,ur „Äugsburger pojijeitmig?- Nr. 59. Mittwoch, 25. Juli 1883. Ein Jahr Uogrnirben. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Da plötzlich störte Hilferuf eines in rasender Hast dahinfliegenden Mannes Wald- ruhe und Gesang. Kaum hatte derselbe den Arzt erblickt, als er mit zum Himmel emporgehobenen Händen den Nothruf der Freimaurer ausstieß und dann wie leblos zur Erde sank. Paul und Ernst stürzten zur gleichen Zeit zu dem Hilfesuchenden, um ihn aus den Händen eines Mannes zu befreien, der sein Opfer würgte, als müsse es den letzten Athemzug aushauchen, ehe die beiden Männer herbeigeeilt kamen. Daß es diesem Manne Ernst sei, bewies sein verzerrtes, wuthentbranntes Gesicht mit den aus den Höhlen hervorquellenden Augen. Jetzt warfen sich die Beiden auf den Rasenden und es gelang ihnen nach hartein Ringen das ohnmächtige Opfer den furchtbare» Händen zu entreißen. — Während der Arzt sich mühte den Ohnmächtigen mit Hilfe der Damen, die während dieses gräßlichen Schauspieles herbeigekommen waren, in's Lebe» zurückzurufen, hielt Paul die Arme des Mannes, a» K-ss-„ Willen es nicht gefehlt hätte, daß jetzt das Blut eines gemordeten Menschen an , ..-eü Händen klebte. Der Arme, bei dem jetzt Ermattung und heftiges Zittern des ganzen Körpers an Stelle der rasenden Wuth getreten waren, machte nicht die mindeste Anstrengung, sich der fesselnden Hände zu entledigen. Auf des Arztes Zuruf, der in ihm den Jagdaufseher, einen sonst gutmüthigen, wenn auch jähzornigen Menschen erkannte, ließ Paul dessen Arme los und befragte ihn, was ihn zu so unseliger That getrieben habe. Stöhnend stieß jener, auf den Ohmächtigen zeigend, die Wort«: „Weiberverführer, Schänder meiner Ehre" auS, dann wandte er sich, ohne ein Wort zu sagen um und wankte seiner Hütte zu. Paul, der neues Unheil befürchtete, folgte ihm dorthin. Seine Besorgniß war umsonst. Nachdem der Unglückliche sich überzeugt hatte» daß seine Frau das Haus verlassen, warf er sich zur Erde, nieder und weinte und jammerte, daß sich die Steine hätten erbarmen können. Endlich, als die Thränensluth seinem itodtwunden Herzen Erleichterung verschafft hatte, erhob er sich und schritt auf Paul zu, der selbst bis zu Thränen gerührt, in einiger Entfernung den Unglücklichen bemitleidet hatte. Stillschweigend nahmen beide auf einer Bank vor dem Häuschen Platz, während zu ihren Füßen die Wasser des Baches in dumpfem Gemurmel dahinrollten, erzählten sie das alte Lied von gebrochener Treue und zerrissenen Herzen dem lauschende» Walde. Jetzt begann der Mann: „Lieber Herr, ich danke Euch von Herzen, daß Ihr mich verhindert habt, ein Mörder zu werden. Jetzt sehe ich ein, daß ich Unrecht gethan hätte, allein Zorn und Nachgier hatten mich meiner Sinne beraubt. Es hätte aber auch ein älteres und kälteres Blut als das meinige rasend werden können. Wie jeden Montag, so ging ich auch heute zu der fast drei Stunden entfernten Oberförsterei, um Bericht über meine Thätigkeit zu erstatten und neue Befehle zu erhalten. In der Regel komme ich dann vor Nacht nicht nach Hause. Heute nun begegnete mir auf halbem Wege ein Holz- 466 macher, der mir im Auftrage meines Vorgesetzten mittheilte, ich solle zu Hause bleiben, da er gegen Abend mit einer größeren Jagdgesellschaft bei mir erscheinen werde. Wie ich nun so durch den Walv dahin schritt, malte, ich mir die Freude aus, die mein Weib haben würde, wenn sie mich so bald zurücksehen werde. Ich bin nämlich erst seit einem Vierteljahre verheirathet, früher war Theres im Dienste bei dem Gutsbesitzer, den Sie vorhin gesehen haben. Der Herr kommt öfters in mein Haus, hat der Theres auch früher und noch jetzt Geschenke gemacht, allein er sagte immer, es sei nur eine kleine Erkenntlichkeit für die guten Dienste, die sie ihm und seinem Hause geleistet habe. Ich glaubte das auch und dachte nichts Schlimmes bis ich heute nach Hause kam und mich überzeugte, daß der Elende mein Weib umgarnt und freventlich in mein Lebensglück eingegriffen hat. Da ward ich von Sinnen, stürzte auf den Räuber meiner Ehre und es begann ein Nennen und Jagen auf Leben und Tod. Ohne Ihre Dazwischenkunft läge der Elende jetzt erwürgt auf der Straße. Neue hätte ich wohl auch dann keine empfunden, allein es ist so besser. Mein Weib, seine Dirne, wird wohl um Hilfe für ihren Buhlen gelaufen sein. Was jetzt kommt ist mir gleich — ich hasse die Welt und die Menschen, die mich so sehr betrogen haben. Am besten wäre für mich eine Kugel aus meiner Büchse, allein meine Mutter würde sich im Grabe umkehren, wenn sie einen Selbstmörder gebore» hätte. Vielleicht erlöst mich unser Herrgott auf andere Weise; wenn ich mein Kreuz trage brauche ich die ewige Verdammniß nicht fürchten." — Tief schnitten diese Worte Paul in's Herz. Hätte wohl auch ihn der Gedanke an feine Mutter, der Glaube seiner Kindheit und die Furcht vor ewiger Pein in ähnlicher Lage vor Verzweiflung geschützt? — Er hatte ja den Glauben verloren. Fast neidisch blickte er auf den Mann, dem sein Lebensglück geraubt worden war, und der nun Gott fein Kreuz aufopferte. Schweigend drückte er ihm die Hand und ging der Stelle zu, ws er die Gesellschaft mit dem Ohnmächtigen gelassen hatte. Dieser hatte sich mittlerweile erholt und bot lächelnd den« Ankommenden die Hände zu Gruß und Dank dar. Paul ergriff Ekel vor dem Menschen, der lächeln konnte, nachdem er der Mörder des Lebensglückes seines Nächsten geworden war. Doch der Grüßende war ja Bruder, er hatte sich durch den Nothruf zu erkennen gegeben und Paul hatte gezeigt, daß er den Bruderruf verstanden. Er beglückwünschte den Geretteten, der sich als Bruder Folger von der Loge „zur Nächstenliebe" in K. vorstellte. Dann tauschte er auch mit Bruder Flemming das brüderliche Erkennungszeichen und versprach, der kommenden Monatsloge, die nächsten Freitag stattfinden sollte, beizuwohnen. Inzwischen »var man an der Wegscheide angelangt, wo die Dame» ihrer Begleiter harrten. Staunend fah Paul, wie Friederike mit Elsa unterwegs Freundschaft geschloffen hatte, sie umarmte und zum Abschiede küßte. Paul grüßte nochmal» dann reichte er seiner Elsa den Arm und beide schlugen den nächsten Pfad zu ihrem stillen Häuschen ein. Der unschuldige Genuß der Natur war dem Professor gründlich verdorben worden. Auch Elsa, obwohl ihr gesagt worden war, der Mensch habe in einem Anfall von Raserei den Gutsbesitzer ermorden wollen, hatte nicht die vorige Heiterkeit des Gemüthes. Der Nothruf des Verfolgten und die Vertraulichkeit mit dem die drei Männer verkehrten, mußte ihr gezeigt haben, daß ein engeres Band sie umschlang. Auch Dr. Flemming hatte auf sie nicht den besten Eindruck gemacht. Selbst Friederike's Freundschaft schien ihr mehr erkünstelt als natürlich zu sein. So kamen die Gatten, jedes seinen eigenen Empfindungen und Gedanken nachhängend, in kurzer Zeit zu Hause an, wo die kleine Lina und ein erquickender Schlaf die trüben Bilder etwas verscheuchten. 467 Drittes Kapitel. „Ja, hinweg mit blindem Aberglauben! Fort mit todten Formen, leerem Wahn! Nur Vernunft und reine Menschenliebe Strebe, wer da denkt, von heute an. Die Vernunft ist Gottes Offenbarung Freiheit ist des Geistes Element, Liebe ist des Lebens schönste Krone, Die die Schranken keines Glaubens kennt. Ehrist und Jude, Heide selbst und jene, Die Geburt dem Koran unterwarf, Alle bilden eine Bruderkelte, Die kein Haß der Priester trennen darf." „Die Loge ist gedeckt" — rief der erste Aufseher, als die Thurmuhr des nahen Münsters in K. eben in wuchtigen Schlägen die neunte Abendstunde verkündet hatte. — „Nachdem die Loge nach innen und außen gehörig gedeckt ist", begann hierauf der Meister von Stuhl, „so wollen wir, meine Brüdrr, zur Eröffnung der heutigen Arbeit schreiten." Dann sprach er, während sich die Brüder erhoben folgendes Gebet: „Allmächtiger Baumeister aller Welten! Segne unsere Arbeit, die wir zu Deiner Ehre und zum Heile der Menschheit jetzt beginnen. Möge Weisheit uns leiten, Stärke uns erfüllen und Schönheit uns begeistern zum erhabenen Werke, die Menschheit zu Dir hinaufzuziehen. Alles Dunkel soll weichen, Licht werde, sei und bleibe auf unserm Stern. Vor allem aber, liebe Vrüder", fuhr er weiter, „haben wir allen Grund, dem allmächtigen Baumeister aller Welten unsern Dank darzubringen, da er auf fast wunderbare Weise unsern geliebten Bruder Folger, den ehrwürdigen Repräsentanten unserer Großloge, den mörderischen Händen eines Wahnsinnigen entrissen hat. Wir Alle wissen, was der Bund an ihm besitzt. Stolz erfüllt uns, eine solche Zierde des Maurerthums als Mitglied der Loge „zur Nächstenliebe" zu besitzen. Vereinigen sich doch in ihm die Tugenden des profanen Menschen mit den höheren des Maurers zu schönem Bunde, so daß er gewiß ohne Uebertreibung das Muster und Vorbild der Freimaurer genannt werden darf. Wer kennt nicht seine echte, reine Humanität, den Ausfluß seines liebenden Herzens, wer nicht seine wahre Frömmigkeit, die freilich nicht zwischen engen Wänden den allmächtigen Baumeister verehrt! Kaum eine Wittwe unseres Bezirkes wird sein, die nicht schon unsers Bruders wohlthätige Hand empfunden hätte. Und was that und thut er nicht Alles, in echtem Maurersinn für die Bildung der Jugend, die da bestimmt ist, einst aus dem Dunkel der Finsterniß herauszutreten und die Fackel der Ausklärung in alle Welt zu tragen! Wer weiß nicht, wie viel ihm unser blühendes Töchterinstitut verdankt, wo durch seine Mildthätigkeit Freiplätze für arme Mädchen errichtet wurden, die dereinst als Gattlnen und Mütter mitwirken werden am großen Baue der Aufklärung der Menschheit. Doch wer könnte die Verdienste des ehrwürdigen Bruders alle aufzählen! Der allmächtige Baumeister aller Welten hält sichtbar seine Hand über ihm, da er ihn aus den Händen eines i», finsteren Wahne rasenden Menschen so wunderbar errettet hat. Wir aber, meine Brüder, wollen unserer Freude hierüber Ausdruck geben, indem wir ihm den maurerischen Gruß darbringen." — Jetzt Haschten sämmtliche Anwesende in die Hände, die bis dahin in tiefem Schweigen dagesessen waren und einen sonderbaren Anblick darboten. Ueber die schwarze Kleidung war ein weißes Schurzfell gebunden, die Hände steckten in weißledernen Handschuhen, auf den» Haupte saßsein schwarzer Seidenhut und um den Hals schlang sich ein breites, blaues Band, an dem das Logenzeichen hing» Hierauf erhob sich auf des Meisters Geheiß der Bruder Redner, der zur linken des Altares saß, und begann: »Hochwürdiger Bruder Meister! Liebe Vrüder! Die Zierde des Menschen, die im Maurerthum zu ihrer Vollendung geführt werden soll, ist die helfende Nächstenliebe, die echte Bruderliebe. Daß unser Bund diese Zierde besitzt, beweisen die Brüder, welche mit Gefahr ihres eigenen Lebens auf den Nothruf des Bruders Folger den Wahn» 468 sinnigen von seinem Opfer rissen. Es sind dies Bruder Paul Graf und Bruder Flemmlnz. Wenn wir auch nicht das Vergnügen haben, Ersteren als Mirglied der Loge zur Menschenliebe den Unsern nennen zu können, so grüßen wir ihn doch als Glied der Kette, die über den ganzen Erdkreis sich erstreckt und die Herzen verbindet. Glück wünschen kann inan aber der Loge zur Eintracht, wo Brüder wohnen, die kaum dem großen Bunde einverleibt, als Lehrling die Maurertugenden eines Meisters zeigen und üben. Möge Bruder Graf überzeugt sein, daß all unsere Herzen ihm warm entgegenschlagen und daß Jeder von uns, des Geretteten Bruders eingedenk, Gut und Blut für ihn einsetzen wird, wenn die Noth es erheischt. Dir aber, geliebter Bruder Flemming, der Du in Wort und That wiederum als echter Maurer Dich stets bewährt hast, der mit dem Spitzhammer den rohen kubischen Stein bearbeitet und seine Kelle nicht ruhen läßt bei dem Ausbau des Tempels der Humanität, Dir bezeugen wir auf's Neue unsern Dank, und unsere Bruderliebe. Darum, meine lieben Brüder bringt mit mir unsern beiden Brudern den maurerischen Dank dar." — Wiederum gab die Versammlung durch dreimaliges Händeklatschen ihren Beifall zu erkennen. Nachdem hierauf die drei Gepriesenen in kurzen Worten gedankt und ebenfalls auf das Gedeihen des Maurerthums geklatscht hatten, durchklangen auf des Meisters Gebot die gezogenen Töne des Harmoniums den Saal und es wurde folgendes Lied gesungen: Dem Maurer Preis und Lob und Ruhm, Der treu im Logeuheiligthmn Der Menschheit Wurde fördernd trägt, Im Busen Bruderliebe hegt. Doch dreifach Hoch dem Mann, der wagt, Der in Gefahren nie verzagt, Der im Getümmel dieser Welt Das Maurerwort snr's höchste hält. Ihm lohne der große Weltengcist, Der lieben uns und helfen heißt- Ihm dankt der Bruder große schaar, Ein „Meister" heißt er immerdar. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. In der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmuth, zur Zufriedenheit mit sich und zur Reue; da hat man mit sich, mit Anderen, mit dem Geschicke gekänipst, gesiegt und unterlegen.' was da gefunden wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war, untilgbar, me eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar, wie ein der Seele eingewachsener Gedanke: ts ist ferner rein von der Aengstlichkeit, der Besorgnis; der Zukunft. W. v. Humboldt, Aus thränenreicher Vergangenheit wächst immer bess're Zukunft: Wir werden Keiner ohne Thränen gut. Raupach. Die Sittlichkeit allein ersetzt den Glauben nicht, Doch weh dem Glauben, den; die Sittlichkeit gebricht. Rückert. Reine, absichtslose Wohlthätigkeit ist der Hochgenuß des Daseins. Wer nicht schmeckte, hat nicht gelebt. — Benzel-Sternau. Gerechtigkeit gegen Alle bedeutet die wahre Liebe zu dem Einem. Bettina. Die Schönheit rührt, doch nur die Anmuth sieget, Und Unschuld nur behält den Preis. Seume. Einer der größten und zugleich gemeinsten Fehler der Menschen ist, daß sie glauben» andere Menschen käunten ihre Schwächen nicht, weil sie nicht davon plaudern hören, oder nichts davon gedruckt lesen. Ich glaube aber, das; die meisten Mensche» besser von sichern aekannt werden, als sie sich selbst kennen. Lichtenberg. Es gibt noch süßere Freudenthränei!, als die im Wachen — es sind die im Traume. JeanPaul. — 469 — Aus Obergünzbttrg's Umgebung. Langsam geht es aufwärts durch das grüne Thal, durch gesättigte, duftende Felder, vorüber am schnellen Büchlein, drin muntere Fischlein ihr sorgloses Spiel treiben. Doch noch hindert das Pochen einer Gypsmühle den reinen Genuß der Natur. Da schimmert durch das Gebüsch eine helle Wasserfläche, die uns durch ihre Zuflüsse einen jedenfalls kühlen Empfang ahnen läßt, falls wir den Lockungen von Sonnenschein nnd Wellenschlag folgen wollten. Darum fort! auf die stille Waldwiese, wo bescheidene Blümchen am Rande der Quellen lauschen auf den Tritt des scheuen Rehes, das soeben seine Aesung sucht. Auf dem sauften Polster des Heidekrautes geht das schlanke Thier vorwärts zu dem schwellenden Grün, das vom Himmelsthau getränkt in funkelndem Glänze schimmert. Ein froher Sängergruß schallt von den waldigen Höhen und jubelnd führt die Lerche in dem bewegten Chöre die liebliche Melodie. Plötzlich jauchzt einer aus unserer Mitte, verführt durch das wundersame Singen und Klingen — das Reh ist in dem wilden Nosengebüsche verschwunden, das den Wald umsäumt. Ein kurzer Hohlweg führt uns aufwärts durch das Fichtenholz, wo das Licht im magischen Wechselwirken mit dem Dunkel kämpft — da scheucht das Knistern dürrer Aeste einen schlafenden Hasen auf, der jetzt noch sorglos vor dem grimmen Menschenfeinde entflieht; girrend fliegen die Wildtauben in's Freie und wecken das Eichkützchen zu neuen Kletterübungsn. Bald öffnet sich der Wald und ein Hochplateau liegt vor uns, dessen höchster Punkt von dem freundlichen Weiler Eschers gekrönt wird. Die Leute schauen verwundert uns „Stadtherrn" nach, denn dem biedern Landmann fehlt hier im Allgemeinen der empfängliche Sinn für Naturschönheit wie ihm auch die Gabe des Liedes mangelt, die uns in Schnadahüpfeln des bayrischen Oberlandes entgegentritt. Dir stattlichen Bauernhöfe machen namentlich durch ihre Reinlichkeit einen guten Eindruck, sogar ein Blitzableiter ist auf einem Anwesen zu bemerken; da wird wahrscheinlich einmal aus lichten Höhen eine warnende Mahnung gekommen sein, denn zu Neuerungen, die nur einigermaßen überflüssig erscheinen, ist der Allgäuer schwer zu bewegen; da bemerkt eben der naive Mann: „Hat's bis jetzt nix braucht, na wird's so a thua." Schon sind wir auf der Höhe angelangt, die sich nahezu 870 m über den Meeresspiegel erhebt, und bemerken, daß hier Steine' zur trigonometrischen Landesvermelluna angebracht sind. Ein Allgemeiner Ruf des Staunens entfährt unsern Lippen, die wir uns absichtlich bis jetzt jedes Hinblickes enthalten hatten, um einen volleren Genuß zu haben. Die noch nicht lange emporgestiegene Sonne beleuchtete uns eine prachtvolle Landschaft. Umschlossen von blühenden Feldern und wogenden, goldene» Aehren sahen wir über dunkle Wälder und einsame Gehöfte hinüber nach den Bergen in ihrer Morgenpracht. In voller Klarheit und packender Macht heben sich die schroffen Spitzen des Wettersteines von dem klare» Himmel ab, die Schneefelder schimmern in überwältigendem Glänze, ein rosenfarbener Flor hängt an den grünen Matten und Halden des langgestreckten Grünten, eine Fülle der schönsten Wirkungen läßt das Auge nicht ermüde», das freudestrahlend den weiten Kreis durchmißt. Von den Bergei» des Bodensee'S bis hinunter in's Jnnthal, vermag der Blick zu schweisen — eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Gruppirungen, unter welchen die Zugspitze den Vorrang einnimmt, »nährend der Hochvogel mit der Daumenkette wegen seiner Nähe nicht minder »nächtig wirkt. Doch wenden wir uns nach Westen, so ist der Gegensatz der Landschaft äußerst fesselnd. Während im Süden die mächtige Naturkraft selbst durch die bunte Gestaltung der Felsgebilde den Zauber des Anblickes schafft, ist es auf den Höhen des JllerthaleS der rastlos schaffende Mensch, welcher die ansteigenden Hügel belebt. Wie es glitzert und blitzt, wie es funkelt und schimmert auf den zahllosen, glänzenden Fenstern» Regellos »«streut liegen eine unschätzbare Zahl von Häuschen zwischen den Wiesen und Wäldern ei» einziges, geordnetes Dorf ist sichtbar und wir werden lebhaft an die Sitten unsrer Vorfahren erinnert, als noch jeder freie Bauer, wie der Adeling auf seinem Hofe inmitten seiner Felder saß. Die Stadt Kempten entzieht sich unserm Blicke, Schloß Quadt, Kronburg rc. sind sichtbar. Im Norden sind zunächst die Thürme von Ottobeuren bemerklich und bei Hellem Wetter vermag man sogar die Wilhelmsburg in Ulm zu erkennen. Im Nordosten hatte uns leider der tückische Nebel die Aussicht benommen, doch eine rasche Wendung des Kopses brachte uns Ersatz genug. Noch lange weilten wir hier ooen und freuten uns des herrlichen Morgens in wunderbarer Schönheit. Ost schauten wir zurück »ach der Stätte froher Augenblicke, als wir durch Hartmannsberg unser» Abstieg nach dem hübschen Markte nahmen. Man hat uns auf einen andern Spaziergang durch die sogenannte Buchhalde nach dem „Hüttchen" aufmerksam gemacht und da wir einen hellen Abend zu erwarten hatten, so traten wir am späten Nachmittage unsere Wanderung durch das Günzthal an. Frohe Landleute belebten die Felder, welche auf schwankendem Wagen das duftige Heu. welches in dieser wasserreichen Thalsohle besonders gut gedeiht, nach Hause oder in die Feldscheunen schafften. Bald nahm uns ein junger Fichtenbestand in seinen kühlen Schatten auf, lauschige Stille umfing uns, so das; wir schweigend fortschritten und in süßem Behagen die wonnige Waldluft einsoge». Diese Ruhe bestrickt die Sinne und läßt Erinnerungen wach werden, welche im Gewühle der großen Stadt, in dem hastigen Dränge» und Kämpfen der Menschenmassen übertönt werde». Doch bald ward dieses träumerische Sinnen durch die durchbrechende Jugendlust verscheucht, jeder war durch die kurze ungestörte Rückkehr zu der eigenste» Gedankenwelt gehoben und im muntern Gespräche entwarfen wir uns ein farbenreiches Gemälde der Zukunft, bei dem e^ allerdings an dein nöthigen Schatten fehlte. Denn um diesen kümmert sich die Jugend nicht; wenn auch dem idealen Streben so manche Enttäuschungen nicht erspart bleiben können, so darf doch dieses reine Licht der Begeisterung niemals dem Dunkel der Unthätigkeit und dumpfer Resignation weichen. Da unterbrach der Wechsel der Landschaft unser Gespräch; waren wir bisher im Dunkel des Nadelholzes in einförmiger Umgebung dahingegangen auf weichem Moose, das nur manchmal vom Springkrauts überwuchert war, so schien die Sonne jetzt freundlich durch das Laubdach, vor uns erschloß sich ein freier Platz, während links sich abschüssige Erhöhungen zeigten. Ueppiger Pflanzenwuchs deckt die mit einzelnen Tannen bestandenen Hängen, welche in Folge des abstürzenden Schneewassers tiefe Rinnsale und Erdabrutschungen zeigen; ein Gangsteig schlängelt sich in sanfter Steigung zur Höhe von Freyen empor und eben entschwindet ein pürschender, stämmiger Jägersmann am Ende desselben. — Da tönte es in der Nähe geschwätzig schnell und sieh! ein murmelnder Quell eilt vom Felsen rasch in's Thal hinab. Eine sinnige Hand hat neben dem Wasserbecken und dem Gestein, welches den Namen „Neverdy" trägt, eine Nasenbank errichtet, welche uns zu einigem Verweilen verlockte. Der Trank ist gut und erfrischend. — Doch die sinkende Sonne mahnte zum Scheiden. An den Höhen entlang zog sich der Weg durch Buchen und Tannen, bald wurde ein kleiner Weiher sichtbar, der ehemalige Schloß- weiher von Liebenthann. Endlich führten uns viele Stufen aufwärts zum Hüttchen, der alten Kapelle und den Schloßruinen. Daselbst waren im 13. Jahrhunderte Volkmar und Ulrich von Liebenthann gesessen, welche die Burg an die Herzoge von Teck verkauft. Im 15. Jahrhundert ging dieselbe sammt der Freiung, dem Zoll und Zins des FleckenS Gunzelourc an den Grafen Hans Stain von Nonsberg über, der es an das Stift Kempten überließ, in Folge dessen der Ort von Kaiser Nupprecht das Marktrecht erhielt. Nur wenige Spuren der Burg sind noch aufzufinden, die Kapelle scheint noch nicht allzu lange niedergerissen zu sein. Nach dieser kurzen Umschau ließen wir uns in dem einfachen Häuschen nieder, um den sich bietenden Ausblick zu genießen. Unter uns klapperte eine Mühle, deren Rad wie mit Silber übergössen erschien; doch kein menschliches Wesen >var zu sehen und vergebens spähten wir nach einer schönen Müllerin. Zu beiden Seiten des anmuthigen Thales sind bewaldete Höhenzüge, von welchen freundliche Höfe niederschauen. Durch diese Begrenzung wird der Blick zunächst auf Obergüngburg selbst beschränkt und dadurch ein ganz hübsches Bild geschaffen. Daran schließt sich das obere Thal mit dem Schotlenwalde, bis den Horizont die Alpen abschließen. Selten bot sich unsern Augen ein farbenprächtigeres Bild als an diesem Abende. Die Beleuchtung erhöhte unzemein die Reize der Umgebung und das Farben- spiel bot einen wundersamen Anblick. Als schon leise Schatten in's Thal niedersanken und die blinkenden Wellen des Baches erbleichten, da strahlten die Berge in zauberischem Glänze. Eine Nöthe, wie sie die holde Scham auf die Wangen eines lieblichen Mädchenantlitzes senkt, fluthet in reicher Fülle um die Häupter der starren Niesen, fächerartig floß sie herab an den Schluchten, die Eisfelder leuchteten in schimmernden Farben. Doch jeden Moment schillerten die Spitzen in wechselnder Färbung, bald erschienen sie in flüssiges Gold getaucht, dann sank ein Silberschleier leise auf die verglühenden Firnen, bis zuletzt die Königin unsrer Berge, die Zugspitze, allein im matten Scheine sich über den dunklen Horizont erhob. Stumm sahen wir diesem unbeschreiblichen Schauspiele zu, bis uns ein kühler Wind auf den Gedanken der Heimkehr brachte. Mit dankbarem Gefühle schieden wir von dem schönen Waldesort. Der Bollmond stieg über den hellen Himmel herauf; es war Johannisnacht. Unsere Phantasie belebte den Hain mit lieblichen Gestalten, Elfen und Fee'», Dryaden und Faune mußten ihre Tänze und neckische Spiele uns zeigen im zitternden Lichts, das stille auf den Bäumen schlief. Die Böge! schwiegen und träumten wohl von angehörten Liedern, die sie morgen singen wollten. Da fühlten wir es wohl: „sanfte Still und Nacht Sind hold den Tönen süßer Harmonie." Und als wir aufsahen zu den lichten Sternen, die unergründlich ihre ewigen Bahnen ziehen, da füllt ein unstillbares Sehnen unsere Seele, hinaufzubringen nach den Himmelsräume», zu sehen jener Welten Harmonie» das stete Walten göttlichen Gesetzes. So verband sich der Zauber der Natur mit dem Wirken unserer Phantasie zu einem jener Eindrücke, welche wir in weihevoller Stunde empfangen und nie vergessen. Und als wir am nächsten Morgen in das Gewühl der Residenzstadt zurückkehren mußten, da gab uns einer aus unserer Wirte ein Eriunerungsblatt mit auf den Weg, das er unmittelbar nach diesem Abende flüchtig entworfen hatte. Es mag denn auch den Schluß der Mittheilung bilden. „Das Wunderbare taun den Jüngling fesseln, Wenn noch die Kindheit mit dem Ernste ringt, Der still das Knabeiffpicl zu Mauueschateu reist. Doch mächtig regt sich das Gemüth, die Seele, Es treibe» Blüthen aus dem vollen Keim Ball süßen Dustes scur'ger Farbeuglut. In seinem Innern treibt's den Jüngling, ahnend, Sich eine Welt zu bau'», die ihn befriedigt. O! pflegt dies Herz, die freie lebensnollc