Nr. 76. 1883, zur „Äugstmrgcr Pöjheltimg." Samstag, 22. September Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) AchtesCapitcl. Früh Morgens hatte es geregnet, doch als die Gesellschaft von Larkspur aufbrach, um nach Alphington-Park zu fahren, waren die Wolken verschwunden und Heller Sonnenschein an deren Stelle getreten. Eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich Bcrtha's bemächtigt; der Opalring war verloren gegangen. Die heutige Post hatte ihr diese ärgerliche Nachricht mitgebracht und ihr sonst so heiteres Gemüth wurde von den Gedanken, daß sie nun anstatt dem rechtmäßigen Eigenthümer den kostbaren Ring zurückstellen zu können, sich über den, wie sie sich in ihren: Herzen sagen mußte, durch Leichtfertigkeit herbeigeführten Verlust zu entschuldigen habe, vollständig niedergedrückt. Lena war diese unangenehme Neuigkeit vollständig gleichgültig, sie wurde ja persönlich nicht davon betroffen, denn es war nicht ihre Gewohnheit, sich durch die Sorgen Anderer, in ihren: eigenen Vergnügen stören zu lassen. Mit leuchtenden Augen und blühenden Wangen ruhte sie in der Ecke des luxuriösen Wagens und überließ sich ihren Phantasien. Sie stellte sich vor, wie ihr wohl zu Muthe sein, was sie denken und thun würde, wenn sie jetzt als die verlobte Braut der Erben dieser herrlichen Besitzungen dort ihren Einzug hielt; denn ihr Gedankenflug hatte bereits diese Richtung eingeschlagen und solche Möglichkeit erwogen. Das Schloß war ein stattliches Gebäude; der Grundriß hatte die Form eines D. Zur Zeit der Regierung der Königin Elisabeth pflegten die Architekten aus Courtoisie diese Figur zu wühlen; es war aus rothem Stein gebaut und zum Theil mit Epheu bewachsen. Ueber dem mittleren Portale erhob sich ein Glockenthurm und in den beiden Flügeln, welche die Arme des Buchstabens bildeten, befanden sich an der einen Seite die Salons und an der anderen Seite die große Bibliothek. Durch die Fenster dieser Gemächer blickte man auf eine breite Grasterrasse, welche an den: ganzen Hanse vorbei- lief und nur durch die von einen: mächtigen Greifen bewachte Treppe unterbrochen wurde. In einiger Entfernung lag ein mächtiger Hochwald, an dessen Rande man einen kleinen malerischen See gewahrte. Schon lange hatten die zahlreichen Schwäne und sonstigen Wasservögel dort, ungestört durch Ruderschlüge, unter den üppigen Blattpflanzen ihr Nest gebaut. Das Innere des Gebäudes entsprach vollständig der herrlichen Außenseite. Die große Halle mit den reichgeschuitzten Panelen aus Eichenholz wurde in: Winter durch riesige Kamine erwärmt; an den Wänden befanden sich alte Rüstungen, Waffen, Hirschgeweihe und sonstige Jagdtrophäcn. In den mit Sainmctmöbeln ausgestatteten Salons hingen die ansgewähltesten Gemälde und die Wände waren mit Majolika, Sevres und chinesischen: Porzellan, sowie mit Knnstschätzen aus Marmor und Bronce verziert; eine 602 Menge Spiegel erhöhten den Effekt des Lichtes und der Entfernung. Dies war die Heimath Lord Alphingtons, und hier begrüßte er herzlich die ankommenden Gäste. Für Alle, außer Bertha, ging die Frühstücksstunde in der heitersten Stimmung vorüber. Nach derselben führte Lord Alphington sie in die Gemälde-Galerie. Diese nahm, an der Hinteren Seite des Hauses den ganzen ersten Stock ein; die breiten Fenster waren nur durch schmale Pfeiler, an denen kostbare Vasen und werthvolle Alterthümer .standen, von einander getrennt. Man hatte eine reizende Aussicht auf den hübschen mit Springbrunnen und Statuen versehenen Blumengarten. Die Galerie bestand hauptsächlich aus Familien-Portraits. Hier blickte mit finster zusammengezogenen Brauen ein geharnischter Krieger auf die Besuchenden hernieder, und dort schaute eine ehrsame Dame mit steifem Kopfputz und Reifrock aus der Leinwand heraus. Weiter unten war ein reichgekleideter Hofmann aus der Zeit Karls I., von van Dyk gemalt und neben ihm gewahrte man eine reizende Schäferin mit fliegendem Gewände und offenen Haaren, Lurch den Pinsel Sir Peter Lely's verewigt. Lord Alphington schien in außergewöhnlich heiterer Laune zu fein, er lachte herzlich über die Scherze Sir Stephan's und besprach lebhaft die Veränderungen, welche an Larkspur vorgenommen werden sollten. Auf dem Wege zur Galerie hin nahm er Bertha, deren ernstes Aussehen ihm aufgefallen war, bei Seite. „Fühlen Sie sich nicht wohl?" frug er, sie in eine der Fensternischen führend, in freundlichem Tone. „Sind Sie müde, wollen Sie sich lieber etwas ausruhen?" „O nein, danke sehr, ich bin durchaus nicht müde, aber ich habe unangenehme Nachrichten erhalten. Zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen sagen, daß der Ring von Neuem verloren oder, wie mir scheint, gestohlen worden ist." Ihre Lippen bebten, während sie sprach, und es kostete ihr große Anstrengung, die Thränen zu unterdrücken. „Von Neuem verloren?" rief Lord Alphington erstaunt aus. „Wie hat sich das zugetragen?" Bertha zog das Schreiben ihrer Mutter aus der Tasche hervor; dieses war wie alle Briefe der Mrs. Dalton ohne jeden Zusammenhang der Ereignisse und ohne irgend einer Interpunktion von Anfang bis zu Ende geschrieben; dazu in einer sehr unleserlichen Handschrift, und jeder Mittheilung, welche sie machte, folgten eigene Reflexionen, deren Sinn kein Mensch verstehen konnte. Um Lord Alphington die Sache einigermaßen klar zu machen, war Bertha genöthigt, einzelne Sätze herauszusuchen und zusammenzustellen. Danach schien es, daß an demselben Morgen, wo Bertha das Telegramm mit der Bitte, ihr den Ring zu senden, geschickt, eine ältere verwittwete Dame Mrs. Dalton besucht hatte, um sich nach dem Charakter einer Dienerin zu erkundigen. Vermuthlich, wenigstens kam es Bertha so vor, hatte ihre Mutter sich mit der Fremden in eine weitläufige Unterhaltung eingelassen und auch von Ringen gesprochen. Die Folge davon war, daß Mrs. Dalton Bertha's Abenteuer erzählte und den Opalring hervorholte, um ihn der Fremden zu zeigen. Diese habe ihn sehr bewundert, und dann zurückgegeben, davon sei sie fest überzeugt. Als Bertha's Telegramm angekommen, habe sie den Ring aus der Schatulle herausnehmen wollen, aber er sei fort gewesen. „Er kann nicht gestohlen worden sein", schrieb Mrs. Dalton weiter, „denn ich habe das Zimmer keinen Augenblick verlassen und mich nur einmal umgewandt, um eine Adresse zu schreiben. Zudem sah die Fremde so anständig und vornehm aus, daß man unmöglich den Verdacht hegen kann, der Ring sei von ihr genommen worden, selbst wenn sich ihr auch Gelegenheit dazu geboten hätte." Mrs. Dalton drückte tiefes Bedauern aus, versicherte aber nebenbei, daß keine Schuld sie treffe. — Natürlich, sie war ja immer ein Muster von Weisheit und aufopfernder Hcrzensgüte in ihren eigenen Augen. „Und was ist nun zu thun!" rief Benha mit einem leisen Seufzer aus. „O, es ist mir so leid!" Lady Langlcy, welche ihren Kummer bemerkte, trat zu ihnen heran. „Wahrlich hast Du von dem verloren gegangenen Ringe erzählt. Es ist recht ärgerlich, aber bitte, sagen Sie ihr, daß sie es sich nicht zu Herzen nimmt", fügte sie zu Lord Alphington gewendet, hinzu. „Das müssen Sie gewiß nicht thun", bat er freundlich; „dazu ist keine Veranlassung. Der Verlust dieser alten Familien-Reliquie ist mir freilich nicht gleichgültig, jedoch augenblicklich von weniger Bedeutung, als es früher den Anschein hatte. Ich bezweifle nicht im Mindesten, daß die Person, welche bei Mrs. Dalton war, den Ring gestohlen hat und glaube ebenfalls, daß nicht der Gcldwerth desselben die Veranlassung dazu war. Diese Ansicht gibt dem Diebstahle besondere Wichtigkeit in meinen Augen." „Daran habe ich gar nicht gedacht, aber jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, finde auch ich es sehr auffallend", bemerkte Lady Langlcy. „Sie werden doch Schritte thun, um der Sache auf die Spur zu kommen?" „Ja, ich will sofort die Polizei davon in Kenntniß setzen. Irgend ein Geheimniß muß damit verbunden sein." „Das scheint wirklich so." „Was die wichtigere Angelegenheit betrifft, so bin ich äußerst glücklich, Ihnen sagen zu können, daß alle Zweifel gehoben sind. Heute Morgen erhielt ich einen Brief meines Rechtsanwaltes." Bertha blickte fragend aus. „Sie haben genügende Aufklärung erhalten?" sagte Lady Langlcy. „Gott sei Dank, ja", antwortete der Earl. Der junge Mann, welcher sich Scdley nennt, hat seine Papiere bei Thomson und Cratthit vorgezeigt. Diese versichern mir nun, daß sie vollständig in Ordnung seien. Es ist keine Frage mehr. Sedley ist der legitime Sohn meines Sohnes. Das einzig Fehlende ist dieser verloren gegangene Ring. Doch sind glücklicherweise die Beweise derart, daß er nicht unbedingt nöthig ist." „O, wie mich das freut", rief Bertha mit strahlenden Augen und erleichtertem Gemüthe aus. „Von ganzem Herzen gratulire ich Ihnen", sagte Lady Langlcy, ihrem alten Freunde die Hand reichend. „Dank, besten Dank, ich bin in der That zu beglückwünschen", erwiderte Lord Alphington, Bertha freundlich zulächelnd, während er die andere Dame anredete. „Sie sahen ihren Enkel noch nie?" > „Nein, aber ich hoffe und glaube, daß er ein echter Faucourt sein wird. Wie ich höre, hat er einige Jahre das Jale-Collegium besucht und ist seitdem viel auf Reisen gewesen. Das klingt doch Allen recht befriedigend." „Gewiß, außergewöhnlich gut. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen." ^ Samstag werde ich zur Stadt reisen, um das neuentdeckte Kind meines Hauses itt die Arme zu schließen. Höchst wahrscheinlich bringe ich ihn mit mir hierher zurück." „Und dann wird ein großes Freudenfest gefeiert; das gemästete Kalb muß geschlachtet werden", setzte Sir Stephan, vergnügt die Hände reibend hinzu. Er war näher getreten und hatte die letzte Aeußerung vernommen. Lord Alphington lächelte. „Ja, das ^ersteht sich, ich werde alle Nutzbaren einladen, Antheil an meinem Glücke zu nehmen." Bertha schlüpfte hinweg; sie dankte Gott im Stillen, daß ihre Nachricht weniger Kummer verursacht, als sie befürchtet hatte. Frank Holcrost war eben im Begriffe, das Takelwerk des im Hintergründe eines Gemäldes befindlichen Schiffes zu kritisircn, 604 worüber Lena so gelangweilt aussah, daß Bertha hinzutrat, um ihre Schwester von dieser Unterhaltung zu erlösen; deshalb frug sie: „Können Sie denn mit Bestimmtheit angeben, in welcher Weise man die Schiffe vor zweihundert Jahren aufzutakeln pflegte?" „Aber sehen Sie doch nur, es ist ja ganz unmöglich, jenes Bramsegel einzureffen", sagte der junge Mann herzlich froh, eine aufmerksame Znhörerin gefunden zu haben. „Ich verstehe gar nichts davon", lachte Bertha; „Sie müssen es mir zu Hause ausführlicher erklären, denn jetzt fehlt die Zeit dazu, da wir in den Garten gehen." Als sich die Gesellschaft am Nachmittage von Lord Alphington verabschiedete, steckte dieser einen Perlenring an Bertha's Finger, indem er sagte: „Wollen Sie ihn zur Erinnerung an Jemanden, der sich glücklich preisen wird, von Ihnen als Freund betrachtet zu werden, tragen?" Bertha dankte dem freundlichen, alten Herrn aus voller Seele und versicherte ihm, wie hoch sie d'as Vorrecht, welches er ihr dadurch einräume, zu schätzen wisse. „Mein sehnlichster Wunsch besteht darin, daß der verloren gegangene Ring, falls er wiedergefunden wird, später die Hand einer so liebenswürdigen, jungen Dame, wie Sie es sind, schmücken möge. Leben Sie Wohl, bis wir uns wiedersehen, hoffentlich bin ich dann im Stande, Ihnen Jemanden vorzustellen, der es besser verstehen wird, den Aufenthalt zu Alphington angenehm zu machen, als ich alter Mann dies vermag." Bertha, durch das Lob des Earls verlegen gemacht, flüsterte einige unverständliche Worte, und so schieden sie. Freitag mußten die Schwestern nach London zurückfahren, da Bertha's Musik- Stunden schon in der kommenden Woche beginnen sollten und sie noch einen freien Tag zu Hause zu haben wünschte. Neuntes Capitel. An demselben Nachmittage, an welchem Lady Langley, unter den Ruinen sitzend, einen Theil der Familiengeschichte Lord Alphington's erzählt hatte, schritt Mrs. Lemont unruhig in ihrem Wohnzimmer zu Westbourne Grove auf und ab. Sie schien in sehr aufgeregter, unbehaglicher Stimmung zu sein; von Zeit zu Zeit blieb sie plötzlich am Fenster stehen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf jeden Laut, der von der Straße zu ihr Hinaufdrang. In dem Zimmer herrschte eine große Unordnung, welche auf eine bevorstehende Abreise schließen ließ; ein Koffer stand geöffnet auf dem Boden; er enthielt die verschiedenartigsten Luxusgcgenstände, darunter auch diejenigen, welche Bertha bei ihrem Besuche dort aufgefallen waren. Mrs. Lemont mußte mit Einpacken beschäftigt gewesen sein, denn durch die halb geöffneten Flügelthüren erblickte man schon mehrere, mit dicken Kordeln versehene Kasten. Die Glocke schlug fünf Uhr, dann noch eine Viertelstunde und noch eine, und noch immer setzte Mrs. Lemont ihre ungeduldige Promenade fort. „Weshalb kommt er nicht?" murmelte sie halblaut vor sich hin. „Er versprach mir doch, heute Nachmittag hieher zu kommen und befahl mir, mich bereit zu halten, Mit ihm zu gehen, und ich bin bereit." ' -- Bei diesen Worten preßte sie die Hände gegen ihre Schläfe und seufzte tief: „Ich weiß, daß er sich nichts mehr aus mir macht —, ja, ich glaube sogar, es wäre ihm lieb, wenn er mich aus dem Wege schaffen könnte", fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort. „Und ich — wie ist es nur möglich, daß ich ihn noch liebe, nach all' diesen Jahren der Grausamkeit, der Vernachlässigung-und des Elendes? Ich weiß kaum ob ich ihn liebe oder hasse; er mnthct mir zu viel zu." Eine Weile lehnte sie ihre Stirne an die kalten Fensterscheiben und blickte hinaus in das rege Treiben auf der Straße. Wagen, Omnibusse und Karren rasselten unauf- hörlich vorbei; zahllose Fußgänger eilten vorüber; Alles zeigte Leben und Thätigkeit, ein greller Gegensatz zu der Einsamkeit und traurigen Leere, welche sie empfand. Endlich ward an der Hausthür geschellt. Mrs. Lcmont fuhr zusammen; rasch schritt sie zn einem Seitentische hin, anf welchem sich eine Flasche mit einigen Gläsern befand, schüttete ein Glas Wein ein und stürzte es hastig hinunter; dann ließ sie sich, als eilige Tritte anf der Treppe hörbar wurden, in einen Sessel nieder. Gleich darauf trat ein junger Mann, die Thüre hinter sich zuschlagend, ein. Mrs. Lemont erhob sich, ihn zu begrüßen, doch war von ihrer vorherigen Ungeduld nichts mehr an ihr zu bemerken. — „Du kommst spät, ich habe Dich schon einige Zeit erwartet." Er ging auf sie zu und küßte sie — dem Anscheine nach war ihnen diese Form der Begrüßung geläufig; denn nur wie eine alltägliche Gewohnheit wurde der Kuß gegeben und erwidert. Mrs. Lcmont kehrte zu ihrem Platze zurück und der Besucher setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. „Ich sagte Dir doch, daß ich kommen würde, aber nicht zu welcher Stunde, da ich dies ja selbst nicht mit Bestimmtheit wissen konnte." Er war ein großer, breitschulteriger Mann, mit aufgedunsenem Gesichte; die stark gcröthetc Nase, sowie die entzündeten Augenlider ließen auf ein lüderlichcs Leben schließen; seine Haare hatten etwas röthliche Färbung, ebenso der lange Schnnrrbart. Von Natur aus waren seine Züge nicht häßlich aber die finster zusammengezogene Stirne, der sinnliche Ausdruck der vollen Lippen und die blutunterlaufenen Augen mit dem frechen bösen Blicke verdarben vollständig den äußeren Eindruck seiner Erscheinung. „Du hast mir nichts zu erzählen, Scdlcy?" frug Mrs. Lcmont. „Bist Du bei Thomson und Catthit gewesen und sind die Beweise in Ordnung?" „Natürlich war ich dort", erwiderte Sedley; „es erfordert einige Zeit, ehe die Papiere gründlich durchgesehen sind, aber man versprach, mir noch heute Abend Antwort zu geben. Ich weiß, daß der Inhalt der Schatulle seine volle Richtigkeit hat, diesen verfluchten Ring ausgenommen. Du weißt das ebenfalls. Ich wollte, Dein theurer Bruder hätte den Ring, als er ihn stahl, verschluckt und wäre daran erstickt." „Pierre ist Dir doch zeitweilig sehr nützlich gewesen. Und der Beweis wird nicht von dem Ringe abhängig gemacht?" „Nein, trotzdem muß ich ihn haben, es mag kosten, was es will. Gib mir die Adresse von dein Mädchen, welches hier war, um sich zu erkundigen, ob nicht Jemand etwas im Omnibusse verloren habe. Wer weiß, das könnte ja der Ring gewesen sein?" Mrs. Lemont nahm aus ihrem Schreibtische Bcrtha's Karte heraus. Ein eigenthümliches Lächeln glitt über ihr Antlitz, als sie ihrem Gefährten die Karte hinreichte. Sedley steckte sie, nachdem er gelesen, was darauf stand, in die Tasche. „Sobald es mir möglich sein wird, werde ich dort als Mr. Fauconrt meinen Besuch machen", sagte er dann. „Hätte ich damals gewußt, daß ein Ring fehlte, so würde ich Pierre's Besuch hier nicht geleugnet haben", bemerkte Mrs. Lemont. „Das glaube ich, wohl, für so närrisch halte ich Dich auch nicht", entgegnetc er rauh. „Nun wie steht es, bist Du bereit, hier weg zu gehen." „Ja, ich wünsche wahrlich nicht länger hier zn bleiben, dieser Aufenthalt ekelt mich an." „Du hast, doch auch hier Deiner tollen Verschwendungssucht Genüge leisten können; ich hoffe nicht, daß Schulden vorhanden sind", fuhr Sedley in demselben barschen Tone fort. „Nein, ich habe keine Schulden", erwiderte sie, während ihre Stirne sich röthctc; sie preßte die Lippen fest zusammen, um den aufsteigenden Aergcr zn unterdrücken. „Soweit ist denn Alles gut. Darf ich vielleicht fragen, wer das letzte Opfer 606 war", setzte er höhnisch hinzu, indem er einige kleinere Schmucksachcn, welche auf dem Tische umher lagen, in die Hand nahm und betrachtete. „Ich könnte Dir wohl dieselbe Frage vorlegen", entgcgncte sie mit flammenden Blicken. „Aber wozu sollen wir uns gegenseitig beschuldigen, ich habe Dir versprochen, Alles zu thun, was Du von mir verlangst, das genügt." „Ist heute Jemand hier gewesen?" frug Sedlcy mißtrauisch. „Perkin's hatte den Auftrag, Niemanden außer Dir einzulassen; er ist ein alter Narr, dieser Perkin's, aber ich glaube, daß man ihm ziemlich vertrauen kaun. Ah, gibt es überhaupt noch einen rechtschaffenen Menschen in dieser herzlosen Welt!" Sedley lachte sarkastisch. „Die Menschen sind rechtschaffen oder nicht, je nachdem es ihnen am Besten ia den Gram paßt." „Das ist Dein Grundsatz, mein Freund, dies weiß ich zur Genüge", entgegncte Mrs. Lemont verächtlich, „und deshalb darf es Dich nicht wundern, wenn ich Dir nicht unbedingt vertraue. Wie lange soll meine Verbannung dauern?" „Wie kann ich das sagen; zuerst muß ich Sorge tragen, selbst fest im Sattel zu sitzen. —" Mrs. Lemont heftete ihre durchbohrenden, schwarzen Augen so fest auf ihn, als ob sie sein Innerstes durchschauen wolle; er suchte ihrem Blicke auszuweichen. „Du würdest mich betrügen, wenn Du könntest, aber nimm Dich in Acht, bedenke, daß Du in meiner Gewalt bist." (Fortsetzung folgt.) Gok-körner. Die Bürde des Tages sollst du tragen, Und, drückt sie auch schwer, doch nicht verzagen; Auch hättest du wohl nicht gut gethan, Fügtest du, daß sie noch schwerer sei, Ohne Noth ein neues Gewicht ihr bei: Oft hängt sich ja Manches von selbst daran. Kein Tag sei, der dein Gewissen nicht vermehre, Doch jeder rufe dir die große Lehre, Die eine Wahrheit zu, die deinem Geist Den Frieden, den die Welt nicht kennt, verheißt. Für Vieles sei wie blind, wie taub und stumm, Sieh' nicht zur Rechten, nicht zur Linken um; Doch halte offen dir den Geistesblick Für das, was fördert dein und And'rcr Glück; So findest du.den Weg wohl, den geraden, Hin durch die Welt und bleibst auf Gottes Pfaden. Thu' recht! Vertrau' dabei auf Gott allein, Er wird dein Führer, wird dein Helfer sein! Man gab dir einen Rath; — hab' Acht, von wem er kommt, Oft räth' der Eigennutz nur, was ihm selber frommt. Der Wahrheit sei dein Wort und deine That geweiht. Sei was du scheinen willst, der Schein täuscht kurze Zcit I Die Laune macht dich heiter, gesprächig oder stumm, Sie wechselt stets die Farben und weiß doch nicht warum. Was bleibst du auf halbem Wege steh'n? Nicht rückwärts, — vorwärts mußt du sch'n Sei auch im Kleinsten treu! so förderst du dein Glück; Oft gilt, was klein dir dünkt, als groß vor Gottes Blick! F, Beck. 607 Vom alten Dessauer. Wer möchte es wohl ohne Weiteres glauben, daß der Fürst Leopold von Anhalt- Dessau, der unter dem Namen „der alte Dessauer" bekannte preußische Haudegen, in seinen spateren Lebensjahren äußerst schreckhaft, ja furchtsam war! Und doch ist dem so. Die handschriftlichen Aufzeichnungen eines Zeitgenossen aus des Firsten Umgebung geben uns hierüber wie überhaupt über manches bisher Unbekannte aus dem Privatleben desselben Aufschluß. So alterirte es den alten Gencralfeldmarschall ungemein, wenn sich Abends in seinem Zimmer etwas regte, plötzlich ein Hund anschlug oder Jemand im Zimmer etwas mit Geräusch fallen ließ. Auch war er nicht gern im Finstern, noch weniger in einer finsteren Stube. Wachte er Nachts auf uud vermochte nicht gleich wieder einzuschlafen, so rief er seinen Kammerdiener, mit dem er sich über die gleichgültigsten Sachen unterhielt. In späteren Lebensjahren ließ sich der Fürst sogar, wollte er aus seinem Zimmer in das andere gehen, von zwei Bedienten führen, wiewohl er ganz gut allein zu gehen vermochte. Mit dieser Furcht, die einen eigenthümlichen Widerspruch in dem Charakter dieses Mannes bildet, der in offener Feldschlacht dem Tode so oft und muthig in's Auge geblickt, harmonirte eine eigene Unruhe in seinem Wesen. Zeitig schon ging der Fürst zu Bett. Im Sommer oft gegen Abend. Aber kurz nach Mitternacht war er dann auch schon wieder auf und fuhr um 1 oder 2 Uhr Morgens aus. Er liebte Überraschungen. Bald galt sein plötzlicher Besuch einem säumigen Gutspächter, bald einem bei ihm in Mißkredit gekommenen Forstbeamten oder Mühlenpächter. Und wehe, wo er die Dinge nicht in Ordnung fand! Da regierte der Stock. Im Essen war der Fürst einfach und mäßig. Neckereien verschmähte er und nannte sie „Kinkerlitzchen". Auf einem Küchenzettel finden wir beispielshalbcr gebackene Froschkeulen und fabricirte Kalbsmilch mit Sauce mit Rothstift dick durchstrichen und mit den: genannten Aus-^-. druck bezeichnet. Champagner kam nur an hohen Festtagen oder Ehrentagen auf die fürstliche" Tafel, so am 12. August, dem Siegertagc von Höchstüdt, und dem von Malpaquet, am 12. September. Eine besondere Liebhaberei des Fürsten war, andere Personen zu foppen und zu necken. Namentlich hing er solchen, die er nicht leiden mochte, gern Spitznamen an. So nannte er z. B einen Beamten der Rcntkammer „die große Schatulle", einen seiner Forstbeamten „Noth- schwanz", einen Dessauer Geistlichen „Kapuziner". Hofmarschall von Schlegel war der „Krückstock", ein etwas verwachsenes älteres Hoffräulein die „Kräge" (Krähe). Sparsam wie im Essen war der Fürst auch bezüglich seiner Kleidung. Die ältesten Uniformröcke und das älteste Schuhwerk behagten ihm am besten. Im Dienst führte er in späteren Jahren ein dickes spanisches Rohr mit schwerem silbernen Knopf, außer Dienst nahm er mit einem frisch geschnittenen fingerdicken Haselstock vorlieb. Besonders interessant ist, was wir über des Fürsten Verhältniß zu seiner Gemahlin erfahren. Er nannte sie vertraulich „Wicschen" und „Ihr". Als der Fürst in guter Laune einmal Abends sümmliche Wandleuchte» im Schlosse hatte anzünden lassen, und Anna Liese ihm verdrossen bemerkte: es sei dies nicht wirthschaftlich, entgegnete der'Fürst: „Uebrigens sind das meine Sachen, Wüschen, darum müßt Ihr Euch gar nicht bekümmern." Mochte der Fürst noch so mit Arbeiten überhäuft sein, so lange seine Kinder jung waren, mußten sie sammt der Fürstin jeden Morgen in sein Zimmer kommen. Die an den Fürsten von Bernbnrg verheirathete Prinzessin Luise war seine Lieblingstochter. Als er die Nachricht von deren baldigem Ableben erhielt, marschirte er mit seinem Regiment sofort nach Bcrnburg. Nachdem er das Regiment vor dem Schlosse Aufstellung genommen, ging der Vater in den Schloßgarten, und während er bitterlich weinte, betete er: „Herr Gott, ich habe lange nichts von Dir erbeten, ich will Dir auch sobald nicht wiederkommen, aber laß nur meine geliebte Tochter wieder gesund werden." Wie bereits bemerkt, war Fürst Leopold im Essen sehr mäßig, aber alle Gerichte mußten in erster Linie gut zubereitet sein. War dies zuweilen — nach seiner Meinung und Laune — nicht der Fall, kam der Koch sehr übel an. Einem Koch, der sich bei tadelndem Vorhalt einmal zu verantworten unternahm, warf der Fürst zornentbrannt sein Messer nach. Glücklicherweise ^ verfehlte das Messer rwar sein Ziel, traf aber den gerade eintretenden Flcischermeister Brandt aus Dessau, so daß dieser stark blutete. Dieser Brandt, der selbstverständlich ein fürstliches Schmerzensgeld erhielt, war beim alten Dessauer xsrsona Zratissima, weil er guten Menschenverstand besaß und dreist und gottesfürchtig war. Mit Brandt theilte sich auch der Bäckermeister Riede in des Fürsten besondere Gunst. Das verleitete denselben einst zu einem ungeschickten Streich, den ihm der Fürst bitter entgelten ließ. Riede nämlich hatte vom Fürsten eine Anweisung auf einige Klafter Holz geschenkt erhalten. Als das Holz abgeladen wurde, ging der Fürst zufällig an des Bäckers Hause vorüber und bemerkte, daß das viel mehr sei, als es der Anweisung nach sein konnte. „Kerl!" schrie der Fürst, „wie viel Holz habe ich Dir angewiesen?" — „Ach, das war viel zu wenig", versetzte Riede, vertraulich lächelnd, „da habe ich noch ein Nullechen hinzugethan." Der Fürst schwieg, aber die Revanche blieb nicht aus. Eines Abends fuhr er an des Bäckers Hause vorüber, ließ anhalten und den Meister herausrufen. Dieser er- 608 schien sofort in Hcindsnrmcln, bloßen Füßen nnd Pantoffeln am Wagcnschlage. „Setze Dich mal zn mir", sagte der Fürst leutselig, „ich habe mit Dir ein Weniges zn plaudern." Natürlich konnte der geschmeichelte Meister dieser Einladung nicht widerstehen, und so ging's unter lustigen Reden die Straße hinab, zum Thore hinaus und bei immer rascherem Trabe der Rosse zwei Stunden weit über Land. Plötzlich ließ der Fürst halten. „So", sagte er, „ich danke Dir für Deine angenehme Unterhaltung, nun kannst Du wieder ausstcigcn." Verblüfft schaute der Bäcker drein, aber kein Sperren half. Er mußte in seiner fragwürdigen Bekleidung, im Regen und Dunkeln den weiten Weg langsam zurücktappcn und noch hinter sich herrufen hören: „Schalk, das ist für das zugesetzte Nüllcchen." Ein anderer gewaltsamer Scherz traf den Rath und die Bürgerschaft von Dessau bei Gelegenheit einer Bürgcrmcistcrwahl. Der Fürst wollte den Posten für einen seiner Günstlinge, einen Franzosen Namens Bonnsos, der in Dessau Postbeamter war, reservirt haben. Bonafos aber war höchst unbeliebt und das Resultat somit vorauszusehen. Trotzdem wurde er gewählt und zwar auf die folgende originelle Weise. Beim Wahlaktus übernahm der fürstliche Protektor selbst den Vorsitz und befahl den wählenden Nathsmitglicdern, ihre Stimmen versiegelt abzugeben. Hierauf nahm er, am Kaminfcner sitzend, Zettel für Zettel in Empfang, öffnete einen nach dem andern, las „Bonafos!" und immer wieder „Bonafos!" und konstatirte, nachdem er znm Schluß sämmtliche Stimmzettel verbrannt hatte, daß Bonafos „einstimmig" gewählt sei sich um die starren Gesichter der rcsidcnzstädtischen Nathsherrcn weiter nicht bekümmernd. — Und diesen sclbstherrscherischcn, eigenwilligen Regenten, der gefürchtet war, wagte die Dessauer Straßen- jngend, wenn er ohne Beute von der Jagd heimkehrte, lärmend anzufallen nnd mit dem spöttischen Geschrei: „Etsch, ctsch! er hat Nicht!" bis zum Schlosse zn verfolgen.Kindern war ^bci ihm eben Alles erlaubt. ^ Der Fürst starb bekanntlich am 9. April 1747, nachdem er zwei Tage vorher von einem Schlagfluß heimgesucht worden war. M i s c e l l e n. > (Woher d e r N a m e Sect?) Der Ursprung dieser mißbräuchlichen Bezeichnung sür den Champagner wird von Berliner Blättern auf niemand Geringern als auf den größten nnd genialsten Schauspieler, den Berlin jemals besessen, auf Meister Ludwig Devrient, zurückgeführt. Eines Abends nämlich, in den zwanziger Jahren, als er im Schauspielhause den Fallstaff in Shakespeares „König Heinrich IV.", eine seiner unerreichbaren Meister- schöpfungen, gespielt hatte, trat er, wie immer champagnerdurstig, in seine geliebte Stammkneipe bei Lntter und Wcgucr ein und fuhr, noch immer im Charakter und mit der Stimme Sir John's, den verdutzten Kellner an: „Gib mir ein Glas Scct, Schurke! Ist keine Tugend mehr auf Erden?" — Seit jener Stunde verstand man bei Lntter und Wcgner unter „Scct" nicht mehr den spanischen Wein, der diesen Namen führt (vino Lseco, trockener Wein, weil er aus halbtrockcnen Trauben bereitet wird), sondern Champagner. Bald hatte Berlin diesen Namen adoptirt. (Eine kleine Anekdote,) die der „B.-C." erzählt und dicscsmal den für Anekdoten immerhin seltsamen Vorzug haben soll, wahr zu sein ... Zu dein Direktor einer hiesigen höheren Lehranstalt kommt eine Frau „aus dem Volke" und sagt: Ich bin nämlich die Budikcrin Schulze und habe eine siebzehnjährige Tochter. Die hat nun seit einem halben Jahre ein Verhältniß mit dein Sekundaner Müller von Ihnen, und der Müller ist ein netter junger Btann, und ich würde nichts dagegen haben, wenn ^ er meine Tochter hcirathet. Aber man muß sich als Mutter doch vorsehen, und da komme ich zu Ihnen, um zu fragen: Was hat denn so ein Sekundaner bei Ihnen anf's Jahr? .... („Daß das Rauchen die Sehkraft b c eintr ächtigt",) meint der Hr. Direktor des Ghmnasinms, „habe ich eigentlich bisher noch nicht wahrnehmen können. Wenn ich Abends einmal einen Spaziergang vor das Thor unseres Städtchens mache, so sehen mich meine Herren Primaner, die sich hinter der Blauer eine milde Havanna genehmigen schon auf tausend Schritt." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des litterarischen Instituts von Dr. Mar Huttlcr.