/ Nr. 85. 1883. jur „Äugsdnrger Postzeitung." Mittwoch, 24. Oktober Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) i Achtzehntes Capitel. Als sich die Thüre hinter Faucourt geschlossen hatte, stürzten die Thränen aus Lena's Augen hervor; mit zusammengepreßten Lippen, die Hände fest ineinander geschlungen, schritt sie hastig im Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit in lautes Stöhnen ansprechend. Das höchste Ziel ihres Lebens hatte sie erreicht, und welches waren ihre ! Gefühle in diesem Augenblicke? Sie glaubte verzweifeln zu müssen. !> Erst seit kurzer Zeit drängte sich der schwärmerische, wenig einträgliche Gedanke ! an eine Heirath aus Neigung ihrem Herzen auf, um rasch wieder erstickt zu werden. § Es war nicht auffallend, daß sie ihrer Erziehung gemäß handelte. Sie wußte wie ihr Vater ein reicher Mann hätte werden können, wenn er nicht Ehre und Reinheit der Gesinnung allem Anderen vorgezogen hätte; schon von der frühesten Jugend an hörte sie ihre Mutter beständig über diese Thorheit ihres Mannes lamentiren und die Vortheile aufzählen, deren sie sich zu erfreuen haben würden, Nenn der Vater vernünftiger und mehr wie andere Menschen gehandelt hätte. Was Wunder, daß die Tochter ihren besseren Gefühlen mißtrauen lernte in der Furcht, diese möchten ihr auf dem Wege zum Glücke hinderlich sein! In dieser qualvollen Stunde, welche für sie die beglückendste hätte sein müssen, wandte sich ihr Herz mit stürmischem Verlangen St. Lawrence zu, und doch, wenn er jetzt vor sie hingetreten, um ihre Liebe gefleht und sie gebeten hätte, sein Weib, das p Weib eines armseligen, mit Noth und Sorgen kämpfenden Künstlers zu werden, würde I sie die Kraft besessen haben, um ihre glänzenden Aussichten zum Opfer zu bringen? Sie stellte sich diese Frage, und „nein, tausendmal nein", antwortete es in ihrem Innern. / Es ist so am Besten oder doch wenigstens unnütz, jetzt noch weiter darüber nachzugrübeln. / Entschlossen trocknete sie die Thränen von ihren Wangen ab. In Zukunft wollte sie nur die verführerischen Bilder des Lebens, welches sie als Gräfin von Alphington zu führen gedachte, vor ihren Blicken dulden. Getreu diesen: Vorsätze begann sie schon jetzt, sich in: Geiste mit den kostbarsten Gewändern und Juwelen geschmückt, bewundert, vergöttert und beneidet zu sehen, bis allmälig die Farbe auf ihre Wangen zurückkehrte, ihr anfangs so eiliger Schritt langsamer wurde und sie Bertha, welche aus den: Garten hereinkam, schon mit einen: Lächeln des Triumphes empfangen konnte. Als Mrs. Dalton das Hans verließ, hatte sie dieser in: Vorbeigehen eingeschärft, nicht das tsto-st-tsta zu unterbrechen, und wie wenig Gefallen Bertha auch an einen: solchen Manöver fand, so wagte sie doch nicht, den Befehl ihrer Mutter zu übertreten. Bertha war ja gewohnt, Vieles und Schmerzliches stillschweigend zu tragen, und was hätte es auch genützt, eine entgegengesetzte Ansicht zu äußern, da sie nicht die geringste Macht besaß, das zu ändern, was sie nicht billigen konnte. 674 Wie sie Fancourt raschen Schrittes, ohne sie aufzusuchen, den Garten verlassen sah und ihn mit barscher Stimme seinen Reitknecht herbei rufen hörte, tauchte die Hoffnung bei ihr auf, Lena's cdlere Gefühle hätten den Sieg davongetragen und der ehren- werthe Mr. Fanconrt sei abgewiesen worden. Sie verweilte noch einige Zeit zwischen den Blumenbeeten, um der Schwester Ruhe zu gönnen, sich nach der jedenfalls aufregenden Scene wieder zu sammeln, dann ging sie, gespannt, wie die Unterredung abgelaufen, dem Hause zu. Als Bcrtha eintrat, stand Lena in der Mitte des Zimmers mit einem stolzen, kalten Ausdrucke im Antlitze, der jede Zurechtweisung oder Theilnahme von vorn herein abzuweisen schien. Der Diamantreif funkelte an ihrem Arme. Bcrtha's erster Blick fiel darauf und ihr Muth sank. Die Annahme eines solch' wcrthvollcu Geschenkes ließ nur eine Deutung zu. Mit spöttischem Lächeln, die ernste Haltung ihrer Schu-ester beobachtend sagte Lena: „Nun, Bertha, weshalb wünschest Du mir nicht Glück?" „Ist es denn wirklich entschieden?" frug diese in besorgtem Tone. „Ja, es ist entschieden." Lena unterdrückte einen leisen Seufzer. „Ist das nicht ein prachtvolles Verlobungsgeschenk?" Sie hielt Bertha mit diesen Aorten das Armband hin. „Ja, es ist wunderschön aber, Lena, wenn ich nur auch die Gewißheit hätte, daß Du wahre Liebe für Air. Fanconrt empfindest!" „Liebe!" wiederholte ihre Schwester mit bitterem Lachen. „Man könnte fast glauben, Du seiest eine Schäferin des goldenen Mittclalters. Meinetwegen magst Du, holde Amarylli's, Deine Liebe für Dämon preisen, so viel Du immer willst, aber ich bitte Dich, versuche doch nicht, diese Idyllen in das prosaische neunzehnte Jahrhundert hinüber zu verpflanzen." Bertha blickte sie traurig an; diese leichtfertige Aeußerung verrieth ihr mehr noch als ein offenes Geständniß, welcher Schmerz das Herz Lena's erfüllte. Sie legte ihre Arme um den Hals der Schwester und küßte sie herzlich, indem sie frug: »Ist es zu spät?" „Ja, es ist zu spät, Du thörichtes Gänschen", entgegnclc diese, die Liebkosungen Bertha's abwehrend, da sie fürchtete von der eignen Rührung überwältigt zu werden. „Sieh mich doch nicht so bedauernd an; die zukünftige Gräfin von Alphington ist wahrlich kein Gegenstand des Mitleids. Dort kommt Mama, sie wird mir mit Freuden gratuliren." Mrs. Dalton schritt rasch, nicht ohne einige Besorgnis; über den Verlauf der Unterredung, den Garten Pfad entlang; sie erwartete Fanconrt noch anzutreffen und war bereit, ihm ihren mütterlichen Segen zu ertheilen. Als sie das Wohnzimmer erreichte, und die beiden Mädchen dort allein erblickte, erschrack sie heftig, aber ein Blick auf Lena's Arm machte ihrer Furcht ein Ende. „Meine liebe, theure Lena!" rief sie, auf diese zueilend und in ihre Arme schließend, aus. „Ich brauche nichts zu fragen, ich sehe schon, daß alles so ist, wie es sein sollte. Von ganzem Herzen wünsche ich Dir tausendmal Glück, mein liebes Kind." „So ist es recht, Mama", antwortete Lena mit demselben halbvcrächtlichen Lächeln, mit welchem sie auch der Schwester ihre Verlobung angezeigt hatte. „Bertha konnte es nicht über sich gewinnen, mir etwas Artiges darüber zu sagen." „Hoffentlich wird der Erfolg Deiner Schwester Dir zum Vorbilde dienen und Dich etwas Vernunft lehren", wandte sich Mrs. Dalton an ihre jüngere Tochter. Und Lena von Neuem umarmend, fuhr sie fort: „Wie glücklich hast Du mich gemacht, mein Herz! Aber weshalb ging Mr. Fan- court schon weg?" Warum hat er mich nicht abgewartet?" „Weil ich ihn fortschickte. Sei unbesorgt, er wird schon morgen wiederkommen", sagte Lena, das schwere Armband ablegend. «75 „Es soll mich einmal wundem, wann er die Hochzeit zu feiern wünscht", begann Mrs. Dalton, mit ihren eignen Gedanken beschäftigt. „Natürlich müssen Heirathsverträge und dergleichen gemacht werden, aber das wird uns doch vermuthlich nicht an dem Besuche zu Larkspur hindern. Der ehrenwcrthe Mr. Faucourt kann ja nicht wie ein gewöhnlicher Mensch schon nach einigen Wochen hcirathen. Und Dein Trousseau muß besorgt werden. Bertha, Du mußt mir das Geld geben, welches Du für das letzte Halbjahr eingenommen hast; es ist freilich nicht viel, aber etwas hilft es doch. Siehst Du jetzt l ein, wie gerechtfertigt mein Wunsch war. Du möchtest keinen Unterricht mehr ertheilen, das wäre ja höchst unpassend, wo Deine Schwester im Begriffe steht, eine so vornehme Dame zu werden, und dann noch cin's, Bertha, ich muß Dich dringend ersuchen, gegen Niemanden mehr erwähnen, daß Du je Musikstunden gegeben hast, es darf nicht bekannt werden, daß Mrs. Faucourt's Schwester genöthigt war, Unterricht zu ertheilen. Mrs. Dalton, welche während des Sprechens die Hutbänder gelöst, und den Mantel abgelegt hatte, war vollständig athcmlos. „Soll ich Deinen Hut hinauftragen, Mama?" frug Bertha, die Bemerkungen ihrer Mutter unerwidert lassend. „Bitte, sei so freundlich. Ich muß gestehen, daß ich vor lauter Entzücken ganz außer mir bin. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, Lena, so würde ich den Wunsch äußern, die Gemächer in Magnus Squire für den Fall, daß ihr dort wohnen werdet, neu einzurichten. Wenn sie seit dem Tode der Lady Alphington vor fünf- oder sechs- > undzwanzig Jahren nicht mehr gebraucht worden sind, so müssen sie ganz verblichen und »umodern sein. Und der Familienschmuck wird doch auch neu gefaßt. Sagte Mr Faueonrt nichts darüber?" „Doch schwerlich jetzt schon, Mama", erwiderte Lena; „zudem bezweifle ich, ob , Mr. Fancourt selbst etwas darüber weiß. Der alte Lord Alphington scheint ihn in respektvoller Entfernung zu halten. Kannst Du das begreifen? diesen entzückenden Enkel?" i „Nun entzückt finde ich ihn gerade nicht", sagte Mrs. Dalton, welche Lena's ! ironische Bemerkung nicht verstand. „Man kann freilich nicht Alles zusammen haben, und es ist gut, wenn Du so denkst oder doch wenigstens so sprichst", setzte sie sich ver- t bessernd hinzu. „Ist Dir Lord Alphington damals in Lackspur nicht sehr stolz vorgekommen? —" „O nein", antwortete Bertha, welche mit einer kleinen Spitzenhaube für ihre Mutter zurückkehrte. „Er war durchaus nicht hochmüthig; bitte setze Dich, Mama, ich will sie Dir feststellen." > Mrs. Dalton, die noch fortwährend gestanden hatte, ließ sich ganz erschöpft auf s einen Stuhl nieder. l „Es überrascht mich nicht, Bertha, dieses Urtheil von Dir über Lord Alphington zu hören", entgegnete ihre Schwester. „Er schien Dich in sein Herz eingeschlossen zu haben. Der Opalring umgab Dich mit einem magischen Zauber. Aber ich werde ihn zwingen, auch mich gerne zu haben, ich weiß, daß ich es kann, wenn ich es nur will." „Natürlich wird Dir das gelingen, mein liebes Kind", stimmte Mrs. Dalton bei. Lena warf sich ermüdet anf's Sopha nieder; es war ihr zu Muthe, als ob sie nie mehr mit leichtem Herzen ihr Lieblingsplätzchen am Fenster einnehmen könne. „Mama", sagte sie nach einer Weile, den Kopf wieder erhebend, „ich will Mr. Fancourt bitten, mir gerade einen solchen Ring, wie der verloren gegangene, machen zu lassen. Es wäre nicht schwer, dem Juwelier eine genaue Zeichnung davon zu geben. Erinnerst Du Dich noch, wie ich damals, als ich ihn zuerst sah, sofort wünschte, er wäre mein. Und jetzt hätte ich das Recht ihn zu tragen." „Du kannst wohl einen ähnlichen Ring anfertigen lassen, aber es wird doch nimmer der echte sein", bemerkte Bertha, zum Fenster hinausblickend. Mir würde ein solch' nachgemachtes Ding keine Freude machen." 676 „Weshalb nicht? Die Steine sind doch jedenfalls echt." „Und der Opal bedeutet: „Treue Liebe", fügte Bertha, ohne umzuschauen, hinzu. „Hüte ihn wohl, damit er seinen feurigen Glanz nie verliert." „Man sollte wirklich glauben, Du seiest abergläubisch wegen des Ringes", erwiderte Lena errathend. „Dazu habe ich doch gewiß keine Veranlassung", antwortete ihre Schwester lächelnd. „Die Prophezeiung hat sich ja als falsch erwiesen — sonst müßte ich die zukünftige Gräfin von Alphington sein." „Du? Wie unwahrscheinlich!" rief Mrs. Daltou wegwerfend aus. „Allerdings sehr unwahrscheinlich, Mama", bestätigte Bertha ernst, und für sich setzte sie hinzu, daß Mr. Fancourt vergebens um sie würde geworben haben, wenn er auch der Erbe von zwanzig Grafschaften und der Besitzer aller Reichthümer Indiens wäre. Neunzehntes Capitel. Als Fauconrt nach seiner Verlobung mit Lena Dalton Joy Totlage verließ, hätte er dein Anscheine nach ein glücklicher Mann sein müssen; Alles, wonach er gestrebt, gehörte ihm, seine Bewerbung war mit Erfolg gekrönt worden, er hatte die Braut errungen, welche er, seinen eigenen Worten gemäß, verzweifelt liebte und zwar so verzweifelt liebte, daß er bereit war, eher Alles zu wagen, als sie zu verlieren, und doch fürchtete er sich. Die günstige Gelegenheit und seine Leidenschaft hatten ihn zu der That, deren Folgen nun auf ihm lasteten, fortgerissen. Diese Erwägungen gönnten ihm, seit er Lena verlassen, weder Ruhe noch Rast; die Anwesenheit des Reitknechtes wurde ihm unerträglich, er schickte ihn nach Hause und sprengte in wildem Trabe davon. In den alten Märchen wird erzählt, daß die bösen Geister dem Auge zuerst als unbestimmte Nebel erscheinen, woraus sich dann allmülig die Schreckensgestalt entwickelt — ganz so erging es Fauconrt. Seine düsteren verworrenen Gedanken schlugen nach und nach eine bestimmtere Richtung ein, und wie es klarer in seinem Geiste wurde, entsank ihm der Muth. Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er sich vorspiegelte, die Umstände hätten ihn ja dazu veranlaßt; wie gerne würde er den geraden Weg des Rechtes gewandelt sein, wenn der ihn nur zu dem gewünschten Ziele geführt! Trug er die Schuld, daß dies nicht der Fall war? Eine Tücke des Schicksals warf ihn grausamer Weise dem Laster in die Arme. Er finde ja kein Vergnügen daran, Böses zu thun, — im Gegentheil es verursachte ihm geradezu Schmerz, Jemanden etwas Ucbles zuzufügen. Aber was bleibe ihm anders übrig, da man ihm im Wege stehe. Jetzt könne er in keinem Falle mehr zurücktreten. Auch das hielt er für ein böses Verhängnis;, daß er mit Lena allein geblieben und deshalb zu weit gegangen war. Er hatte sich ja nur vergewissern wollen, welche Aussichten er habe, und dann abwarten wollen, ob ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hülfe komme. Aber nun zwangen ihn die Verhältnisse zur dunkelen That und er konnte nicht anders, er mußte sie vollbringen. Sein Aeußeres verrieth nicht diesen inneren Sturm, als er am anderen Morgen zu Joy Cottage erschien. Er hatte eine lange zufriedenstellende Unterredung mit Mrs. Dalton, welche, obgleich er keine Versprechungen betreff des Ehekontractes machen konnte, gewillt war, dem Edelsinne Lord Alphington's in diesem Punkte zu vertrauen; später wurde Mr. Fauconrt von Lena mit holdem Lächeln empfangen. Mrs. Dalton's Schilderungen des außerordentlichen Vortheils, den diese Eroberung ihr gewähren würde, hatten Lena dermaßen beeinflußt, daß sie wenigstens äußerlich gleichmüthig erscheinen konnte. Es macht ihr Freude, verzärtelt und vergöttert zu werden; dem kleinen Umstände, daß sie den Mann, welcher im Begriffe stand, sie auf den Gipfel ihres getränintcu Glückes zu heben, nicht lieben könne, mußte sie sich fügen; es wäre ja unbescheiden gewesen, alle Wünsche befriedigen zu wollen. (Fortsetzung folgt.) Die Katastrophe auf den Sunda-Jnselu. Amsterdam, 11. Oktober. Wiewohl Sie bereits mehrfach über das furchtbare Unglück, von welchem die Bewohner der Sunda-Jnseln heimgesucht wurden, berichtet haben, mag Ihren Lesern noch einiges aus den Berichten der dieser Tage hier eingetrvffeneu indischen Blätter willkommen sein. Neben Bekanntem enthalten dieselben auch noch manche neue Einzelheiten. Zuerst möge ein aus Batavia 1. September datirter Bericht des „Javaboten" folgen. Derselbe lautet: Die Woche, welche heute zu Ende geht, ist eine der denkwürdigsten und schrecklichsten, die West-Java und Sumatra je erlebt haben. Das Hanptthor unseres Archipels, die Snndastraßc, ist durch eine heftige Eruption des Vnlcans auf der kleinen Insel Krakatoa ganz von Gestalt verändert. Verschiedene Inseln sind versunken, andere aus der Tiefe emporgestiegen, noch andere in Stücke gerissen, und die Küsten rechts und links sind durch die wilderregte See so fürchterlich heimgesucht, daß alle Städtchen und Dörfer mit ihren Einwohnern fortgeschwemmt wurden. Wo der Reisende, welcher von Südwesten aus Niedcrländisch-Judieu erreichte, früher durch die lieblichen Naturschöuhcitcn überrascht wurde, ist jetzt alles ein Bild des Todes und der Verwüstung. Alle Lencht- thürmc und sonstigen Erkennungszeichen an einem der ersten Handclswege der Welt sind vernichtet. Anjcr besteht nicht mehr, Tjiringin ist verschwunden, ebenso Telok Betoug, Merak, Karang Antoe und andere Orte, längs der Küste. Die Einwohner, Europäer und Inländer, welche sich am Sonntag Abend und in der Nacht nicht in die Berge retten konnten, wurden von den mit Blitzesschnelle hereinbrechenden Wogen erfaßt und verschlungen. Bis ganz in der Nähe von Batavia sind Menschen von der Futh hinweg- gerafft worden. Kurz, am Montag den 27. August 1883 haben West-Java und Süd- Sumatra ihre Herculaunm und Pompeji erlebt. Wir wollen hier die Ereignisse, wie sie aufeinander folgten, kurz zusammenfassen. Am Sonntag den 26. August vernahm man hier in Batavia plötzlich ein lautes Getöse, von heftigen Schüssen unterbrochen, aus Westen kommend. Jeder ahnte sofort, daß der Vulean aus Krakatoa, der nach 200jährigcm Schlafe seit den: 20 Mai d. I. fortwährend Flammen und Asche von sich gegeben hatte, hier im Spiele sei. Die Luft war bedeckt und außergewöhnlich schwül. Niemand dachte aber noch an ein Unheil, selbst nicht zu Bantong, ivo man einen ziemlich heftigen Erdstoß empfand, und die hier in Indien so seltsame Erscheinung eines Hagelschauers hatte. Als gegen 2 Uhr von hier nach Anjer um Aufschluß wegen des Getöses telcgraphirt wurde, kam die Antwort: „Hier so dunkel, daß man keine -Hand vor Augen sehen kann; Krakatoa ist ganz in Rauch gehüllt." Das war leider der letzte Bericht, den Anjcr in die Welt sandte! Am Nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr wurde der Lärm immer stärker die Schlüge verdoppelten ihre Kraft, so daß ein inzwischen sich entladendes Gewitter ganz von dem fürchterlichen Knallen und Toben des Vnlcans übertönt wurde. Mit begreiflicher Spannung und Sorge sah man der Nacht entgegen, und kurz nach Mitternacht wurden diejenigen, die sich zur Ruhe begeben hatten, durch einen fürchterlichen Schlag geweckt, der Fenster und Thüren aufspringen und die Häuser dröhnen ließ; das Gas erlosch an vielen Stellen, und viele kleinere Gegenstände wurden durcheinander geworfen. Die Erscheinungen wiederholten sich während der ganzen Nacht, die von den Meisten durchwacht wurde. Endlich kam der Montag, und Jeder begrüßte mit Freuden das Morgenlicht. Wenige dachten wohl, daß dieser Tag eigentlich kein Tag sein würde, und daß er den Untergang von Tausenden herbeiführen würde. Die Luft war dunstig, kein Blatt, kein Halm bewegte sich, es lag eine unheilverkündende Schwüle über der Stadt; doch das Leben ging seinen gewöhnlichen Gang, Alles eilte zur Arbeit. Plötzlich um 0 Uhr etwa verfinsterte sich die Luft, eine gleichmäßig wachsende unerklärliche Finsterniß verbreitete sich ringsumher, und gegen 11 Uhr war es so dunkel, daß man nichts mehr sehen konnte und überall das Licht anzünden mußte. Die meisten Comptoire, Bureaux, Schulen rc. wurden geschlossen, und alles begab sich nach Hause. Das Getöse der Eruption dauerte immer fort, und die Dunkelheit hielt an; es fiel ein Aschenregen, und die Luft ließ am östlichen Horizont einen seltsamen mattgelbcn Rand wahrnehmen. Bald trafen auch Telegramme aus Scrang in Bantam ein, welche meldeten, daß das chinesische Lager zu Poelve Mcrak von der Hochfluth fortgerissen sei. Wie sich später herausstellte, war das ganze Etablissement zu Mcrak (große Steingrubcu) auf Bautams Nordküste vernichtet. Westlicher als Serang befand sich keine telegraphische Verbindung. Der Draht nach Auser war zerstört, ebenso der nach Tclok Betong. Was ging dort vor in der Umgebung der Sundastraßc? Niemand wußte es; aber Jeder befürchtete das Schlimmste. Um 1 Uhr wurden diejenigen, die noch in der untern Stadt geblieben waren, durch die Hochfluth überrascht. Alles ergriff die Flucht, und glücklicherweise hatten wir hier kein Menschenleben zu beklagen. Die Fluth stieg eine Elle hoch und setzte viele Kähne, ja selbst ein kleines Dampfschiff auf den Damm des Hafencanals; die Erscheinung wiederholte sich noch öfters im Laufe des Tages. Dazwischen war es empfindlich kalt geworden; das Thermometer war um fünf Grad gefallen; das Barometer schwankte den ganzen Tag. So ging der Mittag vorbei, und gegen Abend langte in rascher Folge die Hiobs- posten an, die uns die greuliche Verwüstung, durch das Erdbeben und die Hochfluth angerichtet, schilderten. Aus der ganzen Umgegend trafen Berichte ein, daß Brücken fortgerissen, Häuser eingestürzt und viele Menschen umgekommen seien. Die Nacht verging ruhig; am Dienstag vernahmen wir die gänzliche Zerstörung Unsers und der übrigen bereits genannten Ortschaften. Ganz Bantam hat den Gnadenstoß erhalten. Alles liegt unter der vulkanischen Asche begraben. Die Thiere haben kein Futter mehr. Die Eingeborenen aber sind von Fanatismus besessen, und schreiben die Ursache der Katastrophe der Behandlung ihrer Glaubensgenossen in Atchin zu. Die Europäer sind dort kaum ihres Lebens sicher. Außer diesem allgemeinen Bericht, der sich hauptsächlich auf das in Batavia Erlebte und Empfundene beschränkt, enthalten die indischen Blätter ganze Spalten voll interessanter und ergreifender Episoden über die Schicksale einzelner Personen und Familien. Einiges davon wollen wir noch wiedergeben. Von Tclok Betong kam ein Schiff mit der Nachricht, daß der Ort nicht von der Landseite zu erreichen sei. Der Controleur Bayerinck mit Frau und Kindern sind mitgekommen, mit schweren Brandwunden bedeckt. Die Bevölkerung ist sehr aufgeregt; der Controleur mußte, um nicht ermordet zu werden, versprechen, Reis zu senden. In dem Campong'schen Districte herrscht Anarchie. Die noch lebenden Europäer sind in großer Gefahr. Drei Meilen landeinwärts ist alles verwüstet; von dem herrschenden Elend kann man sich keinen Begriff machen. Man fand Tausende von Leichen ini Wasser treibend. Eine andere Nachricht lautet: „Nach Berichten von Schissen, die aus der Sundastraßc angekommen sind, trieben am Eingang der Straße so viele Leichen umher, daß ein Schiff dadurch in der Weiterfahrt behindert wurde. In Anjer waren zu wenig Hände, uin die Leichen zu begraben, so daß unerträgliche Miasmen sich verbreiteten." Officicll wird berichtet von dem Residenten von Batavia unterm 31. August: „Vorgestern Abend zu Mauk angekommen. In vielen Orten große Verwüstungen gefunden. Täglich werden die Trümmerrcste der Häuser untersucht; schon ca. 900 Leichen gefunden und begraben. Leute unwillig zur Arbeit, ohne Aufsicht aus Raub bedacht. Gänzlicher Mangel au Nahrungsmitteln." Aus Kramat wird dein „Allgm. Dagbl." geschrieben: „Einer der Ersten, welcher dem Residenten Bericht über das Unglück brachte, war- der Herr Jacob Deurwaarder. Als das Wasser stieg, sprang er in einen Wagen und fuhr im Galopp davon. Von der Flnth überholt, wurde er gegen einen Baum geschleudert, der widerstand und den: er seine Rettung zu verdanken hat." Ebenso erging es Andern. Ein vr. Dilliö von Unser lag bei dem Hereinbrechen der ersten Flnthwelle am Morgen 67S des 27. August noch zu Bett und wurde hinausgeworfen. Er fand seine Frau und sein Kind in der Küche oben auf dem Herd und flüchtete mit ihneu in die Berge. Dort wurden die Fliehenden mit glühender Äsche überschüttet. Lange irrten sie umher, und als sie endlich ein Dorf erreichten, wurden sie von den Eingeborenen vertrieben, und wollte Niemand ihnen etwas Nets oder Wasser geben. So die glaubhaften Berichte; daß auch viele Uebertreibungen mit unterlaufen, ist erklärlich. Das Tollste leistet wohl ein Korrespondent, der „Haifische und Krokodile durch die Luft fliegen" läßt. Das erinnert an Münchhäusen, wird aber sogar von großen Blättern (auch das „Berliner Tageblatt" gehört dazu) ohne Kommentar mitgetheilt. Außer dem entsetzlichen Unglück, das immerhin 20,000 Menschen das Leben gekostet haben mag, ist am meisten die bedenkliche Gesinnung der Eingeborenen zu beklagen, welche zeigen, daß es nur eines geringen Anlasses bedarf, um den Vnlcau des fanatischen Islam zu einer allgemeinen Eruption zu fuhren. Alirndglockett. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie meine Gedanken locken Weit fort, so weit Zu der Jugendzeit. In des Walddorfs friedliche Einsamkeit. Noch blüht am Kirchlein der Weiße Flieder Die düst'ren Linden, sie grünen wieder, Und die Kindcrschaar Im blonden Haar Spielt aus den Gräbern immerdar. Sie singen stets noch die alten Sänge Die Hcimatlante, die süßen Klänge, Und seh'n den Mann Verwundert an, Den Fremdling, wie er nur weinen kann. Hier unteren Steine, dort nntcr'm Rasen Rnh'n theure Herzen, die laugst genasen Nach Sturm und Streit Von allem Leid In des Grabes stiller Vergessenheit. Mir ist's, als winkten mir liebe Hände, Als hört' ich Stimme», die ich verstände; „Kehr' ein, kehr' ein Nach Harm und Pein; Nun komm' doch, komm' doch, wir harren dein!" Die Welt, die Wüste durchirrt' ich lange, Und müde bin ich vom schweren Gange; Ein Pilger, der matt Sich gewandert hat, Grüßt sroh die Thürme der heil'gen Stadt. Die Abcndglocken, die Abendglocken, O wie sie laden, o wie sie locken! Der Tag vergeht, Die Nachtluft weht; Bald werd' ich schlafen! es ist schon spät. F. Weber. M i s c e l l e n. (Ueber die häuslichen Beschäft-igungen des himmlischen Kaisers") bringt der „North China Herald" folgende Mittheilung. Seine „Majestät" ist jetzt elf, Jahre alt und wird erst nach fünf Jahren für volljährig erklärt werden. Jetzt heißt' man ihn noch „Fo-Ieh", den Buddha-Bater, und diejenigen, die in seiner Nähe erscheinen dürfen, beten ihn als einen Gott an. Er war nicht im Purpur geboren — und das war ein Glück für ihn, denn jetzt getraut sich ihn Niemand anzurühren. Als er ein unbedeutendes Prinzchcn war, wurde er geimpft. Seine Mutter besucht ihn einmal jeden Monat und kniet vor ihm nieder, jedoch um sich unverzüglich wieder zu erheben; auch sein Batcr thut dasselbe. Acht Eunuchen bedienen ihn bei Tag und bei Nacht, während die Zahl der Diener bei besonderen festlichen Gelegenheiten zahllos ist. Der „göttliche" Knabe ist ganz allein, und die Eunuchen intcrveniren sofort, wenn er,, zu großen Appetit entwickeln sollte. Er lernt Chinesisch und Mandschn jeden Tag und zwar jede der beiden Sprachen während anderthalb Stunden. Zwei Stunden bringt er mit Ncitübungen und Bogenschießen zu und im Winter fährt er im Schlitten aus. Seine Lehrer fallen, sobald sie zu ihm treten, aus die Knie nieder, dann aber sitzen sie.. (Zas das arme Kind mit der übrigen Tageszeit anfängt, wird Niemanden mitgetheilt. 680 Er wohnt in den Gemächern seines Vorgängers und schläft in dem ungeheuren Bette, das mehrere Kaiser als Dioan benutzt haben. Die Minister machen ihm täglich ihre Aufwartung um die vierte, fünfte und sechste Stunde des Vormittags, während er in der großen Nathshalle auf seinem Throne sitzt. (Belohnte Unverschämtheit.) Ein Pariser Spezialarzt hatte — so erzählt das „Journal des Debats" — einen reichen Pastetenfabrikantcn aus Straßbnrg von einem hartnäckigen Uebel geheilt. Eines Tages meldete sich der glücklich Genesene, um dem Doktor zu danken und eine Gänselebcr-Pastete anzubieten. Der Arzt fürchtete, die Annahme des Geschenkes könnte ihn verhindern, ein hohes Honorar zu fordern, und entgegnete, er habe den Grundsatz, niemals Geschenke anzunehmen; er begnüge sich mit dem Honorar. Nun erkundigte sich der Elsässer nach dein Betrage seiner Schuld. „1200 Franken", war die Antwort. Der Besucher zog sein Messer aus der Tasche, zerschnitt die Pastete, nahm zwesi Tauseudfrankscheine heraus, die in einer silbernen Kapsel sorgfältig verschlossen waren, und bat den beschämten und ärgerlichen Mann der Wissenschaft, ihn: achthundert Franken zurückzugeben. (Das idloir xln8 nitra. der Findigkeit) hat ein Berliner fertig gebracht, welcher die „Tgl. Ndsch." um Gratis-Aufnahme folgenden Inserates angeht: „Für Raritätensammler". Bekanntlich hing der Sieg der Schlacht bei Kuncrs- dorf au einem Haar. Dieses Haar habe ich nun nach langen mühevollen Ausgrabungen auf dem genannten Schlachtfelde gefunden. Gegen Einsendung von 2000 Lstr. bin ich gern bereit, es reichen Engländern oder sonstigen Kuriositätensammlern portofrei zu überlassen. Näheres in der Exped. d. Blattes. (Eine stete, sinnige Erinnerung an den 12. September 1683) den Sieg scher den Halbmond des Islam, sind unsere „Hörnchen", die Wiener Kipfelu. — Die lautere Freude über die glückliche Bcsiegnng des Kara Mustapha gab Wiener Bäckern den Gedanken ein, den Halbmond essen zu lassen, deshalb bücken sie vom Jahre 1683 ab halbmondförmige Brode, die ihre zeitgemäße Bedeutung durch 200 Jahre noch lebendig erhalten haben. (Buchstäblich befolgt.) Herr (zu seinem Diener): „Johann, geh'zum Bahnhof, und schau', wann der letzte Zug abgeht." — (Nach zwei Stunden kehrt der Diener schweißtriefend zurück.) — Herr: „Ja, um Gottes Willen! Wo warst Du so langes" — Diener: „Ich hab' müssen höllisch lang' warten, aber jetzt ist er gerade abgefahren." (Alle Tage jünger.) „Gott, was sch'u Se aber gut aus, Herr Inspektor! Se werden wahrhaftig jeden Tag jünger!" — „„Ja! wenn das so fortgeht, werde ich mir auch nächstens meine Windeln wieder hersuchcn lassen."" (Die Wahrheit.) Unteroffizier: „Was versteht man unter Heuchelei?" — Nekrut: „Heuchelei ist-ist-wenn irgend Jemand sagen that: — er hätt'- seinen Vorgesetzten gern." _ ck! ii t h s c l. Zwei Silben zählt das Wort; mag prunkvoll sein, Was eS dir nennt, dich täusche nicht der Schein; Das Innere prüfe, ob es Tand und Spreu, Ob echtes Gold und Geistesnahrung sei. Nun aber trenne rasch das Silbcnpaar, Den Tonfall ändere; neuer Sinn ist klar; Ob» steht im Bücherschrein, ob's schmückt den Hut, Gleichviel; nur wähle stets, was schön und gut! Auflösung deZ Räthsels in Nr. 84: „Frei sprechen, Freisprechen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler.