t»r „Äugsdilrger Dostzeitimg." Nr. 60. Samstag, 28. Juli 1883. Ein Jahr Jogen leben. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Kaum »rar der letzte Akkord verhallt, als der Bruder 1. Sekretär, der zur Rechten des Meisters seinen Platz hatte mit dessen Genehmigung sich erhob und folgende Worte an die Versammlung richtetet „Es ist uns, nieine theuren Brüder längst bekannt, wie die Macht der Finsterniß und mittelalterlichen Verdummung, an deren Spitze der Papst in Nom steht, stets bemüht ist, unsern erhabenen Bund zu schädigen. — In diesen Tagen wieder hat der Papst in Nom — der Redner gebrauchte hier eine alberne, freventliche Bezeichnung — einen Erlaß an seine Schafe hinausgegeben, worin er unsern erhabenen, seinen Segen über die ganze Erde ausgießenden Bund mit den ärgsten Schmähnamen beehrt und über die Mitglieder derselben wiederholt die sogenannte große Exkommunikation verhängt. Nun, meine Brüder, wir wissen, daß der römische Blitz nicht mehr zündet und nicht mehr bedeutet als ein Schlag in's Wasser. Die Bulle, welche unS alle dem höllischen Feuer übergibt, ist durch die Tagesblätter jedem bekannt. Dazu sorgen noch des Papstes Trabanten durch Verkündigung von den Kanzeln für deren Verbreitung. Man weiß nicht, soll man über solchen Wahnwitz lächeln oder so werthlose Drohungen eines ....... Priesters bemitleiden. Wir sind und bleiben der Ueberzeugung» daß eine Religion, die in ihrem innersten Kerne Verachtung des gesammteu Strebens hienieden und des irdischen Genusses lehrt, nicht menschlich und nicht für Menschen sei. Der Ueberschwung hat sie gebore», die vernünftige Ueberlegung muß sie aus den Kreisen der Bildung in die der Barbarei und Halbbarbarei oder doch der Halbbildung weisen und diese Zeit der Ueberlegung ist endlich da. Unsere Geister sind wie die alten Pergamente, worauf ursprünglich weise Männer, die wir jetzt Heiden nennen, die reine Lehre von dem Baue ver Welt und ihrem Baumeister schrieben, darauf .... Mönche eine Tünche strichen und auf die Tünche irgend ein gottseliges Traktätlein pinselten, bis durch chemische, zersetzende Mittel die Tünche sammt dem Mönchsgeschmiere beseitigt wird und der alte, reine Glaube an den allmächtigen Baumeister aller Welten, der auf seinem Stern keine sich kasteienden Mucker, sondern fröhliche, genießende Menschen will, wieder zum Vorschein kommt. Daß dies bald und überall geschehe, daran wollen wir, jeder in seinem Kreise, als Glieder des großen Bundes arbeiten und kein Grollen und Blitzen eines ......... Priesters soll uns daran hindern." Auch diese Rede wurde mit der mauerischen Beifallssalve aufgenommen. Nachdem hierauf noch das Armenlied gesungen und zum Segen der Arbeit zum allmächtigen Baumeister aller Welten gesprochen worden war, wurde die Loge nach Auslöschen der großen Lichter der Weisheit, Stärke und Schönheit durch die Hammerschläge des Meisters und der beiden Aufseher geschlossen. — Nun begab man sich in das anstoßende Gesellschaftszimmer. Dieses war ein großes, 474 prächtig ausgemaltes Gemach, dessen Wände mit sreimauerischen Attributen und Sentenzen sowie mit den Bildern sämiirtlicher Logenmitglieder geschmückt ivaren. In der Mitte zog sich eine lange Tafel mit zwei Reihen Sesseln dahin, an einer Wand stand ein prachtvoller Concertflügel, daneben lagen auf einem Tischs die neuesten Nummern fast aller freimaurerischen Zeitungen. Nachdem man die maurerischs Kleidung abgelegt hatte, nahm man an der Tafel Platz und bald entwickelte reges Leben, wozu die guten Speisen und vorzüglichen Getränke, von zwei dienenden Brudern dargereicht, nicht wenig beitrugen. Gar oft fiel des Meisters Hammer auf den Tisch zum Zeichen, daß Ruhe eintreten solle, weil Reden gehalten oder Toaste ausgebracht werden sollten. Auch Paul wurde von dem Strudel der allgemeinen Fröhlichkeit mit fortgerissen und ganz begeistert von Wein, Freude und Brüderlichkeit stimmte er unter dem Knallen der Champagnerpfropfen in das Lied mit ein: „Freut euch des Lebens So lang noch das Lämpchea glüht, Pflücket die Rose Eh' sie verblüht." Auch das Lied: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang" gefiel ihm in dieser Gesellschaft sehr gut. Wie sonderbar aber, daß er dabei nie an seine Elsa dachte, sondern nur Friederike'S schwarze Augen auf sich ruhen sah. — Als die ersten Sonnenstrahlen durch die trüben Wolken drangen, trennten sich die Bruder. Im Tagesanzeiger zu K., dessen Eigenthümer und Redaktion der Aufseher der Loge zur Eintracht war, las man am gleichen Tage folgenden Artikel: „Es wird den Lesern dieses Blattes nicht unbekannt sein, daß neulich ein Attentat auf unsern allgemein geachteten Mitbürger, Herrn Gutsbesitzer Folger, gemacht worden ist. Auch dessen Rettung durch zwei unerschrockene Männer, Herrn Professor Paul Graf und Herrn Dr. Flemming dürfte hinlänglich bekannt sein. Wir glauben aber unsern Lesern einen Dienst zu erweisen, wenn mir, eine Indiskretion begehend,' denselben mittheilen, daß Herr Folger der Frau des wahnsinnigen Forstaufsehers, die bei ihm Hilfe und Obdach suchte, beides in edelmüthigster Weise gewährte. Der rasende Mann selbst ist seit jenem Tage verschwunden; viele glauben an eine Selbstentleibung, da die Frau schon einige Zeit auffallende Zeichen von Schwermut!) an ihm entdeckt hat. Möge der Arme einen gerechten Richter finden, Herr Folger aber hat dadurch auf's neue bewiesen, daß er nicht umsonst der Vater der Wittwen und Waisen genannt wird." — Der also Belobte fuhr unterdeß mit Paul und Dr. Flemming, die er zu einem Besuche seines Gutes genöthigt hatte, nach Hause. Auf den trüben Morgen war ein Regentag erschienen, wer die Folgen einer in fröhlicher Gesellschaft durchwachten Nacht ganz empfindlich fühlen und keine fröhliche Stimmung während der Heimfahrt aufkommen ließ. In Folger's Herrenhaus empfing eine üppige Brünette, halb städtisch, halb ländlich gekleidet, mit kokettem Lächeln die Ankommenden. Es war Therese, das davongelaufen«, ehebrecherische Weib des Forstaufsehers. Obgleich ihr Anblick nicht geeignet war, Paul Graf heiter zu stimmen, so verscheuchte ein leckeres Mahl und auserlesene Weine, sowie die zuvorkommende Freundlichkeit des Wirthes so ziemlich den einsilbige» Ernst und man unterhielt sich über die letzte Loge, Logenwesen überhaupt und besonders die neue Bannbulle des Papstes, bis die Zeit zum Abschiede drängte. Mittlerweile hatte der Regen nachgelassen und Paul ging mit dem Doktor seinem Dörfchen zu, wo Letzterer noch einen Krankenbesuch machen wollte. Freudiges Erstaunen ergriff aber den Professor, als er vor seinem Häuschen Frisderike sah, die in muthwilligem Spiele sich mit seinem Kinde unterhielt. Und als nun seine Lina ihm entgegrnsprang, und Friederikr 4 475 ihm die Hand zum Gruße darbot, da fuhr ein jähes Leuchten über sein ernstes Antlitz. ES war das Leuchten eines Blitzes, der sein Herz getroffen hatte. „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang", tönte und hallte es beim Anblick des herrlichen Mädchens in seinen Ohren. — Auch Friederike's Auge leuchtete und ihre Hand zitterte- als Paul's verzehrender Blick sie zu verschlingen schien Da erschien Elsa's liebliche Gestalt unter der Thüre des Hauses und ihr treues Auge rief Paul in die Wirklichkeit zurück. Er hatte ja ein liebes, trautes Weib und sein Kind — nur für sie konnte und durfte er lieben und leben. Er küßte seine Elsa und dann begab man sich in's Haus, wo Frieden!