jur „Ängsdarger Postzeitimg." Nr. 74. Samstag, 15. September 1883. Der GpKlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Unterhaltung drehte sich nun um Pfarrangelegcnhcitcn, und bald darauf verließen die Damen das Eßzimmer. Bertha war glücklich, sich den Abend mit Lady Langlcy über frühere Zeiten unterhalten zu können und sang dann ihrem alten Freunde, Sir Stephan, zu Liebe eine Ballade nach der anderen; sie hatte eine hübsche Mezzo- sopranstimiiic und einen angenehmen gefühlvollen Vortrug. Lena letzte es ab zu singen; sie gab vor, zu müde zu sein. Sie spielte eine Partie Schach mit dem Rcctor, doch auch hierbei gelang es ihr nicht, ihre Langeweile zu verbergen. „Wenn sich uns hier keine andere Abwechselung bietet, so wünschte ich, wir wären zu Hause geblieben", sagte Lena zu ihrer Schwester, als sie sich zu ihren freundlichen Zimmern begaben. Diese hatten eine hübsche Aussicht auf den Garten und waren durch eine Thüre, welche die beiden Mädchen offen stehen ließen, verbunden." „O, Lena, ich finde es entzückend hier!" rief Bertha. „Aber ich will Dir etwas verrathen; nächsten Dienstag kommt Lcnord Alphington und noch eine Menge anderer Menschen hierher zum Diner; dann wirst Tu Gelegenheit haben, Deine Erobcrnngskünste zu versuchen." „An dem alten Lord Alphington? Danke schön", cntgegncte Lena; „dort ebensowenig, wie an dem jungen Holcrost." „Nein, das darfst Tu auch nicht thun, den habe ich mir auserkoren; er ist ein angenehmer junger Mensch, und ich schmeichele mir durch das Lied „schwarzäugige Snsanna" meine Eroberung besiegelt zu haben", bemerkte Bertha lachend, während sie ihre Haare herunterließ. „Wie es Dir nur einfallen konnte, dieses lächerliche, alte Lied zu singen; übersteigt meine Fassungskraft." „Sir Stephan bat darum und Papa hörte es so gerne." Leise vor sich hin singend, schickte Bertha sich an, sich zur Ruhe zu begeben. War es das Wiedersehen alter lieber Freunde, oder die Aussicht auf eine achttägige Erho- lungszcit, daß ein solch glückliches Gefühl ihr Herz durchströmte? Im Dorfe dort herrschte die Sitte, an den Sonntagmorgm über eine ganze halbe Stunde zu läuten, um alle guten Menschen znr Kirche zu rufen. Bertha, welche schon angekleidet war, öffnete ihr Fenster, um dein schönen Glockengeläute zu lauschen; nachdem sie sich eine Weile der herrlichen Morgenluft erfreut, ging sie hin und weckte ihre Schwester. „Steh' auf, Lena! beeile Dich, es ist so prächtiges Wetter." „Mich soll's nur wundern, ob es sich heute der Blühe lohnen wird, aufzustehen", sagte Lena mit lautem Gähnen. „Geh' nicht fort, Bertha; ich werde unmöglich fertig, wenn Du mir nicht hilfst," 586 Die gutmüthige Bertha willfahrte ihrem Wunsche, obschou sie einen Spaziergang durch den Garten vorgezogen haben würde. Die beiden Schwestern traten nach einiger Zeit zusammen in das Frühstückszimmcr, noch gerade zeitig genug, um dem gemeinschaftlichen Morgcngebete beizuwohnen. Später begab sich die ganze Gesellschaft zu Fuße zur Kirche, da Sir Stephan nur im äußersten Nothfalle an Sonntagen den Wagen benutzte. Der kürzeste Weg führte durch ein Gehölz, welches zum Park von Alphington gehörte. Sir Stephan zog den Arm Bcrtha's durch den seinigen und ging mit ihr voraus; die Anderen folgten in einiger ' Entfernung. „Ich wünschte mit Dir zu sprechen, liebe Bertha, und möchte Dich bitten, mir frei und offen zu erzählen, was Du zu Hause anfängst", sagte er. Bertha hatte keinen Grund dies zu verheimlichen und so beschrieb sie ihrem alten väterlichen Freunde ihre ganze Lebensweise. „Hm! Das gefällt mir nicht sehr. Das Einkommen müßte ausreichen, ohne daß Du nöthig hättest, Stunden zu geben und ich wollte wohl wetten, daß die meisten Hausarbeiten Dir ebenfalls zufallen, Du arbeitest zu angestrengt, das kann ich nicht zugeben; Du sollst Deine Munterkeit und Deine blühende Gesichtsfarbe nicht dadurch einbüßen." Bertha's Augen füllten sich mit Thränen bei der liebevollen Sprache des alten Herren. Das geringste Zeichen von Zärtlichkeit rührte sie tief. „Wirklich Sir Stephan", begann sie, aber dieser ließ sie nicht zu Worte kommen. „Nun höre, was ich Dir sagen will", fuhr er fort. „Ich habe das Recht und die Pflicht mit Dir zu sprechen, da ich Dein Pathc und ältester Freund bin. Lady Langlcy und ich haben die Sache zusammen überlegt. Wir besitzen keine Kinder und deshalb wünschen wir, daß Du als unsere Tochter bei uns bleibest, selbstverständlich nur dann, wenn Du glaubst, bei so zwei alten Leuten glücklich sein zu können." „Glücklich! O, ja, wie unendlich glücklich würde ich sein", erwiderte Bertha. „Es ist zu gütig von Ihnen und Lady Langtet) in dieser Weise meiner zu gedenken!" Tausend Dank dafür, aber ich darf Mama und Lena nicht verlassen." Die Stärke dieses Eiuwandcs kann mir nicht recht einleuchten, jedoch will ich Dir einen Vorschlag machen, Bertha. Ich weiß wohl, daß Du Deinen Schülerinnen nicht so ganz plötzlich kündigen darfst; dies würde auch Deinem Pflichtgefühle zu sehr widerstreben, aber Miß Dalton muß im Herbste mit Euch beiden Mädchen zn einem recht langen Besuche hierher zu uns kommen und dann wollen wir weiter darüber sprechen. Jetzt kein Wort mehr davon", fügte er hinzu, da er bemerkte, daß Bertha im Begriffe war, Einsprache zu erheben. Es bot sich auch in der That keine Gelegenheit mehr, die Unterhaltung fortzusetzen; sie hatten den Kirchhof bereits erreicht. Bertha konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, als sie sich im Geiste ausmalte wie angenehm es sein müsse, in dieser reizenden Gegend bei so liebenden Menschen leben zu dürfen; aber sie unterdrückte sofort dieses Verlangen. „Ich darf es nicht wünschen, es wäre nicht recht", sagte sie bei sich. Als sie durch das Thor des Kirchhofes traten, wandte sich ein Herr, welcher bis dahin mit einem Landmanne gesprochen, um, begrüßte Sir Stephan mit herzlichein Händedrnck und Bertha durch Abnahme des Hutes. Er war von großer Statur, doch hatte er eure etwas gebeugte Haltung, welche dem Anscheine nach mehr von großer Sorge als Altersschwäche herrührte. Seine Züge besaßen eine fast weibliche Zartheit mit Ausnahme der breiten Stirne und des kräftig geformten Kinnes. Das knrzgcschnittene Haar war schneeweiß, aber der Schnnrrbart hatte noch eine bräunliche Färbung und die durchdringenden klaren Augen schienen ihr jugendliches Feuer nicht verloren zn haben. Er ging mit Sir Stephan bis zur Kirchthüre; Bertha blieb-mrnck und schloß sich Lady Langlcy, welche eben das Thor erreicht hatte, an. 587 „Das ist Lord Alphington", sagte diese; „er geht immer zu Fuß durch den Park zur Kirche und ist überhaupt iu seinem ganzen Wesen noch einfacher wie ein gewöhnlicher Landedclmann." Auf dem Rückwege begleitete Lord Alphington Lady Langley und Sir Stephan durch den Wald; die beiden Mädchen folgten mit dem jungen Holcroft. Herrlich schien die Sonne und beleuchtete das frische Grün der Bäume. Hier und dort blickten Primeln und Waldanimoncu aus dem weichen Moose hervor. „Wie prachtvoll muß der Wald nach einem Monate aussehen!" rief Bertha entzückt aus. „Der Herbst, das ist die beste Zeit", belehrte sie der Seemann; „es gibt hier eine solche Menge Nüsse, Sie müssen dann herüberkommen." Lena schlenderte einige Schritte voraus und betrachtete das stattliche Schloß, welches ab und zu, wo das Gehölz nicht allzudicht war, dem Auge sichtbar wurde. Plötzlich sprang ein Mann aus dem Gebüsche hervor; er stutzte, als er sich den beiden Damen und ihrem Begleiter gegenübersah, dann lüftete er seinen Hut, bat um Entschuldigung, sie so erschreckt zu haben und verschwand zwischen den Bäumen auf der entgegengesetzten Seite des Weges. „Was für ein unangenehm aussehender Mensch!" sagte Bertha; „ob er hier in's Dorf gehört?" „Dem Acußcrn nach zu urtheilen, schien er nicht von guter Herkunft zu sein", bemerkte Lena, vielleicht war es ein Wilddieb." „Dafür sah er nicht muthig genug aus", entgegnetc Holcroft. „O, Miß Daltou, ich muß Ihnen noch ein Abenteuer erzähle!», welches wir vorigen Winter mit einer Bande Wilddieben gehabt haben. Ich war gerade hier anwesend und in der „Procris" zurückgekehrt", fügte er gegen Bertha gewendet hinzu. So erzählten sie munter weiter auf dein Spaziergaugc, ohne zu ahnen, von welchem bedeutenden Einflüsse die Person, der sie dort begegnet, auf ihr Schicksal sein werde. Der Tag des großen Gastmahles war erschienen und mit ihm die erwarteten Gäste; Lady Langley verstand als ausgezeichnete Wirthin die Kunst, es Jedem behaglich zu machen und die Unterhaltung vor dein Stocken zu bewahren. Als man sich die selbstcrlcbteu Ereignisse und Zufälligkeiten mittheilte, sagte sie: „Meine junge Freundin Bertha Daltou hat kürzlich ein merkwürdiges Abenteuer erlebt", und nun erzählte sie die Geschichte des Ringes, wie sie sie von Bertha erfahren. „Es scheint ein ganz interessanter Ring gewesen zu sein; sagtest Du nicht, Bertha, er habe eine Devise gehabt?" „So schien es mir", erwiderte diese. In der Mitte desselben befindet sich ein schöner Opal und die Anfangsbuchstaben den kleinen Edelsteine, welche diesen einfassen, machen, wenn ich mich nicht sehr irre, den Namen „Fides" aus. Ich kann mir nicht denken, daß die Steine so auf's Geradewohl zusammengestellt seien. „Das ist ja sonderbar", bemerkte Lord Alphington, und während der noch übrigen Zeit bei Tische war er zerstreut und sprach nur dann, wenn man ihn direkt anredete. Als sich später die Herren den Damen im Wohnzimmer wieder zugesellten, nahm Lord Alphington eine Tasse Kaffee, schritt quer durch's Zimmer auf Bertha zu und setzte sich neben sie. „Darf ich fragen, ob Sie den Ring, in dessen Besitz Sie auf so eigenthümliche Weise gekommen sind, bei sich haben? frug er dann. „Ich bedauere sehr, daß dies nicht der Fall ist", erwiderte Bertha. „In London trug ich ihn in der Hoffnung, den Eigenthümer anzutreffen, fortwährend; aber als ich hierher reiste, hat man mich beredet, ihn zu Hause zu lassen." 588 Würden Sie wohl die Güte haben, mir ihn ganz genau zu beschreiben? Meine Bitte rührt nicht von bloßer Neugierde her." Bertha willfahrte gerne diesem Wunsche, doch wunderte sie sich im Stillen über das Interesse, welches der Earl daran zu nehmen schien. „Ich habe allen Grund zu glauben, dieser so merkwürdig verloren gegangene und wiedergefundene Ring ist Eigenthum meiner Familie, da man doch nicht annehmen kann, daß zwei ganz gleiche cxistiren." „Gehört er Ihnen, Lord Alphiugton? O, wie mich das freut!" rief Bertha aus; „ich bin ganz glücklich, ihn zurückerstatten zu können. Wie auffallend, daß ich hier den rechtmäßigen Eigenthümer antreffe, wo ich fast daran verzweifelte, ihn jemals zu entdecken! Dachte ich es mir doch, daß er nicht dem Manne, welcher ihn verloren hat, rechtmäßiger Weise angehören könne." „Was war das für eine Persönlichkeit?" frug Lord Alphiugton mit augenscheinlicher Unruhe. , „Ein äußerst unangenehm und gemein aussehender Mensch", cntgegnete Bertha. „Der Himmel möge mich davor bewahren, daß es derselbe ist, welcher jetzt Anspruch darauf erhebt, als mein Enkel anerkannt zu werden", sagte Lord Alphiugton mit besorgtem Blicke. „Dies werden Sie nicht zu befürchten haben, der Mann, von dem wir sprechen, ist zu alt dazu — er schien mir über vierzig Jahre zu sein." „Ah, das ist auf alle Fälle eine Erleichterung! Mein Enkel, wenn er sich wirklich als solcher herausstellt, kann höchstens scchsundzwanzig Jahre zählen. Vor achtnud- zwanzig Jahren hat mein unglücklicher Sohn England verlassen. Lady Alphiugton trug immer jenen Ring, wie es seit vielen Generationen in unserer Familie Sitte war. Als sie unsern jüngsten Sohn zum letzten Male umarmte, zog sie den Ring von: Finger und steckte denselben ihm an zum Unterpfande, daß er in Zukunft ein, seiner und ihrer würdiges Leben führen solle. Ich begreife nicht, wie er in andere Hände übergegangen sein kann, denn ich bin fest überzeugt, daß mein Sohn eher sein Leben, als den Ring geopfert hätte." Bertha hörte mit tiefem Interesse zu und sagte dann: „Der Ring ist ja von großem Werthe für Sie; ich werde ihn mir sofort schicken lassen." „Sie werden mich sehr dadurch verbinden. Aber noch ein's überrascht mich in Ihrer Erzählung", fuhr Lord Alphiugton fort, „Ihre Vermuthung nämlich, daß die Dame, bei welcher Sie Erkundigungen einzogen, mehr von dem Individuum gewußt habe, als sie sich den Anschein gab." „Ich mag ihr Unrecht thun, aber es kam mir so vor." Lord Alphiugton saß einige Zeit in Gedanken versunken da; dann begann er von Neuem: „Es ist in der That sehr merkwürdig." Plötzlich schien eine andere Erinnerung in ihm aufzutauchen, denn er frug lächelnd: „Sagten Sie nicht, daß Sie den Ring während eines gauzenMonats getragen haben?" „O, gewiß noch länger", antwortete Bertha. „Ich fand ihn ja schon Anfangs März." „Soll ich Ihnen sagen, wärmn ich lächelte; es knüpft sich eine alte Prophezeiung an das Tragen dieses Ringes, sie lautet: Diejenige, welche diesen Ring dreimal nenn Tage trägt, wird Gräfin von Alphiugton werden." „Zum Glück weiß man, daß derartige Prophezeiungen auch zuweilen nicht zutreffen", cntgegnete Bertha lachend, „sonst liefe man vielleicht Gefahr, abergläubisch zu werden." 589 Die übrige Gesellschaft nahm jetzt die Aufmerksamkeit Lord Alphingtoii's in Anspruch, aber vor seinem Weggehen kam er nochmals zu Bertha zurück und unterhielt sich mit ihr über verschiedene Gegenstände; ihr bescheidenes ungekünsteltes Wesen gefiel ihm; er bewunderte ihren Verstand, ihre reiche Begabung und Geistesbildung, welche sie unbewußt an den Tag legte; und Bertha lernte ihrerseits den alten Edelmann achten und lieben. „Sir Stephan und Lady Langley haben ihm gewiß von meinem theuern Vater erzählt und ihm dadurch auch Interesse für mich eingeflößt", dachte sie bei sich. Aber dem war nicht so. Es geschah freilich nicht selten, daß Bertha völlig unbemerkt blieb; auch von Seiten Lord Alphington's würde dies wohl der Fall gewesen sei», wenn sie nicht durch die Geschichte des Ringes zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Doch war man einmal näher mit ihr bekannt geworden, so fühlte man sich unwillkürlich von ihrer Liebenswürdigkeit gefesselt. Lena erwarb sich Bewunderer, Bertha hingegen Freunde. Beim Abschiede trat Lord Alphingtou zn den beiden Schwestern, welche ein Duett gesungen hatten, an's Clavier und sagte freundlich: Lady Langley will mir das Vergnügen machen, mich nächsten Donnerstag zu besuchen; ich hoffe sehr, die beiden Damen werden diese Freude durch Ihre Gegenwart erhöhen." Sein Blick "schloß Lena in die Einladung mit ein, aber an -sertha wandte er sich und ihre Hand ergriff er, so daß Lena ihren Aergcr, nur so nebenbei gebeten worden zu sein, kaum unterdrücken konnte. Ein anderer Trost war ihr den Tag über auch nicht zu Theil gewordcu. Am folgenden Morgen frug Sir Stephan sie beim Frühstück, ob es ihr gelungen sei, Mr. tzartley von Beechwood cinzufangcn, er könne ihr nur dazu rathen, da er ein reicher Junggeselle sei, doch fürchte er, es werde schwer halten, ihm irgend ein Interesse, außer für .Hunde und Pferde, einzuflößen. „Desto größer ist aber auch der Triumph, eine solche Eroberung gemacht zn haben. Gelt, Lena", fuhr er unter herzlichem Lachen fort. Diese erröthete und biß sich auf die Lippen. Es hatte Lena schon oft verdrossen, daß Sir Stephan sich auf ihre Kosten amüsirte. Wenn sie auch mit gewohnter Berechnung ihren Erobernngsplan durchführte, so verletzte es sie doch sehr, ihr Verhalten so unbarmherzig an die Ocffentlichkeit gezogen zn sehen. „Ich werde meinen Zweck doch erreichen", tröstete sie sich heimlich und dann mögen sie lachen, so viel sie wollen. (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Die Demuth fühlt sich arm, fühlt sich gering und schwach, lind hält von Kleinmuts! doch sich fern im Ungemach. Die wahre Demuth trägt den Starkmuth auch in sich, Sie hofft auf Gott allein; Er hilft ihr sicherlich. Wohl fühlt die Demuth arm und schwach sich allezeit, Doch Alles sie vermag in Dem, der Kraft verleiht. Das Schwere mache nicht zum Spiele, Sticht läßt sich'S mühelos bezwingen; Beharrlichkeit nur führt zum Ziele, Versuch' es neu, es wird gelingen! Vollenden und Fertigmachen Sind zwei, meist verschiedene Sachen; Mit dem Letzten gibt sich der Schüler zufrieden, Das Erste ist nur dein Meister beschicdcn. F. Beck. — 590 - Das erste Gedicht. * Es war natürlich, daß die Jubelfeier des 16. Juni 1876 die ganze Welt in Bewegung setzte. An diesem Tage hatte Pins IX., der Große, der allein von zwei- hundertundsechzig Päpsten die Jahre des heil. Petrus sah, durch dreißig Jahre die Last der dreifachen Krone getragen. Ob er auch beraubt, mißhandelt, verleumdet und verhöhnt war, wie man seit den Tagen der Martyrcrpäpste schwerlich einen Nachfolger Petri gesehen, er wurde auch von dem ganzen katholischen Erdkreis gefeiert, vielleicht wie keiner zuvor. Die Katholiken aus fünf Wclttheilcn wallten zu den Schwellen der Apostelfürsten, oder sandten Deputirte nach der ewigen Roma, dem gefangenen Papste ihre Huldigung zu bringen; sie bezeugten, wie Hüls kamp sagt, daß sie im Papste ihr wirkliches geistiges Oberhaupt und den wahrhaftigen Statthalter Christi auf Erden verehren, daß sie die Beraubung des Papstes als eine Beraubung der Kirche, daß sie die Beschränkung ihrer Unabhängigkeit als einen Eingriff in die Freiheit ihrer Gewissen, daß sie seine Verfolgung als ihre persönliche Verfolgung ansehen. Die Secundizfcier des Papstes war ein Weltfest, ein Familienfest der katholischen Kirche. Im Abend- und Morgenlande, in der alten und neuen Welt wurde es gleich festlich vorbereitet und begangen. Keine Kirche war und kein Dom, in denen nicht die Festesfreude wiederhabt hätte, und kein Stüblein und keine Hütte, in denen man nicht gebetet, gedankt und sich gefreut hätte. Die ganze Welt wurde in Bewegung gesetzt! Ja, die Welt im Großen und die Welt im Kleinen, auch die Welt der — Dichter! Kein Fest ohne Dichter. Wo immer ein Fest gefeiert wird, ein Fricdensfest, ein Jubiläum, es rühren sich Dichter und Dichterlinge sogleich. Ein Jeder möchte das Seine zur Fest- feier beitragen, sein Gedicht an der Spitze eines Wcltblattes oder doch des ersten Local- blattes gedruckt sehen, seinen Namen durch aller Leute Mund getragen und von Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt wissen, er möchte mit Einem Worte berühmt werden! Darum kein Fest ohne Dichter. Und so träumte und dachte ein Gymnasiast, der, obwohl noch gar nicht in der Poesie, dennoch den Pegasus bestiegen und auch das Seine, und wie er meinte, das Beste zur Secuudiz des großen Papstes Pius IX. beitragen wollte. Er meinte es gut, er war eine treue, gute Seele, er hing mit Liebe und edelster Begeisterung am gefeierten Kirchcuhaupte, und was konnte er dafür, daß es ihn nun einmal mit unwiderstehlichem Dränge zum Dichten trieb? Und wer könnte es ihm verargen, daß auch er wie alle Dichter bereits von seiner einstigen Größe und Berühmtheit träumte, daß es auch i h m vorkam, als werde sein Name einst neben den der „Lieblinge der Nation" genannt werden? So ist's noch allen Dichtern ergangen. Es war ein schöner Juni-Abend. Die Sonne stieg leuchtend über den Horizont hinunter, die Sterne grüßten zur Erde, die Blumen neigten auf Flur und im Wald zum süßen Schlummer ihr Hänptchen. Und über ihnen und unter den herrlichen Eichenriesen, auf denen noch die Vöglein ihr Abendlied sangen, schritt der junge Dichter der Stadt dein engen, hohen Hanse zu, in dem er ein Dachstüblein bewohnte. Bald wird die Avcglocke klingen, das bewußte Zeichen für die Studenten. Doch ehe sie noch klang, saß der Gymnasiast bereits am Pulte und neben ihm lag Koch's griechische Grammatik und die bekannte Geschichte von Pütz und der noch mehr bekannte Virgil. Doch diese lagen ruhig und schweigsam neben Ihm, er aber hatte heute das deutsche Lesebuch aufgeschlagen und blätterte sinnend im zweiten Theile herum. „Eine der schönsten Dich tungs- formen, vielleicht die schönste und erhabenste von allen" — also las der Studio laut aus dem Buche vor sich hin — „ist das Sonett." — „Also nehm ich das Sonett zu einem Hnldigungsgedichte", — „vierzehn Zeilen, — vier Strophe:!, — zwei vielzellige und zwei dreizcilige I alllla, II allda. III ecke, IV ecks u. s. w. Beispiel aus Göthc: „Natur und Knust, sie scheinen sich zu fliehen Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; Der Widerwille ist auch mir verschwunden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen!" Also las der Studio, dann klang die Avcgtockc und er betete heute recht innig und andächtiger als gewöhnlich und bat dringend die Mutter Maria sie möchte ihm heute auch Muse sein. —- Dann setzte er sich wieder an sein Pult, nahm Papier und Bleistift, und fing sogleich zu Denken und zu Dichten an: Schlagen — tragen — klagen — sagen — wagen — fragen. Wahren — fahren — Schaarcn — harren — offenbaren. Der Leser sieht, wie sich das Sonett entwickelt. Als der Thürmcr zum ersten Male den Hammer in Bewegung setzte und die zehnte Stunde gekommen war, da war die Stadt, ohne das; auch nur ein Bewohner von dieser Ehre träumte, um ein schönes Gedicht reicher und barg einen glücklichen Jüngling mehr in seinen alten Mauern. Das Gedicht tvar fertig, der erste Ritt auf dem Dichterroß gelungen, ein inniges Dankgebet sandte der junge Dichter aus der Tiefe seines Herzens zu den Sternen; der Silbermond sah lächelnd in's kleine Dachstüblein, wo vor'm Fenster der Dichter stand mit dem Papier in der Linken und also in seinem Glücke in die schöne Nacht deklamirte: Du hälft das Steuerruder jetzt schon während vielen Jahren; Du halst es fest in bangen, trüben, sorgenvollen Tagen. So sehr mich Meereswogen stürmisch an das Schifflein schlagen, Nicht wird es je zerschellend, berstend an die Klippen fahren. WaS hier Du, Schiffer, duldest: Alles wird einst offenbaren, Der hoch im Himmel höret Deine schmerzcnvollen Klagen. Doch nimmer wollen wir in all' den Leiden je verzagen, Wir wollen feste Liebe Dir und echte Treue wahren. In allen trüben Stunden wollen wir an Dich uns halten, Und immer stehen fest in Deinem fcstgcbauten Schiffe, Und keine Macht soll je uns wankend oder zitternd machen. O daß Du noch recht lange als der Schiffer mögest walten, Das Schifftest! wahren, retten vor dem jähen Felsenriffe Und aus der heimlich List der bösgesinntcn Höllendrachen! Als das letzte Wort verklungen war, da war er müde der Dichter, und so gern noch der alte Birgst ein wenig Unterhaltung gewünscht hätte, er warf sich auf's Lager, doch las er noch dreimal sein erstes Gedicht, ehe er das Lämpchcn erlöschen ließ. Vor Glück und Seligkeit konnte er lange nicht schlafen. Er erwog in seinem Geiste, welches Blatt die Ehre und Auszeichnung haben sollte, seine Spitze mit dem Gedichte zu schmücken. Und der Studio kam mit sich überein, sein Lcibblatt damit zu beehren und gleich morgen früh das Gedicht an die Redaktion dieses Blattes abgehen zu lassen. Dann siel er in Schlummer, und schlief so süß, wie schon lange nimmer. Und er träumte heute nicht wie sonst von Professoren und Scriptioncn und von der lieben Heimath, sondern nur von seinem Ruhme und seiner Dichtergröße. Als die goldene Eos im Osten herausfuhr, saß der Studio bereits wieder an seinem Pulte und schrieb ein Brieflein an die „voreheliche Redaktion" des Leibblattes. Da fuhr ihm ein Gedanke wie ein Blitz durch die Seele. Wenn das Gedicht eine Beleidigung, eine Injurie enthielte? — — Was dann? Dann könnte ich eingesperrt, könnte dimittirt werden. — Der junge Dichter kämpfte einen heißen, einen langen Kampf. Er erinnerte sich der vielen Eonfiseationcn der Blätter und Bestrafungen der Redakteure, wenn nun sein Gedicht so was veranlaßte? Er wußte sich nimmer zu helfen. Nathlos saß er über dem angefangenen Briefe. Da kam ihm seine Muse zu Hülfe und dictirte 592 ihm in die Feder: „Die Verantwortung könnte ich nicht übernehmen", und hicmit war er zufrieden und seine Skrupeln waren beseitigt. Dann schloß er den Brief und trug ihn mit Schnellschrittcn auf die Post. » Am Vorabende des 16. Juni erwartete er das Erstlingskind seiner Muse an der Spitze des Lcibblattcs. Bis dahin waren noch drei Tage, drei lauge, lange Tage. Die Herren Professoren waren nimmer recht zufrieden und eine Mathcmatikscription, die der junge Dichter zu machen hatte, soll gar nicht gut ausgefallen sein. Vor Glück und Freude und seliger Erwartung kannte er sich, wie man zu Lande sagt, nimmer recht aus. Als dann erst der 15. Juni kam, jener Tag, der das Lcibblatt mit dein Gedichte auf sein Zimmer bringen und des Dichters Ruhm in alle Lande verbreiten sollte: wie langsam flössen heute die Stunden hin, noch langsamer als am Tage vor der Vakanz! Der Abend kam. Der Studio sah nichts Anderes mehr vor seinen Augen als sein Huldignngsgcdicht in großen Schwabacher Lettern au der Spitze des Leibblattes. Und lange, lange dauerte es, bis endlich der Bahnzug in die Stadt hcrciupfiff, der in seinem Postwagen das geliebte, mit unaussprechlicher Sehnsucht erwartete Journal bringen sollte. Ja, diese Zeitungen! — Wie ein Liebesbote werden sie oft erwartet und ersehnt! Der Studio war, nachdem um vier Uhr die lästige Classe zu Ende war, längs des Bahndammes spazieren gegangen, um sich die Zeit zu vertreiben. Er hatte den Postwagen mit dem köstlicheil Inhalte an sich vorüberfahreu sehen, nun stürzte er heim und erwartete mit einem unaussprechlich eigenen Gefühle unten in der Stube der Hausfrau den geliebten Postboten. Er blieb länger, viel länger aus als sonst, doch er kam und schon bei der Thüre nahm der Studio die Zeitung in Empfang. — — Am Abende saß traurig, fast weinend der Dichter droben in seinem Dachstüblcin. Das böse Leibblatt hatte seines Gedichtes nicht einmal Erwähnung gethan, ein anderes viel schlechteres — wie der Studio meinte — glänzte an seiner Spitze. Er war namenlos unglücklich. Seine schönste Hoffnung war vernichtet, seinen Glücksstern hielt er für erloschen, kaum ein Todesfall hätte ihn mehr bcstürzcn können. Der arme Dichter! Doch er sollte entschädigt werden. Nach sieben Jahren schrieb er die Geschichte seines ersten Gedichtes nieder, und bei der Gelegenheit kam dieses selbst in die Zeitung. — N. II. M i s e e L l e u. (Probate Mittel gegen verschiedene Uebel.) Gegen den Katzenjammer: Man bleibt drei bis vier Tage, bevor man ihn bekommt, im Bette liegen, vermeidet den Genuß geistiger Getränke, versetzt sich durch einen heißen Thee in einen kräftigen Schweiß und wartet ruhig ab, bis das betreffende Diner oder Zechgelage vorüber ist. Dann steht mau fröhlich auf und geht an die Arbeit. Uroffaknm sst! — Sehr richtig heißt eS „Gegen die Dummheit": — „Hilft Nichts". Item: „Sich eine dauernde Gesundheit zu verschaffen": „Mau wähle ein reiches, aber durchaus gesundes Elternpaar und lasse sich von diesem gut und kräftig nähren und mit dem nöthigen Kleingeld versehen." (Von der „kleinen Excellenz".) Als der Abgeordnete Windthorst vor nicht langer Zeit seine Kur in Eins begann, trat ihm" au einem köstlichen Morgen ein Bekannter mit den Worten entgegen: „Excellenz bringen uns vortreffliches Wetter mit!" — „CentrnmSwetter!" antwortete schmunzclnd Windthorst, indem er vergnügt über die Brillengläser schielte. (Aus Kindermund.) „Taute, wenn Dir die Füße eingeschlafen sind, machst Du da auch Deine Hühneraugen zu?" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. - Druck und Verlag des, Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr.