Nr. 84. 1883. »m „Ängslmrger Pojheitnng? Samstag, 20. Oktober Der GpalrLng. Nonian aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Siebe nzehnrcs Capitel. Bertha Dalton litt an einem ähnlichen Gefühle tiefer Niedergeschlagenheit, wie St. Lawrence; sie verlor den Appetit, die zarte Nöthe ihrer Wangen erblaßte; keine einzige Beschäftigung machte ihr mehr Vergnügen und sie war ihrer Mutter aufrichtig dankbar, als diese den Wunsch aussprach, sie möchte nach den Ferien keine Mnsikstunden mehr ertheilen, da ihre Kraft zu erlahmen schien. Anstatt wie sonst fröhlich im Garten zu arbeiten, ging sie jetzt planlos darin umher und die Blätter ihres Buches wandte sie unbewußt und ohne gelesen zu haben um. Nur ihr Licblingsdichter interesfirte sie noch. Wurde sie gebeten zu singen, so wählte sie schwermüthige Lieder und sehr häufig fing ihre Stimme, ehe sie zu Ende war, an zu zittern, und sie brach Plötzlich ab. Ihre Mutter und Schwester waren zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt um diese Veränderungen wahrzunehmen. Lena, beeinflußt durch die verführerischen Bilder von Luxus und Wohlleben, welche Mrs. Dalton fortwährend vor ihren Augen entrollte, hatte, wie sie wenigstens glaubte, den Kampf mit ihrem Herzen siegreich bestanden und war jetzt entschlossen, Mr. Faucourt ihre Hand zn reichen; sie verlangte darnach, den Schritt zn thun, der sie unwiderruflich fesselte, um endlich den Preis, welcher ihr so viel kostete, davonzutragen. Ach sie fühlte sich unglücklich, denn sie war nicht thöricht und blind genug, die Mängcl des Mannes, den sie zu heirathen vorhatte, zu übersehen. Bertha sprach znm größten Mißvergnügen der Mrs. Dalton offen über die Abneigung, welche sie gegen Mr. Faucourt empfinde, und Lena mußte bei sich eingestehen, daß er, abgesehen von der Grafenkrone, ganz unausstehlich sei; aber diese glitzerte beständig vor ihren Augen. An der Einwilligung Lord Alphington's zweifelte sie nicht, da dessen einfache Lebensweise und sein schlichtes Wesen sie zur Genüge überzeugten, daß er zufrieden gestellt sein werde, wenn nur die Wahl seines Enkels auf eine gebildete Dame falle. Und indem Lena ihr hübsches Gesicht und ihre schlanke Gestalt im Spiegel betrachtete, war sie fest davon durchdrungen, diese Eigenschaft 'zu besitzen. Dem heftigen Gewittersturme der verflossenen Nacht folgte ein schöner klarer Morgen; noch besaß die Sonne nicht Kraft genug, die Regentropfen, welche sich in den Kelchen der Blumen gesammelt hatten, zu trocknen. Süßer Duft erfüllte die Luft und die Vögel zwitscherten so lustig, als ob ein zweiter Frühling angebrochen sei. „Heute wird er gewiß kommen", sagte Lena, als sie in eleganter Morgentoilette ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Fensters einnahm. „Dann, mein Kind, werde ich Euch unter irgend einem Vorwande allein lassen", bemerkte die schlaue Mutter; „aber um Eines möchte ich Dich bitten, Lena. Behandle 666 ihil doch nicht so kühl, wie Dir es öfters zu thun pflegst, er hätte Dir gewiß schon einen Antrag gemacht, wenn Du ihn nicht immer in so respektvoller Ferne hieltest." „Vielen Dank für Deinen guten Rath, Mama", entgcgnete die Tochter mit matter Stimme. „Ich weiß schon, wie ich mich ihm gegenüber zu benehmen habe. Mr. Faii- court ist nicht blöde, das kann ich Dir versicheren und deshalb ist es unbedingt nothwendig,. ihn fühlen zu lassen, daß er ein wohlerzogenes Mädchen vor sich hat." „Da hast Du ganz recht, mein Schatz, doch darfst Du es mir nicht verdenken, wenn ich kaum erwarten kann, Dich diese ausgezeichnete Partie, welche sogar meine Erwartungen übertrifft, machen zu sehen." Auf Lcna's schönem Antlitze lag ein Zug tiefer Verachtung; ihr feines Gefühl sagte ihr, wie vcrabschennngswürdig die ehrgeizigen Pläne der Mutter seien und eben letzt, als sie in den sonnigen Garten hinausblickte, dachte sie bei sich, wie sehr St. Lawrence sie verachten würde, wenn er in ihrem Herzen zu lesen vermöchte. Daß er sie schon so bald durchschaut, ahnte sie nicht. Nach dem Frühstücke vernahm Bertha, welche im Garten umherwanderte, den Schall von Hnftritten und gleich darauf ließ Sara den ehrenwerthen Mr. Fancourt ein. Der Reitknecht nahm das Pferd am Zügel und sein Herr schritt, Bertha erblickend, auf diese zu. Sie empfing ihn mit einem kühlen Gruße, ohne ihren Korb loszulassen; wenn eben möglich, vermied sie es, ihm die Hand zu reichen. „Dirs. und Miß und Dalton sind zu Hause, wie ich höre." Bei sich schwur er, daß nach seiner Verhcirathung mit Lena ihre Schwester dieses ihm gegenüber so kalte, hoch- müthige Wesen büßen solle. „Ja, Sie werden sie, wie ich glaube, im Wohnzimmer antreffen", antwortete Bertha, ihm den Rücken wendend und so deutlich zn verstehen gebend, daß sie eine fernere Unterhaltung nicht wünsche. Fauconrt biß sich auf die' Lippen er schritt dein Hanse zn und hieb während des Gehens zu Bertha's größtem Verdruss« die Blätter und Blumen ab. Ehe er jedoch seine Herzcnsdame erreichte, sollte er noch einem Feinde in der Gestalt des Haushundes Pinch begegnen: dieser empfand einen großen Widerwillen gegen den ehrenwerthen Herrn und sprang bellend und die Zähne fletschend aus ihn zu. „Ruhig, Pinch, kusch dich!" sagte Sara die Hansthüre öffnend. Aber Pinch machte seinen Gefühlen Lust, indem er Mr. Fauconrt beim Treppensteigen in die Stiefel biß. „Ich begreife nicht, wie ihre Herrin ein so unausstehliches Vieh behalten kann." „Wir finden gar nicht, daß er unausstehlich ist", entgcgnete Sara, welche die Abneigung des Hundes theilte und dann rasch, ehe er Zeit znm Antworten fand die Thüre öffnete und Mr. Fauconrt anmeldete. Mrs. Dalton empfing ihn auf's Herzlichste und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Wie freue ich mich, Sie zn sehen; ich glaubte Sie seien znr Jagd und hätten Ihre alten Freunde ganz vergessen." „Es gibt deren, welche man nie vergessen kann", antwortete er auf Lena blickend, Diese verhielt sich ziemlich kühl. Sie verstand es, wie sie auch ihrer Mutter vorhin gesagt, den Thermometer ihres Benehmens genau zu regnliren. Fauconrt nahm neben Mrs. Dalton, Lena gegenüber Platz. Sie unterhielten sich über allerlei, den Schluß der Ausstellung, die Oper und die Reisepläue für die kommenden Monate. „Im Herbste werden wir für einige Wochen Lord Alphington's Nachbaren, da wir unsere Freunde Sir Stephan und Lady Langley zu besuchen gedenken." „Ah so, ja wohl", stammelte Mr. Fauconrt verwirrt. „Es ist entsetzlich langweilig dort, ist es nicht so? Würden Sie nicht vorziehen, nach Searborongh oder Sronville oder sonst wohin zu gehen? Wie ich höre, sind diese französischen Badeorte verflucht amüsant. Ich hatte vor, für einige Wochen mich dorthin zurückzuziehen, aber ohne Ihre Gesellschaft liegt mir, auf Ehre, Nichts an der Tour." 667 „Sie verstehen zu schmeicheln", sagte Mrs. Dalton, lächelnd. „Aber eine solch' alte Frau, wie ich, wird sich hüten, diese Artigkeiten aus sich zu beziehen, wenn noch eine jüngere Dame zugegen ist." „Da haben Sie ganz recht, das wäre auch nicht sehr wahrscheinlich", gab er freimüthig zu. Er fixirte Lena bei diesen Worten so frech, das; diese ihren Abscheu kaum verbergen konnte. „Den Herren der großen Welt darf man jedoch in der Regel nicht so viel trauen", fuhr Mrs. Dalton scherzend fort: „Man weiß schon, wie selten ihnen das, was sie sagen, gemeint ist." „Beim Jupiter! In diesem Falle ist es nicht so. Sie glauben das nicht, Miß Dalton, nicht wahr?" „Woher sollte ich das wissen?" cntgcgnete Lena ausweichend. „Vermuthlich find sie alle sich ziemlich gleich." „So dürfen Sie nicht sprechen, auf Ehre nicht!" rief Fancourt eifrig aus. Wie immer, wenn er mit Lena zusammen war, fühlte er auch heute, daß er sich ihres Besitzes durchaus vergewissern müsse. Die Unterhaltung begann zu stocken. Dies geschah regelmäßig bei Faucourt's Anwesenheit, und er gestand selber ein, daß er mit Damen Nichts zu sprechen wisse. Mrs. Dalton fand endlich, er habe Lena lange genug angestarrt und sagte deshalb, als ob ihr plötzlich ciu guter Einfall gekommen: „Ich möchte wohl, wenn Sie mich gütigst entschuldigen wollen, das schöne Wetter benutzen, um eben Mrs. Barton „Guten Morgen" zu wünschen." „Soll ich Dich begleiten?" frug Lena. Jetzt, wo der vorhin geplante Moment gekommen zu sein schien, befiel sie eine unbeschreibliche Angst. „O, nein, mein Kind; Mrs. Barton ist so taub, daß es in der That zwecklos ist, wenn zwei zu gleicher Zeit bei ihr sind. Bis später", fügte sie, Fanconrt freundlich zunickend, hinzu. „Ich empfehle Lena ihrer Obhut an, bis ich zurückkomme." Sie verließ das Zimmer, und der junge Mann befand sich zum ersten Male allein mit dem Gegenstände seiner leidenschaftlichen Verehrung. Er war nicht mit der Absicht erschienen, schon jetzt einen Antrag zu machen, doch hatte er ein Geschenk in der Tasche, mittels dessen er auskundschaften wollte, welche Hoffnungen er habe. Seinen Stuhl näher zu dem ihrigen heranrückend, holte er ein feines Etui hervor und hielt es ihr geöffnet hin. „O, wie schön!" rief Lena entzückt über das prachtvolle Brillant-Armband aus. „Gefällt es Ihnen?" frug Fanconrt, sie mit kühnem bewundernden Blicke anschauend, indem er sich fo nahe zu ihr hinüberbeugte, daß sie seinen heißen Athem auf ihre Wange verspürte. „Es ist für meine zukünftige Gattin bestimmt." Lena schrack unwillkürlich zurück; aber entschlossen unterdrückte sie ihren Ekel. Mit reizend effektiven; Erstaunen rief sie aus: „Für Ihre zukünftige Gattin? O, Mr. Fancourt, wie schlau haben sie dieses Geheimniß die ganze Zeit vor uns gehütet! Darf man erfahren, wer die Dame ist?" „Wissen Sie es nicht, Madelina?" frug Fancourt, in derselben Stellung verharrend. „Ich? Wie sollte ich das wissen?" antwortete sie mit bezaubernder Einfalt. „Du bist es, Lena!" rief er, ihre Hand ergreifend und an seine Lippen führend, aus. Lena erbebte. Noch konnte sie sich zurüchiehcn. Das Etui mit seinem glitzernden Inhalte lag geöffnet auf ihren; Schooße — sollte sie ihn; sagen, er mochte es zurücknehmen, sie wolle kein Geschenk von ihm. Fanconrt bemerkte, wie sie zauderte und in; Begriffe stand, ihm ihre Hand zu entwinden, deshalb fuhr er eindringlicher fort: „Lena ich liebe Dich leidenschaftlich bis zur Raserei. Du mußt es gewußt haben;, in Deiner Macht steht es, mit mir anzufangen, was Du willst, aber beim Himmel, ich werde Dich nie aufgeben." 668 Sem Antlitz glühte, seine Stimme klang heiser vor heftiger Erregung. In diesen! Augenblicke hätte er sie eher tödten als einem Anderen überlassen können. „Was wünschest Du, das ich Dir nicht zu geben im Stande wäre?" fuhr er undeutlich und schnell fort. „Verlangst Du Reichthum? unzählige Schätze lege ich Dir zu Füßen. Sehnst Du Dich nach hoher Stellung? — auch dieser Wunsch geht in Erfüllung, denn Du wirst den Ersten des Landes zugezählt werden — sie alle durch Deine Schönheit überstrahlend." Von Neuem versuchte er sie au sich zu ziehen und diesmal widerstand sie nicht, obgleich ihr Herz stille zu stehen schien. Bis vor Kurzem hatte sie in ihren Znknnfts- träumen nie an Liebe gedacht, ja nicht einmal darnach verlangt; woher entstand denn jetzt plötzlich dieser heftige Schmerz, für immer darauf verzichten zu müssen. Es war ein reeller Tauschhandel, den dieser Mann einzugehen wünschte, sie gab ihre Schönheit und erhielt von ihm Rang und Reichthum. Als er sie nachgeben fühlte, schlang er triumphtrend seine Arme um sie und drückte leidenschaftliche Küsse auf ihre Wangen und ihren Mund. Sie ließ sich, obgleich blaß und kalt wie Eis, einen Augenblick seine stürmische Zärtlichkeit gefallen, dann entwand sie sich schaudernd seinen Liebkosungen. Ihre Lippen bebten und das Gesicht mit beiden .Händen verhüllend rief sie aus: „Sie sind zu rauh und zu dreist." „So laß mich meinen Fehler wieder gut machen", bat er das Armband aufhebend, welches zur Erde gefallen war. „Erlaube mir dieses an Deinen hübschen Arnr zu befestigen; auf Ehre, es war nicht meine Absicht, Dich zu beleidigen. Du willst doch Nicht sagen, daß ein Bursche das Mädchen, welches er liebt, nicht küssen dürfe. Und ich liebe Dich, Lena — beim Jupiter, ich liebe Dich." Wahrend er dieses sagte, sank er vor ihr auf's Knie und befestigte den kostbaren Goldreif an ihrem Arme. „Nun bist Du mein!" rief er mit flammendem Blicke aus, „mein, was immer auch kommen Möge! Lena schrack zusammen, als habe eine kalte Geisterhand sie berührt. Sollte das wohl eine Warnung gewesen sein? Wenn dem so war, so ging sie unbeachtet vorüber. „Ja", erwiderte sie leise mit stockendem Athem. Er wollte sie wieder umarmen, aber sie sprang von ihrem Sitze in die Höhe, länger konnte sie es nicht ertragen; helle Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Bitte, gehen Sie! Sie haben mich so aufgeregt, ich möchte gerne allein sein!" rief sie abwehrend aus. „Ich soll gehen? Nun, wo Du das beglückende Wort ausgesprochen hast? Du willst mich wohl wahnsinnig machen; auf Ehre, Du brächtest das fertig." „Unsinn", entgegnete sie trocken. „Ich fühle mich nicht wohl — mein Kopf schmerzt. Sehen Sie denn nicht, daß ich unwohl bin?" „Nein, ich sehe nichts, als daß Du die schönste unter den Frauen und mein bist", sagte Faucourt, um sich dieses Umstandes von Neuem zu vergewissern. „Ja", wiederholte Lena, ermattet in ihren Stuhl zurücksinkend. „Und nun gehen Sie — Sie quälen mich." Seine Stirne zog sich finster zusammen und ein böswilliger Ausdruck erschien in seinen Augen. Er bemerkte, daß dieses Mädchen, obschon sie ihm ihr Jawort gegeben, ihn nicht liebe; aber dessen ungeachtet sollte sie die Seinigc werden. „Du führest eine seltsame Sprache, schöne Lena", sagte er bitter, seinen Platz au ihrer Seite wieder einnehmend und den Arm um ihre Taille legend. „Es ist gelinde ausgedrückt, sehr merkwürdig Jemanden, mit dem man sich eben erst verlobt hat, in dieser Weise zu behandeln — beim Henker, sehr merkwürdig." Lena's Herz klopfte stürmisch, sie vermochte kaum die Thränen zurückzudrängen. „Ich fühle mich wirklich elend, morgen wird es anders sein." 66tz - „Wünschest Du in der That, daß ich Dich verlasse und ich soll Dich dann erst morgen wiedersehen?" frug Fancourt, einigermaßen besänftigt. „Es ist eine sehr lange Verbannung", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. „Du bist grausam, ich verstehe Dich nicht, auf Ehre nicht." „Ich meine, es sei doch nicht schwer zu begreifen, daß ich gerne über das Geschehene nachdenken möchte", entgegnete sie freundlicher. „Worüber nachdenken? Es ist zu spät, zurückzutreten, wenn Du dies vielleicht damit hast sagen wollen. Dein Wort ist verpfändet und glaube nur nicht, daß ich Dich je wieder frei geben werde." „Das wünsche ich auch nicht", erwiderte Lena mit festerer Stimme, als es bis jetzt der Fall gewesen. „Aber wenn Sie wollen, daß ich es nicht bereuen soll, so verlassen Sie mich jetzt." „Bis morgen denn", sagte Fanconrt, sie wiederholt umarmend. Lena duldete seine Zärtlichkeit, da sie nicht wagte, ihn noch ferner zu kränken. „Gedenke meiner, schöne Lena, so wie ich Deiner, und dann sei freundlicher gegen mich, wenn wir uns wiedersehen!" Mit diesen Worten, welcher einer Drohung ähnlich klangen entfernte er sich. (Fortsetzung folgt.) Quer durch Europa. Herbstreise eines Ermüdeten. Ko nstantinopel, 10. Oktober. Die Dircctoren der internationalen Schlafwagen-Gesellschaft, die sich das Verdienst und den Ruhm erworben hat, in Europa Bahn gebrochen zn haben, in der Vervollkommnung der Annehmlichkeiten auf langen Eiscnbahnfahrtcn, wie sie außerdem allerdings auch schon länger uns noch Nordamerika ausweist, hatten zur Eröffnung der Exprcßfahrten von Paris nach Konstantinopel mit dem neuen Wagenpark eine Anzahl von Personen zu Gast geladen, ähnlich wie es die Erbauer der Northern Pacific-Eisen- bahn in America gethan. Der mit ganz neuem Material und neuer Einrichtung ausgestattete Expreßzug ist ein rollender Gasthof größten Stils mit allen Annehmlichkeiten, die man sich nnr ausdeuten kann. Selbst Paris, das verwöhnte, hatte die Nengierde denn auch nicht bezwingen können und war am Abend des 4. Oktober zahlreich nach dein Ostbahnhofe geeilt, um den ersten wahrhaft modernen „Orient-Expreß" zu bewundern und seine erste Fahrt beginnen zn sehen. Die Reisegesellschaft bestand aus etwa 40 Personen, die sämmtlich Gäste der Schlafwagen-Gesellschaft waren. Wie die Wirthe (Oompaxnis Iritsrimbioimls äos IV NAONS-Iitzs) so war die Gesellschaft im besten Sinne international, da sie sich aus allen Nationen zusammensetzte; dein Berufe nach bestand sie aus Ministern, Diplomaten, Vorstehern von Eisenbahn-Gesellschaften, Bankinstituten, endlich Schriftstellern und zwei Damen, welch' letztere sich übrigens erst in Wien der bis dahin ausschließlich männlichen Reisegesellschaft anschlössen. Unser Zug bestand aus drei Nicseuwagen von je annähernd 14 m Länge; dazu kamen ein Gepäckwagen als erster, ein Küchcnwagen als letzter des Zuges. Von den drei großen Wagen enthielten zwei die reizend eingerichteten Wohnzimmercheu, theils für vier, theils für zwei Personen, die durch wesentlich vervollkommnete Einrichtungen in Schlafzimmer zn eben so viel Betten umgewandelt werden können; der dritte Wagen bildet einen prunkvollen Unterhaltnngs- und Speisesaal. Alle Säle, Gänge und Räume bis zu den naturgemäß kleinsten herab werden die ganze Nacht hindurch mit Gas hell erleuchtet. Die Hauptannehmlichkeit nun besteht darin, daß die Wohn- und Schlafwagen, abgesehen vor ihrer behaglichen Einrichtung, an der einen Langseite einen Gang haben, 670 auf welchem sich zwei Personen bequem ausweichen können und auf welchen von jedem der kleinen Zimmerchen eine besondere Thüre fuhrt. Ist man des Sitzcns auf den: Sopha vor seinem Schreib- und Lesctischcheu müde, so kaun man aus dem Ganqc auf und ab spazieren, seine etwa mitreisenden Bekannten besuchen, von Wagen zu Wagen wandeln, und da die Wagen alle miteinander durch gesicherte Brücken verbunden sind, in den Restaurationswagcn gehen und mit einem Bekannten ein Glas Wein trinken. Daß es in jedem Wagen ein Wasch- und Toilettczimmcr für Herren und cin's für Damen gibt, versteht sich. Durch die Einrichtung des Ganges in jedem Wagen erhalten die Wohn- und Schlaftänme, deren Thüren durchaus dicht schließen, nach einer Seite hin zweifachen Abschluß gegen außen und somit festen Schutz gegen Luftzug; ein Vorzug, der nicht hoch genug angeschlagen werden kaun. Daß jeder Zoll des Fußbodens mit warmen orientalischen Teppichen belegt ist, braucht auch eigentlich nicht erst gesagt zu werden. Unter solchen Umständen ist das Reisen ohne Aufenthalt in der That keine Anstrengung mehr, sondern eine fortgesetzte angenehme Zerstreuung, und Leute mit „Nerven", denen selbst der Schlaf nicht mehr Erholung bringen wollte, können hier wohl Heilung finden, wenn sie die wechselnden Landschaften von ganz Europa einmal von Ost nach West an ihrem Blick vorüberglcitcn lassen. Wir speisten nun allerdings nicht in Paris zu Abend, sondern in unserm Speisewagen; in ganz Paris aber hätte man uns ein feineres und reicheres Mahl nicht bereiten können. Als wir den Lärm der Boulevards etwa eine Stunde hinter uns hatten, in den traulichen bequemen Wohnzimmern uns zurecht gerichtet und gegenseitig uns einander bekannt gemacht hatten, setzten wir uns in den prachtvoll erleuchteten, mit riesigen Rosensträußen geschmückten Speiscsaal zu Tisch. Der Saal ist so eingetheilt, daß die Mitte als Gang frei bleibt, daß auf der einen Seite Tische zu je vier, auf der andern zu je zwei Gedecken aufgestellt sind. Es können ' bequem 34 Personen zugleich hier speisen. Wir waren glaube ich am ersten Tage 32. Der größte Theil der französischen Bahnstrecke war zurückgelegt, bevor die festlich.gestimmte Tischgesellschaft sich treunte und zu Bette ging, und als wir bei Straßburg über den Rhein fuhren, hatte wohl nur eiu ganz geringer Theil der Gesellschaft sich den Schlaf aus den Augen gerieben. Die meisten erwachten Wohl erst zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Und da hatte man knapp Zeit, sich die veränderte Welt ein wenig anzusehen, sich anzukleiden, vielleicht einen Brief zu schreiben, wenn man zwischen Augsburg und München nicht zu spät kommen wollte zum gemeinsamen Frühstück. Das bayerische Land bis über die österreichische Grenze wurde meist bei Karten- und Dominospiel vertändelt, zum Gaffen blieb immer ja Gelegenheit zwischendurch, so wenn einer Karten gab oder Dominosteine kaufen mußte. Das ztvcite Abendessen täuschte uns über die Entfernung zwischen Wels und Wien hinweg; auf ungarischer Erde rollten die Wagen bereits, als wir zum zweiten Male seit Paris schlafen gingen. Zigeuner-Musik, die unterwegs in den Zug genommen worden war, weckte uns in der Gegend von Szcgedin aus dem Schlummer und spielte uns znm Frühstück bis nach Tcmesvar ihre Weisen auf. Der Nachmittag führte uns durch die malerischen Züge der südlichen Karpathenhünge hindurch, wo eine immer wieder neue landschaftliche Schönheit die vorhin gesehene überbot. Auf rumänischem Boden speisten wir Zu Abend und in Bukarest war der Zug viel zu früh morgeus schon eingelaufen, als daß die Gesellschaft hätte aus den Federn sein können. Ursprünglich war in Bukarest ein Aufenthalt von 24 Stunden geplant und darum war unser Zug statt Freitags schon Donnersstag abends von Paris abgefahren. Nun wollte es der Zufall, daß an demselben Sonntag, an welchem wir in Bukarest ankamen, das Schloß des Königs Karl in den Karpathen, Sinaja, feierlich eingeweiht wurde. Schon um die frühe Morgenstunde fuhren die Minister, die Präsidenten beider Kammern und sonstige Würdenträger hinaus und auch der „Orient Expreß" entschloß sich kurz, den Abstecher in die Karpathen an Stelle einer Besichtigung der Stadt Bukarest zu setzen. 671 Nach einer kurzen Wagenfahrt durch die rumänische Königsstadt dampften wir gemächlich durch die rumänische Ebene bis hinauf in den neuesten Karpathcnlnftcurart Sinaja. Gegen Mittag besichtigten wir das herrliche Schloß, welches uns aufs freundlichste gestattet wurde. Ja, zu unserer großen Ucberraschung und Freude ließ das Königspaar sagen, daß es uns persönlich sehen wolle. Und so verbrachten wir denn zwei Stunden als Gäste des rumänischen Königspaares in Sinaja. Es ist kaum zu schildern, mit welch vollendeter Vornehmheit und Freundlichkeit zugleich König Karl mit jedem einzelnen seiner Gäste sich zu unterhalten verstand, wie er unpassende Versuche, sich journalistisch' ausbeuten zu lassen, abwies und gegen den formlosen Zudringling selber und dessen Absichten kehrte sein interessirtcr Franzosenfreuud wollte die Skandale gegen König Alfons als harmlos und unbedeutend hinstellen und König Karls Zustimmung zu dieser Darstellung erprcsseuj, wie er stets leutselig, liebenswürdig verbindlich war und auf allen Gebieten zu Hause. Wurde ihm eilt Deutscher vorgestellt, so sprach er sofort Deutsch mit ihm. Das that auch die Königin, und dabei ereignete es sich, daß ein geborener Dentschböhiue die Frage der Königin: Sie sind ein geborener Deutscher? angesichts so vieler Franzosen nicht recht beantworten wollte. Die Königin löste ihm die Zunge sehr- geschickt mit den Worten: „Nun, Sie brauchen sich dessen nicht zu schämen!" Die Königin unterhielt sich mit allen Gästen und ganz besonders lebhaft und eingehend mit einem rheinischen Landsmanuc, dem es eine Herzensfreude ist, sagen zu dürfen, daß die deutsche Frau auf dem rumänischen Königsthrone bei aller Liebe für ihr Volk das Herz für die deutsche und rheinische Hcimath nicht verloren hat, wo ihre Wiege stand, wo sie einen Theil ihrer Erziehung genoß. Carmeu Silva, „der Wald ist ein Gedicht". Die königliche Frau hat sich ein richtiges Wort zu ihrem Dichternamcn gewählt. Diese herrlichen Wälder um Sinaja herum sind ein prächtiges Gedicht, und das Schloß, das jetzt mitten drimc vollendet steht, ist wie eine Art Musik zu diesem Gedicht. Es spiegelt den Geist der ganzen Umgebung in sich wieder. In altdeutschem Burgstil gebaut, ist es mit einem ebenso vollendeten Geschmack ausgestattet, wie es in „allen Einzelnheiten bequem und praktisch eingerichtet ist. Reich und'prächtig, aber nicht prunkvoll-aufdringlich sind die großen Em- pfangsränmc, behaglich und gemüthlich die Wohnräume. Es war eine Art Ehrgeiz unter den Zugehörigen der verschiedenen Nationen ansgebrochen, wo die Einrichtung, insbesondere die Holzarbciten angefertigt seien. Deutsche Industrie hat hier einen neuen Beweis ihres Könnens geliefert. Es ist ein Mainzer Haus, das die Einrichtung geliefert hat. In Bukarest kamen wir spät wieder an und suchten alsbald die Betten auf. Der Tag war doch etwas ermüdend gewesen, da die Wälder um Sinaja zu allzu langen Spaziergängen verleitet hatten. Zeitig morgens setzten wir über die Donau und betraten in Rustschnk das jüngste Fürstcuthum Bulgarien. Nach schneller Rundfahrt durch die recht malerische Stadt stiegen wir noch einmal in die Eisenbahn, um zuerst die öden Acker- und Wcidcflächcn, dann die äußerst formen- und farbenprächtigen Ausläufer des Balkangcbirges in Bulgarien zu durchstiegen. Welch ein Abstand gegen die reichen Gefilde Frankreichs und des Elsaß! Ein wundervoller Sonnenuntergang verklärte die Berge, als wir in Bnrna an Bord des Llohddampfers gingen, der uns in ruhiger Fahrt morgens bei Sonnenaufgang in den Bosporus einfuhr. Auf europäischer wie asiatischer Seite schlummern glänzende Villen zwischen dunklen Pinien und Cyprcssen, und eben bricht die Sonne warm durch die drohenden Wolken. Da liegt es vor uns, das ersehnte Konstautinopet. Die schimmernden Sultanspaläste, die riesigen Moscheen, das unentwirrbare und unübersehbare Gewirr der Häuser. Dazwischen auf dem Bosporus wie auf dem Goldenen Horn die Menge von Masten, Segeln und kleinen Booten, die uns förmlich umlagern, um uns an Land zu bringen: dieser Schlußeffect unserer Fahrt lahmt uns zeitweilig Bewegung, Sprechen und Denken. Paris, Konstantinopcl und was dazwischen liegt in fünf Tagen — Hans Dampf 672 ist doch der entschiedenste Fortschrittlcr unseres Jahrhunderts. Konstantinopel kann ich nicht schildern, noch die Herrlichkeiten, die uns der Sultan heute durch einen Adjutanten in seinen Palästen in Dolmabagdsche und dem alten Serail zeigen ließ. Auch die Sovhienkirche und das Janitscharenmuseum, die tanzenden und die heulenden Derwische, Skutari und die Prinzeninsel — all das, was wir theils gesehen haben, theils noch sehen sollen, gehört nicht hierher. Eins aber wollte ich: das Zwischendeck des Lloyd- dampfers, der uns von Varna hierher brachte, welches mit türkischen Auswanderern aller Classen, Altersstufen und Geschlechter vollgepfropft war — möchte ich so schildern können, wie es Andreas Achenbach malen würde, wenn er es in seinem Leben je gesehen hätte» Farbenprächtigen Schmutz gibt es doch nur im Orient. Wenn wir nun heute alle so frisch sind wie vor acht Tagen und ohne eine Spur von „Nerven" unermüdlich in Konstantinopel auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten sind, so danken wir das einzig den vollendeten Einrichtungen der neuen Wagen, der über alle Beschreibung vortrefflichen Verpflegung in Speise und Trank (alles eigene Regie der Gesellschaft) und, was schließlich noch mehr und dnukeswerther, der ausgezeichneten Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit unserer Wirthe, die sich ein ewiges Denkmal in der Erinnerung aller Mitreisenden gesetzt haben, dein von Paris an bei uns gewesenen Director Nagelmakers und Generalsekretär Le Chat, wie sämmtlichen Vertretern der Lompa-Auie Internationale cles JVa^ons-lits. (Köln. Ztg.) Miseellen. (Uebertrumpft.) Zwei polnische Juden sind von einem Kaufmanne gelegentlich der Leipziger Messe znm Essen eingeladen. Dem einen Juden entfällt beim Dessert der silberne Löffel; er hebt ihn auf steckt ihn aber — da es nicht bemerkt wurde — in seinen Stiefelschaft. Der andere Jude hatte dieß aber bemerkt und hätte auch gern einen silbernen Löffel. Beim Abschiede dankte er dem Gastgeber für freundliche Aufnahme und gute Bewirthung und sagte demselben, er wolle ihm noch einen kleinen Spaß machen, er sei ein Taschenspieler. Er nimmt den silbernen Löffel, steckt ihn in die Tasche seines Kaftans, klatscht in die Hände, „eins, zwei, drei" und sagt: „Jetzt ist der Löffel im Stiefel meines Kollegen." Jedermann lacht, denn der Löffel wird natürlich am bezeichneten Orte gefunden. Schmunzelnd entfernt sich der Jude mit seinem verdutzten Kollegen. (Eine Ente.) Ein Journalist trat an einen Bach und begann sich zu entkleiden. „Schwimmt bei Seite," rief eine alte Ente ihren jüngeren Schwestern zu: „Papa will haben." — (Die fünf Sinne eines Engländers) heißen: Gold, Spleen, Dampf, Beefsteak, Kontinent. (Das Stutzschwanzerl.) A.: „Entschuldigen Sie, das nette Stutzschwanzerk gehört gewiß Ihnen?" — B: „Bitte, das g'hört dem Huuderl." Fürst: „Ich habe schon sehr viele Virtuosen gesehen, sehr viele; aber Virtuos: „O, Hoheit!" — Fürst: „Aber so geschwitzt hat noch keiner, wie Sie." Räthsel» Du hörst's getrennt J»> Parlament Ton Rednern groß nnd klein' Doch uiigetrennt, Da ist's vergönnt Dem Richter nur allein. Auslosung des Räthsels in Nr. 83: „Blei. Leib. Beil." __ Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr.