»ur „Ängslmrger PostMnng." 92. Samstag, 17 . November 1883. Der Opalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Als Mrs. Daltoil St. Lawrence erblickte, fiel ihr ihre letzte Unterredung mit ihm ein, und befangen ging sie mit einer stummen Verbeugung an ihm vorüber. Er erwiderte ihren Gruß mit demselben mitleidigen Lächeln, dessen Sinn sie sich nicht zu deuten wußte. Lena blieb stehen und reichte ihm die Hand. Sie glaubte kein Wort von den Andeutungen ihres Verlobten und um St. Lawrence zu treffen, hatte sie darauf bestanden, diesem Balle beizuwohnen. Er werde sie selbstverständlich sofort um den nächsten Tanz bitten und sie erwartete, ihn in 'völliger Verzweiflung über ihre bevorstehende Vermählung zu finden und deshalb wollte sie ihm ein Andenken, vielleicht eine Rosenknospe aus ihrem Bongnct schenken; diese werde er gewiß als seinen größten Schatz aufheben und im Stillen darüber weinen. Aber zu ihrer größten Ueberraschung geschah nichts dergleichen. St. Lawrence drückte ihr freundlich die Hand ohne sie jedoch zum Tanze aufzufordern; er machte einige gleichgültige Bemerkungen, aus denen Lena sogar schließen mußte, daß ihr Erscheinen nicht die leiseste Gemüthsbewegung hervorgerufen habe, und dann wandte er sich an Bertha mit der Bitte um die nächste Quadrille. Lena fehlte es nie an Tänzern, sie war wie immer die gefeierte Schönheit der Abende und die Huldigungen, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden, befriedigten für den Augenblick ihre Eitelkeit und machten die herbe Enttäuschung schneller' vergessen. Mrs. Daltoil war nicht ungehalten, als sie Mr. St. Lawrence und Bertha zusammen erblickte; letztere konnte gewöhnlich nicht so viele Tänzer aufzählen als ihre Schwester, und so war nach Ansicht der Mutter dieser doch besser als gar keiner. Unter solchen Erwägungen breitete sie ihre Moire-Autikrobe aus, warf die Spitzenbärben der Haube zurück, nahm den Fächer zur Hand und saß nun in Bereitschaft, um die Gratulationen wegen der glänzenden Versorgung ihrer ältesten Tochter in Empfang zu nehmen. St. Lawrence und Bertha sprachen wenig während des ersten Tanzes; das Glück endlich wieder einmal zusammen zu sein, genügte ihnen. Wie sie dort neben ihm stand, den leisen Druck seiner Hand verspürte, und seine Augen mit zärtlichem Blicke auf ihrem Antlitze ruhen fühlte, da drängte sich ihr das beseligende Bewußtsein auf, daß sie geliebt werde, und in ihrem sanften Erröthen, den niedergeschlagenen Augen, dem leisen Beben der kleinen Hand, glaubte St. Lawrence untrügliche Zeichen zu gewahren, daß er hoffen dürfe. — „Sie geben mir auch den folgenden Walzer?" sagte er, sich zu ihr neigend, nachdem er ihre Bitte erfüllt und sie zu einem Stuhle geführt hatte. „Den nächsten wohl nicht", erwiderte Bertha lächelnd; zu gleicher Zeit schaute sie zu ihrer Mutter hinüber und. bemerkte, daß diese sie beobachte. „Glauben Sie, die „verfassungsmäßige Behörde" werde Einspruch erheben?" frug 736 er, der Richtung ihrer Augen folgend. „Dann sagen Sie mir für später einen Rund- tanz zu, Sie dürfen mir das nicht verweigern." Mit diesen bittenden Worten nahm er ihre Ballkarte und schrieb seinen Rainen hin. Bertha nickte zustimmend. Jetzt müssen Sie aber gehen", kündigte sie ihm an, die Pflicht ruft Sie." „Vorerst sagen Sie mir noch eins. Wird Fanconrt diesen Abend hierher kommen?" „Nein." Die Bemerkung, daß Lena seine Begleitung nicht gewünscht habe, schwebte ihr auf den Lippen, doch unterdrückte sie dieselbe. St. Lawrence schien ihre Gedanken errathen zu können, denn er fuhr in leisem Tone fort: „Es wird Ihnen räthselhaft erscheinen, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr es mich freut, daß das Herz Ihrer Schwester bei dieser Verbindung nicht bethcittgt ist." „Sie erschrecken mich", erwiderte Bertha ebenso leise. „Leider kann ich dies nicht verhindern und ich darf mich augenblicklich nicht deutlicher aussprechcn. Würde es Sie persönlich betrüben, wenn sich irgend etwas ereignete, wodurch diese Verlobung abgebrochen werden müßte." „Persönlich nicht", entgegnete Bertha, noch mehr beunruhigt. „Meine frühere Abneigung gegen Mr. Fanconrt, und Sie wissen, wie heftig diese war, habe ich, wie ich Ihnen wohl eingestehen darf, bis jetzt noch nicht überwunden. Doch Sie müssen wirklich gehen. Mrs. Newcombe schaut nach Ihnen aus." „Gott sei Dank, daß Sie doch in keinem Falle darunter leiden werden", flüsterte er ihr erleichtert zu und eilte dann zur Thüre, um die angekommenen Gäste in Empfang zunehmen und ihnen ihre Plätze beim Tanze anzuweisen. Berthablieb im höchsten Grade bestürzt allein zurück. Später bat St. Lawrence auch Lena um einen Tanz, aber ihre Karte war vollständig besetzt — er empfing diese Nachricht mit Aerger erregender Gleichgültigkeit. — Bertha tanzte mehrere Male; doch noch öfter zog sie es vor, während des Tanzes plaudernd sitzen zu bleiben. Es war ihr nicht möglich, gleich Lena ohne Aufhören zu tanzen. Endlich erschien St. Lawrence und bat um den, versprochenen Walzer. In ihr besorgtes Antlitz blickend, sagte er ihr, während er den Arm um ihre Taille legte, leise: „Fassen Sie Muth-— ich hoffe, daß Alles zum Besten gereichen wird." Verschiedene deutsche Walzer, welche eigens für Liebende componirt zu sein schienen, wurden an diesem Abende gespielt. St. Lawrence und Bertha schwebten bei den herrlichen Klängen einher, Alles, außer dem Glücke des Augenblickes vergessend. „Wenn es Ihnen angenehm ist, machen wir einen kleinen Spaziergang; der Garten ist wirklich reizend im Mondenscheine. Oder fürchten Sie sich?" frug St. Lawrence. , „O nein, ich neige nicht zu Erkältungen." Als sie durch eines der großen Bogenfenster auf die Terrasse hinaustraten, nahm er einen Shawl, welcher über der Brüstung hing, ohne sich weiter zu erkundigen, wem er zugehöre, hüllte seine Tänzerin hinein und führte sie die Stiege hinunter in den Garten. Dort standen mehrere Gruppen scherzend und lachend beisammen. St. Lawrence geleitete Bertha zu dem hübschen Laubengange; hier befanden sie sich allein. Der Mond ergoß sein silbernes Licht durch die Bäume; das Murmeln der Stimmen und der Klang der Musik drang gedämpft zu ihnen hinüber. Während des Gehens unterhielten sie sich über verschiedene Gegenstände, Bertha sprach in einem fort, als ob sie befürchte, baS Gestänbntß, nach welchem sie doch so sehnlichst verlangte, zu hören. „Ich muß Ihnen noch einen merkwürdigen Zufall erzählen. Wir waren heute Morgen zu Magnus Square, Lord Alphington wünschte Lena's Ansichten in Betreff der neuen Einrichtung zu erfahren. Als wir in's Bibliothekzimmer eintraten, fuhren meine Schwester und ich überrascht zurück. Neben dem Kamine befand sich ein lebensgroßes Portrait; ich hätte es für das Ihrige gehalten, so auffallend ist die Ähnlichkeit." Bcrtha fühlte, wie der Arm, auf welchen sie sich lehnte, zusammen zuckte und mit befangener Stimme frug St. Lawrence: „So, wessen Portrait war es?" «Dasjenige seines unglücklichen Sohnes, sagte uns der Carl. Vermuthlich des jüngeren, welcher nach Amerika ging." „Wahrscheinlich", bestätigte St. Lawrence, und dann schwiegen beide eine Zeit lang. Diese Stille kam Bertha bedeutsam vor und sie suchte nach einem neuen Thema zur Unterhaltung. Jedoch war es St. Lawrence, welcher zuerst das Wort ergriff. „Sie haben gewiß gehört, welcher Art die Unterredung war, die ich mit Mrs. Dalton bei meinem letzten Besuche zu Joy Collage hatte?" „Etwas hörte ich davon, aber Mr. St. Lawrence, bitte, denken Sie nur nicht, ich habe das Mindeste von dem, was gesagt wurde, geglaubt!" . Der Ton, mit welchem sie, sich selbst unbewußt, dieses versicherte, traf das Herz ihres Zuhörers. Er blieb stehen, ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr fragend in's Gesicht; sie bebte vor Erregung. Der Ausdruck dieser scheuen, flehenden Augen war nicht mißzuverstehen. „Bertha!" rief er, ihre Hände festhaltend und sie an seine Brust drückend aus: „Willst Du mein sein? Ist es wirklich so, soll ich glücklich werden?" „Ja", sagte sie weich — „für immer die Deinige, wenn Du willst." „O mein holdes, süßes Lieb", jubelte er voller Entzücken, als er ihre geflüsterten Worte vernahm und zog Bertha sanft zu sich heran. „Aber bedenke wohl, was Du thust", setzte er nach einem kurzen Augenblicke hinzu. „Weißt Du auch, daß es mir vielleicht nie möglich sein wird, den Namen, welcher mir rechtmäßig zukommt, anzunehmen und ich dann nicht im Stande sein werde, mich von dem bösen Verdacht zu reinigen? Und wenn ich genöthigt wäre, von hier fortzugehen, ein entmuthigtcr Mann, obschon nicht durch eigene Schuld?" „O Eustace", lispelte Bertha, den Kopf an seine Schulter lehnend, „was liegt mir daran!" „Nun, dann mag es kommen wie es will, mir gilt es gleich." Er beugte sich zu ihr nieder nnd drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen. Wie lange sie dort draußen verweilten, wußte Keines von Beiden; Bertha wurde sich zuerst bewußt, daß die Zeit rasch verflogen sein müsse und mahnte zum Aufbruch. Mrs. Dalton hatte ihre jüngere Tochter vermißt; das Souper war zu Ende und noch immer erschien sie nicht. „Wo in aller Welt hast Du gesteckt?" frug sie, als Bertha endlich zu ihr hintrat „nnd wie erhitzt Du bist — Du siehst ja ganz erregt aus." „Findest Du, Mama? Ist es nicht bald Zeit, nach Hause zu fahren?" „Das hängt von Lena ab, ob die damit einverstanden ist. Wenn Du auch keine Tänzer hast, so halte ich es doch nicht für nöthig, deshalb ihr Vergnügen abzukürzen. Du glaubst nicht, wie viele Glückwünsche ich heute Abend wegen ihrer baldigen Ver- heirathung in Empfang genommen habe. Es war ein wahrer Triumph." Bertha erinnerte sich der geheimnißvollen Worte ihres Bräutigams nnd ein Vorgefühl kommenden Unglücks tauchte in ihr auf. Schweigend nahm sie neben ihrer Mutter Platz und obgleich sie nicht mehr tanzte, bemerkte Mrs. Dalton doch nichts Außergewöhnliches an ihr nnd ehe Lena sich zum Fortgehen bereit erklärte, hatte sie ihre äußere Fassung ivieder erlangt. Beim Abschiede fand St. Lawrence eine passende Gelegenheit, nochmals Bcrtha's Hand zu drücken; doch begleitete er sie nicht bis zum Wagen, aus Furcht, ihr einen Tadel zuzuziehen. Er wollte selbst den ersten heftigen Vorwürfen der Mrs. Dalton 732 entgegentreten, sein Geständnis; ablegen nnd sie gleichzeitig bitten, ihr Urtheil über ihn zu ändern. Sieben unbzwan zig st es Capitel. Der Tag so voller Aufregung für Lena, voll unaussprechlichen Glückes für Bcrtha, erwies sich für John, den Vertrauensmann Faucourt's, als ein Tag größter Geschäftigkeit. Er hatte Perkin's versprochen, sich nach dem Befinden der Mrs. Lemont zu erkundigen und so bald sein Herr weggeeilten war, machte er sich auf den Weg zum Landhause hin. „Ich werde sehr spät zurückkommen", sagte Fancourt, nachdem er 4>as Pferd bestiegen. „Zu befehlen, Sir. Dann haben Sie vielleicht nichts dagegen, wenn ich mich in eigener Angelegenheit zur Stadt begebe." „Lauf meinetwegen zum Henker, nur mußt Du bei meiner Rückkunft wieder hier sein", lautete die freundliche Erwiderung. „Danke schön, Sir", sagte John mit gewohntem Lächeln. Die Hände in der Tasche schlenderte er zur Villa hin. Eliza, das Kammermädchen öffnete ihm die Thüre. „Wie geht es Ihnen, meine Liebe?" frug John. „Doch das ist wohl eine überflüssige Frage; Sie sehen so blühend und rosig aus wie das Band Ihres hübschen Morgcnhäubchens." „Ha, Mr. John, welchen Unsinn Sie reden", schmunzelte Eliza. „Wollen Sie nicht eintreten?" „Nein, jetzt nicht, ich rief nur eben an, um mich nach dlnn Befinden Ihrer Herrin zu erkundigen, Mr. Perkin's sagte gestern sie sei unwohl." „Heute geht es ihr noch viel schlechter; nach dem Frühstücke wurde sie sehr elend und bis jetzt ist es noch nicht besser mit ihr." „War der Arzt nicht hier?" „Mr. Faucourt meinte, ihr Unwohlsein sei nicht von Bedeutung." „Ah so. scann ich Ihnen etwas in London besorgen? Vielleicht einen Auftrag an den Hcrzensschatz?" „Haha, was Sie für ein Mann sind'." kicherte Eliza. Ob sie aber eine derartige Bestellung zu machen habe, blieb ungewiß, da das Zwiegespräch durch Mr. Perkin's Hinzutreten unterbrochen wurde. Eliza zog sich in's Haus zurück. Perkin's sah sehr gcheimnißvoll aus; er nahte auf den Fußspitzen und blintzelte fürchterlich mit dem linken Auge. „Ich habe ihn", flüsterte er, „er kam diesen Morgen." „Wer denn?" frug John mit vortrefflich geheucheltem Erstaunen. „Nun, ein Brief von jenem Mr. Pierre", antwortete er, vorsichtig um sich schauend. „Hier ist, was Sie gerne haben wollten." Er zog ein zerknittertes Stückchen Papier, auf welches ein Name gekritzelt war, aus der Tasche. John nahm es gleichgültig in die Hand und sagte, den Streifen einsteckend: „Ah so, der Poststempel, wie ich sehe, jetzt erinnere ich mich. Ich habe mit Bedauern gehört, daß es Ihrer Herrin heute Morgen noch nicht besser geht." „Ganz und gar nicht", entgeguete Perkin's trocken. Daß seine Mittheilung scheinbar mit so wenig Interesse aufgenommen wurde, hatte ihn verletzt. > Auf die Uhr blickend sagte John: „Ich muß mich aus den; Staube machen, ich habe mir Urlaub genommen, um zur Stadt zu fahren. Morgen gedenke ich mich wieder nach dem Befinden hier zu erkundigen." „Thun Sie das. Mr. Faucourt wollte noch heute Abend anrufen. Er müsse durchaus zur Stadt, betheuerte er meiner Herrin." „Jawohl, diese Versammlungen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Leben Sie wohl und pflegen Sie sich gut; brave Leute sind selten geworden auf der Welt." „Verlassen Sie sich darauf", lachte Perkin's aus vollem Halse. „Ich werde es 733 mir an nichts fehlen lassen." Seine breite Gestalt füllte ungefähr den Thorweg aus. „Nein, nein, da sind Sie viel zn schlan zu — eh, Mr. Perkin's, guten Morgen!" John ging eiligst von danncn und sein Freund blickte ihm, vergnügt ein Liebchen pfeifend, nach. John hatte schon am frühen Morgen nach dein kranken Hunde gesehen, jetzt kehrte er znm Wirthshanse zurück und wartete eine günstige Gelegenheit, wo sich Niemand in der Nähe befand, ab; dann nahm er Jnno auf seine Arme, trug sie nach dem Stationsgebäude und fuhr mit dem ersten Zug nach London. Dort angekommen, bestieg er eine Droschke und hielt mit dem armen kranken Thiere an einem Hanse, auf welchem der Name: „Cornelius Fergns, Thierarzt" in goldenen Buchstaben zu lesen war. (Fortsetzung folgt.) Das Münchener Faust-Drama von 177», ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sceber.) I. Es werden bald dreihundert Jahre, seitdem das erste Faust-Buch die einzelnen Sagcnzüge von Doctor Faust zu einem Ganzen vereinte. Der Frankfurter Buchdrucker Spieß veranstaltete 1587 die erste Ausgabe. Mit reißender Schnelligkeit verbreitete es sich über Deutschland und in Nachdrucken und Uebcrsctzungen über ganz Europa. Die krankhaften Ideen der Zeit fanden darin ihren Ausdruck; der Titanentrotz des Alterthums, der neuen Zeit überströmender Drang nach Erkenntniß und Genuß kamen zum Worte. Die erste Dramatisirnng der Sage ging von England aus. Der kaum 25jährige Marlowe war es, der sein Genie an dem riesenhaften Stoffe versuchte, sowohl weil er fühlte, wie viele fruchtbare dramatische Ideen darin keimten, als weil er — wie später Goethe — sich selbst, seine eigene innere Zerrissenheit in Fünftens Bilde spiegeln konnte. Marlowe's Dichtung hatte ungeheuren Erfolg; schon 1588 erschien eine englische Faust- Ballade, das Drama selbst erlebte Auflage auf Auflage, und jede neue Ausgabe erhielt mannigfache Zusätze. Durch die englischen Komödianten scheint Marlowe's Faust auf die deutsche Bühne gebracht und so der Grund znm Volksschauspiele gelegt worden zn sein. Beliebt wie kaum ein zweites Stück, ging „Faust" über alle deutschen Bühnen. Zwar wechselten im Laufe der Jahrhunderte Hülle, Ton und Farbe des Drama's; locale Beziehungen, Zusätze, Umgestaltungen nahmen überhand, aber der Kern blieb derselbe. Am tiefgreifendsten waren wohl die Veränderungen, welche der italienische Einfluß durch die Wiener Komödie in der Dramatisirnng der Faustsage hervorrief: ich meine die enge Verbindung der komischen und tragischen Scenen. „Hierdurch wurde in die alte Fanst-Komödie ein ganz neues Moment hineingetragen: der lustige in seiner Beschränktheit behagliche Hanswurst trat in einen parodiftischen Gegensatz zn dem hiinmel- anstrebendcn Faust. ... Es entstand eine Fülle von neuen Situationen, in denen Hanswurst bald seine eigene hausbackene Weisheit dem kühnen Fluge der Gedanken Fanst's entgegenstellt, bald auch auf seine Art sich mit unheimlichen Höllenmächten auseinandersetzt, mit denen er bei all' seiner Beschränktheit besser fertig wird, als der gelehrte Professor." °) So verändert fand Goethe den Sagcmtofs, den er zn seine»: großartigsten Gedichte gestaltete, und manche räthselhafte Züge seines Faust werden klar durch die Begleichung des Volksschanspieles. Diese Beziehung rechtfertigt das Interesse, das man seither der Erforschung der Pnppenspiele zugewandt hat, welche aus dein alten Volks- i) Vergleiche W. Crcizcnach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspicles vom Doctor Faust. Holle o. d. S. 1878. L>. 44 fg. H l b. S. 108 fg. 734 schauspiele vom Doctor Faust hervorgegangen sind. Unter diesen sind wohl das Ulmer, Augsburger und Straßburgcr Puppenspiel die wichtigsten. In seinen „Schildereien aus Tirol" erwähnt Jgnaz Ziugerle ein Tiroler Faust-Drama, dessen Handschrift ans den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt. Weicht schon dieses Stück von dem alten Volksschauspiele bedeutend ab und zeigt es den Einfluß des Kunstdrama's, so ist dies noch mehr der Fall mit der Faust-Tragödie, mit der wir uns zu befassen haben. Auf einer Ferienreise durch das Pnsterthal kam ich in den Besitz mehrerer handschriftlichen Volksschauspiele, worunter sich neben dem Faust-Drama eine „Genovefa", ein „Samson", ein „Aegyptischer Joseph", eine „Maria Stuart", ein „Otto von Wittels- bach", eine „Nothburga" und dergleichen vorfand. Das specifisch tirolischc Interesse fand seine Rechnung in dem „Allgemeinen Landsturm in Tirol, oder: Die Flucht der Franzosen"; und damit die Würze nicht fehle, hatte sich ein Kotzebue in das Repertoire verirrt. Die Bretter, welche sonst die Welt bedeuten, waren diesmal nur von Wichtigkeit für die Bewohner eines Dörfchens, Namens St. Georgen, das nördlich von Bruncck am Eingänge des Taufererthales liegt. Der „Kachlerwirth" daselbst hatte seine Scheune als Muscutempel adaptirt, die Bauen: theilten sich in die Rollen, und die Weiber und Kinder bildeten das kritische Publikum. Noch jetzt wissen alte Leute wunderbare Mären zu erzählen von all' dem verschwundenen Zauber an Costnmen und Dekorationen, die zur Verwendung kamen. Es war die schöne Zeit, wo das Volk in Folge der feindlichen Invasionen die höchste Lebenskraft nach Außen und Innen entwickelte. Während die blutigen Schauspiele am Berg Jscl und im Her-zcn des Landes gespielt wurden, erhob und ergötzte man sich am Bühnenspiele. Wann dieses „Theater" einging, ist mir unbekannt; .sicher ist, daß 1823 hier noch gespielt wurde. Die meiste Anziehung scheint unter den „Schauspielen" die Faust-Tragödie geübt zu haben. Auf dem Umschlage des mir vorliegenden Manuskriptes' hat eine Bauernhand es nicht versäumt, die Bemerkung zu machen: „Dises ist ein schenes spihl." Das Interessanteste an diesem Faust-Drama ist aber der Umstand, daß es bis auf geringfügige Abweichungen wortwörtlich übereinstimmt mit dem sogenannten Münchener Drama des Jahres 1775, das K. Engel 1877 neu herausgab und das nun in zweiter Auflage erschienen ist. Der Autor des Münchener Drama's ist bis zum heutigen Tage unbekannt; ich hoffe aus dem mir vorliegenden Manuskripte nachweisen zu können, daß der Verfasser wahrscheinlich ein Tiroler ist. Bevor wir jedoch an die Beweisführung gehen, wird es die Leser dieses Blattes interessiren, den Inhalt unseres „Faust" kennen zu lernen. Zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem Faust den Bund mit dem Bösen geschlossen. Er ist geehrt als mächtiger Zauberer, alle Genüsse der Welt stehen zu seiner Verfügung; er hat sie durchgekostet, aber unbefriedigt wendet er sich ab. Indessen der Teufel besteht auf seinem Schein, heute noch will die Hölle ihr Opfer haben. Faust sieht mit Entsetzen das Schreckliche seiner Lage. Noch einmal klammert er sich mit der ganzen Energie seiner Natur an's Leben an, er hofft auf Rettung und er kann gerettet werden; denn der Himmel hat ihm einen guten Engel gesandt, Jthnriel, der als treuer Diener sein Vertrauen sich erworben. Vor unseren Augen entspinnt sich der heiße Kampf um Fansten's besseren Theil, den Mephistophcles kämpft, indem er sich mit den Leidenschaften des Unglücklichen verbindet; Jthnriel, indem er sich auf die wenigen schwachen Keime des Guten stützt, die F§nst noch geblieben. Wer wird siegen? Im ersten „Auszuge" werden wir in den Palast des Zauberers geführt. Es ist °) Innsbruck, Wagner, 1877. S. 48. fg. „Johannes Faust". Ein allegorisches Drama, gedruckt 1775, ohne Angabe des Verfassers, und ein württembergischcs Textbuch desselben Drama's rc., herausgegeben von K. Engel. Zweite Auflage. Oldenburg (Schulze'sche Hosbuchhandlnng). Morgen. Faust befindet sich noch in seinen-! Schlafgemache in Unterredung mit Jthnriel, der rasch sein Vertrauter geworden. Im Vorzimmer stehen und spielen Musikanten. Faust's Kammerdiener, Wagner, geht ungeduldig auf und ab und pcrwünscht Jthuricl, „den jungen Lasten", der ihn um seines Herrn Gunst gebracht — doch sei „das Lustspiel" ohnedem zu Ende. — Während er noch raisouuirt, kommen Faust's Eltern, Theodor und Elisabeth. Die einfachen Leute haben von ihrem Sohne gehört, daß er ein großer Herr geworden, und wollen ihn noch einmal sehen. Wagner weist sie ab, hier wohne ihr Sohn nicht. — Nun wird der Komik ihr Recht. Es treten ziemlich rasch nacheinander drei prächtige Charakterfiguren auf: Dounerschlag, Spürans und Emilie, die alle Drei die Hülfe des Zauberers in Anspruch nehmen wollen. Der Erste ist ein alter Offizier, ein wahrer Eisenfresser, den die Gicht quält. Er glaubt jedoch, sein Mädchen habe ihn aus Eifersucht verhext. Wagner, der sich dem barschen Soldaten gegenüber nicht aufzublähen wagt, wie sonst, möchte auch hier seine „Wiukelhexemneisterei" treiben und windet sich nicht übel aus der Affaire, indem er unter Anderem dein Gicht- lcidenden räth, einen Monat lang kein Wort zu reden, sein Lebcnlang nie mehr zornig zu sein und so fort. Ergötzlicher wird die Scene, so bald auch Spürans auftritt. Der ist Poet und nebenbei zum so und so Welten Male Bräutigam; doch hat er einen „Natur- fehler", den der Eifersucht. Er wünschte daher von Faust die Kunst zu lernen, sich unsichtbar zu machen, um so seine Braut überall beobachten zu können. Wagner vertröstet ihn auf die nächste Woche: „Wir haben jetzt einige Regimenter Soldaten über den Hals, die sich alle an der Grenze unsichtbar machen wollen. Sobald dies geschehen, wird man an Sie denken." Spürans will sich damit zufrieden geben; da begegnete er in der Thüre seiner Braut Emilie — „einer alten Jungfer". Gegenseitige Verlegenheit!" Endlich rückt auch diese mit ihrem Anliegen heraus: „Es hat mir eine Zigeunerin in meiner Jugend die Nativität gestellt, daß ich einst die Liebste eines gekrönten Hauptes sein soll." Hierüber wünscht sie Aufklärung. Wagner weiß sich zu helfen: Spürans ist xoeta. lanroatns, somit — wenn auch „in »snsn latmonno" — ein gekröntes Haupt, die Prophezcihnng ist erfüllt. Die Beiden ergeben sich in ihr Schicksal und Wagner erhält seine „Sporteln". » Faust erscheint mit Jthnriel und weist den „Vicezanbcrer" mit den Mnükanten weg. Im folgenden Gespräche weiß der gute Engel Faust, dem an Allem ekelt, durch den Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit mit neuer Hoffnung zu erfüllen. Schon ist er halb bereit, Jthuricl zu folgen und durch ein bußfertiges Leben seine Sünden zu sühnen, da tritt seine Geliebte, Helene, mit seinem und ihrem Sohne Eduard hemmend dazwischen. Durch ihre Thränen weiß sie ihn hinzuhalten, der gute Engel weicht für eine Zeit und der böse macht sich an Faust. Ein echter Satan, erschüttert Mephistophelcs Faust's schwache Hoffnung auf die Gnade des Himmels. Wäre Gott barmherzig, dann könnte es nicht so viel Uebel auf Erden geben. Wie er also den Menschen während des Lebens zum Narren habe, thue er es auch nach dein Tode. „Folge mir, bei uns trittst du in die feierlichen Rechte erhabener Geister: du sollst frei denken!" Unterdessen möge er noch in vollen Zügen aus dem Strome der Luft trinken und so hier und dort seinen Willen haben. — Das alte Zauberwort der Schlange von der Freiheit und dem Genusse thut wieder seine Wirkung. Der ohnedem schwankende Faust schließt sich auf's Neue dem Geiste der Finsterniß an: die erste Gnadenfrist ist verstrichen. (Schluß folgt.) Goldkörncr. Größer als die der Natur und Kaust sind die Wunder der Gnade; Fühlbar umgeben sie dich, öffnest du ihnen dein Herz. Flüchtig entschwinden der äußeren Welt buntfarbige Bilder, Aber die innere bleibt, hältst du im Geiste sie fest. F. Beck. 736 Miscelleit. (Am Hofe König Friedrich Wilhelm I.) war Schmalhans bekanntlich Küchenmeister. Der Königliche Tisch — so theilt man uns niit — kostete monatlich 1000 Thaler, eben so viel die Kellerei, die Bekleidung der Hofbcdientcn und der Mar- stall. Wenn der König Gelder auslieh, so überzeugte er sich genau, ob sie auch sicher standen und ließ sich 4 Prozent Zinsen zahlen. Auch seine Umgebung hielt der König außerordentlich zur Wirthschastlichkeit an. Die Königin erhielt jährlich nur 80,000 Thaler, wofür sie ihren Hofstaat bestreitcn, die Prinzcssincn unterhalten und selbst ihren Gemahl, sowie alle Kinder mit Kleidern und Wäsche versorgen mußte. Charakteristisch für die Sparsamkeit des Königs ist die folgende Anekdote: Am letzten Tage seines Lebens ließ sich der Monarch an ein Fenster bringen, von wo aus er seinen Marstall übersehen konnte, befahl alle seine Pferde herauszuführen und bat den anwesenden Fürsten von Dessau und Herrn v. Hacke, daß Jeder sich ein Pferd auswähle. Nachdem Beide das gethan, befahl er, daß die Bedienten den Pferden auch Reitzeug auflegten. Als aber eines der Pferde auf einer gelben Schabracke mit einem blauen Sammetsattel versehen wurde, ärgerte diese Verschwendung den König derartig, daß er empört ausrief: „Ach, wenn ich nur gesund wäre, ich wollte die Kerle derb abprügeln. Geh er doch hinunter, Herr v. Hacke, und prügle er die Schurken!" Dagegen überwies der König vor seinem Ableben 100,000 Thaler an die Berliner Armen. (Immer gerecht.) Als der berühmte Komponist Händel die Hauptprobe seines trefflichen, aber in einzelnen Theilen äußerst schwierigen Tedenms. zur Feier des Utrechter Friedens veranstaltete, rief er vor deren Beginn in dem ihn charakterisirenden Eifer: „Ein Schuft, meine Herren, wer einen Fehler macht!" Das eigene Werk aber, das er bis jetzt noch nicht so vollständig besetzt und in so vorzüglicher Durchführung gehört begeisterte ihn so, daß er am Schlüsse eines Satzes, sich selbst und die ganze Umgebung vergessend, versäumte, das Zeichen zum Beginn des folgenden Satzes zn geben. Der Vorspielcr erlaubte sich endlich, ihn daran zn erinnern. Händel fuhr aus seiner Verzückung empor und rief strahlenden Blickes: „Meine Herren, der Schuft war ich!" (Ein Stammbuchvers.) Während der WeMarschen Glanzperiode erschien ein fader livländischcr Edelmann, Namens von Goren, daselbst, um sich von den literarischen Heroen Denksprüche auszukitten. Er besuchte nacheinander Wicland, Schiller und Goethe, und der Erstere schrieb ihm auf sein dringendes Verlangen um einen Beitrag endlich die Worte ins Stammbuch: ' Die Erde ist ein Jammerthal Wieland. Schiller schrieb darunter: Von Gauklern und von Thoren Schiller. Worauf Goethe vollendete: Worunter Sie der größte sind, Mein lieber Herr von Goren. Goethe. (Bettlerlogik.) „Ach bitte, schönster Herr, schenken Sie mir etwas" — flehte jüngst eine'alte Bettlerin in kläglichem Ton — ich hatte ein blindes Kind, — das war meine einzige Stütze, --- und nun hat der arme Kleine sein Augenlicht wiederbekommen." Räthsel. Ein Wort — es zählt der Silben zwei — Gehört zur hohen Polizei; Weh' Denen, welche sich erfrechen, Wegwerfend laut von ihn: zu sprechen. Doch welche Aend'rnng tritt sofort ein, Schiebt a und e man in das Wort ein! . „Wegwerfend" es die Frau betrachtet, Wenn sie Geflügel hat geschlachtet. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr-