Nr. 78. 1883. »m „Äugslinrger Pojheitimg." Samstag, 29. September Der GprrlrLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Nun war die Reihe des Erstaunens an Mrs. Faucourt, denn als Lena sich erhob und ihr Gesicht dem Lichte zuwandte, erkannte er in ihr sofort das schöne Mädchen, welches er durch seine plötzliche Erscheinung im Parke von Alphington so sehr erschreckt hatte. Ihr Antlitz, obschon er es nur zufällig und flüchtig gesehen, war seitdem nicht mehr aus seinen Gedanken gewichen und er betrachtete diese zweite Begegnung als ein glückliches Omen. Mit seinem Anzüge und Benehmen war eine bedeutende Veränderung vor sich gegangen, ob zum Besseren, schien sehr zweifelhaft. Die Kleider waren freilich aus dem feinsten Stoffe, Haare und Schnurrbart hatte die geschickte Hand eines Haarkünstlers zurechtgestutzt und die rothe Farbe derselben gedämpft; aber das helle Halstuch, die Korallcnknöpfe, die Blume im Knopfloch, das Angehänge der Uhrkette, die citronenfarbigcn Handschuhe, alles harmonirte nicht zusammen und war äußerst geschmacklos; sein ungeschicktes prahlerisches Wesen sowie die vergebliche Mühe, welche er sich gab, in seiner neuen Stellung behaglich zu scheinen, machten ihn geradezu widerwärtig, Er warf Lena, während er sich niedersetzte, einen frechen, bewundernden Blick zu. welcher auf Bertha's Wangen eine glühende Röche hervorrief. Lena fühlte sich nicht dadurch verletzt, sondern sank in ihren Sessel zurück; jedoch wandte sie diesmal ihr Gesicht ein wenig mehr dem Licht zu. Lena's Schönheit war weder majestätisch noch unnahbar. Wenn sie den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Arme verschlungen da saß, glaubte man ein Bild der Sanftmut!) und feinen Grazie zu erblicken, sogar ihre Ruhe und scheinbare Gleichgültigkeit hatten etwas Anziehendes. „Ich nahm mir die Freiheit, sie zu besuchen, um mich nach einem Ringe, welcher auf seltsame Weise verloren gegangen ist, zu erkundigen", begann Faucourt. „Es wurde mir gesagt, er sei von Miß Dalton gefunden worden." Er wandte sich an Lena; doch diese entgegnete ihm: „Meine Schwester fand ihn." „O, bitte sehr um Entschuldigung! Ja, ich glaube Miß B. Dalton stand auf der Karte. Würde es Ihnen unangenehm sein, mir die Person, an deren Finger Sie den Ring sahen, näher zu schildern?" fuhr er gegen Bertha gewendet fort. „Durchaus nicht", erwiderte diese und wiederholte die Beschreibung ihres vis-ä-vis im Omnibus. „Ah, genau so, es ist wie ich vermuthete", sagte er, nachdem sie geendet. „Ich kenne den Mann. Er war früher ein — so eine Art Bedienter bei mir", setzte er stotternd hinzu. „Er hat den Ring gestohlen." „Dasselbe dachte auch Lord Alphington", bestätigte Bertha. »Sind Sie mit Lord Alphington bekannt!" rief Faucourt erstaunt aus. 613 „Meine Töchter hatten das Vergnügen, ihn während ihres Besuches bei Sir Stephan Langley kennen zu lernen", schaltete Mrs. Dalton ein. Bertha hatte sich, nachdem sie die gewünschte Auskunft gegeben, in einige Entfernung zurückgezogen; sie wollte nicht mehr sagen, als unbedingt nothwendig war, da dieser Mensch ihr einen großen Abscheu einflößte. „Ich freue mich, Ihnen gratuliren zu können, Mr. Faucourt", fuhr Mrs. Dalton fort. „Lord Alphington hat meinen Töchtern mitgetheilt, daß er seinen Enkel und Erben ausfindig gemacht habe." „Ich sah den Carl noch nicht, hörte aber viel von ihm reden." „Wenn ich recht verstanden habe, so beabsichtigte er, heute zur Stadt zu fahren", bemerkte Lena, an der Unterhaltung theilnehmend. „Das war ursprünglich seine Absicht, ich erhielt jedoch heute Morgen ein Telegramm, worin mir mitgetheilt wurde, daß unsere Zusammenkunft bis nächsten Montag aufgeschoben werden müsse", erklärte Fancourt, indem er näher auf Lena, welche er fortwährend anstarrte, zurückte. „Seine Lordschaft hatte gestern einen kleinen Anfall von Podagra." Lena begegnete seinem Blick nicht, doch wandte sie den Kopf ein wenig mehr zur Seite, damit ihr hübsches Profil zur Geltung komme. - „Es thut mir leid, Sie berauben zu müssen", wandte er sich von Neuem an Bertha, da er doch wohl fühlte, daß es einer Entschuldigung bedürfe, wenn er seinem Besuch noch in die Länge ziehe. „Aber ich fürchte, ich muß Einspruch auf den Ring erheben. Sollten Sie vielleicht vorziehen, ihn den Händen Dirs. Thomson's anzuvertrauen, so gilt mir das gleich." „Wenn es in meiner Macht stände, so würde ich das recht gerne thun", erwiderte Bertha, aber leider ist der Ring, während meine Schwester und ich auf dem Lande waren, von Neuem verloren gegangen oder vielmehr gestohlen worden." Ein Fluch schwebte auf Fauconrts Lippen, als er vernahm, daß der Ring von Neuem fort sei, aber er besann sich bei Zeiten. Die Anstrengung, welche es ihn kostete, seine gewöhnliche Redeweise zu unterdrücken, um dadurch bei seinen Zuhörerinnen keinen Anstoß zu erregen, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes und ging nicht unbemerkt vorüber. „Eine Dame war vorigen Mittwoch hier?" frug er mit geröthetem Antlitz. „War sie groß, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen?" setzte er nnbcdachtsam hinzu. „Ja, sie war groß und besaß einen dunklen Teint; sie trug eine Wittwenspitze und eine blaue Brille, so daß ich die Farbe des Haares und der Augen nicht unterscheiden konnte. Eine recht gebildete, vornehme Dame", sagte Mrs. Dalton. „Zum Henker", murmelte Faucourt zwischen den Zähnen. Nachdem ihm dieser Ausruf entschlüpft, fuhr er in seiner Verlegenheit mit den Fingern durch's Haar. Bertha beobachtete ihn aufmerksam. „Glaubten Sie die betreffende Person zu kennen?" frug sie. Er schrack zusammen und erröthete von Neuem. „Ich? O, nein! Ich rieth nur auf's Geradewohl." „Wie kannst Du solchen Unsinn sprechen, meine Liebe!" redete Mrs. Dalton Bertha im vorwurfsvollen Tone an. „Es ist thöricht von Dir anzunehmen, Dir. Faucourt kenne die Person, noch ehe ich sie ihm beschrieben." „Also der Ring ist wieder verloren? Wie ärgerlich!" bemerkte Mr. Faucourt. Dabei betrachtete er die Spitzen seiner Handschuhe, als ob ihn die Lust anwandle, daran herum zu beißen. „Lord Alphington hat der Polizei davon Anzeige gemacht nnd befohlen, daß Recherchen angestellt werden", sagte Bertha, den jungen Mann scharf anblickend, ohne sich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, warum sie dies eigentlich thue. Er suchte ihren Blicken auszuweichen, und die Hand, welche den Hut hielt, bebte sichtlich. Rasch erhob er sich von seinem Stuhle: „Nun, ich muß gestehen, es ist eine verflucht verdrießliche Geschichte für alle dabei Betheiligten. Ich bin am Wenigsten zu bedauern» da mir dadurch die Gelegenheit wurde, Ihre Bekanntschaft zu machen", fügte er mit einer Verbeugung gegen die ältere Dame und einem bedeutsamen Blicke auf Lena, welche sich ebenfalls erhoben hatte, hinzu. „Darf ich hoffen, daß Sie mir, als dem Enkel Lord Alphington's erlauben, meinen Besuch zu wiederholen?" „Wir werden jederzeit glücklich sein, Sie hier zu sehen", erwiderte Mrs. Dalton. Mr. Faucourt verabschiedete sich mit vielem Danke. „Seltsam!" rief Lena aus, als sich die Thüre hinter ihm geschlossen. „Wie wenig haben wir geahnt, wer er sei, als wir ihn im Parke von Alphington begegneten? Ich habe ihn sofort wiedererkannt. Du auch, Bertha?" „Ja", war die trockene Antwort. „Erinnerst Du Dich, Du hieltest ihn damals für einen Wilddieb." „Er war so nachlässig gekleidet, und sein plötzliches Erscheinen erschreckte mich, so daß ich wirklich nicht wußte, was ich davon denken sollte." „Daß er hierher kam, um sich wegen des Ringes zu erkundigen, war ein glücklicher Zufall. Ich möchte es fast eine Fügung von Oben nennen", sagte Mrs. Dalton. „Schon jetzt merkt man ihm an, wie sehr Lena ihm gefällt." „Ich mag ihn nicht", bekannte Bertha; „Er ist kein gebildeter Mensch und offen gestanden, traue ich ihm nicht." „Du ärgerst mich wirklich, Bertha, mit Deinen albernen Ideen", entgegnete ihre Mutter. „Er ist ein recht hübscher junger Mann und wird es noch mehr sein, wenn er'all' diese Aufregungen überstanden und in Ruhe ist. Und dann bitte ich Dich, was könnte denn da Verkehrtes sein, da der Rechsanwalt erklärt, daß Alles in Ordnung sei und Lord Alphington im Begriffe steht, ihn als Enkel anzuerkennen." „Bertha ist eifersüchtig", ergänzte Lena lachend. „Gestehe es nur ein, Schwesterchen! Es behagt Dir nicht, daß ich Gräfin von Alphington werden soll. Du albernes Ding, meinst Du ich würde mir diese herrliche Gelegenheit entschlüpfen lassen?" „O, Lena, sei auf Deiner Hut", warnte Bertha. „Es ist mir nicht möglich, zu denken, daß der Mensch, welcher uns soeben verlassen hat, ein angenehmer Gefährte durch's Leben sein könne, und wenn er zwanzigmal der Sohn eines Grafen ist." „Wo Du nur all' diese einfältigen Gedanken her hast", brummte Mrs.-Dalton. „Von mir sicher nicht, — vermuthlich von Deinem armen Vater. Es wäre geradezu undankbar gegen die Vorsehung, sein Glück so muthwillig zu verscherzen. Lena hat Gott sei Dank mehr gesunden Menschenverstand. Du wirst Dich Dein ganzes Leben hindurch abarbeiten und plagen müssen, es sei denn, daß unsere theure Lena, wenn sie sich einmal in der Stellung für die sie geboren scheint, befindet, uns nicht darben läßt, sondern hinreichend mit dem Nothwendigsten unterstützt." Das entworfme Bild war rührend und Mrs. Dalton fuhr pflichtschuldigst mit dem Taschentuche über die Augen. „Um Ein's muß ich aber bitten, Bertha," fuhr sie nach einigen Augenblicken fort; mache uns bei dem nächsten Besuche Mr. Faucourt's nur keine Schande, indem Du davon sprichst, daß Du Unterricht ertheilen mußt."' „Bertha wäre dazu fähig", sagte Leng ärgerlich, „denn ich weiß, daß Sie es Sir Stephan Langley ausführlich erzählt hat." Solche Aeußerungen waren im Stande, Bertha's rebellischen Geist wachzurufen, doch bezwäng sie sich und erwiderte nur: „Mir liegt die Versuchung nicht nahe mit Mr. Faucort zu sprechen, da er mir voll« ständig widerwärtig ist.". Der Entgegnung wurde durch die Ankunft eines neuen Besuches vorgebeugt. (Fortsetzung folgt.) 620 Auf dem hohen Schachern Ein Plätzchen weis; ich so traulich, Wie keines so wnndcrreich! Wie ist's für die Seel' so erbaulich, Und herzerhebend zugleich! Den ewigen Herrn zu loben Ermähnt es die Seele mit Macht; Das Herz erquicket dort oben Der Thäler und Berge Pracht. Und Lippen und Herz und Seele, Sie beten zusammen Ein Wort: Daß nie der Segen dir fehle, Denn gern ist inein König dort! * Ja, ein trauliches Plätzchen mit allen Reizen der Natur ausgestattet, ein Plätzchen, so herzerfrischend und herzerhebend wie wenige mehr, ist der hohe Schachen bei Partenkirchen. Früher nur geübteren Bergsteigern bekannt, hat ihn des Königs hoher, idealer Sinn für alles Natnrschöne auch den zu beschwerlichen Touren weniger fähigen und geneigten Freunden der Alpenwelt aufgeschlossen und zugänglich gemacht. Welch einen Dank sich hiedurch der edle königliche Schirmherr unserer Berge verdient hat, das wissen Diejenigen zu beurtheilen, welche bereits auf dem hohen Schachen gestanden sind und sich das prächtige Panorama beschaut haben, welches sich dort dem Auge erschließt. Es ist ein prächtiger Sommerabend. Wir haben soeben dein aus einer Anhöhe gelegenen lieblichen Kirchlein des heil. Antonius zu Partenkirchen einen Besuch abgestattet und hierauf an einem schattigen Punkte in der Nähe des Kirchleins Platz genommen. So unvergleichlich schön liegt das Partnach- und Loisachthal zu unseren Füßen. Eine feierliche Abendstille ist darüber ausgebreitet. Nur wenige Bewohner des Thales sind noch auf ihren Feldern beschäftigt, die meisten sind zu Hans und Herd heimgeeilt. In der rechten Friedensstimmung erhebt sich unser Auge und entzückt beschaut es die glänzenden Felswände des Wettersteingebirges im Süden mit den weißen Gipfeln der Zugspitze im Südwesten. Bereits hat Schnee die Gipfel der Berge bedeckt und darauf wirft die Abendsonne ihre Strahlen und überzieht wie mit Gold und Silber die Felswände des Gebirgsstockes. Auch der breite Rücken des Kramcr's im Vordergründe des prächtigen Bildes erglänzt wie in magischem Lichte. — Es ist ein schönes Stück der Erde, das unser Auge beschaut, nicht von der Phantasie des Schreibers geformt oder aus der Märchenwelt von „Tausend und Einer Nacht" entnommen, — es ist ein Bild der Wirklichkeit, es ist Wahrheit, und doch liegt wiederum so viel Poesie darin! Vor den weißen, schroffen Wänden des Wettersteingebirges und zu Füßen der mächtigen Dreithorspitzc liegt majestätisch der lange, grüne Bergrücken des Schachen mit dem Königshause vor unseren Augen. Dorthin geht morgen das Ziel unserer Wanderschaft. Die Herrlichkeiten, die uns Freundesmund so prächtig geschildert, sollen wir mit eigenen Augen sehen. So oft hört nran noch von der „guten alten Zeit" reden. Ich weiß nicht, ob Alles zu rühmen und zu preisen ist, was die gute alle Zeit hatte, jedenfalls war sie liederreicher als die heutige. Und ein solches Stück aus der liederreichen alten Zeit hat noch Partenkirchen gerettet: einen singenden Nachtwächter! In früher Morgenstunde hat er uns aus heißen Träumen geweckt, und daß der erste Gedanke beim Erwachen die „Schachenpartie" betraf, ist natürlich. Es war ein herrrlicher Morgen und die Beleuchtung der Berge mit ihren schneeigen Häuptern fast noch wundervoller als am Abende vorher. Nicht lange stand es an und wir waren reisefertig. Der Nncksack war gefüllt, Schinken, Brod und Wein bildeten seine Hanptbelastung; auch der den Bergsteigern so empfehlenswerthe Cognac ward nicht vergessen. > 621 Fröhlich ging's durch die thaufeuchten Wiesen an der Partnach hin, dem tiefen Thalcinschnitte Zu, durch welchen dieses Flüßchcn mehrere Stunden weit in sanftem Gefalle daherkommt. In einer Stunde näherten wir uns der berühmten Partnach- klamm. Schon oft haben wir sie gesehen, heute entdeckten wir wieder neue Reize. Entzückt schauten wir aus der Tiefe des Thales zn den Felswänden empor, durch die sich die Partnach wie ein dünner Wasserfaden durchschlängelt. Denn es hatte wenige Tage zuvor heftig geregnet und so war der Wasserfall, der vom rechten Felsgehänge in die Klamm hereinstürzt, heute stärker wie je zuvor und unvergleichlich schön spiegelten sich die ersten Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens. Du hättest sie sehen sollen, wie die Millionen Wassertropfen — in der Höhe noch glänzende Perlen, in der Tiefe nur mehr feiner Staub — in den sieben Farben glitzerten, ein Bild so prächtig und bezaubernd, wie es eben nur die Natur malen kann. Wir stiegen sodann hinauf zur „Tcnfelsbrücke"; ein großer Stein von starker Hand weit hergcschlcppt, ward 240 Fuß hinab in die Tiefe der Klamm geschleudert, und wie ein Kanonenschuß dröhnten zur Feier des Tages die Felsen in wunderbarem Echo. Nun ging's hinauf zum lieblichen Forsthanse „Graseck", das auf grünem Nasen zanbervoll sich erhebt und verdientermaßen sich des fleißigen Zuspruches fast aller Besucher des Loisachthalcs erfreut. Nicht nur ist es die freundliche Bcwirthung mit guten Speisen und frischem Tränke, nicht nur sind es die herrlichen Geweihe von Hochwild, die uns veranlassen, das Forsthaus zu besuchen, es ist die frische, reine Berglnft, es ist die entzückende Aussicht auf die Berge und besonders den hohen Schachen, was uns dieses Stücklcin Erde so lieb macht, was Grasest solche Reize verleiht. Hier im Forsthause hat Herr Hofphotograp.h Johannes von Partenkirchen eine Station zur electro-photographischen Aufnahme von lebendein Wild (hier zunächst Rehen und Hirschen) eingerichtet. So oft sich Wild am Abhänge des Berges zeigt, kostet es nur einen leichten Druck auf ein Porzellanzäpfchen, daß sich der Apparat in Bewegung setzt und in einem Augenblicke sich öffnet und schließt. So sind in einem Momente, die Thiere photo- graphisch aufgenommen, ohne daß sie nur eine leise Ahnung hatten von den Borgängen wenige Schritte zu ihren Füßen. Bereits besitzen wir prächtige Gruppenbilder von Hirschen, von Schmalthieren, welche im Schnee Aesung suchen u. s. w. Nächstdcm gedenkt Herr Johannes auf dein 6421 Fuß hohen Krottenkopfe einen ähnlichen Apparat zur Aufnahme des Gemswildes aufstellen zn lassen. Die Bedeutung dieser Erfinduna — besonders für die Malerei — läßt sich nicht verkennen. Es hat sich jetzt schon herausgestellt, daß die Thiere, wie sie lebend aufgenommen wurden, sich in mancher Beziehung von denen unterscheiden, welche bisher die Künstler nach deren Leichen, nach der Statur d. i. nach zahmen Exemplaren u. s. f. gezeichnet haben. Doch es ist an der Zeit von Grasest und seinen Sehenswürdigkeiten zu scheiden. Der Weg führt nun ziemlich steil hinunter zur grünen Partnach und an dieser etwa dreiviertel Stunden entlang durch schattigen Wald. Zur linken Hand grüßen von steiler Höhe herab die Gehöfte von Mitter- und Hiutergrascck. Wir kommen zu den sogen, „steilen Fällen." Das sind kleine Wasserfällc, die sich terrassenförmig von schwindelnder Höhe herab in die Tiefe des Waldes stürzen, ein prächtiger Anblick in den Morgenstunden, nur darf man sich die Mühe nicht gereuen lassen, eine Strecke den beschwerlichen Pfad am tosenden Gicßbache hinanznklettern, da beim Uebergange über denselben die Acste der Bäume das großartige Schauspiel verdecken. Nun folgt stellenweise ein beschwerlicher Marsch auf steilen Wegen durch dichten Wald und grünen Wicsenplan. Froh athmeten wir auf, als wir nach zweistündigem Marsche von Grasest den „Königsweg" erreichten. Der „Königsweg" ist ein prächtiger Steig, der auf Kosten Sr. Majestät des Königs gebaut wurde und unterhalten wird und auf welchem er jährlich zweimal — an seinem hohen Geburts- und Namensfeste und wiederum Mitte September — auf 622 einem eigens construirten, zweiräbrigen, niederen Wägelchen, das mit einem Pferde bespannt ist, zum hohen Schlichen hinauffährt. Dieser sogenannte „Königssteig" nimmt zu Elmau seinen Anfang, jenem kleinen hübschen Weiler, der zwischen Partenkirchen nnd Mittenwald (näher an diesem) ein Stündchen abseits von der Poststraße so romantisch im Thale liegt. Von Elmau aus erfolgte im Jahre 1880 jener herzliche Erlaß des Königs an sein Volk aus Anlaß des Jubiläums der 700jährigcn glorreichen Regierung der Wittelsbacher. So gemüthlich geht'Z nunmehr das trefflich unterhaltene Sträßchcn hinauf; man merkt kaum, daß man einen Berg — so hoch wie der Wendelstein — zu besteigen hat. Bald eröffnet sich dem Auge ein entzückendes Panorama. An einer grünen, fast ebenen Fläche liegt malerisch die „Wetterst ein alm." Zwei größere Almhütten zur Aufnahme der Kühe bei Schneegestöber und Ungewitter liegen in Mitte des saftiggrünen Terrains. Dahinter erheben sich die steilen Stcinmassen des Wcttersteingebirges in einer Großartigkeit, die sich kaum schildern läßt. Fast Furcht und Bangen erfüllt unsere Herzen, wenn wir Hinaufschauen auf die weißen Riffe und Klippen, auf die abschüssigen Wände und Spitzen des riesenhaften Gebirgsstockes. Stein- und Sandgerölle ist im Laufe der Zeiten in die Tiefe gefahren und liegt nun in großen Massen am Fuße des Berges. Darüber hin erblicken wir stellenweise alten Schnee in schmutzigen Farben, den nur selten die Strahlen der Sonne erreichen. In mehrfachen Windungen, welche der Kenner des Berges zu vermeiden weiß, geht's nunmehr den Steig hinan. Mit jedem Schritte fast bieten sich Ueberraschungen dar. Unser Auge betrachtet verwundert prächtige Tannen, wie man sie nie in den Wäldern der Ebene findet, oft zu zwei und dreien wie aus einem Fclsgrunde gewachsen mit riescnarmigen unzähligen Aesten, die sich bis zur Erde verneigen. Bald eröffnet sich zur Rechten ein prächtiger Ausblick in's Loisachthal mit dem malerisch gelegenen Partenkirchen und Garmisch. Hier ladet eine frische Quelle zum labenden Trunke, dort hält eine romantische Felscngruppe den Blick gefangen. Es ist ein Bild voll herrlicher Scnerien, so abwechselnd, bald lieblich, bald schauerlich! Und wenn sich erst das Nainthal tief unter uns dem Auge eröffnet, da wissen wir nicht mehr, ob wir zuerst die zerrissenen colossalen Felsblöcke gleich am Abhänge des Schacheus besehen oder das darüber Hinausgelegene saftige Rain mit der herrlichen Besitzung des Herrn Hofpredigers Dr. Stöcker von Berlin in's Auge fassen und bewundern sollen. Dort ist's, als ob die Hölle in den Felsengründen geschaltet, hier als ob Engel des Himmels das friedliche Thal bebaut und bewohnt hätten. Doch alles Beschriebene bleibt hinter dem feenhaften Bilde zurück, das sich vor uns entfaltet, wenn wir den Wald verlassend in der Ferne das Königshaus erblicken. Entzückt wendet sich das Auge auf die sanft ansteigenden Höhen zur Linken, die im Monat Juni und Juli, wenn die Almrosen blühen, einen zaubervollen Anblick bieten. Das ist ein rother Teppich auf grünem Grunde, zuweilen mit weißen Steinen wie mit Perlen durchbrochen; — das ist die gütige, die schöne Natur in ihrer vollsten Prachtentfaltung; — das ist der Herr, der durch seine Blumen wie durch Engel zu uns redet, der unser Herz durch ein solch' farbenprächtiges Schauspiel mit Macht ergreifen und zu ihm erheben will. Noch wenige Schritte, und das Panorama liegt in seiner vollen Größe und Schönheit vor uns. Links, einige hundert Schritte zu unseren Füßen, liegt von Bäumen wie mit einem Kranze eingefaßt der meergrüne, stille Schachensee, an dessen Ufer sich die Stallungen des Königs befinden. Vom Schachensee hinab liegt dunkler schattiger Wald, zu tiefst das prächtige Thal der Partnach und Loisach mit den Vorbergen, in unserem Rücken der Teppich der Alpenflora und darüber hinauf die weißen, schroffen Wände des Wetterstcins. O, was ist das für eine Pracht hier in der Nähe des Königs- 623 Hauses! Hier hat seine volle Berechtigung, was der seelenvolle Dichter Wilhelm Smets singt: Welch' ein Weben, welch ein Streben, Wie durchzuckt es alle Glieder; Düfte, Farben, Töne, Lieder, Mailichfroh die Welt durchschwcben, Himmelan, zur Erde nieder: Und es steht der Mensch inmitten, Möchte Eins sich wählen gerne, Erd' und Himmel kommt geschritten, Seht, es blüht auf seinen Tritten, Seht, es schimmert in der Ferne. Und hier, wo die Natur all' ihre großartigsten Reize auf einem Punkte vereinigt hat, stehen still und einsam zwei verwitterte, winzig kleine Hütten. Der Hirte, ein alter Partenkirchner, steht freundlich grüßend vor dem Eingang der einen; auch der vielleicht fünfzehnjährige „Hirtbub" zieht sein Hütchen, um die Somincrfrischler willkommen zu heißen, die sie soweit droben in ihrer Einsamkeit aufsuchen. O wie glücklich müssen die Beiden sein! Eine Welt vor Augen, deren Schönheit auch sie zu würdigen verstehen, ferne vom Getriebe der Welt mit ihren Sorgen, bringen sie stillvergnügt in Arbeit die Tage des Sommers hin. Und schon gar hohe Besuche hat der Hirte in seiner Hütte auf der Schachenalm empfangen. Erst Heuer wieder hat Se. Majestät der König am Morgen seines hohen Geburts- und Namensfestes an die Thüre des alten Hirten geklopft. Mit freudiger Miene kam er hervor, und wie er seinen geliebten König und Nachbar sieht, der ihn, den armen Alten, zuerst aufsucht an so festlichem Tage, da rollt das Blut wie jugcndfrisch in seinen Adern, der Mund öffnet sich und so schlicht und so herzlich spricht er zum königlichen Herrn: „Herr Kini, i wünsch Eng halt alles Guts zu Engern Tag." Und der junge Hirtbub soll echt partcnkirchnerisch beigesetzt haben: ,,J' o'" (ich auch). Der König freute sich herzlich der beiden guten Leute und ihrer herzlichen Gratulation und beschenkte jeden mit einem Goldstücke. (Schluß folgt.) Goldkörner. Erst besinnen, dann beginnen, Wird erreichen, wird gewinnen. Merk', wenn du willst am Ziele sein: „Eile sehr" brach Hals und Bein, „Komm zu spät" ward ausgelacht, „Komme recht" hat's gut gemacht. In Freud und Scherz, in Leid und Schmerz Nicht' Aug' und Herz stets himmelwärts. Früh nieder und früh auf, Verlängert den Lebenslauf. Glaube nicht Alles, was Du hörst, Daß du nicht dich und And're bethörst- Rcdc wenig, Rede wahr, Zehre wenig, zahle baar, Fürchte Gott und sei verschwiegen, Was nicht dein ist, das laß' liegen! Ein gutes Wort, ein guter Spruch Lehrt mehr oft als ein ganzes Buch. F. B e ck. 624 MLscellen (Einige witzige Grobheiten von Karl Gutzkow) ans der Zeit seines Weimarer Aufenthalts werden der „Tgl. Ndsch." initgcthcilt. Eines Tages besuchte den Dichter die bekannte Schauspielerin Lia vonBulyovsky und erzählte ihm so haarsträubende und unglaubliche Begebenheiten aus ihrem Leben, daß ihn nur die einer Dame schuldige Höflichkeit zum Anhören zwang. Die Schilderung ihrer Erlebnisse wurde aber endlich so grausig, wie sie nur der ärgste Scnsationsroman enthält, und da erschien es Gutzkow doch nöthig, ihre Phantasie zu hemmen. „Verehrte Frau," sagte er lächelnd, „wie harmlos das klingt! So etwas erlebt doch ziemlich Jeder, das ist doch nichts. Ich glaubte, Sie wollten mir erzählen, die Kaiser von Marokko und Brasilien hätten sich scheiden lassen und so lange um Ihre Liebe gefleht, bis Sie Erbarmen gefühlt und Beide zugleich gcheirathet hätten." Mit ihrem schönsten Lächeln nahm die Dame diese Bemerkung auf und ließ das Thema fallen . . . Eine der „drcihundcrtundncunzig Dresdener Schriftstellerinnen," wie er zu sagen pflegte, besuchte ihn in seiner Wohnung in der Bürgerschnlstraße. Die äußerst redselige und neugierige Dame fragte das „Blau vom Himmel herunter", und Gutzkow war höflich genug, ihr jede Frage zu beantworten. Als aber das Fragen nach den gleichgültigsten Dingen gar kein Ende nahm, erhob er sich und eilte ins Nebenzimmer. Mit einer Rolle kam er zurück, überreichte sie der Dame und sagte: „Das viele Fragen, liebes Fräulein, greift Sie entschieden an. Sie werden noch heiser. Hier haben Sie fünfzig Briefbogen und fünfzig Couverts. Gehen Sie nun ins Hotel schonen Sie sich, und was Sie noch zu fragen haben, ich bitte — schriftlich. Sollten fünfzig Bogen nicht ausreichen, so schreiben Sie es nur, ich habe mehr davon." Das Fräulein verstand den Wink, empfahl sich und ließ die sämmtlichen Briefbogen leer. * (Die Herkunft eines Liedes.) Im südlichen Deutschland wird vielfach ein Lied gesungen, das also beginnt: „Und wenn ich stirb', stirb', stirb', Müssen mich zwölf Jungfern trag'n, Und dabei Zither'n schlag'n :c. :c." — Dieses Lied stammt aus Italien, von wo aus es sich — gleich manchen andern welschen Sitten und Gebräuchen — nach dem deutschen Süden Bahn gebrochen. Es war im Jahre 1418, als zu Padua ein Professor der Rechte, mit dem Namen Luigi Cortnsi, das Zeitliche segnete, ein Sonderling, welcher in seinem Testamente die Verfügung traf, daß man ihn mit fröhlicher Musikbegleitung von zwölf jungen Mädchen zu Grabe tragen lasse, und daß Niemand dabei eine Thräne weinen solle. Diesem wunderlichen Einfall entsprang dann das erwähnte Lied im Volksmund, das bis heute sich erhalten hat. — (Ans der Dorfschule.) Pfarrer (zum Schulkunden): „Nun Hans, sage mir einmal, warum dürft ihr Jungcus nicht ins Wirthshaus gehen?" — Baucrnjnnge (nach längerem Besinnen): „Damit wir nicht sehen, wie viel der Herr Lehrer trinkt." Räthsel. Was dir die erste Silbe nennt — halt' fern! Der Gute flieht es, Niemand hört es gern, Dem Funken gleiches, der, starker angefacht, Zur Flamme leicht auflodern kann mit Macht. Trug'st du's im Körbchen heim, die trefflich munden. Die beiden zweiten künden Schön'res dir: Der Garten schmnckl's als hnnderlsält'ge Zier; Du ließest es wohl oft in guten Stunden, Das Ganze ist der Name einer Frucht, »st vr.t. Die ma» umsonst in Wald und Garten sucht; Und doch, wie groß sie fei, wie winzig klein, Sie kann der Grund zu blnt'gem Zwiste fein. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liicrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler.