»m „Äugslmrger postzeitnug." Nr. 72. Samstag, 8. September 1883. Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E- C. (Fortsetzung.) Zweites Capitel. Mehrmals in der Woche gab Bertha Gesang- und Clavierunterricht an einer Schule, und diese Beschäftigung nahm dann fast den ganzen Tag in Anspruch; die übrige Zeit hatte sie anderweitig Stunden zu geben; doch entstand ab und zu eine kleine Lücke. Diese benutzte sie, um das Haus, an welchem sie den Mann hatte schellen sehen, aufzusuchen. Es war ihr nicht schwer, den großen Porzellanladen wieder zu finden, und da sie es am Gerathensten hielt dort zuerst Erkundigungen einzuziehen, ging sie hinein. Ein junger Mensch kam auf sie zu; sie theilte ihm ihr Vorhaben mit, ohne jedoch den verloren gegangenen Gegenstand näher zu bezeichnen. Wie sie richtig vermuthet hatte, gehörte der obere Theil des Hauses nicht dem Besitzer des Ladens, sondern war in einzelnen Abtheilungen vermiethet. Von dem jungen Manne erfuhr sie, daß augenblicklich nur eine einzelne Dame, welche vor Kurzem aus dem Auslande angekommen sei, dort wohne. Wenn also Jemand an der Thür geschellt hatte, so mußte er nothwendig diese aufgesucht haben. Er rieth Bertha daher, die Privatschelle zu ziehen und nach Mrs. Lemont zu fragen. Sie befolgte den Rath; einstämmiger, älterer Diener öffnete die Thüre und führte sie, nachdem er ihren Wunsch erfahren, die Treppe hinauf in's Wohnzimmer und bot ihr einen Stuhl mit dem Bemerken an, daß er sie seiner Herrin anmelden werde. „Mrs. Lemont wird mein Name unbekannt sein", sagte Bertha, ihm die Karte überreichend, „aber bitte theilen sie ihr mit, daß ich sie nur wenige Minuten in Anspruch nehmen werde." Bertha mußte eine Weile warten und hatte Muse, die Einrichtung des Zimmers zu besichtigen. Die Möbel waren so, wie man sie gewöhnlich in eleganten Mieth- .Wohnungen antrifft und die Gegenstände, welche zerstreut umherlagen, ließen auf luxuriöse Gewohnheiten der jetzigen Bewohner schließen. Auf dem mittleren Tische befand sich ein Strauß von seltenen Treibhauspflanzen, daneben lag ein mit Perlmutter und Gold eingelegter Operngucker und ein Fächer von Pfauenfedern. Das offenstehende Arbeitskästchen zeigte die innere, goldene Einrichtung und ein echt indischer Shawl hing nachlässig auf der Lehne eines Sessels. Der kleine, weiße Pudel, welcher Bertha mit starkem Bellen begrüßt hatte, ruhte wieder in seinem mit rother Seide verzierten Korbe und am Fenster stand ein vergoldeter Käsig mit ausländischen Vögeln. Jetzt öffnete sich die Thüre und eine reich, aber etwas auffallend gekleidete Dame trat ein; sie war noch ziemlich jung und nicht ohne bedeutende körperliche Vorzüge, obgleich der zarte Teint und das üppige, schwarze Haar den Verdacht erregten, daß hier die Kunst der Natur zu Hülfe gekommen sei. Aber der Ausdruck des Gesichtes war nicht angenehm; um die dünnen Lippen zogen sich harte Linien, und die schwarzen Augen, welche so nahe beisammen standen, hatten einen kalten Blick. Ob die Verhältnisse sie dazu veranlaßten, oder ob wirklich eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden war, Vertha glaubte diese ganz sicher zwischen der Dame und ihrem Reisegefährten herauszufinden. Und doch, so frug sie sich selbst, welche Verwandtschaft könnte wohl möglicherweise zwischen dieser fein geputzten, schönen Dame und jener entschieden verkommenen aussehenden Persönlichkeit bestehen? Bertha nahm, der Einladung der Mrs. Lemont folgend von Neuem Platz und erzählte dann die Begebenheit des vorigen Abends, ohne jedoch auch hier den betreffenden Gegenstand näher zu bezeichnen; sie empfand unwillkürlich Mißtrauen gegen diese Frau, besonders da sie bemerkte, daß Mrs. Lemont bei der näheren Beschreibung des Mannes trotz der aufgelegten rothen Farbe sichtlich erblaßte. „Welch' merkwürdiger Zufall! Aber Sie haben sich gewiß in Ihrer Vermuthung, die beschriebene Person habe hier geschellt, geirrt. Es wurde schon dunkel, wie Sie sagen, wie leicht können Sie sich getäuscht haben. Eine derartige Persönlichkeit ist mir völlig unbekannt; auch hat gestern Nachmittag nach vier Uhr Niemand mehr hier Besuch gemacht." „Wäre es nicht möglich, daß er Jemanden von Ihrer Dienerschaft aufgesucht habe?" frug Bertha. „Das ist nicht wahrscheinlich. Wir sind erst vor Kurzem aus dem Auslande hierher gekommen; meine Leute haben gar keine Bekannte in London, aber wenn Sie es wünschen, werde ich mich darnach erkundigen." Mrs. Lemont schellte; derselbe Diener, welcher Bertha hineingeführt hatte, erschien. „Ist gestern Abend gegen sieben Uhr irgend Jemand hier gewesen, Perkins?" frug Mrs. Lemont, und Bertha glaubte sein Zeichen des Einverständnisses zwischen der Herrin und dem Diener zu bemerken. „Nein, Niemand, Madame." „Vielleicht hat Eliza die Thür geöffnet?" fuhr Mrs. Lemont fort. „Nein, Madame, das ist nicht möglich. Ich war den ganzen Nachmittag und Abend zu Hause, und Eliza oben mit ihrer Arbeit beschäftigt." „Es ist gut, Du kannst gehen", und der Mann zog sich zurück. „Sie sehen", fuhr sie gegen Bertha gewendet fort, „daß wir Nichts von der fraglichen Person wissen. Der Mann hat vielleicht irrthümlicher Weise an dieser Thüre geschellt und ist dann weiter gegangen. Hat der verloren gegangene Gegenstand hohen Werth?" „Er rst immerhin werthvoll genug, um von Demjenigen, der ihn verloren hat, schmerzlich vermißt zu werden", erwiderte Bertha fest entschlossen, sich auf nichts Näheres einzulassen; deshalb stand sie auf und empfahl sich, nachdem sie Mrs. Lemont darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Adresse auf der Karte angegeben sei. Der scharfe Wind hatte den Sieg davon getragen und die Regenwolken weggefegt; matte Sonnenstrahlen durchdrängen die feuchte Luft; auch die Kälte hatte etwas nachgelassen. Vertha Dalton begab sich nach Beendigung ihrer Musikstunden zu der Haltestelle des Omnibus, um zu fragen, ob vielleicht Erkundigungen nach dem Ringe angestellt worden seien. Nachdem sie eine verneinende Antwort erhalten, ließ sie auch dort ihre Adresse zurück und nun blieb ihr weiter nichts übrig, als abzuwarten, ob nicht eine Anfrage in der Times erscheinen werde. Nach der Persönlichkeit des Mannes zu urtheilen, welcher mit ihr im Omnibus gefahren und der geheimnißvollen Verbindung, die ihrer festen Ueberzeugung nach zwischen ihm und der Dame bestand, erwartete Bertha nicht, daß er kommen und den Ring als sein Eigenthum beanspruchen werde und so beschloß sie, in der unbestimmten Hoffnung, eines Tages den wirkliche» Eigenthümer anzutreffen, ihn selbst zu tragen. Zu Hause angekommen, eilte Lena ihr mit einem offenen Briefe in der Hand entgegen. 571 „Wenn Du heute Morgen nur noch zehn Minuten gewartet hättest, wäre Dir schon diese angenehme Ueberraschung zu Theil geworden." „Und meinen Schülerinnen eine sehr unangenehme, indem ich sie hätte warten lassen; aber was gibt's? Wer hat geschrieben?" „Die liebe alte Lady Langley; sie ladet uns auf acht Tage zu Ende April ein. Wirst Du hingehen können?" Bertha's Miene erhellte sich. „Wie liebenswürdig von ihr, an uns zu denken!" rief sie aus. „Ja, ich glaube, ich werde gehen können. Miß Beaumont gibt dann vierzehn Tage Ferien, und ich kann meinen anderen Schülerinnen anstatt Ostern, zu dieser Zeit frei geben. Wie herrlich wird das sein!" „Sie haben jetzt gewiß schon eine Menge Bekannte in dortiger Gegend", bemerkte Lena, indem sie ihrer Schwester die Treppe hinauf folgte. „Wer weiß, was daraus entstehen wird?" Auf jeden Fall ist es für uns eine sehr angenehme Abwechselung; ich erwarte nichts Anderes", entgegnete Bertha lächelnd. „Ich glaube gern, daß Du das nicht thust", gab Lena zu. Du bist ein solch ruhiges Mäuschen, Dein Verlangen ist es nicht, eine vornehme Partie zu machen; aber ich thue das, und hier sieht man ja Niemanden." „Dann spute Dich» das Ersehnte zu Stande zu bringen", sagte Bertha lachend; „Du hast schon so lange Zeit davon gesprochen." „Gib mir nur die Gelegenheit dazu", erwiderte Lena, sich in dem Spiegel betrachtend. „Welche Schritte hast Du wegen des Ringes gethan?" frug sie, da sie bemerkte, daß Bertha ihn, nachdem sie die Hände gewaschen, wieder an den Finger steckte. Diese erzählte es ihr und fügte hinzu, daß sie jetzt den Ring tragen werde, bis der Eigenthümer gefunden sei. „Willst Du mich das nicht thun lassen, er gefällt mir außerordentlich gut?" „Nein, ich gehe mehr aus als Du, Lena", wandte Bertha ein, „und vielleicht wird er doch bald zurückgefordert. Schreibt Lady Langley noch sonst etwas in ihrem Briefe?" „Sie spricht davon, wie ihre neue Heiuiath ihr immer besser gefalle und daß sie einige recht angenehme Nachbarn habe und ihre Besitzung an den Park des Lord Alphington angrenze." „Hast Du vielleicht vor, den alten Lord Alphington zu erobern", neckte Bertha; „er ist Wittwer, wahrscheinlich noch nicht weit über siebzig Jahr« alt und unermeßlich reich, wie man sagt." „Ich bin gespannt, ob die Geschichte wahr ist", sagte Lena mit Achselzucken. „Welche Geschichte?" frug ihre Schwester, die Halskrause auf ihrem einfachen schwarzseidenen Kleide, welches sie gewöhnlich des Nachmittags trug, befestigend. „Erinnerst Du Dich nicht mehr? Man erzählte sich ja, sein zweiter Sohn hab^ sich einer unehrenhaften Handlung schuldig gemacht und sei nach Amerika gegangen. Später starb Lord Chalsont, der älteste Sohn, sammt seinen Kindern, und nun ist kein Erbe für den Titel und das Besitzthum dort." „Ja, jetzt fällt mir ein, daß ich darüber habe sprechen hören. Freue Dich, Lena, desto bessere Aussichten für Dich." „Du machst Dich immer über mich lustig, Bertha, aber warte nur, eines Tages wirst Du sehen, daß ich Jemanden erobert habe, der annehmbarer ist, als alle unsere hiesigen Bekannten", entgegnete Lena schmollend. „Du eitles Geschöpf; ich will Dir aber doch sagen, daß man Titel und Reichthum nicht alle Tage auf der Straße findet — und Du bist schon 23 Jahr« alt» Lena." „Weshalb mich immer an diese unangenehme Thatsache erinnern?" frug diese in ärgerlichem Tone. «Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du Jemanden antriffst, den Du wahrhaft — 572 lieben und achten kannst; alle Titel der Welt können dies nicht aufwiegen", erwiderte Bertha ernst. „So denke ich nicht!" rief Lena aus. „Wenn der alte Lord Alphington mir einen Antrag machte und ein schönes Witthum bestimmte, ich würde ihn morgen am Tage heirathen." „O stille, Lena! Ich kann es nicht ertragen, solche Reden von Dir zu hören. Komm jetzt, ich bin fertig, wir wollen zu Mama hinuntergehen." Sie lief voran, als ob sie dem Anhören solcher Gesinnungen, die ihr reines, selbstloses Herz empörten, entrinnen wolle. Drittes Capitel. In einem großen Gemache, welches dem doppelten Zwecke eines Wohnzimmers und Malerateliers entsprach, faßen zwei junge Leute rauchend am glühenden Kamine. Das Zimmer besaß drei Fenster, wovon das mittlere bis hoch zur Decke hinaufreichte; der untere Theil desselben war mit einem grünen Vorhänge verdeckt. Zn nächster Nähe von diesem stand eine Staffelei mit einem unvollendeten Bilde; verschiedene Zeichnungen und Mappen waren gegen die Wand angelehnt. Auf einem Tische in der Nähe der Staffelei lagen Palette, Pinsel, Farben, überhaupt alle Utensilien eines Malers. In der andern Ecke des Zimmers herrschte etwas mehr Ordnung: dort war der Tisch mit einer grünen Tuchdecke behängen, an der einen Seite des Kamins stand ein gut gefüllter Bücherschrank und diesem gegenüber ein hübscher Schreibtisch; Flügelthüren führten zu dem anstoßenden Schlafzimmer. Die beiden Raucher ruhten in bequemen Sesseln; ihnen zur Seite stand auf einem kleinen Tischchen eine Flasche mit Gläsern und ein Cigarrenkistchen. „Das ist eine fatale Geschichte ohne Zweifel", sagte der jüngere der Beiden, ein lebhaft aussehender Bursche mit blondem Haare und lachenden, blauen Augen; die zarten Anfänge eines weichen Schnurrbartes zierten seine Oberlippe. „Sein Gefährte, den er anredete, war vielleicht sechs- oder siebenundzwanzig Jahre alt. Er hatte eine dunkele, etwas bleiche Gesichtsfarbe; das dichte, wollige Haar umgab vortheilhast die schön geformte Stirne. Seine grauen Augen hatten schwarze Wimpern, die Lippen waren, wenn auch nicht voll, so doch wohl gebildet, und die fast viereckige Form des Kinnes ließ auf Festigkeit des Willens schließen. Auch er trug einen Schnurr- bart, dieser war dicht und schwarz, wie sein Haar. Seins mittelgroße Gestalt machte den Eindruck außergewöhnlicher, durch häufige Uebung erworbener Stärke. In der Haltung des Kopfes und der.ganzen Erscheinung lag ungezwungene Selbstbeherrschung, vielleicht mit etwas Stolz gepaart. Im Ganzen war er ein schöner, stattlich aussehender Mann, der selten unbeachtet blieb. „Ja, das ist wahr, erwiderte er auf die Bemerkung seines Freundes, „und was das Schlimmste dabei ist, ich bin mir gar nicht klar, was in der Sache zu machen wäre." „Weshalb nimmst Du nicht die Hülfe eines Geheimpolizisten in Anspruch?" frug der erste Redner. „Das habe ich gethan, aber bis jetzt ist Nichts entdeckt worden. Ich weiß überhaupt nicht, 'wie ich mir den Raub erklären soll, da ich mir bewußt bin, keinen einzigen Feind auf der Welt zu besitzen. Und weshalb sollte ich auch einen solchen haben?" „Und weshalb sollte ich «inen haben?" bemerkte der jüngere Mann. „Und doch will meine Tante gar nicht sterben und mir einige tausend Pfund Sterling vererben. Wenn das nicht als Feind gehandelt ist, dann weiß ich es nicht." „Sage lieber als Freund", entgegnrte sein Gesellschafter; „denn, wenn Du rm Besitze des Geldes wärest» wie rasch würdest Du es wohl ausgegeben haben, und jetzt hast Du noch immer etwas zu erwarten. Du solltest Dir wirklich Mühe geben, mit hundert Pfund das Jahr auszukommen, Douglas." „Das hast Du gut sagen, alter Bursche, Deine sichere Einnahme beläuft sich auf wehr als zweihundert Pfund das Jahr. Ich wollte, meine Mutter hätt« mir auch so 573 viel hinterlassen, denn wenn man aus der Hand in den Mund leben muß, wie ich, und manchmal gar kein Durchkommen sieht, dann ist es wirklich sehr verführerisch, einmal über die Stränge zu schlagen, wenn man gerade bei Cassa ist. Aber was ich Dich fragen wollte, Eustacs, bist Du wirklich entschlossen, Deinen Namen zu ändern? Wirst Du von nun an nur unter dem Namen „St. Lawrence" bekannt sein?" „Ich habe nach reiflicher Ueberlegung diesen festen Entschluß gefaßt", antwortete sein Freund. Meinen wirklichen Namen werde ich erst dann annehmen, wenn mir das Recht, ihn zu führen, zuerkannt ist, und da ich jetzt vor dem großen Publikum erscheinen werde, will ich nicht fortfahren, den Namen meiner Mutter zu tragen, damit nicht möglicherweise ihr reines Andenken durch den leisesten Zweifel befleckt werde." „Hört ihr» ihr Götter!" rief Douglas mit komischem Pathos. „Sollte man nicht glauben, er habe vor, sein erstes Debüt auf deü Brettern zu machen!" (Fortsetzung folgt.) Die Nord-Paeific-Bahr» irr Nord-Amerika. Nord-Amerika steht vor der Eröffnung eines neuen, völkerverbindenden Schienenweges, welcher sich an Großartigkeit der Anlage, an kühner Ueberwindung der den Menschen von der Natur in den Weg gelegten Hindernisse und an Ausdehnung ebenbürtig der großen Eisenstraße an die Seite stellen kann, die bereis seit dem Jahre 1869 die Küste» des Atlantischen mit denen des Stillen Ozeans verbindet. Im Unterschied zu der 1869 dem Verkehr übergebenen Bahn über den amerikanischen Kontinent und einer inzwischen entstandenen Süd-Pacific-Bahn ist dje neu zu eröffnende Linie mit dem Namen Nord-Pacific-Bahn bezeichnet worden. Der Gesellschaft, welche ihren Bau unternommen, der Northern-Pacisic-Nailroad-Company, wurde mittelst Gesetz vom Jahre 1864 vom Kongreß der Bereinigten Staaten unter der Bedingung, daß sie den nordamerikanischen Nordwesten durch den Bau einer Eisenbahn der Kultur erschlösse, die Hülste alles Landes, welches auf jeder Seite einer zu bauenden Bahn in einer Breite von 20 Meilen liegt, unentgeltlich überlassen. Es ist dies die Schenkung eines TerrainS von etwa 63 Millionen preußischer Morgen, welches die Bahnverwaltung theils als Wald und Acker, theils als Wald- und Prärieland an Ansiedler verkauft, unter Gewährung leichter, über mehrere Jahre ausgedehnter Zahlungsbedingungen und außerdem eines Rabattes von 25 pCt. auf jeden in den ersten rivei Jahren nach dem Ankauft urbar gemachten Morgen. Die Anfangspunkte der Nord-Pacific-Bahn liegen unmittelbar westlich des großen nordamerikanischen Seengebietes, welches, wie bekannt, durch den Sän Lorenzofluß natürliche Verbindung mit dem Meere hat. Als diese Ausgangspunkte sind zu nennen die Städte St. Paul und Minneapolis südlich und Superior, bezüglich Dulukh mehr nördlich, und am Superiorsee gelegen, sämmtlich im Staat Minnesota. Die ebengenannten Zugangslinien vereinigen sich dann zu einem Hauptschrenenstrange, welcher Nord-Wisconsin, Zentral-Minnesota, Nord-Dacota, Montana, einen Theil von Nord-Jdaho und Oregon durchzieht. Die Bahntrace lauft zwischen dem 46. und 47. Breitengrade ist ziemlich gerader Linie nach Westen bis zu dem Nocky-Msuntains-Gebirge. Das Gebirge zwingt dann zum Ausweichen in nordwestlicher Richtung. In der Nähe des 48. Breitengrades liegt der nördlichste von der Bahn.berührte Punkt, der Oreillesse. Von hier aus verfolgt sie eine südwestliche Richtung nach dem 46. Grade hin und erreicht in Portland im Staate Oregon ihren südlichsten und zugleich ihren Endpunkt. Die geographische Breite, welche die Nord-Pacific-Bahn durchschneidet, entspricht derjenigen des südlichen Frankreichs und Oberitaliens. — Die ganze Länge vom Superiorsee bis zur westlichen Endstation beträgt 542 deutsche Meilen: man kann aber die eigentlich« Schienenlänge nur auf 490 Meilen angeben, da von dem Kolumbiathal an die Züge der Nordbahn bei Portland auf dem Geleise einer anderen Strecke, der „Oregon Nailway" und „Navigation-Company" laufen. 574 Die die Bahn umgebende Landschaft mit ihrem Naturleben wechselt in überraschender Weise vor den Augen des Beschauers. Die Städte und Ortschaften, welche sie berührt, gewähren in den meisten Fällen noch das Bild der Unfertigkeit und des schnellen hastigen Aufstrebens in dem bekannten amerikanischen Großstadtstyle. St. Paul, die eine Ausgangsstation, am Mississippi gelegen, ist etwa 30 Jahre alt und zählt gegen 50,000 Einwohner, zum größten Theil Deutsche und Skandinavier. Der Geschäftsverkehr des Städtchens ist ein sehr bedeutender, wird aber schon von der Schwesterstadt Minneapolis überflügelt, da die Fälle des Mississippi eine so bedeutende Wasserkraft bieten, daß daselbst Getreidemühlen von großer Leistungsfähigkeit entstanden sind. Im Durchschnitt liefert eine solche Mühle täglich 5000 Fässer Mehl der vorzüglichsten Qualität, das in den letzten Jahren mit 8—9 M. bezahlt wurde. Wer die Reise nach Westen vom Superiorsee aus antritt, der beginnt die Fahrt in der Stadt Superior, resp. Dulukh. Superior ist durch die zügellose Spekulation, welche dort ihr Wesen mit dem Ankauf von Grundstücken getrieben, etwas in seinem Wohlstand zurückgegangen. Ungeachtet der günstigen Lage und des vorzüglichen Naturhafens, mit welchen! sie ausgestaltet, fehlt es an kapitalbesitzenden Bauunternehmern, und so erwuchs ihr in dem benachbarten Dulukh ein gefährlicher Rivale. Dulukh ist in Folge des zunehmenden Schifffahrtverkehrs, den ihm die Verödung Superior's zuführte, an die Nord-Pacificbahn angeschlossen worden. Während der ersten hundert Meilen (englisch) durchläuft der Schienenweg eine hügelige Waldregion, die häufig durch Dörfer und Ansiedelungen unterbrochen wird. Dann überschreitet er den Ncdriver und berührt die blühende Ackerstadt Fargo. Hier beginnt eine für das Auge unabsehbare Prairie von großer Fruchtbarkeit, welche außer durch die Hauptbahn durch verschiedene Zweigbahnen dem gewinnbringenden Ackerbau erschlossen ist. Der Boden ist völlig eben, mit kurzem Gras bewachsen, Bäume sieht man nur an den Ufern der kleinen Flüsse; dagegen verleihen die zahlreich in der Landschaft zerstreut liegenden Farmen und Gehöfte den Umgebungen der Bahn ein belebtes Aussehen. Je mehr man sich dem Missouri nähert, desto hügeliger wird die Gegend; bei der etwa 10 Jahre alten Stadt Bismarck (3000 Einwohner), der Hauptstadt von Dakota, welche circa 450 Meilen vom östlichen Anfangspunkt entfernt liegt, wird der Missouri auf einer 1450 Fuß langen Stahlbrücke überschritten. Bis hierher ist die Nord-Pacific-Bahn schon mehrere Jahre im Betrieb, und war die genannte Stadt bisher Endstation. Am westlichen Ufer des Missuori liegt die mit Bismarck wetteifernde Stadt Mandan. Von hier tritt der Charakter der Landschaft in kräftigen Zügen hervor, die Ansiedelungen suchen mit Vorliebe geschützte Thäler auf, die Vegetation wird spärlich und gewinnt erst wieder ein freundlicheres Ansehen bei der Station Glendive, wo sie sich dem Aellowstonefluß nähert, dem sie 400 Meilen weit folgt, bis in der Ferne die schneebedeckten Gipfel des Felsengebirges sichtbar werden. Den ersten Ausläufer desselben durchführt der Zug in einem 3500 Fuß langen Tunnel. Dann folgt der Eisenweg in dem Eallatinthale dem Gallatinflusse bis zu dem Punkte, wo er nach seiner Vereinigung mit Madison und Jefferson den Missouri bildet, der hier zum zweiten Male mit einem kühn aufstrebenden Baue überbrückt ist. Jenseit des Missouri läuft die Bahntrace in grader Linie nach der Stadt Helena, der Hauptstadt Montanas. Hier ist das Gebirge vermittelst einer 3800 Fuß langen. Gallerie untertunnelt, dann folgt 300 englische Meilen weit in westlicher Richtung bis an den Oreillesee eine Gegend von hoher landschaftlicher Schönheit, deren Niederungen mit ertragreichem Kulturboden, deren Berghänge mit Holz bedeckt, in ihrem Schooße Minerallager bergen. Von diesem See an läuft die Bahnlinie 250 englische Meilen in der ackerreichen, gut angebauten Niederung des Kolumbiathales nach dem Staate Oregon und zieht sich an dem linken Ufer des genannten Flusses entlang, durch eine mit den Reizen pittoresker Naturschönheit ausgestattete Gebirgslandschaft bis zur Stadt Portland, der Metropole des Westens. Dann folgt sie dem Columbia 40 Meilen weit, bis auf das Gebiet von Washington, überschreitet den Fluß und läuft 575 über 100 Meilen durch dichten Nadelwald bis zu ihrem Endpunkte, Tacoma, am Paget- funde. Portland am Columbia, diese im kräftigen Aufblühen begriffene Stadt, imponirt durch die Größe und Mannigfaltigkeit des hier konzentrirten Verkehrs zwischen dem westamerikanischen Binnenland und dem Stillen Ozean. Obgleich dieser Platz noch fast 100 Meilen oberhalb der Mündung des Stromes, ist er dennoch den größten Seedampfern zugänglich, welche die Verbindung mit Sän Francisco herstellen, und die nun nach Vollendung der Bahn ohne Zweifel seinem Handel weitere Beziehungen mit Ostafien und Australien eröffnen werden. Auf der ganzen von der Nord-Pacific-Bahn durchlaufenen Strecke sind die Schönheiten der amerikanischen Gebirgslandschaft in so reichem Maße entwickelt, daß ihr Vergnügungsreisende wohl fortan vor allen anderen des »ordamerikanischen Kontinents den Vorzug geben werden. (Nordd. A. Ztg.) Das Schlagwort vorn „denkenden" Schauspieler, das in den heutigen Theaterkritiken nachgerade oft genug vorkommt, um die etwaigen naturwüchsigen Triebe unserer Schauspielkunst vollends auszurotten, wird in einem Feuilleton der „Vohemia" gebührend beleuchtet — durch einige drastische Beispiele. Der Schauspieler Wilhem Kunst war seiner Zeit namentlich als Darsteller Karl Moor's berühmt. Es vereinigten sich in diesem Manne viele äußere und geistige Vorzüge, um ihn zu einem der gefeiertsten Künstler seiner Zeit zu machen — aber auch nur so lange, als Wilhelm Kunst auf den Ruf eines „denkenden" Künstlers verzichtete. Ohne jegliche wissenschaftliche Bildung traf er das Rechte und riß das Publikum zu lautesten Bewunderung hin. Plötzlich fiel es Kunst ein, ein „denkender" Künstler werden zu wollen und — er blamirte sich! — In Augsburg war es, im Jahre 1849, wo ich Wilhelm Kunst wiedersah, als er bereits mit dem „Denken" angefangen hatte. Es war Probe von Kotzebue's „Bayard", und Wilhem Kunst fragte eifrig, ob er zum Abend nicht ein Bärenfell haben könne. „Bayard im Bärenfells" flüsterten die Schauspieler — „das ist noch nicht dagewesen!" „Wenn eines aufzutreiben ist —" stotterte verlegen der Requisiteur— „so" — — „Es muß aufgetrieben werden!" herrschte Wilhelm Kunst, — „ich brauche es nothwendig! Ohne Bärenfell keinen Bayard!" Und das Bärenfell ward aufgetrieben. Triumphirend trat der Requisiteur Abends zu Wilhelm Kunst in die Garderobe, das Bärenfell wie eine theure Reliquie an seinen Busen gedrückt. „Schön!" sagte Wilhelm Kunst, — „heben Sie's auf bls zum zweiten Akt, da werd' ich's brauchen!" Ehe der zweite Akt anging, nahm Wilhelm Kunst das Bärenfell und breitete es eigenhändig vorn an der ersten Koulisse auf den Boden. Noch immer war den Kollegen der eigentliche Zweck des Bärenfells unbekannt und erwartungsvoll standen sie in den Koulissen, aufmerksam lauschend, wie sich das Räthsel mit demselben ^ lösen werde. Endlich naht die Entwicklung: Wilhelm Kunst stellt sich dicht vor das . Bärenfell, deutet mit dem Finger darauf und spricht die Worte seiner Rolle: „Ich mag H nicht länger auf der Bärenhaut liegen!"-Eine weitere Dosis seines „ Denkens" gab er auf der Probe von „Hinko". Nach der ersten Szene des fünften Aktes hat König Wenzel die Tischglocke zu läuten, die den Pagen hereinruft. Wilhelm Kunst läutet, wendet sich aber sogleich zum auftretenden Pagen und spricht: „Kommen Sie nicht gleich auf das erste Läuten; ich mache eine Pause und läute dann zum zweiten Male — es muß dem Publikum doch anschaulich gemacht werden, daß Sie im zweiten Zimmer von hier waren, Sie hätten ja sonst die ganze vorige Szene belauschen können." Und nun ein Gegenstück zu diesem „denkenden" Künstler. Als Ludwig Devrient zum ersten Male nach Hamburg kam, um daselbst den Franz Moor als Gast zu spielen, da hatte er auf der Probe seine liebe Noth mit den» jugendlichen Darsteller des Herr- . mann, der trotz mehrfacher Wiederholung der Scenen mit Devrient Letzerem die Rolle durchaus nicht zu Dank spielen konnte. „Nein, junger Freund!" tadelte Devrient übellaunig — „so gshts nicht, das ist kein Herrmann, wie er mir paßt. Bedenken Sie doch, I der Herrmann — — das-das ist-— ein Edelmann — --ist — ein Bastard — der-der-— der-" und Devrient stotterte hin und her und suchte nach Worten für die Charakterzeichnung des Herrmann und fand sie nicht, bis er endlich ärgerlich über sich selbst und seinen mißlingenden Denkversuch und Gedankenausdruck, die Sache beim rechten Ende anpackte und ausrief: „E was! da kommen Sie 'mal her, ich will Ihnen zeigen, wie ich mir den Herrmann denke" — und nun spielte Devrient mit einer Meisterschaft, mit einer Wahrheit dem jungen Schauspieler vor, so daß derselbe keines weiteren Kommentars bedurfte, um sofort das Richtige nach dem vortrefflichen Original zu kopiren. — Je mächtiger dieses dem Schauspieler angeborene Genie zum Durchbruch kommt, um so eher ist man geneigt, ihn als „denkenden" Künstler zu bezeichne», während wirkliche Denker unter den Schauspielern nur in seltenen Fällen den Namen „Künstler" verdienen. Dem talentvollen, dem genialen Schauspieler strömen unbewußt beim Lernen der Rolle die richtigen Gedanken und Gefühle in die begeisterte Seele, und ist er erst der Worte Herr, die ihm der Dichter vorschreibt, so ist auch der Charakter der darzustellenden Person fertig gebildet, an welchem als abgerundetes Ganzes nicht mehr gerüttelt wird. Mit Sicherheit bleibt er während der Darstellung auf der Höhe der Situation, und die von dem Genie unzertrennliche» durch das schaffende Genie stets gesteigerte Geistesgegenwart läßt ihn nicht aus der Fassung kommen, auch wenn unvorhergesehene, unzuberech« nende Zufälle dem Zauber des flüchtigen Gebildes hemmend oder störend in den Weg zu treten drohen. Jener Schauspieler aber, der durch ermattendes Denken den mehr oder minder fühlbaren Mangel des genialen Schaffens ersetzen muß, der den Spiegel zu Hilfe nehmen muß, um seine Bewegungen und Gebilden dem gesprochenen Worts anzupassen, der bleibt in der Regel während der Darstellung selbst nur der Dolmetsch eines hauspackenen Verständnisses, seine Leistung bietet gewöhnlich nur eine Reihe einzelner erzwungener Aeußerlichkeiten, die den Zuschauer nicht zu erwärmen vermögen. Gol-körner. Des Menschen Gedicht Wird oft zu nicht'; Uns bleckt das Denken, Gott hat das Lenken; Wenn's Menschen greifen aus's Klügste an, Geht Gott doch oft eine andere Bahn! Das Muß ist eine harte Nuß, Sie aufzuknacken macht Aerdrnß; Doch ist's gescheh'n, ichmeckt gut der Kern; D'rum knack auch solche Nüsse gern! Hans Allerlei weiß mancherlei, Darfst ihn um Alles fragen. Aber das Rechte weiß er nicht zu sagen. Gott weiß, was gebricht, Eh' man ein Wörtlcin spricht. Laß dir genügen, Wie es Gott will fügen! Lesen und nicht versteh'» Ist ein halbes Müßiggeh'n. Wer nüt dem Kovf will oben aus, Der bringt viel Schaden und richtet nichts aus. Mancher baut ein Haus, Und muß zuerst hinaus. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler..