zur Nr. 68. > -rs - > Samstag, 25. August 1883. Der Schloßherr von Hnineck. Novelle von Joseph Grineau. (Nachdruck Verboten.) Schloß Haineck ist ein weit ausgedehnter, stattlicher Herrensitz. Es liegt auf einer mäßigen Hochfläche, abseits von der Verkehrstraße, von welcher eine lange und schnür» grade Allee hochschüssiger Pappeln abbiegt und nach dem Schlosse führt. Eine umfangreiche Blauer zieht sich darum und scheidet von den anschließenden Ackerfeldern Schloß und Park ab. Und eS ist dies ein prächtiger Park, voll tiefgrüner Einsamkeit und wildkrästigcr urwüchsiger Waldnatur, der unter seinen hochstämmigen grau- bemoosten Baumriesen die vollendetsten Exemplare der deutschen Waldbäume ausweist und in seinem Schatten tiefe, stille Weiher birgt, in denen sich Schilf und Binsen und überhängende Tannenzweige spiegeln. Das Schloß ist ein imposanter Prachtbau, in einem Style erbaut, der den Ueber- gang von der Renaissance zum Barockstil zeigt. Die stolze Fayade trägt reichen architektonische» Schmuck, ohne jedoch damit überladen zu sein; sie ist frei von allen den geschmacklosen Ausschreitungen, die fast als ein Charakteristicum jener Periode der Baukunst gelten. Sonnige, heitere Tage und glanzvolle Feste sind einst an Schloß Haineck vorüber gerauscht, als noch seine, stets heiterein Lebensgenüsse huldigenden Besitzer ihren festen Wohnsitz da hatten. Doch anders war es zu Beginn unserer Geschichte« Verhallt und verklungen waren die Töne, und traumhafte Stille lagerte auf dem einsamen Schlosse, in dem der gegen» wältige Besitzer, der junge Freiherr Rudolf von Haineck, der Einzige seines Stammes so selten weilte. Nur einmal im Jahre, wenn Maler Herbst mit seinem farbengesättigten Pinsel den Park streifte und den reichen Blätterschmuck in schillernde Gold- und Scharlachtinten taucht, dann erklang das Hüsthorn im weiten Schloßhofe und sein schmetternder Ruf weckte wie mit Zauberinacht ein buntbewegtes, lärmendes Treiben. ' Der Schloßherr kam dann mit einem ansehnlichen Gefolge jugendfroher Genossen, die mit ihm die Lust und Wonne des edlen Waidwerkes theilen wollten. Und wie einst in entschwundener Vergangenheit tönten die stolzen Hallen wieder von fröhlichen Klängen,' und neues, lusterfülltes Leben zog hinein! Doch nur wenige Wochen — und die lärmenden Gäste verschwanden, wie sie gekommen. Stille ward es wieder, traumhaft still! — Und langsam kam dann der Winter herangeschritten und breitete sein weißglänzendes Leichentuch über Schloß und Park, und sie ruhten versunken darin wie in tiefem märchenhaften Zauberschlaf. , Der wackere Castellan, dem der Schnee des Alters so glänzend vom Haupte leuchtete^ 538 saß dann an den langen Winterabenden behaglich in seinem großen Lehnstuhl neben dem riesigen Kachelofen und ließ sich sein Pfeifchen schmecken, während seine treue Lebensgefährtin das schnurrende Spinnrad drehte. Es war dann so überaus wohnlich und traulich in dem behaglich durchwärmten Zimmer, und die beiden kinderlosen Alten plauderten zusammen und vertieften sich in die Vergangenheit und in Erinnerungen an den guten seligen Herrn, oder sie sprachen von dem jungen Baron Rudolf und beklagten, daß der sogar selten und immer nur auf so kurze Zeit in dem Schlosse seiner Vater Einkehr hielte. Damals, als der alte Freiherr gestorben war, und Baron Nusolf, der als Offizier bei einem Reiterregiment« in der Hauptstadt stand, rasch seinen Abschied nahm, da glaubte man sicher, er werde sich nun, wie es sein Vater gewünscht auf lein schönes Familien- schloß zurückziehen und hier nach alter Väterweise seine Tage verbringen. Allein die Hoffnung zeigte sich balv als eine trügerische. Man gab sich in der Residenz alle Mühe, den glänzenden Cavalier, der der tonangebende Löwe der Salons war, festzuhalten. Und es war dies eine leichte Mühe; war es ihm doch unmöglich den Verkehr mit den flotten Kameraden zu entbehren, von einer Welt sich zu trennen, in der er eine so glänzende Rolle spielte, Gewohnheiten zu entsagen, die schon so tiefe Wurzeln n ihm gefaßt. Und er blieb, und hielt fest an seiner gewohnten Lebensweise, die für seine reich« beanlagte Natur keinen andern Zweck wußte, als die Kräfte zu zersplittern an nutzlosem Tand, das Leben zu vergeuden in leeren Nichtigkeiten. Doch machte er sich darob keine Vorwürfe. Er war ja schon zu sehr angekränkelt von der Anschauungsweise einer Gesellschaft, die so äußerst tolerant, selbst die schlimmsten Neigungen eines „Cavalier oomms i> kaut" als „noble Passionen" zu entschuldigen weiß. Anders jedoch dachte der alte, treue Diener des Hauses, dessen Erkennen ungetrübt geblieben. Er liebte seinen jungen, gnädigen Herrn von ganzem Herzen und tief bekümmerte es ihn, daß die edlen und fruchtverheißenden Blüthen, die an dem Lebensbaume desselben geprangt, von dem wilden Unkrauts böser Gewohnheiten ganz überwuchert wurden. Der Sommer war in's Land gezogen und hatte all' seinen Zauber und seine Pracht über den Park ausgegasten. Der Baron pflegte diese Zeit sonst stets in einem fashionablen Luxusbade zuzubringen; wie sehr erstaunte deshalb der Castellan, als er plötzlich einen Brief von seinem Herrn erhielt, in welchem dieser mit kurzen Worten befahl, Alles vorzubereiten, ihn in Begleitung eines alten Verwandten, des Generals von Horsten und dessen Tochter in einigen Tagen auf Schloß Haineck zu empfangen. Am bestimmten Tage wurde der Wagen zur nächsten Bahnstation geschickt, der wenige Stunden darauf mit den erwarteten Gästen rasselnd durch's Schloßthor einfuhr. Es war ein alter, hochgewachsener Herr, der zuerst ausstieg. Die stramme Haltung, der kühne, feste Blick und der stattliche graue Schnurrbart kennzeichneten den Militär, wenngleich die Kleidung eine bürgerliche war. Aber das martialische Gesicht mit den festen, wettergebräunten Zügen trug einen ungemein biederen und vertrauenerweckenden Ausdruck. Langsam sah er sich im weiten Schloßhofe um, dann flog sein Blick leuchtend, wie mit einem stummen Gruß über die lange Fensterreihe der Frontseite des Schlosses und seine Lippen murmelten endlich halblaut: „Nach vierzig Jahren wieder auf Haineckl Nach vierzig langen Jahren! Gott! welch' ein Unterschied zwischen dem Damals und Jetzt! Und was liegt Alles dazwischen! — Dich finde ich nicht mehr, alter, treuer Freund Haineck, mir den Willkommgruß zu bieten, doch dein Sohn spricht ihn mir heute." Wie verhaltene Rührung hatte es durch die Stimme des alten Herrn bei diesen Worten gezittert, und langsam fuhr er sich mit der Hand über die Augen. Plötzlich traf sein Blick den Castellan, der mit eutblöstem Haupte in ehrfurchtsvoller Haltung dastand. 839 „Ei, noch ein Bekannter aus alten Tagen!" rief der Herr lebhaft aus. „Grüß' Gott, Werner! Wie ist es Ihnen ergangen?" Und herablassend streckte er die Rechte aus, den allen Diener fröhlich zu begrüßen. „Excellenz erinnern Sie sich noch meiner?" fragte dieser, und die Freude über diese Thatsache rathete sein Antlitz. „Man wird doch seiner alten Jugendbekannten nicht vergessen", entgegnete leut« selig der General, „und zumal, wenn dieselben, wie die unsrigen, so sehr zusammengeschmolzen sind, dann freut man sich doppelt, wenn man einem begegnet." Unterdessen war der Schloßherr mit einer jungen und sehr schönen Dame näher , gekommen, der er galant den Arm geboten hatte. Sie war eine schlanke und elegante Gestalt; die frappante Familienähnlichkeit mit dem alten Herrn ließ sie sogleich als dessen Tochter erkennen. Es waren dieselben scharfgeschnittenen Züge mit dem Gepräge sicherer Festigkeit und edlen Kraftbewußtseins, dieselben klaren Augen, die so ruhig und fest bis auf den Grund der Seele zn blicken schienen. Mit Bewunderung blickten die Diener dem Paare nach, und man konnte in der That kaum ein schöneres sich denken, als die imponirende Männergestalt des Freiherrn mit dem schlanken und doch kräftigen Wüchse und die vornehme, sympathische Frauen- erscheinung, in deren Bewegungen sich Hoheit und Adel ausprägten. „Ja, vierzig Jahre sind eine lange Zeit", sagte der Castellan, nachdem die Herrschaften im Portale verschwunden waren. „Eine lange Zeit", wiederholte er sinnend, „und was machen sie für eine Veränderung! Hätt' ich doch in dem alten, grauen Herrn kaum wieder den schmucken, flotten Baron Horsten erkannt. Doch in der huldvollen Freundlichkeit ist er derselbe geblieben, die hat ihm die Zeit nicht nehmen können." „Sein Vater", erzählte er seiner Frau, „sein Vater und der Großvater unseres gnädigen Herrn waren Bruder; doch weil Baron Horsten früh elternlos geworden, ist er in Haineck mit dem seligen Herrn erzogen worden. Die beiden waren wie Brüder, ein Herz und eine Seele, und hat es daher dem seligen Herrn nicht wenig Leid gethan, als sein treuer Genosse in's Ausland ging und in britische Dienste trat. Er hat wohl oft geschrieben, wie es ihm ergehe — und es ist ihm sehr gut ergangen, hat es in seiner Cariöre zum General gebracht und eine reiche Tochter Albions geheirathet — allein nicht einmal hat er in der langen Zeit seine Heimath besucht, und jetzt kommt er endlich als alter Mann, aber der selige Herr sollte nicht mehr die Freude des Wiedersehens erleben." „Und die schöne, freundliche Dame ist seine Tochter?" sagte die Castellanin, „die wäre eine passende Gemahlin für unseren Herrn, wenn er endlich an eine Vermählung denken wollte. Dann kämen wohl auch die alten Zeiten für Schloß Haineck wieder." s »Ihr Frauensleute habt doch nichts als Heirathen im Kopf", unterbrach sie der Castellan, halb brummend, halb lachend, „doch diesmal, Alte, hast du einen Wunsch ausgesprochen, dem ich aus Herzensgründe beistimme." * Am Morgen des anderen Tages trat Baron Haineck früh hinaus in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch fast gar nicht geschlafen, und wenn er wirklich einmal ^ die Augen geschlossen, so hatten, ihn wirre Traumbilder immer,wieder aus dem Schlummer aufgeschreckt. i Denn eine seltsame Aufregung und Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, die sich / von dem Tage des Erscheinens seiner schönen Cousine aus England datirte. l Es war ein prächtiger Sommermorgen voll Duft und Glanz. Die Lerchen stiegen , jubelnd in das Aetherblau, und aus den Zweigen der Bäume erschallte der tausendstimmige Chor der gefiederten Sänger wie ein Lobgesang des Herrn. Auf den Rasenflächen, die in frischein Grün sich ausbreiteten, schimmerte diamantengleich der Thau, den die Strahlen der Sonne gierig aufsogen. Die rvarmgoldenen Lichttöne umflutheten die weißen Statuen, die esfectvoll im Parke aufgestellt waren, und spielten zitternd auf dem glänzenden Wasserspiegel des großen Schloßteiches, auf welchem in majestätischer Ruhe zwei stolze Schwäne ruderten. Aber die grellen Lichtreflexe thaten den müden Augen des Freiherrn wehe. Tiefer schritt er in den Park« dort, wo die dichtstehenden Waldbäume ihre mächtigen Aeste ausstreckten, da lockte so köstlicher Schatten her, dort war es so lauschig kühl und waldeinsam. Und er wandelte dahin auf thaufrischen Pfaden, als ihm plötzlich vom Rande eines kleinen Weihers ein Helles Kleid aus dem Laube entgegen leuchtete. Wer konnte das sein? Leise trat er näher. Auf einer primitiven Holzbank saß ruhig und regungslos seine schöne Cousine Edith, den Kopf an den Stamm einer hohen Tanne gelehnt, die Hände lässig im Schooße gefaltet. Der Freiherr stand still, und sein Blick ruhte voll leuchtender Bewunderung auf der ruhenden Mädchengestalt im Schatten, um deren flechtengekrönten Kops nur einige Streifleichter, die sich durch die Zweige stahlen, spielend tanzten. Sie schien ganz versenkt in den Zauber, den die Natur hier entfaltete, und ihre Sinne schienen gefesselt von dem reizenden, poesiegetränkten Waldidyll, das sich ihnen erschloß. Jenseits des hohen Staketes, welches den eigentlichen Wildpark — einen Park im Parke — umzäumte, graste friedlich ein Nudel Edelwild, und die schlanken, graziösen Thiere waren so nahe, daß man ihre schönen Augen hell glänzen sa. Oben aber in dein Blätterwerk der Bäume hielten kleine Waldvögclein zwitschernd Zwiesprache miteinander, und zwei muthwillige Eichhörnchen sprangen zierlich hüpfend von Ast zu Ast. Plötzlich wandte Edith den Kopf, und Baron Haineck trat näher. „Welche Ueberraschung, meine gnädigste Cousine", rief er mit warmem, freudigem Gruße, „ich glaubte Sie noch in tiefem Schlummer nach den Strapazen der gestrigen Reise, und statt dessen unternehmen Sie zu früher Morgenstunde schon Streifzüge durch den Park und berauben mich grausam des Vergnügens, Sie zuerst hier umher zu führen." „Es ist nicht meine Gewohnheit solche köstliche Morgen zu verschlafen", sagte Edith ruhig, „da lockt es mich hinaus in's Freie, denn zu dieser Stunde ist man mehr wie sonst empfänglich, die Schönheiten der Natur zu genießen und ruhig auf sich wirken zu lassen." „Dann finde ich wohl kaum Verzeihung, daß ich in diese weihevolle Stimmung hereinbreche", entgegnete der Freiherr. „Doch sehr freut es mich, daß Haineck soviel Gnade vor Ihren schönen Augen gefunden, daß Sie ihm einigen poetischen Reiz abzugewinnen vermögen." „Es ist schön hier", erwiderte Edith einfach, „nur nimmt es mich Wunder, daß der Eigenthümer selbst so wenig die Schönheit seines reizenden Besitzthums zu würdigen weiß und sein festes, dauerndes Heim hier nicht findet." Er zuckte die Achseln. „Wer mag sich, so lange er noch Lebenslust in sich pul- firen fühlt, in eine weltverschollene Einsamkeit begraben! Denn was nützt da alle Poesie der Natur, so ganz abgeschieden von der Gesellschaft, ist auch der schönste Flecken Erde nur eine Wüste. Da ich aber", fuhr er lachend fort, „wie meine Freunde sagen, „zum Bären" zwar einiges Talent habe, jedoch zum „Wüstenkönig" gar keines, so lebe ich lieber in der Welt, als daß ich mich hier durch Langeweile langsam tödten lasse." (Fortsetzung folgt.) 641 Zur Biographie des Ringes. Bon Klara Reichner. * Von allem äußerlichen Schmuck des Lebens — maa er so reich und glänzend als nur möglich sein — gleicht keiner wohl an Alter, und zugleich an Ticse der Bedeutung dem zuweilen ziemlich unscheinbaren Ringe. Auch der Gebrauch des Ringes ist ein so allgemeiner und beliebter von jeher gewesen, wie nickt leicht bei einem andern Zierrath es der Fall. Ob aus edelm oder uuedelem Metall geformt, ob an Fingern, Armen, Ohren, ob aus dem Kopfe, in den Haaren, an den Fußknöcheln oder Fußzehen, ja, ob sogar in der Nase getragen: er ist und bleibt ein treuer Freund und Genosse der ganzen Menichheit — antiken wie modernen — wenn er auch nicht immer und überall nach »wrgen- iändischer Sitte als Symbol der Treue betrachtet ward und wird. Der Ursprung des Ringes ist so alten Datums, daß er mit der alten Sage zusammenfällt: — die griechische Götterlehre wäre danach als die eigentliche Heimath und Wiege des Ringes zu betrachten. Als nämlich Prometheus das Feuer vom Himmel entwendet hatte, und zu seiner Strafe an einen Felsen geschmiedet worden war, suhlte endlich Zeus, der Göttervater selber, Mitleid mit dem Gefesselten, den er — dieser Regung folgend — nun zwar befreite, jedoch, zum Andenken an dessen Unthat und diese Edelthat, ihm einen Ring an den Finger steckte, den das Oberhaupt der Götter höchsteigeuhändig aus den eisernen Banden des Prometheus fertigte, und als Wahrzeichen und Zier- rath ein Stückchen von den: bewußten Felsen mit hineiusetzte. — Soweit die Sage und Mythologie der Griechen, während nach der Lesart der Juden der Ursprung des Ringes im Paradies bei Sta»:- inntter Frau Eva zu suchen wäre. Jedenfalls ist sicher, daß die Spur der ersten Ringe sich bis in's nebelgraue Alterthum zurück- verliert, und auf das Morgenland zurückzuführen ist. — Die Hebräer bedienten unter Andern: sich des Ringes schon mit Vorliebe; sie besaßen Fingerreise, aus verschiedenen: Metall gefertigt, und zu Kennzeichen verschiedener Rangklassen dienend, denn die Zahl, sowie die mehr oder mindere Kostbarkeit der Ringe, galten für die Inhaber als Beweise von größerer oder geringerer Vornehmheit. Auch Siegelringe wurden schon getragen, jedoch anderer Form als heut' zu Tage, weil man sie nicht nur mit den: Namen des Besitzers, sondern zugleich mir einen: Bibelsprüche zu versehen und sie an einen: Bande aus der Brust zu tragen pflegte, während die Frauen Reife aus Metall, Perlmutter, Elfenbein, Horn und dergleichen um Knöchel oder Oberarm als Zier benutzten. Dagegen waren die jetzt allgemeinen Ohrringe rwar schon bekannt und auch getragen bei den Juden, galten aber als Knecht- schastszeichen. Aus dem Morgenlandc kau: die Sitte Ringe zu tragen, dann zu den Griechen und durch diese zu den 'Römern — so bürgerte der Ring sich in Europa ein! — Bei den Griechen war der Ring ei» ganz besonders weihevolles Zeichen; er wurde dort zur letzten Gabe eines Sterbenden für Den, bei welchem er besonders sich die Erinnerung sichern wollte, und der Brauch reicht noch bis in die Gegenwart hinein, so schlug er Wurzel; auch zu»: Zeichen der Nachfolgerschaft ward der Ring gewählt, und in diesem Sinne als letztes Geschenk dem Betreffenden übergeben. Nicht minder geehrt wurde der Ring bei den Römern, wenn auch in anderer Weise. Bei ihnen galt zu Anfang der schlichte, eiserne Fiugerreif, so »»geziert er war, als ei» schmückendes Ehrenzeichen, das nur Ritter und Senatoren tragen durften, bis die goldenen Ringe Mode wurden, welche man als eine Art von Amtszeichen z. B. den Gesandten mit auf den Weg gab, die man in's Aus- land schickte. Allein die Zeit, in welcher der Ring eine so auserlesene Rolle spielte, verlor sich mit den: wachsenden Ueberflup der römischen Berhältuisse; der ursprüngliche Eisenreif ward nunmehr Privilegium der Plebejer, während der goldene überall unter den höheren Stände:: zu erblicken war, und auch als TapferkeitSbelohnnng für die Soldaten verwendet wurde, die ihn nicht nur au der Hand, sondern auch, wie eine Medaille, an: Brustpauzer trugen. Nach und nach wurde endlich der Gebrauch des Rings so allgemein, daß in der Kaijerzeit jeder freie Bürger das Recht hatte, ihn zu tragen. So kam es, daß die Ringe immer kostbarer wurden, und nicht nur durch Edelsteine verziert, sondern auch als Petschast dienten, indem diese Steine oft geschnitten — meist Köpfe von berühmten Personen — waren und förmliche Kunstwerke bildeten. Reiche Leute trugen damals schon viele Ringe an den Händen, ja, bisweilen zwei oder drei an jedem Finger, während sogar wohlhabende Bürger ihre „Sommer- und Winterringe" besaßen. — Daß die römischen Damen den Männern nicht nachstehen wollten, da, wo und wenn es galt, Pracht und Lurus zu entfalten, ist wohl klar, und so berichtet denn schon tadelnd der berühmte Scneka, daß die Römerinnen jener Zeit mit Ohrringen sich zu schmücken liebten, welche ganze Vermögen verschlangen. Die Ohrringe sind überhaupt von jeher mehr von Frauen als von Männern getragen worden, wenn auch — nach Plinius — in früheren Zeiten im Orient fast jeder Mann sich solcher bedient habe» soll, und wenn auch bei den Arabern die Sitte sich erhielt. Jedenfalls gab der Ohrring nicht nur den alten Römerinnen Gelegenheit, ihre Prachtliebe zu zeigen, — auch andere Frauen anderer Nationen haben ihnen nachgeeifert und thun dies zum Theil auch noch. So zum Verspiel schmücken d:e Frauen an der Küste von Malabar sich jetzt noch mit Ohrringen, von denen Jeder an — zwei Psund Gewicht hat! Weniger allgemein und beliebt als der Ohrring, ist natürlich der Nasenring geworden, welcher früher indessen größeren Beifall als gegenwärtig sich zu erfreuen hatte. Zur Zeit hat dieser sogenannte Schmuck nur noch seine Zufluchtsstätte an indische» Nasen gefunden, während er außerdem nur noch bei Gelegenheit des Zähmens wilder Thiere: Bären u. s. w. in Anwendung zu kommen pflegt. — Noch eigenthümlicher ist freilich die sonderbare Sitte, Lippen- oder gar Kinnringe zu tragen — Ersteres ist indischer, Letzteres Molukkengebrauch. Was die Arm- und Funringe anbelangt, so sind dieselben zum grünten Theil in der früheren Anordnung verschwunden. Unser heutiges Armband ist nur noch ein schwaches Ueberbleibsel von jenen einstige» Spangen und Reifen, mit denen man sich früher schmückte; — die indischen Bajaderen z. B. und auch Frauen anderer Orte, trugen alle Finger und Zehen mit Ringen überdeckt. Im Ganzen aber tritt uns doch die Wahrnehmung entgegen, daß der Ring in seiner verschiedenen Gestalt ursprünglich in eben solchem, ja noch höherem Grade das Eigenthum des Mannes gewesen, und nach und nach erst Privilegium der Frau geworden ist. — Die Egvpter benutzten goldene Ringe sogar als Münzen, während andere Völker deren von Eisen für denselben Zweck verwendeten. — Auch als Orden wurden früher goldene Ringe verwendet, so bei den Kriegern der alten berühmten afrikanischen Stadt Carthago, welche nach jedem Feldzug, au dem sie Theil genommen, von ihrem Feldherrn zum Andenken einen Ring bekamen, wie man später den Soldaten Tapserkeits- vder Erinnerungsmedaillen verlieh. — Als Hanmbal, der berühmte Feldherr der Carthager, die die Römer 216 in der Schlacht bei Caunä besiegt hatte, wurde von dem Senat zu Carthago ein ganzer Scheffel Ringe ausgeschüttet, als Symbol der Vernichtung des römischen Adels. Derselbe Hannibal trug in seinem Siegelringe Gift verborgen, als Schutz- und Erlösungsmittel etwaiger Ge- stmgenschaft; er machte auch wirklich im Jahre 183 v. Chr. seinem Leben, um sich vor schimpflicher Auslieferung an seine Feinde zu retten, mit diesem Gist ein Ende. Ein anderes Volk, die Peruaner, betrachtete Ringe wie Ordenszeichen, das heißt sonderbarerweise die Ohrringe. — Dagegen galt im Mittelalter der Ring aus edelem Metall, um Hals, Arm w er Bein, zuweilen auch um Arm und Bein, als Merkmal eines Gelübdes, das die Ritter thaten; — überhaupt war der Ring ein Symbol der Freiheit, Treue und Ehre. Unfreie dursten keine Ringe tragen — das Geschenk eines solchen seitens ihres Herrn bedeutete für sie die Freiheit. Und — sonderbarer Kontrast — während einerseits der Ring die höchsten Guter der Menschheit zu vertreten hat, diente und dient er andererseits zugleich als Zeichen von Gefangenschaft und Schande — wenigstens in seiner Form von Eisen, die doch ehedem so ehrenvoller Bedeutung — vorzüglich bei den Römern — sich erfreute. Nicht nur die Kette des Gefangenen besteht aus Eisenringen — auch der Verbrecher der Galeere ist an einen Eiseuring geschmiedet, und nach altdeutschem Brauch stand es auch den Gläubigern zu, dem Schuldner einen Ring von Eisen um den Arm zu legen, als sichtbaren Beweis von dessen Schuld und Haftbarkeit, den Jedermann erkennen konnte, damit der saumselige Zahler aus diese Weise stets ein Wahr- und Mahnzeichcn mit sich umherzutragen hatte, das er natürlich baldigst zu entfernen trachtete. Eine Art von Mischung dieser verschiedenen Bedeutungen findet sich bei dem altgermanischen Völkerstamm der Katten, welche von Jugend auf einen Eisenreis tragen mußten, bis sie durch irgend eine Heldenthat seiner sich entledigten. So war der Eiseuring für den Knaben das Natürliche, für den Jüngling ein Gegenstand, den er je eher je lieber los zu werden trachten mußte, und für den Mann ein demüthigendes Abzeichen von Unehre und Feigheit, — folglich findet man hier die verschiedenen Bedeutungen des Ringes trotz ihres anscheinenden Widerspruchs, dennoch zu einem Sinn vereinigt. Wie so es kommt, daß gerade der Ring nicht nur ein Gegenstand des Schmuckes in verschiedener Form geworden, sondern zugleich von jeher stets und überall durch eine tiefe Symbolik sich ausgezeichnet hat? Vielleicht liegt das zum Theil in seiner Form, die etwas in sich Geschlossenes, Abgeschlossenes, Vollendetes, die nicht Anfang und nicht Ende hat. Und diese geheimnißvolle, an die Ewigkeit gemahnende Form des Ringes spielt ja den Zauber ihrer Kraft bis in die grauen, schimmernden Lustgebilde der Märchen und Sagen hinein, wo der Besitz, das Geschenk, das Drehen so eines kostbaren oder gar Zauberringes bekanntlich eine große Rolle spielt; aber nicht nur Wunderdinge, auch Glück und Segen knüpfte sich oft an die Geschichte eines Ringes, der zum Familienkleiuod ward, oder sonst irgend eine tiefere Bedeutung für den Besitzer hat. Schon die alten Deutschen betrachteten den Ring als Mittel gegen allerlei Uebel des Leibes und der Seele, weil er sie durch seine Form an ein von ihnen als glückverheißend geschätztes Thier: die Schlange, erinnerte; ähnlich so war es auch bei den Juden, die in dem Ring nicht minder einen Talisman gegen Ungemach und ein Heilmittel erblickten. Die Römer gaben sehr viel darauf, Ringe von besiegten Feinden zu erhalten; so wurde z. B. der Kopf des Pompejus dem siegreichen Cäsar mit einem Siegelring im Mund Überfracht. — Bei der Investitur eines Bischofs erhält dieser vom Papste einen Ring, außer dem Hirtsn- stab, als Sinnbild, und als ehedem noch Venedig seine Dogen besaß, warf Jeder derselben am Himmelfahrtstage jeden Jahres einen Ring in's Meer, als Symbol seiner Vermählung mit dem Meere. — Die alten Skandinavier schwuren beini Ringe ihres Tempelgottes die feierlichsten Eide und gab man ehedem einem vertrauten Boten seinen Ring mit aus den Weg, so war dies ein untrügliches Zeichen für dessen Legitimation, und bei den Turnieren ward ost heiß und eifrig um den Ring einer Dame, der als Preis dem Sieger zuerkannt wurde, gestritten. Zur Zeit aber der Königin Elisabeth von England tauschten Liebende gar sonderbare Ringe aus, als Symbol der Treue, freilich nicht aus Metall bestehend, sondern nur durch ihre Form an einen Ring erinnernd, das heißt „Er" gab „Ihr" einen Ring aus Binsengeflecht, und „Sie" gab „Ihm" irgend einen Gegenstand — ein Band, ein 543 Tuch rc., das sie getragen, und welches er nun ringartig um den Hals oder das Gelenk der Hand sich schlang. Daß die Verlobung?- und Eheringe als Symbol der Liebe, Treue und der Ewigkeit meist am vierten Finger der rechten Hand getragen werden, ist ja allgemein bekannt; minder bekannt därite vielleicht das „Warum" sein- Weil nämlich beyauptet wird, daß von gerade diesem Finger eine Ad.r direkten Wegs zum Herzen sührt. — Einst bestanden die Verlobungsringe oitmals aus zwei Halsten, die bis zur Heirath von den beiden Verlobten getragen wurden, und erst bei Gelegenheit der Hochzeit zu einem ganzen Ring verbunden wurden, welchen formn die Frau zu tragen hatte; auch bestanden bei den Verlobungen die Ringe zuweilen halb aus Gold und halb aus Silber, während Eheringe häufig anstatt nur die Namen der Galten und allenfalls ein Datum innen zu tragen, wie dies jetzt der Fall ist, durch allerlei Inschriften nebst Herzen, verschlungenen Händen und dergleichen verziert waren. Noch im vorigen Jahrhundert galt der Ring als Vorrecht für die höheren Stände — jetzt hat dieses Privilegium aufgehört — wenigstens ist der Ring am Finger allgemein gebräuchlich bei allen Kulturvölkern, bei jedem Stand und Rang, ohne deshalb sei e tiefere Bedeutung zu verlieren, die er noch heut zu Tage besitzt, wie sonst kein anderer Schmuck des Menschen. Goldkörner. Es verräth kein gutes Herz, Treibst du mit dem Ernste Scherz. Leid' und meid'! Das lieble leide, das Böse meide, So wirst du siegen über beide! Geschehenes zum Besten wende, Das Schaden sich zum Nutzen ende. Die Gesunden und Kranken Haben ungleiche Gedanken! Der Kranke und der Gesunde habe» ungleiche Stunde. Gut Gewissen und armer Herd Ist mehr als alle Schätze werth. Bös' Gewisse», böser Gast, Hat nicht Ruhe hat nicht Rast. Gewonnen mit Ehr', Deß wird immer mehr. Fragen, lernen, lehren, Bringt Manchen zu Ehren. Wer in Frieden will walten, Muß leiden und stille halten. Vom Funken sängt das Feuer an, vom Feuer brennt das Haus, Versuchung ist zu böser That ein Funke; lösch' ihn aus! F. B eck. Mise-llen. („Nit luege, nit luegel") Von der Landesausstellung in Zürich wird folgende köstliche Geschichte erzählt: Ein Primarlehrer aus einem ziemlich entlegenen Dorfe hatte auch, wie viele seiner Collegen, den Weg nach Zürich genommen, um den 6 bis 10jährigen seiner Leitung anvertrauten Jüngelchen einen Begriff von der Größe, der Produktionskraft und dem Genie des Vaterlandes beizubringen. Aber leider war man spät angekommen; man hatte sich wahrscheinlich mit dem Gaffen bei den herrlichen Zuckerläden versäumt — kurz, es blieb zum Besuche der Ausstellung nur wenig Zeit mehr übrig. Um nun aber doch das Programm auszuführen, wurde die Schaar durch den Jndustriepalast geführt oder vielmehr gejagt, denn der Dorfpädagoge, die Uhr in der Hand, rief den Kindern beständig zu: „Nit luege, nit luege!" Und richtig, es gelang, man kam athemlos aus der Ausstellung heraus und noch rechtzeitig zur Bahn. Schweiß» triefend stieg die kleine Schaar ein, und tief aufathmend, stopfte sich der gewissenhafte Lekrer ein Pfeifchen. 544 (S p erl i n g s b ra t e n.) Unter der Überschrift „Sperlingsbraten" enthält die neueste Nummer der „Vogelwelt" einen sehr zu beherzigenden Aussatz. Im Anschluß an denselben wollen wir über den bereits gerichteten Sperling zwar nicht noch einmal zu Gerichte sitzen, ihn weder verdammen, noch vertheidigen, wollen aber doch seinem Nutzen — für die Küche einige Worte widmen. Dr. Schleh, eine bedeutende Kapazität in der Sperlingsfrage, giebt zwar zu, daß des Sperlings Schaden dessen Nutzen wohl übersteige, allein dies berechtige noch nicht zu einem völligen Vernichtungskriege, vielmehr sei der Versuch zu machen, den Schaden auf menschenwürdigere Art, als durch den die Landwirthschast schädigenden Ausrottungskampf zu paralpsiren. Dagegen empfehle sich eine vernünftige Kontrole über seine Vermehrung und die Neduktionsvornahme, besonders zur Zeit der Ernte, d. h. kurz vor oder nach derselben, mittelst Pulver und Blei. Aber während der Brutzeit ihn zu vernichten, sei verwerflich und nicht rationell; vielmehr müsse man, wie für Staare und Meisen an leicht zugänglichen Orten Brutkasten anlegen und die Jungen zur geeigneten Zeit ausheben. Dr. Schleh wendet sich dann an die Hausfrauen bezüglich der Zubereitung des Sperlings und möchte gern in den modernen Kochbüchern Rubriken finden über „geröstete Sperlinge, Sperlinge in Brotkrusten, Sperlingsbrüstchen mit Trüffeln, Sperlinge mit Reis u. a. in." Gekochte Sperlings geben bekanntlich eine überaus kräftige Suppe, auch gebraten oder als Ragout dienen sie als delikate Speise. So weit vr. Schleh. Sind, so müssen wir nunmehr fragen, wir denn nicht thöricht, wenn wir — die feine, wie die bürgerliche Küche, der Reiche wie der Taglöhner — dieses schätzenswerthe Naturgeschenk gleich einem Uebel noch länger verachten? Gewöhnen wir uns nur einmal daran, dann werden wir sicher den Genuß des jungen Sperlingfleisches nicht mehr meiden. Aber auch die älteren Sperlinge geben eine vorzüglich kräftige Suppe. Dabei soll sehr zu empfehlen sein, wie ein alter Spatzen- sreund wissen will, wenn man das rasche Garkochen derselben durch noch eine Messerspitze voll kalzinirte Soda unterstütze, und dann die gekochten Sperlinge wie Hülsen- srüchte durchschlage, wodurch eine feine, substanziöse, kräftige Suppe sich herstellen lasse. (Ein hübsches Künstler-Geschichtchen) wird aus Paris gemeldet. In einem der besuchtesten Cafös kam es zwischen einem Musiker und einem jungen Bankier zu einem Auftritt. Der Musiker — ein Konzert-Virtuose — sprang auf, riß sein Visitenkarten- portefeuille aus der Rocktasche und reichte dem Beleidiger eine Karte, die dieser mit großer Ruhe zu sich fleckte. Achtundvierzig Stunden später traf der Musiker den Finanzmann wieder auf der Straße. Er stürzte auf ihn zu: „Mein Herr, Sie haben mir noch nicht Genugthuung gegeben! . . ." „Im vollen Umfange entgegnets der junge Bankier; „Sie haben mir vorgestern ein Billet zu ihrem gestrigen Konzert gegeben, ich habe das Konzert besucht, Sie spielen gehört, was wollen Sie noch mehr?" Der Musiker wars dem Bankier einen wüthenden Blick zu und seinen Eifer verwünschend, der an der Verwechselung der Karten Schuld war schob er von dannen. (In der Menagerie.) Erster Schusterjunge: „Ne, nu ist er gar zu den Löwen m den Käfig gekrochen. Das ist Courage!" — Zweiter „Schusterjunge: „Ach, wa^ Courage! Hat sich was! Wenn meine Meesterin im Kasten stärke, ginge er nicht hinein.. Räthsel. (Für Lateiner.) Es flogen Silbe Eins und Zwei Geschleudert in die Weite; Nennt man die Silben Zwei und Drei, So denkt man an die Breite; Zur Höhe ragt das Ganze frei, Dem schönsten See zur Seite. Auflösung des Räthsess in Nr. 67: „Saalseid." , Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. —7 Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.