UnterkaktungMutt »« „Äugsbnrger Postzeitung." Nr« 87. Mittwoch, 31. Oktober 1883, Allerheiligen und Allerseelen. Lursum Ooräa! Hebt die Herzen, Christen, heut' zum Himmel auf! Seht die Tausende von Brudern, Die vollbracht den Siegeslauf, Wie im weißen Lichtgewande, Rein gemacht in Christi Blut, Sie auf Himmelsblumen wallend, Singen Preis dem höchsten Gut. Seht die diamant'nen Kronen Schmücken ihr verklärtes Haupt, Und die Palmen, die sich neigen Dem, an den sie fest geglaubt. Ihrer Seele Wonuclieder Schallen voll im Himmelsraum, Denn vorüber sind die Leiden Und der Erde bitt'rer Traum. Selig ihr, ihr Freunde Gottes, Die erkämpft den höchsten Lohn, Leget eurer Liebe Bitten Auch für uns an Gottes Thron. Ach, ihr kennt der Sünde Stachel, Kennt das schwache Meuschenherz, Und habt siegend euch erschwungen Aus dein Staube himmelwärts. Strecket liebreich uns entgegen Eure treue Bruderhand, Unser Lcbensschiff lenkt vorwärts, Hin zu Sions hcil'genr Strand; Daß auch wir mit euch einst singen „Halleluja" selig dort, Wo als clv'ger König herrschet Er, das Fleisch geword'ne Wort. Aber hört auch jene Klänge, Die aus sehnsuchtsschwerer Brust Klagend aus der Tiefe dringen Fern dem Orte sel'gcr Lust. Hört der Seelen Trauerlicder, Die verbannt vom höchsten Gut Seufzend bitten um Erlösung Aus der heißen Sehnsuchtsglut. Tretet hin zum Thron des Höchsten, Er, der seine Heil'gen ehrt, Gern auf ihrer Liebe Flehen Den Verbannten Trost gewährt. Habt ja auf der armen Erde Oft gehemmt der Thränen Lauf. O, so schließt den armen Seelen Liebend bald den Himmel auf! I. K. Der OMlrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. ' (Fortsetzung.) »Noch ein's wird Dich interessiren, Bertha", sagte Mrs. Dalton, ihrer Gewohnheit gemäß den Hut abwerfend, sobald sie das Wohnzimmer erreichten; Lena nahm ihn und trug ihn mit ihren eigenen Sachen hinauf. „Nachdem wir den Juwelier verlassen, fuhren wir, da das Wetter so herrlich war, in den Park. Ich zog es vor, zu Fuß zu gehen; deshalb verließen wir den Wagen und machten einen Spaziergang an dem Wasser entlang. Und wen glaubst Du wohl, daß wir dort in einiger Entfernung erblickten? St. Lawrence. Ich machte Mr. Fauconrt auf ihn aufmerksam, indem sie sagte: 690 „Dort ist auch Mr. St. Lawrence, der geschickte junge Künstler, von welchem wir Ihnen erzählten." Noch nie in Deinem Leben hast Du Jemand so zusammen schrecken sehen, als Mr. Fauconrt, in diesem Augenblicke. Er wurde leichenblaß und zog Lena, welche sich aus seinen Arm lehnte, förmlich rauh zur Seite. Ich glaubte zuerst, er habe aus einen Stein getreten und sich am Fuße erheblich verletzt. Dann sah ich, wie er sich scheu umblickte und St. Lawrence mit den Augen folgte. Dieser ging langsam in Gedanken verloren einher, ohne uns zu bemerken. Ich frug Mr. Fauconrt, ob er ihn schon früher gesehen. Er bejahte es; vor mehreren Jahren habe er ihn unter einem anderen Namen gekannt, und deshalb rieth er mir an, nur ja vorsichtig ihm gegenüber zu sein, auch hofft er sehr, daß dieser Mensch nicht die Gewohnheit besitze, uns zu besuchen, da es ihm widerwärtig sein würde, mit ihm zusammen zu treffen. Es thut mir leid,", fuhr Mrs. Dalton fort, „denn ich mochte St. Lawrence sehr gut leiden, aber wie Du siehst, weiß Fauconrt etwas sehr Gravirendes gegen ihn, und wo es sich nun herausstellt, daß er eine so zweifelhafte Persönlichkeit ist, kann ich ihn doch unmöglich noch ferner hier empfangen." „Ich glaube kein Wort davon, Mama!" rief Bertha entrüstet ans. „Noch nie bemerkten wir das Geringste an Mr. St. Lawrence, welches einen solchen Gedanken rechtfertigen könnte, im Gegentheil; und dann ich bitte Dich, tvas wissen wir denn eigentlich über Mr. Fancourt?" „Kind!" stieß Mrs. Dalton entsetzt über Bertha's kühne Sprache, hervor. „Natürlich wissen wir, wer er ist, das meine ich nicht", fuhr diese fort. Aber erst seit einigen Monaten wurde er als Enkel Lord Alphington's anerkannt. Und was war er früher? Welches Leben hat er geführt? Mir macht es immer den Eindruck, als ob er es nicht allzusehr liebe, über diesen Punkt zu sprechen." „Du setzest mich in Erstaunen, Bertha", erwiderte ärgerlich Mrs. Dalton, einen Fächer zur Hand nehmend, um ihren Unwillen abzukühlen. „Es ist uns bekannt, wer Mr. Fauconrt jetzt ist; sein früheres Leben geht uns nichts an. Ich begreife nicht, wie Du so rücksichtslos sein kannst, darauf anzuspielen; wäre er nicht der Enkel Lord Alphington's, so stände seine Heirath mit Lena außer aller Frage. Mr. St. Lawrence besitzt gar keine gesicherte Stellung, das ist etwas ganz anders. Man sollte wirklich glauben, Dir fehle es zuweilen an der nöthigen Vernunft. Du mußt doch einsehen, daß ich seine Besuche hier nicht länger dulden darf, da Mr. Fancourt ihm nicht zu begegnen wünscht." „Mr. St. Lawrence wird Dich wahrscheinlich nicht länger belästigen, Mama", sagte Bertha mit einem leisen Ansinge von Bitterkeit. „Er ist ja schon seit drei Wochen nicht mehr hier gewesen." „Gewiß befürchtet er, Mr. Fauconrt hier zu treffen und durch ihn bloßgestellt zu werden. So wird es sein, Bertha, das ist ja sonnenklar. Ich muß daraus bestehen, daß Du ihn, wenn Du ihm zufällig begegnen solltest, sehr kühl behandelst; ich meines- theils werde ihm bei der nächsten Gelegenheit zu verstehen geben, wie wenig wir seine ferneren Besuche wünschen." „Mama, das kann ich Dir nicht versprechen", sagte Bertha peinlich erröthend. „Es ist mir nicht möglich, etwas böses von ihm zu denken. Mr. Douglas weiß Näheres darüber." „Nun, mein Kind, ich finde es ganz vernünftig von Dir, die Ansichten von Mr. Douglas zu schätzen", gab die vorsichtige Mutter zur Antwort, „und wenn Ihr später Eure eigene Häuslichkeit besitzet, so mögt Ihr meinetwegen einladen, wen Ihr wollt. Weißt Du, was ich mir schon gedacht hatte? Daß es ganz hübsch wäre, wenn Mr. Douglas mir Joy Collage abkaufte", fuhr sie ganz aufgeheitert fort. „Ich habe ohnehin vor, mir in der Nähe von Lena's neuer Hcimath, Magnus Square, einige Zimmer zu miethen. Das Einkommen von Mr. Douglas ist so sehr bedeutend nicht, und deshalb wäre es unklug von ihm, sich gleich von vornherein in so große Ausgaben zu stürzen; dieses Haus wäre recht passend." „Ich glaube nicht, daß Mr. Douglas sich überhaupt nach einem Hause umsieht", cntgcgnetc Bertha verlegen, „da er im Begriffe steht, auf längere Zeit zn verreisen." „Zu verreisen? Ohne Dir einen Antrag gemacht zu haben!" rief Mrs. Dalton mit vor Acrger geröthetem Antlitze aus. „Ju meinem Leben habe ich nichts so unehrenhaftes gehört; er machte Dir ja auffallend den Hof. Jedoch fürchte ich, es ist Deine eigene Schuld, Bertha, Du hast Deine Schlingen schlecht gestellt." „Es fiel mir nicht ein, Schlingen zu stellen", antwortete Bertha empört. Sie wollte ihrer Mutter den Antrag, welchen Douglas ihr gemacht, sowie dessen Warnung in Bezug auf Faucourt verschweigen; letztere wäre auch ganz nutzlos gewesen. „Er darf so nicht weggehen, entschied Mrs. Dalton, nachdem sie sich in Gedanken die Sache zurccht gelegt hatte. „Ich werde ihm schreiben und ihn zum Diner einladen." „Bitte, thue das nicht, Mama", bat Bertha. Mr. Douglas und ich verstehen