M „Äiigslmrger Postjeituug." 9!r« 66. Samstag, 18. August 1883. „Zur Eintracht" oder „Schuld und Sühne." Nacherzählt von F. Carneville. (Fortsetzung.) „Du hast Deinen Bruder, seine Frau und Kinder also noch gesehen?" fragte nach einer kurzen Pause Leo's Frau mit Thränen in den Augen ihren Mann. Er machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopfe und verließ darauf die Stube, um sich an den Grabhügel zu begeben, wo Seppli den Tag vorher so andächtig gebetet hatte; er blieb lange dort knieen. Als seine Frau ihn einige Zeit betrachtet hatte, hob sie die Hände empor und rief: „o heilige Jungfrau! empfange meinen Dank, daß Du mein Gebet erhört und für mich Fürbitte eingelegt hast! Gottes Gnade hat sich sichtlich über uns ausgebreitet, gleich dem Föhne, der das Eis und den Schnee unserer Berge schmilzt; o ziehe Deine Gnade nicht von uns ab, auf daß ich jeden Tag Deinen heiligen Namen preisen kann!" Dann fiel auch sie auf die Knie und betete noch mit Inbrunst; als sie sich erhob, fühlte sie sich neugestärkt und ihre Seele war froh und heiter wie in den Tagen der Kindheit. Nach seiner Rückkunft setzte sich Leo auf die Bank am Tische. „Höre, sagte er zu seiner Frau, „ich will Dir erzählen, was mir begegnete . . . Sie setzte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses an seine Seite. „Ich habe Dir zwar nicht viel zu sagen . . . .« begann er den Arm auf den Tisch stützend und die Hand über die Stirne legend, „und sollte mich bester auszudrücken verstehen, um Dir mitzutheilen, was mir noch wie ein Traum vorkommt ..... MS ich gestern zufällig aus dem Fenster blickte und meinen Bruder da oben betend knieen sah, erfaßte mich plötzlich eine eigene Bangigkeit, wie ich sie noch nie in meinem Leben gefühlt habe. Ich dachte wohl, daß er kommen werde um Abschied zu nehmen; aber eS wäre mir nicht möglich gewesen ihm gute Worte zu geben und doch hatte ich auch nicht den Muth ihm böse zu sagen. Das war der Grund, warum ich so rasch aufbrach, um nach unserer Alp zu gehen. Ich eilte den Berg hinauf, ohne mich nur einmal umzusehen, obwohl ich immer vermeinte eine Stimme zu hören, die mir zurief: „Kehre uml es ist zum letzte Male!" — Ich weiß nicht wie lange ich so gelaufen bin, aber als ich anhielt und mich umsah, erkannte ich, daß ich unsere Alpe bereits weit überstiegen hatt« und so erklimmte ich denn noch über Geröll und Schnee hinweg die Schwarzhornspitzr. Die Sonne war bereits zur Neige und beleuchtete nur noch die Spitzen der höchsten Berge. — Ringsum herrschte Todtenstille und ich weiß nicht wie es kam, — aber plötzlich schien es mir, die Erde habe sich in ein Leichenfeld umgewandelt und ich sei nur noch das einzige lebende Wesen darin. — Ich glaube, wenn mir in diesem Augenblick ein lebender Mensch wirklich begegnet wäre, ich würde alsbald zu mir gekommen sein und über meine Narrheit gelacht haben. — Nachdem mir aber Niemand in dieser schaurigen^ Einsamkeit sichtbar wurde, so konnte ich meiner Herzensangst nicht loS werden und ich rief: „Ja, du mußt.du mußt ihn noch einmal sehen, vor es zu spät wird!" — Und darauf stieg ich abwärts ohne Weg, der Richtung gegen Sarnen zu. — Je 522 — mehr die Nacht vorschritt, desto mehr beschleunigte ich meine Schritte und meine Angst stieg immer mehr; glücklicherweise herrschte nicht völlig« Dunkelheit, der Mond war zeitig aufgegangen und endlich sah ich Sarnen vor mir . . . ." Hier schwieg Leo und schien nachzusinnen, als wollte er sich erst dessen erinnern, was hierauf geschehen war. „Ja", nahm er dann wieder das Wort, „als ich wieder Lichter in einigen Häusern sah und aus der Ferne wieder menschliche Stimmen vernahm, kam ich wieder zu mir und wurde etwas ruhiger. Ich schämte mich auch einigermaßen über mein thörichtes Benehmen und sagte mir, daß ich doch wohl nicht zur Nachtszeit in das Haus meines Bruders auf Besuch gehen könne; es wäre ja auch andern TagS noch Zeit und daß ich vorerst mich auch vergewissern müsse, was die eigentliche Ursache seiner Besuches gewesen sei. Noch diesen Gedanken nachhängend» sah ich auf einmal eine große Zahl von Fackeln aus dem Dorfe kommen. Ich eilte gegen eine Hecke, die hart an der Straße lag, und stellte mich hinter dieselbe, um ohne gesehen zu werden, alles beobachten zu können, was hier vorging; ich gewahrte dann eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, die einen Wagen begleiteten, der langsam einherfuhr. — Da saß Mariele, ihre zwei jüngsten Kinder auf ihrem Schooße, während die beiden anderen ihr zur Seite saßen. Mein Bruder ging in Begleitung seiner Nachbarn.-In der Nähe von mir hielt der Wagen und Seppli stieg ein, ein donnernd Vivat erscholl noch als Abschied von den Begleitern und in raschem Trabe fuhr nun das Fuhrwerk weiter. Ich werde diesen Moment niemals vergessen .... die todtblasse Frau mit ihrem Madonnengesicht und ihre weinenden Kinder ....." Hier brach Leo ab und ließ den Kopf in beide Hände fallen. „Und Du hast kein Wort mehr mit ihm gesprochen .... haben sie Dich nicht erkannt?" frug ihn seine Frau nach einigen Momenten des Stillschweigens. „Nein, er sah mich nicht und ich wäre auch nicht im Stande gewesen, mich ihm zu nähern, wenn auch die ihn umgebende Menge mich nicht daran gehindert hätte. Ich war wie gelähmt an allen Gliedern auf den» Bode» hinter der Hecke gelegen und die Leute von Sarnen waren wohl schon längst wieder daheim, als ich mich endlich zu erheben vermochte .... Ich erzähle Dir alles dies, weil es sicher gut ist, wenn wenigstens ein Angehöriges Kunde von meiner guten Absicht hat und erfährt wie sie entstund, sonst könnte der böse Geist leicht wieder die Oberhand gewinnen, wie ich leider in vergangener Nacht erfahren habe." Seine Frau sah ihn an, als wolle sie ihn hiewegen des Nähern befragen, aber sich rasch erhebend, sagt er nur: „ja, ja, so ist es; bei meiner Rückkehr gestern Nachts fühlte ich meinen Haß auf's Neue erwachen, und es bedurfte wahrlich Deiner umständlichen Erzählung, Deiner Unterredung mit meinem Bruder, daß diese Abneigung sich nicht wieder meines Herzens bemächtigte. Nun, Gottes Wille möge geschehen, aber 'Niemand soll wissen, was sich zugetragen hat." Es wurde auch wirklich Niemand weiter davon unterrichtet. Die Veränderung aber, die so plötzlich mit Leo vorgegangen, »var den Nachbarn nicht entgangen, denn von dieser Zeit an war sein Humor gut und friedlich, sowohl in wie außer dem Hause und die Ueberraschung steigerte sich noch mehr, als er mit dem Bau eines »reuen Hauses begann, und dabei dieselbe Thätigkeit entfaltete, wie ehedem sein Vater. — Natürlich wußte Niemand den nähern Grund dieser Veränderung, und wie es gewöhnlich geht, daß man dem Abwesenden die Schuld gibt, so singen auch hier die Nachbarn allmälig an sich gegenseitig zu äußern: „seht doch, wie man sich täuschen kann; wir sind doch wohl ungerecht gegen Leo gewesen und Seppli mag vielleicht nicht so schuldlos gewesen sein, wie wir uns dachten; wer weiß, welche Neckereien Leo erdulde» mußte, die wir nicht kannten, denn seit Seppli fort ist, ist er völlig umgewandelt und der friedliebendste und beste Mann geworden." 523 — Ja, in der That, Leo war in seinem Leben und Treiben nicht mehr zu kennen und man kann wirklich nur sein höchstes Bedauern ausdrücken, als er, noch ehe sein Bau vollendet war, von einem großen Unglück heimgesucht wurde. — Nicht lang« nach Seppli's Abreise nämlich wurde seine Frau krank und nach sechs Monaten, nachdem ihr, nun eine ruhige und glückliche Zukunft lächelte, raffte sie der Tod dahin. Das war denn ein fürchterlicher Schlag für Leo, der sich nun völlig vereinsamt fand, denn obwohl er nun mit seinen Nachbarn im guten Einvernehmen lebte, so war er doch mit keinem so vertraut, daß er ihm hätte sei» Herz öffnen können. Als sein Neubau vollendet war, fühlte er keine Neigung mehr sich länger mit der Bewirthschaftung seiner großen Besitzung zu befassen; er entließ fast alle seine Dienstleute und gab die entlegenen Grundstücke alle in Pacht. Auch für das neue Haus hätte er öfter schon Pächter gefunden, aber er konnte sich nicht dazu entschließen und so stand, es öde und verlasse» da. — Eine alte Magd führte seine Wirthschaft und er lebte still und traurig dahin, sogar die Holzschnitzerei, für die er sonst «ine so große Vorliebe hatte, betrieb er nicht mehr; die Winterabende verbrachte er im Lehnstuhle, peinlichen Betrachtungen sich hingebend, wobei ihm oft die Thränen über die gebräunten Wangen flösse» und er verließ, außer ßeinem Kirchgänge, nur selten das Haus. Was die Betrübniß über den Verlust seiner Frau noch vermehrte, war die volle llnkenntniß über das Schicksal seines Bruders. Alle anderen Emigranten» die zwar vor ihm abgereist waren, hatten der Einschiffung gewärtig, ihren Verwandten und Freunden bereits Nachricht zugehen lasse», aber in keinem der Briese geschah Erwähnung Seppli's und der Seinen, wohl im Glauben, daß er selbst geschrieben haben werde, was er auch seinen Freunden beim Abschiede sich versprochen, aber bisher noch nicht erfüllt hatte. Die Ursache dieses Schweigens war leider nur zu natürlich. Schon nachdem Seppli Luzern verlassen hatte, zeigte sich schon die Reise ganz anders als er sie sich gedacht hatte. Das Eisenbahnnetz war dazumal noch nicht so voll» komme» als heutzutage und war noch streckenweise unterbrochen, wie so viele Auswanderer, hatte auch er., und seine Frau geglaubt, sich von diese», oder jenem liebgewordenen Jnventarslück nicht trennen zu können, wodurch die ohnedem für die Auswanderung der ganzen Familie schon große Güterlast, noch wesentlich vermehrt wurde. In Folge dessen wurde die gleise nicht nur sehr beschwerlich» sondern auch sehr kostspielig, zudem erkrankten ihm zwei seiner Kinder und zwangen ihn schon in Basel zu einem mehrtägigen Aufenthalt. Mit Schrecken bemerkte er, daß seine Reisekaffa schon weit mehr in Anspruch genommen war, als er berechnet hatte; außerdem beunruhigte ihn auch die Befürchtung, daß er durch diese Verzögerungen zu spät eintreffen möchte und vor Frühjahr dann kein Emigrantenschiff mehr abgehen würde; diese Unruhe ließ ihm denn keine Kosten scheuen die Reise möglichst zu beschleunigen. Diese Besorgniß wurde immer größer, nachdem noch manches außer der Berechnung gelegene Hinderniß eintrat. Endlich erreichte er Amsterdam. Aber wer beschreibt seine Bestürzung, als er erfuhr, daß das Schiff mit den Auswanderern bereits abgesegelt sei. Was sollte er nun mit seiner Familie anfangen, wenn er gezwungen war in dieser fremden Stadt, wo es drei» bis viermal theurer zu leben war als in seiner Heimath, den ganzen Winter ohne Verdienst verbringen sollte? Das Kapital, das er mitgenommen, war nicht so bedeutend; denn hatte er auch sein Haus und seine Gründe ziemlich gut an den Mann gebracht, so mußte er mit dem Erlös auch alle seine Schulden decken, die er zum Ankaufe der Gründe machen mußte, und erforderte auch die Ansässigmachung in Amerika, wenn man nicht eine schon bewirthschaftete Meierei kaufen wollte, keine so große Summe, um ein Stück Land urbar zu machen, so war immerhin noch viel nöthig, um auch nur die nothwendigste Einrichtung hiezu zu treffen und den Unterhalt der Familie zu bestreiten, bis einmal die angebaute Stelle einen Ertrag abwarf. Da er aber in seine Heimath nicht zurückkehren wollte, so blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Vor Allem mußte er sich um 524 eine Beschäftigung umsehen, um doch einigermaßen die Kosten seines nothgedrungenen Aufenthaltes damit decken zu können. — Glücklicherweise fand sich hiezu bald Gelegenheit; Seppli hatte die Bekanntschaft eines wohlwollenden Mannes gemacht, der ihm Beschäftigung in einer Zuckerfabrik anbot, was er natürlich dankbarst annahm. Er fand in einem kleinen Hause Unterkunft mit den Seinigen und sing allmälig an mit weniger Besorgniß der Zukunft entgegenzusehen. — Von den Unfällen, die ihn schon gleich bei dem Antritte seiner Auswanderung betroffen hatten, in seine Heimath zu berichten, scheute er sich, daher seine Nachbarn zu ihrem großen Befremden ohne alle Nachricht blieben. Sein Erwerb war jedoch nicht ausreichend für den Unterhalt der Familie, obwohl Mariele, die sich rasch in die Verhältnisse gefunden hatte, möglichst bemüht war, auch das Ihrige beizutragen, indem sie für die Matrosen in der Nachbarschaft nähte und wusch, was ihr doch erlaubte im Hause zu bleiben und die Kleinen zu beaufsichtigen. Aber ungeachtet aller ihrer Thätigkeit waren die Armen bei der Theuerung der Lebensbedürfnisse gleichwohl immer genöthigt, die Kassa für die Auswanderung, die sie nicht weiter in Anspruch zu nehmen sich vorgenommen hatten, anzugreifen. Man kann sich denn denken, wie der Winter mit seinen kalten Nebeln, welche in Holland um diese Jahreszeit herrschten, beitrug das Heimweh dieser armen Gebirgsländer zu vermehren. Die Unruhe, die Sorgen, die Traurigkeit steigerten sich mit jedem Tage, und wenn auch Eines dem Andern den innerlichen Kummer verbarg, so gab es doch für sie keinen frohen Augenblick mehr. Wenn die Kinder zur Ruhe gegangen waren blieben die Eltern, trotz der Ermüdung von der Arbeit, in der Dunkelheit noch bei einander am Ofen sitzen, so lange er noch einige Wärme gab und oft faßten sich dann ihre Hände, tiefe Seufzer ausstoßend. Aber keines klagte; kein Wort der Bitterkeit kam über ihre Lippen, kein Vorwurf wurde laut gegen diesen Bruder, der allein an diesem Unglücke schuld war. — Im Gegentheile, namentlich das gute, fromme Weib suchte stets ihren Mann zu trösten, ihm Muth einzuflößen, und in ihm das Vertrauen an den lieben Gott zu stärken. So verfloß der Winter mit Mühseligkeiten. — Als Vorläufer des Frühlings kamen bereits die Züge der Auswanderer an, um die Abfahrt des ersten Schiffes zu benützen. Auch Seppli traf seine Vorbereitungen und fand, daß die ihm bleibende Summe doch nicht so geschmälert worden war, daß sie nicht ihre Ansiedelung damit begründen konnten. Seine Frau dankte Gott im Stillen dafür, daß er ihre Hoffnungen nicht vereitelt hatte und vergaß über dieser Freude die Gefahren, welche die lange Ueberfahrt mit sich brachte. Auch das fortwährende Eintreffen von Emigranten trug viel dazu bei, ihren Muth zu stärken, denn sie sahen dabei, wie viele unter ihnen, die nicht das Elend zu diesem Schritte zwang, eine glückliche Zukunft sich jenseits des Oceans zu schaffen hoffen. — Nachdem das Fahrzeug noch vor Ostern unter Segel gehen sollte, so trat man mit Emsigkeit an dessen Ausrüstung. Da fühlte sich Seppli eines Tages plötzlich unwohl und obwohl er anfangs wenig darauf Acht hatte, nahm dieses Uebelbefinden immer mehr zu, bis es ihn arbeitsunfähig machte. Er suchte es anfänglich seiner Frau zu verbergen und sich selbst zu überreden, daß es bald vorübergehen werde, aber die Schmerzen vermehrten sich schließlich so, daß er bettlägerig wurde. Das war noch ein stärkerer Schlag als der, der ihn im Herbste durch seine verspätete Ankunft traf. Der Fabrikherr besorgte sogleich einen Arzt und stand auch der armen Frau großmüthigst bei; doch die ärztlichen Mittel waren ohne Erfolg und däS Uebel nahm den Charakter einer langwierigen Krankheit an. Der Arzt gab zwar noch immer die beste Hoffnung, aber vielleicht mehr aus Schonung und Mitleid, als aus Ueberzeugung. Jedenfalls mußte die Aussicht auf eine baldige Abreise aufgegeben werden, da das erste Emigrantenschisi schon in nächster Zeit in See ging. — Diesen Umstand verschwieg man Seppli auf's sorgfältigste und Mariele zeigte ihm, so viel möglich, stets eine heitere Miene. Als aber die Temperatur immer wärmer wurde, traten starke Nacht- 525 schweiße ein, die ihn bedeutend schwächten und eines Tages, als der Patient sich wvhler fühlte, als gewöhnlich, schlief er ein, den Kopf an Mariele's Brust gelehnt, um nicht mehr zu erwachen — Seppli war todt. Der Gram der armen Frau, völlig verlassen mit ihren Kindern in einer fremden Stadt, war furchtbar und doch sollte er noch nicht am Ende sein; durch einen grausamen Zufall mußte sie den Leidensbecher bis auf die Hefe leeren. Als Mariele nämlich nach der Beerdigung ihres Mannes den Rest ihrer Baarschaft zählen wollte, ivar das Geld verschwunden. Es war ihr unzweifelhaft in der Confusion, die der Tod ihres Mannes im Hause verursachte, gestohlen worden. Dieser letzte Schlag war zu niederdrückend für die ohnedem so erschöpften Kräfte der Unglücklichen. Sie wurde krank und in ihrem Leiden rief sie oft in ihrer Verzweiflung: „o Herr, warum bürdest Du mir solche Last auf, die ich nicht zu ertragen vermag l —" (Schluß folgt.) G»ldkörner. In einem Jahr willst du zum Ziele dringen? Nimm eins dazu, im zweiten wird's gelingen! Wem Gunst und Glück die Fiedel streicht, Der hebt zum Tanz die Füße leicht. Was Zivilist du Träumer nichtig nennen? Ein Scherben lehrt den Topf dich kennen. Almosen, das vom Herzen kommt, Dem Geber, wie dem Nehmer frommt. Fleiß bringt Brod, Faulheit bringt Noth. , Hans ohne Fleiß Wird selten weif'. Nimm deinen Acker wohl in Hut, Bestell' ihn gut, so trägt er gut! Frage nicht was Aud're machen, Sieh' auf deine eignen Sachen! Wenn du hörst, daß Einer klagt, Hör' auch, was der And're jagt! F. Beck. Alphabet für eine angehende Hausfrau. Beharrlichkeit und Geduld — dies Schwesterpaar erwähle Dir zu Freundinnen! oft, recht oft müssen sie Hand in Hand mit Dir gehen; sei Deine Ehe auch die glücklichste, nie wird sie Dir die Ausübung dieser Tugenden erlassen. Christlicher Sinn ist ein Talisman, den Du behüten mußt im Wellenschlag des Lebens. Bewahre ihn durch die That, dann wird auch der Freisinnigste Dir seine Achtung nicht versagen. — Wer etwas Höheres im Wesen sucht, als das Leben geben oder nehmen kann, der hat Religion. «Dienen" — lerne bei Zeiten das Weib — nach ihrer Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen — zu der gerechten Gewalt, wie es ihr zukommt, zu leiten den Hausstand; — die Herrschaft der Frau ist die Sanftmuth, Klugheit und Liebenswürdigkeit und je mehr eine Frau in diesem Sinne das Ansehen genießt, desto besser geht alles darin zu. Eifersucht! hüte Dich davor, sie ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft — ein Gift das an dem Mark zehrt und an sich ganz harmlose Ereignisse für Beweise halt; ein gesundes wohlgeordnetes Gemüth bewahrt das Vertrauen und gibt diesem grünäugigen Ungeheuer nicht Raum, 526 — Frohsinn und Fleiß sind meistens gepaart. Begrüße stets Deinen Gatte» beim Nachhausekommen froh und heiter, — wenngleich er auch mitunter sorgenvoll und mißmuthig scheint — diesen» stillen Zauber wird er sich nicht entziehen; ein gleichbleibender Frohsinn erheitert alle Widerwärtigkeiten des Lebens und erwacht meistens aus der Arbeit, welche das Leben süß rinv nicht zur Qual macht. Gastfreundschaft — des Hauses Ehr', die im großen Ganzen von unseren Großeltern mehr geübt wurde, als von der jetzigen Generation — weil die echte Gastfreundschaft immer mehr verschwindet, deshalb macht sich die Gesellschaft breit. Laß in Deinem jungen Haushalt die alte Sitte walten, übe Gastlichkeit, die auf geistigen Ler, kehr gerichtet ist, sie wird Dir größeren Genuß bereiten, als die Gesellschaft jemals Dir bieten könnte. Häuslichkeit! „In Deines Glückes stillen» Frieden allein nur liegt der Menschheit großes Loos!" — „Im Hciligthum der Wohnstube wird das Gleichgewicht der menschlichen Kräfte gleichsam von der Natur selbst eingelenkt, gehandhabt und gesichert", sagt Pestalozzi. Das Haus ist die Welt der Frau; ist auch der Kreis ihrer Thätigkeit beschränkter, als der des Mannes, so kann sie doch gerade hier verborgene Kräfte entfalten und alle jene eigenthümliche» Vorzüge, welche den Mann bei Beurtheilung und Fühlung so vieler Dinge Auge und Hand der Frau zu Hilfe nehmen lassen. Jugendliches Empfinden suche Dir zu erhalten, auch wenn das Silber- yaar einst Dein Matronen-Antlitz umrahmt und der Muth Dir fehlt mit Rosen es zu schmücken; dann bewahre vor dem Welken Dein Gemüth, erhalte Dir den Sinn, mit den Fröhlichen froh zu sein und ain Schönen Dich zu erfreuen. Klug und weise handeln soll die Frau — d. h. sie soll das häuslich »virth- schaftliche Leben mit geistiger Beschäftigung zu vereinigen verstehen — nicht in ersterer völlig aufgehen und mit Verachtung auf letztere blicken. Eine kluge Frau wird stets auf die Interessen ihres Mannes eingehen, auch wenn sie nicht immer seinem höhere»» Gedankenfluge zu folgen vermag. — Das menschliche Leben und Wissen bietet uns überall so viel edlen Zeitvertreib, dessen wir uns mit Recht befleiße» sollen; bei einem geregelten Hauswesen bleibt immer mehr oder weniger Zeit dafür. Liebe i»» Geben und Empfangen — ist für das Jrauenherz die Krone des Lebens! — „Sie glaubt Alles, hofft Alles, duldet Alles und überwindet Alles", — sie ist der Götterfunken, welcher die Welt befreit! „Die Liebe umfaßt des Weibes volles Leben, Sie ist ihr Lenker und ihr Himmelreich; Die sich in Demuth hingegeben, Sie dient und herrscht zugleich." Milde und Nachsicht übe gegen die Fehler anderer; — Niemand kann die geheimen oft so verworrenen Triebfedern der Handlungen anderer Menschen ergründe», die oft viel mehr das Resultat unseliger Verhältnisse, als eigenen Willens sind — deshalb noch einmal: sei streng gegen Dich selbst und nachsichtig gegen anoere. Natürlichkeit! laß Dir nicht rauben dies Vorrecht der Jugendzeit, »vo alles in uns blüht und glüht und schäumt, und »vo das Herz ohne Wissenschaft und Kunde der Welt oft so richtig weissagt — alle Culturgebilde wiegen ihren Werth nicht auf! Ordnung! — o heilige, segensreiche Himmelstochter, nicht genug kannst Du sie hegen und pflegen, aber hüte Dich vor ihrer weniger verehrten Schwester — der Pedanterie. — Ordnungsliebe, Sauberkeit, Schönheitssinn dürfen der Frau nicht einmal Pflichten, — sie müssei» ihre Naiurnothwendigkeilen sein. Pünktlichkeit geht mit der Ordnung Hand in Hand; laß sie walten in Deinen» Heim, namentlich in Bezug auf die Dienstboten — gewöhne sie und Dich an eine richtige Zeiteintheilung. N ü ck s i ch t n e h m e n, eine leider viel zu wenig geübte Tugend — wie vielen Conflicten würden »vir aus den» Wege gehen, wie viel kleine Freuden uns bereiten, wenn 527 wir uns ihrer mehr befleißigten; übe sie gegen Deine Hausgenossen, insbesondere gegen Deine» Gatten. Sparsamkeit und richtige Einteilung gehören zu den Hauptstützen des Hauswesens — selbst der erlaubte wohlthuende Luxus muß mit gewissenhafter Oekonomie zusammenhängen: „Mit Vielen', läßt sich schmausen, mit Wenigem läßt sich Hausen." Treue, halte sie hoch im Leben — sein treu in der Liebe — treu in der Freundschaft — treu in der Erfüllung Deiner Pflichten! Und wie immer sie Dir naht, nimm sie freundlich auf, verachte nicht ihr schlichtes Kleid» — „Wohl ist sie schön die bunte Zier, doch bringt sie nie den Frieden Dir." Unzufriedenheit halte fern von Dir, sie ist eine gefährliche Klippe in der Ehe und manches Glücksschiff ging daran zu Grunde. Gibst Du Dir selbst den Frieden nicht — im kurzen Erdenleben, dann leiste nur auf ihn Verzicht — die Welt wird ihn nicht geben. Vertrauen ist das Immergrün des Lebens zwischen Dir und Deinem Gatten t Nichts kann den Mann mehr freuen, nichts kann ihn mehr mit der Welt und ihren Verhältnissen aussöhnen, als wen» man ihm in seiner Familie mit ungeheucheltem Vertrauen entgegenkommt» „Geheimnisse in der Ehe" sind gefährlich; ihre Scheide bedeckt immer einen Dolch, den die Zeit endlich zieht", sagt Jean Paul. Wohlthätigkeit übe recht oft in dem Maße, wie Deine Verhältnisse es Dir gestatten, denn „Geben ist seliger als nehmen." Keineswegs blos in materiellen Schätzen wie man glaubt — nein, vorzugsweise in denen der Bildung sind die unfehlbaren Mittel gegen Noth und Elend zu finden, welche tief mit der ganzen Menschheit zusammenhängen, deshalb auch von der Gesammtheit getilgt werden müssen. Xantippe soll gut gekocht haben, im klebrigen ein zänkisches, rachsüchtiges Weib gewesen sein; laß Dir das erst ein Beispiel sein — Dein Gatte kann gegen Deine äußere Erscheinung, Deine Talente gleichgiltig werden — nie wird er sich dem Behagen eines guten Tisches und einer wohlgeordneten Häuslichkeit entziehen. — „Der Weg zum Männerherzen geht durch den Magen." Zank und Nachsucht aber laß stets Dir fernbleiben; sei nachgiebig und versöhnend, es ist zu Deinem eigenen Heil. Zartheit des Empfindens bewahre Dir bis in's hohe Alter. — Die Formen des AnstandeS sind «ine nicht zu verachtende Stütze jener gegenseitigen Achtung, auf welche ein christlicher Ehebund gegründet sein muß und mehr als die Frau gewöhnlich annimmt, wird das Ausüben ihrerseits von dem Gatten gewürdigt. Beginne Deine Ehe mit weiser Umsicht und beherzige diese Winke, damit auch Du einst sagen kannst, wie es im Quickborn heißt: „Berg auf ging's leicht, Berg ab wohl sacht, Durch manches manches Jahr; Und doch das Herz vor Lieb' noch lacht, Wie einst in: braunen Haar." Miseellen. (Wie inan unschuldig zu z w e i O h rf e i g e n kommen kan n), mußte jüngst ein kleiner Bengel in Leipzig erfahren, der eben zur Schule gehen wollte und so unvorsichtig war, vor dem Schulgebäude seinen Kameraden zuzusehen, wie sie einen Esel, der, vor einen Obstwagen gespannt, in GemütShruhe dastand, neckten. Er war so in den Anblick der „Grauen" versunken, daß er den daher kommenden Lehrer ebensowenig bemerkte, wie die Flucht seiner Kameraden. Aber plötzlich bekommt er von dem erzürnten Lehrer, der der Meinung war, einen der Bösewichter vor sich zu haben, eine schallende Ohrfeige. Bestürzt wendet er sich um, erblickt seinen Lehrer und läuft heulend in die Schule, die Treppe hinauf. Da begegnet ihm der Direktor. — „Nun, mein Junge, weßhalb weinst Du denn?" — „A . . . ch! Dr. I ... hat mir eine Ohrfeige gegeben, und ich habe doch dem Esel gar nichts gethan!" — Eine (zweite) Ohrfeige wa« die Antwort» 528 (Am Postschalter der deutschen Reich spoft.) Ein Fremder am Schalter: „Bitte um 3 Dreipfennig-, 4 Fünfpfcnnig-, 7 Zehnpfennig- und 9 Wechsel» stempel Marken L 10 Psg. und 3 ü. 1 Mark. Wollen Sie mir noch 7 Postkarten, darunter 3 internationale, ferner 3 mit Rückantwort und 1 Kursbuch, 4. Abtheilung 2 Hefte geben?" — Postbeamter: „Wünschen Sie noch etwas?" — „Rein, ich wollte Sie nur ersuchen, mir diese 6 Zwanzigpsennig- und 3 Fünfzigpfennig-Briefmarken mit in Rechnung zu nehmen und mir auf einen Hundertmarkschein herauszugeben, ich habe kein anderes Geld bei mir." — Postbeamter: „O Stephan, Dein Geschäft blüht. ES geht nichts über die gediegene Erleichterung im Verkehr." (Hier können Kalauer abgeladen werden.) Sarah Bernstein ist dem „Temps" zufolge jüngst in Montpellier, als sie in einer Pantomime auftrat, ausgepsiffen worden. Einem Privatberichte entnehmen wir, daß die geniale Künstlerin bei dieser Gelegenheit leider auch einen ernsten Unfall erlitten haben soll. Einer der Pfeifenden befand sich nämlich in der ersten Sitzreihe und pfiff so heftig, daß der dadurch entstandene Luftzug die Sarah von der Rampe bis in die dritte Koulisse schleuderte. (Ein charakteristischer Ausspruch Vroudhons.) „Wie haben Sie es angestellt, Hr. Broudhon" — sagte eines Tages Cardinal Mathieu, Erzbischof in Besan^on, zu ihm — „einer der unterrichtetsten Menschen unserer Zeit zu werden, nachdem ich Sie doch noch mit 12 Jahren in einer Elementarschule sitzen sah?" — „Hoch- würden!" antwortete der große Polemiker, „in meinem Lande spannt man 20 Ochsen vor den Pflug und ackert damit einen Felsen." (Was ist emancipirt?) Lehrer (in einem Vortrug über den Tabak): „Ja, eS hat die Unsitte des Rauchens eine solche Verbreitung erlangt, daß selbst Frauenzimmer sich nicht scheuen, Cigarren zu rauchen, allerdings nur Emancipirte. Was verstehst Du darunter: emancipirte?" Schüler (nach einigem Besinnen): „Das ist eine leichtere Sorte!" (Gut gegeben.) Ein junger Mann wurde von einem Bekannten mit den Worten in eine Gesellschaft eingeführt: „Meine Damen und Herren! Ich stelle Ihnen HerrnZk. vor, der durchaus nicht so dumm ist, wie er aussieht." „Das ist eben der Unterschied zwischen uns Beiden," versetzte sogleich der Eingeführte. (Worin gleichen die Frauen den Lichtern?) Beide wollen geputzt sein und Beide leuchten, wenn sie geputzt sind. Putzt man sie jedoch zu stark dann gehen sie oft aus. (Eine gefühlvolle Seele.) Mein Mann ist doch eine recht gefühlvolle Seele! Wenn ich draußen im Hofe eine halbe Klafter Holz hacke, setzt er sich einen halben Tag hinter den Ofen und weint, weil ich so viel arbeiten muß. — (Ein Kenner.) Vor Gericht fragt der Präsident: „Sie haben einen Fußtritt auf die Schulter erhalten, und zwar des Nachts. Wie konnten Sie den Angreifer erkennen?" — „Ich kenne den Stiefelabsatz genau, ich bin sein Schuster." (Militärische Verwarnung.) „Kommt mir der Kerl morgen wieder mit so kurzgeschorenen Haaren, so lasse ich ihn auf drei Tage in's Loch stecken!" Räthsel. Es braust ein Reiter über's Gefilde weit, Sturm ist sein Roß, und Wasser sein Panzerkleid. Daß um das Haupt ihm blauer Helmschmuck walle, Das siehst Du nicht vor finsterer Locken Schwalle. Das aber siehst Du, wie sein Auge glüht Und durchs Visir die zorn'gen Flammen sprüht; Und seiner Stimme dröhnendes Erheben Macht auch den festen Erdengrund erbeben. Auflösung des Räthsels in Nr. 64: „Ares, Eros, Eris, Iris." Wt die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des» Literarischen Instituts von 0e. Max Huttler.