»m ^Ängslmrger Postzeitung." 71. Mittwoch, 5 . September 1883. Der Gpalring. Ronian aus dem Englischen von E. C. (Nachdruck derdotm.) Erstes Capitel. Es war ein regnerischer Nachmittag, mit schneidendem Märzwinde; anscheinend hatten Winter und Frühling ihre unangenehmsten Eigenschaften vereinigt; der Himmel war in einförmig Grau gekleidet, die Straßen mit Koth bedeckt, von den Thoren und den überhängenden Schildern der Geschäftshäuser tropfte der Regen und bildete kleine Tümpel in den Unebenheiten des Pflasters. Die Polizisten sahen, ungeachtet ihrer Negenmäntel, durchnäßt aus und von jedem Regenschirme der wenigen Fußgänger strömten kleine Wasserfalle hernieder. Eine junge Dame wandte sich an einer Straßenecke um und winkte dem sich nahenden Omnibus. Der Kutscher bemerkte das Zeichen und hielt an. Die junge Dame nahm den noch freien Platz in der Nähe der Thüre ein, und der Omnibus rasselte weiter. Sie war ein schlankes, hübsches Mädchen von zweiundzwanzig Jahren, mit sanften, nußbraunen Augen und hellbraunem Haar; ihre Gesichtsfarbe war blaß und die feinen Züge nicht regelmäßig genug, um Anspruch auf Schönheit machen zu können. Die heruntergehenden Linien zur Seite des Mundes, sowie das leichte Zusammenziehen der gut geformten Stirne, zeugten von Traurigkeit oder auch vielleicht Ermüdung; denn ihr Kopf sank, gleich einer mit Thau bedeckten Blume, leicht zur Seite. Ihr einfacher Anzug bestand aus einem dunkelblauen Kleide und schwarzem Hute, sowie einem großen, grau wollenen Shawl, mit dicken Fransen. Gleichgültig betrachtete sie ihre Mitreisenden, bis endlich ihre Augen auf der letzten Person ihr gegenüber haften. Dieser, ein Mann von mittlerer Statur, mit dunkelbrauner Hautfarbe und schwarzem Haare, welches in festgedrehten Locken, einem Pfropfenzieher ähnlich, um seinen Kopf hing, hatte eine schmale Adlernase, die dünnen, breiten Lippen waren fortwährend in Bewegung und seine kleinen schwarzen Augen standen auffallend nahe zusammen. Er trug keinen Bart, und doch hätte man ihn nicht glatt rasirt nennen können, da die dunkeln Stoppeln in seinem Gesichte schon mehrere Tage alt zu sein schienen. Sein brauner Ueberzieher mit Pelzkragen sah sehr abgenutzt aus und vorne hing ein Knopf ganz lose daran. An den Handschuhen blickten die Finger durch, und auch sein Hut schien bessere Zeiten gekannt zu haben. Im Ganzen machte er den Eindruck eines Landstreichers. Jetzt vertiefte sich tue Hand oes kleinen Mannes in eine Seitentasche des Rockes und holte ern Notizbuch hervor; dann suchte er von Neuem nach einem Bleistifte» und da dieser keine Spitze hatte, zog er, nachdem er sich vorher seiner Handschuhe entledigt, ein Feldmesser heraus. Die junge Dame bemerkte, daß er an dem kleinen Finger seiner nicht besonders reinlichen, braunen Hand einen anscheinend' werthvollen antiken Ring trug. Ein prachtvoller Opal bildete den Mittelpunkt desselben, und diesen umgaben mehrere kleine Edelsteine. Es war ein eigenthümlicher Ring, den man, einmal gesehen, leicht wieder erkennen konnte. Nachdem der kleine Mann in seinem Notizbuche einige Zeit herumgeblättert hatte, sing er emsig an zu schreiben, dann blickte er wieder durch das Fenster der Wagenthüre und steckte eiligst sein Buch ein. Während er damit beschäftigt war, fiel der Regenschirm, welchen er zwischen den Knieen gehalten, gegen das Kleid der jungen Dame. „Bitte sehr um Entschuldigung", sagte er mit ausländischem Accent und streckte seine Hand nach dem Schirme aus. Aber dieser hatte sich in den schweren Fransen des Shwals verwickelt. Das Mädchen bemühte sich, ihn los zu machen, aber der Mann war behender als sie, seine Hände schienen an solche gewandte, flinke Arbeit gewöhnt zu sein. Nun rief er den Condukteur, raffte seine Handschuh zusammen und stieg aus. Sie blickte ihm neugierig nach, wohin er wohl gehe. Er öffnete seinen Regenschirm nicht, sondern lief eiligst guer über die Straße und schellte an der Nebenthüre eines großen Porzellangeschäftes. Sie bemerkte nicht, ob er eingelassen wurde, denn der Omnibus rollte vorwärts, und sie verlor ihn aus dem Gesichte. Es begann dunkel zu werden; der Regen floß noch in Strömen, als der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht hatte, und die junge Dame ausstieg. Sie mußte noch zehn Minuten zu Fuß zurücklegen und eilte durch Sturm und Regen muthig vorwärts. Ihr Weg führte sie bald in eine enge Straße an armseligen Häusern vorbei, bis sie endlich ein kleines Thor erreichte; dieses öffnend, durchschritt sie ein hübsches Gärtchen und langte dann in ihrer Wohnung an. Doch hier änderte sich plötzlich die Scene. Ein behagliches, häusliches Bild bot sich ihr dar, so recht ein Gegensatz zu dem trüben, nassen Wetter da draußen. Im Kamine flackerte ein lustiges Feuer; rothe Gardinen verhüllten die Fenster, auf dem Tische brannte die Lampe und erleuchtete das blendendweiße Damastgedeck mit dem darauf zurecht gestellten chinesischen Theeservice, während der singende Wasserkessel, das frische Brod, der Schinken, die Butter und ein Glas Johannisbeeren-Gels zur nöthigen Erfrischung einluden. Vor dem Theebrette saß eine hübsche, freundliche Dame von fünfundvierzig Jahren, mit blühender Gesichtsfarbe und noch glänzendem, üppigem Haare; in der Nähe des Kamins hatte eine jüngere Dame auf einem niedrigen Schemel Platz genommen. „Du kommst heut spät zurück, Bertha", sagte die Aeltere zu der eben Herein- tretenden. „Ja, Mama, spät und naß und müde", entgegnete Bertha. „Ich will eben hingehen und meine Sachen ablegen und Dir dann erzählen, was ich den Tag über angefangen habe. „So eile Dich, wir haben schon eine halbe Stunde mit dem Thee auf Dich gewartet. Was hast Du dort Glänzendes in den Fransen hängen?" fügte die .Mutter hinzu, als Bertha sich umwandte, um das Zimmer zu verlassen. „Etwas Glänzendes?" frug diese und untersuchte ihren Shwal. Ein Ausruf der Ueberraschung, fast des Schreckens, entschlüpfte ihr. Dort in den Fransen hing der Opalring, welchen sie an der Hand ihres Gegenübers im Omnibusse erblickt hatte» Mit großer Hast machte sie ihn los; es war unverkennbar derselbe Ring. „O Mama, was soll ich anfangen!" rief sie. Im ersten Schrecken kam eS ihr vor, als ob sie sich augenblicklich ivieder hinaus in das fürchterliche Wetter begeben müsse, um den Eigenthümer des Ringes aufzusuchen. „Ein Mann, welcher mir gegenüber im Omnibus saß, trug diesen Ring. Sein Regenschirm fiel gegen meine Kniee, ehe er aussteigen wollte, und indem er ihn nahm, muß der Ring sich in die Fransen verwickelt haben. Was soll ich nun machen?" „Du hast keine Ursache so bestürzt darüber zu fein", sagte die junge Dame, welche 563 am Kamin gesessen und die jetzt hinzutrat, um den Ring in Augenschein zu nehmen. Du wirst doch nicht deshalb des Diebstahls beschuldigt werden können." Auch die Mutter erhob sich, ganz aufgeregt über diesen merkwürdigen Zufall. „Zeige ihn mir einmal", sagte sie, „und — um's Himmelwillen, Kind, wie naß Du bist! Lause nur rasch hinaus und wechsele Deine Kleider, heute Abend kannst Du in keinem Falle mehr ausgehen." Bertha zögerte noch einige Augenblicke. „Nein, heute Abend wird es nicht mehr möglich sein. Es war ein sonderbar aussehender Mann, daß meine Neugierde erregt wurde, und ich ihm nachblickte, um zu sehen, in welches Haus er sich begebe. Vermuthlich wird es morgen auch noch früh genug sein.", „Natürlich", bestätigte Mrs. Dalton. „Jetzt gehe augenblicklich und kleide Dich um, Du wirst Dich noch zu Tode erkälten." „Ich wartete einige Zeit bei Miß Beaumont in der Hoffnung, oaß das Wetter sich aufklären würde", entgegnete Bertha, ihrer Mutter den Ring hinreichend. „Hah ich bin so naß wie eine Katze", und beim Hinauslaufen rief siel „Bitte, setze den Thee an, Mama." Als sie wieder herunterkam, war der Thee fertig; die jüngere Dame hatte mit dem Nucken gegen den Kamin Platz genommen und amüsirte sich damit, den Ring fortwährend an den Finger zu stecken und wieder auszuziehen. Sie war sehr schön; ihre Züge waren klassisch in ihrer Regelmäßigkeit; die braunen Augen, von langen Wimpern beschattet, bildeten ebenso wie die schön gezeichneten Augenbrauen einen überraschenden Contrast zu ihrem goldenen Haare; ihr blendendweißer Teint wurde noch durch die Räthe der Wangen und Lippen gehoben. Sie hatte eine große, schlanke Gestalt und ihre Bewegungen trugen den Stempel träger Anmuth, welcher mit dem ruhigen, theilnahmlosen Ausdrucke des schönen Gesichtes vollständig harmonirte. „ES scheint ein sehr werthvoller Nina zu sein", sagte Mrs. Dalton, als Bertha am Tische Platz nahm. „O, ich wollte, er wäre mein", seufzte Madelina oder Lena, wie man sie zu nennen pflegte, und von Neuein steckte sie den Ring an den Finger und betrachtete mit Bewunderung die gut geformte Hand. „Das ist ein vergeblicher Wunsch", entgegnete Bertha. „Sobald ich morgen bei Miß Paget fertig bin, werde ich zu dem Hause hingehen, wo der Mann schellte, und dort Erkundigungen einziehen. Wie froh bin ich, daß ich das doch zufällig gesehen habe." Nachdem sie ihren Hunger gestillt, betrachtete sie den Ring genauer. Um den Opal, der zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, befanden sich fünf kleinere Steine in Form eines Hufeisens und unter diesen ein winziges goldenes Herz. Die Fassung war ein wahres Kunstwerk und dem Style nach zu urtheilen, Jahrhunderte alt. Es schien ein Familienerbstück zu sein. „Vermuthlich bilden diese Steine einen Namen", fuhr Bertha fort, „da die Wahl derselben so seltsam ist; sieh' dieser zweite ist ein Stück Jaspis. Der erste ist der Opal, dann kommt Jaspis, Diamant, Emerald*) und Saphir." „O. I. D. E. S." buchstabirte Lena. „Das ist Unsinn." „Halt", entgegnete Bertha. „Wird der Opal nicht zuweilen auch feuriger Stein genannt 2 Dann wäre der erste Buchstabe F. Ich habe es — F. I. D. E. S. — Fides, ohne Zweifel. Ich möchte wohl wetten, daß es ein Verlobungsring war." „Mir würde es sehr lieb sein, wenn Ihr Euch mit dem Thee beeiltet, Mädchen", warf Airs. Dalton dazwischen. „Der Ring ist beides, schön und interessant, aber für uns von gar keiner Bedeutung, da er aller Wahrscheinlichkeit nach zurückgefordert wird." „Wir wollen es hoffen, Mama, obgleich ich gestehe» muß, daß das Aeußere des Mannes, der ihn trug, es mir sehr fraglich erscheinen läßt, ob er auf redliche Weise in seine» Besitz gelangt ist." *) Englischer Ausdruck für Smaragv, „Wie kannst Du das wissen, Bertha?" frug ihre Mutter. „Natürlich kann ich das nicht wissen, Mama; es ist nur eine Vermuthung.« Nachdem sie endlich mit dem Theetrinken fertig waren, stellte MrS. Dalton den Zucker und Johannisbeergölä in den schweren, altmodischen Schrank und schellte dem Mädchen, um den Tisch abzutragen. Bertha ging zu ihrem Arbeitskörbchen, nahm ein Stückchen Silberpapier, wickelte den Ring hinein und legte ihn in ihre Börse. „So, da kannst du nun liegen bleiben bis morgen, wo hoffentlich dein Eigenthümer entdeckt werden wird«, sagte sie und nahm dann ihr Schreibpültchen zur Hand, da ste die Aufgaben ihrer Schülerinnen über Harmonielehre nachzusehen hatte. Lena erhob sich ebenfalls, um ihre Arbeit zu nehmen, und nun konnte man bemerken, daß sie einen mit langer Schleppe versehenen, blauseidenen Rock mit einer hübschen schwarzsammtnen Tunika trug. Als Sara die Theeserviette wegnahm, stellte Lena ein reizendes Arbeitskästchen auf den Tisch; in demselben befand sich eine kleine Spitzen« arbeit, ähnlich dem Kragen und den Manschetten, welche sie selber trug. „Bitte, räume mir ein klein wenig Platz an dieser Seite des Tisches ein, Lena; ich bin so kalt", sagte Bertha, das Schreibpültchen in der Hand haltend, während ein Frösteln durch ihre Glieder fuhr. „Meinst Du, ich wäre nicht kalt?« entgegnete ihre Schwester, ein wenig zur Seite rückend. „Bist Du heute ausgewesen?" frug Bertha, während sie sich niedersetzte. „Aus? Nein, gewiß nicht bei so kaltem, schlechtein Wetter." „Ich glaube kaum, daß eS für Dich schlechter war, als für mich." „Du vergissest den Unterschied, Bertha", schaltete Mrs. Dalton ein, indem sie das „Magazin", in welchem sie den Thee erwartend gelesen hatte, wieder zur Hand nahm. „Du weißt, daß ich Lena nicht allein ausgehen lassen kann und es war mir zu naß, um sie zu begleiten." Bertha verstand sehr wohl, was ihre Mutter mit dem „Unterschiede" meinte. Lena war sechszehn Monate älter, als sie, und von frühester Jugend an war es Bertha eingeprägt worden, daß Lena eine Schönheit sei, und sie sich in keiner Beziehung eines hübschen Aussehens rühmen könne. Oftmals in letzterer Zeit mußte Bertha im Stillen darüber nachdenken, ob sie nicht vielleicht auch hübscher und frischer aussehen würde, wenn ihr Vater noch lebte, und dadurch die Vermögensverhältntsse besser wären, und sie nicht so anstrengend zu arbeiten habe. Es war wahrlich kein Wunder, daß zuweilen ihre Wangen bleich und die Augen müde waren und wenn sie sich so ermattet fühlte, schmerzte es sie doppelt, den Vorwurf hören zu müssen, daß es ihr an Frische und Lebendigkeit fehle. Der Charakter sowohl wie die Erziehung Bertha's ließen sie meistens alle Dinge von der besten Seite auffassen, nur wenn sie sich gar so matt und abgespannt fühlte, tauchte der Gedanke, ein hartes Loos habe sie getroffen und die ältere Schwester könne wohl auch einen Theil der Arbeit übernehmen, in ihrer Seele auf; doch war sie im Allgemeinen zufrieden. Sie freute sich ihrer hübschen Heimath, wenn sie nach vollbrachtem Tagewerke dorthin zurückkehrte und obschon sie und die Ihrigen keine ausgedehnte» Bekanntschaften hatten, besaßen sie doch einige angenehme Freunde, deren Gesellschaft sie liebte. Nein, Bertha Dalton war nicht unglücklich; sie hatte das beruhigende Bewußtsein, ihre Pflicht treu zu erfüllen und kannte die Langeweile, über die Lena sich oft so bitter beklagte, gar nicht. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie zuweilen ein Gefühl von Niedergeschlagenheit empfand; aber sie kämpfte muthig dagegen an und setzte voller Vertrauen den Weg fort, welcher ihr von der Vorsehung war bezeichnet worden; ihn willig zu verfolgen, erkannte sie als ihre heiligste Pflicht. (Fortsetzung folgt.) 565 Das Mairrthal von Lohr bis Aschaffe,rbrirg. Von vo. Ludwig Herrmann. IN. Von Wertheim nach Aschaffenburg. Die Lohr-Wertheimer Bahn endet in Wertheim. Von dort führt eine gute Landstraße längs des linken MainuferS nach der 7 Stunden entfernten Stadt Miltenberg, von wo man sich auf der Aschaffenburg-Miltenberger Bahn nach Aschaffenburg begeben kann. In Wertheim und in Miltenberg findet man gute Mieths« und Postchaisen, welche den Weg zwischen diesen beide» Städten in 3—3'/^ Stunden zurücklegen. In diesem Theil des Mainthals waltet die Romantik vor. Auf beiden Seiten erblicken wir hohe bewaldete Berge, die bald dicht an die Gestade herantreten und den Strom in ein engeres Bett pressen, bald sich wieder etwas vom Ufer entfernen. Der Main windet sich in mannigfachen Krümmungen um die Berge, fast jede Beugung bildet durch die im Vorder- wie im Hintergründe vorspringenden Berge und Felsen ein abgeschlossenes Ganze, ein neues Landschaftsbild, dessen Reiz durch die auf den Höhen auftauchenden Burgruinen aus der Feudalzeit erhöht wird. Die frühere Fahrt auf den Maindampfern bot mir Hähern Genuß als die Landfahrt; denn bei jener zogen die verschiedenen landschaftlichen oft kontrastirenden Szenerie?» wie eine Wandeldekoration vorüber und das Auge umfaßte die Einzelbilder ganz. Gleich unterhalb Weltheim steigen am linken Ufer felsige Berge, die Gipfel mit Wald bedeckt, schroff empor und lassen der Landstraße kaum genügenden Raum. Tosend umströmt-der Main einen Berg, an dessen zerklüfteten Buntsandsteinfelsen sich die Häuser des Dorfes „Bestenheid" anlehnen. Hinter diesem Berg erhebt sich ein massiver Berg, der „Sporkert", auf dessen Gipfel sich die Trümmer einer allemannischen Grenzwehr befinden. Etwas unterhalb Bestenheid am rechten Ufer erscheint an der Mündung des romantischen Spessarter Haßlochthales das freundliche Dorf Haßloch, umgeben von Reben- terrassen, auf denen ein vorzüglicher Wein wächst. Hier ergießt sich die forellenrsichs Hassel in den Main. Sie treibt zehn Mühlen und ein Hammerwerk. Gehen wir das anmuthige Haßlochthal etwa eine Stunde aufwärts, so eröffnet sich uns «in bewaldetes enges Seitenthal, eine Art von Waldschlucht, hier liegt in einem umbuschten Wiesengrunde die „Karthause Grünau", ein passender Ort für Karthäuser- Mönche, deren strenge Ordensregeln Einsamkeit in abgeschlossenen Zellen, fortwährendes Schweigen und Enthaltung von Fleischnahrung vorschreiben. Düstere Stille umlagert den einsamen Thalgrund, aber seine Waldberge athmen erfrischende Lebenslust aus. Die Gräfin Elisabeth von Hohrnlohe, geb. Gräfin von Wertheim, stiftete im Jahre 1328 dies Kloster zur Sühne; die leidenschaftliche Jägerin Hatte dort ihren Gemahl getödtet, den sie im Waldesdickicht für ein Wild gehalten. Das im Jahre 1803 aufgehobene Kloster wurde mit seinen Gütern dem Grafen Löwenstein-Wertheim-Freudenberg übergeben, das Konventsgebüude, jetzt Wohnung des Oekonomiepächters, ist noch vorhanden, aber im verfallenden Zustand, das Refektorium wurde in eine Scheuer umgewandelt, die Klosterkirche sammt den Altären und den Mönchszellen auf den Abbruch verkauft, unter freien: Himmel stehen sieben hohe mittelalterliche Leichensteine von Karthäusern — ein widerliches, mir den Waldfrieden störendes Bild! In der Umgebung sind mehrere gut angelegte kristallhelle Forellenbäche und Teiche. In neuester Zeit wurde hier eine Anstalt für künstliche Fischzucht errichtet. Die an den Mainufern sehr häufig vorkommende Flußotter (Imtrn innsor), der gefährlichste Feind der Fische, steigt die in den Strom mündende Bäche hinauf und richtet arge Verwüstungen an. Jetzt wird auf dieses Raub- thier gefahndet, sein Pelz, welcher dem des Bibers ähnelt, ist eine köstliche Beute des Jägers. In jener Gegend liegt auch der „Steckenhahn", ein steiler Berg, auf dessen Gipfel man Spuren einer allemannischen Grenzwehr sieht; sie korrespondirte mit den früher angeführten Grenzwehren. In den „Mainsagen" (gesammelt von Alexander Kauf- mann 1883) habe ich drei liebliche Gedichte von A. Kaufmann gelesen, welche Sagen aus dem Haßlochthal zum Gegenstände haben. Kehren wir wieder an die Gestade des Mains zurück! Etwa eine Stunde unter Haßloch schauen links von der Landstraße aus einem umbuschten Felsthale die Ziegeldächer des badischen Dorfes „Grünewört" heraus. Von hier zieht sich der schattige „Schenkenwald" längs des linken Ufers bis nach „Mondfeld" hinab. Dieses badische Dorf liegt dem bayerischen Marktflecken „Stadtprozelten" gegenüber. Hier strömt der Main im engern Bette. Sobald wir an dem großen bayerischen Dorfe „Faulbach" am rechten Ufer vorüber sind, erblicken wir in der Ferne die Zinnen und Thürme der Burg von Stadtprozelten. Auf einer steilen Anhöhe ragt noch immer stolz die imposante Ruine des Bergschlosses empor. Hinter der Anhöhe erheben sich die dunkeln Berge des Spessarts, und ihre Wälder ziehen sich auf beiden Seiten der Anhöhe bis an's Gestade hinab. Dicht am Ufer umlagert die Burganhöhe der alterthümliche Marktflecken Stadtprozelten, dessen Befestigungsmauern bis zum Bergschlosse hinauslaufen. Dies Bergschloß soll von König Heinrich I. erbaut worden sein. Urkundlich treten als Eigenthümer zuerst im Jahre 1260 die „Schenken von Klingenberg" auf. Nach mehrmaligem Besitzwechsel kam es 1483 an Kurmainz, welches dasselbe zur Landesfestung erhob und bedeutend erweiterte. Im Jahre 1668 wurde die Feste von Turenne zerstört. Ringmauer», Bastionen und Kellergewölbe sind ziemlich gut erhalten. Die Burg selbst zeigt noch eine Vorderseite mit einer Reihe von Fensteröffnungen. Die zwei viereckigen massiven Hauvtthürme haben eine Höhe von 70 Fuß. Von kleineren Thürmen sind noch theilweise die Umfassungsmauern vorhanden. Als König Ludwig 7. nach der Errichtung der Main-Dampfschifffahrt 1844 zum ersten Mal von Bamberg den Main hinunterfuhr, war er überrascht von der romantischen Schönheit dieser Gegend, stieg die Burg hinauf, besichtigte Alles genau und bestimmte eine nicht unbedeutende Summe aus seiner Schatulle für die Erhaltung der Burg und für die Umgebung derselben mit Anlagen. Eine halbe Stunde unter Stadtprozelten gewahren wir am Fuß des „Hochberges" das große bayerische Pfarrdorf „Dorfprozelten"; es erscheint urkundlich schon im neunten Jahrhundert. Sein Gemeindehaus war ursprünglich ein kurfürstlich Mainzisches Jagdschloß. Eine weitere halbe Stunde abwärts, in einer reizenden, auf beiden Seiten von grünen Waldungen bekränzten Landschaft liegt auf dein rechten Ufer am Abhänge des „Fechenberges" die pittoreske Ruine „Kollenburg". Am Fuße des Bergs steht einsam ein Försterhaus. Die Burg wurde 1254 von dein Ritter von Kollenbcrg erbaut, kam 1296 an die Herren von Nüdt und nach deren Aussterben 1735 an Kurmainz. Durch die Nachlässigkeit der kurfürstlichen Beamten wurde die schöne Burg allmälig eine Ruine. Abermals eine halbe Stunde abwärts von da streckt sich traulich ans rechte Ufer das Dorf „Fechenbach" hin. Dicht am Gestade liegt das Hofgut und Schloß des Freiherr» v. Bethmann aus Frankfurt a. M. Das Schloß wurde 1648 von den Herren von Rcigersberg erbaut und 1842 an Herrn von Bethmann verkauft. Dieser richtete das Schloß komfortabel ein und umgab es mit schönem Park und Garten. Für Pomo- logen vom großen Interesse ist die dortige Baumschule. Unterhalb Fechenbach erblicken wir am rechten Ufer die nahezu 90 Meter hohen Wände und Stunde langen rothen Sandsteinbrüche des Dorfes „Neistenhausen". In ihnen sind viele hundert Arbeiter beschäftigt. Diese Brüche liefern vortreffliches Baumaterial, welches nach Frankfurt, Mainz bis Koblenz hin ausgeführt wird. Hier werden Steine von colossaler Größe gebrochen, für Säulen, Palast-, Feflungs- und Brückenbauten. An den Uferbergen des Mains hatte ich schon vorher viele Bundsandsteinbrüche gesehen. Besonders häufig sind sie auf der Strecke von Stadtprozelten bis Miltenberg hin. Sie steigen die Berge hoch hinauf, oben und seitwärts umgiebt sie Wald, auf den südlichen Abhängen ziehen meist Reben» terraffen von einem Steinbruch bis zum andern hin. Die zwischen den dunkeln Bergwäldern hervorschimmernden, von der Sonne grell beleuchteten zackigen rothen Massen bieten aus der Ferne gesehen einen eigenthümlichen landschaftlichen Reiz. > 567 j > Etwas weiter unten überrascht uns am linken Ufer ein neues schönes Bild. Auf der halben Höhe des schroffen „Wanneiiberges" steigen, von Hochwald umgeben, die hohen Thürme der Burg „Freudenberg" trotzig gen Himmel; dicht am Ufer umgiebt den Fuß des Berges das badische Städtchen „Freudenberg" mit seinen alterthümlichen Gebäuden, unter denen sich ein fürstliches Schloß befindet. Die Burg wurde gegen Ende des XII. Jahrhunderts vom Hochstift Würzburg erbaut, den Grafen v. Wertheim als Lehen übergeben, aber ihnen wieder abgenommen nach dem Tode des Grafen Michael III. im Jahre 1556. Kaiser Rudolf II. sprach im Jahre 1602 Burg und Stadt dem Grafen Ludwig v. Löwenstein-Wertheim wieder zu, der dann während des 30 jährigen Krieges die Linie Löwenstein-Wertheim-Freudenberg gründete. Dieser Linie gehört die Burg noch jetzt, die Stadt aber wurde 1803 badisch. Zerstört wurde die Burg während des 30- jährigen Krieges. Der viereckige» aus riesigen Quadern erbaute, 60 Fuß hohe Wart- thnrm ist gut erhalten, ebenso ein etwas kleinerer Thurm und ein Theil der äußeren Mauern. Das Schloßthor trägt das gräfliche Wappen und die Jahreszahl 1409. Von der Schloßkapelle steht noch die Vorderseite mit der Jahreszahl 1361. Die Festungsmauern erstrecken sich den Berg hinunter und ziehen die Stadt in den Bereich der Burg- befestigung. Um Freudenberg herum ist das Klima außerordentlich mild, es reifen dort auf einem geschützten Abhang große blaue Trauben, die einen guten Nothwein geben. Etwas unterhalb Freudenberg hört das badische Gebiet auf; die Länge der Mainstrecke, in welcher das linksseitige User zu Baden gehört, beträgt 73 Kilometer. Von Freudenberg an sind wieder beide Flußufer bayrisch. Schon bei Neistenhausen wendet sich der Main mehr gegen Süden und bei Freudenberg gegen Südwesten. Auf dem linken Ufer treten die Ufer allmälig mehr und mehr zurück und lassen einer fruchtbaren Ebene Raum, während auf der rechten Seite noch der Spessart seine bewaldeten Berge und rothen Felsen bis nahe ans Gestade sendet und da und dort düstere Seitenthäler öffnet. Die erste bayerische Ortschaft auf dem linken Ufer ist der wohlhabende große Marktflecken Bürgstadt. Saatfelder, Wiesen, Obstbäume, Weingelände umgeben ihn. Bereits unter Freudenberg sah ich viele Tabaksanpflanzungen, die sich bis Bürgstadt hin erstrecken» Hier mündet die viele Mühlen treibende „Erf" in den Main. Südwestlich von Bürgstadt erhebt sich ein waldiger Berg, dessen Gipfel ein großer allemannischer Ningwall umgibt. Von Bürgstadt zieht der Main nach der eine Stunde entfernten Stadt Milten- berg und beginnt dort den nordwestlichen Lauf gegen Aschaffenburg. Als ich in diesem Sommer hier vorüberkam, war der Main außerordentlich belebt. Viele Schiffe mit Bunt» sandsteinen, Holz, Getreide befrachtet, und lange Flöße fuhren thalwärts. An das schönbewaldete Gebirg angelehnt streckt sich Miltenberg in einer einzigen weit ausgedehnten Zeile längs des linken Ufers hin, auf der Abdachung eines Berges erheben sich über der Stadt die alte epheuumrankte Miltcnburg und zwei moderne schloß- artige Villen. Von Miltenberg schlangelt sich der eine Stunde lange schattige fürstliche Park längs des Mains hin bis zum stattlichen Nesidenzschlosse des Fürsten Löwenstein- Wertheim-Noscnberg und dem Marktflecken Klein-Heubach. Gegenüber auf dem rechten Ufer liegt das Pfarrdorf Groß-Heubach, und vom Gipfel eines mit Traubenterrassen bebauten hohen Berges begrüßt uns das idyllische Franziskanerkloster „Engelsberg" mit seinem Kirchthurm und seiner 560jährigen Linde. Nun durchströmt der Main eins fruchtbare, mit vielen Dörfern und Städtchen besetzte Thalebene, rechts begleitet von den südwestlichen Ausläufern des Spessarts, links von den dichtbewaldsten Bergen des östlichen Odenwaldes. Bevor wir Aschaffenburg erreichen, kommen wir noch vor einer Burgruine vorbei; auf dem Gipfel eines rebenumkränzten Berges schaut aus Bäumen der Thurm und die Ringmauer der „Klingenburg", ehemals den „Schenken von Klingenberg und Prozelten" gehörig, freundlich heraus. Bei der Annäherung an Aschaffenburg wird das Land auf der linke» Seite allmälig flacher. Nachdem wir an dem großen Hofgut „Nilkheim" vorüber sind, bietet sich unfern Blicken das Schlußbilb des Mainthal-Panorama's dar: „Aschaffenburg und seine Umgebung." 568 Der Main strömt unter den elf stattlichen Bögen einer steinernen Brücke abwärts und umsäumt in weitbogiger Krümmung die vom rechten Ufer aufsteigenden Anhöhen. Auf diesen thront, von parkartigen Anlagen umgeben, das aus rot'hem Sandstein erbaute königliche Nesidenzschloß mit seinen fünf hohen Thürmen; am Ufer tritt dort das Urgebirg in massenhaften, klippenförmig aufsteigenden Felsbänden zu Tag, über denselben aus einem Weinberge s-iegelt sich im Main die von König Ludwig I. in antikem Style erbaute pompejanische Villa. Rechts vom Schlosse tauchen aus terrassenartigen Anhöhen aus dem Dunkel von Bäumen, die Kirchthürme und Häuser der Stadt auf. Am Südende zieht längs der Uferhügel eine Reihe schmucker Landhäuser und Gärten hin. Den Hintergrund schließen die Berge des Spessarts, aus welchen der weithin hochrothschimmernde, mit dunklem Nadelholz bewachsene Gipfel des kegelförmigen Findberges emporragt. Der Gipfel dieses Berges war mit einen, großen germanischen Ringwall umgeben, von welchem durch den Rothsandstcinbruch der größte Theil weggegraben ist. Auch hier erzählt die Sage von der „Findburg", auf welcher der 'Ritter von Helmenroth im Jahre 1005 gehaust habe. Urkundlich ist hierüber nichts vorhanden. Ebensowenig hat man Spuren von Mauerwerk gefunden. Bei dem zwei Stunden von Aschaffenburg entfernten Dorfe Soden befindet sich auf eine», steilen Berge ein großer dreifacher germanischer Ringwall. Die Sage hat hierhin die „Sodenburg" verlegt. Auch hier keine urkundliche Bestätigung und keine Spur von Mauerwerk. (Nordd. Allg. Ztg.) Miseellen. („Mesalliancen" im Thierreich.) Man schreibt der Wiener „Presse" aus Golling (Salzburg): „Der größte Jagdherr unserer Gegend ist bekanntlich der preußische Oberst-Jägermeister Fürst Heinrich ^ I. von Pleß. Nicht nur der Paß Lueg sondern das ganze Tännen-Gebirge, Steinwandseite Lueg und die vorliegenden und angrenzenden Niederjagden sind theils Eigenthum, theils Pachtung des Fürsten. Nun hat vor einigen Jahren der verstorbene König Victor Emanuel dem Fürsten eine Anzahl piemontesischer Steinböcke zum Geschenke gemacht. Die Thiere wurden ausgesetzt und, wie es scheint, haben sich die südlichen Gäste in unserem Hochgebirge ganz gut eingebürgert. Neuerdings wird über Mesalliancen berichtet, welche die Böcke mit den aus der Hochweide befindlichen Hausgaiscn eingehe». Die Sprößlinge aus dieser Paarung haben indessen mit ihren Erzeugern wenig gemein. Je älter der Bastard wird, um so mehr verliert er die Ähnlichkeit mit dem Steinböcke; insbesondere bleibt die Entwicklung des Gehörns weit zurück. Werfenweng besitzt einige dieser Bastarde, die sich allerdings durch eine gewisse Wildartigkeit auszeichnen. (Eine chronometrische Sternwarte), so berichtet das „Journal des Debüts", soll in Besan^on zu dem Zwecke erbaut werden, um den Gang des Chronometer durch mathematische Feststellung der astronomischen Zeit zu bestimmen. Man hat die Stadt Besän, on dazu gewählt, weil diese Stadt der Sitz der diesbezüglichen Fabrikationen in Frankreich ist; denn es werden daselbst täglich 1200 Chronometer verfertigt. Diese Zahl allein reicht hin, um das Interesse zu erklären, das man allgemein empfindet, an Ort und Stelle der dortigen Industrie die Mittel zu bieten, ihren Produkten dir höchstmögliche Vollendung zu geben. Die Stadt wird das Terrain hergeben und die Sternwarte erbauen, was ihr eine Ausgabe von 200,000 Franken auferlegen wird. Der Staat seinerseits wird die Instrumente, deren Werth auf 100,000 Franken veranschlagt worden sind, liefern. (Boshaft.) Frau: „Sieh' nur, Gustav, wie mein seliger Vater auf dem Bilde lächelt. Er freut sich, daß Du endlich meinen Wunsch erfüllt und mir den Brillant- schmuck gekauft hast." — Mann: „Bewahre, er lacht mich aus, weil sich so ein Esel war und das schöne Geld dafür fortgeworfen habe." Für die Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr.