Nr. 96. 1883. »m „Äugstzurger KojiMung." Samstag, 1. Dezember Der GpatrLng. Roman aus dem Englischen von E. E. (Fortsetzung.) Erst gegen ein Uhr, die Zeit, wo Faucourt in der Regel seinen Besuch machte, begab sich Lena hinunter. Aber es schlug eins und er erschien nicht. Stunde auf Stunde verging und er kam nicht. Weder Mrs. Dalton noch Lena fiel seine Abwesenheit, die sie dein Uebermaß der Geschäfte zuschrieben, airf. Bertha allein fand es beunruhigend. Bei jedem Geräusch fuhr sie erschreckt, von bösen Ahnungen ergriffen, zusammen. Es war ihr kaum möglich, den Befehlen ihrer Mutter die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Gegen halb zwei Uhr trat Sara in's Zimmer, wo die Damen, von dem Brautstaat umgeben, beisammen saßen und meldete, eine junge Person sei in der Küche und wünsche Miß Lena zu sprechen. „Sie ist ganz außer Fassung, will aber ihren Auftrag nur au Miß Lena selbst ausrichten." „Mich wünscht sie zu sprechen? Wie sonderbar!" Aber schon bald kehrte Lena hastig zurück und sagte: „Das ist eine seltsame Geschichte, Mama, ich verstehe sie nicht. Ihre Herrin sä sterbend und schicke deshalb nach mir, da sie mich in wichtiger Angelegenheit zu sprechen wünsche. Sie könne eher keine Ruhe finden, da sie die Dame sei, welche den Opalring besitze." „Den Opalring? Mein Himmel!" rief Mrs. Dalton aus. „Habe ich nicht immer gesagt, er würde noch einmal zum Vorschein kommen? Die arme Frau! Vermuthlich hat sie Gewissensbisse und nun, wo sie erfahren, daß der Ring Dir von Rechtsweg« zukommt, will sie ihn Dir lvahrscheinlich übergeben. Geh' zu ihr hin, mein Schatz. Wohnt sie weit von hier?" „Ja, in der Nähe von Box-Hill in Surrey." „Du lieber Himmel, wie unbequem! Ich kann unmöglich mit Dir gehen", fuhr sie verdrießlich fort. Den Hock^eitSkuchen sowie den Brautkranz und die weißen Handschuhe muß ich heute noch bestellen und gewiß kommen Sir Stephan und Lady Langley im Lause des Tages hierher; sie sind ja schon seit gestern Abend in der Stadt." „Eigentlich weiß ich nicht recht, ob ich hingehen soll oder nicht", sagte Lena; «es ist kein großes Vergnügen, eine Sterbende auszusuchen." Bertha, welche sich bis dahin schweigend verhalten hatte, kam es vor, als ob das, was fie den ganzen Tag über erwartet, hierdurch in Erfüllung gehe. „Oh, ich bitte Dich, gehe hin, — wer weiß, wieviel davon abhängt! Mama, dürfte ich Lena nicht begleiten? Ich kenne den Weg hinlänglich, da ich ja früher in bvrtiger Gegend Unterricht ertheilte. Wir wollen zusammen hinfahren, Schwester." In ihrer Erregung war sie v'on ihrem Stuhle in die Höhe gesprungen. 762 „Weshalb regst Du Dich so darüber auf? Dazu ist doch kein Grund vorhanden", eutgegnetc Lena, noch immer unentschlossen. Doch der Wunsch, in den Besitz des echten Ringes zu gelangen, trug den Sieg davon. „Nun, wenn Bertha mit Dir geht, so habe ich nichts dagegen einzuwenden: es wäre freilich jammerschade, wenn Du den Ring nicht erhieltest. Ich hoffe nur, Du nimmst ihn besser in Acht, als Bertha dies that. Was soll ich aber dein armen Mr. Fancourt sagen, wenn er hierher kommt." „Der arme Mr. Faucourt wird sich trösten müssen", erwiederte Lena mit verächtlicher Miene. „Ja, ich will hingehen, komm Bertha!" „Auf der Stelle werde ich Dir folgen; ich bin doch noch gleichzeitig mit Dir fertig", antwortete diese und begab sich zur Küche, um das Mädchen, welches noch immer weinte, näher auszufragen. Außer der bestimmteil Angabe des Wohnortes erfuhr sie auch, nichts Näheres von ihr. Mau habe ihr befohlen, Miß Dalton zu ersuchen, sie zu begleiten, gab sie an; mehr konnte oder wollte sie nicht sagen. Nachdem Bertha die alte Martha beauftragt hatte, dem Mädchen eine kleine Stärkung vorzusetzen und Sara befohlen, eine Droschke zu holen, ging sie zu Lena hiirauf. Als der Wagen an der Thüre hielt, waren die Schwestern reisefertig; sie stiegen mit der Fremden ein und fuhren eiligst zum Bahnhofsgebäude. E i n u n d d r e i ß i g st e s Capitel. Lord Alphington stand im Begriffe, nachdem er für seine Gäste Sir Stephan und Lady Langley die Equipage geordnet hatte, sich in sein Bibliothekzimmer zurückzuziehen. „Ich habe keine Lust, mich den ganzen Morgen, von meiner alten Frau, am Gängelbande herumführen zu lassen", sagte Sir Stephan, „und werde bald wieder zurück sein. Den Dalton's können wir nach dem zweiten Frühstück unseren Besuch machen. Wo steckt ihr Juwel von Enkel? Es ist doch auffallend, daß er gar nicht zum Vorschein kommt." „Ja, sehr auffallend; ich erwarte ihn schon gestern Abend. Wahrscheinlich hat er sich direct nach Joy Cottage begeben." Sir Stephan schritt, seine Gattin erwartend und ein Seemannsliedchen vor sich hiu summend, im Frühstückszimmer aus und ab. Lord Alphington schloß die Thüre. Fast beneidete er den alten Herrn seines guten Humors wegen. „Er hat aber auch nicht alles verloren gleich mir", rief der Earl schmcrzerfüllt aus, als seine Augen auf dem Portrait des Sohnes haften blieben. Der Aufenthalt in der Stadt sagte ihm nur wenig zu. Um politische Angelegen Heiken kümmerte er sich nicht mehr und die Klatschgeschichten der Clubs hatten für ihn kein Interesse. Die ländliche Ruhe stand mehr im Einklang mit seinem traurigen, durch Unglücksfälle unterjochten Geiste und der arme alte Mann fand seinen einzigen Trost darin, das Wohl seiner Untergebenen zu fördern und den Armen nach Kräften bei- zustehcn. Seiner gewohnten Ordnung gemäß, setzte er sich an den Schreibtisch, um seine Correspondenzcn zu erledigen. Hiermit fertig nahm er die „Times" zur Hand. ES war kalt draußen. Grauer Nebel lag auf der Stadt: er schauderte zusammen und rückte Näher an's Feuer. Nachdem er die Zeitung dnrchgelesen, blickte er auf die Uhr, da er Sir Stephan zurückerwartete. Anstatt seiner trat der Kellermeister ein und meldete, Mr. Thomson bitte seine Lordschaft um eine geheime Unterredung. Ueberrascht befahl Lord Alphington den Rcchtsanwalt sofort zu ihm zu führen. Dieser stürzte in solch verwirrtem Zustande in's Zimmer, als ob er eben einen derben Schlag erhalten habe. 763 „Um des Himmels willen, Thomson, was ist passirt?" rief der Carl erschreckt über das Ansschcn seines Geschäftsführers aus. „Mylord, ich weiß keine Worte zu finden, um mich Ihnen verständlich zn machen", begann Mr. Thomson, dankend den Stuhl einnehmend, welchen der Earl ihm anbot. Zu meinem größten Bedauern und meiner Schande muß ich bekennen, daß wir auf großartige Weise hintergangcn und überlistet worden sind und zwar von dem vollendetsten Böscwicht, den die Erde trägt! So etwas hat sich noch nicht ereignet seit Thomson und Cratchit eine Firma bilden — und das war zur Zeit, meines Großvaters und Mr. Cratchit Großonkels." Er hielt einen Augenblick inne, um Athem zu schöpfen. Bitte erklären Sie sich, Sie haben mir etwas Unangenehmes mitzutheilen. Reden Sie nur, ich bin auf schlimme Nachrichten gefaßt." Ja, es ist so, Mylord. Der junge Mann, welchen wir als Mr. Fauconrt empfingen, hat kein Recht auf diesen Namen; er ist ein Betrüger, ein — dem Willen nach, ein Mörder! Dem Himmel sei Dank, daß Sie nicht als Opfer seiner geheimen Ränke gefallen sind", rief Mr. Thomson, von seinen Gefühlen überwältigt, aus. Einige Augenblicke starrte ihn der Earl unverwandt an, als ob er befürchte, der gute Mann habe den Verstand verloren. „Was sagen Sie da? Höre ich recht? Wie kann das sein? Haben Sie nicht die Beweise geprüft? Sie schienen doch alle richtig zu sein, als Sie mir dieselben vorlegten." „Mylord, ich hatte sie genau untersucht; die Papiere sind alle gültig, nur wurden sie uns durch den unrechten Mann zugestellt. Es ist jetzt klar erwiesen, daß sie gestohlen waren." „Barmherziger Himmel! Wann ist dies entdeckt worden?" „Der rechtmäßige Mr. Fauconrt, welcher unter dem Namen St. Lawrence —G „St. Lawrence?" unterbrach ihn Lord Alphington. „Ist es ein Maler? Sahen Sie ihn?" „Er ist derselbe", bcstättigte Mr. Thomson, erstaunt über das ungestüme Benehmen des Earl. — Ich habe ihn noch nicht gesehen." „Aber ich; erst gestern sah ich ihn. Er ist das Bild meines verlorenen Sohnes. O Gott, was gäbe ich darum, daß dies wahr sei. Jedoch war er noch zu verwirrt, um alle die Veränderungen welche diese Entdeckung mit sich brachte, vollständig begreifen zu können. „Erzählen Sie mir die einzelnen Umstände", sagte er nach einem kurzen Schweigen, welches Mr. Thomson nicht zu unterbrechen wagte. „Erzählen Sie mir Alles, was Sie wissen." „Wie es scheint, war St. Lawrence, ich darf ihn wohl einstweilen noch mit dem Rainen, welchen er sich selbst beigelegt hat, bezeichnen — in der Absicht von Amerika hierher gereist, um Ihnen die Beweise seines Gcburtsrechtes vorzulegen. Unterwegs wurde ihm die Schatulle, welche dieselben enthielt, durch einen kleinen Franzosen, Pierre Lemout, auf Anstiften Scdlcy's gestohlen. St. Lawrence setzte gleich nach seiner Ankunft sofort die Polizei .in Kenntniß und ein gewandter Geheimpolizist verfolgte die Sache. Als Sie die Anzeige von dem verloren gegangenen Ringe machten, glaubte man, dieser geringere Dicbstahl werde zur Aufdeckung des größeren beitragen und vertraute die beiden Fälle demselben Manne an. Diese Vermuthung hat sich als richtig herausgestellt — die ganze Geschichte ist vermittelst des Ringes an's Tageslicht gekommen." „Aber als Sedleh Ihnen die Beweise überbrachte und öffentlich den Namen Fan- court annahm, mußte St. Lawrence doch wissen, wer der Dieb sei", wandte Lord Alp- hington ei». „Gewiß wußte er das, Mylord, aber wie hätte er beweisen können, daß er bc- stohlcn worden sei, daß er überhaupt je diese Papiere besessen habe? Die beiden junge» Leute sind Vettern im gleichen Alter und auf denselben Namen „Eustace Sedley" getauft. Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, daß Mr. Faucourt in Amerika nach seiner Berheirathnng den Namen seiner Frau führte; aus welchem Grunde er dies that, wird man wohl jetzt nicht mehr in Erfahrung bringen können." „Ich errathe ihn", sagte der Earl seufzend. „Bitte, fahren Sie fort." „In Folge dessen hieß also auch der Sohn Eustace Sedley. Der Mensch, welcher uus diesen schändlichen Streich gespielt hat, ist der Sohn eines Bruders von Mr. Fau- court's Gattin." „Woher wissen Sie dies Alles?" frug der alte Herr, sich noch immer fürchtend, dem Gehörten Glauben zu schenken." Riggs, der Geheimpolizist, welchem, wie ich eben erwähne, beide Sachen übergeben worden waren, verkleidete sich und bestach den Diener Sedlcy's, dessen Stelle er übernahm", fuhr Mr. Thomson in seinem Berichte weiter fort. „Wie Sie sehen, Mylord, wußte Riggs ziemlich genau, mit welchem Manne er beginnen müsse und er hatte ebenfalls den schlauen Verdacht, daß der Bursche, welchen Miß Bertha Dalton als den Eigenthümer des Ringes beschrieben, auch den größeren Dicbstahl verübt haben müsse. Deshalb versuchte er, Näheres über ihn in Erfahrung zu bringen und hierzu benutzte er den Diener der Mrs. Sedley. „Mrs. Sedley? Von wem sprechen Sie nun?" „Von der Frau dieses Sedley, Mylord; er heirathete eine hübsche Französin, Julie Lemont, Schwester dieses Pierre, welcher zur besseren Aufklärung des Falles viel beitrug, indem er zuerst den Opnlring stahl und denselben dann wieder verlor." „Verheirathet?" stieß Lord Alphington entsetzt hervor. „Und das hübsche Mädchen Hjiß Dalton sollte geopfert werden!" „St. Lawrence und Riggs waren übereingekommen, wenn die Verhaftung nicht frühzeitig genug erfolgen könnte, gemeinsam aufzutreten und wenigstens das Aufschieben der Hochzeit zu veranlassen. Mr. St. Lawrence wußte nicht, daß sein Vetter verheirathet sei, sonst würde er die Verlobung mit Miß Dalton sofort rückgängig gemacht haben; aber wie ich Ihnen sagte, Mylord, hörte Riggs durch den Diener der MrS. Sedley, wo jener Pierre sich aufhalte. Die Polizeibehörde telegraphirte nach Frankreich, Lemont wurde verhaftet und hat schon seinen Antheil an dem Diebstahlc eingestanden. Nun kommt noch der schlimmste Theil meines Berichtes. — Diese Mrs. Sedley ist eine leichtfertige Person ohne alle Grundsätze; jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daß sie bei diesem Bösewicht von Gatten ein jammervolles Leben geführt haben muß. Als Sedley Miß Dalton zuerst erblickte, verliebte er sich, wie es scheint, in sie, und beschloß daher, fein Weib bei Seite zu schaffen, um sie heirathen zu können. Zuerst versuchte er es, sie zu überreden, das Land zu verlassen, und da sie sich entschieden weigerte dies zu thun, vergiftete er sie." „Er vergiftete sie?" wiederholte Lord Alphington, auf's Tiefste erschüttert. „Darüber herrscht gar kein Zweifel mehr. Riggs verhütete das Gelingen dieses Berbrechens. Sedley hatte die Wirkung des Giftes an seinem Jagdhunde versucht und da Riggs etwas Derartiges vermuthete, brachte er den Hund zu einem Thierarzte; dort wurde er getödtet, untersucht und das Gift constatirt. Die Flasche Medizin sowie der Branntwein, welchen Sedley seiner Frau gab, enthielten dasselbe Gift. Es gibt für den Elenden keine Ausflucht und Rettung inehr. Gestern Abend wurde er wegen Betruges und Vergiftungsversuches auf der Eisenbahnstation verhaftet und befindet sich nun in sicherem Gewahrsam." (Fortsetzung folgt.) 765 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. * Bor vierzig Jahren, als ich schon daran war, zmn Gymnasium meiner bischöflichen Vaterstadt „aufzusteigen", dachte man noch kaum an Gymnastik selber. Niemand hat uns auch gesagt, daß Gymnasium eigentlich ein Institut sei, in welchem nach dem Muster der alten Griechen, von denen wir doch den Namen entlehnten, eigentlich die Pflege des Körpers znr Bildung, Schönheit und Stärkung des Leibes gepflegt werden sollte. Wir hätten auch kaum Etwas von der Kalokagathta der Athener d. i. der körperlichen und geistigen Schönheit der Gricchenjnnglinge gewußt, wenn nicht Halm's griechisches Ucbersctzungsbuch einen ähnlichen Sah gebracht hätte. — „Die Quelle und Wurzel der Kalokagathic ist die Erziehung", lautete der erste Satz in genanntem Buche. Uns war das Gymnasium nicht der lichtvolle Spielplatz zur Körperübuug, sondern ein massiv viereckiges, dreistöckiges, dunkles Quaderstein-Gebäude, in dem uns die Herren Professoren das -r nrc» ^ rc. eintrichterten oder uns mit den Dietrichen der mathematischen Wissenschaften d. i. den Ziffern » b a rc. die pythagoräischen uud andern Euclid'schen Lehrsätze in's jugendliche Gehirn einzubohren sich bemühten. Und die Reden des Demosthcnes und des alten Homers Jlias, wie schwer wurden sie unter Seufzern verdolmetscht in harkgcbrochencin Deutsch, wenn wir von dem lichtblauen, hellenischen Himmel träumend in unserer finsteren Schnl- stube den dumpfen Odem der nachbarlichen „Fcuergasse" ciuschlürfteu. — OI hätte ein Lucian oder Solon unser „Gymnasium" sehen können! — Welch' ein Pcnthatloul — Als wir noch jünger waren und noch die Elementarschule besuchten, thaten wir uns mit der wirklichen Gymnastik schon leichter, ohne das Wort noch gekannt oder verstanden zu haben. Die mit Kastanienbäumcn besetzten Hügel hinter unserer Schule am I.. berge waren unser Lieblingstummelplatz und ohne noch etwas von der Gesundheitslehre des Apostels und Natnrarztes Rikli zu wissen, der im Barfußgchcn mit Recht viel Gutes findet und ohne den Fechtlchrer und Poeten Peter Henrik Ltugg auch nur dem Namen nach zu kennen, übten wir uns viermal des Tages inr Springen, Klettern, Wcttlauf, Ringen und dergleichen Künsten. Nicht selten freilich aus Kosten der Kleider! Wohl war dies keine regelrechte Gymnastik, — doch war sie wohlthuend und gesund zugleich. Und heimlicherweise, wenn Eltern und Verwandte ferne waren, übten wir uns auch im Barfnßlanfen und trugen die mit einer Schnur zusammengebundene Stiefel um den Hals, über beide Achseln geschlungen. In der Nähe unserer heimathlichen Herbergen zogen wir heimlich dies Schuhwerk wieder an den Leib, damit die durchaus mit solchem Gangwerke nicht einverstandenen Herrn und Frauen Eltern unser vorheriges Thun nicht entdeckten. An den Abenden führten wir um einen freistehenden Häufcrstock, dessen vier Ecken von einem Strumpfwirker, Schreiner, Feilcnhauer und Schiffer bewohnt waren, das Nachlauf- und Ver- stcckenspiel auf, wobei es vieler Gewandtheit der Füße bedurfte, um nicht ertappt zu werden. Wir aber liefen und schrieen und rannten jubelnd ohne Unterlaß. — Der alte Strumpfer schimpfte über den Lärm, wie ein invalider Profose und der schwindsüchtige, bucklige Schreiner verfolgte uns manchmal mit dein Maßstabe. — Hätten wir damals schon gewußt, daß der Hellene seine Götter die Freunde des Spieles nannte, wir hätten diesen griesgrämigen Spielfeindcn gewaltig die Meinung gesagt. - - Wir waren damals gesunde, frische, wenn auch mitunter noch kleine Knirpse, jedoch sind auch manche der damals laufenden und springenden Jnngcns geistig und körperlich große Männer, manche helle Lichter in Kirche und Staat geworden. Wir waren stolze, lateinische Geier. Da klopfte es eines Nachmittags an der Thüre unseres Schulzimmers. Der Pedell mit seinem grauen Schnurrbarte, — ein gewesener Wachtmeister — trat herein und rief: „Heute Abend um 5 Uhr wird geturnt!" — „Geturnt!" — welch' neues, welch' ein vielsagendes Wort, das uns seine 766 Bewegung auf der Wiese ii» Eichenwäldchen neben dem schönen Flnßnfcr in Aussicht stellte! - Es war ein schöner Iunitag! Das „Turnen" der Studenten war für die Bewohner meiner Vaterstadt damals eine neue Erfindung gewesen. — Ich ließ mir aber, noch bevor ich den Marsch nach dem eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernten, mit allen Reizen der jugendlichen Phantasie reichlich ausgestatteten, Turnplatz antrat, noch etwas an meinen Stiefeln ausbessern. — „Mein alter Schuster sagte: „Aha! heute geht's ja zum ersten Male zum „Turniere!"? Ja zum „Turniere", sagte ich, harrend der in Reparatur befindlichen Stiefel und der Turnicrkünste, die da kommen sollten. — Mir war fast ein wenig bange! Und unsere Bürgerschaft, wenigstens ein guter Theil derselben, hielt Turnier und Turnen für gleichbedeutend. Meine selige Großmutter aber behauptete, dies wäre wieder so eine neue Erfindung, um die Beinkleider unter besseren Ausreden, — gleichsam officiell würde man heut sagen, — zerreißen zu können. Der Turnplatz war erreicht, blank und nackt und ohne jedwelchc Vorrichtung. Die schon früher Angekommenen lagen singend und johlend im Grase. Wir wurden nun klassenwcise in Reih' und Glied auf dem schönen Plane aufgestellt und wie angehende Soldaten hin und her gejagt; rechtsum, linksnm! u. s. w. — Den Herrn Turnmeister spielte unser Pedell — von der schlimmen Jugend „Pudel" genannt. Dann brach ein Donnerwetter los. Durchnäßt bis auf die Haut kamen wir nach Hause. Dennoch war es da draußen recht schön gewesen, wenn auch die besorgten Mütter zankten ob der „dummen Prinzipien", die man jetzt auf den Schulen einführe, — die durchnäßten Kleider beklagten und H ollerth ec kochten, damit der junge Student von seinem ersten Turniere keinen Katarrh davon trüge. — Es war 20 bis 22 Jahre später. — In München hatten insbesondere viele meiner Bekannten aus den Künstler-, Studenten- und dergleichen Kreisen sich vielfach mit der Jahn'schen Turukunst beschäftigt und gingen daran, Vereine zu gründen. Die Debatten spielten im grünen Hofe! Als ich im Jahre 1861 für das Abendblatt der „Neuen Münchner" Zeitung unter der verantwortlichen Redaktion meines Landmauncs I. N. Vogel eine Studie über das „Ideal der körp erlichen Bew egun gen oder der Gymnastik der Hellen en" geschrieben hatte, da glaubte man der leibhaftige „Gottseibeiuns" wäre los. Man witterte manches Aufwieglischc, Feindliche in der Turncrei und der Wahlspruch „frisch, froh, fromm und frei" und die Erziclung körperlicher Jugendkraft war Vielen ein Dorn im Auge. Man hätte fast meinen können, ein hinterm Ofen hockender Krüppel wäre mehr werth wie zwei thatkräftige, muskelgeübtc Turner. Wieder sind mehr als 20 Jahre verstrichen. Wer heute die Zeitungsberichte über Tnruerfahrten, Turnerfeste, Tnrnerwettspiele, Turnerbälle u. s. w. liest, wird in dem Glänze der Turnerei von heute sich kaum mehr ein Bild von ehedem zu machen im Stande sein. Vor 40 Jahren hieß es: Vorwärts, rechtsum 1, 2, 3! — kehrt euch! rückwärts 4, 5, 6 bis 21, 22! — Vor 20 Jahren galten schon die für gymnastische Künstler, welche ein paar Arm- ober Kniewellen nach einander am Recke oder ein paar breite Sprünge am Barren ordentlich zu Stande brachten. Heute glaubt man bei den Turnproduktionen ein Steinschleudern, Wettsprünge, Klettern und dergleichen oft eine Abtheilung der indianischen Drachentruppe vor sich zu haben, die auf freistehenden und frcibalancircnden Leitern Serenaden, Flöten und Walzer geigen u. s. w. — Manche um des lieben Geldes oder Brodes halber sich produzirenden Acquilibristen müssen hinter vielen unserer Turnerhelden von heute zurückstehen. — Und auch ein 767 Herzog Christoph würde jetzt seines Gleichen iin Steinwcrfcn finden. — Das müßte gerade nicht sein und die Hellenen führten auch keine halsbrecherischen Kunststücke anf in ihrem Pentathlon. Aber Schaden bringen solche Leibesübungen für Den, der dazu gewüthet und geeignet ist, sicher nicht. Bedenken wir nur welch' hohen Segen und Nutzen der gliedergewandte, kühne und unerschrockene Steiger der Feuerwehr bringen kann und in Nothfällen wirklich bringt! Kühnheit und geistige Fassung müssen die Begleiterinnen derlei Turncr-Knnststücke sein, das Vertrauen auf diese gelenke Kraft ist zu gar Vielem und in manchen Gefahren gut und nütze. „Der junge Mann soll und mutz sich körperlich üben, er muß turnen'', — ist ein heute Gottlob! allerwärts anerkannter pädagogischer Grundsatz, damit „in der schönen Form die schöne Seele" die Kalogathia d. i. die Güte und Schönheit der klassischen Alten sich voll und ganz zu entwickeln im Stande sei. Darum betete auch der Spartaner znm Zeus: „Gib uns zum Guten das Schöne d. i> znr geistigen, idealen Schönheit das körperliche Wohlbefinden!" — und der Bittende ward erhört vom mächtigen Gotte. — Man glaube aber ja nicht, daß die Tnrnerei oder Gymnastik erst eine Erfindung der klassischen Völker gewesen. Die Gymnastik d. i. die Nebnngcn des Körpers und zwar sowohl die, welche dazu bestimmt sind, den Körper abzuhärten und vor Krankheiten zu schützen, wie auch die, wodurch man körperliche Leiden zu heben suchte, sind so aIt, als das Menschengeschlecht mit all seinen Gebrechen des Körpers selber. Die Hauptbchandlnng der Krankheiten, welche bei den früheren, noch im Naturzustände lebenden Menschen nicht so complizirt und intensiv wie heute waren, bestand in einer mehr äußerlichen wie dies heute noch bei den Negern an der Goldküste und anderer Nationen der Fall ist. Hat man ja auch bei uns in der jüngsten Zeit wieder znr sogenannten Massage d. i. der alten Muskelknctnng, Klopfung und dergleichen gegriffen und hicdnrch vielfach die schönsten Heilungen erzielt. So bedienten sich schon die Inder und Aegypter, die vorzugsweise ersten Kulturvölker des Alterthums der mechanischen Einwirkungen — einer Art Massage bei Krankheiten. Von den Acgyptcrn empfingen die Griechen ihre Cultur und bei diesen erreichte die Gymnastik ihren Glanzpunkt. Die griechischen Gymnasien waren genaue.Kenner des menschlichen Körperbaues. Von diesen „Gymnasiasten" ließ man sich ebensowohl von Krankheiten heilen, wie sich körperlich ausbilden und vor Kranksein bewahren. Schon Hippocrates, der Altvater der rationellen .Heilkunde, sgwie G a l c n u s (im zweiten Jahrhundert nach Christus) schrieb sogar eine Abhandlung über den diätetischen Nutzen der Körperbewegungen. Bei den Römern war es Aselcpiades, 100 vor Christus, welcher der gymnastischen Heilkunde eine bestimmte Grundlage gab, anf welcher Arown, Lingg und Andere weiterbantcn. Später war es Celsus, der mit Feuereifer die Gymnastik vom diätetisch heilenden Standpunkte aus empfahl. Mercnrialis Sydcn- ham im 17., Füller, Fissot im 18. Jahrhunderte, waren es, welche der Gymnastik wieder ihr volles Recht in der Heilkunde einräumten. — Die Gymnastik in ihrer Blüthezeit war nicht nur die wahrste Erzieherin, sondern anch der beste Arzt und die sicherste Bcwahrerin vor Krankheiten, ebenso das einzige und einfachste Mittel, Körper und G e i st gleichmä ß i g gesund zu erhalten. Die Vorbeugung vor Krankheiten d. h. deren Verhütung, die zehnmal einfacher und leichter ist als die Heilung wirklich vorhandener Leiden — bildet aber nicht nur den Hanptbcstandtheil der modernen Heilkunde in der sogenannten Hygieine, sondern 'wird auch vorzugsweise die Heilkunde der Zukunft sein. Schon Hnfeland 768 sagt in seiner Macrobiotik d. h. in der Kunst lange zu leben: „Wenn ich daS Natürliche (Physische) am Menschen beobachte, so behauptet Friedrich der Große, so kömmt es mir vor, als hätte uns die Natur mehr Zu Postillon' s als Ansitzenden Gelehrten geschaffen." — Dieser Ausspruch ist vollkommen wahr. Mechanische Arbeit ist aber eine der besten Körperbewegungen. Allzu oft aber findet der Mensch in der körperlichen Arbeit viel zu wenig Genuß und im Genusse allzn- tvcnig Arbeit. (Schluß folgt.) M i s e e H e 11. (Von der verschwenderischen Pracht,) welche am Hofe König Friedrich des Ersten herrschte, erhält man einen ungefähren Begriff, wenn man dem Bericht folgt über die Feierlichkeiten, welche am Berliner Hofe stattfanden, als der König im Mai 1700 seine Tochter mit dem Erbprinzen von Hessen verheiratete. Einen Mvuat fast dauerten die Hoffestc. Alle Kleider, welche dazu getragen wurden, waren aus Frankreich, die Tonkünstler, Sänger und Schauspieler aus Wien, Paris und Dresden verschrieben. Der Anzug der Braut kostete vier Millionen Thaler und wog einen Zentner, weßhalb sechs Kammerfränlein, die noch voll zwei Endelknaben unterstützt wurden, die Schleppe tragen mußten. Die Tafel, an welcher der Hof speiste, ward mit 500 Gerichten besetzt, und diese Besetzung geschah in einer halben Stunde, während welcher Zeit der Küchenmeister noch 86 andere Tafeln zn versorgen hatte, denn an so vieleil Tischen speisten die Gäste. Bei solcher Wirthschaft waren Steuern auf Steuern unvermeidlich. Blau besteuerte schließlich sogar die Perücken. Jeder Perückenträger mußte je nach Beschaffenheit der Perücke 6— 25 pCt. Steinpel zahlen. Ein Franzose hatte diese Abgabe gepachtet, und nicht selten kam es vor, daß Jemand auf der Straße angehalten und erst die Perücke, welche er trug, auf den Stempel geprüft wurde. Damals standen die Grafen Wartenberg, Wartenslebcn und Wittgcnstein an der Spitze des Staatswesens und im Stillen sagten die Brandenburger, mit Bezug auf die gleichen Allfangsbuchstaben dieser drei Namen: „Uns drückt ein dreifaches Weh!" (Ein Dokument fürstlicher Zechkunst.) Der Kurfürst Christian II. von Sachsen, ein gewaltiger Zecher, hatte den Herzog Heinrich von Braunschweig nach Gommern zum Trinkkampf eingeladen, war aber von diesem überwunden worden. Darüber berichtete ein Zettel, den man noch bis zum Anfang dieses Jahrhunderts an der Wand der kurfürstlichen Trinkstube in Gommern über den zum Gelage benutzten Tisch sah, in folgender Weise: „Anno 1605, den 6. Septem., haben allhier zu Gommern die Meißner zum Beschluß den Braunschweigischen entlaufen müssen und ihnen Keines mehr Bescheid thun können. Zur Wahrheit bezeuge ich Untengesctztcr mit meiner eignen Hand suff dato wie oben stehet. Henricns Julius, Hertzog zn Brannschweig und Lüneburg." („Endlich.") B. hatte seine Frau durch den Tod verloren, und sah dadurch einen buchstäblichen dreißigjährigen Krieg beendet. Am Tage nach der Beerdigung begegnet er einem lieben Freund, der außer anderen guten Eigenschaften auch die besaß, daß er bisweilen Verse machte. „Höre, guter Freund, du könntest mir irgend einen hübschen Vers, ein Epigramm, eine Strophe machen, um sie aus das Denkmal zu schreiben, welches ich meiner Frau setzen will." — „Nichts leichter als dies," sagte der Freund. „In solchem Fall, wie im vorliegenden, ist die kürzeste Inschrift stets die beste. Das Denkmal erhalte die Inschrift: ,Eudlickst." (Der sparsame Patriot.) Rentier A: Hatten Sie anläßlich des National- festes Ihr Hans auch beflaggt, Herr Doktor? Doktor B: Ei natürlich — ich ließ aus diesem Grunde meine — Wetterfahne neu lackircn. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag t«K Liternrischen Instituts von Dr. Max Hnttlcr.