jm „Äugslmrger Kost^citung." 91. Mittwoch, 14 . November 1883. Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Am folgenden Tage holte die Equipage Lord Alphington's die Damen gegen ein Uhr ab. Mrs. Dalton war außer sich vor Entzücken, Lena und Bcrtha hingegen, wenn auch aus verschiedenen Ursachen, ziemlich schweigsam und ernst. »Ha, wie köstlich das ist!" rief sie, sich in dem eleganten offenen Landauer zurücklehnend, aus. „Meine liebe Lena, habe ich Dir nicht immer gesagt, Du würdest noch einmal in Deinem eigenen Wagen fahren; that ich das nicht, Schatz?" „Und ich behauptete Bertha gegenüber, daß ich geboren sei, um zu Ehren und Reichthum zu gelangen, aber sie wollte mir nicht glauben." „Daß Du Deine Wünsche erreichen werdest, daran habe ich nicht gezweifelt", antwortete Bertha. „Ich äußerte nur damals, es gebe Höheres und Besseres, wonach man strebcn müsse." „Wie einfältig Du bist, Bertha — gerade wie Dein armer Vater! Glücklicherweise besitze ich wenigstens eine Tochter, die gesunden Menschenverstand hat." „Mama wir wollen uns heute nicht so über alle Maßen erfreut zeigen, bemerkte Lena ungeduldig. „Lord Alphington wird das gewiß nicht nobel finden. Bertha's Philosophie kommt ihr in dieser Beziehung gut zu Statten. Alle Herrlichkeit der Welt ist nicht im Stande, sie zu überwältigen." „Zu überwältigen wohl nicht", entgegnete Bertha lachend. „Doch mußt Du nicht glauben, daß ich es weniger liebte als Du, von Eleganz und Luxus umgeben zu sein; es gibt nur Einzelnes, welches ich noch höher schätze." Lena konnte trotz ihres Vorsatzes nicht umhin, bei der Pracht, welche sich ihren Blicken in Magnns Sqnare darbot, in laute Bewunderung auszubrcchen. Der Kontrast mit ihrer bescheidenen Wohnung in Joy Collage war freilich sehr groß und ein edleres Gemüth, als das Lena Dalton's wäre vielleicht der Versuchung unterlegen." Gepuderte Lakaien in reichen Livreen glitten geräuschlos einher gleich Maschinen, die sich mir auf Befehl ihres Herrn in Bewegung setzen. Den mit großem Anfwande gedeckten Frühstücktisch schmückten die seltensten Treibhausblnmen. Mrs. Dalton wurde mit ihren Töchtern durch eine Reihe der schönsten Gemächer geführt; die Spiegel und Vergoldungen, schwerseidencn Vorhänge und Gemälde, a, In Watteau enthüllten einen solch' außergewöhnlichen Reichthum, daß es Lena beinahe schwindelte. Wie oft hatte sie sich dieses im Geiste ausgemalt und nun, wo es in Erfn/ung gehen und sie wirklich als Herrin hier weilen, und alle diese Schätze ihr zugehören sollten, konnte sie es nicht begreifen. Wie träumend ging sie einher. „Bitte, bestimmen Sie die Farbe, welche Ihnen am liebsten ist", sagte Lord Alphington, als sie im geräumigen Wohnzimmer beisammen standen. Wie ich sehe, müssen 722 diese Gemächer von Neuem eingerichtet werden,' mau soll sofort damit beginnen. Dieses Noth paßt nicht zu ihrer hübschen Erscheinung." Das neue Interesse schien den alten Herrn um mehrere Jahre verjüngt zu haben. „Wir nannten immer „blau" die Farbe Leua's", erklärte Mrs. Dalton. „Für ein Haus in der Stadt gefällt sie mir nicht; ich würde grün, ein mattes seegrün vorziehen. Das harmonirt besser mit der reichen Vergoldung und hebt alle Gegenstände", entgegnete Lena. Sie fühlte sich bei der Besprechung dieser Einzelheiten mehr zu Hause. Bertha betheiligte sich nicht an der Unterhaltung, sondern folgte schweigend den Uebrigen und betrachtete mit Vergnügen die reichen Kunstschätzc, die allenthalben ninhcrstanden. „Diese Räume habe ich immer benutzt, wenn ich in der Stadt anwesend war und ich gedenke sie auch ferner für mich zu reserviren", sagte Lord Alphington, eine Thür öffnend, welche zu verschiedenen Zimmern an der Hinterseite des Hauses führte. Das erste derselben schien die Bibliothek zu sein. Kaum hatten sie es betreten, als Lena plötzlich errathend ausrief: „O Bertha, sieh einmal hier!" Diese blickte nach der Richtung hin, welche ihre Schwester bezeichnete und fuhr überrascht zurück. Auch sie erröthete heftig, dann wurde sie leichenblaß und ihre Augen füllten sich mit Thränen. „Was gibt's, meine Damen?" frug Lord Alphington erstaunt. „Weshalb erregt das Portrait meines unglücklichen Sohnes dieses außergewöhnliche Interesse bei Ihnen?" Lena erlangte zuerst ihre Fassung /wieder; Bertha's Herz schlug stürmisch, sie durfte es nicht wagen, zu sprechen. „O, eigentlich ist es nichts", entgegnete erstere", „aber das Portrait gleicht Jemanden, den wir kennen, so auffallend, daß wir beide darüber bestürzt waren." „Wirklich, wer könnte das sein?" frug der Earl. „Vermuthlich meint Ihr St. Lawrence", schaltete Mrs. Dalton em. „Ja, jetzt, wo ich das Bild näher anblicke, muß ich auch gestehen, daß große Aehnlichkeit vorhanden ist, namentlich in den Augen; auch der Mund und das Kinn, sogar die Farbe des Haares ist ähnlich. Aber ich fürchte, Lord Alphington wird sich nicht sehr dadurch geschmeichelt fühlen", setzte sie mit etwas verlegenem Lachen hinzu. Es ist ein junger Künstler, ein Landschaftsmaler, den wir zufällig kennen lernten. Ich war genöthigt, mir seine Besuche zu verbitten; es muß irgend ein Geheimniß über ihm schweben und Mr. Faucourt sagte mir, er wünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen." „Ha!" stieß Lord Alphington hervor. Als er sich von der würdigen Matrone wegwandte, erblickte er im gegenüberliegenden Spiegel Bertha's Antlitz. Sie hatte sich etwas zurückgezogen. Ihre Wangen glühten und Thränen zitterten ihr in ihren Augenwimpern. Der Carl bemerkte, daß irgend etwas seinen kleinen Liebling, Bertha, traurig gestimmt habe und brachte selbst- verständnch den eben erwähnten Rainen damit in Verbindung. Gutherzig, wie er immer war, betrübte es ihn, sie unglücklich zu wissen; auch hatte er sie magerer und blasser gefunden, als da er sie zum ersten Male zu Larkspur gesehen. Er setzte kein großes Vertrauen in die Ansichten seines Enkels und daß der junge Maler dem Portrait seines Sohnes so ähnlich sei, interessirtc ihn lebhaft. Er wünschte ihn, dessen Name eine so heftige Erregung in der sanften Bertha hervorgerufen hatte, kennen zn lernen. „Ist der junge Künstler sehr talentvoll?" frug er Mrs. Dalton. „O sehr, wie ich glaube, obschon ich keine große Künstkenuerin bin." „Wollten Sie wohl die Güte haben, nur seine Adresse anzugeben? Ich wünsche, eine Landschaft für das Frühstückszimmer zu Alphington Park zu kaufen." Die gutmüthige Mrs. Dalton gab die gewünschte Auskunft mit großem Vergnügen; der Earl uotirte sie und sprach nicht weiter darüber. Bald nachher nahmen die Damen Abschied; sie bedurften einiger Stunden Ruhe, 723 UM sich auf den langersehnten Ball, welcher an demselben Abende zn Highgate stattfinden sollte, vorzubereiten. S e ch s u ndzw a u zi gstc s Capitel. Mrs. Dalton hatte sehr gehofft, auch für Mr. Faucourt eine Einladung zu dem Feste zu erhalten. „Ich bin überzeugt, Mrs. Newcoinbe wird es sich zur Ehre anrechnen, ihn bei sich zu sehen." Aber Lena wollte nichts davon hören; sie wünschte nicht mit diesem Bräutigam öffentlich zu erscheinen und war herzlich froh, ihn für die Zeit los zn sein. Der Gedanke, seine Artigkeiten vor aller Welt ertragen zu müssen, war ihr geradezu widerwärtig. „Er ist zu sehr Lebemann, um mir, wenn ich einmal seine Frau bin, mit seinen Aufmerksamkeiten lästig zu werden", vertraute sie ihrer Schwester an. „Auf alle Fälle werde ich sie dann nicht dulden und ich will die Langeweile, ihn jetzt immer um mich zu haben, nicht ausstehen, wenn ich es vermeiden kann. „O Lena, wie kannst Du so sprechen", war die vorwurfsvolle Antwort. Aber so bald Bcrtha weiter in sie drang, und ihre Befürchtungen in Betreff der Zukunft ans- sprach, wollte sie den Warnungen kein Gehör schenken. Die beiden Schwestern waren wie gewöhnlich in sehr verschiedener Toilette. Lena trug ein weißes Seidenkleid mit schönen echten Spitzen, welche noch von der Urgroßmutter Capitän Dalton's herstammten; sie hatte sich mit den Türkisen dem Geschenke Fauconrt's geschmückt und sich ebenfalls nicht geweigert, ein wundervolles Bonqnct von ihm anzunehmen. Den Kuß, mit dem er es ihr überreichte, hätte sie ihm freilich gerne erlassen. Bertha's Kleid war von weißem Mull, ihr einziger Schmuck bestand in einer dünnen goldenen Kette und einem Medaillon, welches Sir Stephan ihr zum Geburtstage geschenkt hatte. In der Hand trug sie einige hübsche eben im Garten gepflückte Nosenknospcn. Ihr liebes Gesichtchen, verklärt durch die zu erwartende Freude, bedurfte keiner wesentlichen Hülfe, um reizend auszusehen — zum wenigsten dachte so einer der dort Anwesenden, welcher mit Sehnsucht ihrer Ankunft entgegen gesehen. Während der Zeit, in welcher St. Lawrence und Donglas häufig zu Joy Collage verkehrten, waren sie auch mit den Freunden der Familie Dalton bekannt geworden und so hatten beide, da hübsche,, lebenslustige junge Leute bei solchen Gelegenheiten immer eine angenehme Zugabe sind,' eine Einladung zu dem Feste erhalten. Die Abwesenheit von Douglas wurde sehr bedauert, aber St. Lawrence stellte sich frühzeitig ein. Mrs. Newcoinbe bat ihn, ihrem Sohne beim Ordnen des Balles bchülflich zu sein und befestigte deshalb ein rothes Band in scineni Knopfloche; dies veranlaßte mehrere der Gäste, untereinander zn fragen, wer wohl jener vornehm aussehende Herr mit dem Bande der Ehrenlegion sei. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Dunkel sind Gottes Fügungen oft, d'rum dank' es ihm freudig, Wenn dir zuweilen ein Strahl himmlischen Lichtes sie zeigt. Paart sich mit klarem Verstand die Reinheit und Güte des Herzens, Spiegelt die Seele das Bild dessen zurück, der sie schuf. Wichtiger noch als was wir erlebten, ist, wie wir's erlebten, Ob es zum Rückschritt geführt, ob es uns weiter gebracht. Kannst du nicht reisen, nicht schau'u entlegene Lander und Meere, Tröste dich: Wo du auch weilst, bist du von Wundern umringt. F. Beck. 724 Ein Spaziergang in's Höllenthal bei Partenkirchen. Zu den von Fremden meistfrequentirtcn Gebirgsorten unseres bayerischen Vaterlandes gehört unstreitig auch Partenkirchen im schönen Wcrdcnfclserlande. In der abgelaufenen Saison war der Besuch des prächtig gelegenen Marktfleckens starker als je in den Vorjahren und ein Leben und Treiben herrschte in dem sonst so einsamen und ruhigen Plätzchen, wie wir es nur in den Hauptstraßen volkreicher Städte zu beobachten gewohnt sind. Auch früher schon und lauge bevor das heutige Partenkirchen in Folge seiner unvergleichlichen Umgebung wie ein Magnet auf die Sommerfrischler und Passanten des Nordens und Südens wirkte, herrschte ein reges Leben im Thale der Partnach. Hier hatten die Römer ein befestigtes Lager, I>artainrra geheißen, und noch heute bewundert der Freund des Alterthums und alterthümlicher Neste die letzten Spuren ihres Weges in's deutsche Land. In mittelalterlichen Tagen zog eine bedcutsnde Handelsstraße an Partenkirchen vorüber. Hier hielten, wenn mit reichen Schätzen beladen die Fuggcr und Weiser aus dem Welschlande heimkehrten, sie Einkehr und Nachtlager. Jetzt sind es nicht mehr die römischen Soldaten und nicht mehr die Handelscarawancn, welche den Markt bevölkern; und nicht die Interessen der Eroberung oder des Handels und Gewinnes führen in Partenkirchen jährlich so viele Menschen zusammen, sondern die Pracht der Berge, die frische Bergcsluft, das fröhliche Bergesleben, der Reichthum an Ausflügen ist es, der uns anzieht und fast mit unwiderstehlicher Gewalt verführt dein freundlichen Gebirgsorte unseren Besuch zu machen. Wir laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns einen Spazicrgang in's Höllenthal bei Partenkirchen zu machen. Nur wenige Fremde sind es, welche dasselbe besuchen. Wir wissen nicht, ist es schon die Furcht vor dem wilden Namen oder ein gelinder Schauder vor der Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit des Weges, der die Touristen veranlaßt, dem Großartigsten, was die Natur im Loisachthale bietet, keine Aufmerksamkeit zu schenken und ohne Beachtung an demselben vorüber zu gehen. Indeß haben selbst schon einzelne Damen das Höllenthal besucht und sie werden bezeugen, daß sie für die Mühen und Beschwerden des Weges, die gerade nicht übermäßig groß sind, reichlich belohnt worden sind. Es war ein schöner Augustmorgen, da wir in fröhlicher Stimmung durch grünen Wiesenplan dem uralten Dorfe Hammersbach zuwanderten. Das Auge entzückte der Anblick der schneebedeckten Zugspitze, der Königin der bayerischen Alpen, immer gleich großartig und unvergleichlich schön. Unmittelbar vor uns erhob der „Daniel" sein stolzes Haupt und erweckte süße Erinnerungen an den stillen, einsamen Eibsee. Und wie die Berge in ihrer riesenhaften Gestalt und Pracht fromme Gedanken an den großen, mächtigen Schöpfer wach riefen, so waren es die wogenden Aehrcn auf den goldenen Feldern und die bunten Blümchen auf den Wiesen, war es der reiche Gottessegen rings um uns, der an einen gütigen, barmherzigen Gott der Liebe uns erinnerte. Wir erreichen das Dorf Hammersbach, benannt nach einem frischen Gießbache, an dem es gelegen ist, mit einer Kapelle und den letzten Uebcrrestcn der Grundmauern der Herren von Hammersbach. Der Weg führt nun etwa eine halbe Stunde am Wasser hin und hat bei allen Naturschönheiten, die er bietet, seine kleinen Schwierigkeiten. — Zuerst heißt es mit Blühe und Schweiß einen steilen Berg hinanklimmen, um sodann wieder bis zur Tiefe des Hammersbaches hinabsteigen zu müsse». Hier schreitet der zarte Fuß über harte spitzige Steine und über Felsgerölle dahin und dort muß er fast in Schmutz und Lehmgrnnd versinken. Und jetzt, nachdem eine gute Strecke Weges hinter uns liegt, warnt eine Tafel wegen der Gefahren der Holztrift den Weg überhaupt zu betreten! Wer diese Gefahren nicht kennt oder in frevelndem Sinne, vielleicht auf den Spruch bauend, daß „kein Unkraut verderbe", den Weg zur Triftzcit betritt, er mag sehen, wie er zurecht kommt, wenn plötzlich aufgerichtetes Scheitholz den Weg versperrt und von der Höhe deZ Berges meterlange Banmstücke in unregelmäßigen hohen Sprüngen znr Tiefe und glücklicher Weise ihm nur vor die Füße stürzen. Das ist eine Gefahr des Lebens, die man nicht gering schätzen soll. Wir passirtcn znr Mittagsstunde, als eben die Triftkncchtc am Feuer sich ihre Kartoffel brieten und ihr Muß kochten, den gefährlichen Weg. Bewunderung und Staunen erregte die wilde Schönheit des Hannnersbaches an unserer Seite. Durch mächtige Felsblöcke, welche die Unwetter von den Höhen herabgetragen, hat er sich sein Rinnsal gebahnt. Dunkle Tannen und frische Lanbholzbäume beschatten den Weg. Viele Jahre sind über sie hinwcggezogen und wilden Stürmen und tosenden Winden haben sie Stand gehalten; nicht lange mehr und auch sie müssen der Axt der Menschen des eisernen Jahrhunderts weichen. Das sind prächtige Baumgruppcn hier und dort am Abhänge des Hochwaldes, alle werth, von dem Pinsel des Males verewigt zu werden. Wir meinen öfters in einem englischen Park zu wandern. Der Weg theilt sich und links führt ein Pfad znr Maxklamm, während znr rechten Hand ein nur mit Mühe zu findender Weg in vielen Krümmungen den steilen Hochwald hinanführt. Dies ist der Weg zum Höllcuthal, schön und reizend wegen der hohen schattigen Tannen und der tiefen Stille, ringsherum, aber auch beschwerlich, eilt echter „Bcrgsteig" mit all den Reizen und Unannehmlichkeiten eines solchen. Nachdem wir eine Viertelstunde den Waldweg hinangestiegen, lichtet sich mit einem Btal das Tanuengczwcig und der Wanderer sieht die riesighohe Felswand des Wachsensteins aus dem Thalgrund zum Himmel streben. In der Btitte der senkrecht abfallenden wild-romantischen Wand führt ein grüner Streifen mäßig empor. „Meine verehrte Gesellschaft, das ist der Weg, den wir passiren müssen." — Entsetzlich, schrecklich, um Gottes willen!" Solche Aufschreie des Schreckens aus Frauenmnnd unterbrachen die einsame Stille des Waldes. Selbst die Herren schauten verwundert und ängstlich hinauf zur steilen Wand und zum erschrecklichen Wege, der an derselben hinführt. Es kostete viele gute Worte und wir bedurften fast der Beredsamkeit eines alten Feldherrn um den allseits erlöschenden Muth wieder anzufachen. Nach wenigen Minuten standen wir vor der Wand selbst. „Dieser Weg ist eigentlich kein Weg", soll irgendwo in Sachsen geschrieben stehen. Auch hier wäre eine ähnlich lautende Warnungstafel am Platze. Denn dieser Felswcg ist kein Weg für all' Diejenigen, welche fürchten müssen, vom Schwindel befallen zu werden, ist kein Weg für angeheiterte, lustige Gesellen, kein Weg für Kinder und schwache kränkliche Personen. Diesen empfiehlt es sich, den Fclspfad nicht zu versuchen, sondern von hier den fast ungefährlichen Weg in's Thal von Grainau hinabzusteigen — denn der eben zurückgelegte Waldweg läßt sich wohl aufwärts, aber schwerlich abwärts machen — wenn sie es nicht vorziehen, sich hier auf's Sandgerölle zu setzen und auf demselben geradewcgs zum Hammersbache hinabzuführen, wie es schon Bergführer und andere kühne Touristen probirt haben. Daß sie hiebet Schuhe und Hose eingebüßt haben, brauchen wir nicht zn bemerken. Wir öffnen ein Weidengitter, das znr Abschlicßnng der Herden angebracht ist, und betreten den gefurchteren Felsenpfad an der Wachsensteinwand. Er ist eine Viertelstunde lang und '/z bis gut 1 in breit, ziemlich gut erhallen — das Wasser hat nur an einzelnen Stellen den Boden am Rande gelockert und führt gleichmäßig steigend den Berg hinan. Mit jedem Schritte wird die Wand unter uns höher. Ein prächtiges Panorama erschließt sich unserem Auge. Wir genießen einen herrlichen Einblick in'S Loisachthal. Tief zu unseren Füßen wälzt sich der Hammersbach schäumend und zischend durch sein enges Felsenbett, darüber hinweg erblicken wir saftiggrünc Wiefentriftcn, umrahmt von grünem Lanbholz. An den Abhängen hinauf liegen die dunklen Wälder. Hoch oben schauen die Bergriesen mit zackigen Felskronen geschmückt in die prächtige Landschaft, iv.lche Loisach und Parrnach gleich Silberfäden durchströmen. Partenkirchcn 72 , 6 , mit seiner gothischen Pfarrkirche und seinem lieblichen St. Anton liegt herrlich an dem föhrengrünen Eckenberg (Roßwank) gelehnt vor Miseren Augen. Darüber hinaus erhebt sich der gemsenreiche Krottenkopf aus dem Kranze der ihn umgebenden Berge majestätisch zum blauen Himmel. Wenn jetzt ein Wanderer den Weg am Hammersbache bis zur Maxklamm pasfirte und in der Nähe dieser auf erhabenem Punkte seinen Blick auf die Felswand richtete, auf welcher wir in schwindelnder Höhe langsam hinziehen, er wurde staunen und erschrecken ob unseres Wagnisses. In der That ist der Anblick der Wachscnsteinwand von der Tiefe aus schrecklich. Senkrecht abstürzende Felsen von entsetzlicher Höhe unterhalb des Weges, ohne jeden Halt für den gleitenden Fuß, ohne Ranken und Gesträuch für die blutende Hand, senkrecht aufsteigende, nackte Felsen oberhalb des Weges: das ist die Wachsensteinwand von der Tiefe betrachtet! Da wäre Niemand, der bei einem Unglücksfalle zu Hülfe kommen könnte, aber tiefe Klüfte und Höhlen hat das Wasser hier und dort in den Fuß der Felsen cingegraben — schauerliche Gräber für den stürzenden Menschen! Doch ist es droben nicht gar so schrecklich und nicht an Gräber und Moderluft denkt unser Sinn, wo rings Blnmcndüfic und Lcbcnsfrische und Lebenslust. Wo ist es denn noch so schön wie hier? Dann nur mag das Herz, auch des Kühnsten, Furcht und Beklommenheit befallen, wenn ein Gewitter in's Thal zieht und er vom Höllen- thal zurückkehrend an der Wnchsensteinwand vorüber muß. Furchtbarer und schrecklicher ist ein Gewitter nirgends wie hier an der Felswand. Erschütternd rollen die Donner, leuchtend fährt der Blitz zur Tiefe, mit grimmer Faust bricht der wilde Wettersturm die Föhren und Tannen im Thalgrnndc, wie Gießbäche sausen die Wasser von den Höhen nieder, Geröll und Fclsblöcke in ihrem Sturze mitfortrcißend. Wehe dem Armen, der nun an der Wand hinschreiten soll und es sich von den Felsen herab wie ein Wasserfall über sein Haupt ergießt. Zitternd und bebend schmiegt sich der Wanderer an die Steinwand und läßt die Wasser über sich hinweg in die Tiefe stürzen. Heute war ein herrlicher Tag und wie ein großer Baldachin wölbte sich der blaue wolkenlose Himmel über den Bergen. Muthig schritten die Herren auf dem trockenen Felspfade hin — eine einzige Stangentreppe war durch tropfendes Wasser schlüpfrig — und selbst die Damen schienen nicht mehr sehr ängstlich zu sein, wenn sie auch mit großer Behutsamkeit auf den Treppenstufen, welche an steilen Hängen in den Stein gehauen sind und die ihnen der kundige Führer zeigte, ihr Füßchen sehten. Viele Jahre ist's her, da soll auch eine Königin voll Liebreiz und Anmuth im schönsten Frühling des Lebens den gefährlichen Felspfad gewandelt sein: Ihre Majestät Königin M arie von Bayern. Furchtlos schritt sie den Weg dahin, nur an zwei oder drei besonders beschwerlichen Stellen, vertraute sie sich dein Rücken eines alten Waidmann's an, der ihr Führer war und sie sicher aus der Gefahr brachte. Wie glücklich der Mann war, und wie die Berge von seinen Jodlern wiederhallten! Der gefahrvolle Pfad ist glücklich überwunden. Auf sicherem Boden schreiten wir wie über grünen Wicsenplan. Graue Felsblöcke hat der Sturm an den Weg gesetzt. Brombecrstanden halten sie mit ihren Ranken dicht umschlungen. Aus den grünen Weideplätzen zwischen den alten Steinen und dem abgestürzten Gerölle suchen sich die Lämmer ihr Futter. Den ganzen Sommer bringen die Heerden auf der Alm unter freiem Himmel zu, auch beim ärgsten Unwetter eröffnet sich ihnen kein schützendes Obdach. Selbst noch höher droben, bei der Knorrhütte, triffst du die abgehärteten Thiere. Man erzählt sich sogar von einem Touristen, der in den fünfziger Jahren beim Besteigen der Zugspitze den Schafen Salz streute und bald von einer so grüßen Menge umringt wurde, daß er sich nicht mehr vor den Thieren wehren konnte, seinen Bergstock an ihren Kopsen zerschlug und sich nur mit Mühe und Noth auf einen hohen Felsblock flüchtete; die Schafe hätten ihn förmlich zerdrückt! 727 Nach einer halben Stunde waren wir im Höllenthal. Der Weg dorthin fährte an einer frischen Quelle vorüber, die einen ersehnten Labetrunk bot, dann steil hinab Zur Brücke der Höllenthalklamm. Wer vermag das Schauspiel zu beschreiben, das sich nun vor den Augen entfaltete? Man hat schon oft zwischen den landschaftlichen Schönheiten unseres Vaterlandes Bayern und der Schweiz einen Vergleich angestellt. Die Taminaschlncht in der Ostschwciz und die Schlucht des Tricnt im Canton Wallis bieten etwas Ueberraschendes und Großartiges, wie man es kaum zu ahnen wagt. Mit beiden jedoch kann sich die Schlucht des Hammerbaches, im Höllcnthal bei Partenkirchcn messen. Nur ist letztere noch zu unbekannt, noch zu weit vom Schienenweg entfernt, noch zu schwer und zu gefahrvoll zu besuchen. Das sind vergangene Zeiten, da täglich mehrere Dutzend Bergknappen den gefahrvollen Pfad am Wachsenstcin und die Brücke der Höllenthalklamm passirten, um hoch über derselben auf Silber- und Eisenerze zu innthen. Der Bergbau im Höllcnthal rentirte sich nicht, verlassen starren die Gruben von schwindelnder .Höhe nieder, verfallen sind die Schachte, verfallen und schlecht die Wege. Es mögen nur wenige Menschen sein, welche das aufgelassene Bergwerk besucht haben. Wird doch selbst das vordere Höllcnthal so selten besehen und noch nie hat unseres Wissens die Presse darauf aufmerksam gemacht. Und doch überragt die Höllenthalklamm an Schönheit und Großartigkeit, aber auch an Fülle von wilden und schaurigen Scenerien jede andere im bayerischen Gebirge. Wir stehen auf der breiten Brücke, welche hoch über dem Hammersbach die beiden Berge verbindet. Fast erschrecken wir, da wir einen Blick in die Tiefe werfen. Wie ein dünner Silbersaden schlangelt sich der Hammersbach fast 300 Fuß unter uns zwischen dem engen Felsbctte fort. Stellenweise verschwindet er ganz unseren Blicken. Der Leser wird sich denken: „Das ist nicht anders wie bei jeder Klamm!" Aber so tiefe, schauerliche Gründe und so riesig hohe Felsmasscn, wie sie hier zu den beiden Seiten der Höllenthalklamm senkrecht zum .Himmel starren, findest du nicht leicht mehr auf der Erde. Der Name „Höllenthal" ist so passend wie kein anderer. Besonders haftet das Auge an den größeren und kleineren Wasserfallen, welche sich von verschiedenen Höhen in die Klamm stürzen. Einer von ihnen, der größte, ragt durch besondere Schönheit hervor. Wie ein starker, fnßdicker Silberstrom quillt er aus dunklem Fels- grund und schickt in raschem Sturze dem Hammersbache sein Wasser zu. Dort ragt, wie von einer überirdischen Macht hercingcsetzt, ein colossaler FclSblock aus der Klamm empor, um den sich der tosende Gießbach wie im Halbkreise wälzt und an dem er sein Zerstörnngswerk seit langer Zeit mnthwillig ausübt. (Anita, onvni lagnäsrn. Bereits hat sich eine größere Höhle im Felsgrnnde gebildet. Wenden wir unseren Blick aufwärts und staunen wir die Schncemassen des „Hölle ufern er" an, welche die Mittagssonne mit prächtigem Glänze übergießt. Seit langen Jahren liegen sie droben, die Schncemassen, im Thale zwischen den hohen Bergen, und noch niemals hat sie der Sonne erwärmender Strahl gänzlich fließen gemacht. Vielleicht, daß unermeßliche Gründe unter dem weiß schimmernden Schnee sich ausdehnen. Das Panorama auf der Brücke der Höllenthalklamm ist großartig und schaurig zugleich. Wer es liebt, die Alpcnwelt in ihrer größten Schanerlichkcit sich anzusehen und Scenerien zu erblicken, welche selbst das Herz des kühnsten Touristen erzittern und fast das Blut in seinen Adern erstarren machen, der versuche es, den schlechten und gefährlichen Weg über die Brücke (bis zum Ende des Höllenthalcs ist es eine Stunde und darüber) weiter zu verfolgen. Was sind das für Pfade, die wir von der Brücke aus hoch oben an den Fels- i hängen erblicken? Sind jemals Menschen auf ihnen gewandelt? Das sind Wege, welche ! die Jäger begehen und auf welchen die Wildschützen mit Gefahr des Lebens den Gemsen ^ nachjagen und sich Beute suchen. Du siehst, daß zur echten Gemsjagd im Hochgebirge, bei welcher nicht die Thiere von den Treibern einige Schritte vor der Büchse vorbei- 728 gejagt werden, kernfeste und geistesgegenwärtige Männer gehören — »Jäger voll Schneid" — aber nicht in Pelz eingehüllte Sonntagsjäger. So treffend lautet ein „Schnadahüpfl": „Hcrunten leicht Inga d' erfrngst Auf Henna und Hasen und Fuchs: Wo drob'n aber 's Edelweis! wachst Da taugen die Mchrcrn halt nix." Todtenstille herrscht rings im Thalc. Kein Geier steigt znm Himmel, kein Flüe- vogel setzt über den Thalgrnnd. Erstarken scheint jede Vegetation zwischen den grauen Felswänden und mit den Thieren „schweigt der Menschen laute Lust." Es regt sich hier in uns „Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust." — So singt Eichendorff und er kennzeichnet treffend die Stimmung des Wanderers auf der Brücke der Höllenthalklamm. Der Rückweg von der Hölleuthalklamm bot keine besonderen Schwierigkeiten, auch der Felspfad an der Wachsensteinwand ward selbst von den Damen mit überraschender Courage genommen. Am Ende dieses gefährlichen Fclssteiges angelangt folgten wir dem Wege, der znr linken Hand in's Thal von G rainan führt und erreichten dieses in einer guten Stunde. Es ist ein prächtiger Spaziergang, meist durch dunklen, schattigen Wald führend, nur stellenweise etwas schmutzig und schlüpfrig. Die einzige schwierige Passage ist der sogenannte „Stangensteig", das sind 24 Treppenstufen, welche über einen Abhang steil hinabführen. Grainau ist ein anmnthigcs Dorf, prächtig im Thäte gelegen mit einer kleinen, armseligen und sehr der Restauration bedürftigen Kirche. Im Forsthause oder in der Behausung des Herrn Bcnefiziaten mag sich der Wanderer mit kühlendem Trunke stärken und sein Herz am Anblicke der Zugspitze erfreuen, die sich hier prächtiger wie anderswo vor dem Beschauer erhebt. Im Jahre 1820 wurde sie zum ersten Male bestiegen; jetzt stehen jährlich mehrere Hundert Personen — darunter auch einzelne Damen — neben dem eisernen Kreuze auf ihrem Gipfel. Ein Bergführer, Namens Koser, kann vielleicht schon im nächsten Jahre die drcihnndertste Besteigung der Zugspitze mit einen! Jubiläum begehen; Heuer war er 25 mal droben. Im milden Winter des vorigen Jahres soll sie öfters bestiegen worden sein. Die A nssicht von der Zugspitze ist großartig. Der Blick reicht von Kärnthen bis in die Schweiz, von der Donau bis an Italiens Grenze. Selbst den Einschnitt des Brennerpasses vermag das Auge Zu entdecken. In langen Reihen liegen die Tanren- kettc, das Stnbaigcbirge und die Ortlerkctte vor uns ausgebreitet. In der nächsten Umgebung liegt weißer Schnee, weiter hinab grüne Almen, dann Wiesentriften, durch welche sich die Flüßchen wie Silbcrfädeu schlangeln, sodann die weitausgedehnte oberbayerische Ebene, in welcher die blauen Seen wie große Gcnlianen erglänzen, rings um uns ein reicher Kranz von Bergen mit unzähligen Gipfeln und Zacken, über uns so nahe der wolkenlose, blaue Himmel! Bereits war es Abend geworden, da wir den Weg von Grainau nach Parten- kirchen zurücklegten. Wiederum lag ein unvergleichlicher Reiz über der Landschaft. Es ist ein Thal des Friedens und himmlischer Ruhe, durch das wir schreiten. Hier tönt noch das Posthorn, hier ist noch idyllisches Leben und Treiben zu finden, — wie lange noch? Vielleicht, daß auch hier bald der schrille Pfiff der Lokomotive anstatt des Jodlers des Alpensohnes ertönt! Aber dann ist's mit der halben Schönheit des Thales und mit der ganzen Poesie vorbei. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr-