Nr. 89. 1883. zur Mittwoch, 7. November Der Gpalrmg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Dr einn d z w anzi g st es Capitel. Aus Pflichtgefühl und der eigenen Ehre und Ruhe wegen hatte St. Lawrence seine Besuche zu Joy Cottage eingestellt. Jetzt unterließ er sie einstweilen noch aus Rücksicht für den Freund. Wie glücklich ihn auch der Gedanke machte, daß ihn keine Schranke mehr von Derjenigen, welche er so innigst liebte, trenne, so durfte er doch dieser Freude äußerlich keinen Ausdruck geben. Während Douglas noch unter der kärglichen Enttäuschung schmerzlich litt, hätte er doch nicht seine eigne Bewerbung beschleunigen dürfen. Douglas hatte sich entschlossen, den Winter in Rom zuzubringen und wollte sofort abreisen, um die nördlichen Städte Italiens auf dem Heimwege zu besuchen. Aber trotz seines Ungestüms, welches ihn nie ruhen ließ, bis er einen einmal gefaßten Plan auch wirklich ausgeführt, fand er es doch unmöglich, England schon so bald zu verlassen. Ein unvollendetes Portrait schickte er freilich, ohne die geringste Bezahlung für die unfertige Arbeit annehmen zu wollen, zurück und St. Lawrence hatte es übernommen, das Atelier zu vcrmicthen, und die verschiedenen Sachen, deren er nicht länger bedurfte, unterzubringen. Aber noch mancherlei erforderte seine persönliche Gegenwart, und so gingen trotz seiner Ungeduld mehrere Wochen vorüber. Dann endlich sagte er Mrs. Dalton, durch eine Karte Lebewohl, packte seine Farben und Pinsel ein, nahm zärtlichen Abschied von dem Freunde, welcher ihn bis zur Bahn begleitete und fuhr ab. Erst jetzt glaubte St. Lawrence frei handeln zu dürfen. Er legte wenig Gewicht auf die Andeutung, welche ihm Douglas in Betreff der Gefühle Bertha's gemacht hatte; jedoch, wenn wahre Liebe sie gewinnen konnte, dann mußte er siegen und wenn auch nur ein Schatten von Hoffnung für ihn vorhanden war; er wollte warten und ausharren, nichts schien ihm unmöglich, da Bertha's Liebe der Lohn sein werde. Sie würde sein kostbarster Schatz bleiben, auch dann, wenn Fortuna ihm zulächelte und sollte die Glücksgöttin zürnen, so war er bereit mit ihr vereint allen Stürmen Trotz zu bieten. Die plötzliche Abreise von Douglas versetzte Mrs. Dalton in ein Gemisch von Bedauern und Aerger; es überraschte sie, daß er England verlassen, ohne persönlichen Abschied zu nehmen, da sie doch immer in so freundschaftlichen Beziehungen gestanden und seine Karte gab ebenfalls keinen Aufschluß über dieses unverantwortliche Benehmen; dort stand nur, er beabsichtige, den Winter auf dem Festlande zuzubringen; das war alles. — „Hätte er uns nur besucht, so würde ich schon die ganze Sache in's Reine gebracht Haben", sagte sie zu Bertha. Mrs. Dalton setzte großes Vertrauen in ihre diplomatischen Kunstgriffe. 706 Bertha schwieg. Auch sie hatte gehofft, Douglas wiederzusehen, um ihn nochmals ihrer Freundschaft und des innigsten Interesses an seinem Wohlergehen zu versichern; aber da er es für besser hielt, nicht zu kommen, so konnte sie ihm nur zustimmen. Es war beschlossen worden, daß Bertha mit ihrer Mutter nach Lcna's Hochzeit den längst versprochenen Besuch zu Larkspur machen und dann voraussichtlich dort bleiben solle. Der Gedanke, London verlassen zu müssen, war wenig erfreulich für Bertha. Wäre ihr die Wahb überlassen worden, so würde sie viel lieber die frühere angestrengte Thätigkeit wieder aufgenommen haben. Ihr ständiger Aufenthalt bei Sir Stephan bedeutete so viel, als ob auf die Hoffnung, St. Lawrence je wieder zu sehen, für immer verzichten zu müssen. Dann durfte sie höchstens noch erwarten, ihn später als berühmten Künstler preisen zu hören; allerdings ein schwacher Ersatz, aber ihre Liebe machte sie nicht unglücklich, denn sie war stolz aus den Gegenstand derselben. Ihn noch einmal zu Joy Collage zu erblicken, hoffte sie schon längst nicht mehr und als er doch endlich kam, war sie mit Lena ausgegangen und ihre Mutter allein zu Hanse. St. Lawrence bemerkte sofort das veränderte Benehmen der Ptrs. Dalton und vermuthete zuerst, ihre Zurückhaltung rühre daher, daß er so lange nicht mehr dort gewesen sei. Er machte indessen keine Entschuldigung, denn welchen Grund hätte er anführen können. Mrs. Dalton's fester Entschluß, dem jungen Manne bei nächster Gelegenheit nahe zu legen, daß sie seine Besuche nicht länger dulden werde, da böse Gerüchte gegen ihn ini Umlauf seien, war schwieriger auszuführen, als sie selbst geglaubt hatte. Es lag eine gewisse Würde, fast hätte man es Hoheit nennen können, in seinem Wesen, welche sie unwillkürlich verstummen machte. Und als sie in sein schönes vornehmes Gesicht mit den ehrlichen, klarblickenden Augen schaute, wurde ihr Glaube, er habe sich je einer unehrenhaften Handlung schuldig machen können, wesentlich erschüttert. Aber Fauconrt wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen, das mußte maßgebend für sie sein, wie sie auch Bertha erklärt hatte. Dieser Zwiespalt war die Ursache ihrer Verlegenheit. Anfangs unterhielten sie sich über Douglas und sie konnte nicht umhin, ihr Befremden über dessen schleunige Abreise auszudrücken. St. Lawrence schloß hieraus, daß Bertha den Antrag seines Freundes geheim gehalten habe und obgleich er dies von ihr erwartete, so schätzte er sie deshalb noch höher. Auf seine Frage nach dem Befinden der jungen Damen ward ihm die Antwort sie seien zusammen ausgegangen. „Erfuhren sie schon, welches freudige Ereigniß unserer Familie bevorsteht?" frug Mrs. Dalton, eine Gelegenheit suchend, um wenigstens Faucourt's Namen in die Unterhaltung mit Anflechten zu können. .. „Ja, ich hörte es", erwiderte er ernst. „Darf ich fragen, ob der Tag der Hochzeit schon festgesetzt ist?" „Noch nicht ganz bestimmt. Sie können wohl denken, daß die Vermählung mit einem Manne von der Stellung Faucourt's außergewöhnliche Vorbereitungen erfordert." „Lord Alphington hat kürzlich einen Anfall von Podagra gehabt, und konnte uns deshalb noch nicht besuchen. Aber ich muß sagen, daß er sich sehr großmüthig benommen hat." Ueber das Gesicht des jungen Mannes flog ein Ausdruck des Mitleid's als er den Hochmuth und Triumph gewahrte, mit welchem Mrs. Dalton die Verlobung ihrer Tochter und den Namen des Carls erwähnt. Er schwieg jedoch; sie schöpfte neuen Muth und frug scheinbar unbefangen: „Sahen Sie je Air. Fauconrt?" „Mr. Fauconrt? Nie!" „O, wie mich das freut! Er muß sich also geirrt haben", rief sie erleichtert aus. „Geirrt? In wiefern?" „Eines Tages, als wir in Kensington Gardar's waren, sahen wir Sie in einiger Entfenmug. Ich machte Fauconrt aus Sie aufmerksam und er glaubte Sie schon, früher gesehen zu haben, aber unter anderm Namen und er behauptete, daß — daß —" 707 „Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Mrs. Dalton, nie mehr in meinem Leben vorgestellt zu haben, als wozu ich ein Recht hatte", erwiderte St. Lawrence lächelnd. Da — nun war es heraus! Aber der junge Mann, von welchen! sie angenommen, er werde vor Scham und Verlegenheit, ertappt worden zu sein, in die Erde sinken, stand ruhig, sogar lächelnd vor ihr und blickte sie mit seinen klaren, durchdringenden Augen forschend an. Mrs. Dalton erröthctc verlegen. „Das habe ich auch nicht gerade sagen wollen", stotterte sie verwirrt. „Jedoch werden Sie begreifen, Mr. St. Lawrence, daß ich unter den jetzigen Verhältnissen nicht vorsichtig genug sein kann und da Mr. Faucourt glaubt —" „Ein Wort, Mrs. Dalton", unterbrach er sie. „Hat Mr. Faucourt dieses Urtheil über mich bei Ihnen hervorgerufen, oder haben Sie selbst irgend etwas in meinem Betragen bemerkt, was Sie zu dieser ungünstigen Meinung über mich veranlaßte?" „O nein, durchaus nicht!" rief die arme Dame in größter Aufregung aus. „Im Gegentheil; ich kann Ihnen versichern, nur —" „Nur Mr. Faucourt wünscht, nicht mit mir zusammen zu treffen. Ich verstehe das und seien Sie versichert, daß ich meinerseits für jetzt alles vermeiden werde, was Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Die Zeit wird hoffentlich nicht allzu ferne sein, wo ich Ihnen in günstigerem Lichte erscheinen werde." „Ich bedanre es unendlich —" stammelte Bkrs. Dalton. „Und dann möchte ich Ihnen noch eins sagen. „Meine Lena hat, wie ich befürchte, großen Eindruck auf Sie gemacht, aber Ihr gesundes Urtheil wird sie wohl schon darüber aufgeklärt haben, daß nie, auch wenn sie nicht verlobt wäre, etwas daraus hätte Iverden können." „In dieser Beziehung dürfen Sie ganz beruhigt sein, verehrte Mrs. Dalton", erwiderte St. Lawrence, sich erhebend, um der Unterredung ein Ende zu machen. „Ich bewundere Ihre Fräulein Tochter, mache aber keine Ansprüche auf deren besondere Gunst. Von ganzem Herzen wünschte ich, ihr zu Glück und Ansehen verhelfen zu können." Ein tiefer Ernst begleitete diese letzten Worte. Dann streckte er lächelnd Mrs. Dalton seine Hand entgegen und sagte: „Sie werden sich doch nicht weigern, mir die Hand zu drücken? —" „Seien Sie überzeugt, daß ich das Beste für Sie hoffe, Mr. St. Lawrence." Nicht allein das, was sie mitzutheilen für nöthig erachtet hatte, sondern mehr noch, die Zweifel und Befürchtungen, welche das Benehmen und die Andeutungen des jungen Mannes in ihr wachgerufen, versetzten sie in die größte Aufregung. „Sie dürfen mir nicht zürnen — ich konnte nicht anders handeln." „Gewiß nicht und wenn Sie in der Zukunft geneigt sein sollten, mir Mangel an Offenheit vorzuwerfen, so lassen Sie mich Ihnen schon jetzt die Versicherung geben, daß die Verhältnisse mich zum Schweigen nöthigrcn. Ich kann nicht handeln, wie ich gerne möchte. Sie und die Ihrigen vor allen Anderen würde ich mit Freuden in mein Vertrauen ziehen." Nachdem er dieses gesagt, schritt er, sich tief verbeugend, zur Thüre hinaus. Obgleich St. Lawrence sich scheinbar so gelassen von Mrs. Dalton verabschiedete, erfüllte doch tiefe Traurigkeit sein Herz. Eine neue Scheidewand erhob sich zwischen ihm und Bertha und wenn diese auch, wie er zuversichtlich koffte, bald wieder zusammen-, stürzen werde, so empfand er es doch schmerzlich, wieder von ihr getrennt zu sein. Der Gedanke, sie lasse sich vielleicht ebenfalls verleiten, Schlimmes von ihm zu vermachen, guälte ihn. „Nein, ich kann nicht denken, daß sie dies thun wird", tröstete er sich innerlich; »sie ist keine von denen, die vorschnell urtheilen, oder sich durch Scheiugründe beirren lassen. Auch glaube ich nicht, daß dieser saubere Wicht, den die arme thörichte Mutter mit Stolz ihren zukünftigen Schwiegersohn nennt, vielen Einfluß auf Bertha haben wird." Dann fiel ihm Lena ein. Sie mochte eitel, weltlich gesinnt und egoistisch sein, dennoch 708 entsetzte es ihn, sie geopfert zu sehen. Er hoffte frühzeitig genug sprechen und Manches, was jetzt geheimuißvoll war, aufklären zu können. Niggs schickte ihm noch immer Nachrichten, und diese schloffen meistens mit den Worten: „Halten Sie sich ruhig, sonst verderben Sie Alles." In dem letzten Briefe hatte er noch hinzugefügt: „Endlich bin ich auf der richtigen Fährte, haben Sie ein wenig länger Geduld." Es war eine schwere Aufgabe für St. Lawrence, aber er mußte sich fügen. i (Fortsetzung folgt.) ^ G o l d k ö r n e r. Träume den Traum der Jugend so schön, daß wenn du erwachest, Selbst die'Erinnerung noch liebliche Bilder dir malt! Jugend streuet die Saat, das Alter sammelt die Garben; Möge das Erntefest dir auch ein fröhliches sein! Bilde vor Allem-das Herz; in's Reich deS Wahren und Schönen Dringt dann lebendiger ein bildsam der strebende Geist! Vieles zu wissen, es kann dir nützen, doch kann cS auch schaden, Wenn du daS Viele nicht recht, oder das Rechte nicht weißt. Bitter Wohl schmecket die Wurzel des Wissens, doch glaube, die Frucht ist Süß und erquickt dich dereinst nach den bestandenen Müh'n! Nicht für die Schule allein, für'S Leben lerne; ja weiter Ueber die Erde hinaus dau're, was hier du erwarbst. Nimmst du das Schwere zu leicht, wird nimmer es gründlich dein eigen; Nimmst du das Leichte zu schwer, schaff'st die dir nutzlose Müh'». Gleiche dem Schmetterling nicht, der müßig flattert: der Biene Gleiche, die rastlos sich müht, bis sie die Zellen gefüllt. Gib und vergib! Der Arme bedarf dein, du lind'rc die Noth ihm; That man dir ttcülcs, vergib; ist es dir möglich, vergiß! Sinken lasse dich nie, und sänkest du, raffe dich neu auf! Strebst du zum Ewigen hin, wächst mit dem Muthe die Kraft. F. Beck. Weltkinder im Kloster. Vor den Kunstmuseen in Berlin steht geschrieben: ^.rtsra non oäit nisi iximrus, b. h. auf Deutsch: Die schöne Kunst hat Aller Gunst, . ' ! Wer gegen sie spricht, der kennt sie nicht. t So geht es auch mit den Orden der katholischen Kirche. Die meisten von den ^ Menschen, welche dieselben verlästern, thun es mehr aus Unverstand, als aus Bosheit, weil sie die Mönche und Nonnen nicht kennen. Wie soll auch ein Mensch, der mitten in einem protestantischen Lande geboren und erzogen ist, ein Kloster kennen lernen? In der protestantischen Schule, insbesondere im Religionsunterricht, hört er nur schimpfen auf die Papistischen Klöster, welche ihm als Brutstätten der Trägheit, Dummheit und Unsittlichkcit hingestellt werden- In seinen liberalen Zeitungen liest er die Bestätigung dieses Urtheils. Und nun erst in den Romanen — da sind ja die Klöster sammt und sonders wahre Schandhöhlcn und Mördergruben. Da der also bearbeitete Mensch nun mit seinen eigenen Augen nie ein » Kloster sehen kann, wenn ihn nicht ein sonderbarer Zufall hinführt, so stirbt er in dem » Wahne, daß die Klöster schreckliche Institute seien. Falls der Mann in den Himmel ^ kommt, so wird er höchlich die Augen aufreißen, wenn er dort die frommen Patres > trifft, welche auf ihrem Strohsack in der Mönchskutte selig entschlafen sind und nun von « Gottes Hand den Preis ihres bußfertigen Klostcrlebens empfangen. N 709 Es kommt nun aber gelegentlich doch einmal vor, daß sich ein Protestant oder ein" Nenhcide in ein Kloster verirrt, und sonderbarer oder vielmehr natürlicher Weise ändert sich dann sofort sein Urtheil, und er muß dann anerkennen, daß die Mönche, welche er getroffen hat, doch recht gute Menschen sind, ja sogar besser, als er selbst. So z. B. erzählt uns ein Hauptmann aus Straßburg, wie er mit mehreren andern Offizieren als Einquartierung in das Trappistenklostqr bei Oelenberg (Elsaß) gerathen ist. Die Schilderung des Klosters und seiner Insassen nimmt sich im Munde des Soldaten sehr niedlich aus. Ueber den Einzug ims Kloster schreibt er: Lächelnd versicherte der guartiermachende Offizier seinen jüngeren Kameraden, es bekomme Jeder eine besondere Zelle mit einem Todtcnkopf; tröstlicher klang schon die Nachricht, die Mönche hätten in: ersten Schrecken über unsere Ankunft gleich einen fetten Ochsen geschlachtet, und die besorgten berittenen Herren wurden dahin beruhigt, daß die Stallungen vorzüglich seien. Etwa eine Viertelstunde vom Orte entfernt, steigen aus dem Wiescnland die nördlichen Hänge des Dollerthalcs auf, anf deren sanftem Abfall das Kloster in fruchtbaren Banmgärten versteckt liegt. Es ist kein malerischer alterthümlicher Ban, sondern hohe langgestreckte Gebäude, im nüchternsten Stil gehalten, vereinigen sich zu einem unregelmäßigen geschlossenen Ganzen, dessen Mittelpunkt die eben so einfache Kirche bildet. Unten an der mit Kreuz und Marterwerkzeug geschmückten Mühle, die schon zum Klosterbesitz gehört, tauchen jetzt auch einige Klostcrbewohner auf, ernste Greise in braunen Kutten, die, gefeit gegen alle Zerstreuung, sich um die ihnen gewiß fremdartige militärische Erscheinung nicht kümmern, sondern eifrig weiter arbeiten. Einige Jüngere verfolgen neugierig den Zug, geben auf die Frage nach dem Eingang keine Antwort, sondern deuten nur unter freundlichen Geberden den Weg au. Mit dem ewigen Schweigen hat es also, wie es scheint, seine Nichtigkeit. Jetzt wird das hohe Eingangsthor sichtbar, über welchem anf schmuckloser Holztafel den Eintretenden die Worte des heiligen Lanrentins Justinianns grüßen: „Lolitmcko eoeli jauuo,." (Einsamkeit ist die Pforte des Himmels.) Hier werden die reisigen Gäste vom Prior, der den hochbetagicn Abt vertritt, empfangen. Die mittelhohe, etwas vorgebeugte Gestalt ist mit einem schweren, weißwollenen Gewand bekleidet, von dem eine große Kapuze auf den Rücken fällt, um den Leib windet sich ein Strick, die Füße stecken in groben Holzschnhen. Das intelligente scharf geschnittene Gesicht berührt sympathisch, in freundlichen Worten wird der Willkomm gesprochen und der Bruder Gastwart, ein überaus dienstwilliger jüngerer Mönch in braunem Gewand, übernimmt das Geleite in den Gastbau. Das ist ein langer einstöckiger Flügel, den ein Corridor durchzieht, von welchem aus rechts und links zahlreiche Thüren in die einzelnen Gaststübchen führen. Alle sind weiß getüncht, gerade groß genug für einen Mann, und enthalten außer dem bescheidenen Bett das nöthige Mobiliar. Ein einfaches Crucifix oder Marienbild schmückt die Wand, darunter hängt die Hausordnung mit der Bitte an den Fremden, die Insassen des Klosters darin nicht ohne Noth zu stören. Im Schweiße seines Angesichts rennt unser guter Mönch von Gelaß zu Gelaß, um nach den verschiedenen Bedürfnissen zu fragen; er ist für die Dauer unserer Angelegenheit von: Schweigen entbunden, nützt diese Freiheit aber nicht zu müßigem Geschwätze aus, sondern freut sich nur innig, wenn er die verschiedenen Fragen nach Einrichtungen oder Persönlichkeiten seines Klosters beantworten kann. Eine Hauptforderung des Ordens ist die Demuth und freundliche Dienstwilligkeit Anderen gegenüber, und wahrlich, dieser wenig gebildete Laienbruder ist das Ideal eines allzeit dienstwilligen Menschen. Alan spürt es ihm ordentlich an, wie er unser Dasein als eine willkommene Gelegenheit benutzt, seine Pflichten in größerem Umfang ausüben zu dürfen; mit den gleich freundlichen Geberden dient er im wahren Sinne des Wortes vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend. 710 — Die Glücke ruft und bald treffen sich die Klostergästc im freundlichen Speiscsaal, um gegenseitig ihre ersten Eindrücke auszutauschen. Unter der Leitung des munteren Pater Schaffner's, dessen blühende Wangen und rundliche Körperfülle selbst der harten Klosterzucht trotzen, wird das einfache aber schmackhafte Essen aufgetragen, dem die hungerigen Gäste alle Ehre anthun. An Brot, Fisch und Fleisch war kein Mangel; auch für den Durst zierten kristallhelle Wasserstaschen den Tisch. Aber eine andere Gottesgabc fehlte — der Wein. Wohl mochte Mancher Anfangs den zaghaften Trost hegen, daß dies edle Getränk etwas später, vielleicht erst zum Nachtisch, in seine Rechte treten werde; doch mußte beim Erscheinen der Aepfel und Nüsse die Täuschung weichen. Der eine oder andere besser in die Regel Eingeweihte aber behauptete, Wein dürfe eigentlich gar nicht im Kloster sein, höchstens in der Hausapotheke für die Kranken. Etliche höhere Herren endlich machten in gestrengen Worten den glücklicher Weise abwesenden qnartiermachenden Offizier dafür verantwortlich, daß er einen solch wichtigen Punkt nicht zum Voraus geregelt habe, kurz, in Scherz und Ernst wurde die leidige Situation erwogen. Am Tiefsten ging wohl die Sache einem alten Hauptmann zu Herzen, den — mit den blühenden Worten eines verstorbenen hohen Generals zu reden — die langjährige Compagniechefschaft nahe an den Rand des Stabsoffiziers gebracht hatte. Zwar glänzte das Gesicht noch im Schimmer der rosigen Jugend; aber sorgenvoll war momentan das ergraute Haupt in die Hand gestützt. Plötzlich fiel diese tapfere Rechte schwer auf den Tisch, und der gequälten Brust entquoll der Seufzer: „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Das erlösende Wort war gesprochen, allseitiger heiterer Beifall lohnte die That, und sofort wurde beschlossen, durch den Diplomaten des Stabes Verhandlungen einzuleiten, welche auch ohne Schwierigkeit besten Erfolg für die künftigen Tage hatten. — „Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Wie sticht gegen diesen Spruch des Weltmannes die bedürfnißlose Lebensart der Mönche ab, über welche der Soldat schreibt: Bewachten wir als Gegensatz zu den Bedürfnissen der üppigen Wcltkindcr die Lebensweise unserer Klostcrbrüder, so müssen wir schon früh, nämlich um 2 Uhr Morgens, beginnen. Uni diese Zeit läutet der Pförtner das Hora-Glöckchen, und sofort wird's in dem gemeinsamen Schlafsaal lebendig, der vom Abt ablvärts sämmtliche 100 bis 120 Kloster-Insassen beherbergt, so weit sie nicht hohen Alters oder Krankheit halber dis- pensirt sind. Jeder hat einen besonderen Holzverschlag, worin die schmale sargartige Bcttstadt steht, welche einen hart durchstochenen, vier Finger dicken Strohsack nebst ähnlichem Kopfpolster cickhäll. Auf diesem ärmlichen Lager ruht im Ordenskleid, das er nicht ablegt, ohne Decke, Sommer und Winter, von acht Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens der Trappist. Mit dem ersten Glockenstreich, der an Sonn- und Feiertagen schon um ein Uhr, an hohen Festtagen sogar um Mitteraacht ertönt, eilt Alles in die gänzlich schmucklose Kirche zum gemeinsamen Gebet und stiller Betrachtung. Von drei bis vier wird die Mette gesungen, worauf man sich in das Capitelzimmer begiebt. Neben der Thür steht gleichsam als Schildwache, ein aus schwarze Schieferplatte in natürlicher Größe cmgegrabenes menschliches Gerippe, und darüber die Worte: „oeckr« nuit ^sut- tztrsE (Diese Nacht vielleicht!) Einem französischen General, der nach bewegtem Leben und von ihm wissenschaftlich beschriebenen Pilgerreise» gen Rom und Jerusalem hier im Kloster Ruhe gesucht, verdankt dies ineuumtc, morl seine Entstehung. Endlang der Wände des schmucklosen Saales ziehen sich niedere Bänke, davor ärmliche Tischchen oder Pulte, die Bücher und Handschriften der Brüder enthaltend. Hier wird über eine Stunde in stiller geistlicher Lesung und Betrachtung zugebracht, und darauf von halb sechs bis sechs Uhr wieder in der Kirche die Priin gesungen. Dein folgt im Capitel die Vorlesung der heiligen Regel, wobei Jeder seine Fehler wider dieselbe offenbaren und da- 711 rüber Buße und Ermahnung annehmen muß. Jetzt wird im Schlafzimmer gereinigt, die Chorkntte ausgezogen, und um halb sieben steht alles in Holzschuhen zur Arbeit geschürzt bereit. Verwundert wird wohl mancher Leser dieser viereinhalbstündigen Morgeneintheilung gefolgt sein und sich gefragt haben: ja, wann kommt denn das Frühstück? Wortlos, nur mit Kopfschütteln würde dcxTrappist ihm diese Frage beantworten; denn ein solches kennt er nicht. Die Arbeit erfolgt entweder im Felde, wozu die ausgedehnte Landwirthschaft und der große Grundbesitz des Klosters hinreichend Gelegenheit geben, oder in den verschiedenen Werkstätten, da nach einer Hauptregel des Ordens alle Lebensbedürfnisse durch eigener Hände Arbeit beschafft werden sollen. So wird auch für alle Jahreszeiten gleiche, rein wollene Bekleidung dort selbst gewoben und die mit diesem Stoff von den Mönchen seit Wohl tausend Jahren gemachte praktische Erfahrung bestätigt vollkommen die Theorie, welche dem modernen Wollregime Proffessor Jägcr's zu Grunde liegt. Erkältungskrankheiten kommen fast gar nicht vor. Vielerlei Handwerk ist im Kloster vertreten. Mancher erlernt ein solches erst in späteren Jahren durch reinen Anschauungsunterricht bei möglichster Vermeidung aller Worte. Diese pädagogisch gewiß interessante Methode wird im Mutterkloster La Trappe besonders gepflegt. Während der Arbeitszeit, die mindestens zwei Stunden je Vor- und Nachmittags zu dauern hat, muß bei steter innerlicher Sammlung hart und streng gearbeitet werden. Alles Nöthige giebt man sich durch Zeichen, eine Art Fingersprache, zu verstehen; zuweilen klatscht der Aelteste in die Hände, was sofort die Arbeit auf eine bis zwei Minuten unterbricht, welche der stillen Unterhaltung mit Gott gewidmet sein sollen. Um nenn Uhr ruft die Glocke wieder zum Gottesdienst, dem um halb elf Uhr endlich das Mittagessen folgt. Im Küchenzettel kommt der Vcgetarianer zu seinem Recht, denn Fleisch, Butter und Eier sind ausgeschlossen. Nur Wasser und Brod, Gemüse oder Früchte, Wurzeln und Kräuter mit Salz dürfen auf den Tisch kommen, wozu in der Zeit von Ostern bis Advent etwas Milch tritt. So lange diese Mahlzeit mit sichtlichem Behagen eingenommen wird liest einer der Chorgeistlichcn oder Patres auf einer Art Kanzel sitzend aus den Kirchenvätcrn vor, zuweilen wird sie auch ähnlich wie die Arbeit durch Klingeln unterbrochen, um über den Genuß nicht die geistige Sammlung zu vergessen. Alles, was man im Speisesaal sieht, macht den Eindruck der Dürftigkeit, hölzerne Teller und Löffel nebst kleinen blechernen Näpfen. An den kahlen Wänden hängen neben wenigen kunstlosen Bildern geschriebene Sprüche, deren einige als Probe folgen mögen: „Lauter und rein sich halten, giebt mehr Kunst denn stndiren.' „Du mußt zuvor zu einen: Esel werden willst du göttliche Weisheit besitzen." „Es muß ein Mensch große Vcrschmähnng erleiden soll ihm je geistig Wohl werden." Wir könnten noch mehrere schöne Stellen aus dieser Schilderung mittheilen. Zum Beispiel sehr hübsch ist die Schilderung, wie mit Erlaubniß des Abtes die Militärmusik im Klosterhofe aufspielt und wie dem hochbetagtcn greisen Abte die Thränen über die Wangen laufen, als er ein Stück aus der Oper hört, die er als jugendlicher Musikus im Theater mitgespielt. Die Offiziere schieden voll Bewunderung für die Seelen- größc und das — Glück dieser Mönche, welche,in der Einsamkeit und Entbehrung im reichsten Maße gefunden, was die Weltkinder rHstlos erjagen, um schließlich nichts als ein Todtenhemd zu finden. 712 M i s c e l l e n. (Ein Universalgenie.) Unter allen begabten Menschen war wohl John Erichton, geboren 1551 in der Grafschaft Perth in Schottland, gestorben im Jahre 1583, der merkwürdigste. Kaum zwanzig Jahre alt, schrieb und konvcrsirtc er in Zehn verschiedenen Sprachen und zeichnete sich dabei noch in allen körperlichen Uebungen aus. Als er damals nach Paris kam, meldete ein zeitgenössischer Schriftsteller: „Hier ist ein junger Mensch angelangt, etwa Zwanzig Jahre alt, dem selbst die ersten Professoren der Akademie das Zeugniß geben, daß er in allen Wissenschaften vollkommen sei. Niemand übertrifft ihn in der Vokal- und Instrumental-Musik, und weder im Malen noch Zeichnen, im Tanzen noch Reiten hat man seines gleichen gesehen. Er weiß mit beiden .Händen zu fechten, daß ihm keiner etwas anhaben kann; in einer Entfernung von Zwanzig Fuß stürzt er auf seinen Gegner los und schlägt ihn aus dem Felde. Seine Geistesgegenwart ist unerschütterlich; er disputirtc neulich vor einem Auditorium von dreitausend Zuhörern und setzte alle durch die Richtigkeit, Gelehrsamkeit und Schärfe seiner Antworten in Erstaunen. Sein Dasein erfüllt jedermann mit panischem Schrecken, man fürchtet, daß er mit höllischen Mächten ein Bündnis abgeschlossen." — Crichton verließ nach zehnjährigem Aufenthalt Frankreichs Hauptstadt, um einer Berufung nach Mantna zu folgen, wo er der Lehrer des Sohnes des Herzogs von Gonzaga wurde. Während einer Karnevalbclustignng wurde er hier von einigen vermummten Personen mit gezücktem Degen angefallen; er schlug ihnen sämmtlich die Waffen aus der Hand und riß einem die Larve ab, worauf er zu seinem unbegrenzten Erstaunen in demselben seinen Zögling erkannte. Ehrerbietig hob er dessen Degen auf; jener aber, den Eifersucht zu dem Anfalle bewogen, war nicht im stände, Crichtons Großmuth zu würdigen und stieß ihm tückischer Weise den Degen in die Brust. So starb der seltene Mann im zweiunddreißigsten Jahre seines Lebens. (O wie entzückend!) Ja, wir leben in einer Zeit, die herrliche Früchte zeitigt. Was sagen unsre Leser und Leserinnen zu folgender Stelle aus einem modernen Roman: „Nur, wer sich bewußt geworden, daß die wirkliche Welt nicht die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht bringt, in dessen Seele wächst der herrlichste Erfüllung in ihrem Schoße tragenden Verheißung des Frühlings gegenüber diese Sehnsucht zur schmcrzenreichsten Wehmuth. Erika war die Flnth des unausgesprochenen und vielleicht auch unaussprechlichen Empfindens bis hoch zum Halse hinaufgestiegen, sie hatte die Augen geschlossen vor all der Wonne athmenden, überströmenden Schönheit da draußen, die ihr fast zur Oual wurde." Es geht doch nichts über einen vollen und gedankenreichen Stil! (Herzog August von Sachse n-Got ha) — gestorben 1822 — bekannt dnrch seine witzigen Bemerkungen und beißenden Sathren, hatte einen neuen Rath ernannt. Als derselbe sich in seiner neuen Charge bei Hofe vorstellte, dankte ihm der Herzog recht freundlich, fügte jedoch lächelnd hinzu: „ Zum Rath habe ich Sie freilich ernannt, doch — auf Gott und nicht auf meinen Rath will ich in Zukunft bauen! (Gründlich.) Dienstmagd: „Gnä' Frau, ich bitt um ein Stück Brod, ich bin noch hungrig." — Gerichtsräthin: „Das müssen Sie mir erst beweisen." Räthsel. Laß, lieber Leser, Dir empfehlen: Mit W ein Mittel gegen Stehlen, Mit N ein Mittel znm Verkehren, Mit R ein Mittel zum Verzehren, Mit A ein Mittel für Gelähmte, Mit L ein Mittel für Vergrämte. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.