Nr. 97. 1883. tur „Augsliirrger PostMnng." Mittwoch, 5. Dezeiuber Der Gpalring. Roman aus dnn Englischen von C. E. (Fortsetzung.) Lord Alphington erhob sich aus seinem Sessel und trat an's Fenster; er war erregter, als er dem Rechtsanwalte zu zeigen wünschte; einestheils war es das Gefühl der Freude, diesen Menschen, der ihm so widerwärtig gewesen, von seinem Lebenspfad entfernt zu wissen und an dessen Stelle jenen Anderen, für welchen er schon jetzt ein so warmes Interesse fühlte, als Enkel begrüßen zu dürfen, aber auf der anderen Seite flößten ihm die schändlichen Verbrechen, welche dieser Mann, der für kurze Zeit seinen Nacken geführt, begangen hatte, ein unbeschreibliches Entsetzen ein und mit tiefem Mitleide gedachte er des unglücklichen Mädchens und ihrer so übel angebrachten Zuneigung für diesen Elenden. „Es wird ihr das Herz brechen, wie wird sie es ertragen können", und daun- wandten sich seine Gedanken der jüngeren Schwester zu und die Vermuthung, daß eine zärtliche Neigung zwischen ihr und St. Lawrence bestehe, tauchte wieder in ihm auf. „Wie wunderbar sich zuweilen die Ereignisse gestalten", setzte er seine Betrachtungen fort. — „Hätte nicht dieser Bursche zufällig den Ring in Bertha's Shawl verwickelt, so wäre das abscheuliche Complot nicht entdeckt worden und mein nobler Junge nie im Stande gewesen, sein Eigenthum zu beanspruchen. Gott segne ihn!" Er kehrte an's Fenster zurück und nahm seinen Sitz Mr. Thomson gegenüber wieder ein. „Ist Hoffnung für die Wiederherstellung dieser armen Person, Sedlcy's Frau, vorhanden?" „Wie ich glaube, ist sie noch nicht ganz aufgegeben." „Und der Opalring? Weiß man, wo er hingekommen ist? — Wer hatte ihn das zweite Mal gestohlen?" „Mrs. Scdley ahnte, da Miß Bertha Dalton sie besuchte, wo er zu finden sei, und bemächtigte sich seiner, um ihn nöthigenfalls als Beweis gegen ihren Gatten verwenden zu können. Dem Anscheine nach drohte sie ihm hiermit. Sie hat ein aufrichtiges Geständniß abgelegt. Der Ring befindet sich in den Händen der Polizei und wird Ihnen jedenfalls zurückerstattet werden." „Es freut mich, daß er wieder in den Besitz der Familie kommt. Aber noch eins ist mir unklar. Ich erhielt nie befriedigende Aufklärung von diesem Menschen Sedley, weshalb die Beweise nicht viel früher eingebracht wurden und warum man mir nicht vor Jahren mitgetheilt hat, daß mein Sohn einen legitimen Erben hinterlassen habe. Jetzt wundert es mich nicht, daß er mir diese Frage nicht genügend beantworten konnte. Können Sie es vielleicht?" „Nein, Mylord; ich habe Mr. St. Lawrence —^Mr. Faucourt, wie wir ihn wohl nennen müssen, weder gesehen noch schriftlich mit ihm verkehrt. Niggs kam heute 780 Morgen mit der Nachricht der Entlarvung und Verhaftung zu mir und so eilte ich auf der Stelle hierher." „Ich bin Ihnen sehr verbunden", sagte der Earl, dann frug er weiter: „So wissen Sie auch wahrscheinlich nicht, weshalb mein Enkel sich St. Lawrence nannte?" „Mylord, ich weiß durchaus nichts über ihn", lautete die vorsichtige Antwort des Nechtsanwaltes. Dieser schien zu befürchten, er könne von Neuem hintergangen werden. Darf ich bitten, mich jetzt für den Fall, daß Sie keine weiteren Befehle haben, zu entlassen, da ich Jemanden in einer wichtigen Sache sprechen muß." „Lassen Sie sich nicht stören; augenblicklich ist ja weiter nichts zu besorgen. Ich werde meinen Enkel aufsuchen und Ihnen dann fernere Mittheilung machen." „Es ist mir unendlich leid, Mylord, Sie so unbedachtsamer Weise zu diesem groben Irrthum verleitet zu haben. Von Herzen hoffe ich, daß Sie mir verzeihen werden." „Gewiß — gewiß", entgegnete Lord Alphington ihm die Hand reichend. „Ich bin äußerst dankbar, daß dieses ruchlose Complot aufgedeckt worden ist, ehe neue Verwickelungen stattfinden. Guten Morgen!" Sobald der Nechtsanwalt sich empfohlen, ließ der Earl Sir Stephan zu sich bitten. Die beiden alten Herren blieben über eine Stunde im Bibliothekzimmer zusammen, -dann wurde der Brougham angespannt und Sir Stephan fuhr nach Joy Collage. Ihm war der Auftrag geworden, die peinliche Nachricht in der schonendsten Weise dort mitzutheilen. Zweiunddreißigstes Capitel. Mrs. Dalton hatte den Besuch Sir Stephan's und Lady Langley's erwartet; dennoch wunderte es sie nicht, ersteren allein cmssteigen zu sehen. Sie wußte, daß Lady Langley die seltene Gelegenheit, wo sie in der Stadt verweilte zu ihren vielen Einkäufen benutzte und war im Grunde genommen nicht ungehalten, das Wiedersehen mit dieser Dame bis nach der Hochzeit, wenn alle Erörterungen nutzlos seien, aufgeschoben zu wissen. Auch das ernste Gesicht des alten Herrn verursachte ihr keinen Schrecken. Sie war davon überzeugt, daß ihr zukünftiger Schwiegersohn weder ein Liebling der Langley's, noch Lord Alphington's sei und so vermuthete sie, Sir Stephan werde nur höchst ungern die Vaterrolle übernehmen und Lena diesem Bräutigam übergeben. Mrs. Dalton saß auf ihrem gewohnten Platze und Sir Stephan ihr gegenüber. Nun, wo sie ihn näher betrachtete, fand sie etwas Fremdes in dem Wesen des ritterlichen alten Herrn, welches sie stutzig machte. Sollte er vielleicht gekommen sein, nm ihr, wie auch schon bei früheren Gelegenheiten, eine Strafpredigt zu halten. Es wurde ihr schwer, eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, denn jedes Thema kam ihr ver- hängnißvoll vor. Auch Sir Stephan befand sich wohl zum ersten Male- in seinen: Leben in großer Verlegenheit. Endlich begann er: „Leider bin ich genöthigt, eine Mittheilung zu machen, welche Ihnen großen Kummer bereiten wird, und doch muß es geschehen. Meine liebe Mrs. Dalton, von Herzen wünsche ich, daß Madelina's Gefühle keinen Antheil an dieser Verbindung haben. Noch gestern, als wir zur Stadt kamen, hätte ich viel darum gegeben, das Gegentheil annehmen zu dürfen." „Was gibt es, Sir Stephan? Was wollen Sie damit sagen?" rief die arme Dame in größter Angst aus. „Hat Lord Alphington seine Einwilligung zurückgezogen, oder ist Mr. Faucourt — nein, er denkt nicht daran, wortbrüchig zu werden, — er liebt Lena zu sehr." Ihre Stimme zitterte und Sir Stephan bemitleidete sie aufrichtig, obschon er nie große Achtung für die Wittwe seines Freundes empfunden hatte. „Wenn die Verlobung abgebrochen werden muß, so ist dies nicht die Schuld Lord Alphington's; das kann ich Ihnen versichern. Ich stellte die Frage in Betreff der Gefühle Lena's nur deshalb, weil wir hoffen müssen, daß die Trennung von ihrem 781 Verlobten, welche unbedingt nothwendig geworden ist, ihr nicht allzu großen Schmerz bereiten möge." „Trennung — nothwendig?" stieß Mrs. Dalton mühsam hervor. „Was soll das Alles bedeuten, Sir Stephan?" „Der Mensch, welcher sich Faucourt nannte, ist als gemeiner Betrüger entlarvt worden und gar nicht der Enkel Lord Alphington's." Ein leiser Schrei entfuhr Mrs. Dalton. „Wie? Mr. Faucourt wäre nicht Mr. Faucourt? O, der Bösewicht, hierher zu kommen und meiner armen Lena einen Antrag zu machen. Was sollen wir nun anfangen, und das Hochzeits-Frühstück ist schon bestellt." Sie rang fassungslos die Hände. Auf eine solche Nachricht war sie nicht vorbereitet und einem Anderen als Sir Stephan würde sie nicht geglaubt haben; aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß nur ein wichtiger Grund ihn zu dieser Mittheilung veraillaßt habe'. „Es ist Ihnen nicht unbekannt, wie wenig Lady Langley und ich mit dieser Verlobung einverstanden waren. Die arme Lena ist wirklich in eine äußerst unangenehme Lage gerathen, doch hoffe ich, daß sie, wenn sie ruhiger geworden, froh sein wird, noch frühzeitig genug den Sachverhalt erfahren zu haben, denn dieser Schurke heißt Scdley und ist ein vcrheirathcter Mann." Entsetzt fuhr Mrs. Dalton in die Höhe. „O wie schrecklich, schrecklich! Mein armes, theures Kind — das genügt, um sie zu tödten! Mir konnte es schon den Verstand rauben." Nur der heilsame Respekt, den sie vor Sir Stephan hatte, bewahrte sie vor einer Ohnmacht. Gewaltsam das laute Stöhnen unterdrückend, preßte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht. Sir Stephan blickte sie theilnahmsvoll an; aber was hätte er ihr zu ihrem Troste sagen oder thun können? In seinem innersten Herzen bedauerte er es nicht, daß die Verbindung aufgelöst wurde, so peinlich auch die Ursache sein mochte. „Aber Lord Alphington glaubte, Mr. Faucourt — oder wer er immer sein mag — sei sein Enkel", sagte Mrs. Dalton, endlich ihr Taschentuch sinken lassend. „Ja gewiß, und es hat ihn Ueberwindung genug gekostet, dies zu thun; erst heute Morgen erfuhr er, daß der Taugenichts dem wirklichen Erben die Papiere gestohlen hatte! —" Je mehr Mrs. Dalton die ganze Angelegenheit begriff um so trauriger wurde sie. Ihre Thränen flössen unaufhörlich; die ganze herrliche Zukunft löste sich also in Nichts auf. Was würden ihre Bekannten dazu sagen? Was aus Lena werden? Sie konnte es nicht ertragen, es war zu hart. Sir Stephan suchte sie von der Betrachtung ihres übergroßen Kummers abzulenken, indem er sagte: „Sie kennen den echten Mr. Faucourt ebenfalls." Mrs. Dalton antwortete nichts; nun wo ihre Hoffnungen auf so grausame Weise vernichtet worden waren, interessirte sie nichts mehr auf der Welt. „Bisher führte er den Namen St. Lawrence", erzählte Sir Stephan weiter. „St. Lawrence!" rief Mrs. Dalton mit erneuerter Lebhaftigkeit und gerötheten Wangen aus. „Wird denn Jeder etwas anders? Woher weiß man das? Ist es auch ganz gewiß wahr, Sir Stephan?" „Ja, dieses Mal kann kein Irrthum obwalten." Der alte Herr konnte sich den plötzlichen Wechsel in ihrem Benehmen nicht erklären. „Nun, St. Lawrence hat mir gleich gut gefallen. Ich sagte ja immer, daß er etwas Vornehmes an sich habe. Vielleicht ist es trotz alledem nicht so sehr schlimm", fuhr sie, ihre Thränen trocknend, fort, als sei ihr plötzlich ein guter Einfall gekommen. Ueber das Gesicht Sir Stephan's glitt ein spöttisches Lächeln. „Die Frau ist verrückt". 782 dachte er bei sich. Mrs. Dalton, welche dieses Lächeln als eine Zustimmung zu ihren eigenen Gedanken ansah, wurde zutraulich und sagte, die Falten ihres Kleides in Ordnung bringend: „Ihnen, Sir Stephan, als alten Freund der Familie darf ich wohl verrathen, daß meiner festen Ueberzeugung nach Mr. St. Lawrence in Lena verliebt ist. Er wollte es freilich nicht eingestehen, als ich mit ihm darüber sprach — ich hielt es für nothwendig, ihn in dieser Beziehung zu warnen — aber damals konnte er ja selbstverständlich nicht daran denken, ihr einen Antrag zu machen. Jetzt ist das etwas ganz anderes und das Troussean ist schon fertig und Alles ist bereit/' Sir Stephan frug sich im Stillen, ob er wohl während seines ganzen Lebens eine so einfältige Person wie Mrs. Dalton angetroffen habe. Ihre grenzenlose Thorheit entwaffnete ihn beinahe. Obschon er es eigentlich überflüssig hielt, ernstlich auf diesen Gegenstand einzugehen^ konnte er ihre Aeußerung doch nicht stillschweigend vorübergehen lassen. „Die Empfindungen von St. Lawrence sind mir vollständig fremd. Ich begreife, daß die zukünftige Stellung eine größere Anziehungskraft für Lena besaß als dieser Sedley; in diesen: Falle ist es ja schon gut, sie wird dann um so weniger Kummer haben aber es würde mir doch leid thun, von einem Mädchen glauben zu müssen, daß man sie einen: Federballe gleich von den: Einen zum Andern Hinüberwerfen könne." Obschon Mrs. Dalton fühlte, daß seine Worte eine Zurechtweisung enthielten, war es ihr doch unverständlich, wodurch sie diese hervorgerufen habe. Wieder vergoß sie einige Thränen und sagte dann: „Lena liebte ihn ja gar nicht, deshalb kann davon keine Rede sein. Können Sie denn nicht einsehen, welch' gutes Arrangement das wäre — alles könnte so vorangehen, als ob nichts vorgefallen sei." „Machen Sie denn meinetwegen ein solches Arrangement", fuhr Sir Stephan, sich zornig von seinen: Stuhle erhebend, heraus. „Wenn dies das Ende der Geschichte sein soll, so ist meine Theilnahme total überflüssig. Verhcirathen Sie Lena nur an den jetzigen Mr. Faucourt, aber das versichere ich Ihnen, ich will nichts damit zu schaffen haben und verzichte auf die Ehre, Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Schonen guten Morgen! Der kleinen Bertha meinen besten Gruß: je eher sie unter diese«: Verhältnissen nach Larkspur übersiedelt, um so besser für sie." Mit diese:: Worten schritt der alte Seemann grimmig von bannen und ließ Mrs. Dalton in voller Verzweiflung zurück. Lena's glänzende Zukunft war vernichtet. Sir- Stephan in: Aerger fortgegangen, warum, wußte sie selbst nicht, viellcich: war auch Lord Alphington ungehalten, gerade als ob sie sich etwas habe zu Schulden kommen lassen. Sir Stephan hatte den Menschen, welcher sich Faucourt nannte, einen Betrüger und Taugenichts gescholten und auch gesagt, er sei von vornherein gegen diese Verbindung gewesen und jetzt war er zornig, daß Lena ihn nicht liebte. „Das ist doch zu unvernünftig", überlegte Mrs. Dalton bei sich „Lena sollte ja den Enkel Lord Alphington's heirathen, und wo es sich nun herausgestellt hat, daß der wirkliche Enkel eine viel angenehmere Persönlichkeit ist, so ist das nur um so besser für Lena. Sie vermochte nicht einzusehen, was man dagegen einwenden könne. Ihr Kopf schwindelte; es kam ihr vor, als ob Alles in größter Verwirrung und sie dazu berufen fei, Ordnung zu schaffen. Dreiunddreißigstes Capitel. Auf dem Bahnhöfe in Surreh angekommen, führte Eliza die beiden jungen Damen verborgene Seitcnpfade entlang dem Landhause zu. Trüber Nebel verhüllte die Landschaft; von Wald und Wiesen war die sommerliche Pracht gewichen. 78ö „Ich wollte, wir wären nicht hierher gegangen; sagte Lena schaudernd, „es ist zu unangenehm." Bertha antwortete nichts, sie war zn sehr mit ihren Vermuthungen über das Resultat dieser Reise beschäftigt. Bald erreichten sie die Villa. Durch die Fenster des Speisezimmers erblickten sie einen Polizisten, welcher behaglich seine Pfeife rauchte. Wie es schien, hatte Perkin's nach ihnen ausgespäht, denn noch ehe sie anklopfen konnten, wurde schon die Thüre geöffnet. Er führte die beide» Damen in's Ansprnchziinmer, während Eliza hinaufging, um Mrs. Lcmont von ihrer Ankunft zn benachrichtigen. Schon bald kehrte das Mädchen zurück und meldete, ihre Herrin wünsche die Misses Dalton bei sich zn sehen. Lena ging vorauf und Bertha folgte ihr mit bebenden Knieen. Sie wurden in ein Schlafzimmer geführt; neben dem Bette, auf welchem die Kranke lag, stand eine gutmüthig aussehende Matrone mit sauberer weißer Haube und Schurze. Die vicrnnd- zwanzigstündigc Krankheit sowie die marternde Scclcngual hatten eine traurige Verwüstung bei Julie Lcmont angerichtet. Ihre bleichen Wangen waren eingefallen, die Augen sahen ungewöhnlich groß und geisterhaft und der Mund verzerrt und trocken aus. AIs Bertha eintrat, leuchtete der Ausdruck des Wiedcrerkennens in ihrem Gesichte auf und sie sagte mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme: „Ab, wir haben uns schon früher gesehen. Erinnern Sie sich?" Bertha würde in dem fahlen Leichengcsichte vor ihr nicht die schöne glänzende Erscheinung von Westbourne Grove wiedererkannt haben, hätte sie nicht deren Namen gehört und gewußt, in welch' naher Beziehung sie zu dein Ringe stehe. „Ja, ich erinnere mich. Es thut mir leid, Sie so krank zn sehen", setzte sie thcil- nchmend hinzu. Mrs. Lcmont wandte sich zu der Wärterin: „Verlassen Sie uns! — Es ist keine Gefahr vorhanden, daß ich entfliehen werde." Ein gespcnstcrhaftes Lächeln begleitete diese Worte. „Ich wünsche mit den jungen Damen allein zu sprechen." „Sie leidet an plötzlichen Ohnmachten", sagte die Frau zögernd. Der Doktor befahl mir, sie keinen Augenblick zu verlassen." „Wenn Sie sich in das Nebenzimmer begeben wollen, so werde ich Sie rufen, falls es nöthig sein sollte", bemerkte Bertha, und die Wärterin, welcher der Blick und das Wesen Bertha's Vertrauen einflößte, erwiderte: „Jawohl, Miß; ich werde in das gegenüberliegende Cabinet gehen; dort kann ich nicht hören, was gesprochen wird. Wenn Sie meiner bedürfen, so bitte ich nur die Schelle zu ziehen." Zufrieden mit dieser Einrichtung zog sie sich zurück. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Jugend ist die Zeit der Saat, Merk' cS dir bei Zeiten! Bald heran das Alter naht, Rasch die Jahre gleiten. Lass' nicht öde, dürr und brach Ruhen deinen Acker, Geh' der Arbeit emsig nach, Schaff' und pflüge wacker! Jugend ist die Zeit der Saat, Alter sammelt Garben; Höre d'rnm auf guten Rath, Willst du einst nicht darben! Fr. Beck. 784 Die Gymnastik oder Körperbewegungen. Von vr. I. A. Schilling. (Schluß.) Wer mit dcn Muskeln gearbeitet hat d. h. gymnastisch thätig war, der setze sich ruhig hin und gebe mit einem angenehmen Lesestoffe seinem Gehirne eine milde Bewegung. Wer nur. mit einzelnen Muskeln arbeitete z. B. schreibend, der übe mit Sorgfalt die müssig gewesenen. Wer mit dem Gehirne thätig gewesen, der rege seine Muskeln an, turne oder marschire im Freien. Alle Körpertheilc, welche gymnastisch geübt werden, erstarken dabei, so der fechtende Arm, der gehende Fuß (des Postboten). Auch selbst die Haare werden durch das häufige Kämmen gymnastisch geübt und ihr Wuchs gekräftigt, ebenso die Zähne durch das Kauen. Das Gehen ist eine der einfachsten und in der Regel am wenigsten beschwerliche gymnastische Uebung. „Vieles ginge besser, wenn mau mehr ginge", sagt Seume mit vollem Rechte. Darum ist auch die Wanderschaft sehr gesund. Nicht aber das Wandern beim Wagcnsitzeu und Fahren von Wirthshaus zu Wirthshaus, sondern das wirkliche Marschiren. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, dcn schickt er in die weite Welt." — Der Schwächling, der im Freien sich bewegt wird älter als der Kraftmensch in der Gefangenschaft und wäre diese sogar fürstlich. Thatsache ist, daß Landpostboten und Briefträger viel länger gesund bleiben und viel später Pension brauchen wie die im Büreau arbeitenden höheren Postbeamten. Abgesehen von den militärischen, politischen und ökonomischen Vortheilen, welche es hat, über ein paar geübte Beine zu verfügen, ist richtige Gymnastik die körperliche Ergänzung zu jedem einzelnen Berufe, gleichsam die Versöhnung zwischen Leib und Seele, die fröhliche Erzieherin zur sittlichen Freiheit, zum raschen festen Willeusimpulse, der uns über dcn Büchern und dem Papiere, — uns Kriechern auf der Brust so oft verloren geht. Tausend schiefe Gedanken und krumme Gefühle verschwinden, wenn die Nerven eine reelle Aufgabe in der Bewegungsmaschine übernehmen und die giftigen Auswurfsstoffe des Körpers an die freie Luft hinausgearbeitet werden. Ja! Die Gymnastik ist auch ein gutes Vorbcngungsmittel gegen seelische Krankheiten und Gebrechen, Laster und Verbrechen. In dieser Beziehung sagt Martin Luther so schön: „Es ist von den Alten sehr wohl bedacht und geordnet, daß sich die Leute üben und was Ehrliches und Nützliches vorhaben. Die Bewegungen, Nittcrspicle,- das Fechten, Ringen, Laufen u. s. w., dazu noch die Musika vertreiben die Sorge des Herzens und melancholische Gedanken und des Teufels Anfechtung, machen die Leute gelinder und sanftmüthigcr, sittsamer und vernünftiger, zu Allein geschickt und allcwcil fröhlich. Aber auch feine Gliedmasscn erzeugt das Körperspicl und erhält gesund im Springen und Laufen rc. Die endliche Ursache ist auch, daß man bei solcher Leibesübung nicht auf Schwelgen, Unzucht, Spielen, Saufen und anderen Unfug gerathet!" So der ehemalige Augustinermönch von Wittenberg. Hier gilt auch des Dichters Satz: „Von der Stirne heiß, — rinnen muß der Scbweiß, — soll das Werk den Meister loben!" — Die Gymnastik oder das Turnen beschleunigt den Stoffwechsel nach allen Seiten und setzt durch Ableitung nach Außen den inneren Gehirnreiz herab, klärt so den Verstand, beruhigt das Gemüth und befördert oft den gesunden Schlaf. Besonders wird der Schweiß der Arbeit — und Körper- arbeit ist ja auch Gymnastik — zum wirklichen Bade der Wiedergeburt und Erneuerung des Menschen, aus welchem auch Jeder sittlich besser emporsteigt. Ein Mensch ohne Körperbewegung ist ein Leib ohne Arm und Beine, ein Held vielleicht, aber stellenweise verwundet und verstümmelt. Alan kann besonders in unserer Zeit der Bequemlichkeit Männer nicht genug unterstützen, welche die Gymnastik oder Turnerci Pflegen und *o die Unbill des Culturlebcus und der Stubcnarbeit kühnen. — 785 „Doch der Segen kommt von Oben" d. h. der Kopf muß dabei sein, denn man leistet weder den Turnern, noch der übrigen Menschheit einen Dienst, wenn man alles über einen Leisten schlägt, Jeglichem jede Turnübung zumuthct, den Lungen- und Herzkranken mit Dauerlänfen zu Tode hetzt, bei Vielen den Geschmack für einfache, gesunde Uebungen vernachlässigt und dafür das Wohlgefallen an Schaustücken großzieht, die von jeher weder sehr dauerhafte noch sehr große Männer gebildet haben. Mein berühmter Lehrer Op pölzer in Wien machte uns oft aufmerksam, daß Leute mit beginnenden Herz- und Lungenleideu durch Turnerei wesentlich beschädigt und oft unheilbar werden. — Wie es aber eine Gymnastik unserer Glieder gibt, so gibt es auch eine Gymnastik der Lungen. Singen und Trompetenblasen sind solche gymnastische Büttel für Erweiterung unserer Brust. Auch bei der musischen Bildung der Griechen spielte neben der Gymnastik die Musik bei dem Turnspiel eine bedeutende Rolle. Wo des Jünglings Kraft und deS Liedes Freude erglühte im V o l k s g e s a n g e, da konnte sich auch die Seele frei entfalten. Der Gesang hat schon Millionen Menschen erfreut und den Sänger selbst gekräftigt. Aber gesund müssen die Organe sein, sonst ist eine allzu energische Gymnastik der Lungen vom Uebel. Gar mancher Jüngling ging schon an mißverstandener Lungen- gymnastik mittelst Blasinstrumente zu Grunde. — Für Lnngenschwache bleibt immer noch das unschädlichste Blasiustrumeut die — Violine oder das Clavier. Die deutsche Tnrnknnst unserer Tage ist sich ihrer Ziele bewußt, sie ist einfacher, planmäßiger, dadurch schöner und was die Hauptsache ist, viel zugänglicher geworden. Gebe Gott! daß es ihr gelinge, aus schulpflichtigen und aus alten ausgekehrten und ungelehrten Maschilienrädcrn wieder ganze Menschen zu erziehen mit Augen znm Sehen, Köpfen zum Denken und Gliedern für den eigenen Gebrauch. Die Gymnastik ist unstreitig ein Mittel zur Lebcnsverlängerung, weil sie ja gesund erhält. Scrofulose, Hypochondrie und Hysterie, Fcttleibtgkc-it und beginnende Muskclschwäche finden in den Turnübungen bessere Heilmittel als in den „lateinischen .Küchen", wie Paracelsus die Apotheken nennt. Unzuträglich aber ist die Gymnastik für Kinder unter 6 Jahren und Greise über 60 Jahren. In Land- und Dorfschulen sollten Hirtenknaben und Kinder, welche Stunden weit nach Hanse zu gehen haben oder neben magerer Kost und schlechter Ernährung daheim noch mit Feldarbeit geplagt sind, nicht noch mit dem Turnen belästiget werden. Sie turnen ohnedies genug. Durch das richtige Turnen wird aber auch eine heilsame Abhärtung erzielt, so daß gar viele Katarrhe, Nheumen verhindert und Rüstigkeit und Jngcndkcaft bis in's späte Alter bewahrt bleiben. Einfache und lebensfrische Gymnastik liegt aber in gar vielen, wahrhaft guten Kinderspielen, so im Ball-, Lauf-, Hupf-, Ring-, Fang-, Reigenspiel. Das Spiel ist aber -die Welt des Kindes. Und im naturgemäßen Spiele liegt ebensoviel Gesundheit wie Freude. Die wahre Turnerci ist also nicht nur eine Arbeit für die Glieder und Muskeln, sondern auch Kopf und Geist sollen dabei nicht leer ausgehen. Zu der körperlichen Frische kommt dann auch die Heiterkeit des Gemüthes, das Fröhlichsein, — zur Fröhlichkeit des Herzens und zur gesunden Frische des Körpers gesellt sich dann ein gegen den Schöpfer dankbares Frommscin. — Echte Frische, Fröhlichkeit und Frommheit macht sich aber immer frei in allen Gefahren und Nöthen und erringt die goldene, wahre Freiheit durch Sclbsterkenntniß, Selbstbeherrschung und Selbst- kraft. „Selbst ist der Mann!" — Darum sei es gesegnet das vierfache I', wo es mit Muth, Kraft und Verstand das Schiboleth der Thatkraft bildet. — Offen bleibe aber stets der deutschen kernigen Jugend der Weg und die Gelegenheit zur wahren und rechten Gymnastik d. h. zur Mark und Herz stärkenden Turnerei. Fort mit dem dagegen zeternden Philisterthum! — 766 „Bahnsrei! für Uebung der Kraft zur Stärkung des Blutes uud der Nerven! — Möchte Jeder bedenken, daß nur in der Bewegung das volle, frische Leben liegt. Ruhe ist Tod. Darum ein dreifach „Gut Heil" der Bewegung schaffenden Turn er ei! — M i s e e l l e n. (Die gefeierte Sängerin Marietta Alboni) war auch wegen ihrer Kaltblütigkeit und ihres Muthes berühmt. Gelegentlich eines ersten Gastspiels in Trieft kam ihr, wie Schorer's „Familienb." erzählt, zu Ohren, daß mau sie auspfeifen wolle. Sie ermittelte bald die Anstifter und wo sie zu finden waren, legte Mänucrklcidung an, wobei ihre kräftige hohe Gestalt und ihre kurzen Locken eine Entdeckung des eigentlichen Geschlechtes so ziemlich ausschlössen, und begab sich in das Kaffeehaus, wo die Verschworenen ihren Sitz hatten. Dieselben waren gerade in voller Berathung. Die Sängerin hörte eine Weile zu und wandte sich dann mit den Worten an den Rädelsführer: „Mir scheint, daß Sie Jemand einen Streich zu spielen beabsichtigen. Dergleichen ist auch meine Passion; es würde mich daher freuen, wenn Sie mir gestatten wollten, mich an dem Unternehmen zu bctheiligen." — „Mit Vergnügen," lautete die Antwort. „Es soll heute Abend eine Sängerin ansgepsiffcn werden." — „So so. Was hat sie denn verbrochen?" --- „O nichts weiter, als daß sie in Wien und München gesungen und sich — eine Italienerin — von den Deutschen hat fetiren lassen; dafür wollen wir sie jetzt ein wenig strafen." — „Das finde ich vollkommen in Ordnung und bin daher durchaus der'Jhrige; bestimmen Sie nur, was mir zu thun obliegt." — „Nehmen Sie hier dieses Pfeifchen. Auf ein Zeichen, welches nach der Arie der „Rosine" gegeben werden wird, geht der Lärm an, in den Sie blos einzustimmen brauchen." — „Was bestens geschehen soll," versicherte die Alboni und versenkte das kleine Instrument in die Tasche.' Am Abend war das Theater bis zur Decke hinauf gefüllt. „Der Barbier von Sevilla" wurde gegeben. Die Antrittsgesänge Almaviva's und Figaro's, beides Lieblinge des Publikums, fanden großen Beifall. Dann erschien Rosine, die Alboni, auf der Szene. In dem Moment, wo sie den Vormund anredete, begann schon, ohne das Signal abzuwarten, ein Theil der Verschworenen mit dem Skandal. Die Sängerin verzog keine Miene, sie trat nur hart vor die Lampen und sagte, das Pfeifchen, welches mit einem Bande an ihrem Hals befestigt war, zeigend, schelmisch: „Meine Herren, ich glaube, Sie waren etwas voreilig: wir wollen ja erst, nachdem ich meine Arie gesungen, mit dem Anspseifen beginnen." Eine Todtenstillc entstand, dann durchbrauste plötzlich donnernder Applaus, von den Verschworenen selbst ausgehend, den Saal. Die Alboni hatte gesiegt, sie wurde au dem Abend clfmal gerufen und mit Stränßchen und Kränzen überschüttet. (Eine gute Vorbereitung.) ^Denken Sie nur, Herr Spitzig, jetzt lernt mein Sohn auf der Hochschule auch noch das Fechten!" — „So, so, das ist vielleicht eine sehr gute Vorbereitung für später!" Räthsel. Mit e ist es das Königshnus In einem Lande, das durchaus Das Element vor allen nennt Sein eigentliches Element, Drin mancher schon das Wort mit a In dessen Elemente sah. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttler-