Unterlniltnngsökatt zur „Äugst« urger postskitirug.- Nr. 61. Mittwoch, 1. August 1883. Ein Jahr Jogenledeii. Von Georg Aumüller. (Fortsetzung.) Jetzt ergriff der Meister vom Stuhl das Wort und forderte nach einigen einleitenden Worten die zu Befördernden auf, sich umzuwenden. Sie erblickten einen schwarzen leeren Sarg, dessen Deckel abgehoben war. Hinter demselben lagen Todtenköpfe und Knochen. „Geschlossen ist der Bund für's Leben", klang eS von den Lippen des Meisters, »und auch über das Leben hinaus erstreckt sich unser Bund. Der Tod schreckt den Maurer nicht ab von der Erfüllung seiner Pflichten. Bis daher habt Ihr Euch, liebe Brüder, als Maurer bewährt, bleibt standhaft bis zum Tode. Der Bund hält und beschützt Euch in allen Lagen des Lebens. Schwört noch einmal Treue, Liebe und Gehorsam dem Orden und seinen Obern!" — Mit hocherhobener Hand wiederholten die drei neuen Meister den Schwur, den sie bei der Aufnahme geleistet und verstärkten ihn durch folgenden Beisatz: »Getreu bis in den Tod wollen wir leben, streben und sterben für den Bund. Möge uns der Brüder Rache treffen, wenn wir je vom Ziele abweichen!" — Dann fuhr der Meister fort: „Treue Pflichterfüllung in jeder Lage des Lebens im Verhältniß zum Bunde und als wahre Freunde gegen unsere Brüder ist unsere Aufgabe. Wohl sollen mir des köstlichen Gutes der Gesundheit schonen und es uns zu erhalten suchen zum Werke, das wir begonnen; aber die Pflicht des Maurers steht höher als das Leben, und wenn beide in'Kampf gerathen, muß erstere dem letzteren vorangehen. Wir können Weh und Kummer hinterlassen, wenn wir von dieser Welt abtreten, aber wir Menschen sind auf dieser Erde nur eine ununterbrochene Kette von Werkzeugen in der Hand des Allmächtigen Baumeisters aller Welten. Einer steht auf den Schultern des andern, ganze Geschlechter bauen auf dem Rücken anderer auf und unsterblich pflanzt sich nach unserm Tode fort, was wir gewirkt und geschaffen. Wir alle sind nur Fortsetzer des Werkes, das vor uns begonnen, wir alle erfüllen nur weiter die Aufgabe, die andere unvollendet uns hinterlassen haben, wir alle bauen nur fort an dem Tempel der Menschheit, der nach Jahrhunderten noch nicht sich gewölbt haben wird über alle Kinder des himmlischen Vaters. Das tröste uns in strenger Erfüllung unserer Maurerpflicht, in der Stunde des Todes; das ermuthige uns zugleich, zu schaffen und zu wirken, daß wir das Unsrige beitragen zur Veredlung der Menschheit und tapfer stehen im Kampfe gegen die Macht der Finsterniß, deren Stütze ....... Priester sind, die mit ihren Märlein das ängstliche Volk bethören. Kämpft mit allen Mitteln gegen sie und ihre Lehren — Licht und Aufklärung — das sei unser Losungswort!" — Jetzt vertauschte man die Gesellenschürze mit der des Meisters, deren drei Rosen jeden Bruder an das von treulosen Gesellen vergossene Blut Hirems, des Erbauers des Salomonischen Tempels, mahnen sollen, und unter den üblichen Ceremonien und Gesängen ging die Loge zu Ende. Im anstoßenden Gesellschaftszimmer wurden nun die junge» Meister von den älteren Brüdern unter Händedruck beglückwünscht, und nachdem man sich der maurerischen Ab- 48,2 zeichen entkleidet hatte, setzte man sich nieder zum heitern Mahle. Der perlende Wein öffnete bald Herz und Mund zu fröhlichen Reden und Toasten. Auch der abwesenden Schwestern wurde gedacht und Paul war nicht der letzte, der in begeisterten Worten der Frauen Lob verkündete. Freilich dachte er nicht dabei an die stille, züchtige Elsa, sondern er erblickte die herrliche Gestalt Friederike's und träumte, in ihr Wonne verheißendes Glutauge zu blicken. Vergessen waren alle Schwüre von ewiger Liebe und Treue, verschwunden der Zauber, den früher sein Weib auf ihn geübt. Was sollten ihm die traurigen Blicke der Dulderin! Lied, Liebe und Wein führten ihn einem neuen Leben entgegen. Die Bande eines thörichten Aberglaubens lagen zerrissen zu seinen Füßen, goldene Freiheit, und bestrickender Genuß winkte ihm, und er folgte dem Rufe. Lange genug hatte er die Welt verachtet und unter der Wucht alter Vorurtheile geschmachtet,' jetzt war es Licht in ihm geworden und sein heißes Blut wollte im Strudel des Lebens Kühlung und Erquickung suchen. Der Thor, der einst Wein, Weib und Gesang verachtete, hatte dem genießenden Menschen Platz gemacht. Deshalb stimmte er mit Herz und Mund in das Lied ein: Morgen liebe, was bis heute Nie der Liebe sich gefreut I Was sich stets der Liebe freute, Liebe morgen, wie bis heutl Die Wolken fingen schon an, vom Glänze der neuauftauchenden Sonne sich zu vergolden, als die angeheitert« Gesellschaft das Logengebäude verließ. Hatte sonst oft ein bitteres Neuegefühl Pauls Brust ergriffen, wenn er nach durchwachten Nächten seiner Elsa sich nahte, so empfand er heute fast Bitterkeit und Aerger über sein Weib als er die Treppe zu seiner Wohnung Hinanstieg. Kein Wort der Entschuldigung kam über seine Lippen, als er die zarte Gestalt und das bleiche Gesicht Elsa'S erblickte, auf dem sich die Spuren vergossener Thränen nicht hatten verwischen lassen. Er wollte ja jetzt das Leben genießen, nicht in Kummer und Schmerz sein Dasein Hinfristen. Nach einigen gleichgiltigen Worten suchte er sein Zimmer auf, um dort einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Aber Ruhe und Schlaf flohen ihn. Kaum sielen die müden Augen zu» so umgaukelten ihn die wilden Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, er lag im schwarze» Sarg der Loge und die Brüder schlugen hohnlachend den Deckel zu; er hält Friederike's herrliche Gestalt umschlungen; aber sie entwand sich lachend seinen Armen und drohenden, haßerfüllten Blickes stand ihr Vater vor ihm; er wollte zu seiner Elsa flüchten, aber er fand nur den starren, todten Leib seines Weibes» Müder, als er sich gelegt, erhob er sich vom Lager, um durch Lektüre die düstern Bilder zu verscheuchen. Neue Bücher lagen auf seinem Schreibtische. Er nahm das erste in die Hand und las als Motto des armen Dichters Worte: „O legt nicht schlafen das Gewissen, Seid wach und seid auf Gott gestellt! Es ist ein schlechtes Ruhekissen Die Sturmeswoge dieser Welt." Vor einiger Zeit hätte Paul sicher das Buch durchgeblättert. Jetzt legte er es verächtlich beiseite. Er wollte ja ohne Gott und Gewissen in den Sturmeswogen der Welt Glück und Ruhe finden! Des deutschen Satyr's Lieder, die in neuer golbstrotzender Prachtausgabe ihr Gift bargen, taugten eher zu Pauls Stimmung und wiederholt laS er die Worte: Herz, mein Herz sei nicht beklommen, und ertrage dein Geschick, Neuer Frühling gibt zurück, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben! Und wie schön ist noch die Welt! Und mein Herz, was dir gefällt, Alles, Alles darfst du lieben! 483 -7 Das waren für Paul Worte der Erbauung und des Trostes. Hatte er ja doch in der Loge gelernt das Evangelium der Entsagung zu verwerfen und das Wort von der Freiheit des Fleisches an dessen Stelle zu setzen. Mit weniger finsterer Miene, als er gekommen, setzte er sich zu Tische, liebkoste seine kleine Lina und benachrichtigte Elsa nach eingenommenem Mahle von seinem Plane, an dem nachmittägigen Ausfluge der Bruder und Schwestern theil zu nehmen. Daß Elsa nicht dabei sein konnte, wußte er, denn seit sie sich zum zweiten Male Mutter fühlte wurde sie von öfterem Unwolsrin befallen und mied deshalb mehr als je alle Gesellschaften. Achtes Kapitel. Den schreckt nicht des Grabes Offne Nacht, nicht Erd' aus den Leichnam mit dumpfem Getöse Niedergeworfen, nicht Stille verlassener, einsanier Gräber, Noch der Verwesung Bild, wer, wenn dies alles sein wartet, Weiß, daß Gott ihn dereinst in seinen Himmel hmausrust, An dem Tage der großen Geburt in das Leben der Engel. Ueber die kahlen Stoppelfelder wehte der Herbstwind. Auch in dem baumbeschatteten Häuschen in der Nähe des Sees, das Elsa wieder bewohnte, schien das Leben ersterben zu wollen. Trotz sorgfältigster Pflege der Wittwe und des heitern Geplauders ihres Kindes wollten sich trübe Wolken, die stets das blasse Gesicht beschatteten, nicht verziehen. Ein beängstigender Husten hatte sich eingestellt und mit Bangen mußte man dem Augenblicke entgegensehen, wo sie einem zweiten Kinde das Leben geben sollte. Dazu kam das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, das stets beengender wurde, je seltener Briese von Paul einliefen, der unter dem Vorwande dringender Arbeit in G. . . . zurückgeblieben war und die den Tag seiner Ankunft stets weiter hinausschob. Das liebende Weib erkannte die Gefahr, in der ihr Mann schwebte, und obgleich vernachlässigt und zurückgesetzt, schlug ihr Herz in gleicher Liebe für den Gatten, dem sie am Altare ewige Treue geschworen. Ohnmächtig stand sie dem hereinbrechenden Unheil gegenüber und nur der Allwissende und Allbarmherzige hörte ihr Flehen. Hatte sie doch sehen müssen, wie Paul, ihren Bitten und Thränen ausweichend, ganz nur der Loge lebte, und kaum den Abend warten konnte, der ihn zu Friederike brachte. Dort saß er singend, redend» spielend die halbe Nacht im Banne der schönen Augen, und wenn die übrigen sich entfernt hatten, so sog er von den Lippen des schönen Mädchens neue Lebenslust. Briefe, glühend voll Liebe und Sehnsucht, waren in Elsa's Hände gekommen und hatten ihr über des Gatten Thun die Augen vollends geöffnet. Sie konnte den Bann nicht brechen, sie wollte aber auch nicht Augenzeuge des Ehebruchs sein, darum hatte sie, früher als sonst, G. . . . verlassen, um in einsamer Stille der schrecklichen Zukunft entgegenzusehen. Wird Gott dem Verhörten die Augen öffnen, wird sie sein Kind, alles verzeihend, ihm in die Arme legen können? So quälte, so kümmerte sie sich und sah bange und lange jedem kommenden Tage entgegen. Wie konnte doch ein einziges Jahr so viel Unheil auf ei» schuldloses Haupt häufen, wie ihr Leben zu einem gänzlich verfehlten gestalten! Klar, rein und ruhig, wie der Spiegel des Sees, wenn kein Lufthauch die Gewässer bewegt, war ihr Herz, bis Pauls Unruhe und unstetes Haschen und Ringen es bis in die innersten Tiefen erzittern ließ. Wie konnte sie denn gerade einem solchen Manne, ihre Liebe schenken? — Doch es war Gottes Wille, er hatte sie mit dem Manne verbunden und Niemand sollte das Band zerreißen. Solch trüben Gedanken hing auch heute Elsa auf eine Ruhebank vor dem Hause sitzend nach, als sie Herrn Folger auf sich zukommen sah. Was wollte der unheimliche Mann bei ihr? Bisher war sie von seinen Besuchen verschont geblieben. Höflich grüßend erkundigte sich der Gutsbesitzer nach ihrem Befinden und fragte, ob es erlaubt sei, P latz -u nehmen, da er wichtige Nachrichten aus G. . . . bringe. Elsa geleitete ihn in ihrn einfaches Wohnzimmer und Folger begann nun: „Es ist mir, hochverehrte Frau, vo G. . . . aus ein sehr unerfreulicher und unangenehmer uftrag zu theil geworden, allein die Freundespflicht erlaubt nicht, daß ich ihn ablehne. AZudem glaube ich Ihnen noch 484 eine Gefälligkeit erweisen zu können, wenn ich die für Sie jedenfalls bittere Nachricht in etwas milderer Form, als es ein Brief zuläßt, übermittle. Wie Ihnen, verehrte Frau, vielleicht bekannt sein wird, verkehrt unser lieber Freund Paul sehr viel im Hause Flemmings und sein gegen alles Schöne sehr empfängliches Gemüth gerieth durch den steten Umgang mit Friederike, der Tochter des Hauses, in nicht geringe Aufregung. Diese steigerte sich während Ihrer Abwesenheit zu inniger Vertraulichkeit und gegenseitiger Zuneigung. So lange das Verhältniß ein harmloser Freundschaftsbund blieb, sah Herr Flemming dem Treiben der beiden ohne Einrede zu, jetzt aber, da die ganze Stadt darauf aufmerksam geworden ist, glaubt er auf Lösung oder Ehe dringen zu müssen. Leider hat es seine Schwierigkeiten, jedoch sind die Hindernisse nicht unübersteigbar, wenn von allen Seiten Ernst und guter Wille vorhanden ist. Von Trennung will weder Paul noch Friederike etwas hören. Gegen die Trauung ist die Unauflöslichkeit der Ehe der Katholiken, dabei muß ich Ihnen noch gestehen, daß Paul trotz seiner Leidenschaft immer noch in alten Vorurtheilen steckt und nicht recht an eine Scheidung von Ihnen und seinem Kinde, sowie an den Uebertritt zum Protestantismus denken will, obgleich letzteres nur Formsache wäre. Nun läßt Sie, hochverehrte Frau, Herr Flemming ersuchen, Sie möchten Ihrem Mann, der Ihnen ja doch schon lange entfernt ist und nie mehr zu Ihnen zurückkehren wird, völlig freigeben und ihm dies schriftlich anzuzeigen. Auch Ihre Freundin Friederike bittet Sir um das Gleiche." — Jetzt erhob sich flammenden Auges das tiefgekränkte Weib und ersuchte mit einer Miene der Verachtung und einem Ton, den man dem zarten Wesen nie zugetraut hätte,"Herrn Folger, seine Bemühungen einzustellen und sie nicht weiter zu belästigen. Dieser aber, als merkte er die Entrüstung und den Abscheu der beleidigten Frau nicht, suchte sie niederzuhalten, da er noch nicht zu Ende sei. Gleich als berühre sie eine giftige Natter stieß Elsa des Gutsbesitzers Hände zurück, überwand sich aber doch, ihn ausreden zu lassen. Er fuhr fort: „Sie scheinen mich, hochverehrte Frau, gänzlich zu verkennen, damit Sie aber sehen, daß ich und meine Freunde für Ihr Wohl tief bekümmert sind, so erlaube ich mir, Ihnen auf unbeschränkte Zeit mein Haus zur freien Verfügung zu stellen. Meine Therese, die Wittwe des Jagdaufsehers, die Ihnen noch im Gedächtniß sein wird, wird es sich zur Ehre rechnen, Sie zu unterhalten und zu verpflegen, so daß Sie mit Ruhe dem Kommendem entgegensehen können." — Diese Zumuthung hatte noch gesehlt. Mit einem jähen Weheruse sank das bis in das innerste Mark verletzte und beschimpfte Weib auf den Boden des Zimmers. Auf diesen Ruf eilte die brave Hausfrau herbei und suchte die Regungslose wieder zum Leben zu wecken. Folger entfernte sich mit dem Versprechen, einen Arzt zu senden. Lange trotzte die tiefe Ohnmacht allen Lebensversuchen und herzlichen Zusprächen Agathe's. Endlich schlug die Arme die Augen auf, aber nur um nach herzzerreißendem Schluchzen wieder in die Kissen des Sopha's zurückzusinken. Händeringend stand die treue Pflegerin vor der Kranken, laut aufschreiend beugte sich Lina über die leblose Mutter. Als der Arzt kam, hatten mitleidige Nachbarnfrauen den geliebten Gast in das Bett gebracht und dort ruhte nun die Dulderin, sanft und still, als habe Gott sie von ihrem Leiden erlöst. Doch die Prüfung war noch nicht überstanden. Schwache Pulsschlüge verkündeten nach langein Bemühen des Arztes, daß das Herz noch nicht zu schlagen aufgehört habe. Allmählig kehrte das Bewußtsein ivieder und die blassen Lippen öffneten sich zu innigem Gebete. „Gott, mein Gott, verlaß mich nicht", hauchte die Sterbende. „Ervarme Dich seiner, seines Kindes und meiner. Laß mich büßen für seine Sünden, doch rette ihn, rette sein Kind! Nimm mich als Opfer und das Kind in meinem Leibe, erlöse mich! Maria hilf! Amen." — Nun öffnete sie die Augen, erblickte ihr Kind, streckte die matten Arme nach ihm aus und drückte den letzten Kuh auf den unschuldigen Mund. Dann legte sie die erkaltenden Hände auf das Haupt des weinenden Lieblings und murmelte den Segenswunsch einer sterbenden Mutter. „Lina, liebe den Vater!" war ihr letztes Wort. Der würdige Pfarrer des Ortes, der herbeigeeilt war, hatte kaum die letzte Oelung gespendet, da hielt der Arzt ein todtes Knäblein in den Armen, auf dem der letzte, scheidende Blick der Mutter ruhte. — „Sie hat ausgerungen", sprach feuchten Blickes der Geistliche, „lasset uns ein Vaterunser beten." Schluchzend warfen sich die Anwesenden auf die Knie und flehten für die Seele der Dulderin, „ko^uissvat in pacv", sprach jetzt sich erhebend der Pfarrer. „Geht in die Kirche und betet, damit der letzte Wunsch der Verstorbenen erfüllt werde." Niemand wußte ihn, doch bald, während die Todtenglocke wimmerte, lag die ganze Gemeinde in brünstigem Gebete auf den Knien im Gotteshause. (Schluß folgt.) Goldkörner. Der Groschen klingt nicht, wenn er bleibt allein. Gib ihm Genossen, wird es anders sein; Willkommen ist auch einer Blume Glanz, Doch nur aus vielen windet man den Kranz. Setz einen Frosch auf goldenen Stuhl, Er springt doch wieder in den Pfuhl. Der Wagen ist zu sehr beschwert, Kein Wunder, daß er langsam fährt. Die Kränkung schmerzte: schwer war sie gewiß: Die beste Heilung aber ist: Vergiß! Nicht wo der Fluß sich raschen Laus's bewegt, Er ist am tiefsten, wo er kaum sich regt. Willkomm'ner Nachricht wünscht man schnellen Flug, Ein Unglücksbote kommt stets früh genug. Wozu das Unkraut noch beziehen? Es wird empor von selber schießen. Den ganzen Kuchen, wie gut er sei, Verdirbt ein übelriechend Ei. F. B eck. Zehn Minuten Eisenbahnfahrt. Der Zug hatte soeben London verlassen; ich saß allein in einem Coupö erster Klasse. Da öffnet sich die Thür und ein Mann springt mit dem Rufe hinein: „Wäre beinah' nicht mitgekommen, ging eben noch gutl" Ein halsbrecherisches Stück Arbeit, dachte ich, auf einen Zug zu springen, der bereits in der Fahrt begriffen ist, wenn auch in langsamer. Aber was ging's mich an. — Die Engländer haben ja ihre Schrullen. Der neue Passagier schien auch überhaupt ein gewöhnliches Exemplar der Menschheit zu sein, denn er knüpfte sofort ein Gespräch mit mir an, und das kommt in England, diesem Lande der Zugeknöpftheit, dem „Nicht« vorgestellten" gegenüber selten vor. Er renommirte mit den großen Reisen, die er gemacht habe. In Italien, Rußland, Indien, China, Timbuktu sei er gewesen, so versicherte er, den Nordpol und auch den Südpol habe er besucht. „Da kennen Sie ja so ziemlich alle Gegenden der Erde", meinte ich in ungläubigem Tone. „So verhält es sich", versicherte der Unbekannte. „Aber das genügt mir nicht. Ich muß auch den Mond kennen lernen. Niemand darf sich als einen großen Reisenden bezeichnen, der dort nicht gewesen ist." Aber außer den Nomanfiguren von Julius Verne haben nur wenige Leute diese Tour unternommen", warf ich ein, auf den vermeintlichen Scherz eingehend. „Richtig! Und doch, wie angenehm würde ein Ausflug dorthin sein, gerade jetzt, da auf dieser Erde ein so verwünschter Nebel herrscht. Hegen Sie aber gar keine Sehnsucht, eine solche Reise zu machen?" „Entschieden nein", lachte ich. „Ich möchte, ich wäre zu Hause vor meinem behaglichen Kamin, denn auch dort ist es besser als in der Nebelluft draußen." — 486 — „In der That. Der Nebel ist abscheulich. Und wie er stinkt!" Dabei öffnete er das Schiebfenster der Waggonthür, so daß der häßlich duftende Nebel eindrang. „Er ist wirklich weder für die Augen noch für die Kehle vortheilhaft", sagte ich verdrießlich. «Also . . ." „Also wären Sie mir dankbar, wenn ich Sie von dem Verweilen im Nebel be- freie? Das will ich." In seinen Augen blitzte etwas Unheimliches: er rückte mir ganr nahe und flüsterte: „Ich kann Sie vom Nebel befreien — Sie und mich selbst." Dabei knöpfte er den Nock dicht zu und streifte den Aermel desselben halb auf. s Jetzt zum erstenmale leuchtete der Gedanke in mir auf, daß der Unbekannte geistesgestört sein werde. Ich fixirte ihn. Ja, es blieb kein Zweifel übrig: der unstäte Blick, das seltsame Zucken um die Mundwinkel bestätigen es, ich war allein im Coupä mit eine»» Wahnsinnigen, wahrscheinlich mit einem entsprungenen Tollhäusler. Ich bin nicht muthlos, habe mehrere Male auf Reisen und im Kriege dem drohenden Tode fest in's Auge geblickt, aber hier überlief es mich eiskalt und der Angstschweiß perlte auf meiner Stirne. Der Unbekannte trug alle Anzeichen eines Mannes von ungewöhnlicher Körperkraft; wenn er sich auf mich stürzte, könnte ich kaum hoffen, ihn abzuwehren im Stande zu sein. Und toll war er, ganz toll! Nur ein Toller konnte in dieser Weise lachen wie er, als er mir zuraunte: „Wir werden zusammen die Reise nach dem Monde machen. Adieu, Nebel I Nun, mein Herr, sagen Sie doch dem Nebel Lebewohl I" Ich erhob mich, auf einen Kampf gefaßt. Es gebrach »lir an jeglicher Waffe, nur auf meine beiden Fäuste konnte ich zählen. Doch hoffte ich, daß wir jeden Augenblick die Station erreichen würden, woselbst auf mein Hülferufen rasch Beistand kommen mußte. Vielleicht half die Fortsetzung des Gesprächs. „Ihr Ballon", bemerkte ich, „würde in einer solchen Nacht schwerlich reisen können. Die Atmosphäre ist zu dick." „Zu dick? Glauben Sie das?" „Ja. Der Nebel ist so stark, daß wir nicht hindurchkommen würden." „Abrr es ist des Versuches werth." Er sprang auf und griff nach meiner Kehle: «Auf diese Art wollen wir anfangen. So gewinne ich Gas für die Tour. Erst tödte ich Sie, dann mich; Sie gehe» voran, ich folge." Einen lauten Schrei um Hülfe aussioßend, der aber in dem Geraffel deS Expreß- Zuges gänzlich verloren gehen mußte» rang ich verzweifelt mit dem Wahnsinnigen. Er war stark, riesig stark, aber die Angst gab mir zunächst Riesenkräfte. Einige Minuten (so kam es mir vor) währte dieser Kampf, eng umklammert drängten wir uns vor- und rückwärts im Coupe. Ich fühlte den Athem des Wahnsinnigen heiß in meinem Gesicht, ich hörte das Knirschen seiner Zähne, blickte in seine grimmig funkelnden Augen. Ein weißer Schaum trat vor seine Lippen. Endlich ließ er mich los. Da tanzten die Lichter der ersten Station vor den Fenstern vorbei — ich hatte vergessen, daß der Expreßzug hier nicht anhalte! Mich überkam es wie eine Lähmung, die Arme fielen mir schlaff am Körper herunter, und als nach kurzem Athemholen der Wahnsinnige zum zweiten Male anpackte, hatte er kaum den Widerstand zu bewältigen, wie ihn ein Kind leisten würde. Er warf mich zu Boden und kniete auf meiner Brust. , „Ich habe ein Messer", zischte er mir durch die zugekniffenen Lippen zu. „Damit können wir uns einen Weg durch den Nebel schneiden. Wir werden die Reise nach dem Monde antreten." Und Langsam suchte er in seinen Taschen nach dem Messer, Hüflos lag ich da, und nun überkam mich eine eigenthümliche Stimmung. In nächster Nähe vor einem schrecklichen Tode, ganz in der Macht des Tobsüchtigen, hatte ich doch keineswegs das Bewußtsein verloren, gewann vielmehr plötzlich meine volle Fassung und bildete so ruhig meine Gedanken, als handle es sich um eine dritte Person. Ich wunderte mich, daß der Zug so langsam ging, nur schien es, als bewege er sich nur im Schneckentempo vorwärts. Ich dachte an meine Lieben daheim, wie sie sich wundern 487 würben, wenn ich heute nicht anlange. Ich bedauerte, daß ein so schätzbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft ein so elendes Ende finden sollte. Ich betrachtete kühl und aufmerksam die Gesichtszüge des Tollen und fand sie recht abstoßend. Sein Halstuch, blau mit weißen Punkten mißfiel mir. Auch an einen Schuhmacher dachte ich, dein ich noch eine kleine Summe schuldete, und der meine Adresse nicht kannte; es that mir leid, daß der Mann um fein Geld kommen werde. Und noch unzählige solcher Gedanken flogen mir wie Blitzesschnelle durch mein Gehirn — mir schien es, als ob eine unendliche Zeit seit meiner Niederlage verflossen sei, während in Wirklichkeit kaum eine Minute seit derselben vergangen sein mochte. Mit gemächlicher Ruhe zog endlich der Wahnsinnige ein großes Taschenmesser heraus und öffnete die lange, blanke Klinge, welche durch eine einschnappende Feder zum Feststehen im Heft gebracht wird. Ich las die Sheffielder Firma auf dem Stahl, so nahe blitzte derselbe vor meinem Gesicht. „Jetzt werde ich Ihnen den Hals abschneiden, dann geht es nach dem Monde. Aber bitte, verlassen Sie den Waggon nicht eher, bis auch ich so weit bin." „Damit ist es nichts", antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich bin schnell. Gehe ich zuerst, so werden Sie mir schwerlich nachkommen, aber weshalb wollen Sie denn nicht vorangehen?" „Ich vorangehen?" „Nun ja, natürlich, Sie sind stark, muthig, haben ein Messer. Sie haben ja selbst erklärt, daß Sie den Weg bahnen können." „Freilich, freilich, das vergaß ich. Natürlich ich muß voran, Sie haben ganz Recht. Ich will den Weg bahnen, folgen Sie nml" Und bei diesen unerwarteten Reden überkam mich plötzlich wieder ein furchtbares Grausen vor dem schrecklichen Menschen. Im selben Moment zog er die scharfe Klinge quer über seine eigene Kehle, ein heißer Blutquell überströmte mich. . . . Das Messer fiel aus seiner Hand, er sank auf die Seite. Ich sprang auf und schrie aus dem Fenster um Hülfe. Der Zug ging bereits langsamer, die Haltestation war erreicht. Die Wunde war keine tödtliche, ja, sie hatte, wie ich später erfuhr, insofern eine gute Wirkung, als die Tobsucht des Unglücklichen in Folge des starken Blutverlustes sich milderte. Er war am selben Abend erst aus einer Heilanstalt entsprungen. Als ich auf meine Uhr blickte, fand ich zu meinem Staunen, daß die entsetzliche Fahrt, die mir eine Ewigkeit zu dauern geschienen hatte, in Wirklichkeit kaum zehn Minuten währte. Es waren die längsten zehn Minuten meines Lebens. Miseelleir. (Der kluge Kutscher.) Ein kürzlich vermähltes englisches Ehepaar von den „oberen Zehntausend" beschloß, die Hochzeitsreise zu Wagen zu machen, da dies der junge» Frau viel poetischer erschien, als auf den Allerweltswegen mit der Eisenbahn zu fahren. Um diese lästige Neugierde zu vermeiden, womit die Leute auf dem Lande und in den kleinen Städten gewöhnlich ein neuvermähltes Paar zu verfolgen pflegen, gab Sir Arthur seinem irländischen Kutscher gemessenen Befehl, Niemanden unterwegs zu erzählen, daß die Hochzeit erst eben stattgefunden habe, wobei er drohte, ihn bei Zuwiderhandeln sofort zu entlassen. Pat versprach den strengsten Gehorsam; allein schon am folgenden Morgen hatten Sir Arthur und seine junge Gemahlin die unangenehme Ueber- raschung', die ganze Bewohnerschaft des Ortes bei ihrem Erscheinen zusammenlaufen zu sehen. Die Leute im Gasthaus und auf der Straße starrten sie neugierig an, indem sie sich gegenseitig zuflüsterten: „Das sind siel das sind sie!" Am nächsten Tage spielte sich in einem anderen Orte die nämliche Scene ab. Voll Entrüstung rief Sir Arthur den Kutscher ins Zimmer, um ihm seine augenblickliche Entlassung anzukündigen, weil er ausgeplaudert habe, was er geheim halten sollte. „Was soll ich denn gesagt haben?" rief Pat zerknirscht. „Kerl", fuhr ihn sein Herr ärgerlich an, „du hast jedes- 488 Mal der ganzen Dienerschaft des Gasthofes erzählt, daß wir ein neuverheirathetes Paar sind." „O," rief Pat triumphirend, „davon habe ich kein Wort gesagt. Wenn sie mich in der Küche danach gefragt haben» erzählte ich jedesmal, Sie würden sich erst in einigen Monaten verheirathen! . . . ." Die junge Lady war einer Ohnmacht nahe, ihr Gatte aber verzieh Pat und beschloß, ihn in Zukunft lieber die Wahrheit sagen zu lassen. (Ein Droschkenkutscher, der Sänger wird), ist nichts Seltenes mehr. Aber ein Sänger der Droschkenkutscher wird ... der neuen Welt blieb es vorbehalten, dies traurige Pendant zu liefern. In Newyork hat nämlich, wie das „Berl. Tagebl." zu melden weiß, vor Kurzem ein Droschkenkutscher in einer sehr belebten Stadtgegend Aufstellung genommen, der — wie ein amerikanisches Blatt versichert, vor vier Jahren als „stur" einer Oper die Kunstfreunde Bostons und Worcesters in Ethusiasmus versetzt hatte. Der betreffende Tenorist, der übrigens ein geborener Nüsse sein soll, hat — wie es heißt — seine Stimme gänzlich eingebüßt, scheut sich aber, da er Stellungsflüchtling ist, nach seiner Heimath zuurückzukehren, und findet sich ganz gut in seine Rolle. In Amerika haben aber solche Standesveränderungen nicht viel zu sagen. Die schönen Newyorkerinen, welche die Droschke des Russen besteigen, ahnen nicht, daß der Mann auf dem Kutschbock vor mehreren Jahren die Damen Bostons als Naoul oder Manrico in Entzücken versetzt hatte. Dem Mimen flicht eben unter solchen Umständen auch die Mitwelt keine Kränze. (Wie baut man eine glückliche Heimath?) Hierzu sind sechs Dinge nöthig. Rechtschaffenheit muß der Architekt sein und Sauberkeit der Tapezierer. Das Haus muß durch Liebe erwärmt und durch Heiterkeit erleuchtet werden. Nützliche Thätig» keil muß der Ventilator sein, welcher die Atmosphäre erneut und Tag für Tag eine frische gesunde Luft herrschen läßt, während als schützende Decke über Alle» der Segen Gottes walten muß. Die Hand zur Sühne. Jede Kränkung, alle Fehle! ' „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Uni'ren Schuldiaern veraeben Reist das Korn schon in den Halmen? Hören wir die Sichel klingen? Dürfen die in Thränen säten Frohe Erntelieder singen? Aus dem göttlich hehren Munde, Lauschend dieser Himmelslehre Wird auf gold'nen Rechtes Boden Sich die Freiheit wieder heben? Darf, von L-chergen unbehelligt, Jeder seinem Glauben lebe»? Riesen wir in der Bedrängnis; So aus, tiesem Herzensgründe. Mit dem einzig Sündenlosen, Der die Zeiten hat erschaffen Kennt den Tag und keimt die Stunde; Seine Werke währen ewig, Der an s ureuz warb sestgeschlagen, Haben wir, dem Feind verzeihend, Unsrer Sünden Last getragen. Die Ihm trotzen geh'n zu 'Grunde. Sieh', o Herr! die Stürme schweigen Und die tollen Leidenschaften, — Mußten wir den Druck der Starken Und der Mächt'gen Unbill dulden, Gnädig war der Herr, gedenkend Nicht der Mengen unsrer Schulden. 4411V vtv tvt4t.1t ^,civt.11s>.tz)Nstt.ll- Lass' des Friedens Samenkörnlcin Nun in gutem Boden hasten! Herzen lenkt wie Bäche, >m Uebel uns erlösen. Der die Wird vom Uebel uns erlösen. Gnädig ist der Herr, und immer Schafft Er Gutes aus dem Bösen; Wissend, das; in jedem Kanivfe Wir den Sieg erringen müssen <4)14 vt.lt IllNIst.Il- Möchten wir im Feind den Bruder Lieber mit der Bitte grüßen: „Herr! vergieb uns uns're Schulden, Wie auch wir von ganzer Seele Unsren Schuldiger» vergeben Jede Kränkung, alle Fehle!" L. v. Heemstede. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.