Nr. 93. 1883. „Äugslmrger PostMimg." Mittwoch, 21. November Festruf am Morgen des 21« Novembers zum 25jährigen Aischofs-Inbikäum unseres Hochwnrdigsten Oberhirten Vankratrus von Dinkel. Auf! erwacht, der August« Geschlechter! Schon begrüßen mit ehernem Klänge Hell den Tag, den ersehnet wir lange, Die geweiheten Glocken vom Dom. Ihn, der Heerde getreulicheu Wächter, Preiset! Reichet Ihm grünende Palmen! Gott doch danket mit heiligen Psalmen, Der auf Pankraz ergoßen den Strom Seiner reichen unendlichen Güte! Und vereint auf Begeisterungs Schwingen Soll das Beten zum Himmel andringen: Schütz' den Hirten vor jeglicher Noth, Daß lang noch Ulrich's Erbe er hüte! Also wollen zum Dome wir wallen, Und es sollen erklingen die Hallen Von dem Danke zum ewigen Gott. Heil Pankratius! Heil! A. Plann. — 738 Der Opalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Die Zeit während der Fahrt benutzte John dazu, einige Veränderungen an seiner äußeren Erscheinung vorzunehmen, so daß der Lohnkutscher ihn beim Anssteigen verdutzt anstarrte und kopfschüttelnd von bannen fuhr. Kaum hatte er die Schelle gezogen, so wurde auch schon die Thüre durch den Sohn des Arztes geöffnet. Dieser begrüßte John als alten Bekannten und führte ihn zum Studierzimmer. Mr. Fergus untersuchte den Hund sorgfältig und schüttelte ernst den Kopf. „Sie scheint etwas Schädliches gefressen zu haben, meinen Sie nicht auch? —" frug John. „Die Hündin ist vergiftet worden." John nickte. „Was hat man ihr Ihrer Meinung nach eingegeben?" Mr. Fergus untersuchte den Hund von Neuem. „Mit Bestimmtheit läßt sich das nicht feststellen, jedenfalls war es kein Arsenik." „Ich möchte das Thier hier lassen. Haben Sie Hoffnung, daß es wieder gut wirb? — „Möglich ist das allerdings, aber äußerst fraglich." „Sollte Juno nicht besser werden", sagte John mit einem bedeutsamen Blicke, „so wäre es interessant, sie zu öffnen. Verstehen Sie mich?" „Gewiß, recht gut", erwiderte Fergus, die Hand über dem von John empfangenen Trinkgelde schließend. „Ist etwas besonderes los?" „Nichts Wichtiges. Sie wissen, wo ich zu finden bin; meine Zeit ist kurz bemessen. Empfehle mich Ihnen." „Immer in voller Thätigkeit, das ist der Welt Lauf. Sie werden von mir hören. Adieu." John hatte die Straßenecke noch nicht erreicht, als ein Schuß fiel. „Arme Juno! Es ist jammerschade, sie war ein so hübsches Thier", sprach er, während er rüstig weiter ging, vor sich hin. Erst spät am Abende erreichte er Angler's Rast, aber noch viel später kehrte Mr. Faucourt von seinem Ausfluge zurück. Er schien stark getrunken zu haben und kaum auf seinem Zimmer angelangt, befahl er, ihm sofort Branntwein zu bringen. Gegen Morgen half ihm sein Diener zu Bette und bald darauf versank er in tiefen Schlaf. John wartete im Zimmer, bis das laute Schnarchen seines Herrn ihm deutlich verrieth, daß von diesem keine Störung zu befürchten sei. Dann löste er von der Uhrkette Fauconrt's einen kleinen Schlüssel vorsichtig ab und nahm diesen nebst dem kleinen Kasten aus Rosenholz, welcher auf dem Waschtische stand, mit sich auf sein Zimmer. Unterwegs murmelte er zwischen den Zähnen: „Wenn es überhaupt zu finden ist, so muß es in dieser Schatulle sein." Er öffnete das Kästchen. Dieses war im Innern in verschiedene Behälter eingetheilt; in dem einen lag eine bedeutende Summe in Silber und Gold, andere enthielten Schmucksachen von größerem und geringerem Werthe, sowie Papiere. John dnrchlas letztere. Endlich fand er jedoch, was er suchte — ein mit änem Zettel versehenes Packetchen. Der Name und Wohnort eines Apothekers, welcher darauf gestanden, war mit Tinte durchstrichen worden. Behutsam schlich er zur Küche. Dort stand eine Büchse mit Arrowroot; er schüttete einen kleinen Theil desselben in ein Glas und nahin es mit hinauf. Den Inhalt des Packetchens leerte er dann in ein Papier, faltete und siegelte dieses sorgfältig zu. Nun befeuchtete er sein Taschentuch und begann die frischere Tinte von dem Zettel abzureiben; thetlweise gelang es ihm. Er vermochte ein No . . . zu entziffern und entdeckte, daß der Name fünf oder sechs Buchstaben hatte; in der Mitte desselben glaubte er ein l, h 739 oder b zu bemerken. Mehr wagte er, aus Furcht, das Papier zu zerstören, nicht wegzuputzen. Hierauf füllte er das leer geschüttete Packetchcn mit Arrowroot und legte eS an die vorige Stelle. Dann verschloß er das Kästchen, trug es zu dem Zinimer seines Herrn zurück und befestigte den Schlüssel wieder an der Uhrkette. Jedoch war seine nächtliche Arbeit noch nicht beendet; er stieg von Neuem die Treppe hinunter, und begab sich dieses Mal zum Kaffeezimmer, wo ein Londoner Adreß- kalendcr lag. Das Verzeichniß der Apotheker aufschlagend, verfolgte er mit dem Finger den Buchstaben N. „Nolan", das muß der richtige Mann sein", sprach er leise vor sich hin, während er den Namen und Wohnort notirte. „Wir machen ja jetzt Riesenfortschritte! Sich vor Vergnügen die Hände reibend, suchte er sein Lager auf. Achtunbzwanzigstcs Capitel. Die Heimfahrt vom Balle verlief ziemlich schweigsam. Mrs. Dalton war müde und schläfrig; Lena, trotz der geernteten Schmeicheleien mürrisch und eifersüchtig und Bertha glücklich, ihren Gedanken nachhängen zu können. Obgleich Lena sich klar bewußt war, daß die Neigung, welche sie für St. Lawrence hegte, unter den jetzigen Verhältnissen Unrecht sei, traten ihr doch bei der Erinnerung an seine völlige Gleichgültigkeit Thränen in die Augen. Der Wahn, er liebe sie, war zerronnen und seine Artigkeiten gegen Bertha hatte sie mit eifersüchtiger Qual beobachtet. Noch nie in ihrem Leben stand ihr die Wahrheit, daß Stolz und Eitelkeit sowie das übermäßige Verlangen nach den irdischen Gütern keine wahre Zufriedenheit gewähren, sondern nur Falschheit und Ueberdruß im Gefolge haben, so deutlich vor der Seele. Bertha, welche nie viele Theilnahme von den Ihrigen erfahren hatte, besaß nicht die Gewohnheit, zu ihrer Mutter hinzueilen, um Freude und Leid an ihrem Herzen auszuweinen und so war es ihr — wenigstens während des ersten freudigen Erröthens über ihr neu gefundenes Glück — unmöglich, ein freiwilliges Geständniß abzulegen. Hätte Mrs. Dalton sie darum gefragt, so würde sie offen das gegebene Versprechen bekannt haben; sie war ja entschlossen fest daran zu halten und sich durch kein Hinderniß oder irgend welche Einrede beirren zu lassen. Sie hatte ihren Bräutigam gebeten, lieber einstweilen noch nichts von ihrer Verlobung zu sagen. „Nicht, als ob Mama Dir nicht gewogen wäre, Sie liebte Dich immer und wenn Mr. Fanconrt nicht länger im Wege ist, so wird schon Alles gut werden." „Das ist auch mein festes Vertrauen, liebes Herz", war seine bedeutsame Antwort gewesen. St. Lawrence kehrte zu Fuß nach Hause zurück; es war ihm so leicht zu Muthe, als ob er Flügel habe. In seiner glücklichen Stinmmng dünkte ihm Schlafen eine Unmöglichkeit zu sein. Deshalb vertauschte er seine Balltoilctte mit einem Promenaden- Anzugc, machte sich eine Tasse Kaffee znrecht, steckte seine Cigarre an und ging ungeachtet des Regens von Neuem aus, um einen längeren Spaziergang zu machen. Obschon der „amerikanische Urwald" nicht so rasch fortgeschritten, wie der Künstler Wohl wünschen mochte, so nahte er doch allmählig seiner Vollendung. Das Bild wurde wahrhaft schön, denn der junge Mann hatte als gewissenhafter Arbeiter alles, bis auf die kleinsten Einzelheiten, sorgfältig durchgeführt. Aber heute konnte er nicht malen, er versuchte es nicht einmal, sondern setzte sich an seinen Schreibtisch und theilte Bertha die Geschichte seiner Liebe vom Anfange bis zum Ende mit; er erzählte ihr, wie ihn zuerst Lena's Schönheit gefesselt, aber wie bald schon während des ersten Abends ihrer Bekanntschaft ihre edlere Natur ihn angezogen; ferner sagte er, daß er Douglas wegen versucht habe, seine Liebe in die Grenzen der 740 Freundschaft einzuzwängen und wie dieser Versuch so gänzlich mißlungen sei. Aus diesem Grunde habe er sich, um nicht Gefahr zu laufen, seine Gefühle zu verrathen, verpflichtet gefunden, sie zu meiden. Alles dieses und noch viel mehr schrieb er ihr und schloß dann mit der Bitte, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken selbst dann noch, wenn der Schein gegen ihn und sein Verhalten unerklärlich sei. Gegen drei Uhr hielt ein Wagen an der Thüre und die Schelle tonte durch das stille Haus. St. Lawrence achtete nicht darauf; es wohnten noch mehrere Familien dort und er empfing nur selten, Besucher. Schritte näherten sich und nachdem angeklopft worden, warf ein Diener die Thüre auf und meldete: „Lord MphingtoM" Wenn eine Bombe im Zimmer geplatzt wäre, hätte St. Lawrence nicht mehr zusammenfahren können. Die Zeichnung, welche er eben in die Mappe zurücklegen wollte, entfiel seiner zitternden Hand und einen Augenblick stand er sprachlos da. Doch bald gewann er seine Selbstbeherrschung wieder und näherte sich mit natürlichem, edlem Anstaube, um den Eintretenden zu begrüßen. „Mr. St. Lawrence, wie ich vermuthe", sagte Lord Alphington, welcher den jungen Mann aufmerksam beobachtet hatte. Dieser verbeugte sich zustimmend. „Ich hörte von ihrem Talente als Landschaftsmaler und da ich ein Gemälde für Alphington Park wünschte, nahm ich mir die Freiheit, Sie aufzusuchen." Er wandte sich dem Bilde auf der Staffelei zu, aber ein feuchter Schleier legte sich über seine Augen und verhüllten den Gegenstand, welchen er betrachten wollte. „Darf ich fragen, ob dieses schon eine Bestimmung hat?" „Einstweilen noch nicht, Mylord. Da das Bild noch nicht vollendet ist, konnte ich es nicht zur Ausstellung schicken." Der Earl nahm vor der Staffelet Platz,. Lange saß er dort in Betrachtung versunken, aber während seine Augen auf die Leinwand hinblickten, schwebten andere mannich- faltigere Bilder an seinem Geiste vorüber. Die Hand auf die Lehne eines Stuhles, gestützt, stand St. Lawrence in seiner Nähe. Unbewußt hatte er die Stellung des Portraits in der Bibliothek zu Magnns Square angenommen. Das helle Licht fiel auf sein männliches Gesicht, dessen Schönheit durch das sorglose Btalerkostüm noch hervorgehoben wurde. Als Lord Alphington von dem Gemälde aufblickte, seufzte er tief, seine Wangen rötheten sich und mit zitternder Stimme frug er: „Welche Summe verlangen Sie dafür?" „Das Bild ist zu zweihundert Pfund geschätzt, Mylord", erwiderte der junge Mann, mühsam seine Rührung unterdrückend. „Das ist gut — recht gut. Ich wünsche es zu kaufen, natürlich steht Ihnen dann Noch immer frei, es vorher auszustellen. Ich würde Ihnen ein Unrecht zufügen, wenn ich dies verhindern wollte. Jedoch Sie unterschätzen das Bild meiner Ansicht nach." Er nahm sein Notizbuch heraus, ging zum Tische hin wo das Tintenfaß stand Mtd schrieb eine Anweisung auf dreihundert Pfund, welche er St. Lawrence überreichte. „Sie sind zu gütig, Mylord", entgegnete dieser und wieder glitt derselbe unerklärliche Ausdruck tiefer Rührung über sein Antlitz. Lord Alphington winkte mit der Hand, als ob er sagen wollte: Lassen Sie es gut sein — und nahm dann in einem Sessel an der Seite des Tisches Platz. (Fortsetzung folgt.) 741 Das Münchener Faust-Drama von ein Tiroler Drama? (Studie von I. Sccber.) (Schluß.)*) II. Den zweiten Aufzug eröffnet ein Gespräch des guten und bösen Geistes. Mephistopheles erkennt seinen Feind und verräth dessen Absichten. „Wir werden aus allen Kräften gegen einander kämpfen; laß' sehen, wer siegen wird!" Damit gibt er das Signal zum bevorstehenden Kampfe um Faust's Seele. Jthuricl befiehlt ihm aber, sein Jncognito nicht zu verrathen. Mephistopheles gehorcht zwar, doch kann er sich's nicht versagen Faust vor dem neuen Diener zu warnen, er habe „ältere Rechte auf seine Freundschaft". Faust weist ihn zurück, da ergrimmt der Teufel und droht ihm. Faust sieht seinen „Freund" entlarvt als seinen größten Feind und ist nun bereit, die Gnade, welche der Himmel ihm anbietet, zu benutzen. Er dürfe auf diese hoffen, denn er habe seine Macht meistens dazu benützt, Wohlthaten zu spenden. „Wohlthaten?" spottet der Teufel. „Du — Wohlthaten? Wisse, Thörichter, daß Du lauter Unglückliche gemacht hast." Faust: „So hab' ich denn Keinen glücklich gemacht?" Mephistopheles: „Nur Einen, nämlich Deinen Feind, dem Du aus Haß Glück, Ehre, Vermögen und Alles geraubt hast." Der Teufel muß ihm die Wahrheit seiner Worte beweisen. Nacheinander führt er seine Zeugen herbei: einen Bettler, den Faust gehaßt; einen Wucherer, einen Soldaten und einen Anwalt, die durch Faust's Zauberkunst geworden, was sie sind. Mephistopheles gibt seinem Herrn bald die Gestalt eines vertrauten Dieners, bald die eines Edelmannes : und so schaut er in einen Abgrund von Verworfenheit, in ein Meer von Leidenschaften, die seine „Wohlthaten" entfesselt haben. Nur der Alte, den er zum Bettler gemacht, dankt ihm, weil er erst durch ihn zum Glücke, zur Zufriedenheit gelangt sei. Faust verzweifelt an den Menschen und an sich selbst, er wagt kaum mehr zu hoffen, weder für dieses noch für's andere Leben. Jthuriel ist unterdessen nicht unthätig gewesen. Der dritte Aufzug bringt uns zunächst wieder Faust's Eltern. Der Engel beruhigt sie, klärt sie über Faust's Zustand auf und verspricht seinen Beistand zur Rettung. Sie sollten sich jetzt zurückziehen, zur rechten Zeit werde er sie zu ihrem Sohne führen, den die Sprache des Herzens, wie er hoffe, rühren werde. Mephistopheles seinerseits sucht Faust von jedem Neucgedanken abzuhalten. Eine prächtige Tafel und schöne Mägdlein sollen Faust bethörcn. Triumphircnd spottet er des gntcn Engels, der so wenig ausgerichtet wie Gott selbst durch die Erlösung. Wagner führt die Schönen in den Saal und ist so entzückt von den „artigen Gesichtern", daß er „Monsieur Mephistopheles" ersucht, „eines unter diesen allerliebsten Kindern" auswählen zu dürfen. Faust gefällt keine; für Helena allein fühlt er Freundschaft, und Liebe für seinen Sohn, obwohl auch Hiebei sein „Herz seufzt." Wagner sorgt für Gesang, die Würze des Mahles. In diesem Momente erscheinen Faust's Eltern, geführt von Jthuricl. Mephistopheles räumt mit seinem Anhange das Feld, Faust ist allein mit seinen Eltern. Die Vorwürfe der Mutter, der Fluch des Vaters, wirken auf ihn, er stürzt zu ihren Füßen. Das Mnttcrherz wird gerührt; auch der Vater ist zur Verzeihung bereit, wenn sein Sohn Alles verläßt und ihm folgt. Faust ist dazu bereit — da führt der Unstern Mephistopheles Helena mit ihrem Sohne herbei. In rasender Leidenschaftlichkeit bestürmt sie ihn, bei ihr zu bleiben; Faust schwankt. Da zückt sie den Dolch gegen Faust's Sohn, die Drohung erschreckt ihn. Sein Vater fordert seine *) Siehe Nr. 92. Entfernung, Helena sein Bleiben: Faust ringt, Mcphistophcles siegt, Jthuricl und die beiden Alten weichen. Den vierten Aufzug eröffnet im gedruckten Stücke ein Ballet, genannt der „Zaubcrpalast der Liebe." Im Manuscript ist dies entfallen. Die Scene beginnt sogleich mit dein Erscheinen der feurigen Schrift auf dem dunklen Hintergründe: „Faust es wird Abend". Faust bebt. Jthuricl warnt ihn. „Morgen" will Faust anders werden, der Engel mahnt ihn an's Heute. Da er das harte Herz nicht erweichen kann, holt er anf's Neue die Eltern Faust's.**) Sanft und eindringlich reden die Beiden zu ihm, der Sohn wird gerührt und will ihnen folgen; auch Helena, die nun erscheint, soll mit ihm in sein väterliches Haus ziehen. Da macht anf's Neue Mcphistophcles einen Strich durch die Rechnung: er erscheint, Faust's Knaben an der Hand, und erklärt, daß die Zeit des Bundes nahezu abgelaufen, Faust könne sich ihm nicht entreißen, sein Knabe bleibe als Geisel bei ihm. Helena und Faust flehen den Teufel um Gnade an. Er bleibt unbeweglich. Die Eltern Faust's entfernen sich hoffnungslos, Faust eilt ihnen nach, sie zum Bleiben zu bewegen. Unterdessen weiß Mephistopheles Helena zu beschwatzen. Es liegt ihm daran, Faust's Vater zu beseitigen, weil er seinen Einfluß noch in letzter Stunde fürchtet. Helena soll, um dadurch, wie ihr der Teufel vormacht, Faust und sich zu retten, den Alten ermorden. Nach langein Sträuben nimmt sie den Dolch und verspricht Faust die Rettung. Im fünften Auszuge drängen sich die Ereignisse. Zwar bedarf es noch einmal der Schlangenklugheit des Mcphistophcles, um Helena zur Ausführung des Verbrechens zu bewegen. Das Hohngelächter der Hölle folgt ihrem Entschlüsse. Auch Faust gegenüber legt der Teufel die Maske ab. Offen sagt er ihm: „Wisset, Menschen, wir sind eure geschwornen Feinde; wir arbeiten nur, euch zu stürzen und euch zu Mitver- brcchern und Gefährten unserer Pein zu machen." Faust solle sich selber tödten, er solle den Giftbecher trinken, zum ersten Male den „Nektar der Hölle" kosten — sonst „reiße er ihn durch die Gemächer" gewaltsam fort. Faust verliert die Hoffnung, er hört nicht mehr auf die leise Stimme iu seinem Innern, er trinkt das Gift. -Helena vollbringt unterdessen die blutige That; sie verwundet den Alten schwer, sein Schrei dringt an Fausten's Ohr. — Helena stürzt sinnverwirrt herein, sie glanbt Faust gerettet zu haben und hört nun, daß er Gift getrunken. Da stößt auch sie sich den Dolch in die Brust. Faust's todtwundcr Vater schleppt sich, oder kriecht vielmehr herein; die Worte des Sterbenden, der seinem Sohne und seiner Mörderin vergibt und Beide auf die Gnade des Himmels verweist, dringen tief in die Herzen Beider. Die Feindesliebe des Vaters zieht Gottes Erbarmung nieder. Faust und Helena bitten reumüthig um Gnade. Der Alte stirbt, die Uhr schlägt zwölf, Faust ruft: „Gnade! Gnade!" und: „Sie fallen einander in die Arme und Alles ist unbeweglich." Mcphistophcles erscheint in fürchterlicher Gestalt, von Furien begleitet. Schon glaubt er triumphiren zu können, da tritt ihm Jthuriel's lichte Gestalt, umgeben von einer Schaar Engel, entgegen, und der Engel verkündet, daß die Barmherzigkeit Gottes die Unglücklichen gerettet habe. „Er nimmt die Reuigen in seinen väterlichen Schooß auf und stürzt euch, verfluchte Verführer, in die ewige Hölle." Mit dem Sturze des Teufels endet das Stück. Man sieht aus dieser Inhaltsangabe, daß man dem Verfasser des Drama's ein gewisses dramatisches Geschick nicht absprechen kann. Die Charaktere sind gut umschrieben, die einzelnen Scenen werden innerlich begründet und der sichtbar-unsichtbare Kampf zwischen dem guten und dem bösen Engel, läßt die Handlung nie stille stehen. Einzelne **) Im gedruckten Texte fehlt diese Andeutung. Faust's Eltern erscheinen ohne das Eingreifen des Engels. 743 Partiell — wie Fanst's Seelenkainpf, ob er seinen Eltern folgen oder bei seiner Geliebten bleiben soll — sind sogar von höchster dramatischer Kraft. Liegen die Elemente hiezn auch schon im Volksschanspiele vor, so hat hier der Dichter doch seinen besonderen Antheil. Wer ist nun der Verfasser der Münchener Drama's? o Auf dem Titelblatte des mir vorliegenden Manuscriptes steht unten: „Holt llo- i sexstus Haas, Ost/ruiAus (oio!) a. Taut'srg." Nach den gütigeil Mittheilungen des Herrn Fauster, Dechant's in Täufers (Pnsterthal), wurde unser Joseph Haas, der Sohn des Chirurgen Michael Haas in Sand, geboren am 7. Februar 1755 und starb als Chirurg von Täufers am 29. März 1815. Somit wäre Haas „in den Faust- Jahren", im zwanzigsten Jahre gewesen, als er das allegorische Faust-Drama schrieb und zu München edirte. Allein die Sache ist nicht ganz so Plan, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Einmal ist das Manuscript nicht Original, sondern Abschrift, wahrscheinlich der Münchener Vorlage. Besonders deutlich geht das aus einem sofort corrigirten Schreib- verschen im vierten Aufzuge, dritten Auftritte hervor, wo man merkt, lote der Schreiber zu früh aus der einen in die andere Zeile der Vorlage gekommen. Sodann erscheint das Manuskript gegenüber dem Drucke an ein paar Stellen gekürzt. Es wurde schon bemerkt, das; das Ballet, genannt „Der Zanberpalast der Liebe", am Beginne des vierten Auszuges (S. 48 und 49 des Druckes) in der Handschrift entfallen ist. Demgemäß entfielen auch im Pcrsouenverzeichnisse die „Tänzer und Tänzerinnen". Ebenso kennt das Manuscript nur sieben „Charaktere"; „Gräfin Schönheit- lieb, eine Kokette", und Graf Sorgenvoll, ein Günstling", fehlen, somit auch der fünfte und siebente Auftritt des zweiten Actes im Drucke. Folgt nun daraus, daß Haas nur der Abschreiber lind Vcrkürzer des Münchener Druckes war? Ich glaube nicht. — Was die Kürzungen anlangt, erklären sich dieselben ganz leicht daraus, daß das Stück zur Aufführung auf einer primitiven und beschränkten Banernbühne bestimmt war. So mußte vor Allen; das „Ballet" entfallen, dessen Darstellung scenische Apparate und geübtere Leute forderte, als die Bauernbühne zur Verfügung hatte. Das Auslässen der zwei genannten Charakterfiguren hat noch weniger aus sich. Die betreffenden Scenen find alle von; nämlichen Schlage; je nachdem sich eine Anzahl von brauchbaren Darstellern fand, konnten diese „Charaktere" vermehrt oder ! vermindert werden, ohne daß der Zusammenhang oder der Gang des Stückes in; Geringsten alterirt wurde. Darum scheint mir unsere Handschrift speciell für die Bühne in St. ! Georgen geschrieben worden zu sein. Darauf deuten auch mehrere Randbemerkungen für , die Actcurs hin, die den; Drucke fehlen, lind zwar datirt das Btannskript aus einer ! Zeit, wo das Drama bereits im Drucke erschienen war; dem; Haas wird „Chirnrgus" f genannt, was er mit zwanzig Jahren noch nicht war. Die Abschrift weist sodann auf Taufer's hin, denn der Umschlag enthält Notizen über Bewohner von Achornach (bei ^ Täufers) und Sand (in Täufers). Ebenso scheint die Orthographie, namentlich die Schreibung der Vocale, in das Taufererthal zu führen. Leider hat der Herausgeber des Münchener Druckes die Schreibweise modernisirt, so daß ein Vergleich hier nicht möglich ist. Nur ein Ausdruck ist stehen geblieben: „Schaubhütte" (zwei Mal in; dritten Aufzngc, fünfter Auftritt). Das Wort gehört in dieser Form wohl speciell Tirol au, bei Schmeller findet es sich nicht. Ein anderer.Umstand endlich scheint mir direct darauf hinzuweisen, daß mffere Handschrift nicht von; Münchener Drucke, sondern von der Originalhandschrift des Stückes abgeschrieben wurde. Es ist dies die eigenthümliche Nummerirung. Nicht die Seiten oder Blätter werden gezählt, sondern je zwölf Seiten haben ihre fortlaufende Nummer. Daß diese Zählung nicht mit den Bogen des Druckes stimmt, ist selbstverständlich; zudem wurden in Drucken bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zu dieser Zahlung Buchstaben verwendet. Ich glaube nun, daß der Verfasser des Stückes jene Zahlen i" seinem Maunscripte verwendete, um beiläufig die Bogenzahl des Druckes voranszube- stimmen, und daß der Abschreiber diese Methode beibehalten. Wie dem auch sein mag, scheint mir die Bemerkung: ckogsptins Haas" nicht in dem Sinne eines „8vrip8ib" zu stehen, sondern den Verfasser des eigentlichen Drama's zu bezeichnen. Hätte demnach das Münchener Drama tirolischen Ursprung, dann wäre auch die Einwirkung desselben aus Zingerle's Tiroler Faust-Komödie, die schön Creizenach hervorhebt,***) selbstverständlich. *«) I. «. S. 174, 1. Goldkörncr. Pflege die Gaben, die Gott dir verliehen! Zur Ehre des Gebers Dir und Andern zum Heil nütze den köstlichen Schatz. Kannst du nicht wie die Tulpe in glänzendem Kleide dich zeigen, Spende dem Veilchen gleich still den balsamischen Duft. Was du auch unternimmst, rein sei und edel die Absicht! Irrst du im Wege vielleicht, irrst du gewiß nicht im Ziel. F. Beck. M i s e e ll e ii. (Kanzelhöflichkeit.) König Jakob I. von England verließ einst seinen gewohnten Spazierweg, um einen berühmten Prediger zu hören. Als dieser den König eintreten sah, ließ er seinen Text fallen und begann gegen das lasterhafte Fluchen loszuziehen. Der König, der wegen seines steten Fluchens berüchtigt war, fragte nach beendigter Predigt den Geistlichen, weshalb er nicht bei seinem ursprünglichen Texte geblieben sei? Der Prediger antwortete: „Da Eucre Majestät Ihren Weg der Predigt wegen verlassen haben, so konnte ich nicht weniger thun, als den meinigen verlassen, um Euer Majestät entgegenzukommen." (Der Kritiker.) Ein Violionvirtnose hatte sich erlaubt, die etwas unherbe Kritik eines Mnstkrcferentcn einer öffentlichen Antikritik zu unterziehen, — welche nicht ganz ohne Berechtigung — auf das geringe musikalische Verständniß des Kritikers hinwies. Letzterer fühlte sich dadurch tief verletzt und suchte den Violinvirtonsen auf, um ihm mitzutheilen, daß diese persönliche Beleidigung nur mit Blut abzuwaschen sei. — „Ich soll mich mit Ihnen schlagen?" rief der Geiger. „Wenn Sie mir den kleinen Finger beschädigen, bin ich rninirt, weil ich nicht mehr spielen kann. Sie können aber noch Kritiken schreiben, wenn ich Ihnen den Kopf wegschieße. (Wen sieht man als Tischgäste gern?) Mathematiker, weil sie mit Wurzeln vorlieb nehmen; ebenso Optiker, weil sie mit Linsen und einem Speck- Trumm (Spectrum) zufrieden sind. Aber Ingenieure und Jungverhetrathete hat man nicht gern, da die ersteren gleich sechs Tanten (Sextanten) mitbringen und die Letzteren iiolono vo1an8, wenigstens in den „Flitterwochen", die Schwiegermutter in's Schlepptau zu nehmen haben. (Ein kleiner Irrthum.) Ein bekannter Musiker kommt zu einer erst kürzlich vom Lande zurückgekehrten, ihm befreundeten Wiener Familie. Mit der ihn« geläufigen ausdrucksvollen Geberde überreicht er der neuen Magd seine Karte. Zu seinem Entsetzen hört er die Meldung derselben: „Bitt' Euer Gnaden, ein Stummer!" Auslösung des Räthsels in Nr. 92: „GenSdnrin-Gänscdarm." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des LiterarischcN Instituts von Dr. Max Huttler