren düstere Tannenwaldungen sich schwarz im Wasser wiederspiegelten und wie ein riesiger Leichenstein an der Grenze eines weiten Todtenfeldes dem übermüthigen Leben ein Llsmonto moril zuriefen. Dieser Eindruck wurde verscheucht, wenn man die überall zerstreuten grünen Matten und saftigen Triften betrachtete, von denen das Geläute weidender Heerden herüberdrang, noch oft vermischt mit einem fröhlichen Jodler, den der Senne als Gruß in's Thal sandte. — Auf der Höhe herrschte schon ziemlich reges Leben. Es war eine größere Gesellschaft von Herren und Damen aus der nächsten größeren Stadt, die am jenseitigen Ufer — 459 sich ausbreitete, herübergekommen. Unter ihnen traf Paul einen Herrn, den er in G„ dessen Vaterstadt kennen gelernt hatte. Er hieß Ernst Flemming, war der Sohn eines wohlhabenden Gastwirth's in G. und hatte sich nach Vollendung seiner medizinischen Studien in der Seegegend als praktischer Arzt niedergelassen. Nach der ersten Begrüßung und Vorstellung entspann sich bald eine lebhafte Unterhaltung, die von den Vorzügen und der Schönheit des Gebirgs- landes ausgehend, bald auf die neuesten Ereignisse unserer Literatur und des öffentlichen Lebens überging. Während die Damen sich ohne Schwierigkeiten über jedes Urtheil einigten, fühlten die Herrn starken Gegensatz ihrer Meinungen. Der weltgewandte Arzt, der von Jugend auf in und mit der Gesellschaft verkehrt hatte und Sorg' und Kummer nicht kannte, redete der materialistischen, auf Lebensgenuß bedachten Weltanschauung das Wort, während Paul, dem stets seine Bücher lieber als die Gesellschaft gewesen waren, und der sein Leben lang um des Lebens Unterhalt hatte kämpfen müssen, das Verschwinde» jedes Ideals in Wort, Bild, Streben und Leben bedauerte. Besonders erregten die alles Schamgefühl verletzenden Schilderungen weiblicher Reize, nackter Männergestalten und berückender Sinnengenüsse, die von Feder, Pinsel und Griffel verherrlicht, auf allen Bühne» als Kitzel vorgeführt und in Form von Bildern berühmter Meister in allen Städten gezeigt werden, Pauls Unwillen. Es war ihm dabei hauptsächlich um das Aergerniß zu thun, das junge Mädchen (solange sie noch jungfräuliches Schamgefühl besitzen) nehmen müssen, die man schaarenweise zu solchen Frauenfleischbänken und Männermuskelnausstellungen führt. In der größeren Zahl der sogenannten Meisterwerke sah der ernste Paul noch die schamlosesten Vorstellungen unwichtiger Götter und Menschen; Gegenstände, welche die Lust entflammen sollten und sie noch jetzt entflammen. Als der Doktor gerade wieder eine solche nach seiner Meinung mittelalterliche Ansicht lachend widerlegte, näherte sich eine Dame der Gesellschaft, die der Arzt als seine Schwester Friederike vorstellte, und welche er sogleich aufforderte, mitzukämpfen gegen Pauls veraltete, einseitige Stubengelehrsamkeit. Wie durchschauderte es aber den Professor, als er in dem schönen Mädchen die Gestalt und Züge jenes verführerischen Wesens wiederzuerkennen glaubte, das ihm den Tag vor seiner Aufnahme in den Freimaurerorden im Traume erschienen war. Unwillkürlich mußte er seine Elsa betrachten, um das Bild nicht Herr über seine Phantasie werden zu lassen. Der Aufenthalt dort aber hatte ihr ein frisches Aussehen gegeben, daß beim Anblick des lieblichen Gesichtes jeder Gedanke an den Tod verschwinden mußte. Welchen Gegensatz boten aber diese zwei Gestalten! — Es war, als wenn neben dem hohen Stengel einer Lilie, deren Blätter sich gerade zur prächtigen, dustausströmenden Blume entfalten, ein bescheidenes Vergißmeinnicht blüht, das Köpfchen kaum über die Grashalme erhebend. Die hohe Junosgesialt Friederike's, mit den großen, schwarzen ersten Augen und den üppigen tiefschwarzen Haaren, die ruhige Sicherheit konnte wohl Manchen in Zweifel lassen, ob dieser Busen schon das Jauchzen oder Wehe der ernsten Liebe gefühlt, oder ob nicht schon Hymens Band sie mit einem Manne vereinigt habe. Letztere Vermuthung mußte schwinden» wenn man Friederike's Worte lauschen konnte, dann erinnerte man sich unwillkürlich des Dichters Worte: Du bist wie eine Blume, So schön, so hold, so rein, Ich schau' Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aus's Haupt Dir legen soll, Betend, daß Gott Dich erhalte So schön, so rein, so hold. Dieses Gefühl des Entzückens und der Wehmuth, das bei dem Anblicke des herrlichsten Gebildes der Schöpfung, so lange es noch nicht von der Hand des gierigen Mannes entweiht ist, des guten Menschen Brust bewegt, wurde bei Paul noch erhöht, als er sah, daß Friederike, die längere Zeit in einem modernen Pensionate erzogen und 460 dann zu ihrem Bruder übergesiedelt war, in ihren Ansichten von Welt und Leben ganz mit demselben übereinstimmte. Sie verehrte die Gebilde der sogenannten Kunst als Produkte eines gottbegnadigten Geistes, und wenn man auf das Aergerniß hinwies, so entgegnete sie mit Schillers Worten: Sollt ihr zugleich den Kindern der Welt und den Frommen gefallen ? Malet die Wohltust — nur malet den Teufel dazu! Wurde man über dieses Gebiet nicht ganz einig, so war mit Ausnahme der beiden Frauen, die sich mittlerweile in das Haus begeben hatten, um für den Imbiß Sorge zu tragen, die Gesellschaft um so einiger in den Ansichten über Religion. Hatte Paul doch lange hierin Schiffbruch gelitten. Alle drei stimmten überein, daß das Volk allmählig durch Verbreitung von Wissenschaft und Bildung zur Freiheit der Vernunft erzogen werde; der Gebildete aber sich seine Religion auf gleichem Grunde selbst aufbauen sollte. Als daher Paul die Loge als Ideal alles menschlichen Strebens hinstellte, ivo an Stelle des starren Dogmenzwanges und der Eingrenzung der Konfessionen als Hauptglaubenssatz echte Menschlichkeit, Bruderliebe und freie Geistesentfaltung gelehrt werde, da erhielt er den vollsten Beifall des GeschivisterpaareS, das ihni prophezeite, er werde mit solchen Ansichten über Religion bald sich zu ihren Anschauungen von Kunst und Leben bekehren. Jetzt kamen die beiden Frauen zurück, und nachdem man ein einfaches Mahl zu sich genommen, brach man wieder in's Thal auf. Man wollte in dem benachbarten Försterhause den Kaffee nehmen und von da aus den Heimweg, den beide Familien eins Strecke gemeinsam zurücklegen konnten, antreten. Hiezu wählte man den Weg durch den schattigen Wald, der sich bis zum Fuße des Berges ausdehnte. An dessen Ausgang lag, von Bäumen und einem rauschenden Gebirgsbach fast eingeschlossen die Wohnung des Jagdaufsehers, der, wie es in dieser Gegend öfters der Fall ist, Kaffee, kalte Küche und Getränke verabreichte. Während die kleine Gesellschaft so durch die Stille des Waldes dahinschritt, über dem sich tiefer Gottesfriede ausbreitete, senkte sich auch in die Herzen der Wanderer diese Sehnsucht nach Ruhe und äußerte sich bald in dem schönen Liede: Unter allen Gipfeln Ist Ruh; In allen Wipfeln Spürest Du Kaum einen Hauch. Die Vöglein lchweigen im Walde Warte nur, balde - Ruhest Du auch. (Fortsetzung folgt.) Gol-rörner. Der größte Siunengeuuß, der gar keine Beimischung von Ekel mit sich fährt, ist, in gesundem Zustande, Ruhe nach der Arbeit. Kant. Große Eigenschaften haben auch große Laster, oder wenigstens große Fehler zu ihren Waffen trügern. Hippel. Lob befruchtet die Seele, wie den Acker Milder Regen, damit die Saat im ersten Wüchse nicht sterbe. Herder. Des Lebens Zeit ist kurz. Die Kürze schlecht verbringe», wär' zu lang. Wohl kaun die Brust den Schmerz verschlossen halten, Doch stummes Glück erträgt die Seele nicht. Meinen Wurf will ich vertreten, Aber das nicht, was er traf. -Man muß dem Vaterlands, Wie Gott dem Herrn, mit Zucht und Ordnung dienen, Durch treue Pflichterfüllung iin Gesetz. Shakespeare. Goethe. Grillparzer. Raupach. 461 Wahrer und Phantasie-Kaffee. Von Dr. I. A. Schilling. (Schluß.) Betrachten wir nun die berühmtesten unter den zur Mode gewordenen und täglich kenützten Kaffee-Surrogate. Zu den ältesten Kaffee-Surrogaten gehören unstreitig die Eicheln, die Früchte von kuovauo rodur, dann der Roggen und die C i ch o r i e n w u r z. Die Eicheln wurden nach Herodot schon von den alten Arca- dicrn verspeist und Marx hat sie zuerst als Kaffee-Surrogat benützt und angepriesen. Sie enthalten Stärkmehl, Gerbsäure, Zucker, Phosphorsauren Kalk, Kali, Spuren von Kieselsäure und Eisenoxyd, etwas ätherisches Oel und Wasser. — Das durch das Rösten der Eicheln sich bildende brenzliche Oel und die Gerbsäure sind die hauptsächlichsten wirksamen Bestandtheile des Eichelkafsce's, der bei Durchkälten der Kinder, Scropheln, immer noch seine Anwendung in der Volkskinderstube findet. Auch die bei uns allenthalben wildwachsende blaublühende Cichorie, dieser Urtypus der Kaffee-Surrogate — denn vor 30—40 Jahren hörte man beim Volke nur den Schmäheausdruck Cichorie n brühe, um damit schlechte Kaffee's zu brandmarken, — war schon den Alten bekannt und wird von Birgil, Horaz, Plinius, Halsn, und in den Schriften der Araber erwähnt. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde diese rübenförmige Wurzel von OHwrimn in- t)'l)u^, als Kaffceersatz von Holland aus eingeführt und bis zum Jahre 1801 war die Zubereitung dieses Surrogats Geheimniß geblieben. Par »rentier theilte 1806 zuerst das Verfahren, Cichorienkaffee zu bereiten, mit. Es ist gut, daß dieser Ehrenmann heute nicht mehr lebt, um gesteinigt zu werden. In den Jahren 1850—1860 bestes sich die Consumtion der .Cichorie auf sechs Millionen Kilogramm. Im Jahre 1845 führte man in England 4>/,, Mill. Pfund ein, in Frankreich braucht man jährlich 12 und in dem kleinen Fabrikstaate Belgien sogar 20 Millionen Pfund. Die wirksamen Bestandtheile in der gerösteten Cichorie sind das brandige, flüchtige Oel und der bittere Stoff. In mäßiger Menge und mit gute m Kaffee gemischt ist sie der Gesundheit wahrscheinlich! nicht schädlich. Ein häufiger und stärkerer fortgesetzter Genuß aber, — wie zumal dies bei der Armuth üblich ist, — schadet sehr bedeutend dein Wohlbefinden, und das dadurch entstandene Siechthum erbt sich oft fort auf Kinder und Kindeskinder. Andere Aerzte behaupten, daß die Cichorie immer wirklich schädlich sei; — während die übrigen Kaffee-Surrogate nur unter gewissen Bedingungen die Gesundheit beeinträchtigen. Deutsch z. B. in seiner Abhandlung über die nachteiligen Wirkungen der e m p y r e n m a t i s ch e n S t o f f e, C a n- statt in seinen Jahresberichten lassen sich darüber sehr strenge aus, indem sie Sodbrennen, Magenkrämpfe, Schwindel, Einschlafen der Glieder, ja sogar den schwarzen Staar davon herleiten und lassen sich besonders derlei nachteilige Folgen bei alten Cichoriekaffeebasen, die manchmal geradezu in solchen Getränken schwelgen, nicht selten beobachten. Es ist wahr, daß eine kleine Menge gerösteter Cichorie dem Wasser eine ebenso dunkle Färbung gibt als ein guter Theil Kaffee. Ursprünglich wurde sie deshalb in den öffentlichen Kaffeehäusern nur des Gewinnstes der Ersparniß halber, — um einen gutbraunen Kaffee nachzuahmen, eingeführt, weil sie den» Getränke Farbe und Geschmack verlieh. Allmählig gewöhnte sich aber der Geschmack des Publikums an die betrügerische Mischung, manchem Gaumen mundete sie gut und endlich fanden sich zahlreiche Liebhaber an dunklem, bitteren Kaffee. Auf diese Weise wurde sogar die Bereitung des echten Kaffee's von ehrlichen Leuten verschlechtert, indem man um dunkle Farbe zu erzielen, die Kaffeebohnen allzu dunkel röstete, wodurch sowohl die Nahrhaftigkeit wie das Aroma des Kaffee's vermindert werden. — Im Ganzen und Allgemeinen ist der Cichorienkaffee ein ebenso verwerfliches Surrogat wie die übrigen, und dazu kommt noch, daß man selbst dieses schlechte und wohlfeile Fabrikat gar oft nicht einmal rein und unverfälscht auf den» Markthandel antrifft, indem noch andere Surrogate oder Ziegelmehl, Ocker, Erde, Torfpulver zugemischt werden. — 462 — Das sogenannte KölnerKafsee-Surrogat, dessen Bereitung längere Zeit unbekannt blieb und das deshalb sehr theuer verkauft wurde, wird durch Einkochen von 1 Pfund stark gerösteter Gerste mit 2 Pfund Syrup gewonnen. Die Getreidearten als Kaffee-Surrogate sind immer noch allen andern Surrogaten vorzuziehen,.da in ihren Aufgüssen außer «mpyreumatischen Stoffen noch Dextrin (Stärkegummi) vorhanden ist. Man sollte sich aber derlei Surrogate selber zubereiten, — wenn man doch durchaus sich selber betrügen will, — weil solche im Handel fast nur im ungeeigneten Zustand vorkommen und weil man sich dieselben bei nur geringer Mühe weit besser, reiner und billiger herstellen kann. Außerdem wurden und werden zu Kaffee-Surrogaten noch verwendet: Mohrrübe», die Roßkastanien, die Samen von spanischem Wirbelkraut e, geröstete Weintraubenkerne, geröstete Dattelkerne, Erdmandrln, Spargelsamen, Hagebutten, Wurzeln des Löwenzahnes, Wach- holderbeeren.T Vogelkirschen, Brodkrumen, Skorzonerwurzeln, Bucheckern, Mandeln, Mais, Hanfsamen, alle Hülsen fruchte und dergleichen. — Verschiedene Zeiten bringen immer neue Erfindungen auf diesem Gebiete. Die allerneuesten und bestempfohlensten Kaffee-Surrogate sind nun folgende: Das Kaffeepräparat der Wiener Firma Ed. Perger und Comp. Diese Firma hat ein Neichspatent und zwar unter Nr. 10519 auf seine Erfindung erhalten. — Es ist «in Destillat. Dieses wird aus dem Kaffee bereitet, wovon 100 Kilogramm Kaffee 11 Liter geben sollen. Zur Herstellung des Destillats wird der Dampf der in großen Trommeln zu röstenden Kaffeebohnen (marinirter und haverirter) in besondere Behälter geleitet und verdichtet. Dieses Product wenigstens aus Kaffeedunst hergestellt, dient zum Aromatisiren von Kaffeepräparate» und Surrogaten. Der Magdad-Kaffee, Negerkaffee, Oa.15o Kilon ist ein Kaffee- Surrogat, das aus dem zermahlenen Samen der O-rosin oriontnlis, einer in den Tropenländern häufigen Hülscnfrucht, bereitet wird. Die grünen Samen wirken als Brechmittel, — geröstet aber werden sie auch schon in Deutschland als Verfälschungsmittel des gemahlenen Kaffee's benutzt. Obgleich diesem Samen ein gewisser Nährwerth nicht abgesprochen werden kann, da sie ja fettes Oel, Pflanzenschleim, stickstoffhaltige, und stickstofffreie organische Stoffe und zwar an 18"/„ enthalten, so besitzen sie doch durchwegs kein Koffein, den eigentlichen Hauptwerthstoff des Kaffee's. Das sogenannte approbirte Kaffee-Surrogat ist ein halbverkohlter Zucker. Es wurden nämlich in Folge eines Brandes in einer Zuckerfabrik (1678) mehrere tausend Kilogramm gebrannter Zucker billig angeboten und liegt hier wahrscheinlich diese Verwendung jenes durch Brandunglück gebrannten Zuckers vor. Kaffee deN Heims v. Doyer undComp. in Nheims ist ein dem comprimirten Kaffee ähnliches Fabrikat, dem jedoch etwas Cichoriensubstanz zugesetzt ist. Die holländische Kaffee-Essenz in Pulverform soll gleichfalls gebrannter Zucker sein, stammt höchst wahrscheinlich aus vorhergenannter abgebrannter Zuckerfabrik. Döhrens patentirtes Kaffee-Surrogat ist im Wasserdampf erhitzte Getreidefrucht mit vorherigein Zusatz von doppelkohlensaurem Natron. Kaffeeersatz der Firma Leusmann und Zabel in Hanover ist ein Gemisch mehrerer Surrogate mit etwas Stärkmehlstoffen. Dieses Surrogat zeichnet sich durch sehr angenehmen Kaffeegeschmack aus und läßt auch Spuren von wirklichem Koffein wahrnehmen. Pisonis, Kaffee-Surrogat ist das trockne Extract aus gerösteter Cicho- rienwurz, zuweilen mit gebranntem Zucker vermischt. Der comprimirte und patentirteKaffee von Ruch, Chartier und Verlit (Kassel) ist ein sorgfältig gebrannter, zermahlener wirklicher Kaffee, der unter einem Drucke von mehr als 40 Atmosphären in eine den Chocoladetafeln ähnliche Form gebracht ist. (Ist eigentlich kein Surrogat, weil wahrer Kaffee.) 463 — Feigen kaffee, Fugine besteht aus getrockneten gerösteten Feigen, enthält etwa 40"/n Zuckerstoff, 54»/,. Feuchtigkeit. Der homöopatische Gesundheitskaffee von E. Kreplin besteht aus gebranntem Roggen. Der Jamaica-Kaffee soll aus verschiedenen Kaffee-Surrogaten als da sind, geröstete Hülsensamen, Eicheln, Getreidefrüchten zusammengesetzt sein. Der rheinische Frucht kaffee Buch mann's enthält hauptsächlich Lupinensamen. Und nun kommen wir zur Aufklärung des Räthsels von dem ich Eingangs gesprochen habe — von dem „Kaffeebaum" in der Rheinpfalz. Nämlich die Wolfsbohne, Lupine, — von der zwar keine in Deutschland ursprünglich einheimisch ist, welche jedoch im Großen kultivirt und zuweilen in Gärten als Zierkräuter gepflegt werden» besonders aber die gelbe Wolfsbohne (Oupinn luton), die ein sehr hübsches 1 Meter hochwerdendes Sommergewächse darstellt und mit gelben wohlriechenden Blüthen versehen ist, bietet in ihren Samenhülsen Kerne, welche den Kaffeebohnen etwas entfernt ähnlich sehen und als Kaffee vielfach benützt werden. Das Kaffee-Surrogat Behring's auch unter dem Namen Lupinen oder Kraftkaffee bekannt, besteht aus dem ganzen Samen der gelben Lupine, welche Samen durch Erweichung im Wasser zum Theil von ihrem Bitterstoffe befreit, und dann nach dem Trocknen geröstet, sind. Das Verfahren ist patentirt. Dieses Surrogat mit gleichviel Kaffee gemischt gibt ein angenehmes kräftig schmeckendes Kaffeegetränk. Die Bitterstoffe der Lupinensamen sind jedoch von narkotischer, betäubender Wirkung, jedoch in größerer Verdünnung ganz unschädlich. In diesem Krastkaffee sind die Bitterstoffe nur in sehr geringer Menge vorhanden. Die gelbblühende Lupine ist also die deutsche Kaffeebohne. Der M e l i l o t i n - K a f f e e ist eine Mischung von Kaffee — Dattelkernen und Cichorien, geröstet und gemahlen. In England soll dies Surrogat als Fälschung ver- urtheilt und der Verkauf verboten worden sein. DeutscherNatron-Kaffee von Thilo und Döhren soll geröstetes Getreidekorn und Cichorie sein, welche Mischung mit 8»/„ doppelkohlensaurein Natron vermischt ist. — Der Nations« Kaffee der französischen Armee ist ein ähnliches, aber zugleich echten gerösteten Kaffee enthaltendes Fabrikat in runden Tafeln. Der Sintenis- Mocca-Sacca-Kaffee soll ein geröstetes Gemisch aus Getreidefrucht und Matö (Paraguay-Thee) sein. Der Stragal- oder Astragal-Kaffee, auch schwedischer Kaffee, Continental- kaffee genannt, ein vortreffliches Kaffee-Surrogat, besteht aus dem gerösteten Samen der sogenannten Kaffeewicke, ^.atraxalno Iiantieus, auch Bärenschote, Traganth genannt, einer in» südlicheren Europa einheimischen, auch hie und da bei uns cultivirten Pflanze. Der Andalusische Traganth mit gelben Blüthen, ein einen Meter hoch werdender dickästiger Strauch mit citronengelben Blüthen, länglichter Hülse stumpf vierkantig platten Samenkörnern wird an verschiedenen Orten Deutschland's als Kaffeebaum gepflanzt und gepflegt und bildet eine weitere Lösung des Räthsels für unsern deutsch-bayerische» Kaffeestrauch. Der Sudan-Kaffee besteht aus dem gerösteten Samen der sogen. I'arlci» skrilcann, einer in den tropischen Ländern einheimischen Mimosenpflanze. Schließlich muß ich noch eines deutschen Kaffeestrauches erwähnen, den ich selber mit besten Erfolgen aus andere» Gründen mit ebensoviel Glück als großen Erträgnissen anbaute. Es ist dies die Sojabohne oder der Sojakaffee. Dieses Kaffee-Surrogat besteht aus den gerösteten Samen der eigentlich in dem wärmeren Asien einheimischen Papilionacee, Ool alros 8v,ja). Dieser Samen, der die Form von der kleinen gelben rundlichen Bohnenkerne besitzt, enthalten reichliches Fett. Dieses Kaffee-Surrogat ist von F. Auchmann in Marburg in Steiermark in den Handel gekommen. Ich habe diese Sojabohne der berühmten chinesisch-englischen S ojakraft-Sautze wegen angebaut. Werden ja in England alljährlich 12,000 Zentner Sojabohnen zu diesem Zwecke importirt. Dieser schöne ziemlich hoch werdende, vielästige Strauch, der durchaus keine Ähnlichkeit mit einer ander» gewöhnlichen Bohne hat, zeichnet sich durch eine ungeheure Ertragsfähigkeit (auf ein Hektar Land bei der lichtgelben mongolischen Sorte 2177 Kilo ergebend) aus, seine Samen sind sehr nahrhaft und wohlschmeckend, bilden in China und allenthalben, wo dieser Strauch angebaut wird, eine mit Recht höchst beliebte Speise, die bei keiner Mahlzeit fehlt. Keine andere Kulturpflanze producirt so hohen Nährmerth, da diese Bohnen über 34"/y stickstoffhaltige Sustanzen und über 18"/g Fett enthalten. Ueberall, wenigstens in Süddeutschland, sollte man nirgends ermangeln diese Pflanze anzubauen, da man durch sie nicht nur eine höchst-nahrhaste wohlschmeckende Kost, sondern auch ein vorzügliches Kaffee-Surrogat erhält. Die Soja wäre gewiß dir beste unserer heimischen Kaffee-Ersatz-Sträucher. — Miseelleir. (Negerschädel als — Zielscheiben!) Während des kürzlich in Nashville im Staate Tenefsee abgehaltenen Veteranen-Convents war auf der Festwiese ein Stand für Wurf-Uebungen errichtet, auf welchem mit Base-Brill-Kugeln nach Negerschädeln geworfen wurde. Die „Niggers" standen hinter einem mit Leinwand verhängten Verschlage und hatten die Köpfe durch in der Leinwand angebrachte Löcher zu stecken» um den Geschossen als Ziel zu dienen. Jeder Neger erhielt hierfür einen Tagelohn von 3 Dollars, wenn er aber von Schmerz gepeinigt, vor Beendigung des Tagewerks davonlief, nichts. Wir wissen nicht, sollen wir mehr über die Nohheit dieses widrigen Sports oder über die Unthätigkeit der Behörde, die denselben ruhig gestattete, erstaunen. (Ein Dialog auf See.) Zwei Schiffe begegnen sich in der Nordsee auf Hörweite und reden sich durchs Sprachrohr folgendermaßen an: „Wo kommst Du her." „Von Hüll." „Watt heft Du loden?" „Wull!" „Wie is de Fracht?" „Vull!" „Wie heil dat Schipp?" „John Bull." „Und de Kaptein?" „Krull." Da schreit der Fragesteller wüthend zurück: „Minsch, Du bist wul dulll" Wächterlted. Meine Heimath ist ein grauer Thurm, Der Wald umrauscht mich Tag und Nacht: Bei Frühlingsschein und Wintersturm Halt' ich für meinen Herrn die Wacht. Mein Herr lebt freudig bei Prunk und Schmaus Fern in der Stadt; aus harter Streu Beherbergt mich mein Felsenhaus, Doch meinem Herrn dien' ich getreu. Er schaut nicht den Lenz, der mit Schöpserhand Die Wälder schmückt zum Frühlingsmahl, Auch nicht den Herbst, der im Kriegsgewand Durchschreitet das trauernde Quellenthal. Er schaut nicht die Bäche silbern gehen Durch frischer Thäler grüne Bucht, Hört nicht des wilden Nordsturins Wehn, Wie Schlachtruf durch die Felsenschlncht! Er schaut nicht in dämmriger Abendzeit Die Rehlein trinken den kühlen Born, Hört nicht der Bügel Saugesstreit, Wie's trillert und pseist i» Busch und Dorn. Was der Wald sich erzählt, das weiß er nicht, Keimt nicht das Reich von Gnom und Fee, Wo tanzt der Elf bei Mondenlicht, Und die Nixe jubelt im Schiff am See. Er hört nicht der Donner Schauergruß Verhallen an der Felsenwand, Schaut nicht der Blitze Titanenfuß, Der wild zermalmt den Eichenbestand. Wohl gleicht sich alles aus Erden aus, Mit Lust das Leid, mit Schatten der Glanz; ier Fried' und Ruhe, doch Freude draus, nd überall windet Liebe den Kranz. — Drum wohn' ich so gern im grauen Thurm, Jahrein, jahraus, bei Tag und Nacht; Ob Frühlingsschein, ob Winterstnrm, Halfl ich sür meinen Herrn die Wacht! Johannes Hüll. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.