Nr. 79. 1883. / zur „Äugsbilrger Postzeitirng.^ Mittwoch, 3. Oktober Der GpalrLng. Noman aus dem Englischen von E. E (Fortsetzung.) Elftes Capitel. Als Mrs. Faucourt durch das Gartenthor hinaustrat, stand er plötzlich Jemanden gegenüber, welcher Einlaß begehrte. Dieses war ein kleiner, gelenkiger Mann mit glatt rasirtem Gesichte, klugen grauen Augen, buschigen Augenbrauen und dünnen Lippen, welche sich an den Ecken etwas in die Höhe zogen, so daß er eine beständig lächelnde Physiognomie hatte. Sein Anzug bestand aus einfachem, schwarzem Tuche, welches weder sehr modern noch sehr neu war. In der Hand trug er ein blaues Taschentuch. Faucourt würde ihn nicht bemerkt haben, wenn er nicht gerade dort mit ihm zusammengetroffen wäre. Er hielt ihn für den Schreiber eines Advokaten und wunderte sich im Stillen, welche Geschäfte dieser wohl in der Villa abzumachen habe. Es entging ihm, daß der Mann mit einem scharfen durchdringenden Blicke sein ganzes Aeußere gleichsam in sich aufnahm. Faucourt hatte keine Zeit seine Aufmerksamkeit einer so unbedeutenden Persönlichkeit zuzuwenden. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Hause, welches er eben verlassen und was er dort gehört und gesehen. Er war keinen Augenblick im Zweifel gewesen, daß Julie Lemont die verwittwete Dame vorgestellt und den Ring gestohlen habe. Bei diesem Gedanken knirschte er mit den Zähnen und der Entschluß, sich dieses gefährlichen Weibes, welches so enge mit seinen Angelegenheiten verknüpft war, zu entledigen, gelangte zur Reife. Er mußte sich von ihr befreien — durch welches Mittel, darüber war er mit sich selbst noch nicht im Reinen. Lena Daltou's Schönheit hatte ihn bei ihrer zufälligen Begegnung im Parke zu Alphington überrascht; nun, wo er sie wiedergesehen, war seine Leidenschaft erwacht, und er beschloß, sie für sich zn gewinnen und zu heirathen. An der Einwilligung der Mutter zweifelte er nicht; doch schien es ihm, als ob die jüngere Schwester ihm feindlich gesinnt sei. Aber was lag daran, gegen seinen entschiedenen Willen würde sie machtlos sein. Er ballte die Faust, ungeachtet der zart citronenfarbigen Handschuhe, da er in seinem Inneren schwur, alle Hindernisse, die sich ihm zur Erlangung seiner Wünsche in den Weg stellten, rücksichtslos zu zermalmen. Sara hatte das Thor noch nicht geschlossen, als der neue Besucher ankam. »Ist Ihre Herrin zn Hause, meine Liebe?" sagte der durch's Thor hinein- schlüpfende kleine Mann. „Was wünschen Sie?" frug Sara, welcher die familiäre Anrede nicht sehr gefallen schien. „Melden Sie gefälligst der Mrs. Dalton, das Mr. Riggs sie zu sprechen wünsche. — 626 — Sie wird mich nicht kennen, deshalb sagen Sie ihr, ein Auftrag Lord Mphington's führe mich hierher. Bei Erwähnung dieses Namens machte Sara einen Knix und bat Mr. Riggs, sich nach dem Hause hin zu verfügen, während sie mit ihrer Botschaft vorauseilte. „Im Auftrage Lord Alphington'ss" wiederholte Mrs. Daltou erstaunt. .„Vermuthlich ist das auch wegen dieses widerwärtigen Ringes. Ich werde den Mann wohl empfangen müssen?" wandte sie sich fragend an Bertha. „Gewiß, Mama, warum auch nicht?" „Führe ihn hier herein, Sara. O Himmel, werden wir oenn me mit dieser Geschichte zu Ende kommen! Bertha, ich wollte, Du schnittest die schweren Fransen von Deinem Shawle ab. Schließlich bringst Du noch einmal eine Börse, oder eine Uhr, oder was weiß ich, darin mit nach Hanse. Bitte treten Sie ein." Mit diesen letzten Worten erwiderte sie die höfliche Begrüßung Riggs: „Ihr Diener, meine Damen!" Und den Hut in der Hand haltend, blieb er an der Thüre stehen. — „Sie kommen im Auftrage Lord Mphington's? Bitte nehmen Sie Platz." Mr. Riggs setzte sich in der Nähe der Thüre, seinen Hut unter den Stuhl