Nr. 70. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitnng." Samstag, 1. September Der Schloßherr von Mineck. Novelle von Joseph Grineau. (Schluß.) Tags darauf hatte der Freiherr zu Ehren eines stattlichen Zehnenders, dessen Fährte der Forstlauser entdeckt, ein Treibjagen mit seinen Leuten veranstaltet; und frühe schon war er aufgebrochen mit seinen Hunden; er fühlte sich einer aufregenden Zerstreuung so sehr bedürftig. Edith machte ihren gewohnten Kirchgang. Sie sah um einen Ton bleicher, wie gewöhnlich aus, und schärfer ausgeprägt schien der charakteristische Züg von Festigkeit, der sich um ihren Mund zog. Sie vergaß nicht auf dem Rückwege in der kleinen Hütte am Waldrand einzukehren, wo die jubelnde Begrüßung der Kinder und der freudig dankbare Blick der Kranken ihr Herz erhob. Sie setzte sich an das Bett der Kranken, in deren Zustand eine Besserung eingetreten war — Dank der wohlthätigen Fürsorge Edith's — und liebevoll und tröstend redete sie zu ihr, als es plötzlich draußen laut wurde, und der Schall von gedämpften Stimmen und Männertritten hereindrang. „Was ist das?" fragte die Kranke, die sich im Bette aufgerichtet hatte. Edith trat an das niedrige, kleine Fenster, um hinauszusehen, aber sie mußte ihre ganze Kraft zusammenraffen, um nicht zu wanken, bei dem Anblick, der sich ihr darbot. Langsam und mit verstörten Mienen näherten sich der Hütte vier Männer, die mit behutsamer Vorsicht einen scheinbar leblosen und mit Blut befleckten Menschen trugen. Da öffnete sich die Stubenthüre und laut schreiend stürzte herein ein kleiner, flachs- haariger Bube. „O Gott! sie bringen den Vater, und er ist todt; er ist todt geschossen!" „Barmherziger Gott!" rief die Kranke mit einem markerschütternden Schrei, und dann legte sich ein wohlthätiger Schleier um ihre Sinne. Ein lautes Jammergeschrei stießen die Kinder aus, als jetzt die Männer leise herein- traten und den Bewußtlosen in die anstoßende Kammer trugen, wo sie ihn vorsichtig auf das Bett legten. Leise unv ernst berichtete dann der Wildmeister Edith, daß ein unvorsichtig ab« gefeuerter Schuß des Freiherrn den armen Forstlaufer in die Brust getroffen habe und vielleicht von todtbringender Wirkung gewesen sei. „Und wo ist der Freiherr?" fragte Edith, deren Herz still zu stehen drohte. „Er ist mit Sturmeseile auf seinem schnellsten Nenner fortgeritten, um selbst so rasch als möglich ärztliche Hülfe herbei zu schaffen. Und er mußte in der That mit Sturmeseile geritten sein, denn ehe es man für möglich gehalten hätte, kam er mit dem Arzte an und sprang von dem über und über mit Schweiß bedeckten Pferde. 654 In der Hausflur trat ihnen Edith entgegen. „Lebt er noch?" rief der Freiherr mit tonloser Stimme und seltsam verstörtem Aussehen. Edith bejahte. „Gott sei Dank!" rang es sich heiß aus der Tiefe seiner Brust und still folgte er Edith und dem Arzte in die kleine Stube. Da stand er nun, und vor seinen Augen entschleierte sich nun zum ersten Mals in den düstersten Farbentönen das Bild des Jammers und menschlichen Elendes, zum ersten Male sah er die grauenerregende Gestalt des Unglückes, und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen bei dem Anblicke eines Wehes, das durch seine Schuld hereingebrochen war. Und Edith? — Sie war überall, und hier zeigte sich erst im vollen Lichte die stille Kraft und ruhige Größe ihrer Seele. Fest und mit besonnener Ruhe stand sie inmitten dieses Jammers, der ihr doch so tief in die Seele schnitt, unermüdet helfend und tröstend. Sie war um die kranke Frau und richtete diese auf, sie beruhigte die laut weinen, den Kinder und forderte sie auf zum Gebete, sie unterstützte mit klarer Umsicht den Arzt und vollzog dessen Anordnungen, und sie träufelte milden Trost in die von den heftigsten Qualen und Selbstvorwürfen gefolterte Seele des Freiherrn. Der Arzt hatte die Wunde untersucht, und dieselbe an und für sich nicht lebens» gefährlich gesunden. Aber die Kugel mußte herausgeschnitten werden, und starkes Wund- fieber hatte sich eingestellt, das einen drohenden Charakter angenommen hatte.' -«- * * Lange, lange Tage schwebte der arme Forstlaufer in einem höchst gefährlichen Zustande, aber endlich siegte seine kräftige, unverdorbene Natur, und begann Langsam ihre Heilkraft zu üben. Es war eine schlimme Zeit gewesen für die braven Bewohner der Waldhütt«, und eine schlimme Zeit für Baron Haineck, eine Zeit voll Stunden der heftigsten Selbstanklagen und bittersten Geivissensqualcn, die seine Seele erschüttert und aufgewühlt bis in ihre Grundtiesen, aber auch voll Stunde» der stillen, inneren Einkehr bei sich, die ihn umgewandelt in einen anderen Menschen. Und als endlich der Arzt das Leben des Schwerverwundeten außer Gefahr erklärte, da war es, als ob eine drückende Zentnerlast von dem Gemüthe des Freiherrn gewälzt werde, und mit der wunderbaren Elastizität der Jugend richtete er sich wieder auf, ein neues Leben zu beginnen und die Kräfte zu üben, die so lange in ihm geschlummert und erst durch die unglückliche und doch so heilbringende Katastrophe geweckt worden waren. Niemand freute sich über die Wandlung mehr als Edith, der der Freiherr seit dem letzten verhängnißvollen Ritt mit der strengsten, gemessensten Zurückhaltung, doch zartesten Achtung gegenüber stand. „Sonderbar!" sagte sich wohl der alte General, wenn er die kühle Form des Verkehrens zwischen den beiden jungen Leuten beobachtete, „die beiden verstehen sich doch auch gar nicht, und aus meiner Lieblingsidee wird nichts. Und doch ist Rudolf ein guter Junge, und Keiner wäre »>ir als Schwiegersohn willkommener gewesen als wie der letzte Haineck." » * * Und so saßen denn die drei an einem schönen Abende schweigsam und träumerisch im Schlosse zusammen, als plötzlich der General das Schweigen unterbrach und in seiner Weise, die er gewohnt war, kurz und rasch Entschlüsse zu fassen, und auch auszuführen, jm bestimmten Tone sagte: „Edith, es ist Zeit, daß wir uns zum Rückmärsche rüsteir, für morgen habe ich unsere Abreise festgesetzt." 655 Betroffen fuhr der Freiherr bei dieser unerwarteten Mittheilung in die Höhe, und dringend bat er den General, doch noch länger unter seinem Dache zu weilen. „Nein, mein Junge", entgeguete der General entschieden, der Entschluß ist unabänderlich gefaßt. Auch sollst Du uns und der Gastfreundschaft nicht länger ein Opfer bringen, denn ich weiß recht gut, daß Du lieber Deine Zeit in einem Deiner Geschmacksrichtung mehr zusagenden Orte zubringen würdest, anstatt hier auf Haineck zu sitzen, wo Dich nur die Rücksicht für Deine Gäste festhält." „Sie irren", entgegnete der Baron ruhig, doch mit ernster Festigkeit, „ich werde Haineck nie mehr verlassen." „Nun, zu diesem Vorsätze gratulire ich Dir von Herzen!" rief treuherzig der General aus, indem er dem Freiherrn mit kräftigem Drucke die Hand schüttelte. „So gehört es sich für einen Haineck. Das Leben auf dein Lande bietet ja auch so viel Genuß, und immer mehr Reiz