Unterkiaktunggökntt »ur „Ängslmrger postzeitimg." Nr. 62. Samstag, 4. August 1883. Ein Jahr Jogrnleben. Von Georg Auniüller. (Schluß.) Am gleichen Tage hatten die Brüder zu G. . . . Schwesternfest. Aus dem Logen« )aale waren die hohen Säulen der Weisheit, Schönheit und Stärke entfernt, der Altar verhüllt und die dreieckigen Tische der beiden Aufseher beseitigt worden. Dafür prangten zwei Tafelreihen mit Blumenschmuck geziert im Saale und bald ließen sich die Brüder und Schwestern an demselben zu reichlichem Mahle nieder. Nach den gewöhnlichen Eröffnungsgebeten der Loge wurde folgendes Lied zum Preise der Schwestern angestimmt: Es strömt des Himmels reichster Segen Herab auf jede Maurcrbrust, Und durch der Schwesten Liebesregen Wird Gram zur Freude, Wohlthun Lust. Theilt mit den Schwestern, theure Brüder, All' euren Kummer, euren Schmerz, Ihr findet stets den Frieden wieder Im treuen Schwesternherz. Die Welt mit ihrem Trug und Lügen Mit ihrem Eigennutz und Hohn, Wem kann dies Jammerthal genügen? Nur deni profanen Erdensohn. Doch gibt's noch eine heilige Stätte In Glück und Unglück, Lust und Schmerz, Das ist in unserer Logenstätte Das treue Schwesternherz. Das Haar wird weiß, und aus den Wangen Erbleicht das jugendliche Roth, Bald kommt das Alter dann gegangen Mit seinen Mühen seiner Noth. Doch laßt die Haare nur ergrauen Von dieser Erde Harm und Schmerz, Dann erst kannst du recht sicher bauen Aus's treue Schwesternherz. Was war es doch, das Paul so sonderbar erregte, als er in den Gesang einstimmte? Saß ja doch seine Friederike neben ihm und ihre Nähe hatte bisher jeden Gram von ihm verscheucht. Und doch schnürte ein unbestimmtes, banges Gefühl ihm die Brust zusammen, daß er kaum die Wolken von seiner Stirne scheuchen konnte. Jetzt fiel des Meisters Hammer dreimal in wuchtigen Schlägen auf den Tisch, und der Bruder Redner begann: Meine lieben Brüder und Schwestern! Die besten unserer deutschen Sänger wetteiferten im Preise der Frauen, ja sie stellten Frauenliebe und Frauenlob als Maßstab der Bildung und des Charakters eines Mannes auf. Ich möchte heute nur an unsern unsterblichen Schiller erinnern: 490 „Ehret die Frauen, sie flechte» und wedelt Himmlische Rosen in's irdische Leben, Flechten der Rose beglückendes Band"', so beginnt der Sänger sein Lied von der Würde der Frauen. Wer von uns hat nicht schon sich den Duft dieser Rosen eingesogen, wer nicht Liebesglück empfunden? Kaum den Knabenschuhen entwachsen schleicht sich in unser Hrrz der Sehnsucht süßes Hoffen und es beginnt der erste» Liebe goldne Zeit, wie da der Dichter singt: Das Auge sieht den Himmel offen Es schwelgt das Herz in Seligkeit, O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schone Zeit der sungen Liebe! Wage Niemand störende Hand an dieses Glück zu legen. Die Jahre fliehen von selbst und bald beginnt die Zeit des Ringens und Strebens für den Mann, die Sorge für Haus und Kind, für das Weib. Und welch' tiefes Wehe schnürt des Mannes Brust zusammen, wenn schwer und bang der Glocken Grabgesang den Tod der Gattin und Mutter verkündet! Doch hinweg mit solch' trüben Bildern; stehen mir ja doch mitten im Leben, blühen ja doch unsere Schwestern gleich farbenprächtigen duftigen Blumen, winkt uns ja noch immer der Becher der Lust. Ihn wollen wir ergreifen und mit gierigen Zügen leeren. Und wüßten wir, wo Einer traurig läge, wir brächten ihm diesen Freudenbecher und er müßte zu neuem Leben erwachen. Euer Amt aber, geliebte Schwestern, ist eS, zu sorgen, daß der Labetrunk im Becher nie versiege und das ewige Feuer schöner Gefühle mit heiliger Hand stets genährt werde. Denn wenn diese Quelle versiegt, wenn diese Flamme erlischt, dann dürft Ihr nicht klagen, wenn der Mann trostlos umherirrt oder an anderm Feuer sich erwärmt. Es ist sein Recht nach des Tages Mühen bei Euch Erholung und Freude zu suchen. Wollt oder könnt Ihr sie ihm nicht gewähren, dann zürnet der Schwester nicht, in deren Busen der Arme seinen Gram senkt." — Hier wurde der Redner unterbrochen. Der dienende Bruder brachte ein als sofort zu bestellendes Telegramm und übergab es dem Meister vom Stuhle. Dieser las eS und gab eS lächelnd dem Vater Friederike's, mit dem er leise einige Worte wechselte. Auch auf dessen Gesicht zeigte sich unverkennbare Freude, und nachdem auf einen Blick des Meisters der Redner mit einigen Phrasen zu Ende geeilt war, erhob sich der deputirte Meister und brachte ein dreifaches Hoch auf alle liebenden Paare aus, denen baldige Vereinigung bevorstehe. Dabei ruhten seine Augen so auffallend und zufrieden auf seiner Tochter und Paul, daß Niemand im Zweifel war, es seien günstige Nachrichten Betreff der beiden eingelaufen. Doch vergebens bat man den Meister um Aufklärung. Man brachte nur so viel aus ihm heraus, daß Bruder Folger Günstiges mitgetheilt habe. Nur Friederike gelang es, von ihrem Vater die Worte: „Sie stirbt" — zu erfahren. — Paul kam es vor, als benehme sie sich henie vor der großen Gesellschaft freier, als es einem Mädchen gezieme; aber ihre wonneverheißenden Augen, ihr Liebesgeplaudsr und der schäumende Wein, den sie ihm reichlich in das Glas goß, verscheuchten alle Grillen. Erst nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft und Friederike's Vater lud Paul selbst ein, seine Tochter nach Hause zu geleiten. — Die Sonne stand hoch am Himmel als Paul aufstand und zu seiner Ueber- raschung ein Telegramm auf seinem Schreibtische liegen sah. Hastig öffnete er es und las stieren Auges die Worte: „Ihre Frau todt — Beerdigung unaufschiebbar. Doktor Schuster." — Tiefaufstöhnend mußte sich der starke Mann mit beiden Händen an dein Schreibtische halten, um nicht zu Bode» zu sinken. Das also hatte gestern so große Freuds in der Loge erweckt, darum hatte Friederike sich weniger Zwang angethan, darum war sie Nachts nach Hause von ihm geleitet worden! Sich und die Welt verfluchend warf sich der gebrochene Mann, in dessen Brust die Liebe zu seinem Weibe noch nicht ganz erloschen war, auf das Bett und raste in ohnmächtiger Wuth, bis ein Thräncnstrom d^ Verzweiflung hinwegfnhrte und nur das tiefe Wehe in 491 seiner Brust zurückließ. Dann ermannte er sich, eS galt, vielleicht das liebe Gesicht »schmal zu sehen oder doch wenigstens in die Gruft hinabzublicken, in die sein Weib gesenkt werde» sollte zu ewiger Trennung. Gab es kein Wiedersehen, keine Verzeihung, wa< sei» Weib mit Groll auf ihn geschieden für immer, sollte der Mund sich nie mehr zu einem Worte der Vergebung sich öffnen? Nie mehr — sagte sich der Mann und neue Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Endlich raffte er sich auf und wankt« nach dem Bahnhöfe. Die Leute auf der Straße blieben stehen und zeigten mit Fingern auf die zerrüttete Gestalt. Der diensthabende Beamte wies ihm mitleidig ein eigenes Coupö an, wo er während der traurigen Fahrt alleinig mit sich und seinem Schmerz war. Nach langer, wiederholt unterbrochener Fahrt, kam endlich die letzte Station. Als der in dumpfem Brüten dahinwandelnde dem Wagen entstiegen ivar, trug ihm der Wind bange, dumpfe Klänge aus dem Pfarrdorfe entgegen. Es war das Grabgeläute seines Weibes. Paul ahnte es; unwillkürlich öffneten sich die Lippen des Ungläubigen zum Todtengruße. „O Herr, gib ihr die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihr, Herr, lasse sie ruhen in Fielen«, betete zum ersten Male nach Jahren wieder Paul mit gefallenen Händen. Dann raffte er sich auf, die Glocke» mahnten zur Eile. Dort vor