Unteröaktung^ökatt »m „Augsburger Postzeitimg. Nr. 77. Mittwoch, 26 . September 1883. Der OprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Sedlcy entfärbte sich. „Wenn die Veröffentlichung der Vergangenheit für mich gefahrbringend ist, so ist sie es für Dich nicht minder, meine Schöne", sagte er mit unsicherer Stimme. „Doch was nützt es, in diesem Tone miteinander zu sprechen, Julie. Laß mich doch nur erst festen Fuß zu Alphingtou-Park fassen, dann wird sich das Uebrige schon finden. Wie kamst Du auf den Gedanken, daß ich Dich hintergehen wollte? —" „Kenne ich Dich nicht hinlänglich!" rief Julie, ihn noch immer scharf fixircnd aus. Wieder suchte Sedlcy ihren forschenden Augen zu entgehen. „Du redest vernünftig, Julie", sagte er besänftigend. „Früher hast Du doch selbst zugegeben, daß es von großer Wichtigkeit sei, in gutem Einvernehmen mit dem Earl zu stehen und deshalb wäre es ja thöricht von mir, sofort mit alten Bekanntschaften herauszurücken. Du warst ganz mit meinem Plane einverstanden und ebenso mit dem Vorschlage, Du möchtest einstweilen von hier fortgehen und Dich an einem fremden Orte als Wittwe niederlassen; das kannst Du doch nicht leugnen?" „Nein, das thue ich auch nicht; ich bin fest entschlossen, die Rolle, welche mir zufällt, zu spielen. Lord Alphington ist alt und kränklich, wie Du sagst, er wird nicht lange mehr leben, und dann bist Du Dein eigener Herr. Ich kann warten; es wäre von keinem Vortheile für mich, Deine Aussichten zn zerstören. Nur bedenke, wenn Du der Earl bist, will ich die Gräfin von Alphington sein. Geschieht dies nicht, so weiß ich, wie ich, handeln muß. Glaubst Du, ich besäße nicht die Fähigkeit, eine Krone mit Würde und Anstand zu tragen? Bei diesen Worten erhob sie stolz den Kopf, als ob sie schon das Gewicht derselben auf ihrer Stirne fühle. „Du besitzest hinreichend Talent und Schönheit dazu", sagte er schmeichelnd. „Ich habe Dir ein hübsches Versteck unten in Snrrey einrichten lassen. Wenn Du Dich dort eine Weile ruhig verhältst, so wird Alles gut gehen. Beim Jupiter", fuhr er bemüht, die Unterhaltuug auf ein anderes Gebiet zu bringen, fort, „Alphingtou-Park ist eine herrliche Besitzung, ich hatte keine Ahnung, wie prachtvoll es sei, bis ich mich vorigen Sonntag mit eigenen Augen davon überzeugte." Julie nickte zustimmend. „Ich weiß es, ich war selbst dort." „Du?" rief Sedlcy erstaunt aus. „Ja, ich habe so verschiedene Mittel und Wege und erfahre und sehe mehr als Du zu glauben scheinst", fuhr sie mit boshaftem Lächeln über seine verdrießliche Miene fort. „Ich ging eines Tages dorthin und da ich in der Nachbarschaft erfuhr, daß man auf dein Schlosse eine Haushälterin suche, war mir dies eine erwünschte Gelegen- 610 heit; ich bot mich für die Stelle an und habe somit nicht allein daß Aeußere, sondern auch das Innere des Hauses gebührend bewundern können." Sedley stieß einen Fluch aus. „O, Du brauchst Dich nicht zu beunruhigen. Niemand wird Julie Lemont in der grauhaarigen Matrone mit dem altmodischen braunen Kleide und enganschließendem Hute vermuthet haben. Natürlich wurde Nichts aus der Stelle; das sollte es ja auch nicht." Der junge Mann schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. „Das ist die reinste Tollheit; Du wirst noch einmal mit diesen höllischen Streichen anlaufen." „Und wenn mir ein Unglück zustoßen sollte, so wärest Du wohl sehr traurig, nicht wahr?" frug Julie spöttisch. Sedley biß sich mürrisch auf die Lippen; er begann diese Frau zu fürchten, und der Zweifel, ob er ihr doch nicht zu viel zugcmuthct, so daß sich ihre Liebe, in Folge deren er sie früher, wie er sich ausdrückte, um den Finger wickeln konnte, nun in Haß verwandelt habe, stieg in ihm auf. Und daß Julie Lemont ebenso leidenschaftlich in ihrem Hasse wie in ihrer Liebe sein könne, davon war er fest überzeugt. Er drängte sie zur Abreise, und sie, zufrieden, eine Wohnung, deren sie so herzlich müde war, verlassen zu können, packte eiligst die wenigen zerstreut umherliegenden Sachen in ihren Koffer. Der zukünftige Aufenthaltsort, den Sedley für sie gewählt, gefiel ihr. Sie hatte gewünscht in der Nähe von London zu bleiben, um immer ein wachsames Auge über ihn haben zu können. Während sie mit Packen beschäftigt war, saß er, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt da und überlegte, wie er es anfangen müsse, sie für immer los zu werden; jegliches Mittel schien ihm recht. Er stand ja im Begriffe, eine neue Laufbahn zu beginnen und da mußten die Personen, welche sein früheres Leben kannten, unbedingt bei Seite geschafft werden. Dazu kamen noch die immerwährenden Angriffe auf seinen Geldbeutel; er verwünschte das Schicksal, welches ihm diese Last aufgebürdet; aber wie er sich davon befreien könne, war ihm selbst noch nicht klar. Einstweilen beschloß er, es von Julicn's Verhalten abhängig zu machen. Für die nächste Zeit befand er sich vor ihr in Sicherheit und später, so hoffte er, werde wohl ein glücklicher Zufall das herbeiführen, was zu thun er sich einstweilen noch scheute. Solcher Art waren seine Betrachtungen, während Perkin's auf Befehl der Herrin Wein und Kuchen vor ihn hinstellte. Kurze Zeit nachher fuhren sie mit Dienerschaft und Gepäck zur Eisenbahn. Zehntes Capitel. Mrs. Dalton saß in dem hübschen Wohnzimmer zu Joy Cottagc und erwartete voller Ungeduld die Ankunft ihrer Töchter. Draußen in: Garten hatte die warme Frühlingssonne eine Menge Knospen und Blüthen in's Leben gerufen, aber trotzdem zeigte Bertha's Blumenkorb die größte Vernachlässigung; Niemand dachte daran, ihn während der Abwesenheit seiner Eigenthümerin von Neuem zu füllen. Mrs. Dalton selbst war sich auch von Tag zu Tag verlassener vorgekommen, sie fühlte sich vollständig hülflos ohne Bcrtha und beschloß deshalb ganz gemüthlich bei sich, ihre jüngste Tochter, wenn Lena nächstens verreise, zu Hanse zu behalten. Es wurde Abend und noch immer waren die beiden Reisenden nicht angekommen. Mrs. Dalton blickte wohl zum zwanzigsten Male aus ihre Uhr, dann schellte sie. „Sara, wie spät ist es auf der Küchenuhr? Ich glaube, die meinigc geht nach. Ob ihnen wohl ein Unglück zugestoßen ist?" „I bewahre nein!" erwiderte Sara. „Die jungen Damen können erst nach einer Viertelstunde hier sein." 611 „Wirklich? Ist Martha auch zeitig genug gegangen, um an der Station mit Ihnen zusammen zu treffen?" „Sie ist schon seit einer halben Stunde fort, Madame." „Dann ist es gut. Sorge, daß das Wasser am Kochen bleibt, denn sie wünschen gewiß eine Tasse Kaffee zu trinken." Noch eine kurze Zeit banger Erwartung, und dann verkündete die ungestüme, laute Freude des kleinen Hofhundes Pinsch die Ankunft der jungen Damen. Dirs. Dalton eilte zur Bcwillkommnung ihrer Töchter hinaus und überstürzte sie mit unzähligen Fragen, so daß diese kaum Zeit hatten, sich ihrer Reiseeffckten zu entledigen. Wie sie sich amüsirt? Wen sie dort gesehen? Was sie die ganze Zeit hindurch angefangen? Wie ihnen der neue Wohnsitz Sir Stcphan's gefallen? Welcher Art die Nachbarn dort seien? Ob sie auch Lord Alphington gesehen? n. s. s. „Ist das Alles, was Ihr mir zu sagen habt?" frug sie, Lena bedeutungsvoll anblickend. „Ja, Mama, Alles," erwiderte diese leicht crröthend und sich mit dem Rücken gegen das Fenster niederlassend. Mrs. Dalton blickte sichtlich enttäuscht ihre Tochter an. „Es will mir dünken, Lady Langtet) hätte doch besser für Euer Vergnügen sorgen und Jemanden einladen können, dem es der Mühe werth gewesen wäre, zu sehen," sagte sie in beleidigtem Tone. „O Madame, Lady Langlcy war die Güte selbst!" rief Bertha aus. „Du hast auch gar keine Ursache, Dich zu beklagen," entgegnete ihre Schwester. „Sir Stephan und Lady Langlcy haben Dich von jeher verwöhnt, und Lord Alphington scheint dasselbe thun zu wollen." „Lord Alphington? Ihr habt ihn also gesehen?" frug Mrs. Dalton erstaunt. „Bertha sah ihn. Er hatte weder Augen noch Ohren für meine Wenigkeit." „Die Aufmerksamkeit, welche er mir schenkte, verdankte ich allein dein Ringe," erklärte Bertha. „Er gab mir diesen," fügte sie, ihrer Mutter den Perlenring zeigend, hinzu, „weil er vermuthete, den andern von mir zurücknehmen zu müssen." „Der Ring ist ganz hübsch aber meiner Meinung nach hätte er Dir ein werth- volleres Geschenk machen dürfen." „O nein, das wäre mir durchaus nicht lieb gewesen; ich fand es im Gegentheil sehr zartfühlend von ihm, ihn mir nur als Zeichen der Erinnerung zu schenken." „Bertha wird nie ihr Glück machen, wie Du siehst," sagte Lena mit verächtlichem Lachen. „Eine Neuigkeit muß ich Dir aber noch erzählen, Mama. An demselben Tage, wo wir zu Alphington-Park frühstückten, erhielt der Earl von seinem Geschäftsführer die Nachricht, daß ein junger Mann Anspruch darauf erhebe, sein Enkel — mithin Fauconrts Sohn zu sein. Die Beweise und Papiere seien alle gültig und ausreichend. Er ist also unzweifelhaft der Erbe. Sir Stephan und Lady Langlcy haben uns dringend gebeten, sie während dieses Herbstes wieder zu besuchen, und dann werden wir auf alle Fälle diese» Mr. Fauconrt kennen lernen." Mrs. Dalton nickte mit einem Lächeln der Befriedigung, jedoch verschwand dieses bald wieder und sie sagte: „Ich hoffe, daß er noch frei ist, aber wer weiß, ob er nicht schon eine Frau hat." „Das glaube ich nicht," entgegnete Lena. „Er ist mehrere Jahre auf Reisen gewesen und zudem sprach Niemand davon, daß er schon verheirathct sei." „Es wäre gewiß zu wünschen," sagte ihre Mutter, denn eine solche günstige Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage; voraussichtlich wird er auch während dieses Sommers wenig in Gesellschaft gehen, da sie gewiß manches in Betreff der Geschäfte zu ordnen haben werden." Bertha nahm nicht Theil an dieser Unterhaltung, sondern amüsirtc sich mittler- — 612 — weile mit dem kleinen Pinsch, der sich jedes Stückchen Kuchen durch Aufrechtsitzen verdienen mußte. Den Vorschlag Sir Stephan's sie als Tochter zu adoptiren, hatte sie verschwiegen; selbst Lena wußte nichts davon. Wie sehr sie auch die Zuneigung, durch welche dieses herzliche Anerbieten hervorgerufen ward, zu schätzen mußte, so fühlte sie doch nichtsdestoweniger, daß sie es nicht annehmen dürfe und aus diesem Grunde ließ sie die Sache auf sich beruhen. Zudem wußte sie, daß die bloße Erwähnung derselben eine wahre Fluth von Vorwürfen auf sie herabziehen würde. Wenn Sir Stephan Lust hatte, die Angelegenheit von Neuem zur Sprache zu bringen, so konnte er dies ja im Herbste thun. Sie fand es rathsam, nicht darüber zu sprechen. Im Laufe des Abends erfuhr Bertha von ihrer Mutter alle Einzelheiten, wie der Ring verloren gegangen, und sie theilte ihr hingegen mit, daß Lord Alphington beschlossen habe, die Polizei davon in Kenntniß zu setzen, um Nachforschungen anzustellen. „Dann muß das ganze Hans umgekeht werden, denn ich glaube fest, er ist in eine Spalte gefallen. Mich trifft kein Tadel, Du hättest ihn in ein besseres Etui thun sollen, so wäre es nicht vorgekommen, das mußt Du doch zugeben, Bertha." Diese antwortete nichts. Was konnte jetzt alles Reden helfen, da der Ring ja doch verloren war. Der Samstag gehörte noch zu Bertha's Ferienzeit. Nach dem Mittagessen befand sie sich mit ihrer Mutter und Lena in dem geräumigen Wohnzimmer, von wo aus man den Garten sowie den Fußpfad, welcher zum Hanse hinführte, übersehen konnte. Lena hatte ihrer Gewohnheit gemäß auf einem niedrigen Sessel, mit dein Rücken gegen das Fenster gekehrt, Platz genommen, da sie fürchtete, zu viel Licht erzeuge Sommersprossen. Bertha saß mit einem Buche in der Hand da und Mrs. Dalton, wie gewöhnlich an ihrem Arbeitstischchen. Es wurde heftig am Thore geschellt; neugierig blickte Lena hinaus und sah einen jungen Btann langsam über den Pfad dem Hause zuschreiten; Sara eilte ihm, eine Karte in der Hand haltend, voraus. Lena berührte Bertha's Arm und sagte: „Bertha, bitte, sieh einmal!" Vorsichtig, um nicht selbst erblickt zu werden, schaute diese hinaus; dann begegneten ihre Augen denen der Schwester; sie hatten beide den Besucher erkannt. Zu gleicher Zeit trat Sara in's Zimmer und überreichte Lena die Karte. „Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß." Lena nahm die Karte; auf derselben befand sich ein Wappen, welches ihr in letzter Zeit sehr vertraut geworden war und der Name: „Mr. Fancourt." „Wie seltsam", rief sie, diese ihrer Mutter hinreichend, aus. Sara, sagtest Du, der Besuch gelte mir?" „Ja, Miß, er frug nach Miß Dalton, welche er in einer kleinen geschäftlichen Angelegenheit zu sprechen wünsche." „O, jetzt weiß ich es", sagte Bertha, „es wird wegen des Ringes sein." Mrs. Dalton befahl in etwas erregtem Tone: „Führe ihn hier herein, Sara." Obschon ein wenig enttäuscht bei Erwähnung des Ringes, schmeichelte ihr doch der Besuch Mr. Faucourts, in welchem sie den künftigen Carl von Alphington erblickte, in hohem Grade und als Sedley, der schon den Namen Faucourt angenommen hatte, eintrat, erwiderte sie seinen Gruß mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln. „Wie ich höre, haben Sie nach meiner Tochter gefragt, hier sind sie beide — Miß Lena Dalton, Miß Bertha Dalton. Bitte nehmen Sie Platz." (Fortsetzung folgt.) 613 — tzSW v'-LÄ»' ML W ^ ^' v ^ -l'' '^A-- , ^ i » 6 ^ ^MPP ',! ! -m- - !- ' zl ri ^^ , .'.? -ß/ A li! : ^ '-'- ^ s,' ijtA' ' l '-'- - k ! - .' UA,i X-L' ' ^ L i-?i W« XA-M Das Niederwald-Denkmal. Die Enthnllungsfeierlichkeiten des Niederwald-Denkmals finden bekanntlich am 27. und 28. September statt. Es wird unsere Leser intcressiren, des Näheren über dieses Monument zu hören. Wo sich der Rüdesheimer Berg erhebt und weit hinausschant in's Land, des Rhemstromes Wogcngebrans belauschend, dort erhebt sich das Germania-Denkmal. Von hohem, waldnmrauschtein Hügel, an dessen Fuße die Traube reift, schaut jetzt die Germania nach jenen segensreichen Gefilden des Rhein- und Nahethales, zu deren Erhaltung in 614 dem Jahre 1870 Deutschlands Söhne nach der Grenze eilten. Dort steht das Denkmal, wie die Inschrift auf der Vorderseite sagt: „Zum Andenken an die cinmnthige siegreiche Erhebung des deutschen Volkes und an die Wiederanfrichtnng des deutschen Reiches 1870—71." Betrachten wir die Hauptdarstellungcn des Monuments und beginnen wir mit dem Postamente. Links steht der Genius des Krieges mit Schwert und Panzer und läßt durch die hocherhobene Tuba den Kriegsruf erschallen. Daran schließt sich das Nclicfbild der Mitte, die gesammte Wehrkraft des deutschen Reiches verkörpernd, geschaart um seinen königlichen Feldherrn, bereit, Gut und Blut auf dem Altare des Vaterlandes zu opfern. Rechts steht die Gestalt des Friedens mit dem Füllhorne und dem Palmzweige, so dem Gedanken Ausdruck gebend, daß es dem einmüthigcn Zusammengehen aller deutschen Fürsten und Völker gelungen, die Schrecken des Krieges oom Vatcrlande abzuwehren. Die oberen Seitenflächen des Monumentes, mit einem Lorbeer-, einem Eichen-, einem Fichten- und einem Lindenkranze geschmückt, cnthaltenaußer der eingangs erwähnten Inschrift die Namen der großen Siege und ringsum die Wappen der deutschen Staaten, überragt bon dem eisernen Kreuze und dem Reichsadler, welcher seine Flügel schirmend darüber ausbreitet. Am Fuße des breiten Sockels zeigt sich auf vorspringendem, niedrigem Postamente die sinnig komponirtc Gruppe von Rhein und Mosel. Der alte Vater Rhein überreicht der jugendlich schönen Mosel das so treu bewahrte und bewährte Wachthorn, die erweiterten Grenzmarken unseres Vaterlandes ihrem Schutze und ihrer Wachsamkeit empfehlend. Das ganze krönt das Standbild der Germania. Das Antlitz der Germania, nicht zu jugendlich, sondern dem einer reifen Franenschönhcit entsprechend, umwallt von reichem, welligen Haar, das über den Nacken fluthet, ist, wie es da so frohgemnth und gleichsam von innerer Bewegung durchglüht in der Ferne weithin über den Strom der Ströme schaut, von hinreißender Schönheit. Von dein Kopf schweift der Blick auf die übrige Gestalt. Die kräftige Brust deckt ein Brustpanzcr, auf dem der deutsche Reichsadler slachrelicf erscheint. Unterhalb des Panzers und an den entblößten Armen wird ein Kettenhemd sichtbar. Um die Schultern ist ein schwerer, vorn durch eine Agraffe zusammengehaltener Mantel geschlungen, welcher nach hinten und mehr zur Linken der Gestalt hcrabwallt und sich theilweise über den Sessel legt, rechts hingegen in Höhe der Hüften durch den mit Löwenköpfen besetzten Schwcrtgürtel aufgenommen ist und sich vorn mit dem einen Zipfel um Taille und Leib legt. Unterhalb dieser Draperic wird das zu den Füßen in breiten Falten wuchtig herab fließ ende Untergewand sichtbar. Der Mantel ist mit einer breiten Bordüre umgeben, welche durch eine Borte von kastenförmig gefaßten, zu Rosetten und Sternen vereinigten Edelsteinen nach dein äußeren Rande hin abgeschlossen wird. Das Untergewand ist mit aufsteigenden Rankcn- wcrk aus gewebeartig ziselirtem Grunde prächtig gemustert. Behufs Ausführung dieser Musterung machte Schilling, der Meister des Denkmales, vorzugsweise Studien an dem herrlichen Grabmale Kaiser Maximilians in der Hofkirchc zu Innsbruck. Es war für den Meister eine Niescnaufgabe, das gesammte Werk mit solcher Genauigkeit durchzuarbeiten und ist geradezu erstaunlich, daß dies in der kurzen Zeit von acht Jahren gelungen ist. Die Germania ist allein zehn Nieter hoch und mußte das Gußmodell derselben in fünf oder sechs Stück aufgebaut werden. In Summa wog es etwa 700 Zentner. Die riesigen Gipsmassen zu bewältigen, war ein schweres Stück Arbeit und lösten sich oft einzelne Theile los und fielen herab. So stürzte die mehrere Zentner schwere linke Hand, welche den Griff des achteinhalb Meter hohen Schwertes umfaßt, als sie noch ohne diese Unterstützung war, aus jener bedeutenden Höhe nieder, schlug den Boden des Gerüstes durch und grub sich tief in die Erde ein. Mit unermüdlicher Geduld wurde auch geändert und oft das Werk monatlanger Arbeit wieder zu Gunsten einer besseren Anordnung verworfen. Besondere Blühe verursachte die Bildung der rechten Hand, welche die Krone umfaßt; da aber der Meister unermüdlich und von peinlichster Gewissenhaftigkeit beseelt war, wurden alle Schwierigkeiten überwunden. 615 Erwähnt sei noch, daß die Kolossalfignr der Germania in der Gießerei des Hrn. v. Miller in München gegossen wurde; die vier Kränze, die Wappen, die Schrift, der Adler das eiserne Krenz und zwei Seitenstücke des Reliefs in Lanchhammer; Krieg und Friede bei Professor Lenz in Nürnberg und Rhein und Mosel nebst drei weiteren Reliefs bei Hrn. Bierling in Dresden. Am 16. September 1877 fand die Grundsteinlegung zum Denkmal statt. Kaiser Wilhelm vollzog damals den Weiheakt mit den üblichen drei Hammcrschlägen, indem er sprach: „Mit denselben Worten, mit denen mein hochseligcr Vater das Denkmal aus dem Krcnzbcrge bei Berlin weihte, weihe ich auch dieses Denkmal: den Gefallenen zum Andenken, den Lebenden zur Anerkennung, den künftigen Geschlechtern zur Nachciferung!" M i s e e l l e n. (Den hundertsten Geburtstag eines Gedichtes) feierte kürzlich die deutsche Literatur. Am 7. September 1783 übernachtete Goethe in einem einsamen Bretter- häuschcn auf dein Gickelhahn, dem höchsten Berggipfel des anmnthreichen Jlmenancr Forstes, mitten im Rauschen der Tannenwälder, in denen so oft die lustigen Fanfaren der fürstlichen Jägergesellschaft erklungen waren. An die Innenwand der kleinen Hütte, die im Jahre 1870 leider ein Raub der Flammen geworden ist, schrieb der „Wanderer", wie er sich gern zu nennen pflegte, jene innigen Verse, die sein Lebensfrennd Zelter „auf den Fittichen der Musik so lieblich beruhigend in alle Welt getragen hat." Ueber allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest Dn Kaum einen Hauch; Die Vögelcin schweigen im Walde. Warte nur, baldc Ruhest Dn auch. Am Vorabend seines dreinndachtzigstcn, letzten Geburtstages sagte der Dichter zu Friedrich Förster: „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte; sie sind durch die Wirklichkeit angeregt haben darin Grund und Boden." ... In diesen einfachen schmucklosen Versen, die zu dem Schönsten gehören, das je einen: übervollen Dichterherzen entsprungen ist, empfinden wir die Wahrheit von Gocthe's Aeußerung: die acht Zeilen fassen einen in tiefster Seele voll erlebten sehnsüchtigen Moment in einem künstlerisch vollendeten lyrischen Ausruf zusammen. Die Inschrift, die Goethe selbst wiederholt „rekognoszirte", so im Jahre 1813, und dann später ein HalbesJahr vor seinem Tode, Ende August 1831, ist inzwischen mit dem Häuschen verschwunden. Bei seinen Lebzeiten haben seine Freunde Knebel und Herder diese kopirt, und wie werth die Strophe ihn: selbst war, erhellt daraus, daß er bei seinem letzten Besuch die Blcistiftzüge derselben von dem Oberforstmcister v. Fritsch noch einmal kräftiger nachziehen ließ. Dann setzte er darunter: llsir. (ovatuu:) den 29. August 1831. Rührend ist die Schilderung dieser Wanderung, die Gocthe's Begleiter, der Berginspcktor Mahr von derselben hinterlassen hat: „Goethe überlas diese wenigen Verse", heißt es da, „und Thränen flössen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Augen und sprach in sanftem, wehmüthigen: Tone: „Ja warte nur, bald ruhest Du auch" . . . Unser profanes Seitcnftück zu Paul Gerhard's „Nun rnhcu alle Wälder" wie Friedrich Bischer bemerkt läßt übrigcus den echten Ton des Volksliedes in seiner einfachen Weise erklingen. In Kinderlicdern, die Simrock und Hoffmanu von Fallers- leben in den verschiedensten Gegenden Deutschlands nach mündlicher Ueberlieferung aufzeichneten, finden sich ganz merkwürdige Aehnlichkeiten in Stimmung und Versbau. Interessant ist auch, daß der alte griechische Elegiker Alkman ans Sardes (lebte im 7. Jahrhundert v. Chr.) ein ganz ähnliches, nur weniger jnbjektiv gewendetes Liedchen 616 hinterlassen hat. Anch die literaturgeschichtliche Fälschung hat sich an diesem vielbesprochenen lyrischen Juwel versucht. In einem Hefte „Ilmenau und seine Umgebung," dessen zweite Auflage vor Kurzem erschien, befindet sich eine phothographisch-facsimilirte Nachbildung von Goethes Inschrift (I) Dieselbe war aber bereits im Jahre 1847, wie Herr v. Löper, der gelehrte feinsinnige Goethe-Kenner, berichtet, fast unleserlich. Außerdem war die Photographie einer vom Lichte nicht beschienenen inneren Wand damals gewiß nicht möglich; ganz abgesehen davon, daß, wie neulich in der Kölnischen Zeitung (Düntzer?) darauf aufmerksam gemacht wurde, die Verse ganz anders abgetheilt waren, als sie auf diesem Photographischen Falsum zu sehen sind. Dieses sogenannte Facsimile ist, wie auch die Züge der Handschrift zeigen, ein untergeschobenes Machwerk. „Wandrers Nachtlied" wird, auch ohne daß wir die Urschrift desselben besitzen, leben, so lange Goethes Name in der Literatur genannt wird." („Ohne mich.") Professor Wollhuber schläft über der Lektüre eines interessanten wissenschaftlichen Werkes, das er Abends im Bett mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu studiren pflegt, ein, während das Licht auf dem Nachttischchen fortbrennt. Es ist nämlich sein eigenes neuestes Buch, das er zu benutzen pflegt, um sich einzuschläfern. In Folge einer unglücklichen Bewegung des Schlafenden fängt aber die Ripsgardine des Himmelbetts Feuer und beginnt unter fürchterlichem Qualm zu verkohlen. Der Professor erwacht, springt empor und löscht den Brand durch Uebergießen mit dem Inhalt der Wasserflasche. Dann lüftet er und legt sich mit dem selbstzufriedenen Ausruf wieder zu Bette: „Da sieht man, was Geistesgegenwart und Gewandtheit bedeutet, ohne mich wäre ich jetzt erstickt!" (Ein humoristischer Schriftsteller), der hauptsächlich zu seinem eigenen Amüsement schreibt, besuchte kürzlich das Concert eines ihm befreundeten Musikers, dem nicht entgehen konnte, daß der Litcrat zu verschiedenen Malen zu kichern begann und die Stimmung gefährdete. Nach dein Konzert stellte der Musiker den Humoristen zur Rede: „Es ist wahrlich nicht schön von Dir," schloß er, „daß Du Dir mein Konzert aussuchst, um Deiner Heiterkeit freien Lauf zu lassen: Habe ich etwa jemals über Deine Schriften gelacht?" . . . Und der Humorist schlich beschämt von danuen. (Eine vergnügte Ehrenjungfrau.) Als vor nicht allzu langer Zeit auf der Balkanhalbinsel ein neuer Monarch gekrönt wurde, fragte der Haupteserhöhte leutselig eine der Ehrenjungfrauen, wie ihr denn die Krönungsfeicrlichkeiten gefielen. „Oh, Königliche Hoheit", war die Antwort der unbedachten Siebzehnjährigen, „ich amüsire mich königlich. Ich wünschte, es wäre bald wieder Krönung!" Scheidender Sommer. Der Frühling kam, es blühte der Hain Und die lustigen Vogel sangen, Und es stimmten die Herzen jubelnd ein, Und der Frühling ist weiter gegangen. Und'der Sommer kam mit seiner Pracht: Das war ein Wallen und Wogen Von goldenen Achren — doch über Nacht Ist der Sommer davon geflogen. Dann kommt der Winter mit Schnee und Eis, Der grämliche, kalte Geselle; Er nistet sich ein mit vielem Fleiß, Als wollt' er nicht von der Stelle. Das ist das Leben in raschem Gang, Das flüchtige Erdcnwallen; Der Frühling ist kurz und der Winter lang, Und — das Ende will keinem gefallen! Und der Herbst mag Frucht in Scheunen und Faß Uns mild zusammentbürmen, Er plündert den Wald in argem Spaß Und scheidet in wilden Stürmen. -Der Winter vergeht mit Schnee und Eis, Das Leben mit Thränen und Sünden, Und Lenz, den Keiner zu malen weiß, Erblühet in seligen Gründen!" Getrost, nur getrost in Sterben und Leid! Wir hören es lieblich erklingen: „Du selige, fröhliche Weihnachtszeit Kamst, göttlichen Frühling zu bringen. L. v. Hcemstedc. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler. 5