« erzählte, eS sei ihr heute zu Hause in Abwesenheit ihres Bruders die Zeit so lange geworden, und da habe sie bei Elsa Zerstreuung gesucht und gefunden. Auch sei ei» Brief von zu Hause eingetroffen, der wegen Krankheit der Mutter, ihre baldige Anwesenheit dort nöthig mache. Bald erschien auch der Doktor von seinem Besuche und die beiden Geschwister traten, baldiges Wiedersehen wünschend, den Heimweg an. Viertes Kapitel. „Sein ganzes Herz dahinzugebcu Und wieder ganz geliebt zu sein, Ist das nicht wahres Himmelsleben Und welch' ein Thor macht's sich'S zur Pein?" Die Ferien sind zu Ende. Paul Graf widmet sich in G. . . . wieder mit neuem Eifer seinen Berufsgeschästen, während Elsa als züchtige Hausfrau schaltet und waltet. Auf beide hatte der Aufenthalt in den Bergen und der Verkehr dortselbst seine Einwirkung nicht verfehlt. Pauls Ernst schien einer gewinnenden Freundlichkeit gewichen zu sein» seine veralteten Ansichten von Welt und Leben hatten sich im steten Umgänge mit den Lebemännern und unter dem Einflüsse Friederike's bedeutend niodernisirt,> sogar sein Aeußcres war zu seinen Gunsten verändert. — Elsa's Gesundheit hatte sich gekräftigt, wenigstens deutete eine frischere Farbe darauf hin, allein es schien als ob aus den mädchenhafte» Augen nicht nur Innigkeit, sondern auch Schwermuth blickte. Während sie aber nach wie vor ruhig den Geschäften des Hauses und der Pflege ihres Kindes oblag, hatte sich bei Paul eine Sucht nach Zerstreuung eingrschlichen, die ihn alle Abend aus dein Hause in den Kreis seiner Bekannten trieb, welche fast ausschließlich der Loge angehörten. War nicht Gesellschaftsabend im Lügengebäude selbst, so konnte man diesen Kreis sicherlich in einem Nebenzimmer des Gasthauses zur Schwane versammelt finden, dessen Eigenthümer, der Vater von Ernst und Friederike, schon seit seinem zwanzigsten Jahre dem Bunde angehörte. Letztere ivar auf der Eltern Geheiß kürzlich nach Hause zurückgekehrt, um der kränkelnden Mutter eine Stütze zu sein. War Paul nun der Liebling seiner Freunde, die er durch unermüdete Arbeit in Schrift und Wort an sich fesselte, so konnte er als der Freund Friederike's gelten, welche sich in kleine Zuvorkommenheiten gegen ihn überbot, nichts ohne seinen Rath anfing und aufmerksam, wie ein begeisterter Schüler, seinen Worten lauschte. Welch' ein Leben war aber auch in die früher so starre Hülle eingezogen! — Nichts war mehr von dem in Weltschmerz versunkenen Pedanten zu erblicke», wenn Paul in zündender Rede die Vrüder ermähnte, nicht nachzulassen i,n Kampfe gegen den Geist der Finsterniß, der Jahrhunderte lang die Menschheit geknechtet und gemartert, der den Menschen zum Thiere erniedrigt oder ihn zum Despoten mache. Und wenn er dann lächelnd Friederike ein Gedicht überreichte, das von Liebe und Wonne überfloß, oder in einem der Tagblät.er seinen Gefühlen Ausdruck gab, da hätte wohl Niemand in ihm den ehemaligen ascetischen Klosterbruder und Weltver- ächtcr gesucht. Und doch gab es Stunden, wo der Schein von Glückseligkeit und Friede wich und er einen Blick senken konnte in seine Brust, wo es dunkler und kälter war als je. Dann schmiegte sich wohl seine Elsa an seine Brust, hob ihr bittendes Auge zu ihm auf und erinnerte ihn an die Zeiten, wo er ihr gehörte, ihr und ihrem Kinde lebte. Dann flehte sie ihn an, gerade jetzt, wo sie ein neues Geschenk seiner Liebe unter dem — 476 Herzen trage, sie nicht zu verlassen, da nur seine Liebs ihr Leben erhalten könne. Dann kam wohl auch die kleine Lina betete dem Vater ein neues Gebetlein vor, das sie von der Mutter gelernt hatte, oder bat ihn, Abends mit ihr zu spielen, und bei ihr und Mama zu bleiben. In solchen Augenblicken lebte Pauls Brust wohl von neuem auf in dem reinen Gefühle der Gattenliebe und Vatersreude, und er versprach Mutter und Kind alles, was sie begehrten; wenn aber dann, nachdem er ein paar Tage für seine Lieben gelebt hatte, Friede,ike zur Freundin kam, sich ängstlich nach seinem Befinden erkundigte und mit ihren Zauberaugen ihn bannte, da vergaß er des Versprechens und erschien Abends wieder im fröhlichen Kreise, aufmerksamer als je von Friederike mit Zeichen der ^ Freundschaft und Ergebenheit überhäuft. Dann gehörte er auch wieder der Loge und , arbeitete für dieselbe zur Freude der Meister und zum erhabenen Beispiele der Lehrlinge. ! So kam Ostern heran, und Paul, der mittlerweile in den Gesellengrad vorgerückt war, - sollte durch einstimmigen Beschluß der Meisterloge in Anbetracht seiner Verdienste um ^ den Bund zum Meister erhoben werden, obwohl seine Probezeit noch nicht zu Ende war. ! Der ersehnte Abend brach an. Unbekleidet, wie einst ein Suchender, betrat er am l Arme zweier ebenfalls zu befördernden Bruder unter dem Gesänge der Anwesenden die ! Loge. Doch waren ihm diesmal die Augen nicht verbunden, sondern er mußte rückwärts ! gehend die Schwelle des HeiligthumS überschreiten. Während die Aufzunehmenden, das ^ Gesicht stets von der Mitte des Saales abgewandt, die Loge dreimal durchwanderten, sangen die Bruder unter Begleitung des Harmoniums die letzte Strophe des „Vaterunsers 's ! der Freimaurer: O Du, der sein wird, ist und war, Beschütze Deine Maurcrschaar! Und wo ei» Bruder zweifelnd irrt, Von der Versuchung Reiz umgirrt, ! Da laß ihn fliehen bis an die Schwelle, - Wo Deines Trostes 'sehen quelle; ! Laß an des Altares Hörnern sich ihn halten, ' Hier schütze ihn der heil'gen Dreien Walten. Hier betet er mit Zuversicht: Führe uns nicht in Versuchung, Sondern erlöse uns von allen Uebeln. Hallelujah, großer Meister! " Deine ewigen Säulen stehen, Ob in Deinem weiten Reiche ! Welten untergehen. Lies gezündet steht Dein Tempel, > Reichend bis znr Sternenwand, ^ Für ihn schlagen lausend Herze», Bauet jede Bruderhand. f Leil' auch inich aus sicherem Wege s Durch der Wogen Element, Bis ich schaue T»ch als Meister ) In dem großen Orient, s Ais dereinst sich mir die Thore Oeffnen Deines Tempels Hallen, s Wo von'iiah und fern die Brüdsr Zu dem Sonnenaltar wallen. ^ (Fortsetzung folgt.) Gol-kSrerer. Der schlimmste Schritt ist, den man eingestellt; Was man nicht ausgibt, hat man nie verloren l Schiller. Das Wort sröhnt wie ein Sktav' Jeglicher Gruft, auf jedem Epitaph Lügt es Trophäen; oft schweigt^, und dem Gedächtniß Ehrwürd'ger Namen läßt es als Vermächtnis! Vergessenheit und Staub. Shakespeare. — ^77 — Der ArrferrthalL in kleinen Orten. Eine Studie von *** (Aus der Nürnb. Presse.) Es ist nicht möglich, dass Alle, die sich zu den Gebildeten rechnen, in der Residenz, ja selbst in Mittelstädten leben können. Gerade die meisten wissenschaftlich gebildeten Männer, namentlich Beamte, zwingt eme heilsame Nothwendigkeit in kleinen Städten, unbedeutenden Flecken oder gar auf stillen Dörfern zu leben; denn es soll ja auch in die kleinsten Winkel, auch in rauhe und durch die zweifelhafte Liebenswürdigkeit ihrer Bewohner verrufene Gegenden der Same der Bildung und Menschlichkeit getragen, Recht und Verwaltung nach den Gesetzen geübt. Unterricht, Tröstung und Heilung dem bedürfenden und verlangenden Volke ertheilt werden. Aber welche unendlichen Klagen über diese so klare Nothwendigkeit und in welchen Abstufungen! Am wenigsten, was hoch anzuerkennen ist, hört man bittere Unzufriedenheit von denjenigen äußern, welche in der Regel am weitesten hinausgeworfen sind: von Forstleuten, Pfarrern und Aerzten. Namentlich bei den ersteren findet man selbst in den rauhest?» Gegenden in der Regel immer frohen Muth, ein stilles Einleben in die kleinsten und ärmsten Verhältnisse, einen Mangel an Neid und Ingrimm gegen bester gestellte oder höher stehende Standesgenosse», der dem Kenner der Menschennatur eins freudige Regung ablockt. Kommt man an solchen abgelegenen Orten zu irgend einem frohen Feste solcher wetterharter und biederer Männer, so geht Einem das Herz auf und man möchte glauben, daß dieß „doch bestere Menschen seien." Auch Aerzte finden sich leicht und anspruchslos in den Aufenthalt an kleineren Orten und halten oft mit vielem Humor aus, besonders wenn die Praxis eine einträgliche ist; aber auch in ganz armen Gegenden, wo der Arzt, abgesehen von dem kargen Lohne, oft Leben und Gesundheit in seinem Berufe wagt, ist jahrelanges treues Aushalten keine Seltenheit. Nun aber zu den ewig Klagenden und Unglücklichen. Es sind die Juristen und Verwaltungsbeaiuten im engeren Sinne und namentlich deren Frauen, welche an kleinen Orten immer unzufrieden und unablässig von dem Stachel des WeiterdräugenS geplagt sind. Sind diese Klagen, diese Wünsche nicht in den meisten Fällen unbillig, könnten sich nicht die Betheiligten selbst ihr Dasein mehr verschönern? Auf die erste Frage können wir aus eigener vieljähriger Erfahrung antworten, daß gar viele dieser Klage» nach dem objektiven Bestände nicht unberechtigt sind. Solche Bemängelungen, daß man nicht die Vergnügungen und Genüsse der Großstädte genießen könne, wie Theater, Konzerte, Bälle rc. rc., sind freilich rein lächerlich; hier heißt es sich eben einfach bei dem gefallenen Loose beruhigen. Ebenso ist es wenigstens unbillig, wenn jüngere Beamte, sie mögen so talentvoll sein als sie wollen, nicht bedenkcnd die außerordentliche Konkurrenz und die geringe Zahl der höheren Stellen, sich nach vsrhältnißmüßig kurzem Aufenthalte ewig gekränkt, zurückgesetzt und unglücklich fühlen und mit fieberhafter Anstrengung aus dem N e st e weiter trachten, währsiH wir es einem älteren Herr», der drei, vier oder noch mehr Söhne heranwachsen sieht, allerdings nicht verdenken können, wenn er ängstlich einer größeren Stadt mit Bildnngsanstalten zustrebt. Und ist es denn in der That gar so arg in den Nestern? Manchmal, doch nicht i m m er. S o n st muß es freilich überall recht gemüthlich gewesen sein, denn fast in jedem Städtchen konnte man schon 1860 hören: Ja, früher, da war es hier schön, da hätten Sie da sein sollen! Oroäut ckuckssus ^ppallu! — Es gab sonst und gibt heute noch gemüthliche, gleichgiltige und bösartige Nester. In den ersten verstehen sich die Beamten unter sich ohne allen Stolz auf ein Stüfchen höher auf's beste; man sucht sowohl im Amte, als im Privntwege nur Frieden und gutes Auskommen und es pflegen Beamte, gebildete Bürger und sonstige Honoratioren einen für alle Theile erfreulichen Umgang. Ebenso kommen, was eine Hauptsache ist, die Frauen miteinander gut oder 478 doch erträglich aus; man bewegt sich zwangslos in Gesangvereinen, Harmonien und dergleichen; man macht gemeinschaftlich Ausflüge auf's Land, chuf Vergkuppen; — Pikniks und dergleichen und spricht wohl öfter das frohe Wort: „Heut ist's doch wieder recht schön gewesen!" Daß solche Orte nicht blos im Reiche der Phantasie liegen, das habe ich selbst in mehr als einem Kreise unseres engeren Vaterlandes erfahren, zwar schon vor geraumer Zeit, doch auch aus der Gegenwart vernahm ich erfreuliche Berichte, daß hier und dort die schöne alte Tradition fortgepflanzt werde. In den gleichgültigen Nestern, und das sind wohl recht viele, herrscht eine unbeschreibliche Stagnation der Affekts- und Willenskräfte, die oft unter ungünstigen Verhältnissen um so mächtiger gedeihen, allein das gesellige Leben und die Stunden, in welchen es dem Beamten und Berufsmanne jeder Art vergönnt ist, Mensch zu sein und unter Menschen zu leben, sich zu freuen und andere zu erfreuen, — gehen ihren unbeschreiblich müden Gang; alles schläft am helle» Tage wie in Dornröschens Zauberburg. Und das Alles trotz Turn«, Sing- und Lesevereinen? Ja wohl. Wo eben kein Leben, kein frischer Pulsschlag der Zeit, keine gegenseitige Neigung vorhanden ist, da kann nur das Gefühl absoluter Gleichgiltigkcit alle Kreise beherrschen; bleierne Langweile, alltägliches Gespräch füllt die langen Winterabende beim Bier, nur das edle Tarokspiel vermag eine kleine Unterhaltung zu bieten. Wehe dem Fremde», dem es im Winter zu Theil wird, eine solche Abendunterhaltung mit zu genießen. Glücklich dagegen das abgelegenste Dorf, in welchem sich einige Lehrer finde», die den Abend mit Quartetten von Silcher, Kreuzer, Methsessel rc. verschönern. Noch schlimmer freilich ist es in den bösartigen Nestern. Hier beleidigt man sich aus geringfügigem Anlasse, oft nur aus persönlicher Antipathie, man ohrAgt, man duellirt, man prügelt sich, namentlich zur Zeit von Wahlen, man vervehmt Mißliebige, setzt sich von ihnen hinweg, wirft sie hinaus. Manchmal gibt es auch herbe Parteistellungen aus folgendem Grunde. Es weiß ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft durch glänzenden Aufwand, Schmeicheleien, pantzm vt eiroausen in kleinem Maßstabe, lange Zeit einen großen Anhang um sich zu sammeln, während die Stolzen und Mißtrauischen ganz in den Schatten gesetzt werden, bis dann endlich durch die Alles reifende Zeit ein böser Schaden an's Licht kommt und das hervorragende Mitglied wegen Kassendefekts oder Diebstahls, durch Selbstmord oder im Zuchthause endet. Nun findet vielleicht Reinigung der Luft statt? Weit gefehlt! schlimmerer Haß und Zwiespalt als zuvor! Ein Aufenthalt an einem solchen Orte ist nun freilich arg und wer ihn Jahre hindurch getragen, dem bleibt er unvergeßlich und er trägt die Narben im Gemüth sei» Leben lang; doch zum Glücke sind ja solche Orte Ausnahmen, es ist eben einfach ein Unglück, in einen solchen Sumpf zu gerathen, und unablässiges Streben und Arbeiten herauszukommen nicht nur erklärlich, sondern eine bittere Nothwendigkeit und vom Triebe zu leben, geboten. Solche Schäden zu heilen, steht nun nicht in der Macht der Einzelnen. Hier heißt es Resignation und Forltrachten aus allen Kräften. Nur durch vollständige Erneuerung eines ganzen Personen-Status tritt manchmal Besserung ein, aber nur durch vollständige, denn bei unvollständiger treten in der Regel die neu Eintretenden die Erbschaft des Hasses und der Parteigelüste der Abtretenden frisch und fröhlich an. — Aber an solchen Orten, welche nicht an liefen moralischen Schäden, sondern mehr an Kleinlichkeiten und Schwächen leiden, könnten doch die Betheiligten selbst durch redlichen Willen eine Besserung ihres Zusammenlebens herbeiführen? Gewiß, wenn auch nicht so leicht und schnell; und doch würde sich die Wirkung schon in wenigen Jahren zeigen, wenn Manches vermieden oder gemildert würde, was wir jetzt mit dem Stückchen des Horaz nicht mit der Skorpionpeitschs des Juvenal, berühren »vollen. Es ist jetzt zum Glücke allgemein anerkannt und zwar auch unter den Beamten 479 selbst, daß ein Beamter durch seine Stellung an und für sich keinen Vorrang und keine Autorität im bürgerlichen Leben beanspruchen kann,- durch seine Kenntnisse, durch seine Humanität muß er sich Achtung und Beliebtheit verschaffen. — Polterer und aufgeblasene Menschen im Stile der Landrichter in den „Fliegenden Blättern" werden heuzutage mit gleicher Münze bezahlt. Das beste Mittel aber von Seite des Bürgers und Bauern, sich eine anständige Behandlung zu sichern, ist ruhige Höflichkeit, ohne Kriecherei und ohne Belästigung, wenn eine Zumuthung als rechtlich unstatthaft zurückgewiesen wird; es steht ja deswegen doch Jedem frei, zum Advokaten zu gehen; nur nicht damit drohen l Sehr zu vermeiden ist auch das Pochen von Seite wohlhabender Bauern, Brauer, Fabrikanten auf großen Besitz und große Steuer; namentlich die letztere wird oft bitter hervorgehoben, wenn es nicht gleich nach Wunsch geht. Darum, ihr Aufgeblasenen im Amte, deren es ja hie und da noch gibt, seid bescheiden und human; ihr Rschtssucher und Antragsteller desgleichen; und ihr Humanen, die ihr Gott Lob! die Mehrzahl bildet, laßt Euch durch keinen Unverstand, durch keine Plumpheit in Euerer lobenswerthen Führung erschüttern! Was nun Titel- und Nangsucht unter den Beamten selbst betrifft, so hat auch hier die Zeit schon wohlthätig gewirkt; konnte man noch vor 20 Jahren kaum in einer Abendgesellschaft auf dem Lande sein, ohne beständig die gebührenden Titel hin und her fliegen zu hören, so hat sich dies an den meisten Orten sehr gegeben und es genügt einmalige Nennung beim Kommen und Gehen. Mögen aber auch diejenigen, die denn gar so versessen auf den Titel sind oder gar ihr Stüfchen höher manchmal recht bösartig geltend machen, hiemir dringend ermähnt sein, endlich einmal dieses Zöpflein abzuthun und namentlich auch das Stüfchen höher zu vergessen. Leider bös versessen sind in diesem Punkte fast überall noch die Frauen. Mit Recht lacht der Franzose über unsere Frau Direktor, Frau Inspektor» Frau Bezirksarzt rc. Möchte doch endlich auch dieser lächerliche Mißbrauch aufhören; darum Ihr edlen deutschen Frauen, laßt Euch über diesen Punkt nicht länger mit Recht von dem Nachbarvolke verlachen, nennt Euch gegenseitig getrost Frau Müller und Frau Schulz« und sollte auch „Euere Waschfrau" ebenso heißen. Dies nicht etwa blos für's Land, sondern auch für die Stadt recht wohl zu beherzigen. Und an Euch, Ihr Frauen, ist es ferner, eine Quelle recht vielen Uebels versiegen zu lassen. Wir meinen die scheinbar unschuldigen abwechselnden Kränzchen oder „Visiten" mit Bewirthung im Hause. Scheinbar unschuldig sind dieselben, allein in Wirklichkeit Veranlassung zu vielen Kosten, Anlaß zur Entstehung und Verbreitung übler Nachreden und hauptsächlich sofort nach Verlassen der gastlichen Stätte zur boshaftesten Kritik über die Personen, die Bewirthung, die Toilette, die Hauseinrichtung der edlen Spenderin. Darum wochenlang« Aufregung vor dem Ereignisse der Visite im Hause der Fesl- geberin, ängstliche Revision der Vorhänge, des Fußbodens, der Möbel, Akkorde mit Bäcker und Konditor; denn Hausgebäck wagt man aus Furcht vor Mißlingen schon lange nicht mehr zu bieten, und vor Allem das fieberhafte Streben, wieder Neues und Großartiges aufzutischen, das die Anderen herabsticht. Glücklicherweise bricht die Uebertreibung der Sache die Spitze ab. Die große» Visiten kommen, namentlich durch energischen Einspruch des Gemahls, mehr und mehr ab. Möge auch dieser Zopf bald gänzlich verschwinden und da ja doch geplaudert und geklatscht werden muß, dieß auf neutralem Boden im Sommer in einer Gartenwirthschaft, im Winter in einem passenden Wirthslokale bei erheiterndem Kaffee und einfachem Gebäcke geschehen. Und nun zum Schlüsse für kleine und große Orte noch eine Mahnung. In morali- sircnden und gemüthreichen Büchern liest man gar viel über den Firniß des gesellschaftlichen Tones, über die Falschheit der Menschen bei freundlicher Außenseite; laßt, ich bitte "Euch! o laßt beides bestehen und gelten, wie eS ist. Geht nur einmal dahin, wo man sich beständig die Wahrheit sagt, wo die Geister wild auf einander platzen, wo man keine 480 Antipathie verbirgt, sich schimpft, prügelt duellirt» und ich wette, Ihr werdet Euch herz- ^ lich nach „Firniß" und „Falschheit" sehnen Daß ich die Höflichkeit nicht so weit getrieben haben will, d -ß man wirklich i m- same Menschen mit Rücksicht behandeln soll, versteht sich von selbst; allein so lange es nur auf Formen ankommt, rathe ich sogar solchen gegenüber sie nicht provozierend zu ^ verweigern. ^ Ich habe meine Erfahrungen zunächst in Süddeutschland gesammelt; sie dürften l auch anderwärts zutreffen. Es galt mir zunächst, ein Kulturbild der neuesten Zeit zu j entwerfen und ich glaube, daß sehr Viele es richtig finden werden; ich wollte aber auch l Winke zu „einem besser» Leben" geben; helfen sie Nichts, nun, so war doch meine Ab- i ficht gut. — ! Hitnmeloschau inr Monat August. —X. Venus o im Löwen verschwindet gegen Ende des Monates in den Strahlen ^ oer aufgehenden Sonne. ; Mars F erscheint um Mitternacht in NO., glänzt bei den Hörnern des Stieres ! und den Füßen der Zwillinge und hat am 29. seinen höchsten nördlichen Stand. Am s 28. befindet er sich 4 ' nördlich vom Mond. ! Jupiter -s erhebt sich gegen 2 Uhr früh über den nordöstlichen Horizont, be- ! findet sich unler Castor und Pollux und steht 5" nördlich vom Mond am 29. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 14. (Eintritt 2 Uhr 55 Min. Morgens): der zweite am 3. (Eintritt 4 Uhr Morgens). Saturn H geht fast gleichzeitig mit Mars in NO. auf und wird am 25. vom Monde bedeckt Abends 7 Uhr. Der Durchmesser der Kugel beträgt 10, die Durchmesser i der Ningaxen 40 und 18 Bogensckunden. s Am 10. findet ein Sternschuppenfall statt. (Loreuzistrom.) ' M L s e s l l s rr. (Bier und sein Trinken.) Der Direktor einer Münchener Brauerei sagt: ! „Es ist nicht genug gutes Bier in die Welt zu schicken, man sollte auch jeden Wirth ! und Trinker die Behandlung lehren! Wie wird aber verfahren? Wirthe verstehen >! nicht einzuschänken und " Trinker verstehen nicht zu trinken! Dem Biere muß seine ! Kohlensäure erhalten werden bis zum Munds des Trinkers. Durch die Kohlensäure f nur bekommt uns das Vier gut. Wird sie durch verkehrtes Verfahren dem Biere ent- ! zogen, so hat es einen widrigen faden Geschmack und liegt wie Blei im Magen, macht Kopflckunerzen und allerlei Uebelbefinden. Durch mehrmaliges Umgießen verflüchtigt sich auch die Kohlensäure, desgleichen auch durch Erwärmung. 1) Bedingung ist: Berührung des Vieres mit der Lust und Erwärmung zu vermeiden so viel als möglich; 2) Das ! Bierglas muß dicht unter dem Hahne gehalten werden. Verkehrt ist aber: Das Ein- ^ schänken tief unterm Hahne und Auf- und Niederfahren des Glases oder gar Luft ein- ) zuspritzen, wodurch die Kohlensäure geradezu ermordet wird; durch dergleichen Verfahren e kann Schlimmeres nnd Thörichteres dem Biere nicht angethan werden. Die meisten H Trinker, die kein Verständniß haben, wollen aber viel Schaum sehen. Wirth und Trinker ^ sagen bei viel Schaum „Das ist a Bierel!" Der Bierverständige sagt aber: „Das ist ; kein Bier!" s (Aufmunterung.) „Ihr seid doch wahrhaftig die größten Dummköpfe vom ganzen Regiment — und doch, wenn sich Einer unter Euch nur ein bischen gut hielte, so wär's kein Wunder, wenn er's bis zum Sergeanten brächte, wie ich!" (Starke Familie.) Beamter: Wie stark ist Ihre Familie? — Bauer: Wann wer zammehalte, so verhaue mers ganze Dorf! Für die Nedaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarisLen Instituts von Dr. Mar Huttler.