„Äugslmrger Postzeitung." Nr. 95. Mittwoch, 28. November 1883. Der Gpalrrng. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Etwas Farbe kehrte allmälig in das Gesicht der Kranken zurück, sie erhob ihre Hand und putzte sich die Schweißtropfen von der Stirne. „Sie frugen mich, was Mr. Faucourt mir ist", begann sie klarer, als sie bis jetzt gesprochen. „Er ist mein Tyrann, mein Verfolger — und ich bin seine Frau!" „Seine Frau? Um's Himmels Willen!" rief John aus, welcher vor Erstaunen beinahe die Tasse hatte fallen lassen. „Seine Frau! Dann hatte er allerdings einen Grund." „Welchen denn?" stieß sie mühsam und seinen Arm ergreifend hervor. „Sagen Sie es mir, ich will es wissen." „Sie werden es nur schon zu bald erfahren müssen und daher darf ich es Ihnen auch wohl mittheilen." Und nun erzählte John der armen Kranken mit mehr Milde, als man ihm zugetraut haben würde die Untreue ihres Gatten und wie schon nach zwei Tagen seine Vermählung mit Madcliue Dalton stattfinden solle. „Der Schurke! Ich vermuthete es; der gemeine, grausame, niederträchtige Schurke!" kreischte sie außer sich vor Wuth. „Sie hassen ihn auch, helfen Sie mir, mich zu rächen!" Mit eisernem Griffe umklammerte sie seinen Arm. „Gerade deshalb bin ich hier, um allen Denen, welchen Unrecht zugefügt worden ist, zu ihrem Rechte zu verhelfen." „Sie?" rief Mrs. Lemont, erschreckt seinen Arm fahren lassend, aus; sie wußte sich seinen veränderten Ton nicht zu erklären. „Wer sind Sie denn? Was sind Sie?" „Ich bin ein Geheimpolizist", erwiderte er ernst, seine schwarze Perrncke abnehmend. „Mein Name ist John Riggs." Mrs. Lemont stieß einen Schrei aus und warf sich ihm zu Füßen. „Gnade! Gnade! — Ich will Alles bekennen." „Es ist durchaus nicht meine Absicht, Ihnen irgend einen Schaden zuzufügen", sagte Riggs, sie vom Boden erhebend und auf's Sopha legend, „obgleich ich Ihnen zu meinem Bedauern mittheilen muß, daß Sie sich als verhaftet zu betrachten haben, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß alles, was Sie bekennen, als Zeugniß gegen Sie verwandt werden wird." „O, daran liegt mir nichts! Was frage ich darnach, was aus mir wird, wenn er nur die verdiente Strafe erhält! Ich will auch den Ring geben, ich habe ihn. Er sollte mir im Nothfalle als Beweis gegen ihn dienen und ich will Alles sagen, — Alles — Alles." In Ihrer fürchterlichen Aufregung hatte sie ihre Kräfte überschätzt. Mit bleichen 754 Lippen sank sie ohnmächtig in die Kissen zurück. Glücklicher Weise trat in diesem Augenblicke Perkin's mit dem Arzte in's Zimmer. „Gott sei uns gnädig!" platzte ersterer, die Veränderung an seinem Freunde John gewahrend, heraus. Dieser nahm jedoch keine Notiz von ihm, sondern wandte sich an den Arzt mit den Worten: „Darf ich Sie, ehe ich diese Dame Ihren Händen anvertraue, um eine kurze Unterredung bitten, Sir?" Hierauf öffnete Riggs das Fenster, ließ einen schrillen Pfiff ertönen und ein Polizist erschien am Garteuthor: Er winkte ihn heran, sprach leise einige Worte zu dem Manne und bat dann den Arzt, welcher mittlerweile Mrs. Lemont theilweise wieder zum Leben erweckt hatte, ihm in's Eßzimmer an der anderen Seite des Hauses zu folgen. „Ich empfehle diese unglückliche Frau Ihrer ganz besonderen Sorge. Sie haben Wohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen, ob sie sich erholt und wann sie ohne Gefahr transportirt werden kann." „Nun, Eliza, Kind", redete er das erschreckte Mädchen an, welches in der Flur stand, „halten Sie mir den Kopf oben und Pflegen Sie Ihre Herrin gut. Sie sollen sehen, mein Freund hier", fügte er auf den Polizisten deutend, hinzu, „macht Ihnen keine große Mühe. Eh', Perkin's, ich hoffe, Sie nehmen nicht zu viel von jenem feinen Franzbranntwein. Bitten Sie den Doctor auf alle Fälle um ein Gegenmittel." Perkin's lehnte blaß und mit herabhängender Unterlippe an der Mauer. Er versuchte keine Erwiderung; alle diese Ereignisse auf einmal konnte sein verwirrtes Gehirn so rasch nicht fassen. Mit leichtem Kopfnicken verabschiedete sich Riggs und begab sich zu dem Hause des Ortsvorstehers, wo er auch schon am selben Morgen die Anzeige gemacht hatte. „Sie ist in Gefahr und wenn sie darauf besteht, ein Bekenntniß abzulegen, so muß ich den Beamten bitten, mich dorthin zu begleiten", sagte er, rasch weiter schreitend, vor sich hin. Dreißigstes Capitel. An dem Tage nach dem Ball. wurde das Frühstück ziemlich spät zu Joy Collage eingenommen. Bcrtha kam es beim Erwachen vor, als ob Alles nur ein Traum gewesen; sie konnte sich die Wirklichkeit kaum vorstellen, wie viel weniger klar begreifen. Nur die zärtlichen Worte ihres Bräutigams klangen noch in ihren Ohren wieder und erfüllten ihr Herz mit unaussprechlicher Wonne, und die waren doch, wie sie sich selber sagte, jedenfalls kein Traum. Allmählich fielen ihr seine dunkelen Andeutungen in Bezug auf Lena, und daß die Hochzeit wahrscheinlich nicht zu Stande kommen werde, ein und verursachten ihr entsetzliche Angst. Sie wußte nicht, was sie zu fürchten habe, noch von welcher Seit: der Schlag erfolgen würde. Sollte sie sich darüber freuen oder betrüben? Selbst auf diese Frage konnte sie sich keine genügende Antwort geben und Niemanden dnrfte sie ihren Zweifel offenbaren. Zn ihrer größten Freude erhielt sie am Nachmittage einen Brief von St. Law- ' rence und alle ihre Angst und Sorge war für den Augenblick verschwunden. Wie süß und angenehm war es, immer und immer wieder die Versicherungen seiner innigsten trcucsten Liebe, welchen er in den zärtlichsten Worten Ausdruck gab, lesen zu können. Die Seinige zn werden, Hand in Hand mit ihm dnrch's Leben zu gehen, mehr verlangte sie nicht. Selbst wenn er genöthigt sein sollte, England zu verlassen, welche Möglichkeit er ihr ja vorgestellt hatte, so gab es ja doch allerwärts noch Raum genug auf der Welt, um, vereint mit ihm, glücklich zu sein. Ihre Phantasie malle sich schon ein hübsches mit Neben bewachsenes Häuschen an den Ufern eines italienischen Sec's aus, wo er als Künstler hinreichenden Stoff für seinen Pinsel finden werde. Wie wollte sie sich bemühen, ihm die kleinlichen Sorge» des Lebens zu ersparen, damit er seine schöne Kunst ohne jegliche Störung fortsetzen könne! lind dieser Triumph, wenn er sich einen Ruhm erworben, was ja ganz gewiß geschehen würde! Welches Glück, ihn auch von Anderen so geehrt zu sehen, wie es ihm gebühre nnd wie sie es immer thun werde! Mit diesen Gedanken schlief sie, seinen Brief in der Hand haltend, ein. Aber im Nebenzimmer lag Eine, welche keine Ruhe finden konnte. Oefters während des verflossenen Tqges war Lena im Begriff gewesen, ihre Schwester zu fragen, was sich zwischen ihr nnd St. Lawrence zugetragen habe und immer hatte sich keine passende Gelegenheit dazu geboten. Bertha mußte ihrer Mutter während des ganzen Tages hülfrciche Hand leisten und Unruhe und Verwirrung herrschten zu Joy Cottage. Leute kamen und gingen, Befehle wurden gegeben und erhalten, die Zimmer befanden sich durch die Vorbereitungen zur Hochzeit in der größten Unordnung. Die verschiedenartigsten Commissionen mußten geschrieben, tausenderlei Kleinigkeiten besorgt werden. Sie war den Tag über sehr mißstimmt und verdrießlich gewesen und Faucourt hatte seinen vollen Antheil ihrer schlechten Laune erhalten. Noch nie war er ihr so widerwärtig erschienen und sie gab sich kaum die Mühe, ihren Abscheu zu verbergen. Ihn kümmerte Las nicht, zudem blieb er nicht lange dort, da er noch verschiedene Anordnungen treffen mußte. — Lena brütete, nachdem Ke sich zu Bette begeben, so lange über ihr wirkliches und eingebildetes Unglück nach, bis sie es nicht mehr aushalten konnte. Rasch erhob sie sich, zog ihr Morgenkleid an, nahm die Lampe und schlich leise in Bertha's Zimmer. Das Licht mit der Hand verhüllend, blieb sie stehen und betrachtete die Schlafende. Bertha's Wangen waren zart gerörhet und ein glückliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Gewohnt, ihre Schwester als ein ihr untergeordnetes Wesen anzusehen, war es Lena nie eingefallen, daß diese ihre Rivalin werden könne. Doch als sie jetzt das verklärte Gesicht des schlafenden Mädchens näher beschaute, fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen; sie mußte sich gestehen, Bertha besitze wohl die Macht, das Herz eines Mannes zu gewinnen und ihn für immer an sich zu fesseln. Leise zog sie den Brief zwischen den halbgeöffneten Fingern weg nnd las ihn — las, wie gänzlich sie sich getäuscht, wie vergeblich die Liebe gewesen, welcher sie sündhafter Weise nachgegeben, — las auch die Verurtheilung ihres falschen, ehrzeizigen Handelns. Von Gewissensbissen, nnd den widersprechendsten Leidenschaften gefoltert, stand sie da, nicht wissend, ob sie gehen oder bleiben solle, bis Bertha durch den Schein des Lichtes, oder eine Bewegung der Schwester geweckt, die Augen öffnete und entsetzt in die Höhe fnhr. „Was ist Dir, Lena? Bist Du krank?" „Krank?" erwiderte diese mit bitterem Lachen. „Nein, wie könnte ich trank sein da übermorgen der glücklichste Tag meines Lebens ist. Aber ich tonnte nicht schlafen nnd kam hierher, um Dich einiges zu fragen." „Was wünschest Du zu wissen?" frug Bertha, durch die eigenthümliche Art ihrer Schwester noch mehr beunruhigt. Erst jetzt bemerkte sie den Brief in Lena's Hand. Hastig griff sie darnach. „Tu hättest ihu nicht lesen dürfen. Er ist nicht in der Absicht geschrieben, daß Du ihn lesen solltest." „Weshalb nicht?" entgegnete Lena in demselben bitteren Tone. „Er laut« so äußerst schmeichelhaft für mich und man liebt ja Schmeicheleien, wie Du, weißt. Also Dich hat St. Lawrence diese ganze Zeit über geliebt »nd Dn wußtest es?" fuhr sie heftig fon; aller Hohn hatte sich in Zorn verwandelt. „Nein, erst gestern Abend erfuhr ich eö", sagte Bertha crröthcnd. „Schon früher gab es eine Zeit, wo ich diese Hoffnung hegte, doch als er später nicht mehr zu uns kam, glaubte ich mich getäuscht zu haben." „Und um Douglas willen blieb er fort, auch dieser liebte Dich?" O Bertha, weshalb konntest Du ihn nicht wieder liebe», warm» wolltest Dir ihn nicht heirathen?" stieß sie in wilder Erregung hervor. „Mußtest Du auch noch St. Lawrence für Dich gewinnen! Vielleicht hätte er mir doch noch dereinst seine Liebe zugewandt." 756 „Lena, bist Du wahnsinnig?" rief Bertha, mit Entsetzen die aufgeregte Schwester anstarrend, aus. „Was kann St. Lawrence und seine Liebe zu Dir sein? Nur noch wenige Stunden und Du bist das Weib eines Andern." Lena preßte ihre Hände gegen die Schläfe und fiel neben dem Bette auf die Kniee nieder. „Ja, das Weib eines Andern! Ich habe meine Wahl getroffen, nicht wahr? Uitd ich würde immer wieder von Neuem so handeln und doch liebte ich ihn die ganze Zeit hindurch. Bertha, Du darfst St. Lawrence nicht heirathen", fuhr sie stürmisch fort, „Du sollst ihn nicht heirathen. Er ist ein entehrter Mann, der sich eines angenommenen Namens bedient. Unsere Mutter wird nie ihre Einwilligung dazu geben." „Du redest über Dinge, welche Du nicht verstehst", erwiderte Bertha mit mühsam erkämpfter Ruhe. „Niemand wird das Wort Unehre auf Eustace St. Lawrence in Anwendung bringen können. Ich weiß, daß der Name, den er fuhrt, nicht sein eigner ist, aber selbst, wenn auch das Geheimniß, welches über ihm schwebt, nie aufgeklärt werden kann, so zweifle ich nicht an ihm und sollte er mich morgen auffordern, seine Frau zu werden, ich würde ihm mit dem unbedingtesten Vertrauen bis an die Grenzen der Erde folgen; aber wir denken noch nicht daran, zu heirathen", unterbrach sie sich, gewaltsam den Erguß ihres Gefühles unterdrückend. „Es ist unnöthig, Mama schon jetzt damit zu bermruhtgen." „Und ich sage Dir, Du sollst ihn nicht heirathen!" rief Lena mit immer heftigerem Ungestüm auf. „Weshalb solltest Du glücklich kmd ich so uamenlos unglücklich werden." „Lena, meine liebe Lena, Du weißt nicht, was Du sprichst", beschwichtigte Bertha, welche durch das Benehmen ihrer Schwester in immer größere Furcht gerieth. „Warum solltest Du unglücklich werden? Dn liebst Mr. Fauconrt nicht, sage es ihm, löse noch jetzt in der eilften Stunde diese verhaßte Verbindung auf. Was liegt daran, was die Welt davon denken mag! Wir verreisen dann für einige Zeit — alles wollen wir thun, was Du nur wünschest, o Lena! höre auf mich, Deines eigenen Glückes, des Friedens Deiner Seele wegen!" Während Bertha dieses sagte, nahm sie die kalten Hände der Schwester in die ihrigen, aber Lena schleuderte sie von sich. „Was willst Du für mich thun? Willst Du St. Lawrence für mich aufgeben?" „Nein", entgegnete Bertha fest, „das darfst Du nicht einmal verlangen. Ich habe ihm Treue gelobt und wenn ich mein Versprechen nicht hielte, wäre ich treulos gegen ihn und mich." „Gut denn, auch ich werde mein Wort nicht zurücknehmen." Lena's Züge verriethen hartnäckigen Stolz und tiefe Verachtung, indem sie sich von den Knieen erhob. „Glaube nicht, daß ich Dich beneide. Wenn St. Lawrence mich geliebt hätte, wie bald schon würde ich seiner überdrüssig geworden sein — ein armer Landschaftsmaler ohne Namen! Das Leben, welches ich mir erwählt, sagt mir mehr zu; es ist besser so, wie es ist. Ich glaube, ich war nicht recht bei Sinnen. Vergiß meine Reden und schlafe." Sie nahm die Lampe, stellte sie sofort wieder hin und faßte mit der Hand an die Stirne. „Mir schwindelt, ich kann nicht allein sein, laß mich hier in Deinem Zimmer bleiben." Bertha machte ihr ein Lager zurecht; sie hielt Lena für ernstlich krank und meinte, sie habe im Fieber gesprochen; deshalb machte sie sich Vorwürfe, ihr so heftig geantwortet zu haben. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit beobachtete sie, wie ihre Schwester sich unruhig hin und her wandte und erst gegen Morgen einschlief. Für Bertha war aller Schlaf dahin, denn obschon sie annahm, daß Manches von dem, was Lena gesagt, nur eine Fieberphantasie der überreizten Nerven gewesen, so zeugte es doch von dem inneren Seeleukampfe ihrer Schwester, und der Tag, an welchem deren Schicksal für immer besiegelt werden sollte, war jetzt schon so nahe gerückt. — „Würde es nicht besser sein, Lena wäre wirklich leidend, und die Hochzeit müßte hin- 757 ausgeschoben werden?" frug sie sich selbst. War es Unrecht, dies fast zu wünschen? Gestern Abend halten die Gedanken an ihr eigenes Glück sie ganz in Anspruch genommen, jetzt kehrten die Sorgen und Befürchtungen, hervorgerufen durch das auffallende Benehmen Lena's und die dunklen Andeutungen ihres Bräutigams, in verstärktem Maße zurück. Sobald die Dämmerung begann, stand sie sachte auf, kleidete sich, ohne die Schwester zu wecken, an und setzte sich an's Fenster. Es schien trübes, unfreundliches Wetter zu sein, dichter Nebel bedeckte den Garten und verhüllte die umliegenden Gebäude. Sie wollte ihrer Mutter nichts von Lena's Zustand sagen, bis sie sich überzeugt, welche Wirkung der Schlaf auf diese ausgeübt habe. Jetzt hörte sie Sara den Frühstückstisch zurecht machen und kurze Zeit nachher vernahm sie auch schon die Schritte ihrer Mutter unten im Hause. Da öffnete Lena die Augen. Sich auf den Ellenbogen stützend, blickte sie befremdet, sich in Bertha's Zimmer zu befinden, umher. Dann erinnerte sie sich plötzlich und sagte: „Bist Du hier, Bertha; ich hatte einen bösen Traum in vergangener Nacht. Habe ich nicht schrecklichen Unsinn gesprochen?" „Wie fühlst Du Dich heute Morgen?" frug Bertha, zu ihr hintretcnd. „Geht's Dir besser? Du willst wohl hier oben frühstücken?" Lena griff diese Idee bereitwilligst auf. „Ja, sei so gut und bringe mir den Kaffee herauf. Ich bin aber wieder ganz wohl. Bitte, denke nicht mehr an das, was ich Dir sagte und sprich auch nicht mit Mama darüber. Entschuldige mich bei ihr, daß ich nicht herunterkomme, ich habe Kopfschmerzen und möchte deshalb noch etwas ruhen." „Wenn Du wirklich besser bist, so ist ja kein Grund vorhanden, Mama zu ängstigen. O Lena, wie hast Du mich erschreckt!" „Stille, wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Sehe ich sehr krank aus?" Die dunkeln Linien unter den Augen, sowie ihre außergewöhnliche Bläffe, verriethen deutlich die stattgehabte Aufregung. „Du stehst allerdings nicht sehr blühend aus. Ich will Dir Dein Frühstück holen, Bleibe nur ruhig zu Bette, Niemand soll Dich stören." (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Wahrheit, o suche sie! Bewahre sie Auch dir! Die Lüge trübt der Seele Glanz, Wie schon ein leiser Hauch den Spiegel trübt. Der Schein, und wär' er auch des Guten selbst, Raubt mehr dir, als er gibt, verdunkelt dich; Indem du blendest, wird dein Auge blind. Ungeduld ist nicht Stärke, Geduld nicht Schwäche; vergiß nie: Größeres als die Gewalt hat die Geduld oft erreicht. Kennst du die Acolsharfe? Sie tönt beim leisesten Windhauch; So auch, leise berührt, braust die Empfindlichkeit auf. Suche den Frieden in dir, kein Sturm dann wird dich berühren, Und du stehst wie ein Fels mitten im brandenden Meer. Leihe Gehalt und Werth der kurzen Spanne des Lebens; Jeder verlor'ne Moment klagt der Verschwendung dich an. Senke dein Wollen stets in die Quelle des Guten, du machst dann All' dein Thun zum Gebet, und dein Gebet wird zur That. F. Beck. Bei den Gemsen auf der« Krottenkovf. (Schluß.) Lange haftete unser Blick auch an dem tiefen Felsenthale, das sich unmittelbar zu unseren Füßen gegen Osten ausbreitet und an Schauerlichkeit und wildromantischem Aussehen nichts zu wünschen übrig läßt. Eine öde Stille herrschte im Theile, nur zuweilen unterbrochen durch das Krächzen der Raubvogel oder durch rollende Steinchen, die unter den Füßen der flüchtigen Gemsen in Bewegung kommen und in die Tiefe stürzen. Tannen- und Laubwälder umkränzen dasselbe. Der Herbst treibt bereits sein Spiel mit den Blättern, und wie in rothem Kleide erglänzten die Zivergbuchen zwischen den dunklen, pyramidenförmigen Wettertannen, von denen ellenlange Bartflechten herabhängen, die letzte Zuflucht der Gemse-in Wintersnoth. Dort ragt ein abgestorbener, granschimmernder Gipfel aus seiner lebensfrischcn Umgebung empor; der Sturm hat ihn abgebrochen und den Stamm zerrissen, aber die munteren Aeste haben sich als selbst- ständige Bäume um den morschen Mutterstamm aufgerichtet. Es ist eigenthümlich schön auf dem Gipfel des Krottenkopf's. Wie eine große Kirche liegt die Welt, die schöne, weite Welt vor uns ausgebreitet. Die Berge bilden die mächtigen Pfeiler, auf denen das colossale Gewölbe des blauen Himmels ruht. Die Wolken sind der Weihrauch, der dem Ewigen zu Ehren aufsteigt; Stnrmgeheul ist das Orgelspiel, Donner und Winde geben das Glockengeläute, das Brausen der Wasserfälle und das Lispeln der Bäume, es ist ein ewiges Psalmcngcbct, das wiederhallt durch die Thäler, so daß, wie der Psalmist sagt, ein Abgrund dem andern zuruft. Zum Schutze gegen Frost und Winde ist auf dem Gipfel eine kleine Unterstands Hütte errichtet, in welcher prächtige, von einem Mitglied des Alpcnvercins geschenkte Karten zur Orientirnng des Touristen bereit liegen. Jn's Fremdenbuch haben sich seit Anfang Juli etwas über 200 Personen aus aller Herren Länder eingezeichnet. Die meisten derselben haben den prächtigen Bergkcgcl von Eschenloh aus bestiegen; doch auch von Partcnkirchen aus erfordert die Besteigung des Krottenkopf's nur einen einzigen Tag, selbst wenn mau den Weg durch die im heurigen Sommer eröffnete ^aukensck'lucht und den Eckcnberg nehmen wollte. Man wird nicht leicht den Berg besteigen, ohne auf Gemsen zu stoßen. Denn mit großer Sorgfalt werden die Thiere, welche in früherer Zeit durch die Vertilgnngs- sucht des Wildschützen und wohl auch durch die schwierige Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Gemsen an Zahl sehr vermindert wurden, sowohl von den bayerischen wie herzoglich nassauischen Forstleuten gehegt und geschont. So sind sie im Laufe der letzten zehn Jahre wieder ziemlich zahlreich geworden, und während man selbst in Tirol mit Ausnahme des Zillerthalcs, wo sie Fürst Aucrsperg besonders pflegte, nur selten einem Rudel von 12 Stück begegnet, sind im Eschenloher, Partenkirchner und Mitten- walder Gebiet selbst Heerden von 20 und mehr Thieren keine Seltenheit mehr. Besonders zahlreich sind die Gemsen auf herzoglich nassauischem Jagdgebiete, auf der in der Nähe des Werner und der Soicnspitze gelegenen Vereinsalpe, einer vielbekannten prächtigen Berghöhe, auf welcher vor mehreren Jahren ein herzogliches Jagdschloß mit mehreren hiuzngehörigen Gebänlichkeiten durch eine Lawine verschüttet und zerstört wurde. Begreiflicher Weise läßt sich, nicht mehr wie früher von einem eigentlichen „Gemsen- jägcr" reden. Rudolf Bläst und Manuel Walcher, zwei Gemsenjäger, von denen ersterer während seines Lebens 675, letzterer 458 Gemsen schoß, gehören der Vergangenheit und dem Schweizergebirge an. Nur selten trifft es sich, daß der Jäger vom Aufsichtshaus auf dem Esterbcrg zur Lcibesnnterhaltnng sich einen Gemsbock vom Krotten- kopf herunterholt. Dann bricht er bei der ersten Morgendämmerung auf, um noch vor dem hellen Tage in's Gemsenrevier zu kommen. Genau bekannt mit den Weideplätzen und den Sulzen, (d. h. den Salzleckplätzen) der Thiere, sucht er ihnen je nach der Wndrichtnng von oben oder von der Seite beizukommcn. Ist er denselben nahe gerückt, — 759 — so postiri er sich hinter einem Felsen, um von hier Ausschau zu halten. Hat er dann Thiere erspäht, so versucht er sich ihnen auf etwa 100 Schritte zu nähern, indem er vorsichtig vorwärts geht und jedes Geräusch vermeidet. Jetzt hat er ein Thier iu Schußweite, das Gewehr wird angelegt, dann einen Moment gezielt, ein leises Knacken des Hahnes, eine secundeulange Pause, und donnernd wiederhallt der Schuß in den Bergen. Die Gemsen jagen in wilder Flucht davon, daß die Steine und Kiesel iu die Tiefe rollen, das getroffene Thier springt hoch empor. Ein kräftiger Jodler erschallt, es ist der Jäger, der freudig seiner Beute zueilt, sie ausweidet und dann zu Thal trägt. Zur Genisenjagd gehört also ein sicheres Auge und eine ruhige Hand, denn ein angeschossenes Thier ist für den Jäger so viel wie verloren, da es noch Stellen zu erreichen sucht, die dem Menschen unzugänglich sind, wo es dann verendet und eine Beute der Adler wird. ----- Mit sinkendem Tage verließen wir das Gcmsrevier wieder. Noch weideten scheulos in der Thalmulde zwischen dem Krottenkopf und dem Bischof die Gemsen, die wir beim Hinaufsteigen zuerst zu Gesicht bekommen hatten, lind selber rannten wir der flüchtigen Gemse vergleichbar den Berg hinab und nach guten zwei Stunden schon saßen wir traulich in Partenkirchen beisammen. Später einmal hatten wir in fröhlicher Gesellschaft unsere Beobachtungen iu der Welt der Gemsen mitzutheilen. Manch Abenteuer, auf der Gemsen- jagd erlebt, wurde nun am Tische erzählt, manch Jägerschwank zum Besten gegeben. Und wißt ihr auch, sprach ein alter, liebenswürdiger Herr, die Geschichte von jenem Wildschützen, der am heiligen Charfreitag auf der Gemscnjagd von einem Förster überrascht wurde. Es war droben am Karwendel. Da saß er hinter einem Felsen auf der Passe, und bekam keine Gemse, aber einen Förster z» sehen, der ihn rücklings überraschte und aufforderte, sein Gewehr abzulegen. Gemüthlich erhob sich der Wilderer, und indem er seine Waffe auslieferte, sprach er mit mahnender Stimme zum Jäger: „Aber Jaga, net amal hcunt gehst in d' Kirch'!" Es ist eiu eigenes Volk, das Volk der Berge! So nehmen wir denn hicmit Abschied von den Gemsen des Krottenkopf's und voui schönen Loisachthal überhaupt. Es ist eiu prächtiges Stück Erde, das wir mit heranrückendem Winter verlassen mußten. Geb's Gott, daß wir mit den Lerchen des Frühlings wiederkehren und einige Zeit im reizenden Partenkirchen und unter seinen lieben Bewohnern zubringen dürfen! So prächtig und wahr sang ein Verehrer der schönen Landschaft im Februar 1883: Partenkirchen! Welch Reiz liegt doch in den wenigen Silben, Immer zog's mich zu dir, du Perle der bayrischen Alpen. War es zur Zeit, wo der Lenz die ersten Knospen getrieben, War es, wenn tropische Gluth schmolz von den Bergen den Schnee, Oder wenn herbstlich gefärbt das Laub sich an Ahorn und Buchen, Oder wie jetzt, wo die Flur decket ein winterlich Kleid. Ewig bleibst du schön! Am 21. Oktober 1883. Der rechte Glaube. Wollt ihr Gutes, habt ihr auch den Frieden! Glanbenszwiste wären längst entschieden, Faßt man nur stets das Ziel in's Auge: Gottes Reich zu gründen schon hienicden. Was uuS trennt, ist sicher nicht das Wahre, Doch man kramt mit Silben, spaltet Haare, Setzet Mücken und verschluckt Kamcelc, Macht Gerades schief und trübt das Klare. Willst du prüfen, wo der rechte Glaube Sich dir nahe gleich der Friedenstaube, Hör' den Meister! Forsche nach den Früchten; Denn von Dornen liest man nicht die Träubel F. Beck. 760 Himrnelsscha» im Monat Dezember. — >. Venus 9 zeigt sich gegen Ende einige Zeit als Abendstern im SW. Mars F läuft im Löwen vorwärts, kommt 9 Uhr Abends über den nordwestlichen Horizont, erreicht schon nach 4 Uhr früh den Meridian und steht am 18. nördlich vom Monde. Jupiter H geht auf zwischen 8 Uhr und 6 Uhr Abends im Krebse und steht am 16. nördlich vom Monde. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 7., 8., 14., 16., 21., 23., 24., 30., 31.; der zweite am 2., 9., 16., 23., 26.; der dritte am 7., 14., 22., 29.; der vierte am 12., am 28. Saturn H geht auf zwischen 4 Uhr und 2 Uhr Nachmittags, kommt zuletzt schon 10 Uhr Abends zur Culmination und ist die ganze Nacht sichtbar. Am 13. früh 2 Uhr wird Saturn vom Monde bedeckt. Der Durchmesser der Saturn-Kugel beträgt 18, die Durchmesser der Ringaxen 46 und 20 Bogenscknnden. Mise eilen. (Heiteres Erwachen.) Ein Gymnasiallehrer, dessen Vortrage sehr gründlich, aber etwas weitläufig waren, pflegte, vielleicht im dunkeln Bewußtsein, letzterer Eigenschaft, dieselben ab und zu durch einen Witz eigener Fabrik zu würzen, und die Schüler hatten ihm bald abgemerkt, daß er es übelnahm, wenn über solche Witze nicht gelacht wurde. Eines Tages, als er eben wieder begonnen hatte vorzutragen, sagte ein Schüler leise zu seinem Nebenmann: „Du, ich schlafe ein bißchen! wenn er einen Witz macht, so gieb mir einen Stups." Und somit ergab er sich dem Schlaf eines Gerechten. Zufälligerweise würzte der Herr Professor aber heute seine Rede nicht, sondern unterbrach sie nur, um Fragen zu stellen. Als er zur Beantwortung einer solchen den Namen des selig Schlammerden anrief, gab dessen Nebenmann ihm einen heftigen Stups in die Seite. Er wurde jählings wach und brüllte los: „Ha! Ha! Ha! Ha!" (Im Lande der Mormonen), in Ütah, wollte ein Engländer einen Vorirag halten und einen dazu passenden Saal miethen. Man wies ihn an einen Mann, der im Besitz eines solchen war und sich dazu bereit erklärte. „Wie viele Familien", fragte der Reisende, „faßt der Saal?" — „Hm!" war die Antwort, „ungefähr nenn Familien." — „Was? Nicht mehr? Das wird nicht genügen. Wie viel Personen rechnet Ihr denn auf die Familie?" — „Nun, vierzig bis fünfzig natürlich." — „Ja, dann!" (Zu anspruchsvoll.) Ein Heirathsvermittler bietet einem Ehestandskandidaten eine Partie an, welche dieser ansschlägt. „Sagen Se mer doch, was machen Se für Ansprüche an e' Frau?" fragt Ersterer. „Ich will haben eine Frau," entgegnete der Andere, „erstens mit viel Geld, zweitens muß sie schön sein, drittens gebildet und viertens aus guter Familie." — „Haißt e'Geschäft," sagt der Heirathsvermittler, „wissen Se, daraus mach' ich mindestens vier Particen!" (Aus der Dorfschule.) Es ist erschrecklich, wie realistisch in dieser Zeit des Dampfes selbst die Kinder sind. Diktirt da neulich ein ehrsamer Dorfschnlmeister seinen Buben unter Anderem den Satz: „Lconidas kämvfte mit den Seinen bis zum letzten Athemzug." Und wie er die Sache nachsieht, bemerkt er zu seinem Erstaunen, daß sich Peter, des Bahnwärters Sohn, die Sache ganz anders vorgestellt hat. Der Junge hatte geschrieben: „Lconidas kämpfte mit den Seinen bis zum letzten Nbendzug." (Amtsstiel.) Auf einer Bastei war bis vor Kurzem noch folgende Weisheit zu lesen: „Den Gästen wird das Einschneiden ihrer Namen in Tische und Bänke gehorsamst untersagt; zu diesem Zwecke ist das Fremdenbuch vorhanden." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr.