Nr. 88. 1883 . »ur „Äugslmrger postzeituug." Samstag, 3. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Das habe ich nicht damit sagen wollen, Douglas, Du weißt, daß dies meine Ansicht nicht ist. Lieber Freund, wer kennte besser wie ich Dein warmes Herz. Hast Du nicht treu zu mir gehalten in guten wie in bösen Tagen? Ich bin kein gefühlloser Grobian, Douglas! „Ich glaubte und vertraute Dir, weil ich nicht anders konnte. Wenn wir gehen sollen, so komm; hier ist es zum Ersticken heiß. Was hast Du vor?" Wahrend sie die Treppe hinuntergingen, s^te ihm St. Lawrence seinen Plan auseinander; wir wollen den Zug bis Epsom benutzen, dort die Pferde zu miethen suchen, welche wir neulich hatten und dann einen tüchtigen Ritt landeinwärts machen. Wahrend die Thiere ausruhen, können wir irgendwo zu Mittag speisen, und gegen Abend kehren wir hierher zurück." „Der Henker hole das Mittagessen!" rief Douglas verächtlich aus. „Das war früher nicht Dein Grundsatz, alter Freund. Erinnerst Du Dich des Vages, wo wir zusammen im botanischen Garten waren und Du mich später mit zum Diner schlepptest, damals sagte auch ich: „Der Henker hole das Mittagessen", gerade wie Du jetzt." „Ah, das war an dem Tage, an welchen: wir Bertha antrafen und wo Du so entzückt von Lena warst!" „Weil mich die Außenseite blendete. Dieser Schwärn: war rasch verflogen." Douglas blickte den Freund forschend an; eine Frage schwebte auf seinen Lippen, doch besann er sich eines Besseren und schritt, einen Seufzer ausdrückend, schweigend weiter. Die belebten Straßen, sowie das Eisenbahn-Conpö eigneten sich nicht zu vertraulicher Unterhaltung; daher langten die jungen Leute zu Epson: an, ohne die Angelegenheit, welche sie beide so sehr beschäftigte, weiter erörtert zu haben. Die gewünschten Pferde standen zu ihrer Verfügung, und kurze Zeit nachher führte ihr Weg sie südwärts den lieblichen Hügeln von Surrey zu. Welch' angenehmen Gegensatz bildeten die schönen Bäume und üppigen Wiesen zu der Hitze und dem Staube Londons. Alles athmete Ruhe und Frieden hier. Die Reiter, von denen jeder seine Sorge mit sich trug, empfanden schon bald, welche wunderbare Heilkraft der freien Natur inne wohnt; sie fühlten sich erleichtert und neu gestärkt. In der Nähe eines Dorfes bemerkten sie ein hübsches, von einen: kleinen Garten umgebenes und von hohen Bäumen fast ganz verborgenes Landhaus. „Das ist ein reizendes Versteck!" rief St. Lawrence ganz entzückt aus. „Ich hätte nicht übel Lust, wenn das Schlimmste eintreffen sollte, mich in eine solche unmuthige Einsiedelei zu vergraben." 698 „Doch wohl nicht allein?" frug Douglas, in welchem sich von Neuem die Eifer- sucht zu regen begann. „O, das weiß ich nicht, darüber läßt sich jetzt noch nichts bestimmen", lautete die ausweichende Antwort, um dem Freunde den Kummer zu ersparen. Während St. Lawrence noch redete, traten zwei Personen aus dem Hause heraus und schritten über den Gartenpsad dem Thore zu, eine schöne brünette, auffallend gekleidete Frau und ein ziemlich kleiner Mann mit schwarzem Haare. Letzterer machte den Eindruck eines Bedienten ohne Livr«. „Bestellen Sie ihm, er möchte sofort hierher kommen", sagte die Frau in dem Augenblicke, als die Freunde im Schritt vorüberritten. Der kleine Mann antwortete bejahend, griff an seinen Hut und schlug dann die Richtung nach dem Stationsgebäude ein. Die Dame schritt langsam dem Hanse zu. St. Lawrence und Douglas blickten sich gegenseitig überrascht an. „War das eine Täuschung?" frug ersterer. „Auch ich war anfangs erstaunt, aber wir haben uns gewiß geirrt." „So würde auch ich denken, wenn ich nicht die Vermuthung hätte, diese Frau schon früher gesehen zu haben. Ihr Gesicht ruft mir unangenehme Jngenderinnerungen u's Gedächtniß zurück. Aber es muß ein Spiel der Phantasie sein, denn die Person, auf welche ich anspielte, ist jedenfalls Tausende von Meilen von hier entfernt. „Man kann heut zu Tage nie sagen, wo sich Jemand aufhält. In wie seltsamer Weise trifft man nicht öfters mit alten Bekannten zusammen." Nach kurzem Besinnen sagte St. Lawrence: „Es würde mich nicht allzu sehr in Erstaunen setzen." „Du sollst sehen, schon in nächster Zeit wenden sich die Dinge zu Deinem Vortheil. Ein prophetischer Geist scheint über mich gekommen zu sein", setzte Douglas mit seiner früheren Lebhaftigkeit hinzu. Dann prophezeihe uns doch auch ein Cotelette und ein gutes Glas Ale", scherzte St Lawrence. „In der -Nähe jenes Kirchthurmes befindet sich ein Wirthshaus, in welchem sich die Herren, welche hier in der Gegend anlangen, zu versammeln pflegen. Dort werden wir jedenfalls eine gute Bcwirthnng antreffen." Z w ei u n d z w a uz i g st c s Capitel. Die beabsichtigte Reise nach Larkspur mußte auf unbestimmte Zeit hinaus verschoben werden. Lord Alphington schickte einen sehr liebenswürdigen Brief, worin er seiner Freude, Miß Dalton als Angehörige begrüßen zu können, Ausdruck gab und gleichzeitig die Absicht anssprach, sie so bald als möglich persönlich aufsuchen, zu wollen. Auch Sir Stephan und Lady Langley hatten sehr freundlich geschrieben, doch vermied letztere es so viel als thnnlich zu gratuliern, und verweilte dagegen länger bei den Wünschen für die Zukunft. Sir Stephan nahm sich als alter Freund der Familie die Freiheit, fünfzig Pfund Sterling, eine kleine Beisteuer zu Lena's Trousseau, einzulegen, was sehr beifällig aufgenommen wurde. Faucourt drängte daraus, den Tag der Hochzeit festzusetzen und Mrs. Dalton, äußerst zufrieden mit ihrer Umsicht, die Aussteuer so bald begonnen zu haben, erklärte sich mit seinen Wünschen einverstanden. Anfangs Oktober sollte bei einer befreundeten Familie, deren Sohn großjährig wurde, ein Ball stattfinden. Lena bestand darauf, aus Gründen, die sie geheim zu halten wünschte, diesen Ball noch vor der Hochzeit mitzumachen. Weiter hatte sie gegen die Bestimmungen ihrer Mutter nichts einzuwenden. Der glückliche Bräutigam kam täglich nach Joy Collage. Doch mußte er vor seiner Hochzeit einige gewichtige Geschäfte abmachen. „Ich werde nach Surrey fahren und dort bis zu meiner Verheirathung bleiben", theilte er seinem vertrauten Diener John während des Frühstücks mit. Nnhe ist mir unbedingt nothwendig, da ich vollständig herunter bin. „Mrs. Lemont wird erfreut sein, Sie Zu sehen, Sir", bemerkte John, „Ohne Zweifel", sagte Faucourt, nach einer Straßbnrger Pastete langend. „Es ist nicht meine Absicht, in dem Landhanse zu, wohnen, sondern ich werde mein Quartier in dem Wirthshansc Angler's Rast aufschlagen, Du begleitest mich natürlich — vielleicht bedarf ich Deiner dort. Sorge, daß meine Sachen morgen gepackt sind. Ich will im Dog-cart hinfahren, wer weiß, wozu ich ihn nöthig habe." „Zu befehlen, Sir", entgcguete der allzeit bereitwillige John. „Und noch eins. Ich nehme die Juno mit; es wäre ja möglich, daß ich Sir Trcvor Sutton's Jagd benutzen könnte." Die Juno war ein weiß und braun gesteckter Jagdhund, den Faucourt von dem Förster zu Alphington Park erhalten hatte. Sie war sehr scheu in der Gegenwart ihres neuen Herrn, da Fußtritte und Verwünschungen ihr bis dahin unbekannte Dinge gewesen. Für John zeigte sie dagegen eine große Anhänglichkeit. So oft Faucourt sich nicht bei seiner schönen Braut befand, ward er aus irgend einem geheimen Grunde von der entsetzlichsten Unruhe und Angst gepeinigt. Durch unmäßiges Trinken und Schwelgen suchte er sich dann in der Regel zu betäuben und die nervöse Abspannung, welche sich in Folge dessen einstellte, war schrecklich anzusehen. — John beobachtete seinen Herrn aufmerksam und zog seine eigenen Schlüsse. Das Verhältniß zwischen Lord Alphington und seinem Enkel wurde mit der Zeit nicht besser. Der junge Mann war einige Tage zur Hühnerjagd in Alphington Park gewesen und diese kurze Zeit hatte hingereicht, um die frühere Abneigung des Carl zu vollständigem Widerwillen heranzureifen. Schon nach Ablauf einer Woche gab er seinem Enkel ziemlich deutlich zu verstehen, daß es besser sei und einen vollständigen Bruch vcr- ! hüten werde, wenn sie beide sich so wenig wie möglich sähen. Faucourt fand ebenfalls kein Vergnügen an der Gesellschaft seines Großvaters, dessen edle Gesinnung und vornehmes Wesen ganz und gar nicht zu seiner Anschauungsweise paßten. Die ländlichen Vergnügungen sowie die Freunde des Carls sagten ihm ebenfalls nicht zu und er scheute sich nicht, offen zu erklären, daß er das dortige Leben fürchterlich langweilig finde. Wenn er später der Earl sei, so werde er einen Verwalter zu Alphington Park wohnen lassen und nur zur Jagdzeit mit seinen Freunden dorthin gehen. Diesen alten, lästigen Kerl, Sir Stephan, sammt der übrigen Sippschaft, wollte er sich dann auch schon vom Halse ! schaffen. Nach diesen Aeußerungen zu urtheilen, rief seine Verbannung von dem Laud- I sitze und dem alten Herrn nicht diese innere Unruhe hervor. Auch spielte er nicht, das ' war eins von den wenigen Lastern, welches er nicht besaß, mithin belästigten ihn weder Gläubiger noch Mahnbriefe. Die Ursache der ruhelosen Nächte und Tage mußte also anderswo zu suchen sein. Es war ein schöner Herbstabend, als Mr. Faucourt sich auf dein Wege zu einem der reizendsten Flecken in ganz Surrey befand. Die Fahrt schien jedoch wenig zu einer Erheiterung beizutragen; der herrlichen Gegend schenkte er nicht einen einzigen bewundernden Blick, sondern fuhr immer rastlos weiter wie Jemand, dessen alleiniger Zweck es ist, sein Ziel so bald als möglich zu erreichen. Mit John wechselte er kein Wort; dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, Juno mit der für sie neuen Art der Fortbewegung auszusöhnen. Zu Angler's Rast angekommen, miethete sich Faucourt die besten Zimmer, bestellte das Mittagessen und ging dann allein zur Villa hinüber. Mit zusammengepreßten Lippen und finsterer Stirne öffnete er das Thor und schritt dem Hause zu. Mrs. Lemont schien ihn bemerkt zu haben, denn sie empfing ihn selbst an der Hausthüre. Zu ihrer größten Ueberraschung begrüßte er sie weit zärtlicher, als seit langer Zeit. 700 „Ich wußte nicht, was ich aus Deinem Briefe machen sollte", sagte sie, ihm zum Wohnzimmer voranschreitend. „Nicht? Nun jetzt bin ich selbst hier, um Dich darüber aufzuklären." Er ließ sich auf das Ruhebett in der Nähe des Fensters niederfallen. „Ich habe mich für einige Zeit drüben im Wirthshausc einguartirt, da ich total herunter bin und gepflegt zn werden wünsche." „Und deshalb kommst zn mir?" frug Julie. „Zn wein könnte ich wohl mit größerem Rechte gehen", erwiderte er mit erheuchelter Artigkeit. „Zu' Niemanden, das ist wahr. Wenn Du mich entbehrtest, so ist das nicht meine Schuld. Du hieltest es ja der Verhältnisse halber für besser, daß ich hier wohnen solle —; ich fügte mich nur Deinem Wunsche. Durch mein stilles Ausharren habe ich Opfer gebracht, zn denen nur wenige Frauen die Kraft besessen hätten. Wie lange soll es noch dauern? Wann wirst Du voraussichtlich Dein eigener Herr sein?" Sie hatte ihm gegenüber Platz genommen, um den Ausdruck seines Gesichtes beobachten zu können. Er zog sich in den Schatten der Gardine zurück, indem er sagte: „Wie kann ich das wissen. Lord Alphington ist ein kerngesunder Mann, er kann — der Henker hole es — noch lange Jahre leben. Auch will ich Dir kein Hehl daraus machen, daß er mich nicht ausstehen kann und ich in Folge dessen weit entfernt davon bin, thun zn können, was mir beliebt." „Weshalb mag er Dich nicht leiden?" frug sie ungeduldig. „Was hast Du angefangen? Wie kommt es, daß er Dich schon so bald durchschaut hat?" „Das ist nicht schön von Dir, Julie, auf Ehre nicht", cntgcgncte Fauconrt, ihren Blick vermeidend. „Du weißt ja, daß ich alles aufbiete, um unser beiderseitiges Wohl, eine glückliche Zukunft herbeizuführen. Wenn mir auch der Titel mit dem dazu gehörigen Grundbesitz gesichert ist, so hat Lord Alphington doch die Gewalt, jeden Schilling, welchen er sonst besitzt, anderweitig zu vererben und beim Jupiter, ich glaube, er thäte es, wenn ich mich gegen ihn auflehnte. Willst Du mir jetzt geduldig zuhören, ich werde Dir meinen Plan auseinandersetzen." „Habe ich Dir nicht hinlängliche Beweise von Geduld gegeben?" rief Julie, mit dem Fuße auf den Boden stampfend. „Ich bin es nachgerade müde — todtmüde, hier eingesperrt zu sein. Bis zu dieser Zeit hättest Du den Carl für Dich gewinnen müssen, ich würde es an Deiner Stelle fertig gebracht haben." „Wenn Du so todtmüde bist hier eingesperrt zu sein, wirst Du um so lieber auf meinen Vorschlag eingehen", erwiderte er, den letzten Theil ihrer Rede unbeachtet lassend. „Du kannst nicht, ohne Gefahr entdeckt zu werden, in England bleiben, und das wäre mein Ruin. Beim Henker, der Gedanke an diese Möglichkeit könnte mich schon rasend machen. Willst Du nun zu Deinen: Bruder nach Frankreich oder nach Amerika gehen? Du versprachst mir ja, Dich bis zum Tode Lord Alphington's ruhig zu verhalten." „Nein!" schrie Julie mit blitzenden Augen, während ihre ganze Gestalt vor Zorn bebte; „ich will nicht fortgehen I Ich weiß wohl, was Du vorhast. Du möchtest mich von Dir befreien, wenn Du könntest, aber das soll Dir so leicht nicht gelingen! Wie wäre es, wenn ich selbst zu Lord Alphington hinginge?" „Um als Verrückte in ein Irrenhaus gebracht zu werden?" frug Fauconrt höhnisch. „Bildest Du Dir etwa ein, er werde Deinen Worten Glauben schenken?" „Ja, das würde er", antwortete sie mit leiserer Stimme, ihren Gefährten unverwandt anblickend. „Er müßte anerkennen, daß ich die Wahrheit spräche, denn ich besitze den Ring." „Welchen Du gestohlen hast", bemerkte Fauconrt kühl und ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen. „Weißt Du schon, daß diese Angelegenheit einem 701 Polizeiagenten übergeben worden ist? Wenn Dn den Ring vorzeigst, wirst Dn Dich darüber zn verantworten haben, wie er in Deine Hände gekommen ist." „Und das werde ich thun!" rief sie in größter Anfregnng aus. „Meinst Du, es läge mir etwas daran, was aus mir wird! Ich werde ihnen sagen, wer ich bin; an Dir wäre es, dies zn leugnen!" „Was ich unzweifelhaft thun würde", cntgcgnete er mürrisch. „Julie, ich bitte Dich, sei doch vernünftig, Du kannst ja nichts dadurch gewinnen, daß Du mir Schaden zufügst durchaus nichts; denn wer könnte mich zwingen, Dir Deine Jahresrente auszuzahlen. Ich will sie Dir nicht vorenthalten, obschon, beim Henker, mein Beutel gründlich von Dir und Deinem verdammten Bruder ausgequetscht wird." „Wer Dich zwingen könnte, mir die Jahresrente auszuzahlen? Dn weißt, daß Dn nicht wagen darfst, dies zu unterlassen, da Du in meiner Gewalt bist. Ich werde nicht gehen, obschon Dn es willst; ich bin des Wartens müde. Soll ich hier mein Leben vertrauern, während Du Deine Tage in Saus und Braus zubringst; o nein, glaube das nur nicht, Du hast mir vorgeschwindelt, Lord Alphington sei alt und schwach." Faucourt war kreideweiß geworden, der Kampf in seinem Innern trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirne. „Ist es Dein fester Entschluß, nicht fort zu gehen?" frug er mit gepreßter Stimme. „Man wird noch sicherern Gewahrsam für Widersetzlichkeit zn finden wissen, als Frankreich und Amerika." „Willst Du mir drohen? Nimm Dich in Acht!" „Das werde ich thuu'ff zischte er zwischen den Zähnen durch, als er sich von seinem Sitze erhob. Ich bleibe noch einige Tage hier im Orte, vielleicht haft Du vor meiner Abreise einen anderen Ton angeschlagen." „Nein, nein — tausendmal nein!" schrie Julie, sich ebenfalls erhebend. „Ich habe Dich gewarnt, einmal — zweimal. Nur noch kurze Zeit und ich werde handeln." „Ja, Du hast mich gewarnt", wiederholte er, seinen.Hut ergreifend. „Ich wünschte nicht mit Dir zn streiten, Julie, auf Ehre nicht; in der besten Absicht kam ich hierher." Er wich ihrem Blicke aus, während er dieses sagte und glättete mit dem Handschuhe seinen Hut. Du kamst hierher, um das zn erlangen, was Dn wünschest", cntgcgnete sie bitter. „Auch ich liebe den Zank nicht, nur wollte ich Dir zu verstehen geben, daß ich nicht bei Seite geschafft sein will. Du hast Deine Rolle zu spielen und ich die meinige. Wir haben Vieles zusammen durchgemacht, Sedley", fuhr sie im weicheren Tone fort, „weshalb sollten wir uns jetzt feindlich gegenüber stehen?" „Das hängt von Dir ab", antwonete er verdrießlich. „Ueberlege Dir meinen Vorschlag." Julie schaute ihm mit erhitzten Wangen und zusammengezogenen Augenbrauen nach. „Er sucht mir etwas zn verheimlichen", sprach sie bei sich. Plötzlich stieg ein Verdacht in ihr auf, bei dein sich ihr Herz krampfhaft zusammen zog. „Sein Diener wird wissen, wen er kennen gelernt hat und wo er zn verkehren pflegt. Ich will ihn ausfragen." „Juno scheint krank zu sein, Sir", sagte John am folgenden Tage zn seinem Herrn, „sie verschmäht ihr Fressen und läßt den Kopf so merkwürdig hängen." „Es wird nicht so schlimm sein", cntgcgnete Fanconrt sorglos. „Laß sie nur in Ruhe, ich werde selbst nach ihr sehen." John erwiderte nichts, sondern fuhr fort, die Kleider seines Herrn zurecht zu legen. Als seine Dienste nicht länger erforderlich waren, begab er sich hinunter zur Küche, steckte sich seine Pfeife an und überdachte das Erlebte. (Fortsetzung folgt.) 702 Najuvaren in Nngarn. Haben Sie schon einmal etwas von den „Heanzen" gehört? Vielleicht ja, aber auch dann nicht recht Ausführliches. Die Heanzcrei erstreckt sich durch's Oedenburgcr und Eisenburger Comitat längs der niedcrösterreichisch-steicrmärkischen Grenze von Saner- brnnn (Secseuyäd) bis Limbach (Lendoa) und hinein bis an die Gestade des Neu- siedlersces. Die Bevölkerung dieses Landstriches ist nur wenig mit Ungarn und Croatcn untermischt und besteht zum allergrößten Theil aus deutscher, unzweifelhaft bayerischer Abstammung, was sich im Dialekt, in vielen Gebräuchen und Sitten kundgibt. Merkwürdiger Weise laufen da zwei Dialekte neben einander — selbst in einem und demselben Orte — her. Der eine ist das uuverfälschcste Oberbaycrisch, fragt man einen, ob er ein Kind habe, so antwortet er: „Oan's und dös a kloan's." Der andere ist das eigentlich „Heanzisch", welches in der häufigen Anwendung das „i" als Auslaut erkennen läßt, z. B.: „Der Bni hat scho gnntt" und das „an" bei Namen: „Sanndel" Susanna, „Naundcl" Anna. Doch will ich nicht vorgreifen, sondern in geographischer Reihenfolge meinen Gegenstand behandeln. Sobald wir bei Sauerbrunn hinter Wiener Neustadt die ungarische Grenze überschritten, folgt die Station Retfalu-Siklüs der Sndbahn, die hier genannten Orte heißen auf deutsch Wicscn-Sicgleß und da wohnen die „Repetirheauzcn", so oenannt nach deren Redeweise. Die Wiesener pflanzen viel Obst, mit dem sie nach Wien oder Ocdenburg Handel treiben, auf allfallsige Fragen antworten sie: „Vo da Wiesen sama und sama, weil ma von da Wiesen sau" oder: „Auf Ocdenburg fahr i" und so gibt es noch reiche Dia- lektvarianken. Im Ganzen zählen die Deutschen der genannten beiden Comitaie eine Viertelmillion Seelen und zählen beide zusammen im Ganzen überhaupt 562,452 Einwohner, gehören also der Ausdehnung nach zu den dichtbevölkertsten Gespanschaften des Landes. Ein tüchtiges und fleißiges Volk ist dieser bajuvarischc Zweig auf fernem Boden, dem sie die edelsten Trauben und den besten Wein, den Coucurrcuten des Tokayer, den „Ruszter", und das beste Obst abgewinnen. Von ausgezeichneten Männern, welche aus „Heanzischem Boden" erwuchsen, haben wir in erster Reihe den großen Anatomen Joseph Hyrtl und den Pianokönig Franz Liszt hervorzuheben, außerdem aber nehmen Deutsche der beiden Comitate im Lande in den hervorragendsten Lebensstellungen ihren Platz ein. Einst gehörte der ganze Landstrich zur karoliugischcu Ostmark und Eisendstadt (Kis-Morton) verdankt seinen Ursprung den deutschen Rittern jener Zeit. Heute sind diese Deutschen trotz der Nähe der österreichisch-steierischen Grenze die trcuesten Söhne des Vaterlandes. Diese Erscheinung, daß der Deutsche seinem Adoptivvaterlande ein treuer Sohn ist, steht nicht vereinzelt da, wir brauchen nur auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika hinzuweisen, deren Staaten bildendes und erhaltendes Element die Deutschen sind, welche während des Secessionskrieges der Union die größten Opfer brachten. So war es auch 1848 — 49 hier der Fall, diesseits der Donau theilten Zipscr dem Schliek'schen'Corps und jenseits der Donau Bajuvaren den Croaten „deutsche Hiebe" aus und der Günzer Honväd meinte auf Befragen „a Schwab bin i, aber an ungarischer." Wie gesagt, fleißig und genügsam ist das Volk hier, dabei aber viel beweglicher und aufgeweckter, als die steierisch-uiederösterreichischeu Nachbarn vom gleichen Stamme; das liegt aber zum großen Theil in den politischen Verhältnissen, welche in Ungarn ein unbegrenzt freies Sprechen und Schreiben gestatten, dann aber darin, daß die Leute hier, in altem Municipium seit Jahrhunderten ansässig, kleine Patricier-Republiken bilden. Eine derselben ist Ruszt mit nur 1396 Einwohnern, aber schon seit zwei Jahrhunderten 703 königliche Frcistadt und vorher bis zurück in's 14. Jahrhundert „privilegirter Markt". Hier gab es noch alten «»getheilten Familienbesitz und weist z. B. die Wählerliste für die Repräsentanz nur 97 Personen aus, dagegen aber nur etwa 60 Namen, da u. A. 10 „Schreiner", 7 „Wasch" rc. zu den Höchstbesteuerten gehören. Vermögen von 80 bis 100,000 Mark Besitz gehören nicht zu den Seltenheiten, und stehen die Leute auch nicht darauf au, ihre Producte rasch zu veräußern, sondern heben gute Jahrgänge auf. Unlängst wurden hier 1878er Weiß- und 1876er Nothwein mit 60—100 Gulden 120—200 Mark) pro Hektoliter nach Qualität bezahlt, ein altes Faß Ausbruch aber mit 240 Gulden der Hektoliter. Vorn Nothwein vorn Neusieiuerfee werden Sie auch noch nicyt viel gehört haben, aber der von Rnszt, Mörbisch, Margarethen ?c. wandert in's Ausland, wird auf Flaschen gezogen und hübsch vignettirt als theuerer Bordeaux verkauft und kann selbst vorn Kenner nur schwer unterschieden werden. Nach dieser vinologischcu Abschweifung — die aber mit zur Sache gehört — wollen wir wieder zur Charakteristik des Volkes übergehen. Da es hier unendlich reiche und leicht zugängliche Säuerlingsquellen gibt, so trinken die Leute selbst zur Arbeitszeit im Sommer Sauerwasser. Bon Montag früh bis Samstag Abend wird tüchtig gearbeitet und dann ein fröhlicher Sonntag gemacht, ohne aber dabei auszuarten. Leichte Anhei- terungen „a Dampf" und „a kloans Schwammerl", das gibt es dabei, aber ein Stockbesoffener gehört zu den Seltenheiten. Die Mädchen sitzen im Sonntagsstaat und singen im Chor Lieder, deren Text aber nicht immer harmlos ist, wie z. B. jenes „Von der Kellnerin auf der Wiener Straßen". Etwa 80,000 der Deutschen dieser beiden Comitate (Ocdenbnrg-Eisenberg) sind Protestanten Augsburger Konfession, aber Katholiken und Lutheraner, Deutsche, Magyaren und Croaten leben hier in Frieden zusammen. Raufereien kommen au Sonntagen und Kirchwcihcu nur selten vor, dagegen bilden sie in den Grenzorten an Markttagen beinahe eine Regel und zwar zwischen „Oester- rcichern" und „Ungarn", wobei aber merkwürdiger Weise beide Parteien eigentlich durch Deutsche des bayerisch-östcrrischen Stammes vertreten sind, was einen überaus komischen Eindruck.macht. In der Wirthsstubc geht es au solchen Tagen recht lustig her, „Ländler" und „Jodler" werden gesungen und geduldet, „aGstrampftes" getanzt, dann aber verirrt sich auch eine Zigeuner-Musikbaude dahin und da beginnt dann auch ein „Csördüs" in Pautalon und blauen „Janker" (Spenzer) und der anwesende Notar, Beamte oder auch Pfarrer muntert seine „Kinder" auf, ja nur den „Ungarn" hervorzukehren, da und bei den Deputirtenwahlcn gibt es zum Schluß auch Prügel. Während der Tauzpausen trennten sich beide Geschlechter, die Männer und Burschen gehen an den Schank und zur „Kcgelbudel", die Frauen und Mädchen aber thun das, was in aller Herren Länder: plaudern und „ausrichten". Die Tracht des weiblichen Geschlechtes ist hier überall dunkel, einfarbig, oft vorn .Kopf bis zur Zehe schwarz, selbst der Baudaufsatz. Wenn man an die bunte Kleidung und den Bündcraufsatz anderer Gegenden gewohnt ist, füllt dies auf. „Ich könnte noch Manches erzählen, will aber nist einer köstlichen Anecdote schließen. Wie der Leser ersah, gibt es verschiedene Gattungen „Heanzen", so heißen die Fischer am Neusicdlersec „Hechtcnheanzen", wie aber bei Forchtenstein dir „Wällischen Heanzen" entstanden sind, das sei hier erzählt. Als im Jahr? 1809 der Nicekönig von Italien Engen Beauharnais mit seinem Arinmeecorps gegen Naab zog, hatte er auch bayerische Hülfstruppcn bei sich. Dein „italienischen" Heere aber ging der Ruf vorauf, daß dasselbe selbst das Kind im Mutter- leibe nicht schone. Weiber und Kinder, Vieh und Habscligkeiten wurden geflüchtet und verborgen, Mäner und alte Frauen aber blieben zurück, um die Einguartirung zu empfangen. Nach Forchtenstein und Umgebung kamen bayerische Chevauxlegers; zwei Bauern 704 begaben sich, nachdem sie deren Pferde versorgt, auf den Boden, wo sie ein Loch in die Diele gebohrt hatten, nm zn hören und zu sehen, was da unten vorgeht. Nachdem die Chevanxleger abgepackt hatten, setzten sie sich an den Tisch in der Erwartung des Imbisses, der da kommen sollte, aber es kam eben nichts. Da warf der Eine seinen Pallasch zornig auf den Tisch und rief aus: „H ... H ......., S... kommt denn von dem Mischen Gesinde! kancr!" da stieß der eine Heanz den anderen an und meinte: „Du, Hans, das hätt i mci Lcbtag nit glaubt, daß i a wällisch versteh." Die beiden Chcvanxlegers wurden reichlich bewirthet und seither blicb's bei den „Wällischcn Hcanzen". Miscellen. (Ein salomonischer Erblasser.) Ein alter amerikanischer Farmer diktirte sein Testament. „Ich vermache meiner Frau 500 Dollars Jahreseinkommen. Haben Sie das niedergeschrieben?" — „Ja," sagte der Notar, „aber sie ist noch nicht alt und könnte sich wieder verheirathen. Was sollte dann geschehen?" , „Gut, schreiben Sie, im Falle ihrer Wiederocrhcirathung erhält sie 1000 Dollars Jahreseinkommen." — „Was, zweimal so viel?" — „Jawohl, denn wer sie heirathet, hat das viele Geld ehrlich verdient. Er wird ohnehin seine Noth mit ihr haben ..." (Die Frau des Dichters Friedrich von Schlegel,) eine Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn, wurde einst in Berlin von einem Schöngeist beim Leinwandnähen betroffen. Er glaubte ihr vorstellen zu müssen, daß sie eine ihren: Geiste entsprechendere Beschäftigung wählen möchte. „Meinen Sie?" sagte sie lächelnd. „Ich habe immer gehört, daß zn viele Bücher in der Welt vorhanden sind, aber nie, daß es zn viele Hemden gibt." (Was ist ein musikalischer Dilettant?) In einer kleinen Gesellschaft versuchte man, die prägnanteste Erklärung für den Ausdruck „Dilettant" in: obigen Sinne zu finden. „Einer, der zu seinem Vergnügen spielt!" meinte Jemand. „Einer, der zn seinem Vergnügen spielt!" bemerkte ein Anderer mit Betonung. Er hatte das Nichtigere getroffen. (Amerikanisches.) Ein westliches Blatt in Amerika meldete dieser Tage, daß ein Knabe ohne Gehirn zur Welt gekommen sei und sich dem Umständen nach dabei ganz wohl befinde. „Es sollte uns durchaus nicht wundern," bemerkt dazu ein gegnerisches Blatt malitiös, „wenn diese Mißgeburt der jüngste Sprößling — unseres „geschätzte» Kollegen" sein würde." (Neue Todesursache.) „An welcher Krankheit ist Ihre Frau gestorben?" fragte Jemand einen Wittwer, der in der Ehe nicht glücklich war. — „Genau weiß man's nicht, vielleicht weil sie zn rasch gelebt hat." — „Wieso?" — „Bei unserer Vcr- heirathung war sie nach ihrer Aussage drei Jahre jünger, in ihren: letzte:: Stündlen: aber laut Tauf- und Todtenschein neun Jahre älter, als ich." (Höchst musikalisch.) „So, so, Sie sind auch in die Soiree zu Herrn Klinge- mann eingeladen? Versäumen Sie dieselbe ja nicht!" — „Und warum, Herr Feierte?" — „Darum, weil die Töchter des Hauses höchst musikalisch sind. Die jüngste spielt Piano, die andere singt famos und die älteste ist eine sehr reiche Wittwe." (Aus der Schule.) Lehrer: „Wie nennt man betn: Hasen die Haare, die zu beiden Seiten der Schmutze sitzen!" — Fritz: „Spürhaarc." — Lehrer: „Warum nennt man sie so?" — Fritz: „Wenn man ihn daran zieht, dann spürt er's." Auflösung des Räthsels in Nr. 87: „Zeitraum." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.