Unter^aktlmgsökatt ,ur „Ängsluirger Postzeitnug.- 93. Samstag, 8. December 1383. Der Opalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) „Sie sind Madeline Dalton?" frug Mrs. Lemont, ihre hohlen Augen von Bertha auf Leim richtend. „Treten Sie näher, damit ich Sie besser sehen kann." Lena gehorchte, nicht wenig beunruhigt über den seltsamen Ton der Frau, von welcher sie nur Entschuldigungen und demüthige Bitten erwartet hatte. Die Kranke erhob sich mit der größten Anstrengung und Lena's Handgelenk umfassend, schaute sie ihr ernst und prüfend in's Gesicht. „So! Dieses ist also die hübsche Larve, welche mir meines Gatten Liebe geraubt und ihn zum Verbrecher gemacht hat!" Lena erblaßte, sie entwand sich Juliens Griff und stürzte zu ihrer Schwester hin. „Sie ist wahnsinnig! Hilf mir, Bertha!" flehte sie. Diese war ebenfalls bei dem Gehörten bleich geworden." „Nein, ich bin nicht wahnsinnig, legen Sie nur Ihre Hand auf meine Stirne — sie ist kalt, mein Puls schlägt langsam — sehr langsam. Ich bin nicht wahnsinnig. Meine flLorte sind Wahrheit. Der Mann, welchen Sie morgen zu heirathen gedachten, ist mein Gatte. Um Ihnen dieses zu sagen, ließ ich Sie hierher kommen." Sie sprach auffallend ruhig; ihr Zorn war verraucht und jetzt schlug ihr Puls, wie sie auch sagte, sehr langsam. Lena wankte und sank neben dein Bette in einen Stuhl. „Barmherziger Himmel, soll ich das glauben?" „Ja, Sie müssen das glauben und noch mehr", fuhr Mrs. Lemont fort. „Blicken Sie her und betrachten Sie diese bleichen, eingefallenen Wangen, diese abgemagerten Hände. Noch vor wenigen Tagen war ich so gesund und kräftig wie Sie. Er wollte, ich solle morgen todt sein und ohne die Dazwischenkunft des Geheimpolizisten wäre ich es gewesen." Mit weit geöffneten Augen starrte Lena die Sprechende, deren Worte sie nicht fassen konnte, an. „Meinen Sie Mr. Faucourt?" frug Bertha näher tretend. ?,Jch spreche von Eustace Sedley — von ihm, den Sie als Mr. Faucourt kennen. Er hat mich vergiftet — mich — seine Frau, um Sie zu heirathen!" Dabei deutete sie auf Lena hin. Endlich schien diese die ganze schreckliche Wahrheit zu begreifen. Mit einem lauten Schrei verhüllte sie ihr Gesicht mit den Händen und karierte in dem Stuhle nieder. Die Wärterin, welche den Aufschrei vernommen halte, erschien an der Thüre. „Gehen Sie!" befahl Mrs. Lemont, mit der Hand winkend. „Wir bedürfen Ihrer nicht." „Was wollte Sie bannt sagen: ihn, den Sie als Mr. Fancourt kennen", frug Bertha, an allen Gliedern zitternd. Mrs. Lemont rang nach Luft. „O Himmel gib mir Kraft — nur noch etwas Kraft, um Alles sagen zu können! Geben Sie nur einen Löffel Arznei", bat sie, auf die Flasche zeigend, welche auf dem Tische stand. Bertha schüttete einen Löffel voll in ein Glas und hielt es ihr hin, dann befeuchtete sie das Taschentuch mit Ean de Cologne und kühlte die Schläfe der unglücklichen Frau. Diese blickte sie dankbar an und sagte mit Thränen in den Augen: „Sie sind gut und liebenswürdig, aber ich bin eine gottlose Person und nicht Werth, von Ihnen berührt zu werden." „Davon weiß ich nichts", entgcgncte Bertha freundlich. „Sollten Sie gottlos gewesen sein, so bedaure ich Sie um so mehr." Mrs. Lemont seufzte tief. Vielleicht stieg mit diesem Seufzer der Rette ein FleheU um Barmherzigkeit gegen Himmel empor. Sie blickte Lena an und frug: „Liebte sie ihn sehr?" Bertha zögerte diese Frage zu beantworten, aber Lena, welche sie vernommen, fuhr mit sprühenden Blicken und vor Aufregung zitternd, in die Höhe. All' die Abneigung und der Widerwille, welchen der Mann, den sie zu hcirathen versprochen, ihr einflößte, brach sich gewaltsam Bahn in den Worten: „Ich ihn lieben? Nie — nie liebte ich ihn, ich hasse ihn, den Bösewicht — dieses Scheusal!" Mrs. Lemont blickte sie an und ein Ausdruck der Verachtung oder vielmehr befriedigter Rache entstellte ihr bleiches Gesicht. „Dann sind Sie eine noch erbärmlichere Person als ich. Sie würden Sedley geheirathet haben, weil Sie ihn für den Erben eines Grafentitcls hielten. Als ich mich mit ihm vermählte, liebte ich ihn und blieb seitdem trotz Armuth und Laster an seiner Seite. O Himmel, was habe ich nicht Alles erduldet! Und jetzt muß ich sterben — sterben durch seine Hand!" Krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Stimme, wild griff sie in der Luft umher und fiel dann todtenblaß in die Kissen zurück. Bertha sprang zur Schelle und Lena stürzte, während die Wärterin eintrat, zur Thüre hinaus. „Ist sie todt?" frug Bertha ängstlich. „Nein, Miß, nur ohnmächtig. Aber es ist besser, wenn auch Sie sich entfernen, damit Mrs. Lemont, wenn sie zu sich kommt, Niemand außer mir um sich sieht." „Kann ich Ihnen helfen?" „Danke sehr, Miß, ich werde schon allein fertig." . Da ihr Beistand abgelehnt wurde, verließ Bertha ebenfalls das Zimmer und suchte ihre Schwester auf. Sie fand diese auf dem Boden liegend und den Kopf in die Kissen des Ruhebettes verborgen. Heftiges Stöhnen erschütterte ihre ganze Gestalt. Bertha ließ sich neben Lena nieder, umschlang sie mit den Armen und versuchte sie aufzuheben. Allmälig gab diese den zärtlichen Bemühungen ihrer Schwester nach. Ihr leidenschaftliches Weinen verlor sich langsam und die Bitten und Ueberredungskünstc Bertha's stellten einigermaßen ihre Ruhe wieder her. „Glaubst Du, daß es wahr ist", sagte sie, ihr feuchtes Antlitz erhebend und Bertha mit flehender Gebcrde anblickend, als ob sie in ihrem Antlitze die Widerlegung der schrecklichen Mittheilung lesen müsse. „O ich sehe Dir an, Du glaubst es. Der Gatte einer Anderen — ein Mörder — und seine Lippen haben die meinigen berührt!" Schaudernd verbarg sie ihr Gesicht an der Schulter der Schwester. Diese versuchte sie zu trösten. „Ja, es ist fürchterlich. Aber meine liebe Lena, Du mußt doch dankbar sein, daß diese Entdeckung noch vor dem morgigen Tage gemacht wurde." „Morgen!" wiederholte Lena erbebend, „ja morgen glaubte ich mein Verlangen nach Reichthum und Vornehmheit stillen zu können; anstatt dessen bin ich nun die Zielscheibe des Spottes, man wird mit Fingern auf mich zeigen. O Bertha, ich kann eS nicht ertragen! Ich kann nicht nach Hause zurückkehren! Ich kann Niemanden mehr in's Gesicht schauen!" „Theure Lena, fasse Muth. Was liegt an den Bemerkungen einiger thörichten Menschen? Alle Diejenigen, welche es gut mit Dir meinen, werden sich über Deine Errettung von diesem Böscwichte freuen. Wenn Du Mr. Faucourt geliebt hättest, so würden wir Dein zerstörtes Lebensglück zu beklagen haben, aber Du liebtest ihn ja nie — dem Himmel sei Dank dafür jetzt!" . „lind Du glaubst, ich habe diese Strafe verdient", rief Lena, den stützenden Arm ' ihrer Schwester von sich werfend und aufspringend. „Das habe ich nicht gesagt", entgegnete Bertha besänftigend. „Hättest Du es gethan, so würdest Du nur die Wahrheit geredet haben", bekannte Lena, ihr Haar, welches in Unordnung war, zurückstreichend. „Nannte mich nicht jenes Geschöpf da oben eine noch erbärmlichere Person, als sie es sei? Bin ich denn die Einzige, welche Reichthum und Rang der Wahrheit vorzog, daß ich jetzt an den Schandpfahl gestellt und mit Steinen geworfen werden soll — ich, der von Jugend auf beigebracht wurde, nur Bewunderung und Verehrung zu erwarten Eine schöne Lehre — findest Du nicht auch? — Und wie herrlich ist sie in Erfüllung gegangen!" Wieder brach sie in Thränen aus, umklammerte ihren Hals und blickte wild umher, als ob sie ein Mittel suche, dieser schrecklichen Lage zu entrinnen. Bertha's Herz blutete für die Schwester, doch nahm sie sich mit Gewalt zusammen und sagte mit fester Stimme: „Gib Dir Mühe, Dich zu beruhigen, wir müssen nach Hause zurückkehren; je eher je lieber. Unser verlängertes Hierbleiben kaun zu nichts führen." „Zu nichts!" schluchzte Lena. „Zu nichts, ob wir bleiben oder gehen! Zu nichts mehr für mich auf der ganzen weiten Welt." „Stille", flüsterte Bertha, „ich höre Schritte." Es war die Krankenpflegerin; sie öffnete leise die Thüre und Bertha ging zu ihr hin. Eliza ist oben und so wollte ich Ihnen eben mittheilen, daß Mrs. Lemont wieder zu sich gekommen ist." „Besten Dank, ich würde, ehe ich das Haus verlassen hätte, mich vorher nach ihrem Befinden erkundigt haben. Hofft der Arzt, sie völlig wieder herstellen zu können?" „Er glaubt es, doch dürfe sie sich nicht aufregen. Es ist aber keine Kleinigkeit, eine Kranke, die so viel auf dem Herzen hat, ruhig zu halten. Sie tobte so schrecklich und wünschte, durchaus Miß Dalton zu sprechen, daß wir ihr nachgeben und zu Ihnen hinschicken mußten. „Die arme, liebe junge Dame scheint sehr angegriffen zu sein", fuhr sie zu Lena hinübcrblickend fort. „Wünschen Sie ein Brausepulver oder sonst etwas?" Nein, danke sehr. Die Unterredung hat meine Schwester aufgeregt, aber wir kehren jetzt gleich nach Hause zurück." „Ja, laßt uns gehen", sagte Lena, sich Mühe gebend, durch kein äußeres Zeichen den inneren Sturm zu verrathen. „Komm, Bertha!" Mit Freuden benutzte diese die Gelegenheit, Lena von dort wegzubringen. Sie wünschte der Wärterin guten Abend, und athmete freier, als sich das Thor hinter ihnen geschlossen. Es war ein trauriger Weg bis zum Bahnhöfe hin. Der Nebel hatte sich verdichtet und die Dunkelheit begann. Bertha wagte nicht, ihre Schwester anzureden, aus Furcht, deren erzwungene Ruhe von Neuem zu erschüttern und Lena schritt mit zu- 7S0 sammengepreßten Lippen und dick geschwollenen Augenlidern an Bertha's Seite. Glücklicherweise brauchten sie nicht lange auf die Ankunft des Zuges zu warten und die Unruhe und das Mcnschengetümmel halfen Lena besser als alles andere, ihre Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. „Ich werde Dir durch Sara Feuer anmachen lassen, Schatz", sagte Bertha, als der Wagen am Thore hielt. „Gehe Du nur ruhig auf Dein Zimmer ich will inzwischen mit Mama darüber sprechen." Obgleich Lena dankbar die liebende Fürsorge der Schwester anerkannte, antwortete sie nichts, sondern begab sich sofort hinauf und Bertha bereitete sich auf eine peinliche Scene mit ihrer Mutter vor, da sie nicht ahnen konnte, was sich während ihrer Abwesenheit dort zugetragen hatte. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Eile mit Weile! Geschäftige Hast Mehret dir selber und Andern die Last! Frommt es zuweilen, so hemme den Tritt, Gilt es zu eilen, beflüg'lc den Schritt! Hast du gepflogen verständigen Rath, Sei nicht verdrossen, nicht säumig zur That! Irrlicht täuschet, sieh' dich vor! Lockt mit falschem Blinken, Führt dich hin zu Sumpf und Moor, Wo du Wirst versinken! Irrlicht schweifet hin und her, Kommt zum Ziele nimmer; Folg' nicht jedes Flattergeist's Trügerischem Schimmer! Kauf nicht zu theuer auf dem Markt der Welt! Gar Vieles ist zur Lockung hingestellt; Hier winkt der Sinne Lust, ihr flüchtig Glück, Dort reizt ein gold'ner Flittertand den Blick; Bald bietet man Wohlleben und Genuß, Bald Ruhm und Ehre, Reichthun?, Ueberfluß. Kennst Du den Preis? Es ist dein froher Muth, Für den die Welt dir reicht ein nichtig Gut; Für Freuden ohne Dauer, eitlen Schein Sollst du der Seele Frieden tauschen ein? O hüte dich! Noch steht bei dir die Wahl; Hast du gekauft, bleibt dir der Reue Qual. Betrog'ncr Thor, du hast's zu spät bedachte Der theure Preis, er hat dich arm gemacht! F. Beck. Der Niagara. Das ebenso verwegene als zwecklose Unternehmen, dem Capitän Webb jüngst zum Opfer gefallen, hat unwillkürlich die Blicke der neuen und der alten Welt auf jenen Riesenstrom mit seinen Alles vernichtenden Wassermassen und mit seinen Alles verschlingenden Wasserfallen gelenkt. In Webb tritt jener- schrankenlose, herausfordernde Unternehmungssinn hervor, wie man ihn bei den Anglo-Amerikanern häufig als etwas Großes und Nachahmungswerthes gepiesen hat. Wir entnehmen einem interessanten Werke von Benedict Henri Nevoil: „l-'^-Mviiguo äu Uorä", Einiges über den Niagara, seine Fälle, die Kraft seiner Strudel, wie die Angaben der Schicksale der Vorgänger des Capitäns Webb. Gewöhnlich wählen die Reisenden, die den Riesenstrom sehen wollen, den Abendzug, der gegen 11 Uhr Abends von New-Iork abgeht; es geschieht das im 791 Einverständnis; der Eisenbahnverwaltung und der Hotelbesitzer, welche die Gäste erwarten, damit sich dieselbe» bei ihnen von den Anstrengungen der weiten Reite erholen. Blau speist zur Nacht und schläft unter dem Lärm eines dumpfen Geräusches, das einer fernen aber ununterbrochenen Kanonade gleicht, ein. Wer nicht zu den absoluten Langschläfern gehört, erwacht schon mit Tagesanbruch und läßt sich den Weg weisen, der zu den Wasserfallen führt. Der Leser kann trocknen Fußes dem Führer folgen, der ihn sicher wie kein Anderer zu jenem berühmten Weltwunder führt. Die Niagarafülle sind in ihrer Weise das, was der Himalaya unter den Gebirgsketten ist. Auch können weder die Katarakte des Zambese, noch der Anfsprung von Wagogo im Centrum Afrika's mit den Fällen des Niagara verglichen werden; die ein Wundergebilde pittoresker Schönheit jener großartigen Natur sind. Unbestreitbar haben andere Wasserfalle eine größere Höhe und verlieren sich in tiefere Abgründe, aber in keinem Lande der Welt kann man ein so weites Wasserbecken finden, das sich in ein so weit ausgedehntes Bett hinabstürzt. Es sind das in der That vier innere Meere, die in Folge eines steilen Abhanges sich im Vorübereilen in einen ebenso weiten Abgrund stürzen. Das Territorium, auf welchem diese Wasserstuthcn Hansen, welche diese Seen ernähren, ist so groß, wie ein Contincnt, und man weiß, daß fast alle Ströme, welche den ersten See anfülle», ihr Bett über 2000 Meter Entfernung von diesem inneren Meere haben. Dieser Riesen-Wasserfall, der sich wie ein weißes Tuch ausbreitet, füllt iin Halbkreis in ein tiefes Bassin, und würde nichts gewinnen, wenn er auch von einer größeren Hohe herabstürzte. Dieselbe beträgt übrigens 1654 Fuß auf der amerikanischen und 1095 Fuß auf der canadischen Seite, was den Fall zu einem der allergrößten macht. Den einzigen Vorwarf, den man gegen den Niagara erhebt, ist der, daß seine Umgebungen in keinem Verhältniß zu der majestätischen Größe des Falles selber stehen. Seinen ganz eigenthümlichen Charakter erhält der Fall dadurch, daß das Wasser im Sturze selbst nicht weiter gebrochen wird, so daß es unterhalb des Falles aus hinlänglicher Entfernung den wunderbaren Anblick zweier ungeheuerer senkrechter Wasserwände darbietet. Unmittelbar am Abstürze des Falles liegt eine schmale Insel, Goats-Jsland (Ziegcninsel), die in einer Länge von beinahe 1000 englischen Fuß den Strom und zugleich den Wasscrfall in zwei ungleiche Theile scheidet, deren größerer auf der linken Seite gegen Canada hin eine Breite von mehr als 600 Meter in gerader Linie hat, während der Sturz des Wassers selbst in einem gegen diese Linie sehr concaven Bogen erfolgt, wovon dieser Theil des Falles der Hnfeisenfall (Ilorssssios) genannt wird. Der dem rechten Ufer ungehörige Theil hat eine Breite von 370 Meter. Die Fallhöhe betrügt bei diesem 44 Bieter, bei dem anderen 52 Meter, eine Differenz, die sich daher erklärt, daß der Zug des Stromes oberhalb des Falles auf den schmaleren Theil gerichtet ist und so das Niveau des Wassers auf dieser Seite erhöht wird. Der Sturz der beiden mächtigen Wasscrmassen (man schätzt sie auf 15 Millionen Knbiksnß in der Minute), aus solcher Höhe bietet ein Schauspiel dar, dem durchaus kein anderes zu vergleichen ist, und das durch keine Schilderung würdig darzustellen ist. Der Donner des Sturzes wird bei günstigem Winde über 9 deutsche Meilen weit in Toronto am Ontariosec gehört. Da, wo die Ufer näher zusammentreten, hat man eine Hängebrücke mit einer Spannung von 266 Bieter und 77 Meter über den; Wasserspiegel erbaut; es ist dies eins der kühnsten Bauwerke aller Zeiten. Sie wird von vier Drahttauen getragen, die zwei je über zwei steinerne Thürme gespannt und 8 bis 10 Meter in massives Mauerwcrk eingelassen sind. Jedes der vier großen Taue hat 10 Zoll Durchmesser und besteht aus 3640 Drähten. Neben diesen ungeheuerlichen Dingen sieht man hin und wieder weiß gestrichene Pachthänser mit grünen Jalousien, und Kirchen mit Glockenthürmen, die nicht für den Baumeister sprechen. Geschmacklose Manufactoreien und Mühlen ohne allen künstlerischen Werth. Nur ganz vereinzelt steht man Bäume; und die wenigen, die an den Ufern des Katarakts stehen, wurden von Menschenhänden aus Liebe zur Natur oder aus Speenlation, die 792 Scenerie zu heben, gepflanzt. So gleicht der Niagara einem Prachtjuwcl, das in Eisen gefaßt ist; das Juwel ist leuchtend und prachtvoll, aber die Fassung hat nichts Reizvolles. Der Eindruck der Besucher des Niagara ist von verschiedener Art; der Eine wundert sich über die imposante Wasserinasse, der Andere über seine grünlich silberartige Färbung, ein Dritter exstasirt sich über den Nebel, oder vielmehr über den Wasserstaub, der das Ganze umgibt, ein Vierter verstopft sich die Ohren, um den tobenden Lärm des Katarakts nicht zu hören. Die Thatsache ist, daß Alle gegenüber einem solchen, vollständig unerwarteten Anblick erstarrt sind. Man kann stundenlang dort verweilen, angenommen, daß die Vermicthcr der Plätze, die Photographen und die Spcculanten es gestatten, selbst wenn man den Platz sehr theuer bezahlt; indeß ist es schwer, sich selbst eine vollständige Rechenschaft über die Aufregung, die man empfindet, abzulegen. Auch wenn man Alles auf's Genaueste in Augenschein genommen und untersucht hat, was am Niagara zu sehen ist, hat man doch keine Vorstellung von dieser wunderbaren Natur. Das gewagteste und kühnste Unternehmen des Touristen ist das Hinabsteigen auf der Treppe von Bamcll, um unter die Tafclplatte des Felsens zu kommen und sich bis unter das Hufeisen, soweit als es gestattet ist, zu wagen. Um diese Promenade zu unternehmen, verleiht man an die Reisenden Kantschukmäntcl, oder geölte Leiuwandröcke, und fügt diesen Kostümen eine Art eiserner Pantoffel hinzu, die so gearbeitet sind, daß man auf dem Felsen, oder dem Eise nicht ausgleiteu kaun; alsdann kann man, in Begleitung von Führern, sich bis unter den Fall hinabwagen. Kaum hat mau den Punkt erreicht, o rieselt das Wasser von allen Seiten, mau fühlt sich vollständig wie unter einer Douche. Das Costüm, obwohl man es sozusagen „undurchdringlich" nennt, schützt durchaus nicht. Zu dieser naßkalten Empfindung tritt noch eine Art mhsteriöser Nebel hinzu, der den Besucher umfängt, und fernerhin die völlige Betäubung seines Gehörs durch das Brausen der Katarakte. In dem Maße, als mau nun unter dem kalksteinartigen Gewölbe, über das- sich die Fluthen des Niagara stürzen, vorkragt, begreift und erfaßt man die Erhabenheit dieses Anblicks. Sehr bald aber muß man sich, schon auf der Hälfte des Weges, zurückziehen; denn die Gewalt des Windes ist so groß, daß man unfehlbar von ihm mit fortgerissen würde; man sagt, daß man hier oft die Empfindung hat, als erhielte man einen Fanstschlag, der einen schwanken macht. Das Alles verhindert aber nicht, daß man doch immer noch vorwärts dringt — denn um des armseligen Ruhmes willen setzt Mancher sein Leben daran, nur später von seinen halsbrecherischen Erlebnissen zu erzählen. Kehrt man zurück zum Hufeisen, so kann man die Art des Felsens untersuchen, der aus weißem Schwefel und Kalkstein gemischt ist. Gleichzeitig findet man inmitten dieser chaotischen Schmelzung weiße Quarzmasscu, die wie Zucker aussehen, und Sclenit, oder krystallisirten Gips, welcher dem Asbest sehr ähnlich sieht, nur viel grauer ist. Einzelne Farrcnkräuter wachsen zwischen den Spalten des Felsens; der Tourist pflückt hier und da auch einige Stengclchcu Kresse; es würde aber einige Monate dauern, ehe er eine ausreichende Quantität gefunden, um ein Salatgericht daraus zu bereiten. Das Moos bedeckt alle Wände des Felsens; es ist so fein und so zart, daß die Damen sich für diesen, von der Natur so sorgfältig gewebten Sammet ganz besonders intercssircn. Kaum ist man aus dem Abgrund, in welchem man sein Leben riskirt hat, herausgetreten und die Treppe emporgestiegen, sich dadurch bedeutend ruhiger fühlend, so lenkt sich der Blick noch einmal nach dem berauschenden Katarakte zurück; aber die zwingende Nothwendigkeit, so schnell als möglich die Kleider zu wechseln, aus Furcht vor einem schlimmen Katarrh, überwiegt die Neugierde; man eilt vorwärts. Bei dem Heraustreten aus der Hütte, ftvo die Metamorphose der Herren und Damen stattgefunden, ist man von zahlreichen Handelsleuten umringt, welche ihre geschmacklosen indischen Raritäten zum Kauf anbieten: Mocassins, Arbeitstaschen nnd andere Dinge, die mit Glasperlen verziert sind; gewöhnlich werden diese wenig reizvollen Gegenstände verschmäht, die nicht einmal den Vorzug haben, von echten Rothhäuten fabricirt 793 zu sein. Man überschreitet jene schon erwähnte Brücke, die über den Fluß geschlagen ist, von dem man nicht weiß, von wo er herkommt, und erklettert die Treppe des Thurmes „Prinz von Wales", welcher erst vor Kurzem constrnirt, und von dein znkünftigen Erben der Krone Englands, dem zu Ehren er erbaut, eingewciht wurde. Auf der Plattform dieses kühnen Holzgebäudes angekommen, begreift der fremde Besucher, daß der amerikanische Gentleman keine schlechte Speculatton damit ausführte, daß er sie nach dem königlichen Prinzen benannte. In der That ist die Aussicht, die man von diesem Punkte aus hat, einzig in ihrer Art, wenn auch betäubcud im vollsten Sinne des Wortes. Unten fließt der Strom des Niagara, der einem Meere im wildesten Aufruhr gleicht; links erhebt sich die Ziegeuinscl mit den drei Schwestern; iu der Mitte ein wenig weiter sieht man die grünen Ufer der Roseninsel, „Groß-Jsland"; fern am Horizont die bewaldete .Hügelkette von „Nasq-Jsland". Die Stromschnellen breiten sich unterhalb des Katarakts, eine Strecke aufwärts gegen den Strom aus, und ihrc'Strömnng ist so übermächtig, so voll schäumender Bewegung, daß man glaubt, eine ganze Heerde von Lachsen zu sehen, die sich dort ergötzen und in diesem weiten Strom herumbalgen. Die Wasser flimmern in metallischem Glänze und fallen in Tausenden von Funken zurück. Von Zeit zu Zeit sieht man Alles von der Gewalt der Wellen fortgeschleudert, die auch ganze Bäume entwurzeln, sie aus den: Boden, der sie aufkeimen sah, Herausreißend; sie gleichen niedergeworfenen Niesen, die mit der Macht des Todes kämpfen, oder den Schlangen, deren Windungen nicht mächtig genug sind, der Gewalt des Stromes zu widerstehen und der sie dennoch mit sich fortreißt. Je näher die entwurzelten Bäume dem Katarakte kommen, desto schneller wird ihr Lauf; endlich hat der Baumstamm das letzte Hinderniß der Stromschnellen besiegt und wird von der unwiderstehlichen Gewalt des Wasserfalls fortgerissen; er muß sich dieser gigantischen Masse ergeben und verschwindet in dem Wasserwirbcl, der ihn in Atome zermalmt hat, um nie mehr auf der Oberfläche zu erscheinen, oder er wird im Abgrunde durch die Getvalt des Wassers zurückgehalten. Ein absonderliches Experiment wurde vor ungefähr 30 Jahren mit den Stromschnellen des Niagara gemacht. Man brachte den Stumpf eines alten ausgedienten Seeschiffes dahin und besetzte es mit zwei vom Notz befallenen Kühen einem schwindsüchtigen Pferde und 20 Enten. Es handelte sich darum, zu wissen, ob der Abgrund einige Trümmerstncke des Schiffbruchs an's Licht bringen würde. Sobald man die Schiffstauc, welche das Wrack festhielten, durchschnitten hatte, sah man dasselbe, durch die Wasscrwirbel bald rechts, bald links fortgerissen, dann znr Ruhe kommend, seinen Weg fortsetzen. So gelangte es in das Niveau des Katarakts, fiel, fortgezogen von den Wellen, und verschwand im Augenblick. Alle diejenigen, welche diesen Kampf der Elemente mit der Beute, die man ihnen dargeboten, verfolgten, suchten mit den Augen über den Wasserwirbeln des Falls die Planken des Schiffes oder die armen Opfer, die man an seinem Bord eingeschifft hatte. Nichts zeigte sich: Alles war in diesem unergründlichen Trichter verschwunden. Die Journale der Vereinigten Staaten beschäftigten sich lange mit diesem Ereigniß, das über 5000 Zuschauer aus allen Winkeln des Landes herbeigezogen hatte. Vor einigen Jahren ereignete es sich, daß man in der Nähe von Wirlpool den Leichnam von Franz Abott, einem Eremiten der Insel Linie, fand. Es war ein Amalgam von znsainmcugeknetetem Fleisch; man hatte Mühe, ihn zu erkennen, als man ihn mit der Harpune erfaßte, um ihn an's Ufer zu ziehen. Den treuen Hund dieses armen Teufels, der seit dem Tode seines. Herrn winselnd einher lief, hatte man mitgenommen; als derselbe die unförmlichen Ueberreste sah, warf er sich über sie und bedeckte sie, denn er erkannte trotzdem in denselben seinen ehemaligen Herrn. 794 M i s e e H e n« (Einige kleine Malicen aus der Musikhistorie.) Einst schickte der Komponist Adam zu Ander, sich von ihm die Partitur seiner ersten Oper „Losonr wiiitrriis" ausbittend, die zu ihrer Zeit ein fürchterliches Fiasko gemacht hatte. Ander überreicht das Buch persönlich und entschuldigt sich wegen seiner verschiedenen Mangel. „Maöstro, gerade deßwegen wünsche ich ja Ihr Werk", erwiderte Adam. „Meine Schüler überkommt oft eine Stunde der Entmuthigung und Verzweiflung, wenn ich ihnen dann Ihre Partitur vorlege, empfinden sie deutlich, „was selbst ein Ander für schlechtes Zeug geschrieben," nnd getrost blicken sie wieder in ihre eigene Zukunft." — „Kennen Sie mich denn gar nicht mehr? Ich bin ja . . ." rief ein reifender Komponist einem schon gereiften in einer Versammlung zu. „Sie haben sich seit unserer letzten Begegnung dermaßen mit Ruhm bedeckt, daß ein Wiedererkennen schwer möglich", erwiderte der Jnterpcllirte, der bei derselben Gelegenheit einem anderen Genossen, den er besser fand, als Fama von ihm berichtete, zum Abschied sagte: „Es war mir eine angenehme Enttäuschung, Sie persönlich kennen gelernt zu haben." — Als Goldniark, der Komponist der „Königin von Saba" durch eine Suite zuerst sich bekannt machte, reiste er nach allen Städten, wo sie aufgeführt wurde, um feinen jungen Ruhm in vollen Zügen einznathmen. Der Cellist Popper kehrte einst nach ihm in demselben Hotel ein und fügte dein „Karl Goldmark aus Wien" ironisch die Worte bei „nebst Suite". — Borton, mtter Chcrubini's Direktorial Professor am Konservatorium und bekannt als etwas saumselig, war gestorben. Als sich sein Leichenkondukt etwas verspätete, sagte der griesgrämige Cherubim zu seinem Nachbar: „Der Mann kommt doch immer zu spät." * (Ein fataler Irrthum) passirte einmal bei dem Besitzer eines großen Weinbergs, welcher zum Fest der Weinlese eine große Anzahl von Gästen geladen hatte. Er war nämlich auf die Idee gekommen, acht Schilder mit Buchstaben anfertigen zu lassen, die von 4 Mädchen und 4 Knaben getragen wurden; nachdem die acht Kinder einen wohleinstndirtcn Tanz aufgeführt hatten, mußten sie eine malerische Gruppe um den würdigen Weinbcrgbcsitzcr bilden, während ihre acht Schilder mit den Buchstaben: „W, E, I, N" und: „L, E, S, E" versehen, das Wort: „Weinlese" zusammenstellten. Alles war sorgfältig geprobt worden, nnd der große Augenblick, wo das feierliche Tableau stattfinden sollte, nahte. Freudestrahlend steht der Festgeber da, während die jugendlichen Tänzer mit ihren großen Schildern sich um ihn schaaren. Aber — o weh — was erblickten die belustigten Gäste? — Statt: Wein-Lese — das Wort: „Wein-Esel!" — Einsetzt gewahrt er auch den Mittelpunkt der verunglückten Gruppe, nnd mit rascher Geistesgegenwart ertheilte er pianmLiino den Tänzern, welche nicht am rechten Platz gewesen waren, einen Rüffel; darauf erfolgt eine neue Gruppe, die kleinen Tänzer hielten ihre mit Wein gefüllten Becher hoch, und präseniirtcn abermals ihre Schilder dem nicht minder ergötzten Publikum, denn — v Unglück — was zeigen dieselben dies Mal? — „Esel-Wein!" — (Die Macht der Gewohnheit.) Die junge gnädige Fran hat in liebenswürdiger Laune ihrer Jungfer, der das Schreiben nicht gut von der Hand geht, einen Brief an ihren Kvnsin aufgesetzt und liest ihr denselben vor. Fehlt noch irgend etwas, Minna?" — „Nur die Entschuldigung wegen schlechten Schreibens nnd orthographischer Fehler." (Gastfreundlich.) Wirth (vor der Hausthür stehend, erblickt einen anfahrenden Wagen) : Wenn der nur nicht bei mir einkehrt — sonst b'stellt er mir am End' das Ganscl vor der Nasen weg, das ich mir gerade hab' braten lassen! Auslösung des Räthsels iu Nr. 97: „Walfisch, welsisch." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischeu Instituts von 4>r. Max Huttlcr.