einander vollständig, mache Dir deshalb keine Sorgen. Wir werden nie mehr als gute Freunde sein." Wurde wohl je eine Mutter so behandelt wie ich", klagte Mrs. Dalton, ihr Battisttuch an die Augen drückend. „Da habe ich nun Tag und Nacht Pläne entworfen, ivie Ihr Euch am Behaglichsten einrichten könntet, und nun redest Du von bloßer Freundschaft. Soll mau da nicht böse werden. Ich bin überzeugt, daß es nur eine kleine Ermuthigung Deinerseits bedurft hätte, ihn zum Sprechen zu veranlassen. Und was könntest Du auch Besseres erwarten? Es ist nicht anzunehmen, daß Du gleich Deiner Schwester eine glasende Partie machen wirst, und Unterricht darfst Du unserer neuen Verwandten wegen nicht mehr ertheilen. Ich weiß in der That nicht, was ich mit Dir anfangen soll, und alles hätte sich so glücklich gestalten können!" Sie brach in Thränen aus; es war ihr schrecklich, den einen Theil ihres Planes gescheitert zu sehen. Bertha stand blaß und schweigend neben ihrer Mutter, sie kam sich fast schuldig vor, war aber fest entschlossen, nicht nachzugeben. „Acngstlge Dich nicht meiner Zukunft wegen", sagte sie endlich; „ich bedaure, nicht Deinen Wünschen gemäß handeln zu können, aber Dir zur Last fallen werde ich dennoch nicht. Sir Stephan und Lady Laugley boten mir, als wir im Frühjahre dort waren, au, als Tochter bei ihnen zn bleiben; damals lehnte ich das freundliche Anerbieten ab, weil ich glaubte, Dir unentbehrlich zn sein. Ich weiß, sie wünschen es noch immer. Sir Stephan sagte mir, er werde im Herbste mit Dir darüber sprechen." Mrs. Dalton putzte die Augen ab — ihre Stirne erheiterte sich. „Mir wäre es lieber gewesen, Dich jetzt schon in Deiner eigenen Häuslichkeit zu sehe», aber Sir Stephan und Lady Langley bewegen sich in den feinsten Gesellschaftskreisen, vielleicht bietet sich Dir dort eine günstige Gelegenheit; nur mußt Du Deine lächerlichen romantischen Ideen bei Seite lassen." Bertha gab keine Antwort, sie war froh, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Um ferneren Erörterungen vorzubeugen, lenkte sie, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf die Arbeiten, welche sie im Laufe des Nachmittags für Lena gemacht, und Airs. Dalton, in ihr Liebliugsthema, Lena's Trousfeau vertieft, vergaß für den Augenblick Mr. Douglas und ihre Enttäuschung, sowie St. Lawrence und den, in Bezug auf ihn gefaßten Vorsatz. Einundzwanzig st es Capitel. Der junge Landschaftsmaler saß an seiner Staffele!, aber obgleich er anhaltender als in den Sommermonaten zn arbeiten pflegte, war der „amerikanische Urwald" doch nicht wesentlich borangeschritten. Von Zeit zu Zeit verfiel St. Lawrence, den Pinsel in der Hand haltend, in tiefes Sinnen; dann ermannte er sich plötzlich wieder und malte emsig weiter. Doch gefiel ihm in der Regel seine Arbeit nicht und so putzte er mit 692 einer gewissen Verachtung der eigenen Unfruchtbarkeit sehr oft das, was er des Morgens gemalt hatte, wieder weg. „Es taugt nichts; mein Talent scheint mich im Stiche zu lassen", sagte er zu sich selbst, nachdem er vergeblich versucht, einen Theil des Vordergrundes zu seiner Zufriedenheit hervorzubringen. Ich muß fort von hier, ich muß aus der ganzen Geschichte heraus. Wenn etwas entdeckt worden ist, so werde ich es erfahren. Und was liegt mir überhaupt auch jetzt daran. Thor, der ich war; in ihrer Nähe zu verweilen, da ich doch wußte, daß Douglas sie liebe! O Bertha, meine Liebe, mein Alles! Keine Andere auf der ganzen Welt kann je Deine Stelle in meinem Herzen ersetzen. — Werde ich es ertragen können, wenn Deine süßen Augen mit liebendem Blicke auf einem Anderen ruhen, Deine theure Stimme einen Anderen mit dem Worte „Gatte" bezeichnet? O, ich war ein Narr! Ich vertraute meiner Kraft und wie schwach habe ich mich erwiesen. Welche öde Wüste wird mir die Welt ohne sie sein doch darf ich sie nie mehr wiedersehen!" Mit lautem Aechzen legte er seinen Arm um die Lehne des Stuhles und stützte den Kopf darauf. Er war nicht eine von jenen Naturen, deren Liebe einer Blume zu vergleichen ist, welche am Morgen blüht und in der darauf folgenden Nacht wieder verwelket; die seinige hatte mit Achtung und Theilnahme begonnen und ehe er sich dessen selbst bewußt, sein ganzes Herz in Besitz genommen. Nie, keinen einzigen Augenblick war es ihm eingefallen, als Nebenbuhler seines Freundes aufzutreten. Eher Hütte er sich das Herz aus dem Busen reisen lassen, als daß er zum Verräther an Douglas, der ihn in sein Vertrauen gezogen, geworden wäre, indem er nach dem Preis gestrebt, welchen dieser zu erringen hoffte. Als er vor einiger Zeit verlassen und trostlos in London ankam, da hatte Douglas seinem Worte geglaubt und ihm seine Freundschaft geschenkt. Er mochte leiden — tief und schmerzlich leiden, dennoch sollte keine unehrenhafte Aeußerung oder That ihn je erniedrigen. Nachdem er geraume Zeit so gesessen, erhob er sich und legte Palette und Pinsel weg. „Ich will mir ein Pferd miethen und versuchen, ob ein Spazierritt diese vergeblichen Wünsche und Sorgen zu verbannen mag. Eben hatte er seinen Rock gewechselt, als angeklopft wurde. Douglas trat in's Zimmer, warf seinen Hnt auf den Tisch und ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, in den nächsten Sessel fallen. Er sah blaß und müde aus, als habe er die Nacht durchwacht. „Sinn, Douglas, alter Junge, was fehlt Dir?" frug St. Lawrence, die Niedergeschlagenheit des Freundes bemerkend. „Was mir fehlt! O weiter nichts, als daß ich ein Thor gewesen bin." „Wie so, was hast Du angefangen?" „Ich bin ein vollständiger Schwachkopf gewesen! Wie konnte ich mir nur einbilden, daß Bertha einem solchen wie mich lieben könne. Gestern wagte ich die verhängnisvolle Frage und erhielt einen sehr artigen — der Himmel segne sie — aber ganz entschie- derren Korb. Nun weißt Du, was mir fehlt; ich reise nach Rom oder auf die Spitze des Montblanc oder über die „dunkelblauen Gewässer" oder sonst wohin, bis ich als geheilter Mensch zurückkehren kann." „Sie wies Deinen Antrag zurück?" rief St. Lawrence, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. Daß die Bewerbung seines Freundes einen solchen Ausgang haben könne, war ihm nie in den Sinn gekommen. Ein Strahl der reinsten Freude durchströmte plötzlich sein Herz. Jetzt war die Wolke, welche sein Leben verfinsterte, auf einmal von ihm gewichen. Und doch hätte er sich des inneren Jubels wegen zürnen mögen. „War es auch wirklich Ihr völliger Ernst, Douglas", frug er, sobald er über seine Stimme gebieten konnte. „Ja, nur zu sehr; sie ließ mir nicht den leisesten Zweifel 693 in diesem Punkte. Es ist mir etwas Ungewöhnliches, die Nacht schlaflos zuzubringen", begann er nach einer Pause, während welcher beide sich in einem wahren Tumult von Gefühlen befanden, „aber ich habe kaum ein Auge geschlossen, und wie ich so da lag und nachgrübelte, ist mir, wie ich glaube, ein Licht aufgegangen. Mir kam nämlich die Idee, — Du mußt aber nicht glauben, als ob sie etwas Derartiges gesagt habe — daß, wenn Du dieselbe Frage gestellt hättest, die Antwort verschieden gelautet haben würde." „Ich, Du träumst wohl, Freund!" rief St. Lawrence erstaunt aus, während sich eine stammende Nöthe über sein Antlitz verbreitete und das heftige Pochen des .Herzens ihm fast Schmerzen verursachte. Als Douglas am vorhergehenden Abende Bcrtha Dalton verließ, ahnte er, wie sie auch befürchtet hatte, ihr Geheimniß und der hochherzige Entschluß, diese Beiden, welche er so innig verehrte, zusammen zu führen, erwachte in ihm. Allerdings bereitete ihm das Scheitern seiner schönsten Hoffnungen tiefen Kummer und ebenso kostete es ihn große Anstrengung, die bitteren Qualen der Eifersucht zn überwinden, aber sein edleres Gefühl trug den Sieg davon. Hatte er nicht Bertha versprochen, daß er ihr, da sie ihn nicht als Gatte wünschte, ein treuer Bruder sein wolle? Und wenn St. Lawrence und Bertha sich gegenseitig liebten, so stand es ja doch nicht in seiner Macht, sie zu trennen, selbst wenn er den Willen hierzu gehabt hätte. Deshalb zog er es vor, lieber helfend als hindernd aufzutreten und sich so eine bleibende Stelle in ihrem Herzen zu sicheren. Nachdem er sich mit diesen aufregenden Gedanken die ganze Nacht hindurch abgequält hatte, eilte er, um nicht wankend in seinem Vorsätze zu werden, schon in aller Frühe zn dem Freunde hin. „Nein, ich träumte nicht", cntgegncte er auf die Frage desselben, „und tvill Dir reinen Wein einschenken. Mir scheint, daß ich mich, wenn wir mit Bertha zusammen waren, in einem außerordentlichen Irrthume befand, indem ich mir schmeichelte, meine Gegenwart rufe ihr liebliches Erröthcn und den strahlenden Blick des Auges hervor. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich täuschte. Nun vielleicht hast Du Recht und ich tauge nicht zu einem Ehemann, aber wenn Bertha mich gewollt hätte, so würde ich, der Himmel ist mein Zeuge, versucht haben, sie glücklich zu machen. Schluchzend legte er den Kopf auf seine verschlungenen Arme nieder. „Niemand ist fester davon überzeugt, als ich, mein lieber Junge, und ich kann mir gut vorstellen, was es Dich gekostet haben muß, in dieser Weise mit mir zn sprechen. Laß uns nicht weiter darüber reden, es sei denn, daß es Dir Erleichterung verschafft. Ich war in einer verzweifelt trügen Stimmung heute und wollte deshalb einen Spazierritt machen. Komm, begleite mich; gehe nicht nach Hanse, Deinen trüben Gedanken nachhängen." „Es wird sich nicht der Mühe lohnend erwiderte Douglas den Kopf erhebend. „Nein, so mußt Du nicht sprechen. Komin mit, mir zu Liebe, wenn Du es nicht Deiner selbst wegen thun willst." „Wohlan denn", entgegnete Douglas, sich langsam erhebend, „ich kann Dich auch begleiten, mir ist Alles einerlei. Zürn Kuckuck mit der ganzen Geschichte; sie hat mir einen gehörigen Stoß versetzt, so bald werde ich ihn nicht verschmerzen." St. Lawrence legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte: „Da hast Du Recht; wenn ich mich in Deine Lage denke, ich glaube ich würde es nie überwinden; aber Du besitzest mehr Elasticität in Deinem Charakter, Douglas, für Dich habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben." „Was wohl so viel heißen soll, als, ich sei ein mehr oberflächlicher Sterblicher", entgegnete Douglas mit dem Ausluge eines Lächelns. „Leider muß ich annehmen, daß auch sie so denkt." (Fortsetzung folgt.) - .s 694 Ein Besuch bei nordanrerikattischen Jesuiten. Der liberalen Münchener „Allg. Ztg." wird in einem Reiscbricfe über die Eröffnung der Northern Pacific-Eisenbahn aus der St. Jgnatins-Mission (Montana) 20. September u. a. geschrieben: „Ein herrlicher Hcrbstmorgen brach an über Feld und Wiesen, als die Professoren Zittel nnd Bryce, Dr. v. Schmiß, Herr von Bunscn, Senator Grocning, Gesandter von Eisendecher, Geheimer Rath Hofmann, Sir James Hanncn, Karl Schurz und Lieutenant Pertz auf einem großeil vierspännigen Wagen Platz nahmen, um nach dem 8—10 engl. Meilen entfernten Berg Mac Donald zu fahren, den sie zuerst zu Pferde, dann zu Fuß zu erklimmen beabsichtigten. Wir gaben ihnen zu Pferde das Geleite, bis die eigentliche Kletter- nnd Rutschpartie anfing, winkten dann unseren Freunden ein fröhliches Lebewohl zu nnd ritten nun, eine kleine Gesellschaft, nach der iin Mittelpunkte der Reservation gelegenen St. Lgnatius-Missiou, wo uns die frommen Jesnitenväter freundlich empfingen und gastlich aufnahmen. Im Vater-Superior, van Gorp, einem Belgier von Geburt, der schon seit 17 Jahren auf dieser im Jahre 1856 gegründeten Mission thätig wirkt, fanden wir einen Weltmann im vollsteil Sinne des Wortes, der es versteht, den Umständen Rechnung zu tragen. Er führte uns sofort in das MissionSkirchlein, und als er sah, daß wir beim Einkitte uns nicht mit Weihwasser besprengten, auch vor dem Altar, über dem ein großes Bild des heiligen Jgnatius hing, uns nicht bekreuzten, sondern nur durch eine Verbeugung unsere Ehrfurcht bezeigten, wußte er, was er mit scharfem Auge schon vorher erkannt hatte, daß wir Protestanten seien, und vermied mit richtigem Tacte jedes Thema, welches Veranlassung zu unliebsamen Discusionen hätte bieten können. Ein Besuch der Knabenschule, in der 50 junge Indianer in der englischen und Flathead-Sprachc, im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet wurden, war für uns vom allergrößten Interesse, und lieferte den Beweis, daß hier nicht von einer mechanischen Ablichtung die Rede war, man sich vielmehr aufrichtig bemühte, das Samenkorn des Wissens in fruchtbaren Boden zu streuen. Sämmtliche Knaben lasen gut, wenn auch mit etwas fremdartig singendem, ich möchte sagen, italienischem Accent und entwickelten besonders im Rechnen eine stauuens- werthe Fertigkeit, wobei sich allerdings die Mischlinge vor allen anderen auszeichneten. Demnächst begaben wir uns zum Essen, bei dem die beiden andern Priester, zwei Brüder Bandini, erschienen, die nnr ein furchtbares Englisch radebrechtcn, während der Vater-Superior vorzüglich deutsch, englisch und französisch sprach. Nach einem kurzen Gebete, bei dein die frommen Bäter sich bekreuzigten, wir nur die Hände falteten, wurde das Essen aufgetragen: eine Reissuppe, so dick, daß der Löffel darin stecken blieb, vorzügliches Roastbeef mit verschiedenen Gemüsen, Dessert und Thee. Die Küche und Haushaltung wird von vier Laienbrüdern besorgt, von denen zwei Deutsche sind und einer, Bruder Joseph aus Paderborn in Westfalen, schon 42 Jahre unter den „Flachköpfcn" wohnt. Während er uns nach dem Essen im Garten nmherführte, dessen Sorge ihm speciell übertragen ist, und uns mit großem Stolze die festen Kohlköpfe, den herrlichsten Blumenkohl und hoch aufgeschossenen Mais zeigte, erzählte er uns von seinen Freunden, den Indianern. Vor langen, langen Jahren hätten sie die Gewohnheit gehabt, ihren Kindern die Köpfe oben stach einzudrücken, seien aber von diesem barbarischen Gebrauche längst zurückgekommen, so daß sie ihren Namen jetzt nur mit Unrecht führten. Sie seien sanft, freundlich und harmlos und dachten nie daran, Streit mit den Weißen anzufangen. Jeder Knabe lerne jetzt auf der Mission ein Handwerk, sei es als Zimmermann, Schmied oder Müller, daneben unterrichte man alle im Gebrauche des Pfluges und bestrebe sich, sie vom Herumwandcrn zu heilen nnd zu Ackerbauern zu machen. Letzteres sei besonders schwierig, da der Boden künstlicher Bewässerung bedürfe, aber das von den Jesniten- vätern gesetzte Beispiel finde doch immer mehr Nachahmung, und mit der Zeit werde das ganze Indianer-Gebiet eines der schönsten in der Union sein. 695 In der That hatte man die Bergwasser bestens benutzt, um eine Oase in der Wüste zu schassen. Der Bach, welcher die Mission durchschneidet, setzte mehrere Mühlräder iil Bewegung, die zu einer Mahl-, Hobel- und Sägemühle gehören, und wurde sogar dienstbar gemacht, um das Geschäft des Butterns zu »errichten und die Wäsche zu besorgen. Diese praktische Art, sich die Naturkräste dienstbar zu machen, hat ihren Eindruck auf das Gemüth der Indianer nicht verfehlt und den Jesuiten das Werk der Erziehung bedeutend erleichtert. Am Nachmittage besuchten wir die von 45 Indianerinnen frequcntirte Mädchenschule, an der sieben Schwestern vom Orden der heiligeil Vorsehung, meistens Cana- dierinncn, Unterricht ertheilten, und die hier erzielten Resultate waren noch befriedigender, als bei den Knaben. Auch hier zeichneten sich die Mischlinge wieder vor den reinen Indianerinnen aus. Als wir dem Vater-Superior mittheilten, daß Karl Schurz in unserer Gesellschaft am Morgen durch die Mission gekommen sei, bedauerte er es lebhaft, daß Schurz nicht mit uns gekommen sei, damit er hier sehe, welche Früchte seine Bemühungen für die Civilisirung des Indianers getragen haben. Karl Schurz hat es als Minister Innern durchgesetzt, daß man den Vätern Jesu 6000 Dollars im Jahre (d. h. 1^0 Dollars pro Kind bis zur Zahl von 60) zu Schulzwecken unter den Flathead's bewillige, und sicherlich hat der Kongreß niemals eine bessere Geldbewilligung gemacht. Gegen Abend ritten wir nach dem Zuge Zurück, an mancher Indianer-Farm vorbei, auf der solide Blockhäuser die Stelle des (Wigwams) vertraten und die Felder wohl eingezäunt waren. Alle Indianer, denen wir begegneten, grüßten freundlich, gaben sich auch Mühe, uns Rede und Antwort zu stehen und machten einen guten Eindruck. Besonders amüsirte uns eine Familie, aus Vater, Mutter und vier Kindern bestehend, auf vier Pferden. Der Vater und die beiden Acltcstcn hatten jeder ihr Pferd, die Mutter aber trug ihr vorletztes „Pagnse" auf dem Rücken, während das letzte, ein Würmchen von kaum drei Monaten, fest in einen Tragkorb eingeschnürt am Sattelkopfe hing. — So schieden wir voll den Indianern. Wir alle gestanden uns, oaß wir auf der Flathead Reservation ein schönes Werk echt christlicher Mission gesehen hätten, und hofften, daß die Bemühungen um die Civilisirung der Indianer, wie sie hier von den Jesuiten betrieben wird, vom schönsten Erfolg begleitet sein mögen." Himmelsschan im Monat November. —Mars F ist am 1. mit der Sonne in Quadratur und verweilt von 10 Uhr Nachts bis 2 Uhr Nachmittags über dem Horizont; gegen 6 Uhr Morgens kommt Mars in den Meridian, am 20. in die Nähe des Mondes. Jupiter sz geht auf zwischen 10 Uhr und 8 Uhr Abends und bewegt sich nach dem Sternbilde des Krebses. Am 19 steht Jupiter 6° nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 5., 7., 14., 21., 23., 30.; der zweite am 7., 14., 24.; der dritte am 2., 9., 16. Saturn H hat am 29. seine geringste Entfernung von der Erde, weil er an diesem Tage in Sonnenopposition tritt, und bleibt die ganze Nacht ain Himmel sichtbar. Am 2. früh 5 Uhr steht Saturn nur 3° südlich von « Rauri (Aldebaran); am 15. Abends 6 Uhr wird er vom Blonde bedeckt, ungefähr eine Stunde nach seinem Aufgange in NO. Vom 13. bis 17. findet ein Sternschuppenfall statt. (Martinistrom.) Merkur und Venus sind in diesem Monate unsichtbar. — 696 Miseellei«. * (Woher der Name „Blaustrumpf" kommt.) Lang', lang', ist's her — es war zu Ende des vorigen Jahrhunderts — als in England zuerst das jetzt so mißliebig gewordene Wort: „Blaustrumpf" auftauchte, und zwar in einer durchaus anderen Bedeutung, als die gegenwärtige, wenn der Ursprung freilich auch ein literarischer ist. Im Jahre 1781. veranstalteten mehrere englische Damen Abendgesellschaften, in denen nicht Karten gespielt, sondern durch Hinzuziehung geistreicher, litcrarisch gebildeter Männer ein anregender Kreis gebildet wurde. Besonders zeichnete sich dabei durch seine Unter- haltungsgabe ein Gelehrter aus, dessen Anwesenheit an diesen Abenden so nothwendig erschien, daß man sehr froh war, die blauen Kniestrümpfc, die er stets zu tragen pflegte, auftauchen zu sehen, während man in Folge dessen sein Ausbleiben mit den Worten bedauerte: „Wir können ohne die blauen Strumpfe Nichts anfangen!" — Diese Bemerkung führte zu dem Spitznamen: „Blaustrumpf-Klub" für die betreffende Gesellschaft, was einst Veranlassung gab, daß ein vornehmer Ausländer den Scherz für Ernst und die Benennung: „Blaustrumpf" für den rechten Namen der Gesellschaft hielt. — Von damals her ist dann die Bezeichnung „Blaustrumpf" für schöngeistige Bestrebungen, in Kraft geblieben, nur daß im Laufe der Zeit der ursprüngliche Sinn sich endlich ganz verwischte, um dem ominösen, carricirten zu weichen, namentlich wenn es gilt, über weibliche Schriftstcllerei den Stab zu brechen. — * (Leb er reime.) Die sogenannten „Leberreime" — diese bekannten zweizeiligen, deutschen Scherzgedichte — sollen ihren Ursprung iin Jahre 1750 durch Heinrich Schävius, Rector zu Thorn, gefunden haben, und waren früher bei Gastereien, namentlich nach Austragung des Hechtes, oft auch beim Kreisen des Pokals zum Gesuttdheitstrinken, sehr beliebt und gebräuchlich. Sie begannen: „Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem . . .", worauf der Name des Thieres folgt, auf welches der Reim gemacht werden muß. Jedes der Anwesenden mußte dann der Reihe nach einen Vers aus dem Stegreif in dieser Weise machen — zuweilen wurde auch statt des Hechts ein anderes Thier gesagt. Ein solcher alter „Lcberrcim" lautete z. B.: „Die Leber ist vom Hecht, und nicht von einer Gans; Die Magd heißt Ursula, der .Hausknecht aber Hauns!" (Das schweinerne Andenken.) Ein alter, schon pcnsionirtcr Postbote, wenn er bei seinem Landgange in einen Bauernhof kam, wo er ein geschlachtetes Schwein hängen sah, fing zn weinen und jammern an mit den Worten: „Mei liaber Herrgott, jetzt Hains mir dös Fackerl a umbracht und hab's so gern g'habt wia's no kloa war, geht, bitt' enk recht schö, gcbt's ma do no a Andenken davo'." (Der Gipfel des Geizes») Ein Redakteur in Arkansas erzählt von einem Manne, der so geizig ist, daß er durch die Nase spricht, um seine falschen Zähne zu schonen. (Vor der Parade.) .Hauptmann (einen Soldaten bemerkend, dem der zweite Knopf an seinem Waffenrocke fehlt): „Feldwebel, schreiben Sie den Mann auf! Kommt dieser verfluchte Kerl halbnackt auf die Parade!" Räthsel. Das Erste fliegt dahin geschwinder als ein Pfeil, Du hältst es nimmer auf, es kehrt zurück nicht mehr. Des Zweiten Griffe wirst du staunend bald erkennen, Betrachtest du bei Nacht der Sterne zahllos Heer; Das Ganze, sei's auch groß, vom ersten ist's ein Theil; Wenn du Geschichte lernst, hörst du gewiß es nennen. Nun rathe schnell, was ist's; die Antwort ist nicht schwer. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr-