Nr. 81. 1883. zur „Äugsimrger PHMimg." Mittwoch, 6. Oktober -- Der Gpalring. Roman aus dein Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington begann in eisigem Tone: „Ich schng Ihnen diese Zusommenknnft vor, weil ich dem Worte meines Nechtsanw altes, daß die Beweise gültig seien, vertraute; ich habe die Papiere nun selbst durchgesehen und finde sie so, wie er gesagt hat. Indessen möchte ich Ihnen noch einige Fragen vorlegen." Der junge Mann machte eine tiefe Verbeugung. „Sie erinnern sich vermuthlich Ihres Vaters nicht mehr?" „Ganz und gar nicht, Mylord; er starb, als ich noch ein Kind war." „So ist es Ihnen wohl auch unbekannt, daß ich gleich nach dem Tode meines Sohnes, als ich erfuhr, er habe eine Frau und einen Sohn hinterlassen, Nachforschungen nach diesen anstellen ließ, aber ohne Erfolg. Können Sie mir hierüber Aufklärung geben? —" „Mr. Fancourt heirathete sehr bald nach seiner Ankunft in Amerika und nahm dann den Namen seiner Frau, welche Sedley hieß, an. Wie Sie in meinem Taufschein gesehen haben werden, bin ich dort unter dem Namen Sedley eingetragen. Nach seinem Tode verließ die Wittwe ihren bisherigen Aufenthaltsort und kehrte zu ihren Verwandten nach dem Norden zurück." „Sie sprechen von Ihrem Vater und Ihrer Mutter?" frug Lord Alphington in demselben kalten Tone. „Ja, gewiß, Mylord", erwiderte Fauconrt mit einem Ausluge von Verlegenheit. Der Carl legte ihm noch mehrere Fragen vor, aber in so vornehmer Zurückhaltung, beinahe Strenge, daß Mr. Thomson fast Mitleid mit dem jungen Menschen empfand. Er hatte vorausgesehen, wie bitter enttäuscht der alte Herr sein werde, aber eine solche Abneigung, wie dieser sie gegen seinen Enkel an den Tag legte, kam ihm doch unerwartet, und er bedauerte es beinahe, die Papiere in Ordnung gefunden zu haben, da er wußte, daß sich dieses Verhältniß auch im Laufe der Zeit nicht günstiger gestalten werde. Fauconrt bemerkte sofort, daß er keinen günstigen Eindruck hervorgerufen habe; dies erschreckte ihn anfangs, da es seine Berechnung zu nichte machte. Er hatte gehört, Lord Alphington sei ein alter, zuweilen recht kränklicher Mann und so glaubte er, einen schwachköpfigen Faselhans, wie er ihn im Geiste zu nennen Pflegte, anzutreffen, mit dem er schon bald fertig werden wolle. Und nun fand er anstatt dessen in ihm diesen edlen vornehmen Lord, dessen klarer Verstand und scharfes, durchdringendes Auge ihn aus der Fassung brachte. Es dauerte eine geraume Weile, ehe er seine gewöhnliche Frechheit wiedererlangte und sich mit dem Gedanken tröstete, daß es für ihn noch viel an- 642 genehmer wäre, wenn der Earl seine Gesellschaft nicht wünsche. Jedenfalls würde ihm doch eine namhafte Snmine als Jahresrente ausgeworfen werden und diese könne er dann frei und ohne jegliche Aufsicht zu seinem Vergnügen verwenden. Lord Alphington machte mittlerweile einen heißen ,Kampf mit seinem Gewissen ! durch; er war ein streng rechtlicher Mann und würde es darum für Unrecht gehalten haben, seinen Enkel die schmerzliche Enttäuschung, dem Bilde, welches er sich von ihm entworfen, nicht zu gleichen, entgelten zu lassen. Daher beschloß er, diese heftige Abneigung und das Gefühl des Mißtrauens zu überwinden und ihn vorerst persönlich einige Zeit zu prüfen, ehe er ihn verurthcile. In einem milderen Tone sagte er: . „Es wird am Besten sein, wenn Sie heute Abend bei mir speisen, wir können s dann ausführlicher unsere Pläne für die Zukunft entwerfen. Sie finden passende Ge- j mächer hier im Hause in Bereitschaft für Sie. Ich wohne fast nur zu Alphington Park, und so werden wir uns gegenseitig wenig geniren." ^ Fauconrt wollte ihn mit Dank überschütten, aber der Earl unterbrach ihn: - „Der Sohn meines Sohnes und der Erbe meines Titels wird stets dasjenige erhalten, worauf er ein Recht hat. Wenn wir uns näher kennen, wird das persönliche ! Interesse vielleicht folgen; dies hängt jedoch lediglich von Ihnen ab." Nachdem er dieses gesagt, erhob er sich zum Zeichen, daß die Unterredung beendet sei. Fauconrt verstand den Wink und erhob sich ebenfalls. Der Earl nickte herab- ? lassend mit dem Kopfe, ohne die Hand auszustrecken, und der junge Mann zog sich mit einer tiefen Verbeugung, froh, die Zusammenkunft überstanden zu haben, zurück. Laut seufzend sank Lord Alphington in seinen Sessel nieder und rief aus: , „Barmherziger Himmel, kann es möglich sein, daß dieser gemeine Emporkömmling, Fancourt's Sohn ist?" „Ihm hat die Leitung seines Vaters gefehlt", sagte Mr. Thomson entschuldigend. „Aber zählt die edle Abstammung für gar nichts, mein Freund? Ich wünschte, - o ich wünschte — doch das ist jetzt nutzlos", fuhr er sich selbst unterbrechend fort. „Es ist entsetzlich, meine schönsten Erwartungen so zu Grunde gerichtet zu sehen. Einem ^ Leben voller Glück und Zufriedenheit sah ich entgegen, anstatt dessen werde ich nun von beständiger Furcht gequält sein, dieser Mensch habe vielleicht schon, oder werde in Zu- ^ kunft noch meinen fleckenlosen Namen besudeln. Ich kann ihm nicht das Eigenschaftswort „jung" beilegen, denn sein Aeußeres verräth mir, daß er alt und erfahren in allen möglichen Lastern ist." „Sie beurtheilen ihn gewiß zu streuge", versuchte Mr. Thomson zu trösten. „Selbst angenommen, Mr. Fancourt habe früher ein wenig über die Stränge geschlagen, so kann er sich doch jetzt bessern." „Ein wenig über die Stränge geschlagen!" rief der Earl erbittert aus. „Sagen , Sie lieber ein lüderliches Leben geführt, oder ich müßte mich in seiner Physiognomie - sehr täuschen. Nach diesen Worten versank er in tiefes Schweigen und Mr. Thomson , hielt es für angemessen, sich zu entfernen. Er nahm seinen Hut und sagte: I „Sie haben keine weiteren Befehle für mich, Mylord?" ! „Augenblicklich nicht, danke Mr. Thomson", erwiderte Lord Alphington, wie aus s einem Traume erwachend. , „Ich werde Sie rufen lassen, sobald ich Ihrer bedürfen sollte." ^ Sie verabschiedeten sich mit freundlichem Händedrucke. Mr. Thomson fuhr nach Westminster und Lord Alphington blieb mit seinen trüben Gedanken allein zurück. Drcizehntes Capitel. Au einem wundervollen Maitage war große musikalische Unterhaltung im botani- i scheu Garten zu Negent's Park. Schon zeigten die Bäume ihr frisches saftiges Grün und die schönen Frühlingsblumen standen in voller Blüthe. Zwischen den reizenden — 643 — Beeten promcnirten elegante Damen in prachtvoller Toilette; andere saßen in Gruppen beisammen und lauschten der herrlichen Musik. St. Lawrence schlenderte an dem verabredeten Mittwoch Nachmittage mit seinem Freunde Douglas in diesem lebhaften Getriebe umher. Letzterer wollte nicht eingestehen, daß er dies zu seinem Vergnügen thue, sondern behauptete, für ihn sei es nur Mittel zum Zweck. „Es ist durchaus nöthig, daß ich mich bekannt mache", äußerte er gegen St. Lawrence. „Ziehe ich mich ganz von der vornehmen Welt zurück, so wird sie mich sehr rasch vergessen. Für Euch Landschaftsmaler ist das etwas ganz anderes, da gilt das Werk Alles und die Person nichts; aber ein Portraitmaler muß sich durchaus beliebt machen, dann ist das halbe Spiel gewonnen." Unter diesem Vorwande vergeudete Douglas sehr viele Zeit. Er hatte schon öfters versucht, St. Lawrence zu überreden, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, jedoch meistens ! vergebens. In seiner jetzigen Stimmung fühlte dieser sich unfähig zur Arbeit; die Er- ! umerung an das ihm widerfahrene Unrecht wurde durch die Bemühungen, es rückgängig zu machen, immer lebendig erhalten, und diese Ungewißheit versetzte seinen feurigen Geist ! in die größte Aufregung. Ja, hätte er seinem Feinde Aug in Aug gcgcnübertreten ! dürfen, aber nun band ihn auch noch das Versprechen, sich ruhig zu verhalten und so ! konnte er weder Hand noch Fuß zu seiner Vertheidigung erheben. Fast gereute es ihn, d sich so gebunden zu haben, aber er war nicht der Mann dazu, ein gegebenes Wort ß zurückzunehmen; es blieb ihm nichts Anderes übrig, als geduldig zu warten und zu S hoffen, die Vorsehung werde den Betrüger, dessen Opfer er geworden, entlarven. ' Ueber diese Dinge nachgrübelnd, horchte er kaum auf die muntere Unterhaltung - seines Freundes, bis dieser ihn plötzlich beim Arm faßte und mit seinem Spazierstocke ! auf drei Damen, welche in einiger Entfernung saßen, hinzcigend ausrief: ! „Beim Zeus, da ist ja meine kleine Musiklehrcrin!" i „Welch' hübsches Mädchen!" sagte St. Lawrence, durch den Ausruf seines Freundes j aufmerksam gemacht. „Du gabst mir doch zu verstehen, sie sei nicht hübsch." „Die kleinere von Beide» ist Miß Dalton", entgegnete Douglas ungeduldig. „Komm, wir wollen dort herumgehen, und uns ihnen von der anderen Seite, wie zufällig, nähern; ich werde Dich vorstellen." - „Dieses sagend, drängte sich Douglas durch die Menge; St. Lawrence, überrascht von der Schönheit der einen jungen Dame, folgte ihm willig. Als sie ihrer von Neuem ansichtig wurden, stieß Douglas einen gut geheuchelten Ausruf des Er- , stannens aus, trat näher und zog seinen Hut. , „Ich bin glücklich, Sie hier zu sehen, Miß Dalton. Der Ort, wo wir uns ge- " wohnlich zu treffen pflegen, ist nicht so angenehm, als dieser." „Es freut mich, daß Sie sich auch zuweilen einen freien Tag erlauben", erwiderte Bertha mit freundlichem Lächeln, ihm ihre Hand entgegenstreckend. Der heitere junge Maler gefiel ihr und obgleich sie sehr wenig mit ihm verkehrt hatte, betrachtete sie ihn doch als Freund. Sie machte ihre Mutter und Schwester mit ihm bekannt und Douglas stellte St. Lawrence vor. Die Farbe auf Lena's Wangen vertiefte sich bei Herannahen der jungen Herren. Airs. Dalton empfing sie mit der größten Zuvorkommenheit. „Sie sehen beide recht vornehm aus", flüsterte sie Lena in einem unbewachten Augenblicke zu, „namentlich der größere, dunkle; man sollte gar nicht glauben, daß er nur ein Künstler ist." Die beiden Männer, welche bemerkten, daß ihre Gegenwart der älteren Dame an« genehm war, nahmen dort am Tische Platz. Es fehlte nicht an Stoff zur Unterhaltung. Douglas kritisirte in humoristischer Weise die Vorübergehenden und Bertha verstand es, auf seine Scherze einzugehen, obschon ihre Aeußerungen, wenn auch zutreffend, doch nie boshaft waren. Sogar Lena wurde etwas lebendiger, indem sie die Vergnügungen der 644 schönen Frühlingszeit besprach, aber mehr noch durch die augenscheinliche Bewunderung, welche sie dem jungen Landschaftsmaler einflößte. Bei einem kleinen Spaziergange durch den Garten ging St. Lawrence neben Mrs. Dalton und Lena, während Douglas und Bcrtha folgten; ebenso wurde, als die Damen es an der Zeit fanden, zurückzukehren, dieselbe Reihenfolge beobachtet, denn die beiden Freunde ließen es sich natürlich nicht nehmen, sie bis nach Joy Cottage zu begleiten. Dort am Thore verabschiedeten sie sich auf's Freundschaftlichste, nachdem St. Lawrence zuvor die Erlaubniß erbeten und erhalten hatte, an einem der nächsten Abende vorsprechen zu dürfen, um Miß i Dalton sein Skizzcnbuch aus Amerika zu zeigen. 1 „Es ist also doch dieselbe Familie, von welcher Riggs sprach", sagte Douglas. „Wie sonderbar doch manchmal die Dinge zusammentreffen." „Diese Miß Dalton ist ein wunderhübsches Mädchen. Ich meine noch nie ein Gesicht gesehen zu haben, welches mich durch seine Schönheit so überrascht hat." s „Ja, sie ist schön, das gebe ich zu, aber ich finde das geistvolle Antlitz der ^ Schwester bedeutend anziehender." „Ich bitte Dich, Freund, wo hast Du denn Deine Augen?" rief St. Lawrence aus. „Was Form und Farbe anbelangt, bin ich mit Dir gewiß einverstanden, aber aus den Augen meiner Bertha strahlt Dir der ganze Reichthum ihrer Seele entgegen. . Bertha — beim Zeus, ein reizender Name; er klingt so weich und sanft, wie das j Säuseln des Zephirs, wenn er die Blumen küßt! Ein starkes, großes Frauenzimmer j kaun unmöglich Bertha heißen." ! „Nun, alter Bursche, bist Dir wirklich schon so weit?" frug St. Lawrence, ihn > bei der Schulter fassend. Douglas lachte und seufzte gleichzeitig. „Es ist nutzlos, es kann nie etwas daraus ^ werden", entgegnete er, sich gewaltsam zusammennehmend. „Diese Mutter Dalton macht , mir den Eindruck, als ob sie sich, ehe Sie mir ihre Tochter anvertraute, vorab ganz , genau nach meinen: Einkommen erkundigen werde und was könnte ich dann antworten? ' Daß ich der glückliche Besitzer von zwei Staffeleien, eines schwarzen abgetragenen Sammt- rockes, einer Unmasse leerer Flaschen und eines halben Dutzend Meerschaumpscifen bin. s Ob ihr das hinreichend erscheine!: wird, um einen Hausstand zu gründen, befürchte ich sehr. —" ! „Weshalb gibst Du Dich denn aber auch nicht mit Eifer an die Arbeit? Du bist l ein schrecklicher Zeitverschweuder, Douglas." s „Arbeit! Zeitverschweuder!" rief Douglas aus. „Habe ich nicht diesen ganzen ^ Nachmittag gearbeitet? Trug ich doch meine eigene Persönlichkeit zur Schau, in der Er- f Wartung, daß die Leute unter einander sagen würden: „Sehen Sie dort den schöllen, ^ geistreich aussehenden jungen Mann? Das ist der berühmte Charles Douglas, von dein müssen Sie sich malen lassen." Leider Gottes befolgen die Menschen diesen guten Rath nicht." „Welches ein bedauernswerther Irrthum ihrerseits ist", fügte St. Lawrence, auf den Scherz eingehend, hinzu. „In: Grunde genommen kann ich eigentlich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob ich verliebt bin oder nicht. Wie man hört, können Verliebte von der Lust leben, dieser Fall trifft bei mir nicht zu; ich bin entsetzlich hungrig." l „Dann geht es Dir wie mir", bekannte St. Lawrence." „So vertraue Dich meiner Führung an, Du wirst es nicht bereuen. Uebrigens ^ freut es mich, daß die schwarz: Melancholie, die Du seit Deiner letzten Unterredung mit H diesem fürchterlichen Riggs an den Tag gelegt hast, Deinen Appetit doch noch nicht ganz verdorben hat; ebensowenig wie „Der Traum von schönen Frauen", welcher in s* diesen letzten Stunden Deine Miene verklärte." k „Wie Du siehst, Douglas, bin ich ein ganz prosaisch Sterblicher. Was meinen : 645 Kummer betrifft, der ist zu tief in mein Herz eingegrabeu, um Einfluß auf die Oberfläche meines gewöhnlichen Lebens auszuüben, und den anderen Punkt anlangend, kann ich Dir versichern, daß ich den Kopf noch nicht ganz verloren habe, Miß Dalton ist gebore», um in Sammt und Seide einher zu wandeln und nicht in einem Kleide von grober Wolle, wie ich es ihr nur bieten könnte." „Aber das Wollenkleid ist voraussichtlich nur für kurze Zeit und eines schönen Tages wirst Du Deine Göttin mit einem „Grand Seigneur" verheirathet finden. Beim Zeus, das ist ja eine ganz romantische Geschichte!" In dieser Weise plaudernd, erreichten sie die Restauration, wo Douglas zu speisen wünschte. Auch die Damen besprachen zwischenzeitlich die Ereignisse des Tages und die neuen Bekanntschaften, welche sie gemacht. Bertha mußte erzählen, wo sie Douglas kennen gelernt, und was sie von ihm wußte. „Wenn Miß Beaumont ihn in ihrer Schule angestellt hat, wo sie doch nicht vorsichtig genug sein kann, dann habe ich nicht nöthig, Einwendungen zu machen, falls er auch ab und zu mit seinem Freunde uns auch besuchen sollte." „Mrs. Dalton glättete und faltete in aller Gemüthsruhe ihren Mantel, während sie diesen weisen Ausspruch von sich gab. „Du scheinst auf Mr. St. Lawrence einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, Lena. Bemerktest Du nicht, wie forschend er Dich anblickte, als er um die Erlaubniß bat, uns seine amerikanischen Zeichnungen zeigen zu dürfen. Aber ich darf Dir vertrauen, mein liebes Kind, als Bekannter ist er sehr angenehm, doch mehr kann er nicht werden." „Auf alle Fülle steht er doch himmelhoch über Mr. Fancourt", warf Bertha dazwischen. „Was liegt daran", entgegnete ihre Schwester. „Diese Ueberlegcnhcit macht ihn nicht zum Enkel Lord Alphington's." Und doch seufzte Lena bei diesen Worten. War ihr Herz wirklich berührt worden, oder warum hatten ihre Pulse bei seinem scelenvollen Blicke und dem Tone der klangvollen Stimme rascher geschlagen? Weshalb erschauderte sie, als sie ihn im Geiste mit jenem Anderen, dessen Weib zu werden sie fest entschlossen war, verglich? Sie wollte Faucourt heirathen, aber nichtsdestoweniger die Verehrung des jungen Landschaftsmalers als einen ihrer Reize schuldigen Tribut annehmen. „Ich freue mich darauf, die Zeichnungen zu sehen", sagte Bertha, „es wird mir ein wahrer Hochgenuß sein." „Nun wohl", erwiderte Lena mit einem schwachen Versuche zulächeln; „da Mama Mr. St. Lawrence doch schon in die Liste meiner Anbeter eingeschrieben hat, so magst Du das Zeichenbuch haben und ich nehme dafür den Künstler selbst." „Einverstanden!" rief Bertha fröhlich aus und mit diesem Scherze endete die Unterhaltung. (Fortsetzung folgt.) Goldkörncr. Es ist kein Hühnchen noch so klein, Es möcht' übcr's Jahr eine Henne sein. Rein und ganz, Gibt dein schlichten Kleide Glanz. Das reichste Kleid Ist oft gefüttert mit Herzeleid. Vergleichen und vertragen, Ist besser als zanken und klagen. F. Beck. 646 Die Türken vor Wie». Gedicht von Kneie; aus dem Kroatischen im Versmaße des Originals überseht von Hanns Mctzler. (Schluß.) 83. Da spricht Starhembcrg, der edle Feldherr: „Wer von euch will dein durchlauchten Herzog Von Lothringen eine Botschaft bringen? Ich verspreche hundert Goldducaten." 84. Still umstanden ihn die Helden alle; Nur der junge Georg Mikalowitsch Mit dem Muth und Herzen eines Helden Sprach zum Fürsten diese kurzen Worte:") 85. „Gib mein theurer Feldherr, mir die Botschaft, Daß ich sie dem großen Herzog bringe; Mitten schreit ich durch das Heer des Srcktan, Türkisch werd' ich reden und arabisch." 86. Als der Fürst das Wort vernommen hatte, Schrieb er — eine Thräne in Sem Auge — Einen Brief dem Herzog von Lothringen. In dem Brief aber stand geschrieben: 87. „General und mein erlauchter Herzog! Hast Du denn die Deinen ganz vergessen? Länger können wir so nimmer leben, Länger nicht die Stadt des Kaisers schützen: 88. Denn schon fünfzig lange Tage drohen Uns'rer Stadt die Türken unaufhörlich, Um von allen Seiten reißen Bomben Thürme nieder, nieder die Paläste. 89. Aus zwei Seiten gräbt der 'Türke Minen, Auf der dritten folgt ein Sturm dem andern. Meine besten Generäle fallen Und von Offizieren mancher Brave. 90. Wüßtest Du nur, mein erlauchter Herzog, Was der Feind für Teufelspferde reitet; Allzu schmal für sie wär' unser Graben, Würden sie nicht so zurückgehalten. Ll. Arg und viel hat uns der Feind geschadet, Untergräbt noch fort und fort die Mauern. Komm, so bald Du kannst mit Deinem Heere, Denn wir sind in einer bösen Lage." 92. Und es schrieb der Herzog von Lothringen: „Lass' mein General den Muth nicht sinken, Denn es geht der Festtag nicht vorüber, Eh' Dir Hülfe kommt von allen Seiten. Es ist merkwürdig, daß der Name des Kolschitzki, der nur einmal den Gang durch's Türkenlagcr machte, viel bekannter ist als der des (Südslavcn?) Mikalowitsch, welcher dieses Wagniß öfter unternahm und namentlich zur Zeit der höchsten Noth. (S. O. K., x. 240.) 93. Denn am zwölften Tage des September Hörest Trommelwirbel Du im Osten; Johann ist's der edle Polcnkönig, Mit ihm kommen drcißigtausend Krieger. 94. Wieder wirst Du Trommelwirbel hören, Wo die Sonne niedersinkt im Westen; Diesmal sind es meine cig'nen Krieger, Drcißigtausend anserles'ne Deutsche. 95. Und zum dritten Male hörst Du trommeln, Denn von Norden kommt der Baycrn- hcrzog. Dieser führt ein Heer von zwamigtausend." Also schrieb dem Starhembcrg der Herzog. 96. Kaum jedoch hat er den Brief gelesen, Als im Kreise Fels und Bäume beben. Heute ist die Türkcn-Minc stärker, Und vom Walle stürzt ein Stück zusammen. 97. Grüße breite Breschen riß sie diesmal; Eine zwanzig Klafter weite Ocffnnng Läßt die Türken ein; mit blankem Säbel Stürmen sie heran und kämpfen wüthend. 98. Tod und Teufel! alter Waffenbruder! Das war Krieg und das ein lust'ges Fechten! Fußsoldat und Reiter hauen wuchtig Und der Lanzenträger schwingt die Lanze. 99. Lange währet so das Kopfabmähen; Als die Türken jetzt ein wenig weichen, Stürzet Groß und Klein herbei zur Hülse: Weiber, Jungfrau'«, Greise, Priester, Mönche. 100. Holz und Steine fliegen auf die Türken. Frisch geschmolz'nes Blei und heißeS Wasser; Handschare schwingt man dort und hier das Messer, Auch die schwere Keule thut das Ihre. 101. Die Studenten werden alle Helden, Denn sie stürmen feurig auf die Türken; Jeder will sich einen Kopf crober'n Und die Faust im Türkcnblutc baden. 102. Diese Schlacht vcrmältc Viele mit dem Schwarzen Tode, Türken viel und Deutsche. Doch es war ihr theures Wien gerettet Und in wilder Flucht die Kchlabschneidcr. 103. Als nach langem Tag die Nacht gekommen, Steigen auf zum Himmel rothe Flammen Aus oem hohen Thurm des Heilgen Stephan. Zeichen sind es von der größten Trübsal, 104. Von der höchsten Noth der Stadt dem Herzog. Und die Bürger warten auf den Dächern Einer bald'gcn Antwort. Endlich! endlich Flammt es auf den deutschen Alpcnhöhen. 105. Bald'gcr Hülfe sind es frohe Zeichen, Und die Mahnung, treu und fest zu stehen, Wcn'ge Tage noch die Stadt zu schützen Gegen Türkcnwuth und Heidengränel. 106. Jetzt, nachdem der zwölfte Tag gekommen, Sieht das kaiserliche Heer mit Jubel Auf dem nahen Lcopoldiberge Eine Kriegerschaar in schwarzen Mänteln. 647 107. Wieder schauen sie ein Heer, ein mächt'ges, Zwanzigtausend junge kräft'ge Helden; Wie der «schüre so weiß sind ihre Mantel Führer ist der wack're Bayernherzog. 108. Und das dritte Heer, das sie erschauen, — Rettung kündend — grün ist seine Farbe, Führt der vielgerühmte Polcnkönig Johann, zubenannt der feur'ge Drache. 109. Sieh, da schimmert es im weiten Kreise Rings auf allen Bergen, allen Höhen Von Kürassen und von Kürassieren, Von den vielen Büchsen, Säbeln, Lanzen. 110. Kriegsrath hielten jetzt die Generäle. Hier der Angriffsplan, den sie beschlossen: Das Kommando auf dem rechten Flügel Soll der große Polcnkönig führen, 111. Und an seine Seite stellt der Kriegsrath Einen jungen Ritter, Sachscu's Herzog, Lawcnburg, den Drachen mit zwei Köpfen, Und den General Rabat, den Banus; 112. Endlich noch zwei vielberühmte Ritter: Einer war ein General aus Ungarn, Palst — Ritter Gunduck war der Zweite, Aus Nagusa, alten Adels Sprosse.") 113. Diese ruhmbedeckten Generäle Kämpften unter König Johann's Banner. Jeder sieht mit Lust die treuen Mannen Unermüdlich Türkenköpfe mähen. 114. Auf dem linken Flügel eommandirte Seine schwarze Schaar der große Herzog. Und es stellten sich an seine Seite Starke Löwen, Adler mit zwei Köpfen: 115. Erstlich Baden's hochbcrühmter Herzog, Dann der Leslc, zubenannt die schlänge, Ljubomirk und Merck, die Barone, Taf, der General und Kroj, der Banus. ") 116. Und die beiden Centren commaudiren Aus dem deutschen Land zwei feur'ge Drachen, Bayerns Fürst und Herzog ist der eine Und der and're ist der Sachsenherzog. 117. Diesen an die Seite stellt der Kriegsrath Eilf der besten jungen Generäle. Doch der Obcrcommandant dcS Centrums Ist der vielerfahr'ne Prinz von Waldeck. ") General der Cavnllerie später Fcldmar- schall Herzog von Sachscn-Lauenburg; Fcld- marschall-Lieutenant Graf Nabatta, General Graf Carl Palffy; General-Major Gondola. Markgraf (nicht Herzog) von Baden; Feldmarschall-Licutenant Fürst von Lubomirski; General-Major Mcrcy; Fcldmarschall-Lieute- nnnt Herzog von Croy und Feldmarschall-Lieute- nant Graf Taaffe. Kurfürst Max Einanuel von Bayern; Kurfürst Johann Georg von Sachsen, Feld- Marschall Georg Friedrich Fürst von Waldeck. 118. Jetzo zieht das Heer, das dreifach starke, Von dem Leopoloiberg zu Thale; Als sie auf das eb'ne Land gekommen, Ordnet jeder Führer seine Truppe. 119. Prinz Parel beginnt das blut'ge Schlachten, Diesem folgt sodann als Zweiter Leslc; Mit dem ganzen Flügel greift der Herzog Nun die Türken an und drängt sie rückwärts. 120. Und der große Polenkönig stürmet Mit dem rechten Flügel auf zwölf Pascha, Auf den Feldherrn Karali Mustapa, Auf die wilde Schaar der Janitscharen. 121. Und vom Centrum stürmt der Bayernherzog Wuchtig auf daS starke Türkencentrum. Heisa! Solch' ein Stürmen! So ein Schlachten! Alter Kriegsgcnoß! das heiß ich kämpfen. 122. Finster wird's vom schwarzen Pulver- dämpfe, Mächtig hallt der Donner der Kanonen, Und die weite Eb'ne schwimmt im Blute .Und es röthcn sich der Donau Wasser. 123. Also kämpft vom Morgen bis zum Mittag Christ und Heide um oes Sieges Palme. Doch zu langsam schcint's zu geh'n dem Herzog, Denn er sticht das eig'ne Pferd zu Boden, 124. Wirft sich mitten in die Rcih'n der Feinde, In oer Rechten seinen scharfen Säbel ; Muthig folget ihm sein ganzer Flügel, Und auf dieser Seite flieh'n die Feinde. 125. Bald darauf sprengt Bayerns Herzog Kühn das Türkencentrum auseinander. Doch der Polenkönig ist in Nöthen, Denn die Janitscharen fechten wüthend. 126. Und schon soll sich schmählich rückwärts zieh'n Dieser Held, der nur das Vorwärts kannte: Sich', da kommt ihm schnelle, kräft'ge Hülfe Von dem Lothringer und von dem Bayer. 127. So gecinet werfen sie die Feinde, Hau'n und morden bis zum tiefen Dunkel. Doch den Großvezir entführt sein Rappe Aus dem dichten.deutschen Lanzeuwalde. 128. Alles läßt der Feind zurück: die Zelte, Die Kanonen, Trommeln und Trompeten, Allen Proviant und selbst die Kasse, Und an den Todten fünszigtansend Krieger. 129. Auf der Flucht von einer Stadt zur andern Kommt der mächt'gc Großvezir nach Belgrad. Dort erfaßt auch ihn das böse Schicksal: Denn da ward der Kopf ihm abgeschlagen. Ende. M i s e e l l e n. („Dramatische Ohrfeigen") nntckr diesem Titel erzählt der Pariser „Radical" anläßlich einer Ohrfeige, welche dieser Tage Derembnrg, der Mitdircktor Sarah Bern- hardt's, dor der Pforte Samt Martin von dem Ex-Communarden Lisbonne erhalten hat, einige amüsante Erinnerungen an andere in der Pariser Knnstwelt ausgetheilte Ohrfeigen. Der bekannte Direktor Nestor Roqucplan erhielt eines Tages, als er sich weigerte, den Tenor Poujade Probe singen zu lassen, von dem heißblütigen Künstler eine schallende Ohrfeige, stürzte sich wüthend auf seinen Angreifer und hätte den Spender des hohen 6 ohne Zweifel erwürgt, wenn man diesen nicht noch rechtzeitig aus seinen Händen be- ' freit hätte. Pöre Billon, der ehemalige Leiter des Amdign, hatte seiner Zeit -das wenig ' beneidenswcrthe Renommee, der am meisten geohrfeigte Theaterdirektor von Paris zu ! sein. Das kam aber so. Im Jahre 1864 hatte Pöre Billion einem dramatischen Autor j die Annahme eines Manuscriptcs verweigert. Aus Rache darüber lauerte Menct häufig ! dem störrischen Direktor aus, und kaum sah Billion den rachedurstigen Schriftsteller vor sich auftauchen — pardauz, hatte er auch schon seine Ohrfeige lveg. Der unglückliche Direktor ivagte schließlich gar nicht mehr auszugehen. Die berühmten Schauspieler > Fröderik Lema'ttre und Jcnneval waren sehr generös im Austheilen von Ohrfeigen an > ihre Direktoren. Einmal maulschellirte Lemaitre Harcl, seinen Direktor an der Porte Samt Martin, und ohne das Dazwischentreten Alexandre Dumas Pore wäre es sicherlich zu einem Duell gekommen. Bei einem Gastspiel in Roucn ohrfeigte Lemaitre, der mit dem Erfolg nicht zufrieden war, am Schluß der Vorstellung den Direktor Mesurier und sandte ihm außerdem am folgenden Tage noch ein höhnisches Schreiben, worin er fünfhundert Francs mit dem Bemerken reelamirte, daß „eine authentische Ohrfeige Frkrdörik ,i Lemaitre's mindestens so viel werth sei." Mesurier strengte einen Proceß gegen den ^ Künstler an und hatte die Genugthuung, ihn zu viernndzwanzig Stunden Arrest ver- urtheilt zu sehen. Was Jcnneval betrifft, so hatte er eine so „leichte Hand," daß sein Director, sobald der Künstler nur die Angenbrannen faltete, ausrief: „Es ist gut — ich : betrachte die Ohrfeige als empfangen!" * (Die Folgen der Fremdwörter - Verfolgung.) Anno 1815 soll es in Deutschland eine Anzahl von Menschen mit so ausgiebigem Fremdwörter-Haß gegeben haben, daß sie sogar gern die fremden Eigennamen vertilgt, d. h>, wo es sich eben thun ließ, in's Deutsche übersetzt hätten. Wäre man damals jener Verdeutschung gefolgt, so würden z.V. jetzt: „Tasso: Dachs, Shakespeare: Speerschwinger, Calderon: Großkessel, Ficsko, Graf von Lavagna: Schicfcrstein, Korneille: Krähe, Racine: Wurzel, Pope: Pabst und 1/Veä§orvooä: Keilholz heißen — jedenfalls war es also doch wohl besser, daß diese Sprach-Wütheriche nicht das Feld behaupteten. (Ein Indianer-Stutzer.) Der Präsident der Vereinigten Staaten, Arthur, welcher kürzlich von seiner ausgedehnten westlichen Tour zurückgekehrt ist, hat unter seiner Korrespondenz auch eine an den „Großen Vater" von Little Chief, einem jungen Cheyenne- Häuptling, vorgefunden. Dieser schreibt ihm: „Um's Essen gebe ich Nichts (wahrscheinlich weil er Fenerwasscr genug hat), aber ich liebe es mich nobel zu kleiden, und kaufen Sie für mich daher den allerbesten weißen Hut, den Sie im Markte finden." (In einer Gerichtsverhandlung.) Dame verschämt: „Die Details, die Sie von mir verlangen, kann ich keinem anständigen Manne sagen." — Richtern „So sagen Sie mir sie ins Ohr." (Räthsel.) Sie winkt ihm — Erhält um sie an — Sie reicht ihm die HMd Er nimmt ihr Geld — und — läßt sie sitzen. mhvguZpoqroM .roq .rnopnquaH .N(Z Für die Redaktion verantwortlich: Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Mnx.Huttler.