H» Nr. 82. Samstag, 13. Oktober 1883. Der Gpalrmg. Roman aus dein Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Vierzehntes Capitel. St. Lawrence zögerte nicht lange, sich MrZ. Dolton's Erlaubniß zu Nutze zu machen. In der folgenden Woche schon erschien er, eine wohlgcfüllte Mappe unter dem Arme tragend, zu Joy Cottage. Es war ein warmer Abend; das Bogenfenster des hübschen Wohnzimmers stand offen und der Duft des spanischen Flieder's, des Weißdorn's und anderer Frühlingsblumen strömte in's Zimmer hinein. Lena hatte, eine feine Stickerei in der. Hand haltend, am Fenster Platz genommen; sie sah in ihrem sauberen weißen Kleide wunderhübsch auS und war sich dessen vollkommen bewußt. Bcrtha dagegen schien müde zu sein; blaß und abgespannt saß sie, um ihre Augen etwas auszuruhen, in dem Schatten der Gardinen. Gerade heute hatte sie in deut Pensionate der Airs. Beanmont solchen Schülerinnen Unterricht ertheilt, denen jegliches Gehör nud Verständniß für Musik fehlte, so daß sie die Stunden als Zeitverschwcndung für beide Theile ansah, und dieser Gedanke trug wesentlich zu ihrer Abspannung bei. Mrs. Dalton lag auf dein Ruhebette mit dem Lesen eines Romans beschäftigt. Alle begrüßten, wenn auch aus verschiedenen Beweggründen, St. Lawrence auf's Freundlichste. Mrs. Dalton war über jede kleine Zerstreuung vergnügt, Lena hoffte den günstigen Eindruck, den sie früher gemacht, bei dieser Gelegenheit noch verstärken zu können, und Bcrtha freute sich, das Zeichenbuch durchblättern zu dürfen. Der junge Mann fühlte sich glücklich in Dameugesellschaft, vielleicht um so mehr, da sich ihm Verhältnisse halber selten Gelegenheit hierzu bot. Diese elegante kleine Wohnung, das herzliche Entgegenkommen der älteren Dame nud die Schönheit und Grazie wenigstens einer der Insassen entzückten ihn; er wünschte sich im Stillen Glück, die Bekanntschaft dieser Familie, wo er manche vergnügte Stunde zubringen könne, gemacht zu haben. War ihm Lena's Schönheit auch damals sofort aufgefallen, so erblickte er sie doch jetzt zu Hanse zum ersten Male in ihrer ganzen Vollkommenheit, und ihr widmete er Anfangs ausschließlich seine Aufmerksamkeit. Später, als das Zeichenbuch hervorgeholt wurde, fühlte er sich doch cntnüchtert und enttäuscht. Lena gab -war vor, die Kunst zu lieben, ganz besonders schwärme sie für Zeichnungen nach der Natur, aber St. Lawrence entdeckte sehr bald, daß sie nicht das mindeste Verständniß, und wie er stark vermuthete, auch kein wirkliches Interesse dafür habe. Eine oberflächliche, einfältige Bemerkung, nur deshalb schön zu finden, weil sie von hübschen Lippen war ausgesprochen worden, lag ihm ferne und beinahe unwillkürlich suchten seine Blicke Bertha, während ste das Buch Zusammen betrachteten. Es siel ihm auf, wie der müde Aus- 650 druck von ihrem Antlitze verschwand, ihre Farbe sich erhöhte, die Augen zu leuchten begannen und der Gedanke, das Douglas Recht und dieses Mädchen eine mehr geistige Schönheit besitze, als ihre ältere Schwester, durchkreuzte sein Gehirn. Nachdem die Zeichnungen besichtigt und die Mappe wieder geschlossen war, setzten sie sich an's offene Fenster und benutzten die lange Dämmerstunde zu einer gemüthlichen Plauderei. St. Lawrence war viel gereist und zudem ein scharfer Beobachter und so gerieth die Unterhaltung nicht iu's Stocken, sondern ein Thema nach dem anderen kam zur Sprache. Die klugen Fragen und geistreichen, bald scherzhaften, 'bald ernsten Bemerkungen Bertha's, trugen viel dazu bei, das Gespräch lebendig zu erhalten. Dirs. Dalton war zu träge, um sich an einer Unterhaltung, die für sie wenig Interesse bot, zu betheiligeu, und Lena sah die Nothwendigkeit, sich anzustrengen, nicht ein, sonst hätte sie bei dieser Gelegenheit vielleicht doch einen Versuch gemacht. Jetzt begnügte sie sich damit, liebenswürdig zuzuhören und zu lächeln — und in der That lächelte sie dem jungen Landschaftsmaler häufig und freundlich zu, fest davon überzeugt, daß sie ihn durch ihre Herablassung bis in den siebenten Himmel erhebe. Sie hatten sich in der Nähe des Bogenfensters niedergelassen und blickten hinaus in den Garten. „Wie schön die Sonne untergeht! Welch' prächtiges Farbenspiel!" rief Bertha begeistert aus. „Ich glaube, nur wenige Menschen wissen diesen Anblick gebührend zu schätzen", bemerkte St. Lawrence. „Wie viele gibt es nicht, welche anscheinend Juwelen und Blumen bewundern, sich dagegen mit Gleichgültigkeit von der Pracht des Abendhimmcls wegwenden. Betrachten Sie nur diesen Glanz edler Steine vor uns — Topas, Saphir, Chrisolith und Amcthist." „Und das Ganze zusammen ein großer Opal", ergänzte Bertha. „Du kannst nichts Audre's mehr denken, als Opale", bemerkte Lena. „Alan sprach mir von einem alten Opalringe, der auf merkwürdige Weise in Ihren Besitz gelangt und dann wieder aus ebenso räthselhafte Weise verschwunden sei", wandte sich St. Lawrence an Lena. „Es ist eigenthümlich, wie rasch sich ein Gerücht verbreitet. Ist diescsmal etwas Wahres an der Sache?" „Die Geschichte dieses langweiligen Ringes betrifft Bertha. Wir haben schon übrigens genug davon gehört; aber meine Schwester wird sie Ihnen gewiß gerne erzählen, wenn Sie es wünschen. Ich habe wirklich Nichts damit zu schaffen." St. Lawrence bat Bertha, ihm diese Begebenheit mitzutheilen, sie willfahrte seinem Wunsche und machte ihn mit ihrem Abenteuer im Omnibus, dem Besuche bei Air. Lcmont und dem darauffolgenden Verluste des Ringes während ihrer Abwesenheit, da sie gerade herausgefunden, daß er Lord Alphington gehöre, bekannt. „Die äußere Erscheinung des Mannes, welcher den Ring verloren hat, ließ Sie also vermuthen, daß er nicht der rechtmäßige Besitzer sei?" frug St. Lawrence. „Was brachte Sie auf diesen Gedanken?" Bertha beschrieb ihren Reisegefährten näher und St. Lawrence versank in tiefes Nachdenken; doch ermannte er sich bald und dankte für die Erzählung. „Das ist ein sehr merkwürdiger Vorfall; es würde mich intercssiren, wenn ich erfahren könnte, wie sich die Sache weiter entwickelt." „O, wenn sie das wünschen, so werde ich Ihnen, falls etwas Weiteres bekannt wird, gerne Mittheilung darüber machen", versprach Bertha. „Die Geschichte 'muß doch rinen Schluß erhalten, auch schon wegen der Prophczeihung, die damit verknüpft ist." „Was ist das?" frug St. Lawrence. „Nur Unsinn", wandte Airs. Dalton ein. „Blich wunderts, Bertha, wie Du solches Zeug wiederholen kannst, namentlich da Du weißt, wie unmöglich es in Deinem Falle ist." i » / i 651 t' „Gerade deshalb, weil es so gänzlich unmöglich ist, macht es mir Spaß", ent- gcgnctc sie lächelnd. „Bitte lassen Sie mich diese gänzliche Unmöglichkeit hören", bat der junge Mann. ^ „Lord Alphington ist meine Autorität. Er erzählte mir von einer alten Familien- tradition, wonach diejenige, welche den Ring dreimal sieben Tage — ich glaube, das w-l war die verzauberte Zahl — trüge, Gräfin von Alphington werden würde. Vermuthlich ^ hielt der Erfinder dieser Prophczeihnng den Ring nur für eine Damcnhand passend. , - Wie lange mag Wohl der kleine Mann ihn an seinem krancnartigen Finger getragen ' - , haben? —" Der Mensch hat, wie es scheint, einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht", bemerkte . >' St. Lawrence, Bcrtha mit großem Interesse anblickend, gleichfalls als ob er sie in einem ^ 5 ihm ganz neuen Lichte betrachte. „Würden Sie ihn wohl wiedererkennen?" „O ja, sofort." „Es ist lächerlich, Lertha, wie Du auf die Gesichter der Leute Acht gibst; das thue ich nie. Und doch kann man nicht sagen, daß Du eine feine Beobachtungsgabe ^ hast, denn es war Dir ja nicht einmal aufgefallen, daß Mrs. Marwell vorigen Sonntag ^ ^ in der Kirche einen neuen Hut auf hatte." „Vermuthlich beobachten wir nicht alle in derselben Weise", während Bcrtha dieses sagte, verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln. l St. Lawrence war einige Augenblicke in seine Gedanken vertieft, dann frug er, > auf jene Prophezeiung zurückkommend und Bcrtha wieder mit dem vorhin erwähnten eigenthümlichen Interesse anschauend: „Trugen Sie jenen Ring die festgesetzte Anzahl j von Tagen?" ', „O, noch viel länger; deshalb wird wohl der Zauber gebrochen sein", cntgegnete sie lachend. 4 „Es scheint wirklich, daß wir immer über diesen Ring sprechen müssen", warf Mrs. Dalton dazwischen. „Der erste Besuch Mr. Fauconrt's war auch dieses Ringes d wegen." „Mr. Fauconrt's!" rief St. Lawrence erstaunt aus. !> „Der Enkel Lord Alphington's", erklärte Mrs. Dalton. „Er ist der junge Herr, welcher jetzt als Erbe des Namens und der Besitzungen anerkannt worden ist. Wir s werden im Herbste Gelegenheit haben, ihn näher kennen zu lernen, da wir dann unsere Freunde Sir Stephan und Lady Lanblcy zu besuchen gedenken." Der Blick des jungen Mannes glitt rasch von Bcrtha zu Lena hinüber. Erstere hatte augenscheinlich Fauconrt's Namen mit der größten Gleichgültigkeit aussprcchcn hören; Lena schlug verwirrt die Augen nieder und beschäftigte sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, eifrigst damit, ihre Stickerei in den kleinen Arbcitskorb zurückzulegen. Die Lippe des jungen Mannes kräuselte sich; Lena bemerkte diesen leisen Ausdruck der Verachtung nicht, und selbst wenn sie ihn gesehen, würde sie ihn schwerlich richtig ge- « deutet haben. In ihrer Eitelkeit hielt sie es für selbstverständlich, daß jeder unver- hcirathcte junge Mann die Zahl ihrer Anbeter durch seine Person zu vermehren wünsche. Obschon sie fühlte, welche Macht die vollendete Erziehung und das feine höfliche Wesen, verbunden mit der geraden Treuherzigkeit, die aus den hellen, grauen Augen des jungen Mannes hervorleuchtete, auf sie ausübte, so crwägte sie in ihrem Innern doch nur, ob sie ihm erlauben solle, sich in sie zu verlieben oder nicht. Das Zwielicht war vorüber, und Mrs. Dalton befahl, die Lampe anzuzünden St. Lawrence erhob sich. ' »Ich habe ein großes Bild auf der Staffele! stehen. Sollte es Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern Vergnügen machen, dasselbe zu sehen, so darf ich wohl um die Ehre Ihres Besuches auf meinem Atelier bitten", sagte er, der älteren Dame zürn Abschiede die Hand reichend. S52 Mrs. Dalton interessirte sich nicht sehr für Gemälde, aber jede Abwechselung kam ihr gelegen und so nahm sie die freundliche Einladung bereitwilligst auf, indem sie versprach, ihn mit Lena besuchen zu wollen. „Meine jüngste Tochter wird wohl verhindert sein, da sie zu sehr in Anspruch genommen ist", fugte sie erläuternd hinzu. Bertha's Lebhaftigkeit verschwand plötzlich und der frühere müde Blick kehrte zurück, Dem scharfen Auge des jungen Mannes entging diese Veränderung nicht. Die Ereignisse des Abends gewährten ihm reichlichen Stoff znm Nachdenken. Zu Hanse angekommen, steckte er sich eine Cigarre an, öffnete sein Fenster und blickte noch lange hinauf znm Abendhimmel, als ob er in den Sternen seine Zukunft lesen müsse. Mit den Betrachtungen des eigenen Geschickes vermischten sich die Gedanken an Diejenigen, welche er vor Kurzem verlassen hatte. Eine unerklärliche Verschiedenheit schien dort zn bestehen; Mrs. Dalton und die ältere Tochter waren elegant und modern gekleidet, die letztere führte augenscheinlich das Leben einer trägen, vornehmen Weltdame, sie bczanberte ihn trotz ihrer Schönheit nicht mehr, da er während seines Besuches ihren wahren Charakter durchschaut und dieser ihm keine Achtung einflößte. Wie kam es nun, daß die jüngere Schwester arbeiten, sogar angestrengt arbeiten mußte? Für sie intcressirte er sich seines Freundes Douglas wegen, wie er sich selber vorsagte, und nur seinetwillen verdroß ihn der Unterschied in der Lebensweise der beiden Schwestern. „Sie ist nicht allein sanft und theilnehmend, sondern auch lebhaft und gescheit", setzte er in seinen Gedanken hinzu; „die Andere ist schön, aber wenn ich mich nicht sehr täusche, uninteressant, egoistisch und 'hochmüthig. Douglas kann von Glück sagen, falls es ihm gelingen sollte, Bertha für sich zn gewinnen." Bei diesem Schlüsse angelangt, warf er mit einem halben Seufzer das Fenster zu und suchte sein Lager auf; doch die ersehnte Nahe wollte sich sobald noch nicht einstellen. Bertha hatte sich an dem Abende vortrefflich unterhalten; sie war noch selten nist einem so liebenswürdigen jungen Manne zusammen gewesen und begann zn denken, daß die gelegentlichen Besuche von St. Lawrence sehr viel zn den wenigen Vergnügen, welche ihr einförmiges Leben mit sich brachten, beitragen würden. Lena vergoß in der Einsamkeit ihres Zimmers einige bittere Thauen; sie mußte sich cingestehen, daß sie diesen Mann wahrhaft würde lieben können und wie unendlich verschieden von dem, was sie bisher erwartet, das Leben an seiner Seite sein werde; aber entschlossen wandte sie den Blick von dieser verlockenden Vision ab. Die Zähren von ihren Wimpern abtrocknend, schalt sie sich selbst eine Thörin. Sie zweifelte nicht im Mindesten an ihrer Macht, St. Lawrence zu ihren Füßen bringen zn können. „Er wird unglücklich sein, wenn ich mich mit Fanconrt verlobe", sagt sie leise vor sich hin; „aber er kann doch nicht erwarten, daß ich ernstlich an ihn denke, da er mir gar Nichts zu bieten vermag." Fast hätte sie der Vorsehung zürnen mögen, daß sie dem Manne, welchem sie unter allen den Vorzug gab, Titel und Reichthümer versagt und sie dazu vernrtheilt hatte, die Bewerbungen dieses Fanconrt, welcher ihr einen solchen Widerwillen einflößte, anzunehmen. Und dann stieg auf einmal der Zweifel in ihr auf, ob sie dieser Bewerbung überhaupt so sicher sei, als sie anfangs geglaubt, denn Mr. Fanconrt war nach seinem ersten Besuche nur noch einmal zn Joy Collage gewesen. Bei dieser Gelegenheit hatte er freilich seine Bewunderung aus eine Weise geäußert, die man bei jedem Anderen, nur nicht bei dem Erben solch' großer Besitzungen mit Abscheu zurückgewiesen haben würde; von dieser Zeit an erwartete Lena ihn täglich vergebens. Sein Nichterscheinen fing an, sie zn ärgern und zn kränken, und sie befürchtete, irgend eine hochgeborene Dame habe sie aus seiner Gunst verdrängt und Lord Alphington befürworte die standesgemäße Neigung seine» Enkels. Die Ungewißheit begünstigte Fanconrt's Werbung mehr als feine persönliche Gegenwart dies vermocht hätte. Ueber die Sorge, die schon geträmme Grafenkrone zu ver- lieren, vergaß sie die Abneigung, welche die Person selbst ihr einflößte und so wurde St. Lawrence's Bild durch ihre beliebten Träumereien von zukünftiger Pracht und Größe verdrängt. Fünfzehnte S Capitel. Fancourt's leidenschaftliche Bewunderung für Lena Dalton wurde durch dee gezwungene Trennung eher vergrößert als vermindert — ihre Sorge war daher überflüssig. Ein Brief von Julie Lemont zwang ihn,' für einige Tage die Stadt zu verlassen. Während einer späteren Unterredung mit Lord Alphington waren die Geschäfte zur vollen Zufriedenheit geordnet worden. Schöne Gemächer dienten Fanconrt als Wohnung, eine bedeutende Jahresrente wurde festgesetzt, und der Earl händigte ihm noch eine große Summe für seine augenblicklichen Bedürfnisse ein. Er konnte sein Entzücken hierüber kaum verbergen, und in demselben Maße, wie dieses zunahm, steigerte sich die Kälte in dein Benehmen Lord Alphington's. Hätte Fanconrt bei der Uebernahme des Ranges und Titels seiner Vorfahren die mindeste Erregung an den Tag gelegt, oder nur den Wunsch geäußert, mit dem alten Herrn in gutem Einverständnisse zu leben, so würde dessen Herz ihm gegenüber all- mälig erweicht worden sein, er würde Vieles verziehen haben. Aber bei seinem Enkel bemerkte er nichts als Selbstsucht und schmutzige Gelvgier. Lord Alphington kehrte bekümmert nach seinem Landsitze zurück, in dieses prachtvolle Heini, dessen Leere jioch immer nicht ausgefüllt werden sollte. Fanconrt werde natürlich eines Tages heirathen, aber welche Erwartungen durfte man an diesen Schritt knüpfen, denn ein gebildetes, sein erzogenes Mädchen würde sich schwerlich zu einer Ehe mit diesem gemeinen niedrig gesinnten Menschen entschließen können. Nein, von der Zukunft war nichts mehr zu erhoffen. „Er wird wohl", so dachte Lord Alphington, „eines Tages durch das hübsche Gesicht eines Mädchens aus geringen: Stande gefesselt und von dieser der Stellung und des Reichthums wegen gchcirathet werden." Hätte der tiefbetrnbte alte Herr gewußt, daß Fanconrt schon seine Wahl getroffen, so würde dies sein Gemüth in etwa erleichtert haben. Madeline Dalton war ihn: freilich nicht so sympathisch wie deren Schwester, aber auf alle Fälle eine schöne und elegante Erscheinung. Der Earl wanderte an dem Morgen, welcher seiner Rückkunft folgte, trostlos von einem Zimmer zum anderen; er verweilte bei jedem Andenken früherer, glücklicher Tage. Der Arbeitstisch und Stickrahmen seiner verstorbenen Gemahlin stand noch auf demselben Platze wie bei ihrer Lebzcit; er zog die Schieblade des Tisches heraus, wo ihr Fingerhut und die Scheere, welche sie zuletzt gebraucht, hatte, lagen. Ein Stück Stramin mit einer angefangenen Rosenknospe war noch aus dem Rahmen aufgespannt und ein grüner Faden hing lose daran herunter. In dem Eßzimmer betrachtete er die Portraits seiner beiden Söhne und seiner Schwiegertochter, einer jungen Dame mit einem Kinde auf dem Schooße. Das Schulzimuicr mit seinen kleinen Pickten, abgenutzten Büchern, Bällen und sonstigeil Spielsachen rief in seiner Erinnerung die lieblichen Gesichter, die munteren Stimmen und trippelnden Kinderfützchen, wodurch diese öden Räume einst belebt worden waren, wach. Wie schnell waren sie alle dahingeschwunden und hatten ihn, den alteil Mann allein zurückgelassen. Um von seinen traurigen Empfindungen nicht ganz überwältigt zu werden, befahl er, seiil Pferd vorzuführen, und ritt nach Lakspnr hinüber; bei den thcilnehmendcn Freunden hoffte er sein schweres Herz erleichtern zu können. „Ich bedaure unendlich, dies zu hören", sagte Lady Langleh, nachdem Lord Alphington die einzelnen Umstände seiner Reise ausführlich erzählt hatte, „aber wir wollen hoffen, daß Sie doch etwas zu schwarz darein sehen. Vielleicht ist Ihnen Ihr Enkel bei näherer Bekanntschaft nicht so »nangcnchm, als Sie jetzt zu glauben scheinen." 654 „Sie werden sich selbst davon überzeugen, daß ich nichts übertreibe, wenn er hierher kommt. „Er kann höchstens meine Sorge und meinen Kummer vergrößern, da ich in der beständigen Furcht leben muß, durch ihn meinen Namen geschändet zu sehen." Lady Langlcy versuchte auf alle mögliche Weise ihrem alten Freunde, dessen großen Schmerz sie vollkommen zu würdigen verstand, Trost und Muth einzusprechen. Aber ungeachtet ihrer Bemühungen, die ganze Sache von einem freundlicheren Gesichtspunkte aus darzustellen, bangte es ihr doch heimlich, denn sie kannte Lord Alphington genügend, um zu wissen, daß er sich nicht zn einem vorschnellen, schroffen Urtheile hinreißen lasse und daher hinreichenden Grund zn seiner Abneigung haben müsse. (Fortsetzung folgt.) Born Anerberg. Nickt lcicht ein Fleckchen Erde unseres gesegneten SchwabcnlandcS bietet so viel deS An- mnthig-Schönc», alS die Hochwarte deS schwäbischen Vorlandes, der sagenmnflosscne Anerbcrg. Seit Herr Hanptmann Hugo Arnold vor einigen Jahren die uralten Befestigungen dortselbst sozusagen neu entdeckt und beschrieben hat, ist das Interesse der GcschichtS- und Allcrihuins- frennde für den Anerbcrg neu belebt worden und man sieht jetzt östcr als sonst, auch weiter hcrgcrcistc Forscher dein lohnenden Ziele zustreben. Fromme Waller besteigen gerne den Berg, um im altehrlvürdigcn St. GcorgS Kirchlcin, dessen Gemäuer weithin in die Lande leuchtet, ihre Andacht zu verrichten, und auch sonst wird der Berg von Naturfreunden gerne besucht. Freilich könnte dieser Besuch ein ganz anderer, weit gröberer sein, wenn man die gebotenen Naturgcnüssc dem nur geringen Aufwand an Zeit und Geld gegenüber stellt nno bedenkt wie weit weniger lohncnoere und dann viel mühsamere Touren von Hunderten gemacht werben. Kurz und gut, der Anerbcrg verdiente ein wenig mehr die Beachtung der größcrn Touristcnwclt, deren Strom an ihm vorbciflnlhet, vielleicht weil ihm das — 4Ipba und Ome^a — der berühmte Name und vielleicht die Gunst der fashionnblen Nciseliteratur fehlt. Ein Sonnenaufgang vom Anerbcrg aus gehört zn den erhabensten Nnturgcnüsscn, nicht weniger die liebliche Rund- und Fernsicht in die majestätische Alpcnwelt, wie nordwärts weit hinab in'S Flachland, wo die Silberfäden des Lech's und der Wcrtach vom Grün der Wiesen und Wälder umsäumt sich hinschlängcln. Die alte Reichsstadt Kanfbcnren mit ihren Mauern und Thürmen liegt vor unS, in'S Thal der Wcrtach gebettet, anmnthig überragt von den stattlichen Gebäuden der Heil- und Pflcgcanstalt. Im Mindclthal desgleichen das freundliche Städtchen Mindelheim mit dem stolzen Stammsitz der Frnndsbcrge, der Mindelbnrg. Nach Hunderten zählen die Dörfer und Ortschaften, die wir mit unserm guten Rohre aus dem mosaikartigen Gewimmel von Wiese, Feld und Wald herauslesen. Den AugSburger Ulrichsthurm bringt uns dnS Fernglas heran aus dem luftigen Hintergrund, desgleichen das Ulmcr-Münstcr, Wenn die Verhältnisse günstig. Im Süden grüßen zwischen den Granitfclscn des Raulings- und Tegclbergs die herrlichen Königsbnrgcn, Neuschwanstcin das märchenhafte Schloß, Hohenschwnngan die vom Zauber geschichtlicher Erinnerungen umsponnene Burg. Weiter rechts grüßt auch noch der Fnlkenstein herüber. Im Osten streift der Blick über die Silbcrschüsseln und Becken bayerischer Seen. Vom ^fernen Watzmann bis tief hinein in'S Algäncrgcbirg blinken die Zacken und Hörner der Berg- riesen, ein herrlicher Anblick früh Morgens oder Abends, wenn die Sonne ihre ersten und letzten Strahlen entsendet und flüssiges Gold über die Bcrghäuptcr ausgicßt. Doch wir wären da bald in'S ideale Fahrwasser gerathen, was wir thunlichst vermeiden ^vollen, denn unser Aufsatz gilt ganz und gar realen Dingen. Wir möchten dein Anerbcrg, dein Kleinod deS schwäbischen Vorlandes, Freunde gewinnen vornehmlich unter der Gattung Neisc- Publikum, das mehr über ein volles HcrZ als über volle Börsen verfügt und dann eine Fußtour von etlichen Stunden eine Erguickung statt eine Last ist. Man kann dem Anerbcrg von verschiedenen Seiten Leikommen. Am Besten thut man, wenn man sich per Dampfroß nach Oberdorf begibt, sich dort in die Postchaisc setzt und sich nach Stillten kutschircn läßt. Das kostet nicht viel und man ist am westlichen Bcrgcshang. In längstens Stunden geht man von da auf den Anerbcrg hinauf spazieren. Da indeff die Gelegenheit die Post zn beuützcn im Tag nur zweimal geboten ist, ziehen es Manche vor, per peäes apostolorum dem Berge zuzustreben, waS von Bicscnhofen oder noch besser von Oberdorf aus geschehen kann. Der Weg ist beiderseits ein hübscher. In Bicscnhofen wie in Oberdorf, namentlich aber in Kanfbcnren, findet sich reichliche und billige Fahrgelegenheit. Die dortigen Lohnkutscher besitzen hübsche Vehikel, gute Pferde und was die Hauptsache, rechnen billig. ' Da es in Kausbenren selbst so manches zn sehen gibt, was dem Fremdling von Interesse 655 — wir ncimcn nur das neue NathhauS mit Lindenschmit's Wandgemälden und einem Lokal- muscnm, St. MartiuSkirche, ein prächtiger gothischer Ban, ^>t. Blasien mit seinen alldeutschen Gemälden — so empfiehlt es sich auch zuvor hier gemüthlich Station ;n machen. Singer dem Anerberg gibt es noch verschiedene Ausflüge in die nächste Umgebung, die sehr lohnen, wie z. B. zu den Römcrthürmen von Kemnath und Hclmishofcn (mit großartiger Nnndsicht) und so fort. Was die Bewirthung nur den Anerberg herum anbelangt, so kaun darüber keine Klage walten. Wie der bayerische College Peissenberg von Jahr zu Jahr mehr besucht wird, sollte auch der schwäbische Auerbcrg, der ebenso Schönes bietet, mehr besucht werden. Waldfriedeu. (Ode.) Sanft auf schwellendem Moos ruh' ich in Waldesnacht. Mächtig ragen empor Eichen und Buchen rings, behalten spendend sie wehren Mir der glühenden Sonne Strahl. Traulich murmelt der Quell. Hin über Fels und Stein Plätschert Büchlein so traut. Still in die Wellen schau Ich in süßem Vergessen, Athmend stärkenden Waldcsduft. Horch! — Waldvögelein singt. Sitzend auf grünem Ast Blickt, es staunend aus mich. Lieblich erschallt sein Lied Laut dem Schöpfer zum Lobe. Stille lausche ich andachtsvoll. Glücklich träume ich dann, kununer- und sorgenlos, steril dem bunten Gewühl, fern dem geschäst'gcn Markt Süßen Frieden im Herzen, Dort in schattiger WaldcSnacht. Fritz ClauS. Das Erdbeben von Krakatau. Das Berliner Tagblatt veröffentlicht einen vorn 30. August datirten Brief eines seit längerer Zeit inBatavia domicilirendcn Herrn. Wir entnehmen dem L-chrcibcn daS Folgende: Wir haben hier ein furchtbares Elementar-Ereigniß erlebt: ein Erdbeben. Etwa 1l2 englische Meilen von Batavia liegt die Insel Krakatau, dio schon seit 300 Jahren wegen ihrer thätigen Vulkane einen bösen Ruf hat. Nachdem die Vulkane indessen mehrere Generationen hindurch geschwiegen, begannen sie sich vor.etwa zwei Jahren wieder zu rühren. Wir suhlten hier wiederholt Erdstöße und Erderschüttcrungen. In der Stacht zum Montag (27. August) begannen die wirklichen Eruptionen. Van vier bis acht Uhr Sonntags Nachmittags hörten wir starke Detonationen, und da der Himmel sich zu gleicher Zeit umwölkte und es regnete, so hielten wir es einfach für ein Gewitter. Ich hatte am Abend Besuch und legte mich dann gegen 1l Uhr zu Bett. Kanin hatte ich eine halbe Stunde geschlafen, als ich durch einen heftigen Knall aufgeweckt wurde; erschreckt fuhr ich aus dem Bett; ich hatte die Empfindung, als ob man dicht vor meinem Fenster eine große Kanone abgefeuert hatte; ich glaubte fest an einen estraßenkampf. Ich zählte neun solcher Schläge und merkte nun erst, daß die Detonationen von einer vulkanischen Eruption herrühren müßten. Entsetzt wollte ich das Fenster aufreißen, aber die Scheiben flogen mir in's Gesicht. Das nun folgende Getöse spottet jeder Beschreibung. Alle Fenster barsten, der Kalk fiel von den Wänden, die Lampen verlöschten, daS ganze Haus Lebte. Ich tröstete die erwachten Kinder und war froh, als meine Hausgenossen heimkehrten. An Schlaf war nicht zu denken. Um 2 Uhr Nachts war daS Getöse am Furchtbarsten. Alan unterschied deutlich das Geräusch der Explosionen und dasjenige des NiederfallenS der Erd- und Lavamassen. Das Geräusch folgte einander wie der Donner dem Blitz. Gegen Morgen ging daS Getöse in ein unaufhörliches Grollen über. Das Wetter war hell und klar, es herrschte eine unerklärliche Kälte. Die gcängstigte Thierwclt geberdete sich wie wahnsinnig. Was fliegen konnte, schwirrte in der Luft umher, so daß der Himmel fast verdüstert war. Milliarden von Insekten, Ameisen, Kröten, Bienen ec. krochen aus dem heißen bebenden Boden hervor. Das Fürchterlichste war uns noch vorbehalten. Ich begab mich mit B. zur Stadt. Um nenn Uhr sing es plötzlich an finster zu werden. Wir mußten die Lampen anzünden. Stach einer halben Siunde war der Himmel pechschwarz. Eine Panik ergriff die ganze Bevölkerung. Mit polterndem Geräusch stürzten plötzlich ungeheure Aschcnmasscn hernieder, die in einem Augenblick den Boden 8 bis 4 Fuß hoch bedeckten. Alles was Beine hatte, floh. An den nach Buitenzarg abgehenden Eisenbahnzug klammerte» sich die Leute vcrzwciflungsvoll au. Die Eiugebornen flohen heulend die Berge hinauf nach dem Innern. ES herrschte schwarze Nacht. Die Lieft war zum Ersticken. Der herabfallende Schwefel entzündete sich in der Luft, blaue Flnmmchen zuckten hin und her, der Schwefel- dampf wahr fürchterlich. Die Kniee wankten uns, wir waren einer Ohmnacht nahe. Der Aschenregen dauerte bis gegen 6 Uhr Abends. Allmählig klärte sich die Liest auf, doch der gelbe Schwefcldampf verpestet noch heute die Atmosphäre. Am Montag Abend herrschte eine furchtbare Kälte, so das; wir unsere dicken Jacken hervorsuchen mußten. Wir hatten das Gefühl, als wenn wir aus dem heißesten Sommer urplötzlich iu den strengsten Winter versetzt worden wären. Batavia glich einer Wintcrlandschaft. Die Bäume, von der Hitze entlaubt und kahl, Waren mit einer grauen Masse bedeckt. Die Gefahr war vorüber, die Verwüstungen aber entsetzlich. Auf dem' Boden des MccrcS hatten sich Vulkane geöffnet und ungeheure Wassermasscn auf Batavia gewälzt. Es regnete Haifische und Krokodile.. Drei furchtbare Wogen setzten den unteren Theil von Batavia auf zwei bis zehn Minuten unter Wasser. Kleinere Dampsbootc und Schaluppen wurden mitten auf die Straße gesetzt. Telegramme melden, daß die ganze Insel Krakatnn, die so groß war wie Irland, untergegangen ist. Das Festland der Insel gegenüber ist total verwüstet. Ganze Städte, Wälder und Felder sind verschwunden. Die Zahl der verunglückten Europäer schätzt man auf 2 bis 300. M i s e e l l e n. (Eine gute Quittung.) Ein Arzt präsentirte dem Testamentsvollstrecker eines seiner verstorbenen Patienten die Rechnung und fragte: „Wünschen Sie, daß ich meine Rechnung beschwöre?" — „Nein," erwiderte der Testamentsvollstrecker, „der Tod des Verstorbenen beweist zur Genüge, daß Sie ihm ärztlichen Beistand haben ange- dcihen lassen." (Bei der Felddienstübnng.) Lieutenant: . . . „Nach welcher Himmelsgegend marschircu wir?" — Markus: „Nach Süden, Herr Lieutenant!" — Lieutenant: „Richtig! Woran erkennen Sie denn das?" — Markus: „Weils immer wärmer wird, Herr Lieutenant!" " (Naiv.) Lehrer: „Was lernen wir aus dem Gleichnisse von den sieben klugen und thörichten Jungfrauen?" — Schülerin: „Daß wir stündlich auf den Bräutigam warten sollen." (Nur praktisch.) A.: „Wie kommt es, daß Sie allein einen Maßkrug haben und alle Anderen nur Halbe?" — B.: „Das ist ganz einfach: Weil i' mi' da blos halb so oft über's schlechte Einschenken ärgern mnaß, wie die dummen Kerl da!" (Trumpf.) Herr (in einen Tramwaywagen tretend): „Ist die Arche Noah schon voll?" — Passagier: „Bis auf den Esel; wollen Sie nur hereinkommen!" Räthsel. Zwei Worte sind's, die Jeder kennt, zwei Worte nur, doch voll Gewicht; Bald ist's ein Hammer, dessen Schlag, was härter als ein Fels, zerbricht; Ein Feuer bald, das flammt und sprüht, und doch kein Haar am Haupt versehrt; Ein Lufthauch bald, gelind und saust, ein Sturmwind bald, der Cedern bricht; Ein Donner setzt, der mächtig dröhnt, und jetzt ein scharf geschliff'ncs Schwert, Das Leib und Seele scheiden kau»; verwundet's auch, es schadet nicht; Ein Regen ist's, er netzet nicht, und labt mir den, der sein begehrt; Ein Spiegel ist's, der alles zeigt, und doch bedarf kein fremdes Licht; Arznei dem Kranken, dient es auch als Speise, die Gesunde nährt; Ein Samen ist's und Frucht zugleich, du trennest Kern und Schale nicht; Ein Ganzes und vom Wechsel frei, Irägts doch ein Doppelangesicht; Dem ist es schrecklich, dcr's verschmäht; den: lieblich, der zu ihm sich kehrt; Zwei Worte nur, du horst sie gern; nun rathe, Kind, und fehle nicht I Für die Redaktion verantwortlich: AlPhonS Planer iu Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Hultlcr.,