Nr. 94. 1883. »m „Äugslmrger postzeitnug." Samstag, 24. November Der OpairLng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Wenn ich nicht befürchten müßte, Sie Ihrer kostbaren Zeit zu berauben, so würde ich Sie bitten, sich zu mir zu setzen und für eine halbe Stunde Geduld mit einem alten Manne, der sich mit Ihnen unterhalten möchte, zu haben." „Meine Zeit steht ganz zu Ihrer Verfügung", erwiderte St. Lawrence und ließ sich etwas zögernd und verlegen Lord Alphington gegenüber nieder. »Ihre Freundinnen, die Misses Dalton, welche mich gestern in meinem Hause besuchten, waren äußerst erstaunt über die auffallende Aehnlichkeit, die Sie mit dem Portrait meines Sohnes haben, den ich das Unglück hatte, vor längeren Jahren, als er nicht viel älter war, wie Sie jetzt sind, zu verlieren", begann der Earl. „Ich wünschte mich persönlich davon zu überzeugen und finde nun, daß diese wirklich besteht und zwar nicht allein in den Gesichtszügen, sondern auch in der Stimme und dein ganzen Wesen. Deshalb drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß Sie mit unserer Familie verwandt sein müssen, obgleich ich mir nicht erklären kann, von welchem Zweige derselben Sie abstammen könnten. Sie sehen nicht allein meinem Sohne so außerordentlich ähnlich, sondern haben auch das echte Faucourt's Gesicht, wie die alten Portrait's zu Alphington Park bezeugen. Ich schicke dies voraus, damit Sie nicht denken, bloße Neugierde habe mich hierher getrieben." „Das würde ich in keinem Falle gethan haben", entgegnete St. Lawrence mit einem Lächeln, welches das Herz des alten Mannes entzückte. „Miß Bertha Dalton erzählte mir gestern Abend von der aufgefundenen Aehnlichkeit." Weder das Aufleuchten der Augen, noch der weiche Ton der Stimme bei Nennung dieses Namens entging der scharfen Beobachtung des Earls. „Es ist, wie ich vermuthete — zwischen den Beiden besteht ein intimeres Verhältniß", und laut sagte er: „Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?" „Ich bin Amerikaner von Geburt." „So, also in Amerika geboren?" Und in Gedanken setzte der Earl hinzu: „Das ist ebenfalls sehr seltsam." Der Junge Mann beeilte sich fortzufahren. „Leider muß ich befürchten, Athlord, daß Sie mich, nach der großen Liebenswürdigkeit, welche Sie mir erwiesen, sehr undankbar finden werden. Aus ganzer Seele bedauere ich, genöthigt zu sein, mich Ihnen gegenüber in so ungünstigein Lichte zeigen zu müssen. Aber gewisse Verhältnisse zwingen mich, eine Zurückhaltung zu beobachten, welche um so peinlicher für mich ist, da sie sehr leicht ein mißfälliges Urtheil von Seiten Derer, bei welchen ich vor allen Anderen in Achtung stehen möchte, herbeiführen könnte." „Werden diese Verhältnisse je eine Aenderung erfahren?" frug Lord Alphington 746 nach einer Pause. Nach seiner äußeren Haltung zu schließen, hatten die verschiedenartigsten Gefühle seinen Geist durchkreuzt. „Es ist mein sehnlichster Wunsch und heißestes Gebet, daß es so sein möge." Während der junge Mann dieses mit Nachdruck aussprach, faltete er seine Hände, stützte die Ellenbogen auf die Kniee und erhob seine Augen mit einem Blicke tiefster Verehrung, fast Zärtlichkeit zu dem Antlitze des alten Herrn empor. „Seltsam — sehr seltsam", murmelte dieser und fügte dann laut hinzu: „Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, dazu habe ich kein Recht. Aber darf ich Sie bitten, falls Sie eines Freundes oder einer hülfreichen Hand bedürfen sollten, uin die Verschlingnngen Ihres Schicksals lösen zu helfen, nie zu vergessen, daß Sie diesen Freund immer und alle Zeit in mir finden werden, sowohl um deffentwillen, der nicht mehr ist, als auch einer Anderen wegen, für die ich die innigste Zuneigung hege?" „Ihre Güte rührt mich tief, Mylord", erwiderte St. Lawrence, ohne jedoch die letzte Andeutung des Earls verstanden zu haben. „Eins fühle ich mich jedoch meiner selbst wegen verpflichtet, Ihnen zu sagen, obgleich ich nur mein Ehrenwort als Bürge der Wahrheit anführen kann. Wenn mein vergangenes Leben vor Ihren Blicken enthüllt würde, so dürfte ich dies ohne erröthen zu müssen, geschehen lassen. Daß ich mich jetzt in dieser zweifelhaften Lage befinde, ist die Schuld Anderer, nicht meine eigene." Bet diesen Worten richtete er sich stolz in die Höhe, und aus seinen Augen brach jener ehrliche feste Blick hervor, dem gegenüber Mrs. Dalton sich öfters so kleinlich und unbedeutend vorgekommen war. „Ich glaube Ihnen unbedingt", sagte Lord Alphington, ihm die Hand reichend und mit Bewunderung den schönen, edel aussehenden jungen Mann betrachtend. „Sie müssen mich zu Alphington Park besuchen, unsere Bekanntschaft darf hiermit nicht enden." Der Earl begab sich zu seinem Wagen, erstaunt, verwirrt und im höchsten Grade tnteressirt. „Ah, wenn die Vorsehung mir diesen jungen Künstler als Enkel zugeführt hätte, wie stolz und glücklich würde ich sein." N e u uun d z w n n z t g st e S Capitel. Nach seiner Schwelgerei erwachte Fancourt in einem Zustande größter Verzagtheit und schlechtester Laune. Er verwünschte den immer gleichmüthigcn John und vergoß, noch immer nicht nüchtern einige Thränen über sein Elend. Das Frühstück schickte er unberührt hinweg und verlangte anstatt dessen Branntwein mit Sodawasser. Dann sprach er die Absicht aus, nach London zu fahren. Er konnte ohne Lena nicht mehr leben. Noch ein Tag und sie war die Seinige; in ihrer Gesellschaft glaubte er vor den Furien, welche ihn verfolgten, sicher zu sein. John war schon am frühen Morgen aufgestanden und hatte bereits einige Ausflüge in die Nachbarschaft gemacht. „Werden Sie nicht in dem Landhausc anrufen, Sir?" frug er, seinem Herrn Hut und Handschuhe hinreichend. „Wie ich höre ist Mrs. Lemont nicht wohl." Mit einem vnlkanartigen Ansbruch von Flüchen verwünschte Faucourt das Landhaus, Mrs. Lemont und John. Dann schritt er eiligst dein Stationsgebäude zu. Als sie auf dem Perron standen, befahl er seinem Diener, Alles zur Abreise bereit zu machen, da sie Morgen früh nach Magnus Sqnare zurückkehren wurden. „Es ist eine verflucht langweilige Geschichte — Lord Alphington und diese Langley's sind schon dort. Noch ein Tag und ich bin diese lästige Gesellschaft doch einstweilen los. Wo ist die Juno?" frug er, da John auf die letzte Aeußerung keine Antwort gab. „Sie war sehr schlecht, Sir, und so hielt ich es für am Besten, sie während Ihrer Abwesenheit bet Seite zu schaffen", erwiderte dieser ohne Zögern. Faucourt schimpfte ihn einen naseweisen Burschen, schien aber doch mit der Nachricht zufrieden zu sein. - 747 — Der Zug brauste heran und Fauconrt sprang in ein Coupö. Während er sich niedersetzte, stieg noch ein.Herr in denselben Wagen ein; dieser hätte, seinem Acußern nach zn urtheilen ein Minister, vielleicht auch ein Schullehrer sein können. Ohne Fau- court die geringste Aufmerksamkeit zn schenken, nahm er ein Zeitungsblatt zur Hand und begann zu lesen. Als jedoch der Zug an der Victoriastation anlangte und Fauconrt eine Droschke nahm, um nach Joy Cottage zu fahren, miethete sich der Herr ebenfalls einen Wagen und folgte ihm in einiger Entfernung. Und am Abende befand sich der Fremde auf demselben Zuge, mit welchem Fauconrt zurückkehrte. Doch dieses Mal in einem anderen Coupö. John verfolgte den Zug eine Zeit lang mit den Augen, dann schritt er auf ein in kurzer Entfernung gelegenes Haus zn. Seine Geschäfte dort nahmen ihn nur wenige Augenblicke in Anspruch, denn schon bald nachher schlug er den Weg zum Landhanse ein. Perkin's öffnete die Thüre und gleichzeitig steckte Eliza den Kopf zum Wohnzimmer hinaus. Beide sahen blaß und furchtsam aus. „O, Mr. John, ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie gekommen sind", sagte Pcr- kin's. „Meine Herrin ist sehr krank, es muß durchaus Jemand den Doctor rufen, aber das thörichte Mädchen da ist zu bange, allein hier zu bleiben. Wollen Sie nicht hingehen, Mr. John?" „Gewiß, recht gerne, doch bin ich selbst, so eine Art von Doctor. Darf ich Ihre Herrin einmal besuchen?" „O bitte, kommen Sie herein, Mr. John!" rief Eliza, die Augen mit der Schürze abtrocknend aus. „Sie stirbt, — ich bin sicher, daß sie stirbt. Was sollen wir nun anfangen?" Stl — Machen Sie kein Geräusch, mein gutes Mädchen." Mrs. Lemont lag angekleidet auf dem Sopha; sie war mit Ausnahme eines brennend rothen Fleckens auf jeder Wange leichenblaß, der Mund verzerrt und große Schweißtropfen standen auf ihrer Stirne. „Seit dem Frühstück ist sie schon zweimal ohnmächtig geworden; sie konnte vor Uebelkeit nichts genießen." „Holen Sie sofort den Arzt, Mr. Perkin's. Ich werde bei Ihrer Herrin bleiben." Perkin's froh, der Verantwortung überhoben zn sein, schlüpfte in seinen Rock. „Geben Sie mir vorerst etwas Branntwein", bat John. Wir gaben ihr davon, da er versicherte, das würde ihr gut thun." „Haben Sie keinen anderen im Hause?" „Doch, in jenem Schranke befindet sich vermuthlich noch etwas", erwiderte Perkin's, sich im Stillen wundernd, weshalb John eine andere Flasche wünschte. Das Büffet stand offen und er nahm eine kleine Caraffe, in welcher sich noch ein kleiner Niest Branntwein vorfand, heraus. „Mr. Fauconrt sagte, dieser tauge nichts", bemerkte Perkin's, sie zögernd hinreichend. „Es ist schon gut, beeilen Sie sich nur." John begann nun die Schläfe und Hände der unglücklichen Frau mit der Flüssigkeit einzureiben. Nach und nach kehrte etwas Farbe in ihr Gesicht zurück, langsam öffnete sie die Augen und da sie John erblickte, verminderte sich der leidende Ausdruck ihres Gesichtes und sie murmelte schwach: „Verlassen Sie mich nicht, Ihnen kann ich vertrauen! Ich habe sonst Niemanden!" „Bis der Arzt kommt, werde ich bei Ihnen bleiben, Madame; versuchen Sie etwas hiervon zu nehmen." John putzte nun sorgfältig das Glas aus, welches auf dem Tische stand und schüttete den Brantwein aus der Caraffe hinein; dann hob er ihren Kopf in die Höhe und hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie schlürfte ein wenig davon, es schien ihr gut zu thun. 748 „O, wie bin ich so krank", stöhnte sie. „Leider befürchte ich das, Madame. Können Sie sich erinnern, wie es kam, baß Sie so unwohl wurden?" „Nein. Gestern fühlte ich mich schwach und übel. Mr. Fauconrt versprach mir, ein Linderungsmittel aus der Apotheke mitzubringen. Ich habe zweimal davon genommen, befinde mich aber viel schlechter danach." Mrs. Leinont sprach wie Jemand, der in den letzten Zügen liegt. „Bitte, heben sie mich etwas mehr in die Höhe." Er willfahrte ihrem Wunsche, und Eliza schob ihr mehrere Kissen unter den Rücken, so daß sie sich in sitzender Stellung befand. „Eliza, ich würde an Ihrer Stelle eine Tasse Suppe von Arrowroot zurecht machen,' aber Sie müssen sie mit Milch kochen", setzte er mit leiserer Stimme hinzu: „Milch ist ein Gegenmittel in einigen Fällen." „Das will ich sofort thun, Mr. John", erwiderte das Mädchen. „Meine Herrin hat seit gestern Morgen nichts mehr zu sich genommen." Ueberwältigt von diesem Gedanken drückte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht und eilte weinend zum Zimmer hinaus. John blickte um sich und bemerkte auf dem Kamingesims eine Flasche. „Ist dieses die Arznei, welche Mr. Fancourt Ihnen besorgte?" frug er, sie gegen das Licht haltend. „Ja, bitte geben Sie mir nichts mehr davon — sie macht mich schlimmer." „Ah, das wundert mich nicht! Wenn Sie erlauben, nehme ich sie mit und lasse sie umändern; diese taugt wirklich nicht für ihren Zustand. Und dann möchte ich Ihnen einen guten Rath geben", fuhr er, nahe an sie herantretend mit flüsternder Stimme fort: „Nehmen Sie nichts von dem, was Mr. Fauconrt Ihnen gibt oder anräth." Airs. Lcmont riß in wilder Angst die Augen auf; ihr leichenfarbencs Antlitz war von Furcht entstellt und sie versuchte aufzuspringen, indem sie schrie: „Barmherziger Himmel, er hat mich vergiftet!" „Weshalb glauben Sie das? Hatte er irgend einen Grund dazu?" frug John, sich Mühe gebend, seine äußere Ruhe beizubehalten, obgleich das Leiden der unglücklichen Frau ihn schmerzlich berührte. „O, ich weiß es nicht! Er befahl mir, England zu verlassen und ich wollte nicht. Ach, retten Sie mich, und Alles, was ich besitze soll Ihnen gehören!" Der Schrecken schien ihr außergewöhnliche Kraft zu verleihen. Sie umklammerte, zitternd am ganzen Körper, John's Arm, als ob sein Wille über Leben und Tod zu entscheiden habe. „Fassen Sie Muth", tröstete er, „Sie werden wieder besser. Der Arzt muß bald hier sein." Und zornig fuhr er fort: „Ich hoffe,' daß Sie es noch erleben werden, jenen Bösewicht bestraft zu sehen." „Ja, er ist ein Bösewicht! Niemand weiß das besser als ich", schluchzte die Unglückliche. „Was ist er Ihnen?" John heftete während dieser Frage seine klugen Augen forschend auf ihr Gesicht und langte mit der freien Hand nach dem Glase. Sie ließ seinen Arm fahren, bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und wiegte sich hin und her. Körperlicher Schmerz und Seelenqual stritten mit dem gewaltig hervorbrechenden Willen, um die Herrschaft, sich an dein Manne, welcher sie vernichten wollte, zu rächen. „Nehmen Sie noch einen Schluck und beruhigen Sie sich." Unfähig das Glas zu halten, erhob sie den Kopf und duldete, daß John es an ihre Lippen brachte. Mit Gewalt sträubte sie sich gegen die Schwäche, welche sie von Neuem zu übermannen drohte. Eliza kehrte mit der Suppe zurück. John nahm sie an der Thüre in Empfang und sagte: „Ich habe etwas mit Ihrer Herrin zu sprechen und werde schellen, falls ich Ihrer bedürfen sollte." 749 Seine Stimme klang befehlend und Eliza, ohne selbst recht zu wissen, warum, gehorchte ihm schweigend und zog sich in die Küche zurück. Er versuchte nun die Suppe vor den Augen der Kranken, um ihr Muth zu machen und hielt ihr die Tasse hin; sie nahm einige Löffel voll zu sich. „Das wird Ihnen gut thun." (Fortsetzung folgt.) Bei den Gemsen auf dem Krottenkopf. Nicht bloß an landschaftlichen Schönheiten, von denen einige näher zu schildern wir bisher in zwei Artikeln versucht haben, an aussichtsreichen Bergen und wildromantischeil Thalgründen besitzt das Werdenfelser Land einen großen, fast unermeßlichen Reichthum, auch die Thiere der Alpcnwelt finden sich hier in zahlreichen Arten und großen Mengen vor. Beim Spaziergange iin lieblichen Thal gegen Grainau stehst Du das flüchtige Reh am Waldsanm weide». Da kannst Du beim Morgcudämmern auf dem Wege vom Kainzeubad nach Wamberg, dein höchstgelcgenen Dorfe deutscher Erde, prächtige Zehnender unter den Buchen treffen. Wer jedoch das eigentliche Hochwild der Alpen- region, die Gemsen, oder um mit den Jägern zu sprechen, die „Thiere" sehen und in ihrem ganzen Leben und Treiben beobachten will, der hat hiezu die beste Gelegenheit aus dem fünf Stunden von Parteukirchen entfernten Krottenkopf, einem imposanten Berg- kegel, der majestätisch über die ihn umgebenden Höhen 7000 Fuß hoch zum Himmel ragt. — Auf einen unfreundlichen Regentag, an dem selbst das Getriebe eines ländlichen Jahrmarktes das Herz des Sommerfrischlers nicht aufzuheitern im Stande war, folgte ein herrlicher Hcrbstmorgen. Der Entschluß, bei so prächtiger Witterung und in so wundervoller Gegend, einen Berg zu besteigen, braucht nicht erst nach langen Ueber- legnngen gefaßt zu werden, wie von selber rührt und regt sich's in den Füßen und die Hände greifen unwillkürlich nach dem Bergstöcke in der Ecke der Stube. Und so wanderten der Freund und ich um die neunte Morgenstunde an St. Anton und der eben in Restauration begriffenen Taxkapelle vorüber, den Krottenkopf zu besteigen. Wenn auch der Ausblick in's Loisachthal von der Höhe der steil hinanzichendcn Straße ein immerhin wundervoller und bezaubernder war, so ließen doch verschiedene Umstände, besonders einzelne über den Spitzen des Wetterstein's und des Kramcr's liegende Ncbelgrnppen mit ziemlicher Bestimmtheit vermuthen, daß die Fernsicht vom Krottenkopfe heute zu wünschen übrig lasse, und dies um so mehr, da es eben Tags zuvor in Strömen gegossen hatte und die Grde bis tief hinein durchfeuchtet worden war. Trotzdem ließen wir uns nicht abschrecken, weiter zu steigen, um wenigstens den Gemsen des Krottenkopfes unseren Besuch abzustatten. So erreichten wir die Esterb er galpe mit dein höchstgelegcnen Gehöfte der Gegend, reizend zwischen waldigen Bergen auf saftiggrünem Wiesenplaue erbaut, den ein forellenrciches Büchlein anmnthig durchströmt. Der Weg führt zur Rechten am Eckenberg, zur Linken an einer hohen Gecöllwand vorbei, zu deren Füßen ein mächtiger Felsblock wie von überirdischer Macht hierhergesetzt und von den Leuten die „Kanzel" genannt, den Steig begrenzt. Weiterhin kamen wir am Bette eines ausgetrockneten See's vorüber. — Hier reizte unseren Geruchsiun der betäubende Duft von nppig- wucherndem Alpenschnirtlauch. Noch einige Schritte, und wir standen vor dem sauberen, freundlichen Gehöfte selbst, das Oekonomiegut, Wirthshaus und Schule zugleich darstellt. Die beiden ersten mag der Leser vereinbar finden, doch auch das Dritte reimt sich hier zum Ganzen. Denn am Esterberg besteht eine sogenannte „Nothschule", d. h. die Kinder des Hauses eignen sich die nothwendigen Kenntnisse am heimathlichen Herde an, Liebmütterlein ist ihre Lehrerin, zur Schale ist der Weg zu wett und für junge Füßchen zu beschwerlich. Es waren recht fröhliche Kinder, die uns entgegensprangen, reinlich 750 gekleidet und mit einem Aussehen wie rothwangige Aepfel, und weil weit entfernt von den Kindern der Tiefe und des Thales, unverdorben an Leib und Seele. Man darf aber nicht glauben, es fehle den guten Leuten droben an Wissensdurst und Wissensdrang; nur der Schule und des Kirchgangs wegen hat der Esterbergcr jüngst ein Gehöfte zu Farchant, einem freundlichen Dorfe an der Loisach, erstanden, das er mit anbrechendem Winter beziehen wird und wo er seine Kinder in die Schule schicken kann. Der Weg führt nun durch grüne Wiesen an dem Trümmerhaufen eines zweiten Gehöftes, des „Hinterestcrbergs" vorüber, dann durch schattigen Wald, zuletzt eine lange Strecke an einem Berghange hin, bis er sich endlich zur linken Hand in ein liebliches Thal biegt. Die frischbeschncite Kuppe des Krottenkopfs, die wir an der Esterbergalm zum ersten Male in ihrer großartigen Majestät betrachteten, ist nun wieder sammt der Unterstandshütte auf ihrem Gipfel vor unseren Augen verschwunden. Zur Rechten des Thales streckt der „Bischof" sein kahles, felsiges Haupt in die Lüfte. Welch ejn Trümmerfeld liegt zu Füßen des mächtigen Berges, der wie ein colossales Monument, die Größe des Schöpfers zu verkünden, gen Himmel ragt! Der riesenhafte Berg bietet einen überwältigenden Anblick. Ohne jegliches grüne Gehänge, eine graue Felswand an der anderen, starrt er in die Höhe. Hier siehst Du abhängende Geröllfclder ohne jegliche Spur einer befeuchtenden Quelle oder eines grünen Gewächses. Nur die Alpen- Dohle und der Flüevogel läuft an der Steinrinnc hinan, sich seine spärliche Nahrung in den Feisrippcn zn suchen. Zur linken Hand passiren wir den Saum des mehr lieblichen Krottenkopses. Die letzten Wcttertannen, die letzten Fichten stehen am Wege, dann beginnt das Krummholz, durch das ein ziemlich beschwerlicher Weg, durch Wild und Almvieh beschädigt, den Berg hinanführt. Wir stiegen eine halbe Stunde, ohne Rast zu halten, dann aber wurde das Fläschchen mit Cognac zur Stärkung hervorgezogen und zum ersten Male Spähe nach Gemsen gehalten. In einer tiefen Thalmulde in der Gegend nach Norden sahen wir in halber Höhe des Berges die ersten Thiere. Mit freiem Auge konnten wir nicht sicher unterscheiden, ob Hirschwild oder Gemsen zwischen den Felsblöcken weiden. Vorsichtig suchten wir einen großen Fels zu erreichen, hinter den wir uns verschanzten. Hier wurde nun das scharfe Fernrohr aufgelegt und wenige Augenblicke später hatte ich einen herrlichen Bock im Glase. Es war der Wächter einer größeren Heerde, der sich mit seinen vier Füßen auf einen winzig kleinen Felsvorsprung postirt hatte und sorgfältige Umschau im Gebirge hielt. Mit Muse betrachtete ich mir das Rudel, -vielleicht zwölf oder vierzehn Stück, ohne Ausnahme erwachsene prächtige Thiere, die vorsichtig auf grünem Plane zwischen den Felsen weideten oder mehr gegen den Bischof zu im Gerölle sich Gräser und Almrausch suchten. Der Rücken der Thiere schien gedeckt zn sein, doch wäre es immerhin möglich gewesen, sie von Eschenloh her zn überraschen, ihnen auf Schußweite nahe zu kommen und das eine oder andere Thier niederzustrecken. Auch die Seiten der Thiere waren gesichert, und nach vornhin hatten sie einen ungehinderten Ausblick und Ucbcrblick über die ganze Gegend. Sicher hatten sie uns schon erspäht, ehe wir uns hinter dem Felsen postirten; doch hielten uns die Thiere wohl selbst bei unserer weiten Entfernung noch für ungefährlich, und ziemlich furchtlos, wie es schien, suchten sie sich ihre Nahrung. Indessen war doch keine Ruhe auf dem Abhänge, wo sie grasten; Alles lebte,'Alles regte sich, jeden Augenblick wären die Thiere zur Flucht bereit gewesen, wie sie sich überhaupt auch bciin Ruhen nur selten auf den Boden ausstrecken. Es hätte nur eines Pfiffes bedurft, eines lautes Schreies, und in wilder Flucht wären die Gemsen in's Gerölle und die Felsen verschwunden. Das war ein prächtiger, schwarzer Bock, der droben bei den Thieren die Wache hielt. Einzelne Minuten stand er unbeweglich auf seinem Felsen und so konnten wir prächtig die Gestalt des Thieres- beobachten. Die Gemse ist ein Wunder de r> Schöpfung. Alles an ihr ist für das Leben in den höchsten Regionen des Gebirges 751 geschaffen: Dieser kurze gedrungene und elastische Körperbau, die laugen, starke» Füßen — „Läufe" genannt —, der gestreckte Hals, das scharfe Auge, die langen, spitzen nach vorwärts gerichteten Ohren, die angelförmigcn, nach rückwärts gekrümmten Hörner. Ja, es ist etwas Wunderbares, etwas Großartiges um die Füße der Gemse. Sie sind lang und dick und Mit stahlhartcu Sehnen durchzogen. Die Hufe siud gespalten und am Rande mit einer harten Einfassung umgeben, so daß sich das Thier beim Abspringen auf einen Felsen oder beim Hinanklettern und Anfasse» von Wänden durch das Auseinanderspringen der zwei Hustheile wie mit den Spitzen zweier Bergstöcke einhacken und festklammern kann. In Folge dieser Beschaffenheit der Füße und ihres elastischen Körperbaues setzt die Gemse, ohne einen Anlauf zu nehmen, über Klüfte von 3 bis 4 m Breite, ja es sind Fälle bekannt, daß sie im Augenblicke der Gefahr selbst Breite» von 6 m sicher genommen hat. Nicht leicht ist ihr eine Tiefe zu groß; sie springt über Wände von 5 bis 6 m Höhe hinab, um sofort mit ihren dicken und festen Läufen aus einem kaun: tellergroßcu Felsvorspruugc Posten zu fassen. Und wie sind Auge und Ohr der Gemse so wundervoll construirt! Das Auge vermag die heißesten Sonnenstrahlen so gut wie das unruhige Glitzern weitgcdehnter Schneefelder zu ertragen. Und wie das Gesicht so sind auch Gehör und Geruchsinn gleich vortrefflich ausgebildet. Das Geräusch, welches ein in ziemlicher Ferne vom Felsen herabrollendes Stcinchen verursacht, läßt die Gemse nicht unbeachtet. Sie wittert den Menschen oft auf 1 und 1^ Stunden, oft ja sogar noch weiter, besonders wenn ein leiser Luftzug von ihm herzieht. Dann spitzt das Thier die Ohren, wird ängstlich und unruhig, macht sich sprungbereit. Die Gemsen merken sich jeden Weg, den sie nur einmal gegangen, keimen jeden Felsen, der ihnen sichere Deckung bietet, ja scheinen sich selbst vor einzelnen Personen, wie Hirten, weniger zu fürchten, ohne sich deshalb denselben bis auf Schußweite zu nähern, vielleicht weil sie auch unter den Hirten Männer mit der Büchse wittern. Selbst im Schlafe thun die Sinneswerkzcuge dieser Thiere ihre Schuldigkeit und auch zur Nachtzeit haben sie einen Wächter ausgestellt. Mit Recht ist deshalb die Gemse das Sinnbild der Wachsamkeit. Lange beschauten wir uns die schönen, friedlich nebeneinander weidenden Thiere. Sie waren nicht gleichfarbig, das eine nicht so dunkel gefärbt wie ein anderes. Weiße Gcmsböckc sind eine große Seltenheit und hat Schreiber dieses erst einen einzigen gesehen, der, wenn wir nicht irren, anfangs der siebsiger Jahre auf dein Miesing erlegt wurde. Nun ging's im Zickzack den Berg hinauf, an murmelnden, frischen Quellen vorbei, durch Büscheln von Almrausch, welchen der erste Schnee gebleicht, an Fclsstciner vorüber, die wie Uebcrreste einer verfallenen Burg aufeinandcrgeschichtet lagen. So gemüthlich und ungefährlich führt der Weg dahin. Doch wie ganz anders mag's nach einem Gewitter sein, wenn aus dem sanft säuselnden Büchlein ein tosender Wildbach geworden, oder im Frühjahre, wenn sich droben am Buge des Krotteukopf's, dort wo die neue Untcrkunftshntte steht, ein Schneekügclchen ablöst und hinabzurollen anfängt, allmählich größer wird, bald das ganze Schneefeld in Bewegung setzt und endlich mit donnerndem Gepolter als mächtige Lawine zu Thal fährt, daß die Bäume krachen und die Felsen beben! Fast hatten wir den Bergrücken erreicht und bogen gerade um eine Ecke, welche der Schlangenweg bildet, da tauchte in nächster Nähe von uns und noch innerhalb Schußweite ein ganzes Nudel Gemsen aus. Gemessen und langsam, ohne eine Gefahr zu ahnen — es herrschte völlige Windstille, und wir hielten uns sehr ruhig — zogen sie an uns vorüber, an der Spitze das Leitthier oder die „Vorgeis", dann folgte ein Thier dem anderen in regelrechtem Gänsemarsch. Es waren ungefähr 40 Stücke, die am Saume hinzogen. Zwei Thiere hätten wir mit Leichtigkeit erlegt, doch das dritte stand im Nu um 20 Schritte höher und nach einigen Sekunden war der ganze Zug außer Schußweite. Nur einen Moment stritten uns die Thiere, dann ging's pfeilschnell 752 in sausendem Galopp auf dem steilen Berghauge hin, bis sie endlich vielleicht 1000 Schritte von uns entfernt zwischen den Felsblöcken auf dem höchsten Grate Halt machten, nochmals in die Gegend lugten und dann eines nach dem andern hinter den Steinen verschwanden. Oben auf dem Bergrücken und eine kleine Viertelstunde vom Gipfel des Krotten- kopf's entfernt, steht die im heurigen Sommer auf Kosten des bayerischen Alpeuvereins erbaute und am 8. Juli eröffnete Unterkunftshütte. Rings um dieselbe ist Holz aufgeschichtet, mit dem sich der Tourist die Hütte erwärmen und mit Hülle des bereitliegenden Küchengeschirres Kaffee und duftende Speisen kochen kaun. Die Hütte ist mit allem Nothwendigen ausgestattet; im ersten Cabinete befinden sich Tisch und Bänke sowie ein prächtiger Kochherd; im zweiten mehrere Matratzen, auf welche er am Abend seinen müde» Körper hinstrecken mag, bis der Morgen graut und ihn einladet, vielleicht in eine wollene Schlafdecke gegen die Kälte gehüllt den Gipfel selbst zu besteigen und sich den Sonnenaufgang in seiner niegeahnten Pracht anzusehen. Im Zickzack führt der Weg von der .Hütte steil znm Gipfel des Berges empor. Endlich ist er erklommen, — welch' ein wundervoller, entzückender Anblick ist das! Dn hättest es nie geglaubt, solche Aussicht zu finden diese unzähligen prächtig beleuchteten Bergspitzen rings um Dich, diese vielen tiefblauen Seen, diese großartige Trümmerwclt zu Deinen Füßen! Was die Aussicht betrifft, steht der Krottenkopf selbst der Zugspitze wenig nach, und doch kostet derselbe nicht halb so viel Schweiß, Zeit und Aufwand wie letztere. Dein Auge sucht zu entdecken die funkelnden Kreuze des Karweudelgebirges, die lveiße Schueepyramide des Vcuediger, den colossalen Gebirgsstock des Großglockncr, die prächtige Kuppe des Wendelstein. Reizend liegt der Herzogstaud mit dein königlichen Jagdschlösse und den mächtigen Stallungen vor Deinen Augen. Aus den tiefschattigcn, ihn umgebenden Waldungen grüßt der Barmsee herauf. Du stehst den Staffclscc, den Riegsee, den Kochelscc, ja selbst den Ammer- und Würmsee vor Dir ausgebreitet. Bei reinster Luft sollen selbst die ehrwürdigen Domthürme von Freising in den Gesichtskreis treten. — (Schluß folgt.) M i s c e l l e ir. (Gutes Herz.) Mutter mehrcr unversorgter Töchter: „Ach, Herr Hanwitz, Sie glauben gar nicht, welch' gutes Herz meine Tochter Laura hat. Denken Sie, neulich bekommt unsere Hauskatze sieben allerliebste kleine Kätzchen; das eine war leider sehr schwach und krank, und da hat das gute Mädchen es mit der Flasche großgezogen!" — „Ach gnädige Frau, das ist noch gar nichts; wenn Sie wüßten, wie viele Kater ich schon mit der Flasche großgezogen habe!" (Wie, was, wo?) Junge und schöne Damen, denen ein Heirathscandidat präseutirt wird, stellen sogleich die Frage: „Wie ist er?" In den Jahren der Ueber- legung fragen sie bereits: „Was ist er?" Reif gewordene Jungfrauen aber stürzen sogleich mit der Frage vor: „Wo ist er?" (Selbstgefühl.) „Hören Sie, Schnüffler, in dieser Kriminalsache müssen Sie mit großer Umsicht rechcrchiren." — „Seien Sie unbesorgt, Herr Polizeirath. Wenn ich die Wahrheit nicht herausbekomme — nun so existirt die Wahrheit eben nicht!" (Im Erzgebirge.) Wirthin: Was wollen Sie denn essen? Tourist: Geben Sie mir das Pikanteste, was Sie haben. Wirthin: Ja 's Bekannteste bei uns sind d' Erdäpfcl. (Gesprungen.) Hausfrau: „Wo ist denn das Salzfaß?" — Köchin: „O, das ist kaput; es ist vom Knchentisch herunter gesprungen!" Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von vr. Max Huttlcr.