Nr. 83. 1883. tur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 17. Oktober Der OpaLrirrg. Roinair aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Faucourt nahm sofort seine schöne Wohnung zu Magnus Square in Besitz. Den ersten Abend brachte er damit zu, die prächtige Einrichtung, die sein gearbeiteten Möbel, schwerseidcnen Damastvorhänge, großen Spiegel und kunstvollen Bronccstatuen, sowie die herrlichen Gemälde, welche die Wände schmückten, zu beschauen. Damit fertig, träumt er, auf einer Ottomane hingestreckt, von der brillanten Zu kauft, welche seiner harrt. Rechts neben ihm auf einem kleinen Tische steht eine kleine Schelle, er brauchte sie nur zu berühren und sofort eilen Diener herbei, um seinem leisesten Befehle zu gehorchen. Wünscht er zu reiten? Die Pferde im Stalle stehen zu seiner Verfügung. Will er ausführen, so hat er nur den Wagen zu bestimmen. IN der nächsten Londoner Saison wird er als Erbe und Enkel Lord Alphington's allenthalben empfangen werden und die schöne Madcline Dalton, um sein Glück vollständig zu machen, dann die Seinige sein. Stürmisch pochte sein Herz bei diesem Gedanken, alle Furcht war für den Augenblick verschwunden. Solcher Art waren die Reflexionen, mit denen er sich zu Bette begab, um am nächsten Morgen durch einen unerquicklichen Besuch in Gestalt eines Briefes aufgeweckt zu werden. Nachdem er denselben gelesen, sprang er mit einem Fluche in die Höhe, schellte heftig, befahl dem eintretenden Diener, ihm auf der Stelle das Frühstück zu bringen und den kleinen offenen Wagen anspannen zu lassen. Bald darauf fuhr er in raschem Trabe dem Stationsgebäude zu. Seine Abwesenheit von London dauerte ungefähr eine Woche; deshalb war es ihm auch unmöglich gewesen, seinen Besuch in Joy Collage zu wiederholen. Er kehrte Abends zur Stadt zurück. „Wo ist James?" frug Fancourt. „Zum Henker, weshalb ist er nicht hier, da er doch wußte, daß ich zurückkommen wollre"; denn nicht sein Diener, sondern ein Fremder, ein ziemlich kleiner Mann mit klugen, grauen Augen und schwarzem Haare hatte seine Neiseeffekten in Empfang genommen. „James hat plötzlich nach seiner Heiinath abreisen müssen, da sein Vater bedenklich erkrankt ist", erwiderte der neue Diener und Mr. Parker beauftragte mich, seine Stelle zu versehen." Faucourt verwünschte James nebst seinem Vater und den Haushofmeister und schloß mit der Bemerkung, es sei ihm ganz einerlei, wer ihn bediene, wenn nur seine Befehle pünktlich ausgeführt würden. „Wie heißest Du?" frug er endlich. „Mein Name ist John, Sir." „Hast Du schon früher eilten einzelnen Herrn bedient?" . 658 „O ja, Sir", entgeguete lächelnd der Mann, „schon mehrere nnd immer zur größten Zufriedenheit." „Das genügt. Hier nimm' meinen Ncbcrzichcr mit weg, nnd sage Brooks, ich wünschte in einer Stunde zu speisen." Der Diener empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung und eilte, dem Befehle seines neuen Herrn Folge zu leisten. Mit der Zeit machte sich John ganz unentbehrlich; er schien die leisesten Wünsche Fauconrt's errathen zu können. Hatte dieser einen Brief oder sonstigen Auftrag zu besorgen, so war Niemand pünktlicher, als John. Nie vergaß er eine Bestellung, ja, er entwickelte in der Regel mehr Umsicht, als sein Herr selbst. Wenn dieser völlig berauscht und stolpernd in der Nacht nach Hanse kam — was sehr häufig geschah — immer war John znr Hand, um ihm beim Auskleiden behülflich zu sein und am nächsten Morgen erschien er wieder mit seinem gewohnten Lächeln, als ob Nichts vorgefallen sei. John verkehrte nicht viel mit den übrigen Dienstboten nnd diese hielten ihn für verschlossen, doch war er so freundlich und zuvorkommend gegen Alle, daß sie ihm unmöglich böse sein konnten, und diese Zurückhaltung schien ganz besonders Vertrauen zu erweäm, denn er wußte immer Alles, was um ihn her vorging. Sein Herr wünschte sich Glück, einen so umsichtigen Diener zu besitzen und beschloß, diesen gewandten, klugen Burschen für seine Zwecke zu benutzen und nöthigen- falls die Verschwiegenheit desselben zu erkaufen. Daher befahl er, John in Dienst zu nehmen nnd James, wenn er zurückkommen sollte, zu entlassen. Scchszehntes Capitel. Wochen vergingen. Der heiße staubige August war dem schwülen Juli und dem sonnigen Juni gefolgt. Ende Juli hatte Donglas die alte Tante, welche er so sehnlichst zu beerben wünschte, durch den Tod verloren. Seine Erwartungen wurden bedeutend übcrtroffen, da es sich herausstellte, daß die alte Dame aus Geiz so sparsam gelebt hatte. Ein Testament fand sich nicht vor und so erhielt Douglas das ganze Vermögen. Er ging zum Begräbnisse hin, kam aber schon nach zwei Tagen freudestrahlend zurück; es würde auch seinerseits Heuchelei gewesen sein, Trauer zu äußern, da er seine Verwandte kaum gekannt hatte. Zwischen der Familie Dalton und den beiden Künstlern ward ein lebhafter nnd vertrauter Umgang unterhalten. Die jungen Männer, welche herausgefunden, daß die beiden Misse's Talton vor ihrer Ucbersicdclung nach London öfters nach der Natur gezeichnet hatten, benutzten dies als Vorwand und veranlaßten deren Mutter, sie auf ihren Touren nach den hübschen Punkten der Gegend zu begleiten; zu diesen Ausflügen wurden immer die Nachmittage gewählt, an welchen Vertha frei war. Draußen in der schönen Natur verkehrten die jungen Leute ungezwungener nnd offener miteinander, als dies in der Stadt möglich gewesen wäre, und so kam es, daß die herzliche Zuneigung, welche Douglas für Bertha empfand, zu einer innigen Liebe heranwuchs, denn ihr sanfter, unverdorbener, aufrichtiger Charakter offenbarte sich den beiden Freunden von Tag zu Tag mehr. St. Lawrence hielt Lena noch immer für das hübscheste Mädchen, welches er je gesehen, aber sie besaß nebenbei auch die Fehler, welche ihm am widerwärtigsten waren. Sei es nun, daß der ländliche Hintergrund, auf welchem er sie so oft erblickte, nicht zu ihr paßte, oder machte der innere Zwiespalt sie außergewöhnlich unliebenswürdig und launisch; was es auch immerhin sein mochte, St. Lawrence fühlte sich nicht mehr zu ihr hingezogen. Ihr Lächeln hatte allen Reiz für ihn verloren, und ihre angenommene Kälte war ihm gleichgültig. Für Bertha hingegen empfand er die aufrichtigste Verehrung. „Brüderliche Zuneigung", pflegte er dieses Gefühl bei sich zu nennen. Wie 659 hätte er es auch anders bezeichnen dürfen, ohne zum treulosen Vcrräthcr an seinem Freunde zu werden. Fanconrt zählte auch zu den häufigeren Besuchern von Joy Collage,' der Zweck derselben war unverkennbar, doch halte er sich bis jetzt noch nicht erklärt. Zufällig traf er nie mit Douglas und St. Lawrence zusammen; dies mochte wohl daher kommen, das; er seine Besuche meistens bei Tage machte, — die Abende brachte er in weniger anständiger Gesellschaft zu. St. Lawrence dagegen war den ganzen Tag über fleißig an seiner Staffelet beschäftigt und konnte nur über die späteren Stunden des Nachmittags verfügen. Donglas bekannte offen, daß er Bertha's wegen hingehe und die Abends zu Hanse sei. Lord Alphington und St. Lawrence erhielten beide von Zeit zu Zeit Nachrichten von Mr. Niggs; der erstere durch seinen Rechtsanwalt und letzterer vom Geheimpolizisten selbst. Dieser drang noch fortwährend in ihn, sich ruhig zu verhalten. Bis jetzt hatte man nichts Wciter's über den Opalring in Erfahrung gebracht. „Ich hoffe und glaube, Ihre Angelegenheit in's Reine bringen zu können, aber äußerste Vorsicht ist nothwendig", schrieb Mr. Niggs in seinem letzten Briefe. St. Lawrence sah ein, daß er warten und vertrauen müsse, wenn auch gewisse Verhältnisse ihm dieses Warten qualvoll machten und ihn zeitweise die Furcht befiel, seine Pflicht nöthige ihn, die Fesseln zu brechen, die Mr. Niggs ihm angelegt, selbst auf die Gefahr- hin, persönlich Schaden dadurch zu erleiden. Durch das ererbte Vermögen stieg Douglas bedeutend in den Augen der Mrs. Dalton. Bei ihr stand es von jeher fest, daß Lena durch Heirath ihr Glück machen muffe und vermittelst einer kleinen Unterstützung von ihrer Tochter werde es für sie möglich sein, von ihrem geringen Einkommen zu leben. Aber was denn mit Bertha anfangen? Lena werde natürlich einen vornehmen Mann heirathen und dann paffe es doch nicht für die Schwägerin eines Grafen, die Mnsikstnnden weiter fortzusetzen. Diese schwierige Frage ist jetzt glücklich gelöst, da sich Douglas in Bertha verliebt hat; man muß es wirklich eine Fügung der Vorsehung nennen", vertraute Mrs. Dalton Lena an. Für ihre älteste Tochter würde sie eine solche Verbindung verschmäht haben, aber was konnte sie für Bertha mehr erwarten, als ein bescheidenes Einkommen und ein Btann von hübschem, tadellosen Aeußeren und feinem Benehmen, dessen sie sich unter ihren zukünftigen aristokratischen Verwandten nicht zn schämen brauche. Auf diese Weise regelte die kluge Mutter zu ihrer eignen Befriedigung die Zukunft der beiden Töchter. Bertha war wohl die einzige Unwissende in Betreff der Absichten von Charles Douglas. Sie mochte ihn schon früher gut leiden und nun, wo sie bekannter geworden waren, fühlte sie sich ganz behaglich in seiner Gegenwart, vielleicht etwas zu sehr behaglich, wie Douglas zuweilen befürchtete. Er hätte es liebcr gesehen, wenn sie bei seinem Erscheinen die Farbe gewechselt, oder eine leichte Verwirrung gezeigt; jedvch verzweifelte er noch nicht, Bertha fand ja Vergnügen an seiner Gesellschaft und Mrs. Dalton ermnthigte ihn, wenn auch nicht durch Worte, so doch durch mancherlei Andeutungen, welche er nicht mißverstehen konnte und dies würde sie doch nicht thun, dachte er, wenn keine Hoffnung für mich wäre. Deshalb beschloß er sich ein Herz zu fassen und seine Bewerbung zn beschleunigen. Seit Douglas durch die Vergrößerung seines Vermögens ein hcirathsfähiger Mann geworden, besuchte St. Lawrence Joy Collage nur noch bei seltener Gelegenheit. Ernährn freilich noch an den Ausflügen Theil, doch widmete er sich dann ausschließlich Mrs. Dalton und Lena und überließ Bertha feinem Freunde. Lena bemerkte diesen Wechsel mit großem Entzücken und zweifelte nicht, daß ihre Reize endlich den Sieg über dieses gefühllose Herz davongetragen; das ihrige pochte nur zn ungestüm bei dem Gedanken die einzige Liebe, welche hätte sie erwidern können, jetzt wirklich zn besitzen. Während sie glaubte, St. Lawrence sei gleichgültig gegen sie, entspann sich ein heftiger «66 Kampf in ihrer Seele; sie hätte all' ihren Ehrgeiz bet Seite werfen mögen, um aus seinem Munde das Geständniß der Liebe zu vernehmen, aber jetzt, wo sie ihn wieder zu ihren Füßen wähnte, erwachte die frühere Eitelkeit. Die Aussicht auf Rang und Reichthum verlockte sie von Neuem und der Wunsch regte sich in ihr, beide Faucourt sowohl wie St. Lawrence, zu fesseln. Mit Hülfe des ersteren wollte sie sich zu der heiß ersehnten Stellung emporschwingen und der letztere sollte in ihrer Nähe verweilen, damit sie doch wenigstens verhüten könne, daß er seine Neigung einer Anderen schenke. St. Lawrence dachte nicht im Entferntesten an die Möglichkeit, daß Lena Talton ihn liebe, da er ihr nie Veranlassung zu der Annahme gegeben hatte, daß ihn ein wärmeres Gefühl, als das der Freundschaft, beseele; er würde unglücklich gewesen sein, hätte er in ihren: Herzen lesen können. Unwissend wie er war, bestärke er sie noch in diesem Mißverständnisse, indem er ihre Zeichnungen verbesserte, beständig an ihrer Seite blieb und jeden ihrer kleinen Wünsche erfüllte, obgleich seine Gedanken anderweitig in Anspruch genommen waren. Die häufigen Zerstreuungen hätten ein selbstloseres Wesen als Lena Dalton genügend überzeugt, daß sein Herz an diesen Artigkeiten ihr gegenüber keinen Antheil nahm. Es war Douglas ausgefallen, daß sein Freund sich seit einigen Wochen in niedergeschlagener, zuweilen sogar reizbarer Stimmung befinde. Er glaubte, die Ungewißheit und das lange Warten, ehe der Betrüger, dessen Opfer er war, entlarvt sei, habe die Gesundheit von St. Lawrence untergraben und ihn: allen Frohsinn geraubt, deshalb gab er sich Mühe ihn aufzuheitern und gewaltsam zu zerstreuen. „Die ganze Angelegenheit geht mir nicht mehr so zu Herzei: wie früher", entgegnen St. Lawrence eines Tages, da Douglas ihn wieder zur Geduld ermähnt hatte. Wenn ich nicht dächte, die Gerechtigkeit erfordere es, daß der Uebclthäter die verdiente Strafe erhält, so würde ich mich für meine Person schon ganz und gerne zufrieden stellen und nach Italien oder Palestina oder sonst in irgend ein entferntes Land reisen. Selbst angenommen, schon morgen wäre die Geschichte in Ordnung, ich könnte nach wirklich nicht darüber freuen." „Warum in aller Welt, sitzest Du denn hier und schneidest Gesichter, wie eine kranke Katze? Du scheinst mir in der Stimmung Hamlet's und der Menschen überdrüssig zu sein. Weshalb verliebst Du Dich nicht?" Bein: Zeus, Dir bliebe keine Zeit übler Laune zu sein, wenn Du versuchtest, das Herz eines so süßen kleinen Wesens, wie meine Bcrtha ist, zu erringen. He, ich wollte sie wäre mein! Was meinst Du, St. Lawrence, ob ich wohl Aussichten habe?" „Um's Himmels willen, Douglas, verschone mich mit der ewigen Wiederholung desselben Thema's", rief St. Lawrence-fast ärgerlich aus, indem er sich mit dem Ellenbogen auf den Tisch stützte und das Gesicht mit der Hand verdeckte. „Wie kann ich das wissen, weshalb fragst Du sie nicht selbst?" „Weil ich fürchtete, trotz all' meiner Bemühungen ein kurzes klares „Nein" als Antwort zu erhalten", erwiderte Douglas, sich durch sein lockiges Haar fahrend. „Zudem verstehst Du augenscheinlich nicht die Art und die Weise der Kriegsführung. Hat man wohl je von eurer Festung gehört, welche durch des Feindes höfliche Einladung „Bitte, wollen Sie sich nicht ergeben?" erobert worden wäre? Und worin bestände dem: auch das Glück? Denke Dir, welche Aufregungen, welche Welt von Gefühlen man dadurch einbüßen würde. Ich glaube in der That, die Frauen nehmen deshalb eine hervorragende Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein, weil es so äußerst schwer hält, eine von ihnen für sich zu gewinnen. Früher konnte man sich die Frau, welche man wünschte, einfach kaufen oder stehlen, wie jeden anderen Gegenstand. Aber jetzt — der Henker hole es — muß man Monate lang auf den Busch klopfen, um dann vielleicht schließlich doch noch mit einem Korbe beehrt zu werden — und das läßt sich auch in keiner Weise ändern." 661 Douglas, ich kann mir nicht denken, daß Du es ernstlich meinst, Du könntest sonst unmöglich so darüber sprechen", sagte Lawrence aufspringend. Hastig schritt er zu seinem Arbeitstische hin und begann die Farben und Pinsel zu sortiren. „Ah, ob ich es wohl ernstlich meinet" rief Douglas. „Habe ich doch, nachdem die theure alte Dame zu den clysüischen Feldern abgereist war, den Namen „Bertha Douglas" auf mein erstes RechnungSbuch geschrieben, um zu sehen, wie sich das ansnehme." „Pah!" stieß St. Lawrence ungeduldig hervor. „Ich nehme das Leben nicht so ernsthaft wie Du, alter Freund; das steckt nun einmal nicht in mir. Mir ist es geradezu unverständlich, daß Romeo sich tödtcte, selbst wenn auch Julie gestorben war; auch kann ich mir keine Vorstellung von den Gefühlen Othello'S machen, nachdem er sein Weib ermordet hatte, deßuugeachtct werde ich doch ein guter Ehemann sein — passe auf, ob es nicht wahr ist." „Wenn Du es nicht würdest — wenn Du ihr je Ursache zn einem Seufzer oder Thräne gäbest",— begann St. Lawrence heftig, während sich sein Gesicht röthete; aber mit einem tiefen Seufzer, der aus dem Innersten des Herzens emporzusteigen schien, bezwäng er seine Erregung und sagte: „Achte nicht auf meine Worte, ich befinde mich augenblicklich in einer sehr miserablen Stimmung. Wenn es nicht wegen dieses Riggs wäre, so würde ich, wie ich Dir auch schon vorhin sagte, auf Reisen gehen, je weiter, je lieber. Laß uns von etwas anderem sprechen. Was willst Du trinken? Claret ist am erfrischendsten." „Ja, Claret auf alle Fälle. Ich bin ohnehin entschlossen, dem Branntwein, den Pfeifen und allen diesen Geschichten Lebewohl zu sagen und mich anstatt dessen zu Thee und Bntter- brödchcn zu bekehren. Der Club verliert eines seiner hervorragendsten Mitglieder, aber noch größer wird das Bedauern sein, wenn St. Eustac Lawrence Esgu. ihn nicht durch seine Gegenwart beehrt." „Ich habe keinen Geschmack an dergleichen Dingen, das scheint mir nicht angeboren« zu sein; zu dem bin ich ein so trübseliger Geselle, den man am besten sich selbst überläßt. Dich werde ich sehr entbehren, Douglas, wenn Du Dich vcrheirathcst." „Mich entbehren? Aber alter Freund, Du darfst doch überzeugt sein, daß Du mir in meiner Häuslichkeit immer willkommen sein wirst", rief Douglas aus. „Ich weis; nicht, weshalb Bertha in der letzten Zeit Dir gegenüber etwas verlegen war; früher hatte sie Dich doch sehr gerne." St. Lawrence trat an's Fenster und warf es mit einem Ruck so weit auf, als möglich. „Es ist schrecklich heiß heute, wir bekommen sicher ein Gewitter." „Das wurde mich freuen", eutgegncte Douglas, nach den sich sammelnden Wolken hinanfblickend. „Gewitter reinigen die Luft." (Fortsetzung folgt.) G o l d k ö r n c r. Empfiehl deine Angelegenheiten Gott nno flehe herzlich zu Ihm, Er wolle Alles so leiten wie es für dich am besten sei. Gott hat seit Jahrhunderten und Jahrtausenden laut der Kirchcngeschichtc und der heiligen Schrift Gebete erhört und erhört sie auch heut zu Tage noch, ohne abzuwarten, was die Weisen des Tages dazu sagen würden. Der Mensch weiß nicht um was er bittet. Wir sollten um nichts beten, als Gott wolle das thun, was er als das Beste für uns erkannt. Nur wahre Frömmigkeit und Tugend machen wahrhaft glücklich, ja, sie gewähren auch unter Leiden und Trübsalen, die nie ausbleiben, noch eine Glückseligkeit, eine innere Ruhe und Zufriedenheit, die bei allen Prüfungen unzerstörbar bleibt. SaiIcr. 662 Zur Geschichte des Schachspiels. (Aus der Zeitschrift „Europa.") „Das Spiel aller Spiele" — so wird mit Recht das edle, sinnreiche Schach genannt, „die Lnst aller Denker", der „Kaiser unter den Spielen!" Seit Jahrtausenden die Freude und Erholung intelligenter Köpfe jedes Standes, gespielt von unzähligen Millionen von Pol zu Pol, die, mögen sie noch so begabt sein, dies Spiel nie auszulernen vermögen, wird es voraussichtlich noch lange sich derselben Beliebtheit erfreuen. Mit der Cnltnrgcschichte der Völker theilweise auf's Innigste verwebt, ist das herrliche Schachspiel schon unter den Sassanidcn aus Indien nach Persien verpflanzt worden. Wohl beanspruchen die Perser diese großartige Erfindung, haben auch eine ziemlich läppische Erzählung von der Gelegenheit auszuweisen, wobei der Vezir Nnshir- van's darauf verfallen sein soll. Aber diese Behauptung hat schon der große Geograph Ritter gründlich widerlegt; er weist nach, daß dieses edelste aller Spiele nuwidcrsprech- lich aus Indien stamme und sich von dort auf verschiedenen Wegen in alle Welt verbreitet habe. Sagenhaft, wenngleich sinnig, bleibt die bekannte Erzählung von dem Brahmincn Sissa oder Sissera (400 v. Chr.), der das Spiel erfand, um dem das Volk geringschätzenden König Schechram dadurch die Lehre zu versinnbildlichen, daß ein Herrscher an und für sich machtlos, nur allein durch seine Unterthanen mächtig und geschützt, ja selbst oft durch den Verlust eines einzigen Unterthan's (eines Bauern) verloren sei. Auf die bekannte Gnade, die der Priester sich erbat, ein Korn für das erste, zwei für das zweite, vier für das dritte Feld n. s. w., geh'n wir nur kurz ein und erwähnen dabei, daß das'beanspruchte Getreide einen Raum von 2200 Qnadratmcilen verlangte und zwar mit einer Lagerung des Kornes von 60 Fuß Höhe. Die Araber, welche irrig angeben, daß das Schachspiel erst 226 n. Chr. aus Eifersucht auf den König Artaxerxes erfunden sei, welcher das Brettspiel erdachte, haben ihren Namen dafür Shetrendj von den Persern überkommen. Dies Wort ist eine Entstellung von Chatnr-Anga, welches im Sanscrit ein Kriegsherr, buchstäblich ein Vier- geglicdertes bedeutet. Zu einem vollständigen Heere gehörte nämlich: Infanterie, Elephanten, Reiterei und Streitwagen. So war denn auch das Heer des Königs Porns zusammengesetzt, den Alexander der Große besiegte. In: Schachspiel.stellen nun die Bauern (nach unsrer unpassenden Benennung) das Fußvolk vor; die Läufer repräsentiren die Elephanten, die Springer vertreten die Reiterei und die Thürme die Streitwagen. Der König ist, Ivas sein Name aussagt, die Königin ist der eigentliche Feldherr. Der bei uns eingebürgerte Ausdruck Schachmatt ist dem Persischen entlehnt. Syakmat bedeutet: der König ist gefangen und todt. Der Name der Königin oder Dame ist im Persischen oder ^sr-sin (Vezir — Premierminister). Diesen entstellten lateinische Dichtungen des 12. Jahrhunderts in I^roim, woraus dann Heros, INsr^s und später Visr^s ---- Jungfrau, Dame wurden, wunderliche Umwandlung eines Diplomaten in eine Jungfrau. Unser Thurm führt bei den Orientalen den Namen Rolclr, der sich noch in: Kunst- ausdruck rochiren erhalten hat. Ilolllc ist gleich Kameel, wie denn auch noch unser Thurm bei den das Schachspiel leidenschaftlich liegenden Hindas diese Gestalt trägt und zwar mit einem darauf sitzenden Reiter. Unser Läufer ist bei den Engländern zum Bischof (bislrox), bei den Franzosen zum Narren (Ion) geworden. Wird berichtet, daß Palamedos bei der Belagerung Troja's znr Verkürzung der langen Weile das Schachspiel erfunden, so ist dies eben so unbegründet, als daß die Römer bereits das Spiel in Asien verbreitet fanden und ihr Brettspiel (luäus intronnw. oder latrnnonlorniii) eine Nachahmung desselben gewesen sei. Vielmehr haben erst die Araber dies Spiel von den Persern erlernt und den Rittern des Abendlandes mitge- 663 theilt. Ritter hat gewichtige Gründe für die Annahme, das; nicht erst Kreuzfahrer das Schach aus dem Oriente mitbrachten, vielmehr die Mauren in Spanien die eigentlichen Verbreiter waren. Das edle, königliche Schach, welches mit der Cultnrgeschichte fast aller Völker innig verwebt ist, war auch im hohen Norden früh bekannt, wie wir aus einer uns noch erhaltenen „magischen Figur", einer sogenannten „Zauberrune" schließen dürfen, welche dem Spieler, der sie, die holzgcschnitzte, in der Hand hielt, angeblich den Sieg verlieh. Daß die alten Dünen schon frühzeitig daS Schachspiel schätzten, verbürgt uns ihr Chronikant Snvrre Stnrleson, der uns ein anziehendes Erlebniß aus der Regierung des Königs Konnt vorführt. Dieser Herrscher, ein passionirtcr Vertreter des Schachs, suchte im Jahre 1028, als er mit dem König von Schweden und Norwegen Krieg führte, seinen Schwager den Jarl (Grafen) Ulfo in Roeskilde auf. Dieser bemühte sich, den königlichen Gast, welchen Nmnnth erfüllte, angenehm zu unterhalten, und als jener düster und verstört blieb, trug er ihm eine Schachpartie an, auf die Kannt einging. Eine Zeit lang blieb das Spiel unentschieden, bis der König einen schlechten Zug that und in Folge dessen einen „Springer" (rtäcinra. — Ritter) einbüßen sollte. Aber Kannt wollte den Verlust nicht verschmerzen und begehrte, indem er seinen Offizier wieder ausstellte, Gras Ulfo solle einen andern Zug thun. Der Jarl aber ein ebenso heftiger und leidenschaftlicher Mann als sein Monarch, verweigerte dies zornig, warf das Brett um und entwich aus der Halle. Da folgten ihm die entrüsteten Worte des Königs: „Ufo, Feigling, Tu fliehst?" Der Graf, auf's äußerste erbittert, kehrte nun wieder um und cntgcgncte bitter: „Im Helgaflnssc hättet Ihr Eure Flucht fortgesetzt, hätte ich Euch nicht beigestauden! Wahrlich, als die Schweden Euch auf's Haupt schlugen, wie einen Hund, da schaltet Ihr mich nicht feige!" — Darauf entwich er auf's Neue, mußte aber seine ebenso wahren als kühnen Worte wenige Tage darauf mit dem Tode büßen. Auch England kennt das edle Schachspiel schon seit länger als 700 Jahren und ist es wahrscheinlicher Weise zu Kamits Zeit vom Norden her eingeführt. Der alte Chronikant Gaimar, welcher um die Mitte des 12. Jahrhunderts seine interessanten, ciiltnrhistorisch merkwürdigen Berichte verfaßte, erzählt in seiner naiven Weise: „König Edgar sandte seinen Boten Edelwoth nach dem Schlosse des Grafen Orgar in Dcvonshirc, auf daß er sich überzeuge, ob Elstrucih, dessen Tochter, wirklich ein Wunder der Schönheit sei. Als Edelwoth anlangte, da spielle Orgar Schach, ein Spiel, daS er von den Dänen erlernt hatte. Mit ihm spielte die schöne Elstrueth; „ein schöneres Mädchen sah die Erde nie! Ob nun später der stattliche König, durch den Bericht seines Abgesandten entflammt, mit der schönen Grafentochter zwei Partien spielte, gleich jenen, die zwei moderne, vielverbrcitetc englische Stahlstiche uns schildern („(MessO und .,küntwD —: „Schah" und „Mat"), können wir leider nicht verrathen. Auch in Island blühte die Kunst des Schachspiels schon frühe. Wie uns aus dem 11. Jahrhundert berichtet wird, war es im ganzeil Volke verbreitet, das ja schon damals auf einer hohen Kulturstufe stand. Ein berühmter Skalde (Sänger), Gunlaug genannt — so erzählen die Dichter — spielte Schach mit der schönen Helge, deren Besitz ihn, einst vergönnt sein sollte. Raser, ein Kunstgenüsse, forderte, von Eifersucht entflammt, den vvn der Schönen begünstigten Sänger zum Zweikampf heraus und Beide fanden ihren Tod. M L s e e l l e;r. (Aus dem Berliner Gerichtssaale.) Weinend und händeringend betritt eine alte Matrone mit weißem Haar und durchfurchten, Gesicht die Anklagebank der zweiten Strafkammmcr des Landgerichts I.; sie macht fortwährend tiefe Knixe vor dem Präsidenten und bückt dann wieder verzweifelt den Staatsanwalt an. — Präs.: Sie sind die 73- 664 jährige Wittwe Busse? — Angekl.: Ach Du meiu JE ja, ick bin ja de Busse'n, de arme, dc unglückliche Bussen! — Präs.: Sie haben wie es scheint Ihr Leben nicht in Ehren verbracht, denn Sie sind nicht weniger als 13 Mal bestraft, und haben den größten Theil Ihres Lebens in Gefängnissen und Zuchthäusern zugebracht. Angekl.: Mein gutester Herr, dat is't ja all' eben! Wenn der liebe Gott nich will, denn kommt der Mensch aus de Verschmadderung nich mehr raus, und de Bussen war ccn Unglückskind von ganz kleen an, und se wird als Unglückskmd nu ooch ins Jras beißen! — Präs.: Ihnen scheint aber das Stehlen zur zweiten Natur geworden zu sein, denn kaum sind Sie aus dem Zuchthaus entlassen worden, da haben Sie schon wieder beim Kaufmann Ncumann gestohlen. — Angekl.: Ach bester Herr, et war ja man en Bisken Kaffee. — Präs.: Ihr „Bisken" Kasse war ein volles halbes Pfund. — Angekl.: Mein scheenster Herr Präsident, Sie sind ja so jut, schenken Se's doch ne olle Frau noch mal! So'n Bisken Lorke macht doch den Mann janz und jar nich glücklich, und Sie machen sich doch auch nischt draus, ob so'n armes, altes Huhn ins Loch jeht, aber da is es doch so kalt, und denn 73 Jahre! Nicht wahr, Sie sind so jrundjütig? — Staatsanwalt: Den Kaffee konnten Sie doch am Ende nicht auf einmal verzehren? — Angekl.: Mein schönster, süßester, junger Herr, legen Se doch en gnädiges Wort für so'n altes Reff mit ein! O JE, erbarmen Sie sich doch, ct is ja so düster in das olle Gefängniß. Um so'n Bisken Kaffee. Wenn man erst so in de Siebzig ist, denn schmachtet man ja nach'n Täsken Warmen und de olle Bnsse'n hat den Kaffee immer so jeruc gedrunken, schon wie se noch dc junge Bussen war, und so Tassener sechse, die schnabbert man ja jerne runter.... Ach JE, erbarme Dir! Mein bester Staatsanwalt, sei'n Se doch man so jut, Se sollen ooch Jlück haben for Ihr janzet Leben un de schönste Frau un de liebsten Kinder. Sei'n Se doch man so jut! — Der Staatsanwalt konnte diesen intensiven Bitten nicht widerstehen. Er beantragte wegen Entwendung von Eß- waaren nur vierzehn Tage Haft, auf welche der Gerichtshof auch erkannte. Mutter Busse knixte noch tiefer, warf dem Staatsanwalt einen regelrechten Kußfinger zu und versicherte ein Mal über das andere: „Ich hab's all' immer gesagt: Der Herr Jerichts- hof is jar nich so böse, wie er aussieht!" „Warum willst Du denn eigentlich aus meinen Diensten gehen?" — „Wenn ich es aufrichtig sagen soll, gnädiger Herr, weil ich Ihren Zorn nicht ertragen kann." — „Ach, mein Zorn! Kaum ist er da, so ist er auch schon wieder weg." — „Ja, aber — kaum ist er weg, so ist er auch schon wieder da!" (Arg verändert.) „Hcrjott, mein lieber Schulze, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja so lauge nicht geseh'n .... aber nee, haben Sie sich verändert, man kennt Sie ja kaum wieder." — „Entschuldigen Sie, mein Herr, ich heiße gar nicht Schulze." — „Jroßartig, Schulze 'heeßen Sie..och nich mehr!" (S ch arfbli ck.) „ Johann, wie kauiU,M mir denn, eine Hose mit ganz zerrissenen Taschen bringen?" — „Ich dachte mir:-HM'-mZ schon der 5. und da stecken der Herr Lieutenant doch nichts mehr ein." R ii.t h s el. Einsilbig ist's und eins von den Metallen. Versetz' Buchstaben dann, das Spiet wird dir gefallen; Ein zweites Wort entsteht und wird dein Forschen lohnen; Es nennt die Hatte dir, in der die Seelen wohnen. Ein Drittes finde noch, dann ist's dir ganz gelanget!: Es schneidet scharf und lies, von kräst'ger Hand geschwungen. Auslosung des Räthsels in Nr. 82 : „Wort Gottes." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler.