Nr. 86. 1883 . »ur „Äugstmrger postzeituug." Samstag, 27. Oktober Der GpnlrLng. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Das Troussean wurde schon bald in Angriff genommen. Lena hatte ihren Verlobten gebeten, den antiken Opalring noch machen zn lassen, nnd dieser ging bereitwillig anf ihre Laune ein. Der folgende Nachmittag wurde zur Excursion festgesetzt, wo Fan- court mit dem Wagen kommen und Mrs. Dalton und Lena zum Goldarbeiter abholen solle. Bertha sehnte sich darnach, endlich einmal zu Hause zu sein. Je näher sie Fau- court kennen lernte, um so größeren Abscheu empfand sie gegen ihn. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, die Zukunft der Schwester, welche sie so aufrichtig liebte, seinen Händen anvertraut zu sehen, und dann ermüdete sie auch dieses unaufhörliche Sprechen über Kleider, Juwelen und Möbel, als ob außer diesem Ereignisse nichts Anderes auf der Welt mehr von Interesse sei. Die beiden Mädchen, deren Zimmer aneinander stießen, pflegten früher beim Zubettgehen über die Erlebnisse des Tages zu plaudern; aber jetzt schloß Lena unter dem Vorwande, zu schläfrig für jegliche Unterhaltung zn sein die Thüre, so daß Bertha, ausgeschlossen von dem Vertrauen ihrer Schwester, sich doppelt einsam fühlte. Allerdings wurde ihr guter Geschmack und die geschickten fleißigen Hände nichtsdestoweniger fortwährend in Anspruch genommen. Sie war herzlich froh,- einige freie Stunden zn ihrer Verfügung zu haben und setzte sich an's Klavier. Aber kaum hatte sie die ersten Akkorde angeschlagen, als Douglas eintrat. — Sie sprang auf und begrüßte ihn mit freudigem Lächeln; die Anwesenheit des Freundes war ihr in der gegenwärtigen Stimmung doppelt erwünscht. „Störe ich?" frug er, die Hand, die sie ihm entgegen streckte, ergreifend. „O nein, nicht im mindesten. Es macht mir Vergnügen, daß Sie gerade jetzt gekommen sind; ich habe hier einige neue Lieder und möchte, wenn es Ihnen recht ist, Ihre Meinung darüber hören." Es war Douglas recht, er liebte es, Bertha singen zu hören. Als sie geendet, wandte sie sich auf dem Klavierstuhlc um und unterhielt sich mit ihm über Musik. Nach einiger Zeit sagte Douglas: „Werden Sie es mir verdenken, wenn ich Sie um etwas frage, was mich dem Anscheine nach nichts angeht? " „Glauben Sie, daß ich Ihnen so leicht böse sein kann? Was ist es?" „Auf dem Wege hierher sah ich Ihre Mutter und Schwester mit Mr. Faucourt im Wagen sitzen. Hat das etwas zn bedeuten?" Douglas stellte diese Frage mit außergewöhnlichem Ernste. „Ja, sogar sehr viel. Ihnen darf ich wohl mittheilen, daß meine Schwester mit Mr. Faucourt verlobt ist." 682 „Wirklich? Also ist es so weit gekommen?" rief er in solchem Schrecken aus, daß Bertha überrascht sagte: „Sie ängstigen mich, Mr. Douglas. Was haben Sie gegen Mr. Fancourt?" „Ich kenne ihn persönlich nicht; vor einigen Wochen traf ich ihn zum ersten Male - hier und seit der Zeit traf ich ihn nicht wieder. Von Herzen wünschte ich, daß dieses sich nicht ereignet habe." Die Worte selbst beunruhigten Bertha weniger, als der Ton, in welchen: er sprach: „Sie wissen mehr, als Sie mir sagen wollen; bitte verhehlen Sie mir nichts." „Douglas erhob sich und trat an's Fenster; er schien seine Gedanken sammeln zu wollen." Seinen Platz wieder einnehmend sagte er: „Ich hätte schweigen sollen, es war thöricht von mir, denn ich darf Ihnen keine nähere Aufklärung geben, da es ein Geheimniß betrifft, welches nicht das meinige ist. Und nun habe ich Ihnen diesen Schrecken eingejagt, und Sie werden mich für einen nasenweisen Burschen halten, der sich in Sachen mischt, die ihn nichts angehen und dabei nicht mehr Verstand im Kopfe hat, als Pinch hier", fügte er, diesen bei den Ohren ziehend, hinzu. „So werde ich nicht denken, obschon ich nicht leugnen kann, daß ich sehr in Sorge bin, namentlich, weil meine Gefühle, wie ich Ihnen nur offen gestehen will, vollständig mit den Ihrigen übereinstimmen. Meine Mama und Lena darf ich ohne einen gewichtigen Grund angeben zu können, nicht warnen, Sie würden es nur als Vorurtheil meinerseits ansehen." „Nennen Sie es lieber das Erkennen Ihres reinen Herzens", erwiderte Douglas. Nach einer Pause hub er wieder an: „Wollen Sie mir versprechen, mich den Tag, an welchem diese Hochzeit stattfinden soll, frühzeitig wissen zu lassen?" „Gewiß, denn ich bin überzeugt, daß sie mich ohne wichtige Gründe nicht darum ersucht hätten. O Mr. Douglas, wie unglücklich haben Sie mich gemacht!" rief sie erregt aus, während sich ihre Augen mit Thränen füllten. „Unglücklich! Wo ich mein Leben hingeben möchte, um Sie glücklich zu machen!" betheuerte ungestüm der junge Btann. Bertha, welche, den Kopf in die Hand gestützt, sich auf's Pianino gelehnt hatte, blickte überrascht auf. „Schenken Sie meinen Worten keinen Glauben?" rief er mit einer Stimme, in welcher die ganze Zärtlichkeit seines Herzens lag, aus. „Sie bedürfen eines Beschützers; lassen Sie mich Ihr Beschützer — Ihr Gatte sein! O, Bertha, ich liebe Sie so unaussprechlich, ohne Sie gibt es für mich kein Glück auf der Welt!" „Sie lieben mich?" frug Bertha erstaunt in das lebhafte schöne Antlitz vor ihr schauend, gleichsam ob sie sich vergewissern müsse, daß sie recht gehört habe. „O wie Mich das betrübt!" „Betrübt?" wiederholte der junge Mann, indem alle Farbe von seinen Wangen wich. „Können Sie mich denn nicht ein klein wenig lieben, Bertha?" „O ja, ich babe Sie sehr gerne", betheuerte diese eifrig, da sie den Schmerz gewahrte, der ihre Worte hervorgerufen hatte, „nur nicht in dieser Weise, — nur nicht in der Weise, in der Sie meinen." „War ich zu voreilig? Würden Sie mir eine andere Antwort gegeben haben, wenn ich länger gewartet hätte? Theuerste Bertha, ich liebe Sie so innig — gibt es denn gar keine Hoffnung für mich?" „Sie schüttelte traurig den Kopf. „Es thut mir unendlich leid", sagte sie unter strömenden Thränen; „aber die Zeit kann keinen Unterschied hervorbringen. Vielleicht hätte ich dies wissen müssen, ich dachte jedoch nie daran, da ich glaubte, wir seien nur Freunde." 683 Seine Stimme zitterte: „Freunde! Könnte es wohl möglich sein, kein wärmeres Gefühl als das der Freundschaft für Sie zu empfinden, nachdem man so genau mit Ihnen bekannt geworden ist wie ich? Gönnen Sie mir Zeit —, lassen Sie mich versuchen, Ihre Liebe zu erringen, oder, verzeihen Sie mir meine Frage", fuhr er, ihre plötzliche Nöthe und bebenden Lippen bemerkend, mit bleichen Wangen fort, „ist vielleicht Jemand anders —Er beendete den Satz nicht. Ein lautes schmerzliches Stöhnen unterbrach ihn; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. „Vergeben Sie mir — o! vergeben Sie mir mein ungeschliffenes Benehmen!" flehte Douglas in größter Aufregung. „Um Ihnen ein Leid zu ersparen, würde ich gerne mein bestes Herzblut zum Opfer bringen und nun bereite ich Ihnen selbst noch solchen Schmerz." Aus seinen redlichen blauen Augen stürzten Thränen hervor, er verhüllte das Gesicht mit der Hand; sie sollte nicht sehen, wie sehr er litt.^ So bald er wieder Herr seiner Stimme war, fuhr er fort: „Ich hatte ein hübsches Luftschloß gebaut, aber wie bald ist es in Nichts zerronnen — doch ich will Sie nicht länger quälen, ich sehe ein, daß ich mich geirrt hatte." Bertha streckte ihm ihre Hand entgegen. „Es ist wirklich nicht aus Mangel an Achtung vor Ihnen, aber —" sie verstummte plötzlich. Eine brennende Nöthe verbreitete sich über ihr Antlitz. „Sagen Sie kein Wort weiter", bat Douglas, ihre Hand an seine Lippen führend. „Nur ich bin zu tadeln; ich hätte es wissen können. Wie bitter mich auch die Enttäuschung treffen mag, denn ich hoffte —" der Schmerz übermannte ihn von Neuem; nach einer Weile sagte er: „Bitte, betrüben Sie sich nicht meinetwegen. Darf ich hoffen, daß Sie mir das Vorrecht, ihr Bruder sein zu dürfen gewähren wollen? Des einen oder anderen Tages, wenn diese Stelle in Ihrem Herzen mir genügen kann, werde ich zurückkehren. Nie will ich wieder so vermessen sein; vertrauen Sie mir. Ich könnte es nicht ertragen von Ihnen als Fremder behandelt zu werden." „Ich vertraue Ihnen unbedingt", entgegnete Bertha, sich Mühe gebend, ihre Fassung wieder zu erlangen. „Wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten, so würden Sie sich überzeugen, daß ich Ihnen in Allem, ohne Rückhalt vertraue. Ich bedauere so blind und mit meinen eignen Gedanken beschäftigt gewesen zu sein. Diesen Kummer hätte ich Ihnen ersparen müssen." „Beunruhigen Sie sich deshalb nicht. Es ist besser, wenigstens für mich, daß wir einander ganz verstehen. Denn sehen Sie, ich bin so ein träger, unsteter Kamerad gewesen, nicht halb gut genug für Sie, das weiß ich — doch wenn Sie mich Hütten lieben können — nun erwähnen wir es nicht weiter", brach er plötzlich mit der Hand über die Augen fahrend, ab. „Meine Liebe zu Ihnen wird mir helfen, ein besserer Mensch zu werden. Um keinen Preis in der Welt möchte ich wünschen, Sie nicht gekannt zu haben, Bertha — Sie erlauben mir doch, Sie so zu nennen. Gott segne Sie! —" Bei diesen Worten erhob er sich. Bertha weinte still vor sich hin. Noch ein tiefer, nicht zu unterdrückender Seufzer, ein herzlicher Händedrvck — ein innig zögernder Blick und er ging fort — ein Held in diesem Augenblicke. Zwanzigstes Capitel. Sobald Douglas sie verlassen hatte, stürzte Bertha die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer, dort sank sie vor dein Bette äuf die Knie und brach in lautes Schluchzen aus. Sie war unglücklich im Innersten betroffen, in mehr als einer Hinsicht. Jetzt erinnerte sie sich der vielen kleinen Aufmerksamkeiten, welche ihr wohl die Augen in Betreff der Gefühle voir Douglas hätten öffnen müssen. Und sie mochte ihn ja so gerne leiden — wie oft hatte sie sich namentlich in letzterer Zeit ausgemalt, ivelches Glück es sein würde, 684 ihn als Bruder zu besitzen. Anstatt dessen war sie jetzt unbewußt die Ursache seines Kummers geworden, sie trieb ihn fort von hier — einen ihrer besten und theuersten Freunde. Was wird er von mir denken", stöhnte sie leise, „ob er wohl errieth, daß ich tJemauden liebe, der sich nichts aus mir macht? Und doch, er ist so gut, so edel, so alentvoll, wie könnte ich anders, als ihn lieben!" Eines tröstete sie; selbst wenn auch Douglas ihre Gefühle für seinen Freund vermuthete, er würde sie doch nicht verrathen. St. Lawrence werde nie erfahren, wie sehr sie ihn liebe, nie sie ihrer Zuneigung willen, welche sie ihm ungesucht geschenkt, verachten können; dessen war sie gewiß. Als sie etwas ruhiger wurde, stellte sie sich die Frage, ob sie wohl Douglas, wenn sie St. Lawrence nicht kennen gelernt, hinreichend geliebt haben würde, um seine Frau werden zu können. Ihr Herz antwortete: „Nein!" Zum Beschützer und Geführten durch's Leben genügte ihr der lebhafte, sorglose junge Künstler nicht, wenngleich sie sein gutmüthiges, theilnehmeudes und edles Herz vollkommen zu schätzen wußte. In Gedanken durchging sie die verflossenen Sommermonate, wo sie ganz sicher geglaubt, St. Lawrence habe ihre Gesellschaft geliebt. Wie oft hatte nicht ihr Herz bei dem beredten Blicke seiner Augen und dem zärtlichen Tone seiner Stimme heftiger ge- geschlagen! Woher war später die plötzliche Veränderung entstanden? Was hatte sie gethan? Welches war die Ursache, daß sie aus dem schönen Traume, in den sie sich fast unbewußt eingewiegt, seit einigen Wochen so schmerzlich aufgeweckt worden war? Und wenn er sich geändert hatte, sie konnte und durfte nicht versuchen, ihn zu sich zurückzuführen. Der helle Sonnenschein ihres Lebens war erloschen, ihr blieb nichts übrig, als sich zu unterwerfen und stillschweigend ihr Kreuz zu tragen. Douglas litt ja ihretwegen denselben Schmerz. Im Laufe der Zeit würden sie beide, so hoffte sie, ihren Gram überwinden, so bitter auch dieser Gedanke augenblicklich sein mochte. Die muthig entschlossene Bertha überließ sich nicht länger dieser großen Trostlosigkeit, sondern kühlte ihre brennenden Wangen und ging dann hinunter, um emsig an der Aussteuer ihrer Schwester zu arbeiten. Nachdem sie eine Zeit lang mit Nadel und Schecre beschäftigt gewesen, kehrte die äußere Ruhe zurück, doch ihr Kopf schmerzte noch sehr, und so suchte sie ihren gewohnten Zufluchtsort, den Garten auf. Es war liebliches Wetter, der Regen am Morgen hatte die Lust erfrischt und abgekühlt, zarte weiße Wölkchen schwebten am blauen Himmel, die Bäume wogten und rauschten, als ob sie Leben besäßen. Schon früher hatte Bertha ihr geheimes Leid den Rosen zugeflüstert und die Lilien in ihr Vertrauen gezogen; sie alle schienen ihr jetzt lächelnd zuzuwinken, als ob sie sagen wollten: „Komme zu uns, wir wollen Dich trösten." Pinch, welcher seinen Platz an der Hausthüre inne hatte, erhob sich, als seine junge Herrin hinaustrat und streckte die Pfoten an ihr in die Höhe, um Aufmerksamkeit zu erregen. „Armer, alter Pinch!" sagte sie, sich zu ihm niederbeugend und ihre Wange auf den glänzend schwarzen Kopf des Hundes legend. „Du mochtest ihn auch gerne leiden. Aber er macht sich nicht's aus uns, Pinch — er kommt nie mehr hierher." Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich zu dem Seitenwege. Hier fanden ihre Mutter nnd Lena sie, als sie nach Hause zurückkehrten. Sie waren allein, da Mr. Faucourt sie Geschäfte halber, wie sie sagten, verlassen mußte. Lena erzählte ihrer Schwester, daß sie beim Goldarbeiter gewesen, den Opal ausgesucht und dann den Ring nach ihrer Angabe bestellt hätten. Ihr Bräutigam habe ihr durchaus ein Geschenk machen wollen, ehe sie den Laden verließen, und so sei ein Schmuck von Türkisen gewählt worden. „Blau ist ja meine Lieblingsfarbe", fuhr sie fort. „Die Brautfnhrerinnen müssen auch hellblaue seidene Unterkleider und im Haare Vergißmeinnicht tragen. Glaubst Du nicht auch, daß das hübsch sein wird?" „Ja, sehr hübsch", erwiderte Bertha zerstreut, während sie dein Hause zugingen. (Fortsetzung folgt.) 685 —> Von der Eröffnung der Northern Pacisie-Bahn. (Von der Köln. Ztg. Special-Verichterstatter.) Portland, l8. September. Jegliches Ding hat ein Ende, sagt man, und eine Wnrst hat deren zwei. Die Northern Pacific-Bahn aber unterscheidet sich dadurch vou jeglichem Ding und von einer Wnrst, daß sie gar kein Ende hat, oder vielmehr bereit viele. Da ist zunächst Portland an einer breiten, 160Rm weiter unten in den Ocean führenden Wasserstraße: den: in den Columbia fallenden Willamette, der sich als das richtige Thor der neuen Wcltstraße nach dem Meere zu betrachtet. Aber der Schienenweg hat sich schon weiter den Colnmbiaflnß überspringend, bis zur Südspitze des Puget-Snnds vorgeschoben, wo Tacoma an der Commencemcnt-Bai zwischen brennenden Baumstümpfen von zukünftiger Größe und Ueberflügeluug Sau Franciscos träumt. Diese Städte aber haben alle beide vorgeschobene Posten und Mitbewerber um das, was sie den „tormiirus" nennen. Mit Portland ringt Astoria, die Pfahlstadt, 160üm tiefer, nahe bei der See liegend, um die Palme, und in Taeomas Zukunftsmusik klingt mißtönend des weiter nördlich gelegenen Seattles Bestreben hinein, zugleich das Neapel und das New-Zsork des Westens zu werden. Jetzt, ivo die Sonne des Weltverkehrs ihre ersten Strahlen über diese Gefilde von unerschöpflicher Fruchtbarkeit wirft, vermag keine Phantasie zu ermessen, bis zu welchem Grade und in welchen Ncrhälinisseu diese Ausiedlungeu sich entwickeln werden und wo die Bäume am höchsten in den Himmel hineinwachsen sotten. Wir haben in allen diesen Städten bei rauschenden Banketten sehr ernsthaft alle Gründe für die Bevorzugung einer jeden erwogen, haben mit vielem Interesse die in den Festreden aufgeführten langen statistischen Darlegungen der Quellen und Mittel des Reichthums jeder Stadt vernommen und zum Danke für die freundliche Aufnahme einer jeden versprochen, daß sie und keine andere den „törmiurm" haben sollte. Nach der langen Reise durch die eben zur Gesittung erwachenden Gefilde von Dakota und Montana trat Portland uns sehr vornehm und großstädtisch entgegen. Auf der weiten Fläche des Willamette wiegten sich stattliche Vvllschiffe, weiße, hochgethürmte Flußdampfer der Northern Pacific-Gesellschaft durchfurchten die Gewässer nach allen Richtungen, stattliche Gebäude begrenzten den Quai und aus den Nebelschleiern um die Höhen blickten herrschaftliche Villen unter dunkeln Fichtengruppen hervor.. Unmittelbar von deut Dampfboot, das uns vom Bähnzuge nach dem südlichen Ufer hinübergeführt hatte, betraten wir, teppichbelegte Treppen hinaufsteigend, prachtvoll ausgestattete Räume, die zugleich als Amtsstuben und für die Bequemlichkeit der Reisenden eingerichtet waren: das Wharf mit Toilette, Lesezimmer, bequemen Sesseln, Bedienten in Livröe und sonstigen, bei uns unbekannten Annehmlichkeiten. Vor dem Wharf hielten Tag und Nacht herrschaftliche Wagen, die uns die ganze Zeit unseres Aufenthaltes hindurch zu beliebigster Verfügung standen. Das Ansehen der Stadt war so, wie es das von Chicago und New-Iork in deren jüugern Jahren gewesen sein soll. Die Straßen im Naturzustände mit Trottoirs aus Brettern, die Hüuserflnchten schnnrgrade mit rechtwinklig einfallenden Seitenstraßen, sämmtliche Gebäude aus Holz, Trinkbudcn, Kramläden, Engrosgeschäfte, Gasthöfe und Kirchen; überall weite Thüren, große Schaufenster, Verschwendung von Gasflammen bis spät in die Nacht hinein. Im Gasthofe die übliche weite Vorhalle mit den großen Spucknäpfen und den müßig nmhcrstehcndcn Speihähncn, den: Office zur Linken und dem Lese- und Schreibtische zur Rechten, anstoßend an den Billard- und Bar-Noom einerseits und au den Restaurant gegenüber. Oben das Sprechzimmer, das Heiligthum der Ladies, den ganzen lieben langen Tag hindurch nur von wisperndem Geräusch regungsloser Gruppen erfüllt wie ein Gotteshaus, und sodann endlose Fluchten vou Gastzimmern, die außer deut stattlichen Nachtlager nur sehr dürftige Ausstattung haben. Die breiten, langen Straßen der Stadt aber laufen in Viertel von Villen und Brctterhütten aus, und schließlich in den einsamen Fichtenwald, wo sie zu Pfaden eilt- 686 schrumpfen und sich zwischen Gestrüpp und schwarzen Bauinstümpfeu verlieren. Da ist keine Promenade, die mit regelmäßigen Linien ein architektonisches Element und etwas Rahmen in die Landschaft brächte, keine Kunststraße, die zu gemüthlichem Schlendern einlüde. Kuhpfad und Eisenbahn, auf diesen beiden Gegensätzen bewegt sich der amerikanische Verkehr, und in ähnlichem Kontraste spielt das gcsammte Leben sich ab. Bei einer amerikanischen Stadt sieht man sich nicht nach alten Bauwerken interessanten Häusern, in Museen oder bei Antiquitätenhändlern um, sondern man fragt vor Allem: „was ist sie werth?" Portland hat voriges Jahr im eu c-ros-Geschäft allein 40 Millionen Dollars umgesetzt. Die ganze Stadt ist, ähnlich wie Ncw-Iork, Chicago, St. Paul, ein einziges großes Packhaus; Kisten, Säcke und Körbe häufen sich auf allen Straßen und Plätzen; man sieht im festländischen Europa gar nichts Aehnliches. lind da nur ein Lump mehr gibt als er hat, so legte Portland in seinen Empfangsfeierlichkeiten zur Eröffnung der Northern Parcisic-Bahn das Hauptgewicht auf eine Vorführung seiner natürlichen und crwcrblicheu Reichthümer. In einem laugen und lustig geschmückten Aufzuge zogen Pyramiden von Säcken duftigen Weizenmehls, „Oregons Stolz", viereckig gehauene Fichtenstämme von 50 Meter Länge, Holzblöcke von Meter Durchmesser, Salme in großen, halbdurchsichtigen Tafeln Eis eingefroren, Pelz- werk, Flachs von unglaublicher Länge, Hopfen mit fingerlangen Zäpfchen, Blöcke von Steinkohlen und was sonst die üppige Erde hier mit vollen Händen spendet, einher; dazu die verschiedenen Gewerbe, in ähnlicher Weise dargestellt wie in St. Paul — die Cigarrenarbeiter drehten ihre Stengel und warfen sie unter das Volk, die Zeitungen druckten Extrablätter, die Schmiede hämmerten einen riesengroßen Dampfkessel fertig. Eine besondere Erscheinung war eine Schaar junger Indianer, die hier zur Schule gehen und säuberlich in blaue Wolle gekleidet waren, meist kleine Kerle mit sehr kümmerlichen Untergestellen. Auch König Gambriuus, der Patron der dentsch-amcricanischen Millionäre, zog in voller Herrlichkeit einher, und ein deutscher Turnverein rief uns aus teutonischen Kehlen ein „Gut Heil" zu. Die Buchdrucker führten ein Schild mit der Inschrift: „Dcutschttmd gab uns die Buchdrnckcrkunst, Deutschland gab uns H. Billard, Billard gab uns die Eisenbahn; die Eisenbahn verbürgt uns die Zukunft." Portland hatte viel in künstlerischer und symbolischer Zier gethan; junge Mädchen stellten Karyatiden und Standbilder- dar oder symbolisirten in griechischer Gewandung irgend welche Eigenschaft, Tugend oder nützliche Idee. Und die Standbilder nickten dankbar, wenn man ihnen Beifall klatschte, und die symbolischen Eigenschaften, Tugenden oder nützlichen Ideen aßen und tranken in aller Gemüthlichkeit, wenn ihnen die Zeit lang wurde. Die zur Ehre der Theilnahme am Festzuge zugelassenen Hunde trugen das americanische National- banncr, und das dünkte Niemand eine Profanatioü, wie es vielleicht in andern Ländern der Fall gewesen sein würde, wo größere Ungleichheit der Stände vorherrscht und Hunde und Pferde eine minder bevorzugte gesellschaftliche Stellung einnehme». Nebenbei beinerkt, scheinen aber auch diese Thiere, namentlich die Pferde, infolge der ihnen zugewendeten Aufmerksamkeit viel gelehriger und aufgeweckter zu sein, als ihre gedrückten Verwandten in der alten Welt. Ein sehr interessanter Theil des Zuges endlich war die Schaar der Pioniere, Leute, die in den Vierzigern Jahren und früher diese Flußläufe hinauf in den Urwald vorgedrungen sind, als Nothhaut und Bär noch die Herren des Landes waren. Das waren Leute mit tiefgefurchteu, gebräunten Gesichtern, mit laugen weißen Haaren und Bärten, gebeugt von harter Arbeit, und Entbehrung, aber nicht gebrochen, wie ein dreifaches donnerndes Hurrah bewies, mit dem sie, beim Vorüberziehen vor uns Halt machend, den Vollender der Bahn und seine Gäste begrüßten. Uebrigcns war Portland mit mehr Geschmack und künstlerischem Sinn geschmückt und beleuchtet, als irgend eine der vorher von uns besuchten Städte, und es schien das wiederum ein Anzeichen davon zu sein, daß der Sinn für Schönheit und Reiz der äußern Form im Westen günstigere Vorbedingungen vor sich hat, als in dem ganz von nur englischem Wesen beherrschten 687 Osten. Die Flaggen, mit denen die Straßen geschmückt waren, trugen in naiver Weis in riesigen Buchstaben den Namen je eines der eingeladenen Gäste, und mancher der lehtern, dessen Licht in Europa zur Zeit nach unter dein Scheffel steht, sah mit Erstaunen und Befriedigung, zu welch' berühmtem Manne er an der Westküste America's geworden war. Vor allen Dingen aber fehlte es auch in Portland an dem großen Nedeturniere nicht, in dem alle großen Leute der Gesellschaft vor dem Publicnm eine Lanze brechen mußten. Man bewundert bei solcher Gelegenheit immer wieder in gleichem Maße die Gewandtheit und den guten Humor der Redner wie die Theilnahme und den offenen Sinn des Publicnms, das gewohnt ist, Tag für Tag öffentlichen Dingen seine Aufmerksamkeit Zu widmen. Das in einer riesigen Halle abgehaltene Nedcfcst wurde durch einen Chorgesang kleiner Mädchen und Knaben eingeleitet, die sehr sinnig in eine in die Farben des Firmaments gesetzte Nische grnppirt waren, wo die schwarzgekleideten Knaben im Hintergrund die iu verschiedene lichte Farben gekleidete Mädchenschaar wirksam hervorhoben, also daß man einen Chor seliger Geister zu sehen glaubte. In Portland's dunkeln Wäldern Bären und Elche zu schießen, hatten wir keine Zeit, Portland's schönen Damen den Hof zu machen, erlaubten uns Verhältnisse, Berufspflichten und znm Theil auch der eigene Charakter nicht. Wenn es somit dennoch einmal galt, in den zlvei Tagen unseres dortigen Aufenthalts einige Zeit nützlich todtzuschlagen, so bot sich dazu eine Gelegenheit ganz neuer Art in dem Besuche des chinesischen Viertels dar. Die Söhne des Reiches der Mitte haben sich in allen Küsten- städtcn des Westens eine Art von Klein-China eingerichtet und wohnen in Portland wie in Victoria am Puget-Sund und anderwärts meist für sich in besondern Stadtbezirken. Paläste, Villen, Gärten, Kirchen gibt es hier nicht. Gleich Muscheln, die sich dicht an Felsen oder Pfähle angesetzt haben, drängen hier kleine graue Bretterhütten mit seltsam verschrobenen und verzwickten Eingängen sich labyrinthisch aneinander. Keine Regung des Schönhcitsgefühls gibt den engen Verkaufsbuden, Barbicrstuben, Werkstätten irgend welche Zier; Armuth oder graues Nützlichkeitsprincip wehren allem, was nicht der nackten Nothdurft dient. Und um diese Wespenzclleu summen dicke, kleine, langgczopfte Kerle, ohne Bedürfnisse, ohne Weiber und ohne Humor, Tag und Nacht sich plackend und zusammenscharrend in Fabriken, in Küchen, als Holzhacker und Wäscherinnen, als Hausknechte und als Mädchen für alles. Ihre Sparpfennige schicken sie nach Hause zurück, gleich wie ihre Gebeine, wenn sie todt sind, und Raub mag es ihnen sogar scheinen, daß sie das Land, das sie nährt, düngen müssen. In Portland wohnen an 6000 dieser hinterasiatischen Brüdcr, nicht weniger als ein Viertel der ganzen Bevölkerung. Unbekannt mit der Sprache und den Gebräuchen dieser Zopfmänner, konnte ich ihnen bei der Besichtigung ihres Viertels nicht viel mehr als Aeußerlichkeiten abgucken, die nur znm größten Theil unverständlich blieben. Wir wurden zu einer Extravorstellung im chinesischen Theater geladen, wo der Lärm von Cymbeln, Castagnetten und sonstigen Marterwerkzeugen ganz ohrenzerrcißend war und ohne Unterlaß und Unterschied alle Reden und Pantomimen begleitete. Der Dialog wurde nicht gesprochen, sondern in der Fistel gekreischt, und sämmtliche Darsteller, auch die der Weiberrollen, waren männlichen Geschlechts, ein von den wenigsten meiner Genossen bemerkter Umstand, der einige in aller Heimlichkeit angebandelte Herzensgcschichtcn in grausamer Weise abschnitt. Den Vorwnrf der Aufführung bildete einer jener geschichtlichen Vorfälle aus älterer chinesischer Zeit, deren Darstellung oft mehrere Monate lang währt. Von der Darstellungswcise unserer Bühne ist die der chinesischen himmelweit verschieden; Vorhang und Coulissen haben sie nicht, und der Dialog wird durch Gesänge, durch mimische und gymnastische Einschiebsel iu mannigfacher Art unterbrochen. Uebrigens war die Pracht der mit farbiger Seide und goldgestickten Costüme selbst bei dieser armen Truppe fabelhaft. Im Ganzen fühle ich mich durchaus mit der americanischen Gesetzgebung darin einverstanden, daß man dieser chinesischen Einwanderung nach Kräften wehren soll. Wo es einen Kampf 688 mit gleichen Waffen gilt, da mag allgemeine Duldsamkeit das wirthschaftliche Gedeihen der Völker am meisten fördern. Aber hier handelt es sich um einen Wettbewerb mit Wesen von durchaus verschiedener körperlicher und geistiger Beschaffenheit und Hervor- briugungsfähigkeit. Wespen gehören, meiner Ansicht nach, nicht in einen Bienenkorb, denn die Bienen sind nebenbei Pveten, Architekten und Musiker, die Wespen aber nicht. Und so würde ich die Chinesen nicht eher zum freien Mitbewerb mit Weißen zulassen, als bis sie einen Kölner Don: gebaut, eine Shakespeare'sche Tragödie geschrieben und eine fünfte Sinfonie componirt hätten. Und damit könnte der Chronist dieses langen Zuges seine Feder in Ruhe setzen. In Portland ging die Reisegesellschaft in drei Stücke auseinander; ein Theil schlug sich seitwärts nach S. Francisco, eine andere Abtheilung blieb bei Herrn Billard zur raschen Rückfahrt nach New-Iork, und Schreiber dieses hielt sich zu einigen Dutzend americanischer Kollegen, um sich Land und Leute im Westen und längs der neuen Bahnlinie genauer anzusehen, ganz ungestört und ohne jegliche Führung und Beeinflussung. Die alte, durch Gewohnheit und gemeinsame Abenteuer eng zusammengewachsene Gesellschaft aber war zuletzt zusammen auf einer Fahrt den Columbiafluß hinunter zum Thore, das sich bei Cap Disappointment zum Stillen Ocean hin öffnet. Von dortigen Landslcuten freundlich empfangen, von einer riesigen, im Hintergründe einer Bierwirthschaft aufgebauten Schwarzwälder Orgel mit deutschen Klängen begrüßt, verbrachte die Gesellschaft den letzten Lag in gleich fröhlicher wie belehrender Unterhaltung, und° als am Abend der Dampfer mit dem mächtigen Rad am Hinterthcile ruft uns stromaufwärts rauschte, sank die Sonne genau in der Mittelachse der Flußmündung unter den Ocean und wandelte das Wasser in flüssiges Gold und die Nebel der Luft in rothe Sprühfeuer, ein großartiger, herz- befaugender Abschiedskuß der neu dem Völkervcrkehr gewonnenen Gewässer. M i s e e l l e n. (Das böse Beispiel.) In einer Gesellschaft wurde die Frage diskutirt, ob gutes oder böses Beispiel, ob Ermunterungs- oder Abschrecknngsthcorie bei der Erziehung größeren Erfolg verspreche. Eine sehr lebhafte junge Frau stimmte mit allem Nachdruck für das böse Beispiel und rief: „Alle guten Eigenschaften, die ich habe, verdanke ich nur dem Widerwillen, den mir die Fehler und üblen Gewohnheiten meiner Umgebung eingeflößt haben. Ihr Gatte, eine etwas malitiöse Natur, bemerkte hierzu: „Dann mußt Du unter Engeln aufgewachsen sein." (Washington's einziger Witz.) Der Vater des Vaterlandes war ein sehr ernster Mann, der in seinem Leben nur einen einzigen Witz gemacht haben soll. Während der Debatte nämlich im Kontinentalkongreß über die Frage der Errichtung einer Bnndes- armee, reichte ein Mitglied den Antrag ein, daß die Armee nie mehr als 3000 Mann stark sein dürfte. Daraufhin beantragte Washington, mau möge beschließen, daß keine feindliche Armee über 2000 Mann das Land betreten dürfe. Das Gelächter, welches sich darob erhob, erstickte den ersten Antrag. (Der ökonomische Johann.) „Was soll denn das bedeuten, Johann," donnert es aus der Thür, „bei dem abscheulichen Regcuwetter meine ältesten und ganz durchlöcherten Stieseln!" — „Ja, ich dachte, gnäd'gcr Herr, die guten seien für das schlechter Wetter zu schade!" (Ein kleiner Unterschied.) Wer eine glückliche Ehe führt, der hat geheirathet; wer eine unglückliche Ehe führt, der hat sich verheirathct. Auslösung des Räthsels in Nr. 85: „Einband." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler-