Uiiterüaktunggökatl' jur „Ärrgsburger Postjeitnng." Nr. 63. Mittwoch» 8. August 1883. „Jur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." NacherMlt von F. Carnevllle. (Nachdruck «erböte».) I. Das reizende Luzern verlassend, wanderte ich den schönen Vierwaldstädter See entlang bis Spitzen-Eck, wo ich mit dem Nachen nach Stanzstad überfuhr und damit den romantischen Kanton Unterwalden betrat, der seiner Naturschönheiten wegen wohl eine« der anmuthigsten Kantone der Schweiz ist, und der Weg von Stanzstad über den Brünig dürfte den Wanderer genügend für die Strapazen lohnen, die er hierauf verwendet. — Die Haupt- und Nebenthäler Unterwaldens von lustigen Gebirgsbächen durchflojsen, und von prächtigen Nadelwäldern überragt, über welche hinweg man die schneeigen Gipfel der Alpen erblickt, die reizenden Ortschaften mit ihren Wiesen und Obsthainen und die schönen Seen, welche die Landschaft zieren, all' das läßt das Herz ferin aufjauchzen vor Lust auf dieser Wanderung; aber auch historische Erinnerungen erwachen hieben wer denkt nicht «n das Völklein, das hier mit voller Thatkraft für seine Unabhängigkeit stritt, wer erinnert sich nicht seiner Jugendzeit, wo ihn Schillers „Wilhelm Tell" begeisterte, wo er sich in diese Berge und Schluchten versetzte und diese starken Männer mit ihren eisernen Muskeln und dies? schönen Frauen mit ihren blonden Haaren bewunderte. — Aber in der hier folgenden Erzählung handelt es sich nicht, die Kraft und Schönheit der Bewohner zu preisen, nicht um Schilderung der Herrlichkeiten dieser Gegend, sondern wir wollen darin einfach die Geschichte zweier Länder mittheilen, die hier ihre Heimath hatten. - - Wenn man auf oben erwähnter Wanderung den Brünig herabsieigt, liegt am Fuße desselben das Dorf Lungern, und vor man an den Ort kommt, fallen dem Reisenden zwei, von schönen Wiesen umgebene, hübsch und solid gebaute Gebirgshäuser auf, die in ihrer Bauart völlig gleich unfern von einander liegen und über deren Eingangs- thüren mit großen Buchstaben die Worte „zur Eintracht" gemalt sind. Im Wirthshaus« zu Lungern kehrte ich zu und nahm, ziemlich ermüdet von meiner Fußtour neben einem geistlichen Herrn Platz, der ebenfalls als Gast anwesend war; nachdem ich einige Labung zu mir genommen und mit dem geistlichen Herrn mich unterhalten hatte, gesellte sich auch ein alter, robuster Mann zu uns, besten Anzug und Sprechart ihn als einen Unterwaldler kundgab und aus besten Leutseligkeit wir auch bald inne wurden, daß er aus Lungern gebürtig war. Ich bat ihn dann um Aufschluß wegen der Eigenthümlichkeit dieser beiden Anwesen und er antwortete: „Ja, Herr, das ist eine lange Geschichte, die ich Euch wohl erzählen will, wenn Ihr Zeit und Geduld habt sie anzuhören"; — ich bot ihm eine Cigarre an und lud ihn ein, uns nur zu erzählen, da ich mit dem geistlichen Herrn schon vorher wegen dieser originellen Aufschriften gesprochen hatte und annehmen konnte, daß er sicher»^ nicht minder neugierig war, das eigentliche Sachverhältniß kennen zu lernen. Das was uns dann der gute Alte mittheilte, will ich nun den freundlichen Leserrz im Nachfolgenden wiedererzählen und wenn es auch nicht so sehr romantisch ist, so möchte j es vielleicht doch so manches Interessante enthalten, daß es den Leser nicht gereuen > dürfte, seine Zeit hierauf verwendet zu haben; wir lassen also unseren Gewährsmann . erzählen. j „In dem, dem Dorfe zunächst liegenden der fraglichen Gebäude, welches das ältere i ist, lebte ehedem ein Mann, der in der ganzen Gegend unter dem Namen „der große ^ Nieder« bekannt war; aus einem armen Jungen ist er allmälig ein reicher Mana ge« / worden, denn er war nicht nur Oekonom, sondern befleißigte sich nebenbei auch noch einer Beschäftigung, die nicht einträglicher hätte sein können. — Er hatte nämlich in seiner , Jugend im Berner Oberland auf der anderen Seite des Brünig die Bildhauerei in Holz ' erlernt, worin er später mit den besten Meistern wetteiferte und es gelang ihm auch den > protestantischen Bernerkünstlern gegenüber, sich durch seine Erzeugnisse, die fast durchgehends ! aus kleinen Cruzifixen, Madonnen und Heiligenbildern bestanden, sich bei seinen Lanvsleuten i einen so bedeutenden Ruf zu verschaffen, daß es kaum ein Haus oder eine Hütte gab, wo man nicht ein Herrgottbild des geschickten Bildhauers fand. — Zudem lebte Nieder mit «einer Familie sehr sparsam, obgleich er nur zwei Kinder besaß. Diese Kinder waren Zivil- inge und hatten von dem Vater den Geist wie die Geschicklichkeit geerbt, und als sie älter wurden, war es schwer zu sagen, wer besser schnitzte, Vater Nieder, der braune Leo oder der blonde Seppli. Dadurch vergrößerte sich denn der Gewinn für die Familie mehr und mehr und der alte Meister Nieder hatte sehr zufrieden und glücklich leben können, wenn auf dieser Welt nicht ein Jeder mehr oder minder sein Kreuz zu tragen hätte, und dieses Kreuz wurde leider von Jahr zu Jahr drückender für ihn; — mit seiner guten Frau war er stets ein Herz und eine Seele, aber wie leider so häufig, kamen alle Sorgen und aller Kummer ihm just durch jene zu, welche seine Freude, sein Stolz und seine Hoffnung sein sollten — nämlich durch seine Kinder. Man konnte den beiden jungen Leuten nicht vorwerfen, daß sie nicht brav und arbeitsam oder unverträglich mit ihren Nachbarn waren, nein, sie waren nur unter sich stets in Streit und Hader und Niemand, der nicht Zeuge von diesen beständigen Zwistigkeiten und Gehässigkeiten dieser Geschwister gewesen, hätte geglaubt, daß diese Beiden an der Brust einer und der« ^ selben Mutter geruht hätten, und wenn es als Naturgesetz angenommen wird, daß Zwillinge nicht nur im Aeußern, sondern auch in ihren Neigungen und geistige» Eigenschaften sich ähnlich sind und daß sie eine besondere Liebe zu einander besitzen/ so hätte man allerdings glauben mögen, daß sie nicht beide von Vater Nieder stammten, da sie j in Nichts sich ähnlich waren. — Leo von brauner Hautfarbe, wie man eS häufig bei den Männern unserer Gegend findet, hatte schwarze Augen und Haare, der Kopf war dick und rund, dabei besaß er Knochen und Muskeln wie ein Niese und er hatte noch nicht das zwanzigste Lebensjahr erreicht, als schon Niemand nach Hirtenart mehr mit ihm, wenn auch nur im Spiele, kämpfen wollte. Er war stets ernst reizbar und zornig ! und wenn er einmal gegen Jemanden Haß gefaßt hatte, war er unversöhnlich. — Sein Bruder Seppli dagegen war in Allem das Gegentheil. Seine Haare blond, wie die f seiner Mutter, umgaben mit ihren Locken sein zartes Gesicht und seine schönen blauen ! Augen drückten die Sanftmuth seiner Seele aus; in Kraft und Wuchs gab er seinem Bruder durchaus nicht nach, aber in seiner Tounüre doch wohl verschieden und die jungen Mädchen wußten wohl, warum ihnen das Blut in die Wangen stieg, wenn sie ihm un- ^vermuthet begegneten und warum sie ihm wohlgefällig nachsahen, wenn sie sich von ihm unbeachtet glaubten, und außer diesen Vorzügen war er auch sanft in seinen Manieren, worin er völlig seiner Mutter glich. Er lebte mit Allen im besten Einvernehmen, nur mit Dem nicht, den er der Natur gemäß am meisten lieben sollte. Schon im zarten Alter stritten und rauften sich die beiden Brüder und zwar nicht wie gewöhnlich die Kinder in jugendlicher Lust, sondern im gegenseitigen Grimme, namentlich von Seite Leo's. — Weder die Thränen der Mutter, noch die strengen Züchtigungen des Vaters vermochten den Frieden herzustellen, im Gegentheil es schien, daß der Haselstock des — 495 — Vaters Nieder und die Vorstellungen der Mutter das Uebel nur noch vermehrten. — Noch schlimmer wurde eS, als die Brüder in ein Alter kamen, wo die Liebe in den jungen Herzen erwachte; natürlich zogen die jungen Mädchen den hübschen, sanften Seppli dem mürrischen und zänkischen Leo vor. Diesen Vorzug konnte ihm denn dieser nicht verzeihen und die schlimmste Leidenschaft, die Eifersucht, die schon die stärksten Bande der Freundschaft und Liebe zu zerreißen vermochte, setzte der Feindseligkeit der Brüder noch die Krone auf. Von da an konnten sich die Eltern zwischen ihre Söhne nicht mehr in's Mittel legen und mußten sich schließlich in ihr Unglück fügen. — „Ach", sagte einmal der alte Nieder zu seiner Frau, als er wieder argen Verdruß hatte, „ich dachte mir immer die beiden Kinder würden einst zusammen diesen schönen Hof bewohnen; — sie hätten auch hinreichend Platz, selbst wenn jeder ein Nest von Kindern hätte. Die Stallungen könnten die doppelte Zahl Vieh fassen, als wir haben und die Speicher würden dem reichsten Bauern im Entlibuch genügen; aber diese Hoffnung ist dahin, diese Jungen würden sich unter demselben Dach tödten, wenn sie nicht überwacht würden. So bleibt uns denn nur noch Eins übrig, nämlich, daß wir ein zweites Haus bauen, und damit es nicht zu neuen Händeln kommt, muß es mit diesem völlig gleich sein. Dann mag das Loos entscheiden wer von ihnen das neue Haus beziehen soll, und während wir sie auf diese Weise trennen, beugen wir vielleicht einem großen Unglücke vor. Was sagst Du zu diesem Plan?" „Wenn Du glaubst, daß wir dies in unseren alten Tagen noch unternehmen können, so wird es wohl das Beste sein", antwortete sie gutmüthig, „denn so getrennt werden sie ohne Zweifel irn besseren Einvernehmen leben, wenn wir nicht mehr bei ihnen sind und in's Mittel treten können." Nieder war gewohnt einen gefaßten Entschluß auch rasch auszuführen und setzte sich denn alsbald an's Werk. Es besaß die Mittel den Bau zu beschleunigen; die Nachbarn waren, einem alten Landesbrauch nach, auch bereit ihm während des Baues im Beischaffen des Holzes und der Steine Hilfe zu leisten und so stand das fragliche Gebäude bis zum Herbste fix und fertig da. Und damit auch der Himmel diesem Plane Gedeihen schenken möge, baten sie den ehrwürdigen Pfarrer dann das Geschäft: die Verloosung in dis Hand zu nehmen. Sie behielten sich im alten Hause nur ein Zimmer vor, um bis zu ihrem Ende darin leben zu können. Der Pfarrer entsprach bereitwilligst ihrem Ansinnen und hielt vor dem Geschäft eine so ergreifende Rede, daß die Eltern und Seppli zu Thränen gerührt wurden. An Leo waren aber die Mahnungen des würdigen Geistlichen spurlos vorübergegangen ihn beherrschte nur der eine Gedanke: wenn das Schicksal mir das neue HauS schenkt, verzichte ich gerne auf alles Urbrige. Der Pfarrer reichte ihm, als dem Netteren, den Teller auf dem die Laose lagen;' er zauderte einen Augenblick und seine Hand zitterte, als er nach einem Loose griff; als er es entfaltete, wechselte er die Gesichtsfarbe und einen Fluch ausstoßend, stampfte er mit dem Fuße auf den Boden; es war ihm das alte Haus zugefallen. Der Pfarrer wich vor Schrecken zurück als er die Wuth des Unglücklichen gewahrte. Seppli, der es vorgezogen hätte bei seinen Eltern zu bleiben, trat rasch auf Leo zu und sagte ihm die Hand bietend: „Höre, Bruder, ich habe die Absicht unserer Eltern wohl begriffen; sie haben das neue Haus gebaut in der Erwartung, daß dann Friede zwischen uns würde, wenn wir nicht mehr unter einem Dache zusammen wohnten und nichts mehr gemeinschaftlich zu besorgen hätten. Wir haben ihnen durch unsere Zwietracht schon Kummer genug bereitet und wollen ihre letzte Hoffnung nicht vernichten, nimm mein Loo», Bruder, ich trete es Dir gerne ab." Leo's Gesicht verzog sich eigenthümlich, zwei Entschlüsse schienen mächtig in ihm zu kämpfe», aber nicht lange währte dieser Kampf, wuthentbrannt schrie er: „Geh' zum Teufel mit Deinem verfluchten Loose, ich will von Dir keine Gunst!" und verließ in tzrößter Heftigkeit die Stube. Man kann sich den Schmerz der Eltern vorstellen, als sie nach so vielen Mühen, diese ihre letzte Anstrengung zur Herstellung des Friedens vereitelt sahen, denn Leo'S Charakter ließ auf diese Zurückweisung des Vorschlags seines Bruders, keine Versöhnung mehr erwarten. — Eine ganze Woche war Leo abwesend vom Hause gewesen und schien selbst die Gegend verlassen zu haben, Bei seiner endlichen Wiederkehr hatte er ein so mildes Aussehen, daß ihm gerne Alles aus dem Weg ging und sogar sein Vater vermied eine ernste Zurechtweisung. Er selbst sprach auch mit Niemanden, sondern ging schweigsam an seine Arbeit und warf nur zeitweise einen Blick voll Haß auf seinen Bruder. So konnte es nicht lange bleiben, denn dieser versteckte Zorn konnte bei der geringsten Veranlassung zum Ausbruch kommen und ein Unglück herbeiführen. Die Ältern machten denn gewissenhaft zwei Theile aus ihrer Besitzung, und da sie das Zimmer, das sie sich vorbehalten hatten, nicht länger beanspruchen wollten, bezogen sie mit Seppli das neue Haus. — Leo schien nichts weniger als böse darüber zu sein, um so mehr als ihm auch die große Wiese verblieb, die sie sich anfänglich zu ihrer eigenen Nutznießung vorbehalten hatten. — Ohngeachtet, daß Leo nunmehr ein schönes Besitzthum hatte, so pflog doch keiner seiner Nachbarn näheren Umgang mit ihm; dies würde wohl jedem Anderen unerträglich geworden sein, ihm aber schien es zu gefallen, daß er überall Furcht einflößte. Von diesem Benehmen machte er nur mit einem Kaufmann, Namens Gern« zu Sarnen eine Ausnahme, der einen sehr einträglichen Handel mit Kunstgegenständen trieb, vorzugsweise für Kirchen, und war immer einer der besten Kundschaften der Familie Nieder gewesen. Leo fuhr fort ihm seine Arbeiten zu liefern und zwar, wie Vater Nieder und Seppli erfuhren, unter dem bisherigen Preise. Um sich nun nicht den Anschein von Gewinnsucht zu geben und um anderseits nicht die Zeit mit dem Detailverkauf zu verlieren, thaten sie das Gleich«, obwohl Kaufmann Gerner» der vermöglich war, es nicht gefordert hatte. Gerner hatte eine einzige Tochter, die für die größte Schönheit im ganzen Unter- rvalden galt und die fremden Künstler, die mit ihrem Vater verkehrten, hatten bei ihren Besuchen wenig Aufmerksamkeit für die Kunstsachen und vermochten kaum die Blicke von dem schönen, blonden Mariele zu wenden, denn es war wohl kein schöneres Madonnen- »nodell zn finden; aber so getreu sie auch ihre Bilder darnach zu malen glaubten, so blieben sie damit doch weit vom Originale zurück, dieser Liebreiz und diese Anmuth vermochten sie nicht wiederzugeben. (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Wenn Alle hinken auf dem gleichen» Bei», Dünkt richtig Jedem wohl sein Gang zu fein. in grünen Laub da ist der Vöael Welt; ie bau'n kein Nest im Baum, den man gefällt. Ein wackerer Soldat! Ihn lobt der Freund; , Er gälte mehr noch, lobt ihn auch der Feind. Der Apfel, den du stahlst — ein saurer Bissen I Kind, merke dir's, dich mahnte dein Gewissen. Ein Allerweltsfreund — o hüte dich! — Ist Niemand's Freund; er liebt nur sich. Spend' Allen Lob, such' Alle zu gewinnen, Du wirst der Mißgunst doch nie ganz entrinnen. Wer kaum zu schreiben noch versteht, ^ Schilt auf die Feder, daß schlecht sie geht. Was willst du deinen Rock nicht tragen? ^ Die Motten werden ihn zernagen. Horch wie die Mutter sinkt und lustig scheint, ^ , Dem Kind zu Lieb', das in der Wiege weint! F. B eck. 501 Londoner Polizei. London ist keine Stadt, es ist eine Provinz, die mit Häusern bedeckt ist, eine Wildniß von Mauerstein und Mörtel „irgendwo begrenzt durch die Ewigkeit", würde ein Uankee sagen, welcher die „dicken Worte" liebt, und sich gern eines Hagelschlages von Superlativen bedient, um dem Fremdling etwas klar und deutlich zu sagen. Wer da vermeinte, eine genaue Lrief-Adresse zu gebrauchen» so er schriebe: „Mr. John Smilh, 10 George Street, London, hätte eben so gut die Adresse: „Mr. Smith in Europa" anwenden können. Es gibt ein halbes Hundert George Street in der Themseestadt, und wenn auch das Postamt wohl eine Stichprobe nach dem sichern Smith hier und da vornehmen dürfte, so wäre doch die größer« Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß das Schreiben in das Bureau für „todte Briefe" wandern würde. In Anbetracht der ungeheuern Entfernungen wird es auch für ein unsühnbareS Vergehen gehalten, wenn Jemand ein geschäftliches Rendezvous nicht wenigstens innerhalb der akademischen Viertelstunde einhält. Ein Fremder verlöre sofort seine Kaste als Gentleman, falls er einen Engländer zur vereinbarten Stunde am vereinbarten Orte auch nur warten ließe, selbst wenn es sich dabei gar nicht um Pfunde, Shilling« und Pence handelte, sondern um die Prüfung einer Sorte Portwein oder um die Besprechung eines Hunde-Wettrennens. Wenn Heinrich Heine davor warnt, einen Poeten nach London zu schicken, so können diese Worte nur verdrießlicher Laune zugeschrieben werden. Mondschein-Elegien und Frühlings-Epopöen würden freilich einem sanftherzigen Schwaben aus „Stuckert am Neckar" in der Federpose stecken bleiben: aber gerade in London spricht das Leben, wie es an dem Auge vvrüberrollt, in Dramen und Tragödien oder in erschütternden Possen. Auch die letztem sind auf so gewaltigem Hintergründe meist an jener bedeutungsvollen Wehmuth reich, wie sie in den Aussprüchen des Hofnarren König Lear's widerklingt. Welche Welt von Gegensätzen liegt zwischen dem über alle irdische Noth erhabenen Glänze des Westends, wo das Familienleben des Adels und der Plutokratie sich nach der Etiquette regelt, wie sie unter Ludwig dem Vierzehnten, dem Prächtigen, Sitte gewesen, und zwischen jenem Elend im Ostende, wo die Armuth ihre Thränen trinkt und täglich eine Niobe inmitten einer Gruppe abgehärmter Kinder an irgend einem Prellpfeiler einer nebelverhüllten Gasse verhungert» Wohnte dem Engländer nicht ein so gründlicher Gesetzessinn inne, und folgten nicht auch die niedrigen Klaffen einem starken Triebe, wenigstens äußerlich den „Gentleman von Natur" zur Geltung zu bringen, so wäre es unerklärlich» wie es wenigen Tausend Policeman — ein halber Sicherheitswächter auf ein wohlgezähltes Mille von musculösen Briten — gelingen könnte, eine solche unermeßliche Wohnstatt vor Gewaltskrisen zu schützen. Dies fällt um so mehr in's Gewicht, da der Freiheitssinn John Bull's die Einführung einer polizeilichen WohnungS-Meldung als einen unerträglichen Eingriff in seine geheiligte Ungeschorenheit betrachten würde. Eine bescheidene Anfrage wegen frühern Wohnortes und Jahrestages seiner werthen Geburt würde bei ihm eine Antwort erfahren, i>ie sich weder in ungereimter noch gereimter Sprache drucken ließe. Da überdies der Policeman in kein Haus eindringen darf, es sei denn, er hörte den Ruf: „Hülfe! Mörder!" so sind es in der That wenige Handhaben, die ihm die Ausführung seines Berufes erleichtern. Nur die Nachtherbergen niedrigster, bedenklichster Art sind der Aufsicht unterstellt, und ebenso muß jeder Bier- oder Weinwirth alljährlich um Erneuerung seiner Concession sich vor dem Polizeirichter stellen, und er riskirt das kostspieligste Geschäft, falls irgend eine Beschwerde über üble Vorgänge in feiner Localität gegen ihn vorliegen sollte. Der wüsten Schlachten beim Gelage gäbe es indessen dennoch mehr, wenn Trinkschulven, loco contrahirt, einklagbar wären. So erklärt es sich, daß über den Schenktischen auf dem Lande, für Alle, die da kommen, erkennbar, die warnende Inschrift zu lesen steht: „?oor Oroäit is cksnä", d. h.: „Der arme Kerl Pump ist todt!" Der Engländer knöpft sich gern den Nock zu, wenn er irgendwo von einem Fremdling, der seinen Accenten nach mit dem Englischen nicht recht umzugehen weiß, plötzlich 502 angeredet wird. Dieser, der Ausländer, wiederum tritt täppisch leicht in manche Schlinge und Fährlichkeit. Die Verbrecherwelt hat ihre „Zuschlepper" überall. Man kann sich einem sehr biedermännisch aussehenden „Jehu" (dem bibelalten Erfinder der ersten Fiacres) anvertrauen, aber ahnungslos über das gaserleuchtete London hinausgefahren werden, nachdem sich schon unterwegs urplötzlich ein blinder Mitpassagier auf dem Kutsch- bock eingefunden. Der Wagen hält dann erst irgendwo fern draußen auf öder Baustelle, und ein moderner Dick Turpin macht sich an sein Geschäft. Auch hat der Räuber, der im Nebel lungert, sich längst auf den „dänischen Kuß« verlegt, welche Methode er den Matrosen abgelernt. Dieser Kuß wird in der Weise applicirt, daß dein Widersacher dir mit der Faust einen Schlag unter das Kinn versetzt, mit der linken Faust in die Rippen stößt und mit gebogenem Knie dir in das Embonpoint springt — alles s tswxo, wohl« verstanden. Kein Piedestahl hält dagegen Stand. Die Reinigung sämmtlicher Taschen ist auch wohl das Werk einer einzigen Umarmung, die dich liebevoll von jähem Sturze schützen will, nachdem ein Anderer zuvor aus purem Versehen dich mitten auf dem Trottoir über den Haufen gerannt hatte, du dankst dem edeln Unbekannten, der dich abstäubt, in freundlichster Weise, und weißt nicht, daß alle deine Werthsachen sich schon in dritter oder vierter Hand »rechts um die Ecke" befinden. Der Policeman kennt diese eigenen Manieren und hat sein Auge auf alte Bekanntschaften. Wogegen dich aber kein Policeman schützen kann, wenn du als Fremder unsicher des Weges London in der Dämmerung durchwanderst, das ist deine Geneigtheit, Unbekannte nach der Fährte zu fragen. Du könntest leicht in ein Wirrsal von Gassen, Gäßchen oder engen Corridoren gewiesen werden, wo du froh sein darfst, wenn du nur alles, was tragbar an dir, und du dich selber nicht auf immer verlierst. Ferner zahlen die Behörden für jeden todt oder lebendig aufgefischten Menschen sieben Shilling Bergelohn. Es war erstaunlich, wie rasch seitdem die Zahl jener Placate sich vermehrte, welche, an der Außenwand der Polizei- Stationen befestigt, die fettgedruckte Ueberschrift trugen: „vea,^ kounä", d. h.: „Eine Leiche aufgefunden". „Verwegene Bierreisen" in der Nähe der Themse können ja leicht mit einer Zickzackbewegung enden» wo dem verirrten Zecher plötzlich ein Menschenfreund unter die Arme greift, nahe der Stelle, wo das Wasser am tiefsten ist. Und sieben Shillings Bergelohn für einen Ertrunkenen sind ein Gegenstand für mehr Leute, als man sich träumen lassen möchte! Indessen, mit Ausnahme dieser Extempore-Zufälle, ist London bei Tag und Nacht sicher, und dazu trägt Bobby, der Policeman, das Seinige bei. Der boshafte Spitzname „Bobby" ist von „dob" abgeleitet, womit der Plebejer den „Shilling" bezeichnet, und soll so viel bedeuten, daß Bobby eben für einen Shilling zu haben sei. Der süße Pöbel, der „große Ungewaschene", hat den Wächter der öffentlichen Sicherheit noch niemals zum Gegenstände des Preisens gemacht. In der That, nicht mit Sovereigns, nur mit Shil- lingen wird Bobby's Mühsal bezahlt. „Keine Ruh' bei Tag und Nacht, und achtzehn Shillinge auf die Woche, welche sich nach jahrelangem Dienste auf fünfundzwanzig steigern können, gerade genug, um den Wolf, Hunger, von der Thüre fern zu halten. So treten ihm lausend Versuchungen nahe; denn, wenn er bei Gelegenheit nicht sehen will, kann er es zu einem wohlhabenden Manne bringen, ohne daß er den bösen Witz eines Pamphletisten wahr zu machen brauchte: „Armer Bursch! Er war drei Jahre bei der Force, hat hundert berauschte Gentlemen nach Hause gebracht und nur zwei goldene Uhren!" Der Londoner Policeman hat auch seine Heroen. Hin und wieder fehlt Einer beim Appell und fehlt für all« Zeit. Seine Uniform, wegen häßlicher Blutspuren in verborgener Spelunke umgefärbt, wandert dann nach Pettycoat-Lane, in die Judengasse, wo man ganze Ladenreihen nur mit gestohlenen seidenen Taschentüchern decorirt findet, und wird dann mit anderm alten Gewand in Niesenballen nach Californien verschifft oder zu putzsüchtigen Negerfürsten an der westafrikanischen Küste. Furchtlos wagt sich Bobby oft in einen von Wuth dampfenden dichten Menschenknäuel sich auf nichts anderes verlassend, als darauf, daß ja nicht jeder Messerstich ihn in's Herz treffen muß, und pflückt 503 sich „seinen Mann" heraus, auch wohl zwei oder drei. „Den ertappten Verbrecher", so sagt dir der Policeman, „braucht auch der Einzelne von uns nicht zu fürchten. Der ist meist feige und duckt sich sofort unter sein Schicksal, so wir ihm nur die Hand auf die Schulter legen, und er läßt sich ruhig die Schellen um die Knöchel drücken. Aber der Vagabund, der Raufer, der Todttreter aus Passion ist unberechenbar!" — Bei Nacht, oft in schauerlich öden Gassen, auf suchender Nonde, hat er auf langen Strecken keinen Bruder in der Noth, und besaß noch vor einem Jahrzehnt keinen andern Schutz, als einen blauen Frack, weiße waschlederne Handschuhe und lederbesäumten Cylinder, keine andere Waffe, als in der Hintertasche anderthalb Fuß „ungebrannter Asche". Er trug sich wie ein Gentlemen, und fand bereitwilliger» Beistand aus den Reihen des Publikums als heute, wo er seit den Fenier-Excessen militärisch gedrillt worden ist, eine Art Tunica angezogen und einen grauen Filzhelm aufgestülpt hat. Sein Dienst ist derselbe geblieben, hart, sehr hart auch bei Tage. Man braucht ihn nur auf London Bridge zu beobachten, wenn das Gewühl der Wagen, in vierfacher Reihe, hin und her fluthet, die in strenger Linie dicht hinter einander zu folgen haben, um endlosem Wirrsal vorzubeugen. Da steht Bobby, man möchte sagen in buchstäblichem Sinne als fleischgeworbener Prell- pfahl, auf Haaresbreite den wuchtigen Rädern nahe, und lenkt die rollende Völkerwanderung mit einem Wink seiner weißen Handschuhe, die er in riskanten Momenten als Signal in die Höhe streckt, ruhig und gefaßt, als stände er nicht in Gefahr, in einem Nu zermalmt zu werden. Der kärglichen Löhnung wegen recrutirt sich die Force nur langsam, oft aus jungen Burschen, die frisch vom Pfluge gekommen, und dieses Gehen und Kommen hat oft sehr rasch gewechselt; denn Viele, denen sich andere Nothbrücken des Lebens öffnen, legen den sauern und undankbaren Posten nieder. Der Magistratsrichter, falls ihm ein Jnculpat vorgeführt wird, trat überdies oft mit Vehemenz gegen den Policeman auf, wenn dieser sich etwa an einem Unschuldigen vergriffen. Der mit dem militärischen Drill eingeschlichene Hsprit äo oorpg machte danach voll Verdruß wieder das große Publikum verantwortlich. Es kam vor, daß ein College den andern bei Gericht „durchzuschwören" suchte, nach dem Grundsätze verfahrend, daß es besser sei, wenn ein Unschuldiger aus dem undankbaren Publicum verurtheilt, als daß das „Corps" wegen Fehlgriffen öffentlich blamirt werde. Jedoch innerhalb einer freien Nation schütteln sich unversöhnbar scheinende Gegensätze bald wieder zurecht. Zu jener Zeit war es, wo die Londoner Presse „Ihrer Majestät allergetreueste Polizei", beinahe continentalen Mustern aus überwundener Zeit folgend, als einen eingenisteten Feind betrachtete und die Gründung einer Art von Sicherheits-Comitö's, einer Vigilanz-Association zum Schutze des Publikums befürwortete. Das erinnerte an amerikanische Vorgänge, und solche Bilder aus „Bruder Jonathan's" Portfolio liefen „Bruder John's" Jnstinct zuwider. Man scheute vor der entfernten Möglichkeit zurück, daß, gewissen amerikanischen Städten gleich, sich schließlich auch die Polizei in Parteien spalten könnte, und Sicherheitswachmänner, Barrikaden auswerfend, einander mit sechsläufigen Colts bearbeiten oder zum Wohlbefinden einer Partei die Gurgel abschneiden könnten. Und so war Friede und Freundschaft bald wieder hergestellt. Die Londoner und die englische Polizei überhaupt ist die eines Weltreiches, in welchem die Sonne nicht untergeht. Das ist ein weiter Horizont. Eine Virtuosität in der Uebung zu arretiren kann jede Polizei erwerben. In einem Weltreiche muß sie unermeßliche Labyrinthe zu ergründen wissen, — sie hat es so zu sagen mit Clasfikern der Verbrecherwelt zu thun. „Geist fordere ich vom Dichter!" sagt Schiller. Die englische Polizei verbraucht eine große Quantität dieses selbigen Spiritus, Menschenkenntniß dazu und Nacenkenntniß in allen Couleuren. In Norddeutschland empfiehlt man zum Fortkommen auf unserm kleinen Stern, Erde geheißen, „Kopf, Genie und Ellbogen" — drei sehr schätzenswerthe Factoren ohne Zweifel. Aber Jhro britischen Majestät allergetreuester Detective würde sich weniger Erfolge erfreuen, wenn ihm nicht der tiefeingewurzelte Gesetzessinn der Nation zur Seite stände. Außerdem besitzt er ein Organ, das die höchste Cultur durchgemacht, jenes Organ, das dem zartesten aller menschlichen Sinne zur Herberge dient: eine Nase, die über sieben Meere reicht. So kann die englische Polizei vieler Hülfsmittel entrathen, die noch auf dem Festlande für unerläßlich gelten, selbst nachdem die Periode der „allgemeinen Volksanschnauzung" ein überwundener Standpunkt geworden. In England regnen keine Orden in die Knopflöcher, und für Verleitungen von Oben wie für TerrorismuS von Unten ist die Polizei des Weltreiches gleich unempfänglich. (N. Fr. Pr.) MiSe-lleir. (Einer der letzten Fürstbischöfe von Würzburg) so erzählt die „Dorf- Zeitung" — ein leutseliger Herr, traf auf der Jagd einen Knaben, der Schweine hütete, und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. „Wieviel Lohn bekommst Du?" fragte der hohe Herr. „Hab' halt a G'wandel und zwei paar Schuhe," antwortete der Junge. „Nicht mehr?" rief der Fürst, „schau ich bin auch ein Hirt, aber ich stelle mich doch besser, als Du." „Glaub's schon, Ihr werdet auch mehr Säu' haben," war des Knaben Antwort. Da lachte der gemüthliche Fürst und sprach zu seinem Gefolge: „Nehmt's all uotriw, meine Herren!" (Mißverstanden.) Pfarrer (sehr erstaut): „Aber Michel, was ist denn das? die Kirche ist ja ganz leer. Wo sind denn die Leute?" — Michel: „Ja nun, seh'n Se, Herr Pfarrer, Sie habn doch nach der Predigt gsagt: „Am nächsten Sonntag werde ich fortfahren", und da Hain mer halt qlobt Sie wölln a zum Schützenfeste nach München 'nein." (Gerechte Entrüstung.) Professor (seinen Hörern eine Patientin vorführend): „Meine Herren, hier haben Sie ein prächtiges Beispiel für Skrophulose. Sehen Sie diese dicke Nase, diese triefenden Augen, dies aufgedunsene Gesicht . . . ." Patientin: „Na wissen Sie Herr Professor, der Schönste sind Sie gerade auch nicht!" (Der herzensgute Mann.) Frau B.: „Nun wie geht es Ihnen denn?" — Frau L: „Es ist kaum zum Aushalten; sehen Sie mein Mann ist herzensgut, wenn er nüchtern ist» — aber er ist nie nüchtern." (Aufgeschnitten.) Ein Sportsmann versicherte, einen so schnellen Ritt gemacht zu haben, daß sein Schatten ihm nicht habe folgen können, sondern über eine halbe Stunde zurückgeblieben sei. (Zufriedenheit.) Mit nichts ist der Mensch mehr zufrieden, als mit seinem Verstände; je weniger er davon hat, desto zufriedener ist er. (Bedauerlich.) A.: „Priese gefällig?" — B.: „Nein, ich schnupfe nie." -- A.: „Schade, Sie haben doch so ein schönes Lokal dazu!" Aus einem Fremdenbuchs in der Schweiz. Ich heiße Conrad Friedrich Scherner, Ersteige Gletscher, Joche, Ferner; Keine Wand ist mir zu hoch, Zu schaurig mir kein Felsenloch. Freiheit! Du bleibst meine Gasse, Ich aber Bergfex erster Klasse' Alle Böcke möcht' ich schießen, Jede Latschen möcht ich küssen, Anfwärtssteigcn, welches Glück! Mit dem Rucksack am Genick, Mit dem Bergstock in den Händen,' Einen Juhschrei zu versenden, Dann über alle Wurzeln stolpern, Daß die Steine abwärts holpern, Fluchen, Schimpfen, Räsonniren, Dann das Gleichgewicht verlieren, Abwärts rutschen zwanzig Meter, Hinunter wie ein Donnerwetter, Ankunft unten ohne Sohlen, Da soll der Teufel Alles holen, Freiheit, Latschen, Nucksack, Joch, Aber Bergfex bleib ich doch. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler. Druck und Verlag de«