dem kleinen Häuschen stand der einfache Sarg, der Mutter und Kind enthielt. „O Herr gib ihr die ewige Ruhe", beteten die Leute, die aus allen Ortschaften der Umgebung gekommen waren, zum letzten Geleite. Nun stand Paul vor dem Sarge. Der Thränenquell war versiegt, nur die Bläffe des Gesichtes, die gerötheten Augen und heftiges Zittern des ganzen Leibes zeigten von den furchtbaren Qualen des Mannes. Erst als er sein mutterloses Kind an sich drückte, da verlieh ihm neuer Schauer wieder Sprache und Thränen. So stand er am Grabe und hörte die Worte des Geistlichen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt und ich auferstehen werde am jüngsten Tage." Und als derselbe dann in rührenden Worten die Verblichene als Muster eines Weibes» einer Mutter darstellte, deren letztes Wort Liebe gewesen sei, da glaubte Paul das Wort der Vergebung von den blaffn« Lippen zu hören und im brechenden Auge die Hoffnung des Wiedersehens zu lesen. Ruhiger, als er gekommen verließ er die letzte Ruhestätte seines Weibes, nachdem er der Todten geschworen hatte, nur ihrem Andenke» und seinem Kinde zu leben. — Täglich sah man nun Paul mit der kleinen Lina am Grab« Elsa's, nicht weniger selten besuchte er den würdigen Pfarrer, in dessen Umgang allmalig der längstgesuchte Friede in sein Herz einzog. Nach G. . . . hatte er geschrieben, seinen Austritt aus der Loge erklärt und Friederike mitgetheilt, daß er in Entsagung und Reue die Verzeihung seines Weibes, Ruhe und Frieden erlangen, der Erziehung seines Kindes sein Leben widme» wolle. Zugleich richtete er an seine vorgesetzte Behörde das Gesuch um Enthebung von seiner Stelle, um sich fortan in Stille und Einsamkeit dem schriftstellerischen Berufe hinzugeben. So Mancher, der blinden Auges schon der gähnenden Tiefe des Verderbens sich nahte, wurde durch sein warnendes Wort zur Umkehr bewogen. Auf einer Tafel aber, die zwischen Blumen auf Elsa's Grabe liegt, steht folgendes Lied: Es wallt ein Licht ob dieser Welt, Das ihrer Stürme Nacht erhellt. Gleich wie dem Aug' das Morgculicht, So glänzt der Glaube dem Gemüth. Wenn der Erfahrung Bild die Brust Mit Schmerz und Wehmuth füllt lind uns des Tages Schwüle drückt, Das Herz im Glauben Trost erblickt. Und ruft aus Grabnacht bang und dumpf Der kalte Tod Triumph! Triumph! Mild strahlt von deinem Angesicht O Glaube, Licht, des Himmels Licht. Der IvdOjährige Rosenstock in Hildesheim Als alter Hildesheimer laste ich eS mir nicht nehmen, alljährlich im Junimonat unserm tausendjährigen Rasenstücke an der Chorwand des Domes einen Besuch abzustatten. Das ist die Zeit, in der er seine Blüthen treibt, die Zeit also, in welcher sein Anblick am lieblichsten und zugleich am ergreifendsten ist. Hat er dann seine glühenden Augen aufgeschlagen, so sieht er den sinnenden Beobachter so eigen an, als wollte er ihm singen und sagen von uralten, längst vergangenen Zeiten, deren Zeuge er gewesen, und als deren lebender Zeuge er jetzt noch dasteht. Begleite mich, lieber Leser, im Geiste dorthin, und laß uns dort sub rosa ein wenig plaudern! Aber da könnte mir vielleicht Jemand kommen und, von der Zweifelsucht der Gegenwart angekränkelt, über meine Worte lächeln und sagen, mit der Giltigkcit dieses Zeugnisses möchte es nicht weit her sein, Noch in der letztvergangenen Psingstwoche hat man ja von einem Hildesheimer Herrn in einem Vortrage, welchen derselbe vor dem „Historischen Verein für Niedersachsen" hielt, hören können, der Nosenstock sei nach Ansicht botanischer Autoritäten nicht älter als 300 Jahre — eine Aeußerung, welche natürlich von den Zeitungen sofort colportirt wurde. Wie erbebend ist nicht das stolze Bewußtsein, an der Hand der neuesten Forschungen veraltete Meinungen zu überfliegen und namentlich auf Sagen und Legenden des katholischen Volkes vornehm hinabzublicken? Aber sachte! So schnell ziehen wir die Segel nicht ein. Abgesehen davon, daß jener Herr keine einzige der „botanischen Autoritäten" namhaft gemacht, so sind bloße Behauptungen wohlfeil wie Brombeeren und schlagen daher bei dem Freunde der Wahrheit nicht zu Buche. Von offenbar sehr berufener Hand werden wir dagegen in einem Artikel der „Kornacker'schen Zeitung" auf eine Stimme hingewiesen, welche sich überall des besten Klanges erfreut, auf die des verstorbenen Professors Leunis nämlich, welcher das Alter des Nosenstockes auf tausend Jahre schätzte. Das Urtheil dieses allverehrten Forschers ist in diesem Falle wichtiger, als er die eigenartige Entwickelung des Stammes genau beobachtet hat. Während im Laufe der Jahrhunderte die oberen Zweige bei starkem Frostwetter zum öfteren litten, ja sogar gänzlich abstarben» erhielt der eigentliche Wurzrlstamm das Leben und trieb neue Zweige in die Höhe. Er konnte dieses seiner geschützten Loge wegen. Unter dem mittleren Altar der Domgruft kommt er aus der Erde, geht zunächst durch ein steinernes Gewölbe von 2 Fuß Höhe und 5 Fuß Breite und hierauf durch die 6 Fuß dicke Mauer der Apsis — dann erst wird er nach außen sichtbar und erhebt sich knollsnartig wenige Zoll über der Erde, um in die einzelnen Triebe überzugehen. Nein, wir beneiden die niedersächsischen Historiker um den gehörten Vortrag nicht» Wäre es nicht auch paffender gewesen, gerade den Historikern mit historischen Autoritäten und vor Allem mit historischen Thatsachen aufzuwarten? Aber gerade die geschichtlichen Zeugnisse sprechen anders. Namentlich ist da hervorzuheben, daß nach der Feuersbrunst des Jahres 1046, bei welcher jedoch die Krypta verschont blieb, Bischof Hszilo bei Gelegenheit seines Wiederaufbaues den Nosenstock als ein „merkwürdiges Denkmal der Vorzeit" ehrte und ihn schonend ummauern und aufwärts leiten ließ. Mit vollem Rechte schrieb daher Professor Cramer am Gymnasium Josephinum im dritten seiner immer seltener werdenden „Physischen Briefe" (Hildesheim 1792): „Er bleibt immer bewunderungswürdig, wenn man sein ungeheures Alter bedenkt; denn unter allen Stämmen und Stauden in ganz Europa wird es keine geben, wovon man mit so vieler Gewißheit die Jahrhunderte ihres Daseins zeigen könnte." Ich begrüßte also die Zeitungsnotiz, daß am 5. Juni die ersten Blüthen des Nosenstockes sich geöffnet, mit Freude — erscheint mir doch eine solche Nachricht viel interessanter, als ein Bulletin über den Gorilla-Affen, welchen neulich ein boshafter Berichterstatter den Berlinern in ihr Stadtwappen empfahl. Einige Zeit darauf öffnete mir der freundliche Domcustos die Pforte des Kreuzganges, und wieder einmal sah ich - 493 den allen Freund in seiner blühenden Verjüngung. Allerdings sind die Rosen daran in diesem Jahre nicht so zahlreich als sonst gewesen. Wer daher geneigt ist, in ihm eine lieu-i lum'umlis (den geheiligten Baum des alten Rom) zu erblicken, dem kann es nicht schwer werden, hier seine Phantasie auf die traurige» Zustände zu richten, denen die Hildesheimer Stadt und Diöcese verfallen sind. Der Culturkampf hat uns wahrlich nicht auf Rosen gebettet! Und wie wird es im nächsten Jahre aussehen? Wird sich uns der Spruch bewähren: Zeit. bringt Rosen? Immerhin ist die Blüthenpracht des Rasenstückes, wenn auch nicht so voll als im Vorjahre, herrlich genug, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln und unsere Empfindung zu erwärmen. Ja, dieser Nosensiock! Man niag ihn sehen, so oft man will, man kann es nicht, ohne von ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen zu werden. Ewiger Jugend sich erfreuend, sah er die Geschichte einer Welt auf den Flügeln der Zeit vorübereilen. Er sah die ersten Strahlen der christlichen Enadensonne das Dunkel des altgermanischen Heiden- thums durchblitzen — von jedem Tage an, als das Religuiengefäß Ludwigs des Frommen, Unser leven Frouwen Hyligthum genannt, an seinen Zweigen hängen blieb. Er sah die vielen heiligen und gottesfürchtigen Bischöfe, Priester und Laien, welche im Hildesheimer Bisthum erblühten, wie die Rosen an seinen Ranken. Aus den verheerenden Feuers- brünsten ging er, von höherer Hand beschützt, unversehrt hervor. Aus seinem Holze wurde das mit Gold, Edelsteinen und Perlen reich geschmückte Muttergottesbild geschnitzt, welches auf dem Hochaltare prangte und vor dem die Disnstmannen dem neugswählten Bilchofe huldigten. Er erlebte manchen Sturm, der über die Diöcese hintobte und manches hinwegfegte, aber dann auch wieder bessere Tage. Mehr als ein übermüthiges Haupt sah er sich in den Staub beugen und manch' ungerechtes Reich in Trümmer stürzen. Doch trotz einer mehr als tausendjährigen Vergangenheit, trotz der Last seiner Jahre lassen LebenSmulh und Lebensfreudigkeit nicht von ihm ab. Er wird nicht müde, frische Ranken zu treiben und im Schmucke junger Blüthen zu prangen. Dazu rechts und links - die üppigen Gewinde des wilden Weines, welche die Säulen des unvergleichlichen Kreuz- gangeS in seinem oberen Geschosse zum Aerger der Architekten, aber zur Freude der Maler auf das Neizenoste umkleiden — oben in der Höhe die goldene Domkuppel, an die alte Heldenzeit und den Schutz der heil. Jungfrau gemahnend — unten die Gräber der Bischöfe und Domherren, darunter so manche bekannte Namen — aus der Ferne der Gesang einer einsamen Drossel, an den dort verstummten, aber will's Gott bald wieder erschallenden Psalmengesang erinnernd; das alles wirkt geradezu überwältigend. Und damit der Leser sehe, daß man nicht gerade Hildesheimer zu sein braucht, um so zu fühlen, will ich noch, ehe wir von diesem köstlichen Plätzchen scheide», das Zeugniß eines Berliner Reisenden anführen: „Ich wüßte wenig Stellen der Erde, auf denen sich das unverwüstliche Leben der Natur schmückend, um ehrwürdiges, kunstvolles, verfallendes, steinernes Mciischeiiwerk drängt, die einen stärkeren holderen poetischen Zauber üben, als dieser Dom- und Klostergarten. Das Bild der alten trümmerhaften sarazenischen Kirche 8. Oiovrmui clojUi lWvmiri bei Palermo in seiner grünen, verwilderten, südlich üppigen Pracht, die um die trümmerhaften Kreuzgänge wuchert und, von ihnen umschlossen, dust- strömend im glühenden Lichte der Augustsonns vor mir dalag, trat mir plötzlich wieder klar vor die erinnernde Seele. Hier ist dessen poetisch-malerischer Verwandter. Aber der hoheitvolle Bau des Domes, die ernste und zierliche Anna-Kapelle, welche hier aufragen, und die deutsche traute Heimathlust, welche um diese grauen Mauern, im Laube dieser Gebüsche flüstert, sie machen ihn mir doch »och unvergleichlich lieber, als jenen ob ! auch noch so wundervollen Winkel bei der prächtigen Normannenstadt dort im Süden auf der seinen Aetnalnsel im blauen Meer." 494 Aus Monaco. Der bekannte Feuilletonist und Romanschriftsteller Hans Wachenhusen hat unter - dem Titel: „Monaco, Skizzen vom grünen Tisch und vom blauen Meer", eine Reihe - von Schilderungen über die Niviera erscheinen lassen. In diesem Büchlein finden sich interessante Mittheilungen über Vergangenheit und Gegenwart des an der ligurischen Küste t des Mittelmeeres gelegenen absoluten Fürstenthumes Monaco und seine Bewohner, sowie ' über die Spielbank Monte Carlo. Wir entnehmen dem Abschnitte über „die Engländer / am Mittelwerte" die folgende interessante Skizze: ' Wer die Niviera am meisten zu schätzen versteht, das sind die Engländer. Auch sie schicken allerdings ihre Kranke» hierher, aber lieber kommen sie schon als Gesunde I und treten in Heerden auf. ! An der ll'ublo ck'düte der Hotels Alles englisch; man dejeunirt hier auf französischem s! Boden auch nicht, man luncht, und der Hammel darf nie fehlen. Die Tafel spricht vorzugsweise, an manchen Tagen sogar ausschließlich englisch. Sie setzen Alle voraus, daß man ihre Sprache rede und ist eine der Misses sehr sprachbewandert, so bittet sie wohl bei Tische: volen-vos mo xasser In rnovou? Aber sie sind die praktischesten und verständigsten travollors aller Völker. Die übrigen Nationalitäten existiren für sie nicht. Mit unglaublich billigen Nundreisebillets für die weitesten Touren, ganze Ballen von Gepäck im Coupö mit sich schleppend, ziehen sie einzeln oder in Familien um die ganze Mittelmserküste herum. Ihre Checks nimmt jedes Hotel und in jedeni Hotel sind sie überzeugt, eine englische Colonie schon vorzufinden. Sie haben ja nur die Scholle gewechselt, die Atmosphäre ist ihnen überall englisch. Und sie reisen mit Genuß. Ein derber, unverwüstlicher Reise-Anzug fehlt Keinem, I der sich noch rüstig fühlt; man findet ihre nagelschuhige» Spuren auf den höchsten I Terrassen der Berge» wo irgend ein Nasen, wird ein ioc»t dall oder luvn tennis etablirt» für welchen letzteren selbst die Misses eine geschmacklose, aber solide Toilette mit sich ; führe». ! Pferde, Esel und Führer dienen zumeist den Engländern. Bestaubt, mit wuchtigen Knitteln in der Hand, sieht man sie Abends von ihren Land- und Bergpartien zurück- >- kehren, die Misses mit ihnen, ebenso unermüdlich, immer mit demselben unbeweglichen Rückgrat, in groben Kleidern, die kurzgeschnittenen Schlasröcken ähnlich. Zum Diner um 7 Uhr Abends erscheinen sie nach schnellem Kleiderwechsel xontlomuii und luclzUilcs und die Wirthe erschrecken über den Gebirgsappetit, den sie au die Tafel bringen. Das ist indeß mehr die mittlere, zu Hause nur wohlhabende Gesellschaftsklasse Albions, die den Continent sucht, um mit den Jahreszeiten die Stätten zu wechseln, wie der Nomade seine Weideplätze. Sie gehen im Herbste nach Biarritz, im Winter an die Niviera, im Frühjahre nach den Pyrenäen, im Sommer a» den Rhein; nur die Bestsituirten unter ihnen machen vorher noch die Saison in London mit. Die zu den oberen Zehntauiend Gehörenden oder ihnen Nahestehenden sind die Gentlemen und Lords, denen der Sport der maßgebende Wegweiser ist. Auch sie verfehlen die Niviera nicht, sie sind Mitglieder der Clubs in Nizza und geben den (nebenbei gesagt, langweiligsten) Ton an. Ihre Namen fehlen auch in keiner Saison im osiols äos ätraiiSLra in Monte Carlo und in dem Shooting-Club, dem tir nux xiZeon-, dessen anerkannteste Beschützer sie sind und in dessen stanckioaps, inatsoiw, pari? und ponIes sie das Reglement dictiren. Dieses tir anx xiAvons, das Taubenschießen, ist namentlich der Lieblingssport > der Niviera. Es existirt eines in Nizza auf dem Uferrasen auf der Promenade nach ! Villesranche, doch hat es weniger Bedeutung; das von Monte Carlo gilt den passionirten skoot rs als das Musterinstitut der ganzen Welt, dem auch die englischen und selbst das des Bois de Boulogne nicht nahe kommen. So mancher Fremde, der vom Casinoplatze auf der westlichen Seite über die Rotunde zum Ufer hinabsteigt, wird absichtslos der Zeuge dieses blutigen Vergnügens» 495 das ich unter den oft seltsamen Belustigungen unserer modernen Gesellschaft in die Kategorie der Sticrgefechte einreihen würde, dürfte ich »»ich befreundeten Fanatikern dieses Sportes gegenüber zu so engherzigem Gesichtspunkte bekennen und mich zu Denen reihen, die in England selbst schon für die Beseitigung dieses Zeitvertreibes thätig sind. Wie aller Sport nämlich, hat auch dieser seine kulturelle Bedeutung: er soll die Schußfertigkcit und Sicherheit in der Geflügeljagd ausbilden, und das ist gut, sehr gut: Wenn alles Wild, das in Wald und Fluren lebt, nur dazu geboren wird, um todtgeschossen zu werden und auf die Tafel zu kommen, so wird es gleichgiltig sein, wie es erlegt wird, und ein sicherer Schuß ist für den dem Tode Geweihten immer eine Wohlthat. Trotzdem mag es für empfindsame Gemüther etwas Beleidigendes, je nachdem sogar etwas Empörendes haben, wenn sie hier in Monte Carlo unfreiwillig vor dem tir nux pißküim stehen. Ueber den zu Füßen des Casinos sich im Halbkreise in das Meer erhebenden grünen Rasen flattert nämlich, wenn wir an die Balustrade der Rotunde treten» vor uns ein blaues Tüubchen aus dem Grase auf, eines von jenen, die wir täglich auf dem Dachgesimse des „Hotel de Paris" in langer Reihe dicht gedrängt bei- sammensitzen sehe». Ein Schuß knallt über den Plan und über das Meer. Die Taube sinkt getroffen in kaum begonnenem Fluge. Ein weißbunter Jagdhund trabt im Geschäftseifer daher, gibt dem Thierchen den Nest und trägt es zurück unter das Dach des Schweizerhäuschen zu unseren Füßen; ein Diener in kurzer Jacke kommt gelaufen, öffnet eines der fünf Kästchen, die im Halbkreis, in Entfernung von einigen Metern sich auf dem Rasen abzeichnen, klappt den Deckel wieder zu und läuft zurück. Wieder flattert aus einem dieser Kästchen eine Taube auf; wieder ein Schuß und wieder erscheint pflichteifrig der Jagdhund. So wiederholt sich das blutige Schauspiel gegen Ende der Woche den Tag hindurch, das berühmte Taubenschießcn von Monte Carlo, das Sportvergnügen des Pigeon- Shooting-Club, der seine Mitglieder, wie gesagt, unter den Cavalieren aller Welttheile zählt. Das kleine Gebäude auf der Terrasse enthält einen langen nach dem Wasser Hinausschauenden Saal, daneben den Taubenschlag, dem noch ein Reserve-Pavillon für die Unterbringung von mindestens zehn Tausend dieser Thiere dient. Strenge Gesetze liegen diesem Sport zu Grunde; dieselben schreiben Caliber und Blei vor. Es können Fremde gegen Tageskarten von 20 Francs eingeführt werden; Preise werden erschossen. Der Schütze wird aufgerufen und darf die vorgeschriebene Distanz nicht überschreiten, auch die Flinte nicht an die Schulter legen, es sei denn, er ließe der Taube Zeit zum Ausflug. Auf sein Zeichen wird eins der Kästchen, in welchem je eine Taube sich befindet, durch einen Zug geöffnet; will sie nicht auffliegen, so bellt sie der Hund heraus. Fällt die Taube getroffen über den Rand des Rasens, so ist der Schuß Null, d. h. nicht „dou". Es würde mich zu weit führen, wollte ich das Reglement hier delailliren. Der Club zählt die glänzendsten Namen, der höchste Preis beträgt 20,000 Francs. Für den zuschauenden Laien sieht die Sache sehr leicht aus, die armen Thiere, wie sie eben aus dem Kasten aufsteigen, hinwegzuschießen, die Schwierigkeit liegt aber darin, eine Serie zu treffen, und das ist auf dem grünen Plan fast so schwierig, wie oben an den grünen Tische». Die geschossenen Tauben kommen den Hospitälern zugute, und das ist nach allgemeinen Begriffen das einzige Gute an der Sache. Ob auch die Armen dieses Liliputstaates dabei zu Gaste gehen, weiß ich nicht. Mir ist, so oft ich die Niviera in der Nähe von Monaco besuchte, kein solcher hier begegnet. Man macht hier eben nur Arme und schickt sie mit einem Viaticum nach Hause. Und mit dem letzteren haben die Spielbanken seit ihrem Bestehen nie kargen dürfen, um nicht ein Proletariat um sich her zu schaffen, das sie täglich mit drohenden Fäusten umlagern würde. Man gibt den Unglücklichen, die ihre letzten Francs verspielt haben, 4S6 wenn man die Ueberzeugung hat, daß dies wirklich geschehen, und diese hat man gewöhnlich bereits ehe der Ausgeplünderte sich meldet. Man kennt die Spieler, man beobachtet sie an den Tischen, man taxirt ungefähr,' was sie gewonnen oder verloren haben, und ist anständig genug, das Reisegeld nach ihrem Verlust, »ach ihrem Stande zu bemessen. Das war auch in Deutschland so, und i» diesem nur wenige Kilonieter umfassenden souveränen Staate ist es doppelt geboten'; es müßten hier sonst im ganzen Umkreise die Bäume gefällt, das Schießpulver verboten, das Meer zugeschüttet werden, um das Paradies nicht zur Trauerstätte zu machen. Miseellen. (Der Nosenstock in Hildesheim.) An der Absis des Hildesheimer Domchores befindet sich bekanntlich ein Noscnstock, von dem die Sage geht, er sei derselbe, an welchem das Ncliquien-Kästchen hängend gefunden wurde, welcher der Hvfkaplan des gerade im Hildesheimer Walde auf der Jagd befindlichen Kaisers Ludwig des Frommen aus Vergessenheit zurückgelassen hatte. Der „Hannov. Cour." berichtet nun, der Historische Verein für Niedersachsen habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Hildesheim auch den berühmten Rosenstock in Augenschein genommen, dessen Alter nach Aussage des Senators Römer daselbst, von botanischen Autoriräten auf 300 Jahre geschätzt werde. Die „Hildesh. Ztg." hebt dagegen hervor, daß der vor einigen Jahren gestorbene Professor Lr. Leunis» eine botanische Autorität ersten Ranges, das Alter des Nosenstockes auf 1000 Jahre geschätzt habe, und Bischof Hczilo, welcher im 11. Jahrhundert auf dem bischöflichen Stuhle zu Hildesheim saß, habe von dem Nosenstocke als einer altehrwürdigen Erscheinung gesprochen. (Das Kapitel der Zollkuriosa) erfährt täglich neue Bereicherungen, aber auch auf diesem Gebiete ist „Vieles schon dagewesen," und so ist die „Bresl. Ztg." in der Lage, eine zwar schon ältere, aber wenig bekannte Leistung zollwächterischen Scharfsinns mitzutheilen, die beweist, daß man an den Grenzen des deutschen Vaterkandes schon vor Jahrzehnten in Bezug auf Findigkeit unseren heutigen Zollbeamte» mindestens gleich, wenn nicht „über" war. Für das Museum, und zwar dessen anthropologische Abtheilung, einer deutschen Universität trafen an der Grenze mehrere Kisten mit Menschenschädeln ein. Unter welcher Rubrik sollte nun diese unheimliche Ladung verzollt werden. Man rieth hin und her und kam schließlich auf einen schenialcn Gedanken, der aller Noth ein Ende machte. Man verzollte die Schädel als — getragene Sachen! (Die böse Hausfrau.) In Nevada brach, nie die in S. Paulo erscheinende deutsche Zeitung „Germania" erzählt, kürzlich ein Bär in ein Haus ein. Der Hausvater war abwesend und seine Gattin glaubte, er sei es, und er komme betrunken nach Hause. Sie hielt sich nicht erst damit auf, Licht anzuzünden, sondern begann die energische Thätigkeit ihrer Zunge ohne Weiteres. Als der Bär schließlich das Haus verließ, hörte er nicht eher auf zu laufen, als bis elf Meilen zwischen ihm und dessen Bewohnerin lagen; sein Aussehen aber war derart, daß die anderen Bären ihm wochenlang aus dem Wege gingen. — Echt amerikanischer Humor! (Wie in Paris das Geschäft blüht), kennzeichnet „Figaro" durch folgenden bittern Scherz: Ein Kaufmann begegnet einem jungen Blaun, der früher bei ihm als Konnnis thätig war, und klagt über den schlechten Geschäftsgang. „Erlauben Sie," ruft der junge Mann, „bei uns blüht das Geschäft derart, daß wir Erweiterungsbauten vornehme» müssen." „In welcher Branche arbeiten Sie?" „Leihhaus." -> (Den größten Pfirsich garten der Welt) besitzt John Parnsll, ein Bruver des Führers der irischen Partei im englischen Unterhaus«. Der Garten erstreckt sich über 800 Morgen und ist mit 125,000 Pfirsichbäumen bepflanzt. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.