wirst Du ihm abzugewinnen lernen; vor Allem aber muß es von einer nutzbringenden Thätigkeit erfüllt sein, denn das ist ja der Kern des Daseins, das ohne diese nicht mehr wie eine hohle Nuß ist, mögen auch die Schalen noch so glatt und glänzend sein." „Auch ich gedenke meine alten Tage auf dem Lande- zu beschließen", fuhr nach einer kleinen Pause der General fort, nachdem er einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife gethan und mächtige Rauchwolken von sich blies. „Ich will deshalb gleich nach nieiner Ankunft in der Stadt Schritte zu dem Ankaufe eines kleinen Landgutes thun. Nicht wahr, Edith, damit bist Du auch einverstanden und ziehst es dem Leben in der Stadt gewiß vor." Edith fuhr in die Höhe. Wie ein Zug von Trauer und Weh war es über das schöne Gesicht gezogen, als der General so plötzlich und unerwartet die Abreise angekündigt, und dann hatte sie still und in sich gekehrt, wie versenkt in tiefes träumerisches Sinnen, dagesessen. Mit bescheidenem Tone, fast zögernd, bat sie der Freiherr, den letzten Abend noch einmal mit einem Liede zu verherrlichen, sie hatte ja seit langem nicht mehr gesungen» Sie erröthete flüchtig, doch dann setzte sie sich an's Klavier und begann lebhaft zu präludieren. Nie hatte sie mit solcher hinreißenden Wärme und Wahrheit des Gefühls gesungen, wie jetzt dieses schottische Lied, in dem das tiefe Weh des Abschiedes in so schwermuths» vollen und doch so süßen Klängen gewaltsam siuthete. Edith hatte geendet. Wie eine tiefinnerliche Gemüthsbewegung zuckte es in ihrem Antlitz, und rasch stand sie auf und trat hinaus auf den Balkon. Es war ein wunderschöner Sommerabend. Die weiche und blaue Lust war erfüllt von würzigen Waldesdüften, und zahllose Sterne flimmerten vom Himmel herab. Still und schweigend lag der Park, gehüllt in den magischen Nebelglanz des Mondes, der wiederstrahlte von den» Wasserspiegel des großen Schloßteiches und geisterbleich und gespenstisch die aufgestellten Statuen umwob. Aber das traumhafte» mondbeglänzte Naiurbild war nicht dazu angethan, weiche und träumerische Stimmungen zu verscheuchen, und Edith fühlte sich so seltsam bewegt, und eine Stimmung war plötzlich über sie gekommen, die ihrer thatkräftigen und entschlossenen Natur sonst ganz fremd war. War das wirklich eine Thräne, was so hell wie schimmernder Thau im Strahle des Mondes an ihrer Wimper glänzte und sich jetzt löste und langsam die Wange hernieder rann? — Sie hatte es nicht gehört, wie sich leise die Thüre hinter ihr geöffnet hatte. „Edith!" sagte da plötzlich eine tiefbewegte Stimme, bei deren Klang sie zusammen fuhr und sich hastig umwandte. „Bleiben Sie, Edith", bat der Freiherr, der leise hinter sie getreten war, mit ge- 556 dämpfter Stimme und flehendem Tone, „hören Sie noch einmal nur, was meine Seele mich Ihnen zu sagen drängt." Sie neigte leise das Haupt. „Edith, als Sie mir neulich die Nichtigkeit meines Lebens vorwarfen, da erkannte ich nicht die Wahrheit Ihrer Worte; war mein Sinn doch allzusehr betrübt und befangen; aber als dann durch meine Unvorsichtigkeit jenes große Unglück geschah, das Gottes Güte mir so wunderbar zum Heile gewendet und als ich mit Augen sah, was das Leben für Noth und Elend birgt, da fiel es wie ein Schleier von meinen Augen, und ich kam zur Erkenntniß und wurde mir bewußt, was für ein erbärmlicher Egoist ich bisher gewesen, wie ich das Leben vertrödelt im Jagen nach leeren Genüssen. „Aber", fuhr er mit entschlossenem Tone fort, „dahabe ich mir gelobt, ein anderes Leben aufzubauen, zu schaffen und zu wirken und den eitlen Weltsinn mit jeder Faser auszureißen. Ich will mir Ihre Achtung erringen, Edith, auf die ich jetzt freilich noch keinen Anspruch machen kann", fügte er traurig bei, „und wenn es mir gelungen ist, Ihnen die Beweise meiner geänderten Gesinnung zu geben — Edith, Sie scheiden morgen von hier, lassen Sie mir die einzige Hoffnung, daß ich dann noch einmal vor Sie treten darf mit der Frage, ob Sie die Hand mir reichen wollen zum ewigen Bunde für ein ernstes, der Pflicht geweihtes Leben." In leisem Flüstertöne, aber mit heißer Erregung hatte er diese Worts gesprochen. Nun schwieg er und eine Pause war entstanden, in der man nichts hörte als das melodische Plätschern eines Springquelles und das leise Rauschen in den Wipfeln der Bäume. „Edith, antworten Sie; wollen Sie mir diese Hoffnung morgen da lassen?" bat er noch einmal, und der Mond beleuchtete voll sein männlich schönes Gesicht, auf dem eine tiefe Bewegung zuckte. „Rudolf", sagte sie endlich, und ihre Stimme klang dabei wunderbar weich, „als ich vor Kurzem Ihre Werbung ablehnte, da geschah es mit traurigem und betrübtem Herzen, aber es mußte ja fein, weil da, wo die Lebensrichtungen so weit auseinander gingen, keine Vereinigung möglich war." „Heute, Rudolf", fuhr sie fort, und es war nicht nur der Strahl des Mondes, der ihr Gesicht so seltsam leuchten ließ, „heute sind diese Gegensätze, Gott sei Dank! gehoben und ausgeglichen durch Ihre ernste und demuthsvolle Sühne, und nicht brauch' ich zu warten auf Beweise — solch redliches Wollen genügt mir ja, es genügt, uns zu einigen zu gemeinsamem Vollbringen. „Edith!" — Es kam laut, stürmisch, jauchzend von seinen Lippen. Und „Vater gib uns Deinen Segen!" tönte es plötzlich jubelnd an das Ohr des alten General, der vor Ueberraschung und freudigem Staunen sprachlos da stand. „Meinen Segen", sagte er endlich, nachdem er sich gefaßt und gesammelt, tiefbewegt, und sein Auge glänzte feucht, „meinen Segen, ja den geb' ich Euch wit freudigem Vaterherzen, aber bittet auch vor Allem, den da Oben um den Seinen, denn nur auf dem Segen Gottes beruht ja einzig unser Glück und Heil. Das vergesset nie!" Und sie vergaßen es nicht. Sie erflehten den Segen des Herrn unablässig, und er ward ihnen in reicher Fülle. Der General aber hatte nicht nöthig gehabt, ein Landgut anzukaufen; da, wo ihm sein Lebensmorgen frisch und fonnverheißend aufgegangen war, auf Schloß Haineck neigte sich auch sein Abend, rosig angeglüht vom Strahle dankbarer pietätvoller Kindesliebe, in tiefem, süßem Frieden.; 557 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffenbirrg. Von 0r. Ludwig Herrmann. II. W e r t h e i m. Wertheim liegt am Einfluß der Tauber in den Main um den Fuß eines steilen Berges herum, auf welchem die Thürme einer großartigen Burgruine emporragen. Hinter diesem Berge ziehen von Osten und von Westen höhere, mit Gemälde gekrönte Berg« hin. Die Tauber theilt die Stadt in zwei durch eine Brücke verbundene Theile. Gegenüber auf dem rechten Mainufer liegt der bayerische Marktflecken Kreuzwertheim. Burg und Stadt find der Stammsitz des alten ostfränkischen Dynastengeschlechtes der Grafen von Wertheim. Urkundlich kommt zuerst im Jahre 1182 Graf Wolfram von Wertheim vor. Mit dem Tod des Grafen Michael III. im Jahre 1556 erlosch der Mannsstamm. Nun erhielt der Graf Ludwig Stollberg-Königstein, der Schwiegervater des Grafen Michael, die Grafschaft Wertheim. Durch die Vermählung seiner Tochter mit dem Grafen Ludwig von Löwenstein kam die Grafschaft in den Besitz dieses Hauses. Während des 30jährigen Krieges entstand des Glaubens halber Zwist und Fehde im Hause der Grafen. Das Haus Löwenstein-Wertheim theilte sich nun in zwei Hauptlinien, die Freudenbergische und die Nösenbergische. Die letztere wurde 1711, jene 1813 in den Fürstenstand erhoben. Die Freudenbergische Linie ist protestantisch und hat ihren Sitz in Wertheim, Kreuzwertheim und Tiefenstein, die Nösenbergische ist katholisch und residirt in dem Schlosse zu Klein-Heubach am linken Mainufcr. Die Wertheimer Schloßruine hat einen größeren Umfang, gewaltigere Massen und phantastischere Getrümmerhaufen als die Heidelberger Schloßruine, steht dieser aber an architektonischer Schönheit nach. Im Jahre 1634 wurde der ganze südliche Theil der Burg von den Kaiserlichen unter Oktavio Piccolomini in Trümmer geschossen. Die Breschen wurden nicht mehr ausgebessert, und die Grafen gaben das Bergschloß als Wohnsitz auf. Die ihrem Schicksal überlassene Burg zerfiel allmählich. Eigenthümer der Burgruine ist das fürstliche Gesammthaus Löwenstein-Wertheim. In neuerer Zeit wurde von diesem die Burgruine mit Garten-, Neben- und Gehölzanlagen umgeben, und es wurde Sorge getragen für die malerische Unterhaltung des noch stehenden Theiles. Für die Bewachung der Burg ist ein Kastellan aufgestellt, der in einem restaurirten Thurme wohnt. Der Bau der Burg gehört verschiedenen Bauperioden an, wie aus den verschiedene Baustyle ausweisenden Trümmern ersichtlich ist. Der älteste und noch ziemlich gut erhaltene Theil ist ein hoher viereckiger aus Wulstquadern erbauter Thurm von kolossaler Dicke. Er gehört dem XII. Jahrhundert an. Dies ist die Urform der Berg- schlösser jener Zeit, der alten oastra: umfangreiche, massive viereckige Thürme, zur Be- wohnung und zur Vertheidigung bestimmt. Ebenso gut erhalten wie dieser ist auf der Ostseite ein runder, ganz mit Epheu umsponnener Thurm; er hat den Namen „Zehnringthurm" erhalten, weil später rundum in das Mauerwerk 10 eiserne Ringe eingelassen wurden. Diese Ringe dienten wahrscheinlich dazu, Wollfäcke daranzuhängen zum Schutze gegen schwere Geschütze. Von dem der Tauber zugekehrten Schloßtheile, erbaut 1310 vom Grafen Rudolf, stehen noch die freundlich mit Grün durchwirkten Außenmauern mit den leeren Fensteröffnungen. Das Portal der im zierlichen Nenaissancestyl erbauten Schloßkapelle trägt die Jahreszahl 1562, von der Kapelle selbst ist nur noch der Giebel und ein Theil des Thurmes vorhanden. An einer Terrasse sah ich ein schönes gothisches Geländer. Ueber dem Burgeingang stehen zwei im Jahre 1745 erbaute Thürme, die durch Zwischengebäude miteinander verbunden sind. Sie enthalten die Archive der beiden fürstlichen Häuser. Fürstlicher Archivrath ist der rheinische Dichter Alexander Kaufmann, der Gemahl der gleichfalls auf poetischem Gebiet vortheilhaft bekannten Amara George Kaufmann. Zur Besichtigung der ganzen umfangreichen Schloßruine mit ihren vielen halbeingeflürzten Thürmen, Hallen, Ställen, Kellergewölben, Bastionen und Vormerken 558 brauchte ich über zwei Stunden. Die Aussicht von der Schloßterrasse und von den zwei gut erhaltenen Thürmen ist unbeschreiblich schön. Am Ausgang eines ganz mit Obstbäumen und Nebenterrassen bedeckten Thales mischt die Tauber ihre sanft dahingleitenden Fluthen mit denen des Mains. Dieser bildet hier eine breite Bucht, die wie ein kräuselnder See die Gestade umspült. Tief unten zieht sich die Stadt mit ihren Thürmen, Kirchen und Häusern dicht an ihrem Ufer hin. In der Ebene breiten sich Gärten mit Lusthäuschen, grüne Wiesen und wogende Kornfelder aus. Im Nordwesten erheben sich hohe Berge, die Gipfel bewaldet, die Hänge mit Traubenterrassen bebaut. Auf einem dieser Berge schaut aus den Bäumen ein Wartthurm heraus, der früher mit Wächtern besetzt war, welche das Bergschloß durch Zeichen vom Nahen eines Feindes in Kenntniß zu setzen hatten. Im Osten steigt die vom Main umgürtete düstere Wettsrburg empor. Gegenüber am rechten Mainuser erblicken wir Kreuzwertheim mit dem von Parkanlagen umgebenen fürstlichen Schlosse. Auch dort haben Bacchus und Ceres ihre Gaben verschwenderisch ausgeschüttet. Im Hintergründe taucht der dunkelbelaubte Spefsart auf und tritt da und dort bis nahe an die üppigen Fluren und Weinberge heran. Wertheim zählt 3500 Einwohner, unter diesen 2380 Protestanten. In dem rechts von der Tauber liegenden Theile sieht man viel« alte Häuser mit hohen Giebeldächern. Hier steht auch ein fürstliches Schloß, welches jetzt den Beamten des Fürsten zur Be- wohnung überlassen ist. Die im Jahre 1384 im gothischen Style erbaute Stadtkirche, jetzt protestantische Pfarrkirche, enthält viele Grabdenkmäler der Grafen von Wertheim; von diesen haben zwei großen Kunstwerth. Das eine stellt in rothem Sandstein den Grafen Johann I. (ch 1407) mit seinen beiden Frauen in Lebensgröße dar. Der Graf, eine reckenhafte Nittergestalt, im Kostüm des XV. Jahrhunderts mit Kettenpanzer, steht in der Mitte der zwei Frauen. Die Frauen sind von großer Schönheit und Anmuth und sehen einander ganz ähnlich; die eine schlägt sinnend die Augen nieder, die andere schaut zu dem Grafen empor, als ob sie sich an dem männlich schönen Antlitz ihres Gatten erfreue. Aus der ganzen Gruppe weht uns ein poetischer Hauch an, wir haben es wahrscheinlich nur mit Jdealgebilden zu thun. Die Sage, der Graf habe nach dem Tode seiner ersten vielgeliebten Gattin in Begleitung eines Knappen viele Länder durchwandert, bis er endlich eine jener ähnliche Jungfrau gefunden, schwebte wohl dem unbekannten Künstler vor. Das zweite, großartigere Denkmal aus weichem Tuffstein, im Nenaissancestyl von dem Bildhauer Johannes von Trarbach ausgeführt, stellt den Grafen Michael III. von Wertheim (ch 1556), dessen Gattin (ch 1606) und deren zweiten Gatten, den Grafen Philipp von Eberstein (ff 1589) dar. Die drei lebensgroßen Statuen stehen in drei überreich verzierten Nischen, welche durch eine auf vier Säulen ruhende Architektur gebildet werden. Oben schwebt Gott Vater und der auferstehende Christus, rechts der Glaube und Simson mit den Thorflügeln, links die Liebe und der von dem Walisisch an's Ufer geworfene Jonas. Zu den Füßen der Gräfin spielen zwei liebliche Kinder. Die drei ausdrucksvollen Köpfe sind hier wirkliche Porträts. Die Ornamentik zeugt von großer Kunstfertigkeit. Auf beiden Monumenten sind die Rüstungen, Gewänder und Wappen sehr fleißig und zierlich ausgearbeitet. Nahe bei der Kirche steht eine 1425 erbaute Kapelle, ein Muster edelster Gothik, aber im Innern durch die Umwandlung in ein Schulhaus verunstaltet. In dein Stadttheil links der Tauber sah ich viele stattliche, aus rothem Sandstein aufgeführte Gebäude, wie die katholische Kirche, das Gymnasium, das Amtshaus, die umfangreichen Gebäude des Bahnhofs der Lohr- Wertheimer und der Wertheim-Mergentheimer Bahn. Die badische Regierung hat auch hier den geistigen Interessen der Bevölkerung große Sorgfalt zugewendet; in der kleinen Stadt befinden sich ein mit guten Lehrkräften besetztes vollständiges Gymnasium, eine Gewerbeschule, eine höhere Töchterschule und mehrere vortreffliche Volksschulen. Deshalb herrscht hier durchgängig ein sehr anständiger Ton. Gegen Fremde sind die Wertheimer außerordentlich entgegenkommend und gefällig. Der Handel mit Wein, Obst, Getreide und rothen Sandsteinen ist nicht unbedeutend. Die Bevölkerung des angrenzenden Tauber- 559 — grundes ist mit Ausnahme der Dörfer „Niklashausen" und „Waldenhausen" *) katholisch und gibt bei den Wahlen meist den Ausschlag. Wer Werthem» besucht, versäume nicht, einen Ausflug zu machen nach der von» Grafen Wolfram v. Werthem» im XII. Jahrhundert gestifteten Cistercienser Abtei Bronnbach. Die Werthcim-Mergentheimer Bahn bringt ihn in 15 Alinuten dorthin^ Die im Jahre 1803 säkularisirte Abtei, jetzt eine Musterökonouiie des Fürsten von Löivenstein-Wertheim-Nosenberg, liegt wunderschön am User der Tauber. Sehr fehensmerth ist die in» byzantinischen Styl erbaute große Abteikirche mit Krypta» Kreuzgang und vielen Grabdenkmälern» *) Nur diese zwei Dörfer im Taubcrgrunde sind protestantisch. Goldkörner. Halt' dich rein, Bleib' gern allein, Mach' dich nicht gemein, Willst du in Ehren gehalten sein! Nicht alles Krumme macht man grad, Nicht ebnen läßt sich jeder Pfad. Wohl begonnen, Ist halb gewonnen. Eig'ner Herd Ist Goldes werth; Ist er auch arm, Hält er doch warm. Wer feinen Neider liebt, von Feinden Gutes spricht. Sag', ob ein Solcher nicht von Disteln Trauben bricht? Almofen reiche Zinsen trägt, Es wird im Himmel angelegt. Was hilft dir gut bedacht, Wenn's gut nicht ist gemacht. F. B e ck. Miseelilsn. (Die Stromschnellen des Niagara,) in denen der Kapitän Webb vor Kurzein verunglückte, will jetzt ein Amerikaner durchschwimmen. Er beabsichtigt zuerst einen Strohmann durch die Wasserhöhle zu schicken, um durch ihn Gelegenheit zu gewinnen, die Strömung rc. zu studiren. Vorläufig unterzieht sich der Wagehals einer Trainirung und schwimmt gegen die Fluth und in den Brandungen des Meeres. Uebrigens soll Kapitän Webb, wie jetzt verlautet, nicht der erste gewesen sein, welcher das ungeheure Wagniß unternahm, die Stromschnellen des Niagara zu durchschwimmen. Vielmehr wird erzählt, Webb habe schon drei Vorgänger gehabt. In den Vierziger- Jahren galt Dir. Füller, der Redakteur des zu Milwaukee erscheinenden „Daily Wiskonsin", als der beste und kühnste Schwimmer in der ganzen Union. Im Frühjahr 1819 besuchte er mit mehreren Freunden den Niagara, und sofort stieg in ihm der Gedanke auf, -ob es wohl möglich sei, die Wirbel am Fuße des Kataraktes zu durchschwimmen. Seine Freunde, die seine Alles in die Schanze schlagende Verwegenheit kannten, erklärten jeden derartigen Versuch für einen selbstmörderischen Frevel. Unentwegt aber richtete Füller an den Steuermann der Fähre, die den Verkehr mit dein kanadischen Ufer vermittelt, die Frage ob noch Niemand das Wagniß unternommen habe. „O, doch," antwortete der alte Charon. „Zwei englische Soldaten von Toronto." Wo gingen sie durch?" frgate Füller mit funkelnden Augen. „Dort!" erklärte der Fährmann und deutete eins Strecke stromaufwärts. Der Redakteur wandte sich an seine Freunde: „Soll sich ein Am erikaner nachsagen lassen, er habe weniger Kourage als so zwei englische Kommiß- brodschlucker l?" Ohne auf irgend einen weiteren Zuspruch zu hören, stelzte er »nit seine,» 560 — langen Beinen nach der bezeichneten Stelle hin, riß sich die Kleider vom Leibe und sprang in den Strom, der dort etwa tausend Fuß breit war. Schon in den nächsten Minuten sahen ihn seine erschrockenen Freunde mit den schäumenden Wirbel» kämpfen. Bald tauchte er auf — bald verschwand er — dann kam er abermals in die Höhe — um gleich darauf abermals unterzugehen. Aber der zähe Schwimmer hielt Stand und „faßt ihn der Strudel mit rasendem Toben — es war ihm zum Heil — er riß ihn nach oben". Halbtodt vor Ermattung erreichte der Tollkopf die kanadische Uferseite, wo ihn seine Freunde, die weiter unten die Fähre bestiegen hallen, in Empfang nahmen. Auch der Fährmann kani herbei. Mit echt amerikanischem Gleichmuth klopfte er dem keuchenden Redakteur auf die Schulter und sagte: „Habt Eure Sache gut gemacht, Sir, denn die zwei Engländer, von denen ich Euch sprach, sind unterwegs ersoffen." Ob es dieselbe Stelle der Stromschnelle war, in welcher Webb seinen Tod fand, geht aus diesem Bericht freilich nicht hervor; wahrscheinlich ist es nicht. (Splitter.) Wenn man hört, daß ein Mann eine gute Partie gemacht hat, so kann man ziemlich sicher überzeugt sein, daß die Frau eine schlechte gemacht hat. In der Krrpelte. Vollendet ist die Messe, der Priester im Talare Den beil'gcu Segen spendet, und wandelt vom Altare. Jung Walther kniet im Stahle, die Mutier ihm zur Linken r Zur letzten, tiefen Andacht die Beiden stumm versinke». Da wogt herauf zum Hase der Reiter wirr Gedränge; Es wiehern ihre Rasse, eS klirrt ihr Wehrgehäuge. Hell schmettert durch den Margen der Höruerrus zum Reiten, Und rauh zur Mahne preisend sie in die Bügel gl atm. Jung Walther sieht die Mutter erschrecken und erblassen, Er neigt sich zu ihr über, sie scheidend zu umfassen. Ihm quillt aus blankem Helme tue weiche dunkle Locke, Von Erz der schlichle Harnisch blitzt unterm Wafsenrocke; Das Schwert des todten Bakers umgürtet seine Leiche; Ans's Haupt, zur Erd' gebogen, die Matt r legt die Hände, Und senk t ihre Augen voll Wehmuth in d e seine», Es ringt ihr Mund uni's Lächeln, ihr Auge kann nur weinen. „An meiner Liebe Borne lrankst du des Lebens Morgen, Ich hab' in deine Seele mein ganzes Lei» geborgen! Mit unsichtbaren Fäden bin ich mit dir verkettet, Hab' alle meine Freuden in deine Brust gebettet! Du bist der Lenz der Rosen, die mir das Herz umflechten! Du Sonne meiner Tage, du Stern in meine» Rächten! Und nun von all' dein iet'gen, mir überbliebnen Glücke Bringt mir vielleicht ein Wandrer den Namen nur zurücke, Und nennt mir noch die Stätte, wo bleich du hingesunken, Uiid bringt i»ir eine Blume, die noch dein Blut getrunken I" — Da stillt ihr eine Thräne ani's Schwert des todten Gatten, Und aus dem Grabe steiget iei» theurer Heldmschatteu. Und all' die welke» Blumen, all' die erloschnen Sonnen Vor ihrer Seele tauchen aus der Erinnerung Bronnen. Vom Geist des Vaterlandes fühlt sie das Herz dnrchichauert, Das deutsche Weib frohlocket, ob auch die Mutter irauert. Hoch über Gram und Thränen hat sich ihr Muth geschwungen, Und eine deutsche Mutter hätt ihren Sohn umschtilngeii: „Zieh' hin, in Gottes Name», zum Sterben oder Leben! Mein Vaterland! ich hab' mich in dein Gebot ergeben! Wo wären deine Helden, wenn feig die Mütter wären? Ich will aus Gott vertrauen! Mein Auge las;' die Zähren!" Oscar v. Redwitz. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler.