Nr. 90. 1883. zur „Ailgslmcger postMmg." Samstag, 10. November Der Gpalrrrig. Roman aus dcm Englischen von E. C. (Fortsetzung.) V i er un d z w a n z i g st e s Capitel. „Der Hund scheint recht elend zn sein", sagte Mr. Perkins, das Factotuin der Mrs. Leinont, zn seinem vertrauten Freunde John, als sie bei einer Bowle Punsch in der Schenkstube des Wirthshauses zusammen saßen. „Sehr elend, mich wnndcrt's, daß Air. Faucourt keinen Thierarzt kommen läßt, denn es ist ein werthvollcs Vieh." „Sie ist viel schlimmer heute", bestätigte John, den Kopf der Juno, welche zu seinen Füßen lag und ihm matt die Hand leckte, streichelnd. „Vor einigen Tagen ivar sie etwas besser. Ich sagte meinem Herrn diesen Morgen: „Wenn ich Sie wäre, Sir, so würde ich einen Thierarzt für Juno holen lassen." Gerade so waren meine Worte, Mr. Perkin's, aber er antwortete mir dasselbe, ivic eben: „Laß sie nur in Ruhe, ich glaube nickst, daß ihr etwas besonderes fehlt. Mein Herr scheint nicht viel Gefühl für ein solch' armes Thier zn besitzen. Meinen Sie das nicht auch? Sie kennen ihn ja schon viel länger als ich. Noch ein Glas Punsch, Mr. Perkin's?" „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", erwiderte dieser, sein Glas hinhaltend. „Man bekommt hier gute, unverfälschte Waare", setzte er mit den Lippen schnalzend, hinzu. „O ja, davon kann man wohl überzeugt sein, denn die Herren, welche zum Angeln in die hiesige Gegend kommen, wissen sehr genau, was gut schmeckt und ivo es zu haben ist. Aber was ich eben sagen wollte, Air. Perkin's, kennen Sie Mr. Faucourt schon lange?" „So ziemlich; nicht viel früher als Sie. Ich kam mit Mrs. Lemont von Amerika herüber. Vor einigen Jahren war ich mit einer Herrschaft dorthin gereist, aber das Land gefiel mir nicht. „Altengland für immer", ist mein Wahlsprnch und deshalb freute ich mich, zurückreisen zn können. Wir sahen den nunmehrigen Mr. Fancourt damals nicht häufig, unsere Wohnung lag über einem Porzellanladen zn Westbourne Grove — ein bedeutend lebhafterer Aufenthaltsort als dies hier ist, für meinen Geschmack." „Das mag wohl sein, Mr. Perkin's, aber auf dem Lande ist eine sehr gesunde Luft", wandte John, einen kleinen Schluck nehmend, ein. Ein aufmerksamer Beobachter Hütte bemerken können, daß er das Glas seines Gefährten stets von Neuem füllte, seines dagegen fast unberührt ließ. „Natürlich muß es dort amüsanter gewesen sein", nahm John das vorige Gespräch wieder auf, „namentlich für Jemanden, der solchen Scharfsinn besitzt, wie Sie, Mr. Perkin's. Hatte Mrs. Lemont vielen Umgang dort? Hier scheint sie nur wenig Menschen zu sehen." 714 „Nun, ich kann nicht gerade sagen, daß wir viel Gesellschaft gehabt haben", erwiderte Perkin's, der die Gewohnheit besaß, bei einem Glase Punsch besonders zutraulich zu werden. „Ihnen kann ich es wohl sagen, Sie gehören ja eigentlich mit zur Familie, aber weiter darf es nicht gehen, hören Sie, — schweigen!" Und Perkin's legte seinen Finger mit wichtiger Miene an die Nase. John nickte zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe. „Wir sahen nicht viele Menschen dort, aber meine Herrin ging öfters aus und wurde auch zuweilen von auffallend geputzten Leuten abgeholt. Einen Herrn schien sie gerne los zu sein; ich hielt ihn für einen Verwandten von ihr." „Ah", erwiderte John gleichgültig. „Weshalb meinten Sie das?" „Er kani gewöhnlich, um Geld von ihr zu erpressen und Keiner, auch meine Herrin nicht, liebt es, wie eine Citrone ausgequetscht zu werden." „Nein, sicherlich nicht. Trinken .Sie einmal aus, Mr. Perkin's. Wollen Sie auch ein Pfeifchen dazu rauchen?" « „Nun, ich habe nichts dagegen einzuwenden", lautete die gewohnte Antwort. John bestellte frische Pfeifen und holte einen Tabakbeutel hervor. „Bedienen Sie sich, Sie werden ihn gut finden." Mit diesen Worten schob er ihn dem Freunde hin. „Was Sie für ein schlauer Beobachter sind", leitete John die Unterhaltung wieder ein, nachdem die Pfeifen angesteckt und der Rauch des duftenden Krautes in die Höhe stieg. „Sie hätten es weit bringen müssen in der Welt. So Kerls wie ich sind gut genug dazu um Kleider zu bürsten nnd Aufträge zu besorgen; aber ihre Geschicklichkeit fehlt mir vollständig. Ich möchte Sie wohl diesen Herrn beschreiben hören, das ist gewiß, als ob man ihn leibhaftig vor sich sähe." John legte den Kopf zur Seite, wie Jemand, der bereit ist, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuzuhören. „Nun, es war ein ziemlich kleiner Kunde", begann Perkin's, welcher sich durch das Lob des Freundes nicht wenig geschmeichelt fühlte; „noch kleiner wie Sie und Sie sind schon nicht sehr groß, er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe und schwarze Augen, die fortwährend unstät umherirrten, dazu eine Adlernase und ganz schmale Lippen; er trug keinen Bart und sah immer zerrissen nnd schäbig aus, trotzdem er all' das Geld von meiner Herrin erhielt." „Ha, Ha!" lachte John, Ihre Beschreibungen sind köstlich. Wie heißt der Herr? Ich interessire mich außerordentlich für Namen. Finden Sie nicht auch, daß der Name oft so bezeichnend für die Person ist?" „Ich weiß es nicht; den seinigcn höre ich nie. Meine Herrin nannte ihn nur Pierre und daraus schloß ich, daß er zu ihr verwandt sei. Ucbrigens scheue ich mich nicht, Ihnen noch ein merkwürdiges Ereigniß zu erzählen. Ich weiß ja, daß Sie es nicht weiter sagen werden. Eines Tages besuchte uns eine junge Dame und erkundigte sich nach diesem Pierre; sie habe etwas im Omnibus gefunden, was wahrscheinlich von ihm verloren worden sei. Meine Herrin hatte mir schon früher befohlen, für den Fall, daß Jemand nach diesem Herren fragen sollte, nie eiuzngestehen, daß er bei uns verkehre. Als sie mich nun an dem betreffenden Tage kommen ließ und frug, ob ein Herr gestern Abend bei uns gewesen sei, hielt sie den.Finger in die Höhe und blickte mich scharf an. Natürlich verneinte ich nun ausdrücklich diese Frage." „Versteht sich, Mr. Perkins, das war ganz recht! Haha, ich kann nicht umhin darüber zu staunen, wie schlau sie alles ausfindig machen. Wo mag dieser Mr. Pierre jetzt sein? Noch ein Schlückcheu, alter Freund?" „Nun, danke nichts mehr", erwiderte dieser, sein Glas ein wenig näher zur Bowle hinschiebend. „Nur noch etwas; dieser Punsch ist ja so unschuldig wie Milch." 715 „Nun meinetwegen, aber mir noch einen Tropfen!" „Wo mag er jetzt sein", hub John wieder an. „Es ist mir beinahe, als müßte ich ihn, wenn er mir begegnete, erkennen." „Das wird so leicht nicht vorkommen, denn er ist in Frankreich, wie ich sicher weiß." „So in Frankreich! Dann ist er wohl ein geborener Franzose; auch der Name läßt schon darauf schließen. Ich kenne eine Unzahl Pierre's in dem südlichen Theile Frankreichs. Sicher stammt er aus dortiger Gegend. Schreibt er häufig an Ihre Herrin?" „Ja, so oft er Geld nöthig hat. Mrs. Lemont ist jedesmal ärgerlich, wenn sie einen Brief von ihm erhält." „Sie können mir einen Gefallen erzeigen, Mr. Perkins. Bitte, stopfen Sie die Pfeife noch einmal. Wenn nächstens ein Brief von ihm ankommt, wollen Sie dann die Freundlichkeit haben, mir den ausländischen Poststempel zu notiren? Wie ich eben sagte, kenne ich eine Menge Pierre's in Frankreich und bin wirklich neugierig, ob es ein Bekannter von mir ist." „O, das will ich recht gerne thun. Für einen guten Freund, wie Sie, ist mir nichts zu viel!" rief Perkins, welcher anfing zärtlich zu werden, aus, indem er John seine Hand hinhielt, die dieser kräftig schüttelte. „Ihr Herr ist zur Stadt gefahren, nicht wahr? Wo geht er doch immer hin? Weshalb fährt er so oft heraus? Ich glaube, meine Herrin ist ein wenig eifersüchtig." „Eifersüchtig?" wiederholte John mit dem Ausdrucke höchsten Erstaunens. „Welch' sonderbarer Einfall. Wissen Sie nicht, daß Mr. Faucourt Mitglied der Anthropologie- Gesellschaft ist? Er fährt zur Stadt, um den Sitzungen beizuwohnen." „Ei, was Sie sagen. Wer hätte das denken sollen. Ich sah ihn freilich nur selten, doch hätte ich das nicht hinter ihm gesucht." „Ja, sehen Sie, jetzt ist das ganz anders, wo er zu seinem Rechte gelangte und nächstens Parlamentsmitglied werden wird", erklärte John. „Die müssen ja alle grundgelehrt sein." „Versteht sich; aber es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe. Mrs. Lemont war heute unwohl." „So, was fehlt ihr denn?" „Nun, sie schien mir sehr matt und vollständig herunter zu sein. Mr. Faucourt besuchte sie, ehe er zur Stadt fuhr und holte dann selbst eine Flasche Arznei aus der Apotheke; bis jetzt hat es ihr noch nichts genutzt." „Es thut mir leid zu hören, daß sie unwohl ist. Wenn mein Herr morgen wieder ausfahren sollte, so werde ich zum Landhause hinkommen, und mich nach ihrem Befinden erkundigen." „Thun Sie das, alter Bursche", stotterte Perkins ziemlich unverständlich, indem er sein Glas ausschlürfte. Als er sich erhob, fand er es indessen mühsam, auf den eigenen Füßen gerade zu stehen. Auch erforderte es große Anstrengung, den Hut aufzusetzen. John kam ihm zu Hülfe; er nahm den Freund unter den Arm und verließ ihn nicht eher, bis er ihn glücklich in seinem Bette oberhalb des Stalles, welcher znr Villa gehörte, untergebracht hatte. — Beim Nachhausegehen warf er einen Blick zu den Fenstern des Hauses hinauf; in Mrs. Lemont's Zimmern brannte noch ein Licht. „Arme Frau!" seufzte John leise. Dann eilte er dem Wirthshanse zu, um bet der Ankunft seines Herrn auf dem Posten zu sein. Faucourt konnte die Trennung von Lena Dalton kaum mehr ertragen; seine Leidenschaft für sie grenzte an Wahnsinn und die Gleichgültigkeit gegen ihn, welche sie 716 so offen zur Schau trug, goß Oel in's Feuer. Es war beschlossen worden, daß sie die Hochzeitsreise nach Paris und dein südlichen Frankreich machen sollten. Während der dreimonatlichen Abwesenheit würde Magnns Sguare zu ihrem Empfange in Stand gesetzt sein. Fancourt zählte die Stunden, bis Lena die Seiuige und er fort aus England sei. Welche Gefahren bedrohten ihn noch bis dahin! Aber wenn er diese alle glücklich beseitigt und seine Plane durchgeführt habe, so wolle er, wie er sich selber vorredete, eilt anderer, besserer Mensch werden. Er fluchte dem Schicksale, welches ihn in diese Enge getrieben und dadurch zu der schändlichen That zwang. Fünfundzwanzig st es Capitel. Der Brief Faucourt's, worin er Lord Alphington seine Verlobung mit Madeline Dalton anzeigte und um dessen Einwilligung bat, rief bei seinem allen Herrn großes Erstaunen, aber auch gleichzeitig Vergnügen hervor. Eiligst ritt er zu Lady Langley hinüber, um ihr diese Neuigkeit mitzutheilen. „Vielleicht haben Sie doch noch Recht, meine liebe Lady, Langley und ich beurtheilen den jungen Mann zu scharf. Er muß doch noch etwas Gutes au sich haben, da er die Zuneigung einer Ihrer reizenden jungen Freundinnen gewonnen hat. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, mir wäre die jüngere von Beiden lieber gewesen, freilich wird Miß Lena Dalton eher die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf sich ziehen." „Es freut mich, daß Sie mit der Wahl Ihres Enkel einverstanden sind", erwiderte Lady Langley, welche durch Mrs. Dalton schon das wichtige Ereignis; erfahren hatte. „Die Dalton's sind, wenn auch nicht reich, so doch von guter Familie. Bcrtha äst eiu sehr angenehmes Mädchen, aber auch Lena nicht unliebenswürdig und meiner Ueberzeugung nach wird sie eine gute Frau für Mr. Fauconrt werden." Lady Langley konnte sich nicht entschließen, die Freude Lord Alphi'ngtou's zu trüben, indem sie ihm ihre Ansicht über Lena's Eigennutz und wie es wohl mit ihrer Liebe beschaffen sein werde, mittheilte. Der Earl blieb lauge zu Larkspur; er verehrte Lady Langley aufrichtig und fand vielen Trost in ihrer stets bereiten Theilnahme. „Das Mißfallen, welches Fauconrt mir einflößt, werde ich seiner Gattin nicht entgelten lassen, dessen kann ich Sie versichern. Sie wird alles dasjenige erhalten, was der zukünftigen Gräfin von Alphington mit Recht gebührt. Das Haus in Magnns Sguare soll dem jungeil Paare «ungereimt und ganz nach dem Geschmacke der Miß Dalton eingerichtet werden. Ich will sofort nach London reisen und ihr meine Freude Aber die Verlobung ausdrücken und dann gleichzeitig mit Thomson den Ehekontrakt besprechen. Wie mir scheint, ist es nicht nöthig, die Hochzeit noch lange hinauszuschieben." „Sie glauben nicht, wie glücklich es mich macht, Sir, die Sache in diesem Lichte auffassen zu sehen", bemerkte Lady Langley. „Ich befürchtete, Sie würden eine vornehmere Verbindung für Mr. Faucourt in Aussicht genommen haben. „Meine liebe Lady Langley, glauben Sie mir, diese Verlobung ist eine unaussprechliche Erleichterung für mich." „Wußten Sie, daß Mrs. Dalton uns mit ihren beiden Töchtern im Herbste besuchen wollte? Diese Pläne werden Wohl jetzt zu Wasser geworden sein, jedoch hoffe ich, Bcrtha später mit ihrer Mutter hier zu sehen." „So wird es wohl sein", cutgeguete lächelnd Lord Alphington. Fauconrt ist ohne Zweifel ungeduldig und ich kaun ihn deshalb nicht tadeln und werde ihm keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Während der Hochzeitsreise des jungen Paares wird die Mutter gewiß gerne mit der jüngeren Tochter von ihrer Einladung Gebrauch machen. Ich freue mich wirklich darauf, das saufte, liebe Mädchen wieder zu sehen." Lady Langley erzählte ihm nun, wie es ihre Absicht gewesen, Bertha au Kindcs- statt anzunehmen; leider werde Mrs. Dalton sie nun nicht gerne entbehren. „Wie ist 717 es?" fuhr sie, als der Carl nach dem Hute griff, fort. „Haben Sie nichts mehr über den gestohlenen Ring in Erfahrung gebracht." „Nein, er ist noch immer nicht ermittelt worden. Wie gerne würde ich ihn der schönen Braut an den Finger stecken. Er kommt ihr ja von Rechtswegen zu. Leben Sie wohl! Ich darf Sie und Sir Stephan doch mit zu den Hochzeitsgästen rechnen." „Ganz sicher, denn da die Dalton's keine näheren Verwandten besitzen, wird wohl Sir Stephan Vaterstelle bet der Braut vertreten. Bleiben sie lange fort?" „O nein, höchstens eine Woche; länger halte ich es in der Stadt nicht aus." Er bestieg sein Pferd und ritt in heiterer Stimmung, als er sich seit der ersten Unterredung mit seinem Enkel befunden, dem Schlosse zu. Dort angekommen, schrieb er mehrere Briefe, unter anderen auch denjenigen, welcher Lena und Mrs. Dalton so sehr erfreut hatte. Sein fester Wille war es gewesen schon am folgenden Morgen nach London abzureisen, aber sein alter Feind, das Podagra, überfiel ihn während der Nacht und wollte sich diesmal nicht aus dem Felde schlagen lassen, so daß die Reise mehrere Wochen hinaus geschoben werden mußte. Mr. Thomson kam jeden Sonntag zu ihm herüber und die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden eifrigst fortgesetzt. Als Lord Alphington endlich im Stande war, nach London zu fahren, sollte die Vermählung schon in einigen Tagen stattfinden, und er beschloß bis nach derselben in Magnns Sqnare zu verweilen. Mrs. Dalton's Glückseligkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht, ihre sehnlichsten Wünsche gingen in Erfüllung. Schon war das Hochzeitsfrühstück bestellt, die Gäste wurden erwartet und die Koffer, welche einen Theil der Aussteuer Lcna's enthielten, standen gepackt und bereit da, nach der neuen Heimath transportirt zu werden. Lord Alphington begab sich nach seiner Ankunft in London alsbald nach Joy Collage, um der schönen Braut seinen Besuch zu machen. Als sein Wagen am Thore Vorfahr, gerieth Mrs. Dalton in die größte Verwirrung; auch Lena fühlte etwas, wie nervöse Aufregung, aber die herzliche Freundlichkeit des Carl stellte bald ihre frühere Ruhe und Fassung wieder her. Er drückte einen väterlichen Kuß auf Lena's Stirne und sie, gerührt durch seine Liebenswürdigkeit, erwiderte die Begrüßung mit so scheuer Zurückhaltung und augenblicklichem überwallendem Gefühle, daß ihrer Lieblichkeil dadurch die Krone aufgesetzt wurde. Gegen Bertha war er äußerst zuvorkommend und Mrs. Dalton schwelgte in höchster Wonne. Nachdem der Earl sich über eine Stunde vertraulich mit den Damen unterhalten hatte, sagte er zu Mrs. Dalton gewendet: „Darf ich Sie bitten mir die Zeit zu bestimmen, wann Sie mit ihren Töchtern nach Magnns Sqnare zu kommen gedenken. Madeline muß ihre zukünftige Heimath kennen lernen und an Ort und Stelle ihre Wünsche über die Veränderungen, welche dort vorgenommen werden sollen, anssprechen. Bertha wird uns mit ihrem guten Geschmacke dabei zur Seite stehen," setzte er, die jüngere Schwester freundlich anlächelnd, hinzu: „Kann ich das Vergnügen haben, Sie morgen zum Frühstück bei mir zu sehen, Mrs. Dalton?" „Es wird nur eine große Freude sein. Mr. Fancourt war heute Morgen hier, aber leider ist es mir nicht möglich, zu sagen, ob er uns dann begleiten kann." „Wenn Sie erlauben, lassen wir Fanconrt außer Frage", erwiderte der Earl. „Eine mehrstündige Trennung von Ihrem Verlobten wird Ihnen wohl nicht allzu schmerzlich sein, Miß Dalton?" Lena erröthete heftig; doch hatte ihre Verlegenheit nicht den Grund, welchen Lord Alphington anzunehmen schien. Sie fühlte sich diesem guten alten Herrn gegenüber schuldbewußt und dachte, wie sehr er sie verachten, ja sich mit Abscheu von ihr wegwenden würde, könnte er in ihrem Herzen lesen. Lena war sich, ungleich ihrer Mutter, völlig klar darüber, daß es ein höheres edleres Ziel, wonach zu trachten sie verschmäht 718 hatte, gebe und in solchen Augenblicken nannte sie sich innerlich falsch und niederträchtig. Indessen überwand sie diese geheimen Vorwürfe rasch. Der Würfel sei gefallen; sie könne nicht mehr zurücktreten, selbst wenn sie es wünsche, spiegelte sie sich vor, und Lord Alphington dürfe um keinen Preis erfahren, welch' schmähliche Rolle sie gespielt. Als der Earl sich verabschiedete, hatte sie den gewohnten Gleichmnth wieder gewonnen und konnte ihrem zukünftigen Verwandten in der liebenswürdigsten Weise Lebewohl sagen. Dieser kehrte im höchsten Grade mit der Wahl seines Enkels zufrieden, nach Magnus Square zurück. (Fortsetzung folgt.) Eine Fahrt in Acgyptcn. (Aus einem Reiseberichte.) Am 18. Januar, 11 Uhr Vormittags, landeten wir vor der Stadt Kcnnch, wohin uns eine Fülle lieblichster Bilder geleitete. — Da schaute der Flamingo herüber zur kleinen Wachtel, die lustig auf Deck spazierte, da dufteten großblattige, kastanienblüthige Ricinnshccken, da wölbten sich stolze Sykomoren über grünen Durrafeldern, da flogen im Bogen die Eimer der ununterbrochen Wasserschöpfenden, da erhoben sich malerisch die Lehmburgen der Tauben aus dem Wald des Reisigs, da flatterte und schwebte es aus Scherben und Töpfen. Zwischen breitastigen Daupalmen glänzten weiße Schechgräber, dunkle Tamariskcnschleier schwankten über glühendem Gebirgsrahmen, und Alles das wurde überspannt von des wolkenlosesten Azurs freudigster Majestät. Außerhalb Kcnneh's, umblüht von üppigstem Garten, liegt der Palast des Mudir und gleich daneben die Wappen- und fahnengcschmücktcn verschiedenen Consnlate, nmcr denen wir dasjenige mit den „wilden Männern" des deutschen Reiches stolz jubelnd begrüßten; ihm statteten wir auch einen kurzen Besuch ab, zu angenehmster Bekanntschaft. Die Stadt selbst, wichtig durch ihre Verbindung mit dem rothen Meere über Konseir, ist, obwohl eng und winklig und meist aus Lehne gebaut, vielfach interessant. An Moscheen und größeren Gebäuden fanden wir schöne Nclieffragmcntc, Architekturstücke und arabische Holzschnitzereien. Das Hauptinteresse aber erweckt die aus freier Hand reizvoll graziöse, gewandte und schnelle Herstellung der weltbekannten Filtrirkrüge. Der hier gefundene Thon ist der beste Aegyptcns. Ein einziger Acker liefert den feinen, grüngelben Stoff. Das Entnommene ersetzt die Nilanschwemmung im nächsten Jahre. An einem der nächsten Tage führte uns ein großer arabischer Kahn mit lateinischem Segel munter über den Nil, wo vorausgcsandte Esel unser warteten und uns auf schmalem Damm am linken Ufer entlang trugen, während die prächtig leuchtenden, scharf geschnittenen Berge der arabischen Wüste reichste Augenweide boten. Als wir plötzlich schwenkten, trateu die reichen Formen der libyschen Gebirge vor, und lachende, dichtbestandene Getreidefelder dämpften anf's Lieblichste die grelle Sonne. Nach einer halben Stunde ragte plötzlich mitten aus enormen Schutthaufen das mächtige, vorn Kaiser Domitian errichtete Eingangsthor zum Tempel von Dendera einsam und stolz empor. Gleich dem Obelisken von Heliopolis ist es von Wespen zu breiten und volkreichen Ansiedelungen benutzt. Ist auch der Durchgang nicht in allen Theilen erhalten, so bleibt doch leicht erkennbar, daß mehr kaiserlicher Luxus, als eigentlicher Schönheitssinn hier gewaltet hat: so sehr ist jede Handbreit Raum zu Bilderwcrkcn und Hieroglyphen in Relief benutzt worden. Der ganze Bau nämlich ist zwar nach ägyptischem Plan und Muster (es heißt sogar nach Angaben aus Cheop's Zeit) erbaut und durchgeführt, nachweislich aber erst von Tiberius und Nero vollendet worden, ja diese haben ihn sogar den Aphroditentempcl genannt. Aegyptisch würde er der Hathortempcl heißen. Der Kopf dieser Göttin nämlich schaut vom Capitäl jeder Sänke und jedes Pfeilers an jeder Seite ernst herab und ist von einem Tuche umwallt, das graziös vom 719 Obertheil der Säulen herabhängt: da aber von letzteren 24 vorhanden sind nnd an jeder Sänke vier solcher Köpfe prangen, so ist die gefeierte Göttin schon in der Borhalle, die in den Inschriften „Der große Himmelssaal" genannt wird, 96mal in großer Büste dargestellt. Diese Vorhalle aber wirkt nin so mächtiger, als man von außen, wo man anf hohem Schatte steht, auch nicht das Mindeste von solcher Höhe ahnt, als man sie, auf vielstnfiger Treppe hinabgehend, nachher innerhalb gewahrt. Ueberrascht und stumm sahen wir uns plötzlich inmitten dieser Riesensäulen, die sieben Fuß Durchmesser nnd dreinndzwanzig Fuß Umfang haben. Natürlich sind es keine Monolithen, aber die Trommclstückc sind anf das Geschickteste in Verbindung gebracht. An diese Vorhalle schließt sich der eigentliche Tempel, eiw langes Viereck mit neun verschiedenen großen Kammern an jeder Langseite und fünf an der Hinteren Schlußseite. Die mittelste von letzteren war einst das eigentliche Heiligthnm der Hathor, nnd hier hat ihr großes Bild gestanden. Vor diesem Sanctnarium ist eine noch größere, hinten geschlossene Cclla eingebaut, welche die heiligen Boote zu bergen bestimmt war. Alle diese Räume sind weit und hoch, auch ziehen sich Kryptengänge darunter hin, nnd aus zwei Seitenkammern führen Treppen auf das Dach. Das herrliche mitgenommene farbige Licht erhellte uns magisch auch den kleinsten Raum, bis zur erhabenen Decke hinan erstand jedes Bild, jedes Relief aus den: Todesschlnmmer, .Alles lebte, regte sich für uns, ja selbst in die tiefen, geheimen Gänge, in die wir uns liegend durch kleine Qeffnungcn mußten in das Dunkel ziehen lassen, begleitete uns die erleuchtende und beseelende Flamme. Alles kündet hier das Lob der Göttin Hathor, „der Königin von Teutyra", und nennen sie „Auge der Sonne", die „Herrin des Himmels", die „große Königin des goldenen Kranzes" u. s. f. Auch die pyramidalisch schräg ansteigenden Außenwände sind bis zur Krönung mit Bildwerk bedeckt. * Auf der Rückwand draußen ist Königin Kleopatra als Isis mit ihrem Sohne Cäsarion als Horns in mehr als Lebensgröße dargestellt. Im ägyptischen Museum zu Berlin findet sich ein trefflicher Abguß dieses merkwürdigen Bildes. — Drei Löwenköpfe an jeder Seite leiten den aufprasselnden Regen ab. In die Capcllcn auf dem Dache hat sich schon viel Griechisches eingeschlichcn. — Von hier erschließt sich der Betrachtung ein herrliches Feld: „die lybische Wüste in ihrer warmen, grellen Farbe tritt bis unmittelbar an Teutyra heran; dahinter steigt das rosige libysche Gebirge, im Süden scharf gezackt, auf, um sich in langer, wagerechtcr Linie gegen Nordwcst zu verlieren; im Osten und Norden grüne Felder und schlanke Palmen, bald einzeln, bald in Hainen vereinigt, dann ein Stückchen blauer Nil, rechts davon Kenneh mit seinen Windmühlen und im Hintergründe das weite Amphitheater des arabischen Gebirges. Fassen wir den Eindruck des Ganzen zusammen, so ist zu gestehen, daß wir selten in solchem Grade von der Macht und Gewalt eines Baues ergriffen waren, daß die Fremdartigkeit die Schönheit übertraf, der Schmuck aber fast übersättigte. Wir können uns des Gedankens nicht entschlagen, daß die ersten römischen Kaiser, die diesen Tempel ohne allen Glauben und jedenfalls ohne Glauben an die ägyptischen Götter, bauten, nur haben zeigen wollen, daß sie im Stande seien, mit dem Erbauer des Tempels von Karnak zu wetteifern und sie in Einzelheiten vielleicht zu übertreffen. Der Tempel von Dendera erscheint nicht als ein Heiligthnm, sondern mehr als ein Denkmal kolossaler Mittel und kolossaler Ruhmredigkeit. Ob jemals glanbeusvoller Hathordienst in ihm gefeiert worden ist? Wir zweifeln stärk daran. Wenn wir ihn gleichwohl mit dem Gefühle stummen Staunens verließen und immer wieder anschauten, den beiden kleineren, auch viel verschütteten Tempeln der „Isis" nnd der „kleinen Kindern" (.Inno nu ra? und Inuo Immun) aber nur halbe Aufmerksamkeit zuwenden konnten, so haben wir uns dessen nicht zu schämen. Das Große hat sie nicht so gut wie das Anmuthigc, und hier kam zu dem Großen noch das Hohe, llebcrraschende, Eigenartige. 720 M i s e e l l e n. (Erblichkeit des Genies.) Die Theorie, daß das Genie erblich ist, oder durch Erziehung erblich gemacht werden kann, wird von vielen Seiten behauptet, von andern wieder lebhaft bekämpft, und nach allem möchte es scheinen als ob das Bekämpfen leichter als das Behaupten wäre. Wenn Genialität überhaupt erblich wäre, wie könnten sie überhaupt Individuen besitzen, in deren Familien sich nie und in gar keiner Richtung besondere Begabung verrieth, und wie würden sie Söhne nicht haben, deren Väter reich begabt waren. Der Vater des berühmten Naturforschers Michael Faraday war ein ganz gewöhnlicher Schmied, der des Dichters Kcats ein Pfcrdchaltcr. Walter Scott, der allbclicbtc Romanschriftsteller, hatte einen Sohn, der Major in der englischen Armee war und sich rühmte seines Vaters Romane nie gelesen zu haben, und Ada, Lord Byrons Tochter, intercssirte sich viel mehr für Mathematik als für ihres Vaters Verse. — Des großen Arstronomcn Galilei Vater war ein berühmter Geigenvirtuose, der sich gar nicht darüber trösten konnte, daß sein Sohn nur ein Gelehrter geworden. Von den vielen Beispielen, die sich anführen ließen, wollen wir nur noch die Söhne des großen Earl of Chatam anführen, von denen der eine — William Pitt, mit dreiundzwanzig Jahren Premierminister von England war, während der älteste es nie zu etwas bringen konnte, und wollen nur noch fragen, wer hat Shakespeares, wer Goethes Genie geerbt? (Eine Schwalb «Urgeschichte.) In einem längere Zeit unbenutzt stehenden Güterwagen eines westprenßischen Bahnhofes hatte sich ein Schwalbenpärchcn angesiedelt und war auch lange ungestört geblieben. Eines Tages jedoch — die jungen Schwälbchen waren längst ausgekommen, doch noch nicht flügge geworden — trat eine plötzliche Störung des häuslichen Stilllebens bei der glücklichen Schwalbcnfamilie ein. Wahrscheinlich wegen vermehrten Güterverkehrs war der besagte Wagen wieder in einen Bahn- zug eingestellt und benutzt. Verschiedene Personen, Passagieren sowohl, wie dem Bahn- personal, fiel es auf, daß zwei Schwalben unermüdlich Meile auf Meile neben dein Zuge Herflügen, denselben auf den Haltstationen zirpend umkreisten, und sobald er sich wieder in Bewegung setzte, ihn abermals begleiteten. Auf der Endstation wurde der Sachvcrhalt entdeckt, die Thicrchcn wurden soviel als möglich unbehelligt gelassen, und die treuen Eltern waren mit den reiselustigen Kindern wieder vereint!" (Eine Galanterie Gellerts.) Im Jahre 1752 wurde in Leipzig von der Koch'schen Gesellschaft „Kranke Frau" zum erstenmal aufgeführt. Die Titelrolle wurde von Frau Koch so vortrefflich gegeben, daß Gellert am nächsten Morgen an Koch folgenden Brief richtete, dem ein Korb mit allerlei Erfrischungen beigegebcn war. „Hochzuver- chrendster Herr! Ich habe es gestern nicht ohne Mitleiden ansehen können, wie krank ihre Frau Liebste auf dem Theater war; und weil ich vielleicht eine Ursache ihrer Krankheit war, so halte ich's auch für meine Schuldigkeit, für ihre Wiederherstellung zu sorgen. Seyn Sie also so gütig und nöthigen Sie Ihre Frau Liebste, die Arzney einnehmen, die ich Ihr schicke, mit der ich mich selbst kurire und die gewiß besser wirken muß, als des Herrn Richards X. Medikamentum. — — Im Ernste, danken Sie ihr in meinem Namen crgebenst. Sie hat ihre Rolle vortrefflichst gemacht. — Ich bin mit einer wahren Hochachtung Ihr ergebenster Gellert." (Zur Trinkgcldcrfragc.) Gast: Ich habe drei Glas Hofbräu. — Kellner: Macht 90 Pfennige. — Gast: Geben Sie mir auf 20 Mark heraus! — Kellner: Bitte, ich kann nicht wechseln, haben Sie nicht so viel kleines Geld? — Gast: Ich habe da gerade noch 90 Pfennige. — Kellner: Dann werde ich doch lieber wechseln. Auflösung des Räthsels in Nr. 89: „Wachen. Nachen. Nachen. Aachen. Lachen." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr.