Nr. 69. 1883. M „Äiigsittirger postzeituirg." Mittwoch, 29. August Der Schloßherr von Dnineck. Novelle von Joseph Grinean. (Fortsetzung.) Edith sah ihren Vetter verwundert an, und leicht kräuselten sich ihre rothen, fein* geschnittenen Lippen: „Langeweile, das ist ein Wort, welches sich nur im Lexicon schlaffe* und kraftloser Naturen findet. Würde sich nicht genügende Beschäftigung hier bieten, um alle Langeweile zu verscheuchen?" „BeschäftigungI" Ter Freiherr schüttelte sich mit einer komischen Bewegung, und übermüthig erklang sein frisches Lacken. „Beschäftigung! Ich glaube, Cousinchen, Sie möchten mir die Rolle eines stillzusriedenen Krautjunkers vindiciren, der in erbaulicher Weltabaesäpedenheit mit Hacke und Spaten in der Hand seine Scholle bebaut." „Es ist nicht nöthig Hacke und Spaten in die Hand zu nehmen", entgegnete Edith ruhig; „es kommt nur darauf an, daß man seinen Platz richtig ausfüllt und in ernstem streben und nutzbringendem Wirken seine Aufgabe vollbringt." Nun, meinen Platz fülle ich ja aus", entgegnete er mit einem Anfluge von Selbst» bewußtsein. „Ich weiß, was ich als der einzige Repräsentant eines alten Stammes diesem schulde, und treu meinem Wahlspruche: vkUgsl" bin ich stets bestrebt, gewissenhaft meine Pflichten gegen die Gesellschaft zu erfüllen." Diesmal war es Edith, die über die Begriffsverwirrung ihres Vetters lachte, der in leerem, äußerem Tand seine Pflichten erkannte. Kopfschüttelnd erwiderte sie: „Unter der Gesellschaft verstehe ich nicht nur einen exclusiven Kreis hochgeborener Menschenkinder; nein, ich glaube die Gesellschaft, die unserer Hülfe am meisten bedarf, auf deren Wohl segensreich einzuwirken in unserer Macht liegt, das ist die Gesellschaft, gegen die wir Pflichten haben, und die zu vernachlässigen ein schweres Unrecht, eine Sünde ist." Baron Haineck biß sich aus die von einem hübschen, dunklen Bärtchen beschattete Oberlippe und wie verhalltener Aerger klang es durch seine Antwort, die er in etwas ironischem Tone gab: „Sie haben wunderbar ideale Ansichten vom Leben, Cousine. Schade nur, daß ich mich für diese Menschheit beglückungsvolle Ansicht absolut nicht eigene, und es auch durchaus nicht meinem Geschmack zusagt, mit meinen Bauern zu verkehren." Edith war aufgestanden, um in's Schloß zurückzukehren und ihrem Vater nach gewohnter Weise den Morgengruß zu bieten. Stumm und schweigend schritt der Freiherr neben ihr her. Er war unzufrieden mit sich, daß es ihm nie gelingen wollte, bei Edith mit dem Brillantfeuerwerk seines glänzenden Esprit Effekt zu machen, daß jede Unterhaltung mit ihr, vertieft durch ihre ernste Lebensauffassung «ine so eigene Richtung erhielt und ein« so neue Wendung nahm. Was war es doch, daß diese Cousine mit ihrer einfachen und schlichten Weise ihm, dem weltgewandten Manne den Boden des sicheren Selbstgefühles, auf dem er stets so fest gestanden, plötzlich wankend machte? 846 Wie leicht war es ihm stets gewesen ein Frauenherz zu gewinnen! Wie verheißungsvoll hatten ihm, der nicht nur für den begütertsten Edelmann des Landes, sondern auch für den schönsten Mann am Hofe galt, alle Blicke entgegsngestrahlt! Und hier diesen klaren, ruhigen Augen, die es ihm so wunderbar und eigen angethan, stand er machtlos gegenüber, und alle seine Künste versagten. „Sie ist freilich aus anderm Stoffe, wie die Anderen", sagte er sich seufzend, „aber sie ist kühl bis in's Herz hinein!" Und was war das für eine Idee, daß er hier sein Leben in tiefster Abgeschlossenheit zubringen sollte! Ja, wenn sie einwilligen wollte, ihm ganz zu gehören, dann hätten sie im Anfange hier leben wollen, nur sich und ihrem Glücke. Aber nur im Anfange, für immer ging das ja nicht, denn er müßte seine Gattin dann doch der Welt vorführen, und sie sollte sie bewundern und ihn beneiden. Doch wenn sie einwilligte; ja wenn! Dies waren die Gedanken, die den Freiherrn beschäftigten, und doch nahm Edith tieferen Antheil an ihm, als wie er ahnte. Ihr scharfer und sicherer Blick hatte ja die edlen Grundeigenschaften und Anlagen erkannt, die in seine Seele gepflanzt waren, aber es blieb ihr auch nicht verborgen, daß diese, wie Ranken, denen der Sturm die haltende Stütze entrissen, verkümmert und verwahrlost darnieder lagen. Und ernst dachte sie darüber nach, was geschehen müsse, um die schlummernden Kräfte in seiner Seele zu wecken und dieser einen neuen, kräftigen Aufschwung zu geben, der ihn erhebe aus den sumpfigen Niederungen seines Daseins zur freien Höhe eines ernsten, sittlichen Bewußtseins. Doch so sehr sie sich auch mit diesem Problem das Köpfchen zerbrach, so mußte sie doch nicht, wie sie die Lösung davon finden konnte. * * * Edith von Horsten war ein seltener Charakter. Sie war das einzige Kind ihrer Eltern gewesen, aber frühe schon hatte sie die Mutter verloren, und der General, dessen ganzes Herz an seiner Tochter hing, hatte ihr eine fast männliche Erziehung gegeben. Obgleich nun aber die Festigkeit des Wollens und besonnene Bestimmtheit des HandelnS, die sie dadurch erlangt, das Gepräge eines männlichen Charakters trugen, so hatte sie doch trotzdem Nichts eingebüßt von dem süßen und zarten Duft edler Weiblichkeit. Sie war emporgediehen in der Atmosphäre des Glaubens und der Religiosität» und in dieser Atmosphäre mußten ja alle edlen Anlagen zur schönsten und harmonischen Entfaltung gelangen. Edith's Mutter, die Tochter eines zur Mutterkirche zurückgekehrten Lord's, war von einer glühenden Begeisterung für die heilige Religion erfüllt gewesen. Diese Begeisterung und dazu einen großartigen Wohlthätigkeitssinn» dessen unablässiges Streben es war, Noth zu lindern, hatte Edith nebst anderen schönen Tugenden von ihrer Mutter ererbt. Und wie es ihr ein unabweisbares Bedürfniß war, diesem edlen Zuge ihres Herzens stets zu folgen, so hatte sie auch hier bald mit dem ihr eigenen scharfen Blick die traurigen materiellen Verhältnisse der Landbevölkerung erkannt und war mit Freuden bereit, so weit sie konnte, helfend einzugreifen. Sie berieth sich mit dem alten, würdigen Seelsorger der Gemeinde, und dieser hatte ihr hocherfreut als die Würdigsten der ihrer Unterstützung Bedürftigen, eine arme Forstlauferfamilie mit warmen Worten empfohlen. Es waren die fleißigsten und frömmsten Leute in der Gemeinde, die ihre zahlreichen Kinder in strenger Gottesfurcht erzogen, aber Krankheit war eingezogen in die sonst glückliche Hütte und hatte die brave Frau des Forstlaufers an's Schmerzenslager gefesselt und Kosten verursacht, welche zu bestreiten, das geringe Einkommen nicht ausreichte. DaS Hauswesen lag darnieder, seitdem die fleißigen Hände der Hausfrau nicht mehr 547 schafften und wirkten, und verwahrlost waren die Kinder und ohne Obhut, da der Dienst den Later tagsüber im Wald festhielt. Wenn Edith nun zu früher Morgenstunde durch die thaufrische Waldespracht wandelte, um in der kleinen Dorfkirche die heilige Messe zu hören, die sie ja nie versäumte, so unterließ sie es auch nie in die niedere, verwitterte Hütte am Waldessaum« einzukehren, wo jeder ihrer Besuche still gesegnet wurde. Sie schreckte nicht zurück vor dem Anblicke des nackten Elendes, den so viele zart besaitete Damen nicht ertragen können, und nicht hielt sie ihre feinen, weißen Hände für zu gut, den armen Kranken die niedrigsten Hülfeleistungen zu verrichten. Sie dachte ja nie an das eigene Ich, wenn es galt, für Andere zu sorgen, die ihrer Hülfe bedurften. Und die reinen Freuden, die ein schuldloses Herz am Wohlthun empfindet, gaben ihr einen inneren Frieden, der ihr ganzes Sein so wundersam durchleuchtete, und gleichkam einen stillen Glanz von ihr ausstrahlte, dessen Widerschein in das von Stürmen durchwühlte Herz des Freiherrn wie eine linde Erquickung fiel, daß ihm in ihrer Nähe ein Gefühl überkam, das er nie gekannt hatte. Nur eine Frage, die er sich immer und immer wieder vorlegte, ob auch er wohl wärniere Empfindungen, wie bloße verwandtschaftliche Gefühle in Edith's Seele geweckt habe, konnte er sich nicht beantworten; stets behandelte sie ihn mit der gleichen ruhigen Freundlichkeit und edlen Milde, der auch der leiseste Schein von Koketterie fremd war. Und sie waren viel zusammen die beiden jungen Leute. Oft musicirten sie zusammen, und der Freiherr, der eine bedeutende musikalische Begabung besaß, begleitete Edith auf dem Clavier, wenn sie mit ihrer glockenreinen Stimme, die von einer seltenen Klangschönheit war, mit seelenvollem Ausdrucke ein englisches Lied sang. Oder sie unternahmen auf des Freiherrn prächtigen Nacepferden einen Ritt, wobei sich Edith als eine so tüchtige Reiterin zeigte, daß der ehemalige Reiteroffizier die Segel vor ihr strich. Der General, der von heftigen Gichtanfällen geplagt wurde, mußte zu seinem Bedauern fast meistens das Haus hüten. So stand er denn auch jetzt wieder am Fenster und sah den Beide» nach, wie sie galoppircnd durch das Schloßthor sprengten, und mit sichtbarem Wohlgefallen folgte sein Blick dem schönen Paare. Wie weckte dieser Anblick das Gedächtniß an seine eigene Jugendzeit, wo er und des Freiherrn Vater, zwei fröhliche Genossen, voll überschäumender Jugendlust dahin gesprengt, und die Bilder der Vergangenheit stiegen herauf, golden verklärt vom Strahle der Erinnerung. „Ja, Rudolf ist das treue Abbild seines Vaters", sagte er leise zu sich. „Meine ich doch, ich sähe den Alten, der geradeso stolz, ein Bild des schönsten Ebenmaßes, zu Rosse saß. Aber mein alter Freund war thatkräftiger und entschiedener, und Rudolf kommt mir oft für einen jungen Mann in des Lebens Blüthetagen merkwürdig schlaff vor. — „Was will das heißen", fuhr er kopfschüttelnd fort, indem er finster die buschigen Brauen zusammenzog, „Alles in die Hände des Jnspectors zu legen und um die rationelle Wirthschaft sich gar nicht zu kümmern! Einen sicheren Ueberblick muß man doch stets über sein eigenes Terrain haben, aber für Rudolf scheint mir das Gebiet der Land- nnrthschaft torra inovInitu zu sein." * * * Die beiden jungen Leute jagten in scharfem Trabe dahin durch Felder und Fluren. Edith sah frischer und reizender wie je aus. Das dunkle, knappsitzende Neitcostüm hob vortheilhaft ihre Schönheit; ihre sonst etwas bleichen Wangen leuchteten in lebhaftem Jncarnat, und ihre Augen strahlten voll Jugendlust. Der Freiherr zeigte mit der Reitgerte über die wogenden Kornfelder, die sich rings in gesegneter Fülle dehnten; Alles, soweit man überschauen konnte, bis an den blauen Saum der Waldungen, gehörte zu seinem Besitz. 548 Welch' ei» weites Meer von Halme»!" sagte Edith staunend. »Hier so reicher Ueberfluß und dort unten so bittergefühlte Armuth!" Und sie deutete mit der Hand nach der zum Flusse absteigenden Thalsenkung, wo aus der feuchten Niederung ein Komplex elender, mit armseligen Strohdächern gedeckter Hütte» heraufblickte. „Haben Sir nie darüber nachgedacht, Vetter!", fuhr sie mit einem fragenden Ausblick zu diesem fort, „wie nahe die Kontraste hier liegen? Hat es Sie nie gedrängt von Ihrem Ueberflusse etwas an senrn traurigen Mangel abzutreten?" Der Freiherr runzelte die Stirn. „Sie verschwenden Ihr Mitleid an ein Volk, das es nicht verdient. Dieses Gesinde!, das nicht einmal meine Forsten respectirt, hat jedenfalls seine Nothlage selbst verschuldet." „Aber, wenn Sie die Bittstellerin machen", fuhr er mit einem warmen Blicke fort, „so will ich ja gern meinet! Jnspector anweisen, mit einer ansehnlichen Summe jenen Leuten unter die Arme zu greifen." Edith schüttelte den Kopf. „Damit ist es nicht gethan", «ntgegnete sie rasch. „Sie müssen andere Mitte! ergreifen, um die Existenz diesen Leute besser zu gestalten. Können Sie nicht diese schlechten Wohnungen verbester»? Können Sie nicht Jedem ein kleines Stück guten Feldes zur eigenen Bebauung anweisen? O, glauben Sie, dieses würde gute Früchte bringen, es würde zugleich von sittlicher Förderung auf die Armen sein, wenn dieselben Ihre liebevolle Fürsorge erkennen würden." „Ergreifen Sie diese Ausgabe!" fuhr sie dringend fort, dem Baron ihr schönes Gesicht voll zuwendend, „Wohlthäter der Menschheit zu sein, ist ja die schönste, die segensreichste Aufgabe." Mit ungewöhnlicher Wärme und Begeisterung hatte sie die letzten Wort« gesprochen, daß es den Freiherrn wie ein heimlicher Wonneschauer überkam. „Edith", sagte er plötzlich, indem er sein Pferd dicht an ihre Seite treten ließ und seinen Blick tief und voll in ihr leuchtendes Auge senkte; „Edith, es scheint der Beruf Ihres edlen Herzens zu fein, überall Noth zu lindern und Menschen glücklich zu machen« o, so wenden Sie Ihr Mitleid auch mir zu, geben Sie mir das Glück, und geben Sie Werth und Inhalt einem Leben, das ohne Ihren Besitz unnütz und verloren ist." Erregt und leidenschaftlich klangen feine Worte durch die schwüle Stille des Spätnachmittags, und mit fieberhaft gespannter Erwartung beugte er sich vor, ihre Antwort zu vernehmen. Eine dunkle Blutwelle war in ihr Antlitz gestiegen und hatte es mit glühendem Scheine überfiammt. „Halten Sie ein, Vetter", sagte sie mit bebender Stimme, die sie vergebens zu ruhiger Festigkeit zu zwingen versuchte. „Sie sind von einer großen Selbsttäuschung befangen und halten für wahr, was die Aufwallung des Augenblickes Ihnen nur vorspiegelt. Weder für Sie noch für mich könnte ein Glück daraus werden, wenn wir unser Leben aneinander ketteten. Zu weit geht unsere beiderseitige Lebensanschauung auseinander; und so wenig, wie Sie den mit Ihnen verwachsenen Gewohnheiten zu entsagen wüßten, so unmöglich wäre es mir, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Nie können wir uns zu einem Bunde vereinigen, der die vollkommenste Uebereinstimmung verlangt." „Edith", bat er mit tiefflehendem Tone, „stoßen Sie mich nicht zurück in die un« befriedigende Leere meines Lebens! Warum sollte mir die Liebe zu Ihnen nicht auch die Kraft geben, mich zu Ihrer idealen Weltanschauung zu erschwingen?" „Nein", entgcgnrte sie mit einem leisen Tone von Traurigkeit, „wenn nicht aus höheren Rücksichten Ihre Kraft geweckt wird, wenn Sie nicht durch ernste Pflichterfüllung Ihrem Leben Werth und Inhalt zu geben vermögen, so würden Sie durch mich vergebens diese zu gewinnen suchen, und nie würden sich unsere Seelen finden in einer gemeinsamen Aufgabe.^ «Ist das Ihr letztes Wort, Edith?" fragte er, todtbleich geivarde». „Mein letztes." Sie warfen ihre Neffe herum, riud still und schweigend ritten sie nunmehr dem nahen Schlosse zu. (Schluß folgt.) Das MKirrihaL von Lshr bis AschMenburg. Von In-. Ludwig Herrmann. I. Von Lohr bis Wert heim. Der Main beschreibt von Lohr bis Afchassenburg in vielfachen Krümmungen einen weiten Bogen. Von Lohr zieht er in südlicher Richtung gegen Wcrtheim hin, strömt dann westlich gegen Miltenberg und wendet sich dort nach Norden, um Aschaffenburg zu erreichen. Durch diese weite süd-nördUche Windung umsäumt er den Spcssart. Die Entfernung von Lohr bis Aschassenburg beträgt in der Luftlinie nur 31 Kilometer die Länge der Mainstrccke von da bis dorthin aber 110 Kilometer. Das Mainthal von Lohr bis Aschaffenburg ist reich an herrlichen Landschaftsbildern und geschichtlichen Denkwürdigkeiten und ähnelt dem Nheinthal; auch hier sind mit Neben- geländen geschmückte Berge, stattliche Fürstenschlösser, pittoreske Burgruinen, altersgraue Abteien, am Fuße der Berge idyllische Dörfchen und Siädte mit Giebeldächern, Erkern und spihbogigen Kirchen. Das Nheinthal mit seinem majestätischen Strome und seinen zackigen Schieserselsen ist großartiger, das Maiuthal aber lieblicher. Seine Bundsandsteinberge haben eine sanfte, mehr wellenförmige Physiognomie, mehr abgerundet.« Konturen. Der größte Theil des Spessarts ist mit Bundsändstein bedeckt; auf dem humusreichen Boden dieser porösen, den Einflüsse» der Luft und des Wassers leicht zugänglichen Sandsleingebilde gedeiht die Eiche vortrefflich, besonders wenn sie, wie hier, meist mit Buchen untermijcht ist. Auch die das linke Mainuser begleitenden Berge des östliche» Odenwaldes gehören meist der Buntsandstein-Formation an und sind ebenfalls schön bewaldet. Die von den Sohlen bis zu den Gipfeln herauf mit den prachtvollsten Eichen und Buchen bewachsenen Berge mit ihren mannigfach gekrümmten Seitenthäler» bilden den Hauptschmuck unseres von Poesie, Sage und Geschichte mit einem unmuthigen Schleier umwobene» Mainthales. Einen so üppigen Waldschmuck haben die Berge des Nheinthals nicht. Im Jahre 1843 wurde in Würzburg eine Main-Dampfschiffsahrts-Gesellschast gegründet, welche 8 Dampfer baute, mit denen sie den Main von Bamberg bis Mainz besuhr. Dazu wurde das Mainthal viel von Engländern und Norddeutschen besucht« Leider löste sich im Jahre 1839 diese Gesellschaft wieder auf. Durch die vor zwei Jahren erfolgte Eröffnung der in die Aschaffenburg-Würzburger Bahn einmündenden Lohr-Wertheimer Bahn ist jetzt ein Theil des Maiuthals den Vergnügungsreisenden wieder zugänglich gemacht. Die 38 Kilometer lange Lohr-Wertheimer Bahn läuft längs des rechten Mainufers hin und hat fast an allen schönen Punkten Haltestalionen. Von Lohr an ziehen hohe, von unten bis oben hinauf in dichtem Laubschmuck prangende Berge links des linken Mainufers hin, viele Seitenthäler öffnen sich, aus denen da und dort Kirchthürme hervorlugen und uns ihre Glockengrüße über den Fluß herüber zusenden. Auf dem rechten Ufer treten anfänglich die Waldberge etwas zurück. Die erste Haltestation „Nodcnbach" breiet uns ein liebliches Bild; am rechten Ufer erblicken wir das von üppigen Fluren umgebene Dorf und das schöne Schloß und Hofgut des Freiherr» von Dalberg und gegenüber am linken Ufer das Dorf Pflochsbach. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Station „Neustadt". Das Dorf liegt am rechten Ufer innerhalb eines Halbkreises von Bergen. Hoch empor ragen die zwei viereckigen Thürme der ehemaligen Abteikirche. Am Ufer erscheinen ohne Dachstuhl die Umfassungsmauern der durch eine Feuersbrunst in den sechziger» Jahren zerstörten weitläufigen 550 Ableigebäude. Auf einer Anhöhe schaut aus Bäumen der Thurm der Dorfkirche heraus Am jenseitigen Ufer spiegelt sich das freundliche Dörfchen „Erlbach" im Main. Die Mönche der Abtei Neustavt waren die Pioniere der Kulturentwicklung in Ostsranken. Unter den Männern, die sicy von der kakedonischen Halbinsel bis zum hl. Boni- . facius, dem Apostel der Deutschen, begaben, befand sich auch der Burkard. Dieser zog mit einigen gottbegeisterter Gehülfen nach dem heidnischen Ostfranken, um dort die Leuchte des Christenthums anzuzünden. Im Waldesdickicht des Spessarts am Lohrbache. dort, wo jetzt der „Einsiedlerhof" steht, ließ er im Jahre 732 einige Zellen bauen und begann von hier das Werk der Mission. Pipin „der Kurze" räumte sväter den Misnonairen s in von da l'/z Stunden entferntes, am Main gelegenes Jagdschloß Nohrlaha zur Wohnung ein. Bin Karl dem Großen unterstützt, erbauten sie hier im Jahre 790 die große Benediktinerabtei Neustadt. Die Mönche zoaen junge Eingeborene an sich und bildeten sie zu Lehrern aus, die sie in das Land hinausschickten, nicht nur zur Ausbreitung des Christenthums und zur Milderung der rohen heidnischen Sitten, sondern auch um das Volk zu unterrichten und um ihm Anleitung zu geben zur Urbarmachung und besseren Bebauung des Bodens. Im Jahre 1803 wurde das Kloster säkularisirt, und seine großen Güter wurden dem Fürsten Löwenstein-Weitheim-Rosenbcrg übergeben. Dieser restaurirte die schöne, im Nundbogenstyl erbaute Abteikirche und legte auch einen Park an, der sich von hier bis „Rothenfels", der dritten Station, erstreckt. Auf steilen Roth- sandsteinfelsen ragt das Schloß „Rothenfels" mit seinen Thürmen über den mit Ringmauern umgebenen Marktflecken empor und schaut hinüber nach dem am linken Ufer liegenden Dorfe „Zimmern". Die Umgegend hat eine üppige Vegetation; allenthalben grüne Wiesen, Aehrenfelder, Obstgärten, da und dort Nebengelände rc. Von hier werden viele Buntsandsteinplatten ausgeführt. Das alte Bergschloß wurde 1148 von Marquard v. Grumbach, dem Schirmvogt der Abtei Neustadt, erbaut. Da Grumbach die Mönche furchtbar tyrannisirte, belehnte das Hochstift Würzburg die Grafen von Nieneck mit Nothen- fels und der Schirmvogtci Neustadt. Im Jahre 1631 wurde die Burg von den Schweden zerstört. Von ihr ist nur noch ein viereckiger Thurm und ein Mauerfragment vorhanden. Das neue Schloß hat das Hochstift im Jahre 1751 erbaut. Bis zur neuen Gerichts- orgauisation befand sich in ihm das königlich bayerische Landgericht. — Stromabwärts nimmt die Gegend wieder mehr den ernsten Waldcharakter an. Hier wird der Pfiff und das Brausen der vorüberrollenden Lokomotive von den Bergen zurückgeworfen; mehrfache Echo's beinerkte ich auch weiter unten an Stellen, wo die Berge nahe an das Gestade traten. Wir kommen zur vierten Station Hafenlohr. Das Dorf breitet sich mit seinen Häusern am rechten Ufer aus. Als ich hier im Juni vorüberfnhr, waren alle Häuser beflaggt und mit grünen Eichlaubkränzen geschmückt. Der auf der Firmungsreise begriffene Bischof von Würzburg wurde hier erwartet. In Hafenlohr stürzt sich der Waldbach „Hafenlohr" in den Main, auf ihm wird das Holz von den Bergen herab- geflößt. Die Höhen des ernsten Hafenlohrthals tragen die schönsten Waldungen des Spessarts, den Kern der Eichenvegetation; in den Bergfalten dort gelangt die Eiche zur herrlichsten Entwickelung. Hafenlohr ist der Stapelplatz des fürstlich Löwenstein'schen Holzes. Von hier werden jährlich etwa 24,000 Stere Brennholz und viele große Eich- stümme, sogenannte Holländerstämme, zum Schiff- und Brückenbau ausgeführt. Auf dem linken Ufer wurde im Dezember 1224 eine blutige Schlacht ausgekochten zwischen dem aufständischen altfränkischen Adel einerseits und den Mannen der Bischöfe von Würzburg und Mainz andererseits. Die Leichen von 13 altfränkischen Grafen und von vielen Rittern aus den edelsten ältesten Geschlechtern bedeckten die Wahlstatt. Die Erinnerung an diese „Mordschlacht" haftet noch im Volke; in stürmischen Dezember-Nächten will man Waffengeklirr, Stöhnen und Jammertöne hören, welche der Wind über den Main herübertrage. Die fünfte Haltestation ist „Markthcidenfeld". Das Handel- und gewerbe- 551 treibende Städtchen liegt aber am linken Ufer. Eine schöne rothsandsteinerne Brücke mit sieben stattlichen Bogen führt zu ihn, hinüber. Etwas unterhalb Marktheidenscld erblicken wir bereits in der Ferne am rechten Ufer auf einem vorspringenden hohen Berge aus den Bäumen Thürme und weiße Gebäude emporragen. Dies ist die ehemalige Augustiner Propstei „Tiefenstein". Leider fährt der Eisenbahnzug an diesem schönen Punkt vorüber, ohne anzuhalten. Die Propstei- gedäude sind mit herrlichen parkartigen Anlagen umgeben, die sich bis an das Gestade hinab erstrecken. Gegenüber am linken Ufer erscheint der große Marktflecken „Lengfurt", sich anlehnend an einen ganz mit Nebengeländen bedeckten Berg. Die im Jahre 1102 gegründete Probstei wurde 1803 fäkularisirt und dem fürstlichen Hause Löwenstein-Wert- Heim-Freudenberg überlassen. Der im Jahre 1852 verstorbene kunstsinnige Fürst Carl Friedrich wandelte das Kloster in ein Schloß um und verlegte hierher seine Residenz. Er war der Schöpfer des so schöne Partieen enthaltenden Parks. Fürst Wilhelm hat ein Palais in Karlsruhe, bringt aber meist die Sommermonate in Triefenstein zu. Die hochgelegene Schstoßterrasse gewährt eine freie, herrliche Umschau. Ein Saal des Schlosses enthält interessante alle Gobelintapeten; auf den mit der Hand gefertigten Blldern (Darstellungen aus dem alten Testament) treten die Gestalten plastisch und »och immer farbenfnsch hervor. Die im Rococostyl erbaute Klosterkirche ist mit guten Al-Fresko- Deckengemälden geschmückt. Bon Lengfurt ziehen auf beiden Ufern rebengrüne Berge stundenlang stromabwärts. Auf steilen Kalksteinfelsen des linken Ufers wächst der berühmte „Kaimut", welcher in guten Jahrgängen an Blume und Feuer den spanischen Weinen ähnelt. Wir kommen nun zur sechsten Station „Trennfeld". Das Dorf liegt malerisch dicht am rechten Ufer; gegenüber am linken Ufer ragt über dem Städtchen Homburg in schwindclnver Höhe auf einem grotesken Tuffsteinfelsen das alte Bergschloß „Hohen- burg" empor. Von der karolingischen Beste steht nur noch ein Theil der Ringmauer und ein Thurmsockel; die neue Beste und die in ihr stehenden Häuser wurden vom Hochstifte Würzburg aufgeführt. In den'. Tuffsteinfelsen finden sich viele Höhlen und ladhrinthische Gänge vor. Pipin der Kurze hatte dem hl. Burkard (seit 742 Bischof von Würzburg) für seine Missionäre auch in Homburg einige Häuser eingeräumt. Auf einer Reise von Würzburg nach Homburg im Jahr 753 erkrankte Burkard und starb in einer jenen Höhlen, welche dann zu seinem Andenken in eine Kapelle umgewandelt wurde. Unterhalb Homburg wendet sich, der Main mehr nach Westen. In dem Bestreben, die ihm im Wege stehenden Hindernisse zu beseitigen, hat er dort die äußeren Bedeckungen der linksseitigen Uferhöhcu abgenagt, so daß die weiße Kalkformation zu Tage tritt, welche gegen die hellgrünen Wiesen und Nebengelände und die fernen dunkelen Waldberge grell absticht. Bei dem Dorfe „Bettiugen" am linken Ufer beginnt das badische Gebiet. Hier macht der Main eine beinahe 2 Stunden lange Krümmung, die einen schroff in die Höhe steigenden, von der Sohle bis zum Gipfel dicht bewaldeten Berg von 3 Seiten umschließt, eine Art Landzunge bildet. Den Gipfel des Berges umgibt ein ringförmiger Graben, hinter welchen, sich ein Erdmall befindet — sicher eine allemannische Grenzwehr gegen das Vordringen der Römer. Vom Volke hat sie den Namen „Wetterburg" auch „Wettenburg" erhalten. Gräben und Wälle ohne jede Spur von Mauerwerk waren für das Volk ein geheimnißvolles Räthsel, dessen Lösung die Sage übernahm: Dort oben stand ehedem eine stattliche Ritterburg, welche wegen der grausamen Behandlungen der Armen seitens der Burgfrau während eines UngewitterS unter Donner und Blitz plötzlich in die Tiefe des Berges versank. Bei dem badischen Dorfe „Eichel" vollendet der Main seine Krümmung und strömt dann in einem Bogen Wertheim zu. Auf dem rechten Ufer erstrecken sich die Weinberge bis nach Kreuzwertheim. Bettingen fast gegenüber durchbohrt ein Tunnel den im Weg stehenden Berg. Bei der bald erreichten siebenten bayerischen Station „Kreuzwertheim" geht die Bahn wieder durch einen Tunnel, gelangt, nachdem sie auf einer Brücke den Main überschritten, auf das linke, badische User — am Ende der Brücke steht der gslb- rothe Greazpfahl—, tritt sogleich wieder in einen Tunnel, der sie durch den Schloßberg führt, überschreitet auf einer Brü e die Tauber und erreicht so den auf dem linken Tauberufer liegenden Wertheimer Bahnhof. Bon Wertheini im folgenden Artikel. Himmelsscha« in» Monat September. —Merkur H hat am 11. seinen g'.ohten östlichen Abstand von der Sonne und könnte am Abendhimmel kurze Zeit beoba cstet werden. Venus tz tritt als volle Scheibe vor die Sonne und geht deßhalb mit ihr auf und unter. Mars läuft in den Zwillingen gegen den Krebs vorwärts, geht nach 11 Uhr Abends in NO. aus und ist bei Eastor und Pvllux bis Tagesanbruch zu sehen. Am 25. steht er 6" nördlich vom Monde. Jupiter bewegt sich von den Zwillingen gegen den Krebs, geht in immer früheren Morgenstunden zuletzt gegen Mitternacht aus iu NO. Am 2Ü. steht er nördlich vom Monde. Von ferne» Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 29.; der zweite am 4. und 29.; der dritte am 27. Saturn A geht zwischen 8 Uhr >8 Min. und 6 Uhr 15 Min. Abends auf und steht am 21. n, rdlich vom Monde. Der Durch nesjer seiner Kugel beträgt 17, der seiner Ringoxen 43 und 19 Nogenselunden. Miscellen. (Sprichwörter.) Wer den Acker zu sehr düngt, bekommt Kraut statt Knollen. Wer seinen Acker bauet, der wird Brodes die Fülle haben. Wer seinen Acker brach liegen laßt, dem läuft Schaf- und Hornvieh darüber. Wer seinen Acker mit armer Leute Schweiß will düngen, dem wird er leine Segengarben bringen. Wer seinen Acker wohl baut, genießt sein auch wohl. Wer unfruchtbaren Acker baut, vergeblich nach der Ernte schaut. Wie der Acker, so das Getreide. Wie du den Acker wirst eggen, so wirb das Getreide sich legen. Auf einen solchen Acker gehört kein anderer Pflug. (Das verdient keine andere Vehandluugsweije.) Fremde Acker pflügen. (Seine Kräfte dem eigenen Wirkungskreise zu entziehen und damit in fremde Geschäftssphären eingreifen.) Aus dem Acker ist kein besserer Mist, als der an des Herren Schuhen ist. Das ist der beste Acker, den man eigen hat. Der Acker, den man mit silbernen Scharen pflügt, trägt goldene Früchte. Der Acker ist das Heu, die Wiese der Knecht. Der Acker spürt's schon, neu» man Weißrükensamen nur darüber trägt. Ein Acker, der mit Kalk gedüngt wird macht nur alte Leute reich. Ein Acker mutz den andern austragen. (Ein Nachbar soll dem andern zum Bestellen der Saat nie zum Einräumen der Früchte den Weg über seinen Acker öffnen, wenn auf andere Weise die Ab- und Zufuhr nicht möglich ist.) Ein Acker und Pflug, ein Wasser und Krug, durstige Leute und guter Wein, soll allzeit bei einander sein. (Wanders Spr.-Lex.) (Berechtigter Wunsch.) Photograph: „Wie wünschen Sie abgenommen zu werden, Brustbild oder Kniestück?" — Bäuerin: „Wenn's sein könnt', sollt der Kopf schon aucl dabei sein!" (Musterhafte Reinlichkeit.) Vater (stolz erzählend): „Ein reinliches Kind, mein kleiner Moritz; jede Woche geb' ich ä reines Handtuch, und wenn ich's weg- nehin', ist es noch so sauber wie zuvor." Auflösung des Räthsels in Nr. 68: „Pilatus." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarijchen Instituts von vr. Max Huttler.