schic- Lenv, und warf rasch einen Blick im Zimmer umher, bevor er sagte: „Jawohl, Madame. Ich bin ein Geheimpolizist und hierher gekommen, um mit Ihrer gütigen Erlaubniß Erkundigungen wegen eines verloren gegangenen Ringes anzustellen." „Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden", entgegncte Mrs. Daltou aufgeregt. „Doch kann ich in der That nicht sagen, ob und von wein der Ring gestohlen worden ist; ich halte dies auch gar nicht für wahrscheinlich, glaube vielmehr, daß er in eine Spalte des Bodens hineingefallen und schwerlich wieder zu finden ist, ohne das ganze Hans umzudrehen. Mr. Riggs lächelte — aber dies that er ja immer. „Wir würden wenig in Anspruch genommen werden, wenn alle die Leute, denen chr Eigenthum abhanden gekommen ist, jedesmal genau angeben könnten, wo es sich befindet. Wollen Sie gefälligst die Güte haben, mir alles dasjenige zu erzählen, was sich an dem Morgen, als der Ring verloren ging, zugetragen hat." Mrs. Dalton wurde, so oft sie diese Begebenheiten schildern mußte, immer verwirrter und unfähiger, sich genau zu erinnern, was die Fremde gesagt oder gethan hatte, doch schloß sie auch in diesem Falle mit der Versicherung, daß so eine liebenswürdige, anständige Dame unmöglich den Ring genommen haben könne. „Sah noch sonst Jemand die betreffende Person?" frug Mr. Riggs. „Nur Sara, unser Zweitmädchcn. Die Köchin war ausgegangen und Sara und ich allein zu Hause. Ich war froh, daß es nicht ein fremder Btann war; ich verbiete auch immer der Sara einen Fremden einzulassen, wenn wir allein sind." „Würden Sie mir erlauben, Madame, dem Mädchen einige Fragen vorzulegen?" „Gewiß, fragen Sie nur, so viel Sie wollen. Bertha, willst Du schellen?" > Sara erschien so schnell, daß die Vermuthung nahe lag, sie sei nicht allzuweit von Der Thüre entfernt gewesen. „Dieser gute Mann wünscht Dich Einiges zu fragen, Sara: antworte ihm so gut Du kannst", befahl Mrs. Dalton in hochmüthigem Tone, indem sie sich mit übereinander geschlagenen Armen in ihren Sessel zurücklehnte, vollständig befriedigt über die klare Auskunft, welche sie in der Altgelegenheit gegeben hatte. . Sara erinnerte sich der fremden Dame recht gut, sie sei groß, ungefähr von derselben Größe, wie Miß Lena gewesen und habe eine dunkle Gesichtsfarbe gehabt. „Eins ist mir an ihr aufgefallen; da ich hinter ihr herging, bemerkte ich, daß eine kleine chwarze Locke unter dem Hute hervorkam und vorne war der Scheitel doch ganz weiß. 627 Und da dachte ich oei mir", setzte Sara hinzu, „du hast wohl schon öfters in deinem Leben Damen gesehen, welche einen schwarzen Scheitel auf dem weisen Haare trugen, aber doch noch nie das Umgekehrte." „Du bist ein vernünftiges Mädchen", sagte Mr. Riggs, als er den verlangten Bericht gehört; „dafür wünsche ich Dir auch einen recht braven Mann." „Oho!" rief Sara, sich von Lachen schüttelnd und den Kopf in den Nacken werfend, aus. „Das. ist wieder echt, wie alle Männer sind, immer zu denken, ein Mädchen sei nur darauf aus, einen Mann zu bekommen! Man ist noch besser daran, wenn man keinen hat, es müßte denn ein sehr guter sein; so denke ich." „Entferne Dich jetzt, Sara", sagte ihre Herrin mit strafendem Blicke, und das Mädchen zog sich eiligst in die Küche zurück, um Martha alles, was sich zugetragen, mitzutheilen. „Und wollen Sie mir nun noch eine Frage erlauben? Wer war der junge Mensch, welcher in demselben Augenblicke zum Thore hinausging, als ich eintrat. Ich glaube ihn beim Thomson und Cratschit gesehen zu haben." „Jener Herr", entgegncte Dirs. Dalton, bedeutenden Nachdruck auf das Wort „Herr" legend, war Mr. Faucourt, Enkel und Erbe Lord Alphington's." „So, so, also richtig wie ich vermuthete" sagte Mr. Riggs leise kichernd. „Kennen Sie ihn schon lange? Kannten Sie ihn schon ehe er den Namen „Faucourt" führte?" „Nein", erwiderte Mrs. Dalton zurückhaltend, da ihrer Meinung nach dieser Mensch seine Befugnisse überschritt und aus bloser Neugierde Fragen stellte; „ich habe ihn früher nie gesehen, er kam hierher, um sich ebenfalls nach dem Ringe zu erkundigen." „Hm! So! er kam also deshalb hierher, wirklich, ich finde das schon ganz natürlich von ihm." Bei diesen Worten erhob sich Mr. Riggs, den Hut unter dem Stuhle hervorlangcnd. „Meinen besten Dank, Madame. Ich habe augenblicklich nichts weiter zu fragen. Schönen guten Tag, meine Damen!" und mit leichtem Kopftiickcn empfahl er sich. „Ich werde Sie bis an das Thor begleiten", sagte Bertha, ihm zur Thüre hin ausfolgend. Sie fühlte einen unwiderstehlichen Drang, diesem Mann ihren vorhin gefaßten Verdacht mitzutheilen, aber sie wagte nicht, dies in ihrer Mutter und Lena's Gegenwart zu thun. „Mir ist etwas an Mr. Faucourt aufgefallen, wovon ich Sie in Kenntniß setzen möchte", begann sie, während sie mit dein Geheimpolizisten auf das Thor zuschritt. „Wie mir schien, drückte er sich äußerst vorsichtig aus, als ich ihn frug, ob er den Menschen, welcher mit mir im Omnibus gefahren sei, kenne, und dann gab er zu, daß er früher bei ihm in Diensten gestanden. Ebenso, als meine Mama ihm von der fremden Dame erzählte, frug er augenblicklich, ob sie nicht groß und dunkel gewesen, und später, sagte er, daß er diese Aeußerung nur so auf's Geradcwohl gemacht habe. Es mag sein, daß ich ihm Unrecht thue, aber auf mich macht es den Eindruck, als ob er die Dame kenne, und deshalb hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen dieses mitzutheilen." Vielen Dank, meine werthe junge Dame; auch der leiseste Wink kann von Nutzen sein; gerade dadurch, daß wir die kleineren verschiedenen Umstände zusammen fügen, gelangen wir endlich zur Lösung des Knotens. Empfehle mich Ihnen, Miß." Mr. Riggs entfernte sich, und Bertha kehrte mit langsamen Schritten nach dem Hause zurück. Die schmerzliche Enttäuschung, welche Lord Alphington bevorstand, stimmte sie traurig. War dieser gemeine, verkommen aussehende Mensch wirklich der von ihm so heiß ersehnte Enkel und dazu bestimmt, die Würde und Ehre dieses alten Hauses zu repräsentiren? Wie trügerisch sind die Hoffnungen der Menschen! Ach, dieser arme alte Mann, welcher jetzt noch mit Sehnsucht die Stunden zählte, bis es ihm vergönnt sein würde, dem jüngsten Sprossen der laugen Ahnenrcihe die Hand zu drücke» und ihn mit Freuden in sein Haus einzuführen! Als Mr. Riggs Joy Collage verlassen halle, nahm er sich eine Droschke und fuhr in die Nähe von Fitzroy-Square. Dort stieg er aus, entließ den Wagen und schellte an einem Hause, welches, nach dem großen Fenster auf dem ersten Stocke zu schließen, die Wohnung eines Malers war. Nachdem er auf seine Frage, ob Mr. St. Lawrence zu Hause sei, eine bejahende Antwort erhalten, klopfte er an der Thüre des Ateliers an. (Fortsetzung folgt.) Auf dem hohen Schacher». (Schluß.) Vom Schachensee und der Schachenalm heißt es noch gut eine halbe Stunde steigen bis die Umfriedung des Königshauses erreicht ist. Der Weg hat nichts Einförmiges, manch' Neues bietet sich wieder dem Blicke und ohnehin fesseln die Felswände des Wettersteines mit der Dreithorspitze fast unaufhörlich unser Auge. Den Botaniker interessirt hier besonders der Anblick der Zirbelkiefer. Ihre Wurzeln haben wie mit Armen einen Felsblock umschlungen, auf dein sich der Stamm des Baumes buchstäblich auf einem steinernen Sockel erhebt. Die Zirbelkiefer liefert prächtiges Holz zur Meubelfabrikation. Die durch königliche Gnade begründete Schnitzschnle zu Partenkirchen hat schon manchen Stamm derselben glücklich verarbeitet und wer Gelegenheit hatte, die prächtige in altdeutschem Style erbaute und eingerichtete Villa des Wiesbadener Konditors Schweißgut zu Partenkirchen sich anzusehen, der versteht den Werth der Zirbelkiefer vollends zu schätzen. Wir stehen vor dem Königs Hause, einem prächtigen, im unmuthigen Schweizer- style erbauten Schlößchen mit zierlichen Altanen und Veranden, solid aus Stein gebaut mit hölzerner Umkleidung gegen die Unbilden des Wetters. Die Lage des Hauses ist reizend, die Aussicht, besonders von der südlichen Veranda, muß entzückend sein. Aus guten Gründen ist der Besuch des Königshanscs nicht gestattet. Von den Gemächern wird ein türkischer Saal mit Vorhängen und Teppichen nach maurischen Mustern als besonders prächtig genannt. Einige Schritte vom Königshansc entfernt, am Abhänge des Hügels steht das Forsthaus mit der Wohnung des Försters, der königlichen Küche und den Zimmern für das Dienstpersonal. Eine kleine Strecke von hier erhebt sich auf einem Felsenvorsprnnge in schwindelnder Höhe ein Pavillon des Königs, welcher auch den Touristen zugänglich ist und mit Recht der schönste Punkt am hohen Schachen heißt. Das Panorama, welches sich hier mit einem Male vor dem entzückten Beschauer entfaltet, kann nicht geschildert werden. Verwundert und vor Staunen fast sprachlos weiden wir unser Auge an den nie geahnten Netzen des Rainthals oder schauen hinauf zu den Riffen und Wänden des Wettersteins, der sich hier in großartigster Pracht und fast in seiner ganzen Ausdehnung vor uns erhebt. Hier könnten wir Stunden verweilen und langsam das Nainthal mit all' seinen Schönheiten verfolgen. Wie es senkrecht hinab zu unseren Füßen liegt, von einem reizenden Flüßchen, der Partnach, durchzogen! Weiter entfernt erblicken wir im Thals zwei kleine, bläulich schimmernde Seen, die „blauen Gnmpen" genannt, eines der prächtigsten Bilder der Alpenwelt, welches schon oft photographisch aufgenommen wurde. Vor dem ersten der beiden Seen entdecken wir eine Hütte malerisch gelegen, welche Eigenthum des Münchener Turnvereins sein soll. Am Ende des Nainthales erblicken wir die grünen Matten des „Anger's", des letzten Rnhepunktes vor der Besteigung der Zugspitze. Darüber hin erhebt sich die mächtige Steinwand des Höllenferner mit seinen Schnecmassen, von der Mittagssonne herrlich beleuchtet. Hier ist des Staunens kein Ende, und wer hier zum erstenmale die Wunder der Alpenwelt sich betrachtet, wie fühlt er sein Herz gehoben, wie fühlt er sich glücklich, auf Augenblicke mag er alles Weh und alle Sorgen vergessen, die sein Herz belasten. Die Seele voll Gedanken steigen wir wieder den Schachen hinab. Wir möchten uns das Bild, das wir geschaut, tief in's Herz einprägen, um es nie wieder zu vergessen. Doch dreimal glücklich ist der, dem Gelegenheit gegeben ist, das zaubervolle Bild sich zur Nachtzeit zu beschauen. Es ist der Vorabend des 25. August. Der König ist in der Abenddämmerung zum Schachensee hinabgestiegen. Er hat sie mit Freuden gesehen, die vielen Bergfeuer, die rings auf den Höhen des Loisachthales dem König zu Lieb und Ehren angezündet wurden; er hat sie mit Staunen betrachtet, die weißen Felscolosse des Wettersteingebirges, wie sie fahles Mondlicht wundervoll übergoß. In eigenthümlichem Glänze schimmerten heute die Tannen und Kiefern. Aus dem grünen Teppich der Alpenflora traten die weißen Felssteine reizend hervor. Wie zum Gruße vor ihrem irdischen Herrn und König neigten die Blümchen das Häuptchen, und wie zum Segensgebete flüsterte es aus den Aestchen der Bäume und im Kelche der Blume. Nun steigt er wieder vom See herauf und ein überraschendes Bild ist es, das sich den Augen Sr. Majestät darbietet. Das Königshaus ist prächtig beleuchtet. Rings auf den Altanen und Veranden schimmern Hunderte von Lichtlein. Am Abhänge zu Füßen der Vordcrfronte des Hauses erglänzt des Königs Namenszng in Hellem Lichte. Die hohen Wände des Wettersteins erstrahlen in bengalischer Beleuchtung. Hier und dort flammen Raketen auf und grüne und blaue und rothe Sternlein fallen spielend zur Erde. Das ist ein eigenthümlicher Glanz, in dem nun die Tannen erstrahlen, in dem die grauen vom Blitze geknickten und der Rinde entblößten hohen Kiefern schimmern, der über Berg und Thal so zaubervoll ergossen ist. Das ist eine Sommernacht, wie sie der Tiroler Cölestin Gschwari besingt, jener jugendliche Dichter, der erst 24 Jahre alt in seiner Vaterstadt Meran den kann: geöffneten Liedermund zum Tode schloß. Die Quellen murmeln, rauschen Ein Lied vom Liebesmai, Die Edeltannen lauschen Der tiefen Melodei. Und wie die Bäume schweigen So andachtsvoll umher, Will sich darüber neigen Der Himmel sternenschwer. Als wie mit gold'nen Rosen Ein blauer Baldachin Wölbt er sich ob dem großen Altar der Erde hin. Voll rosig Heller Glnthen Lacht hehr das Himmelszelt, Als wollt' es froh verbluten Aus Liebe zu der Welt. Wir aber auf den Höhen, Umrauscht von Waldcsgrnn Der Abendlüfte Wehen, — Wir lagen auf den Knie'n. Und wie das Ave wieder Ertönt in ernstem Eher, Da schwebt der Himmel nieder, Zu ihm die Erd' empor. Das ist eine Sommernacht, wie sie eben nur auf einem hohen Schachen möglich ist. — Fast waren wir traurig, als die Zeit vorrückte und wir uns entschließen mußten, die Pracht dieser Höhen und dieses Eden wieder zu verlassen. Schnell ging's nun die Tiefe hinab und nach drei Stunden langten wir in Graseck an. Bald nach uns kamen Touristen von der Dreithorspitze und der Frauenalpe oberhalb des Schachens an, etwas später trafen einige kühne Herren ein, welche die Zugspitze besteigen und heute noch die Station Anger erreichen wollten. Oft erinnern wir uns noch mit Freuden der Schachenpartie. Denn solch ein Ausflug auf den hohen Schachen wirkt förderlich auf die Gesundheit, und solch' ein Einblick in die Schönheit und Großartigkeit der Alpenwelt erhebt Herz und Seele, erfüllt mit neuer Begeisterung für die Natur, mit neuer Lust zu Arbeit und regem Schaffen, erhöht unsere Liebe zum .Könige, dem edlen Schirmherr» unserer Berge, dem warmen Freunde des hohen Schachens. Am 19. September 1883. 630 Die Türken vor Wien.*) Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals übersetzt von Hanns Mctzler. 1. Tetschelija schielt — der stolze Banus — Schwere Briefe aus nach allen Winden. Einen sendet er dem Erdcljitscha, Dem Beherrscher der kroat'schen Lande:') 2. „Erdcljitscha, Banus der.Kroaten! Schon ist vollgefüllt ein Jahr mit Tagen, Seit den König wir verloren haben, Aus dem eig'nen Volk den cig'ncn: *) Das vorliegende Gedicht schildert uns die Belagerung, Vertheidigung und Befreiung Wiens im Jahre 1683, deren zweihundert- jühriges Jubiläum am 12. September d. I. gefeiert wurde. Es ist einem bei dem südsla- vischcn Volke sehr beliebten Büchlein entnommen und trägt dort den Titel: „I'iema oä Leos," (Lied von Wien). In „Rar^ovor n^oäni" (Das augcucbme Zwiegespräch) — so heißt das Buch — schildert uns der Dichter die Helden und Heldenthaten seines Volkes, und zwar in der Art, daß Milo- van aus den schwarzen Bergen seinen: ehemaligen Waffenbruder Radovan diese'Thaten erzählt, rcspectivc ins Gedächtniß zurückruft. Der Dichter Andreas Kaoio-Miosio ist im dalmatinischen Dorfe Brist im Jahre 1690 geboren und als siebzigjähriger Greis im Kloster Zoastrog (ebenfalls in DaluiatieiO gestorben; er stndirte in Buda Philosophie und Theologie, trat dann in den Orden des heil. Franciscns ein, ward Lehrer der genannten Fächer, wurde Guardian und stiftete als solcher ein neues Kloster; die auf ihn gefallene Wahl zum Pro- vinzial lehnte er ab. Die Zeit, welche ihm sein Beruf übrig ließ, verwendete er auf literarische Arbesten. Von diesen ist die Abfassung des genannten Buches die wichtigste; als apostolischer Legat machte er nämlich eine Reise durch Dalmaticn, Bosnien und die Herzegowina, sammelte eine große Menge historisches Material und verarbeitete dasselbe in „Rar^ovor uAoävi!" — der süd- slavischen Jliade — durch welches er sich den Namen eines sehr bedeutenden Dichters verdient hat. ') Die Schreibweise des Originals in Bezug auf die Eigennamen ist fast ohne Ausnahine beibehalten worden. — Tetschelija — Tötöly Graf Emcrich; Erdcljitscha — Graf Erdödy. Strophen 2 bis 15 enthalten ein bcwunderungs- wertbcs Charaktergcmäldc des Rebellen Tököly. Wenn Tököly auch uicht der alleinige Anstifter des Türkenrricges war, wie der Dichter und seine Laudslcute aus Unkenntlich der Politik Ludwig's XIV. glaubten, so war er doch der Erste, welcher den Sultan auffordern ließ, auf Wien selbst loszusteuern. (S. Onno Klopp: Das Jahr 1683" p. 137). 3. Seit ein fremder König uns regieret, Dieser Leopold, der deutsche Kaiser. Sag', wohin sind uns'rc alten Rechte!? Sag', wohin der Ruhm der Ungarfürstcn! ? 4. Endlich ist es Zeit, daß wir erwachen, Daß wir unsern cig'ncn König krönen, Der mit Huld und Gnade uns regiere, Uns ein milder, treuer Vater werde. 5. Nun, so hör' den Rath des Tetschelija: Werfet ab das Joch des Wiener Kaisers; Wählet mich zu cu'rcm Herrn und König Und dann krönet mich im Dom zu Prcßburg. 6. Reichthum will ich geben euch und Schätze. Um mich sammeln meine fcur'gcn Ungarn' Will die Städte alle dann erstürmen, Alle bis nach Wien und um dasselbe. 7. Felder will ich geben euch und Wiesen, Schöne Dörfer auch und große Märkte Hohe Burgen dann und reiche Städte, Wie sie eu're Ahnen einst besaßen. 8. Aber sollt ihr mich nicht hören wollen, So ersass' ich Ungarns stolzes Banner, Werfe nieder die kroat'schen Staaten Und verwüste bis nach Laibach Alles. 9. Also, Kinder! Nicht den Kopf verlieren, Werdet Tetschelija's Unterthanen, Wie es kurze Zeit ist's her — die Ungarn- Fürsten und die Ritter all' geworden." 10. Von den Briefen, die er schreibt, den zweiten Sendet er dem Mächt'gen Türkcnkaiser: „L-ultan, Kaiser, Herr der ganzen Erde! Was ich künde ist Dir frohe Kunde. 11. Meine Ritter haben mich erkoren Und zum König mich gemacht von Ungarn. So bin ich der Feind des deutschen Kaisers, Deines größten Feindes Feind geworden. ^) 12. Und nun bitt' ich Dich, mein großer Kaiser, Sammle alle Deine starken Heere; Ich will Krieger sammeln in ganz Ungarn Und im weiten Siebenbürgcrlande. 13. Und dann wir gen Wien marschiren; Nicht gar schwer wird's sein es zu erstürmen. Deutschland, d'rauf Italien soll bezwungen, Selbst das stolze Rom soll unser werden. 14. Jetzo, Zar! ist Deine Zeit gekommen, Jctzo räche Deine Janitscharcn; Deinen Todfeind kannst Du jetzt vernichten Diesen Leopold, den deutschen Kaiser, 15. Welcher Dir so viele Qual geschaffen, Welcher Deine Janitscharcn köpfte. Nun verbeug' ich mich vor Dir zum Schlüsse, Küss' das Knie Dir und den Saum des Kleides." 16. Banus Erdcljitscha, Herr im Lande Der Kroaten, sendet die Antwort: 2 ) Tököly wurde 1676 allerdings zum Haupte der Aufständischen gewählt (O. K. p. 85), doch das türkische Königsdiplom mit Roßschwcif und Fahne erhielt er von Jbrachim Vaicha 1682. 631 Lass' vas Possenreißcn, kecker Jüngling! Noch so jung und schon so roll von Hochmuth ! ^) 17. Wir gehorchen keinem andern König, Als dem alten Leopold, dem Kaiser, Welcher — muß ich's Dir noch erst erzählen? — Uns wie seine eig'ncn Kinder liebet. 18. Nein, wir werden eher kämpfend sterben, Als zu unsrem König Dich erwählen, Fremd ist Dir ja Recht und wahrer Glaube, Ehrst Du doch wie einen Gott den Calvin." 19. Mehmcd^) aber schrieb, der mächt'ge Sultan: „Treuer Diener Tetschelija, Banus! Dreimal wird der Mond nicht wiederkehren, Bis Dir Hisse kommt von allen Seiten." 20. Was der Sultan sprach, das blieb gesprochen. Eilig fing er an sein Heer zu sammeln; Von der hohen Pforte bis gen Bagdad Nies er all' die auserlcs'nen Helden. 21. Palästina ruft er und das weite Asien, dann Rumänien, dann Bulgarien, Dann Albanien und dann Maccdonicu, Boßnicn^) auch und die Herzegowina; 22. D'rnuf die Walachei, die ganze Moldau Und die Tartarei noch bis nach Wender Lika und Slavonien und Korbawa Und zuletzt noch Cattaro und Siga. 23. Als das Heer in langen Schaarcn hinzog Durch die endlos weiten Eb'ncn Ungarns, Hätt' zu zählen es Niemand vermögen, Keiner ihm Widerstand leisten können. 24. Gegen Wien hin drängen all' die Schnaren, Lieder singen sie, die Rosse wiehern. Pascha und Vezire an der Spitze Gleichen alle giftgeschwelltcu Schlangen. 25. Vorne ritt der Großvczir, der mächt'ge Viclbcrühmte Karali Mustnpa; Ihm zunächst der Vezir — Paschn Deli- Jbrniru aus Ofen — dann die Andern. H s) Mit dieser Antwort stimmen die belobenden Anerkennungsschreiben des Kaisers Leopold des 1. an die Kroaten (O. K. p. 281). Daraus erklärt sich auch, warum der Dichter das vorliegende Gedicht in seine Sammlung aufgenommen hat. Mohammed IV. «st Es ist unrichtig „Bosnien" zu schreiben, weil das Land nicht Bozna, sondern BoSna heißt. °) Ueber Kara Mustapha (siehe Näheres O. K. p. 49.) Hier wurden sechs Strophen des Originals weggelassen, in welchen 19 Pascha aus dem Türkcnheere ausgezählt sind. 26. Ich vermag nicht Alle Dir zu nennen, Weil das Lied sein Ende nimmer fände. Jetzo aber hör', mein Kampfgenosse, ?) Hör' den Jammer und das große Elend. 27. Wo ein Türkenschwarm sein Lager aufschlägt; Ueberall ist Tod und Pest und Seuche, Krcisemnord und grnnser Mord von Kindern Doch die Jungfrau schleppen sie znin Harem. 28. Wie sie vor das schöne Wien gekommen, Hatten sie Wohl hunderttausend Sclaven, Hunderttausend and'rc waren Leichen. Also schreiben Männer, die es wissen. 29. Kurz? Zeit nachher bekam der Kaiser Leopold ein wenig freud'ges Schreiben Von dem großen Herzog von Lothringen. In dem Briefe spricht der Herzog also: 30. „Mein erlauchter, großer, mächt'gcr Kaiser! Siehst Du nicht vor Dir das ganze, starke Heer der Türken mit dem großen Feldherrn Karali Mustapa an der Spitze!? 31. Nun, so flieh' doch, edler Greis, und opf're Fruchtlos nicht das uns so theure Leben." Als der Kaiser diesen Brief gelesen, Zwang der bitt're Kummer ihn zu Thränen. 32. Jetzo ruft er Starhcmberg, den Fürsten/) Spricht zu ihm und redet männlich also: „Starhcmberg, mein Fürst, so reich an Ahnen, Doch an Treue gegen mich noch reicher! 33. Dir vertrau' ich Thron und Reich und Krone. Mein geliebtes Wien und seine Bürger Mit dein Heer — Du magst cS selber wählen — Sollst Du, wie Dein Haupt, die Stadt beschützen. 34. Ich will meine Lande all' durchwandern. Will mir alt und Jung zu Hilfe rufen. Lass' den Muth nicht sinken, feur'ger Falke, Denn es wird Dir schnelle Hilfe werden." °) 35. Als die Nacht mit ihrem Schutz gekommen, Floh aus seinem theuren Wien der Kaiser; Nahm mit sich die .Kinder und die Gatiin, Seine Diener und die treue Garde. r) Man sehe die Anmerkung zur Ansschrift. °) Feld-Zengmeistcr, später Fcld-Marschall Ernst Rüdiger Starhcmberg war Gras, nicht Fürst. Ein Kenner slavischer Verhältnisse wird dem Dichter verzeihen, daß er in diesem Punkte auch anderswo nicht ganz genau ist. ") Die Motive der Flucht sind hier und in Strophe 31 wahrhcitc-geiren dargelegt, was für die damalige Zeit sehr ausfälln In Bezug auf Strophe 34 (s. O. K. g. 328). (Fortsetzung folgt.) G o l d k 6 r n e in Vor seiner Thüre kehre Jeder rein, So werden sanver alle Straßen sein. Lieber Nein Unrecht gelitten, Als vor . - ,cht gestritten. F. Vcck. Himmelsschan im Monat Oktober. — X. Merkur L steht in der Jungfrau, kommt am 21. in die größte östliche Entfernung von der Sonne und ist um diese Zeit am Morgenhimmcl gut zu finden. Venus y wird am 27. Abendstern, geht jedoch bald nach der Sorme unter. Mars c? steht im Krebse, geht 11 Uhr Nachts in NO. auf und zeigt sich in den Morgenstunden bei der Sterngruppe der Krippe. Am 19. trifft er mit dem Jupiter, am 23 mit dem Monde zusammen. Jupiter 2 p im Krebse vor 11 Uhr Nachts am nordöstlichen Horizont sichtbar, geht zuletzt um 10 Uhr Abends auf. Am 22. ist er nördlich vom Mond. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 6., 13., 22., 29., 31.; der zweite am 6., 13., 31.; der dritte am 4.; der vierte am 6. und 23. Saturn H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends und steht am 18. nördlich vom Monde. Der Kugeldurchmesser beträgt 18, die Durchmesser seiner Ring- axen 45 und 19 Bogensekunden. Miscellen. (Theater-Toiletten.) Ein Schauspieler schreibt im „Berl. Tagbl.": „Man hat in der Großstadt kaum eine Ahnung davon, wie man sich in kleinen Proviuzial- städtcn zu helfen weiß, und welche Jnszeuirungs- und Kostümfrevel dem Publikum zu- gemuthet werden. Ich z. B. verdankte mein Engagement an eine pommersche Wanderbühne einzig und allein dem Besitz eines zwar einstmals „hochmodern" gewesenen Pfirsich blüthefarbenen" Sommerüberziehcrs, und als beschlossen ward, die „Räuber" aufzuführen, in welchen ich als junger Volontär höchstens einen stummen Räuber geben zu dürfen wähnte, wurde ich nicht iveuig überrascht, als der Direktor sofort erklärte: „Herr S. spielt den Kosinski, er hat einen hellen Paletot!" . . . Kosinski in einem modernen hellen Sommerüberzieher I . . . Den Damen unserer Bühne machte der „Toilleten- luxus" auch nicht viel zu schaffen. Die Direktrice war im Besitz einer „Maria Stuart"- Robe, welche sie auch in den Birch-Pfeifferschen Stücken und als Handschuhmacherin im „Pariser Leben" (!) trug. Aus guten Gründen! Sie besaß nicht viel mehr als noch einen Pelzmantel, an dem der Pelz fehlte. Was aber würden die Franzosen, die ihre Aufmerksamkeit selbst auf Format und Farbe der auf der Bühne verwendeten Briefe ausdehnen, sagen, wenn sie es erleben würden, daß — wie es bei uns in einem Städtchen an der Saale der Fall war — Merced» im „Don Carlos" dem Jnfanten im letzten Akt einen die königlichen Gemächer erschließenden Schlüssel übergibt, an welchem eine Waschklammer hing. DcrSchlüssel gehörte zum — Eiskeller des Wirthes. Man muß sich eben zu helfen wissen!.... (Kindlich.) Mutter: „ Heute, liebe Anna, ist der Geburtstag Deiner Großmutter, da mußt Du ihr Glück wünschen und den lieben Gott bitten, daß er sie noch lange erhält und recht alt werden läßt." — Anna: „Ach, liebe Mutter, ich will lieber zu Gott beten, daß er sie wieder jung werden läßt, denn alt genug ist sie schon." (Was genießt der brave Soldat im Frieden?) — Brod, Fleisch, Kartoffel. — Nun ja, das ist wohl richtig; was genießt er aber außerdem noch? Suppe, Brei. — Schafskopp! Er genießt die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und die Achtung der Civilpersonen. (Zweierlei.) FrauNosi: „Wiegeht's im heiligen Ehestände?" — FrauKathi: „Recht gut. Mein Mann hat g'studirt und was im Kops." — Frau Rosi: „Der meinige auch, aber nur, wenn er am Abend aus dem Wirthshause kommt." Auslösung des Räthsels in Nr. 76: „Zankapsel." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litterarischen Instituts von Dr. Max Huttler.